
158 Followers
Ein Blick zurück aus der Zukunft.
Ian McEwans „Was wir wissen können“ ist ein irritierendes, stellenweise durchaus auch sperriges Buch, das weniger unterhält als beunruhigt. Ich habe locker 120-150 Seiten gebraucht, um „reinzukommen“. Die Geschichte wird zunächst aus der Perspektive des Literaturwissenschaftlers Tom Jahr 2120 erzählt: er ist spezialisiert auf die Literatur unserer heutigen Zeit und blickt auf unsere Gegenwart zurück, rekonstruiert das Leben der damals handelnden Literaten und Figuren aus Fragmenten und Quellen – und macht dabei deutlich, wie sehr Geschichte immer Konstruktion und manchmal auch Verklärung ist (Florian Illies macht übrigens genau dasselbe nur von uns aus gesehen zurückblickend…). In der zweiten Hälfte des Buches kommt „die Gegenwart“ (Vivian Blundy - die Frau eines Lyrikers und Toms fiktiver „Schwarm“) zu Wort und es wird noch deutlicher, was es bedeutet Geschichte zu erforschen, zu interpretieren und nachzuvollziehen. Die entworfene Zukunft wirkt dabei aber erschreckend „vertraut“, beziehungsweise deutlich zu antizipieren und realistisch. Politische Macht bleibt elitär und teils autokratisch, Krisen eskalier(t)en, doch echtes Handeln wurde immer wieder aufgeschoben. Die Alzheimer-Krankheit spielt in der Erzählung eine große Rolle und steht meines Erachtens als Metapher für unseren Umgang mit dem Klimawandel. Alzheimer und Vergessen stehen dabei für die menschliche Bequemlichkeit: wir wissen, was zu tun wäre, nehmen es uns vor – und vergessen es wieder, weil wir am Gewohnten und Bequemen hängen - und darin gefangen sind. Die Figuren spiegeln diese Spannung wieder. Vivian bleibt trotz Einsicht passiv und vermeintlich leicht lenkbar, bzw. gibt sich Ihren Leidenschaften hin, umsorgt aber ebenso liebevoll ihren Partner; Francis (Lyriker und Forschungsgebiet von Tom) handelt – radikal, aber vielleicht notwendig und zum richtigen Zeitpunkt? Ist er Sinnbild für Protest und (ein)-geforderte Konsequenz, etwas in Bezug auf den Klimawandel? Die Parallelen zwischen Tom und Rose sowie Francis und Vivian zeigen, wie Ideen gesät, Menschen benutzt und dadurch Geschichte geformt wird. Ein besonderes, kühles Buch, das nicht viel Identifikation mit den Protagonisten zulässt, dafür aber durchaus zum Nachdenken anregt - allein schon aufgrund der ungewöhnlich konstruierten Erzählungsweise mit Blick aus der Zukunft in unsere Gegenwart. Sicher aber keine Alltags-Lektüre.

Jan 6, 2026
Ein Blick zurück aus der Zukunft.
Ian McEwans „Was wir wissen können“ ist ein irritierendes, stellenweise durchaus auch sperriges Buch, das weniger unterhält als beunruhigt. Ich habe locker 120-150 Seiten gebraucht, um „reinzukommen“. Die Geschichte wird zunächst aus der Perspektive des Literaturwissenschaftlers Tom Jahr 2120 erzählt: er ist spezialisiert auf die Literatur unserer heutigen Zeit und blickt auf unsere Gegenwart zurück, rekonstruiert das Leben der damals handelnden Literaten und Figuren aus Fragmenten und Quellen – und macht dabei deutlich, wie sehr Geschichte immer Konstruktion und manchmal auch Verklärung ist (Florian Illies macht übrigens genau dasselbe nur von uns aus gesehen zurückblickend…). In der zweiten Hälfte des Buches kommt „die Gegenwart“ (Vivian Blundy - die Frau eines Lyrikers und Toms fiktiver „Schwarm“) zu Wort und es wird noch deutlicher, was es bedeutet Geschichte zu erforschen, zu interpretieren und nachzuvollziehen. Die entworfene Zukunft wirkt dabei aber erschreckend „vertraut“, beziehungsweise deutlich zu antizipieren und realistisch. Politische Macht bleibt elitär und teils autokratisch, Krisen eskalier(t)en, doch echtes Handeln wurde immer wieder aufgeschoben. Die Alzheimer-Krankheit spielt in der Erzählung eine große Rolle und steht meines Erachtens als Metapher für unseren Umgang mit dem Klimawandel. Alzheimer und Vergessen stehen dabei für die menschliche Bequemlichkeit: wir wissen, was zu tun wäre, nehmen es uns vor – und vergessen es wieder, weil wir am Gewohnten und Bequemen hängen - und darin gefangen sind. Die Figuren spiegeln diese Spannung wieder. Vivian bleibt trotz Einsicht passiv und vermeintlich leicht lenkbar, bzw. gibt sich Ihren Leidenschaften hin, umsorgt aber ebenso liebevoll ihren Partner; Francis (Lyriker und Forschungsgebiet von Tom) handelt – radikal, aber vielleicht notwendig und zum richtigen Zeitpunkt? Ist er Sinnbild für Protest und (ein)-geforderte Konsequenz, etwas in Bezug auf den Klimawandel? Die Parallelen zwischen Tom und Rose sowie Francis und Vivian zeigen, wie Ideen gesät, Menschen benutzt und dadurch Geschichte geformt wird. Ein besonderes, kühles Buch, das nicht viel Identifikation mit den Protagonisten zulässt, dafür aber durchaus zum Nachdenken anregt - allein schon aufgrund der ungewöhnlich konstruierten Erzählungsweise mit Blick aus der Zukunft in unsere Gegenwart. Sicher aber keine Alltags-Lektüre.
Jan 6, 2026









