Die Ausweichschule
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Description
Die Vermessung des Unsagbaren
Am letzten Tag der Abiturprüfungen im Jahr 2002 fallen Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Unser Erzähler erlebt diesen Tag als Elfjähriger, wird mit seinen Mitschülern evakuiert und registriert in den folgenden Wochen die Hilflosigkeit der Erwachsenen im Angesicht dieser Tat. Mehr als zwanzig Jahre später bricht das Ereignis völlig unerwartet erneut in sein Leben ein und löst eine obsessive Beschäftigung mit dem Sujet aus, die in ein Romanprojekt resultieren soll. Aber warum nach so vielen Jahren alte Wunden aufreißen? Hat er ein Recht dazu? Wie verhält es sich mit seinen Erinnerungen, welche Geschichten hat er so häufig erzählt, dass sie wahr wurden?
Kaleb Erdmanns Roman Die Ausweichschule ist ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, ein Stück Autofiktion, das gleichermaßen publikumskritisch (wie voyeuristisch ist unser Interesse an der Aufarbeitung von Gewalttaten?) wie autokritisch ist (was gibt mir das Recht, über diesen Tag zu schreiben?). Ein pointierter, persönlicher, erschütternder Text über ein Phänomen, das uns weltweit umtreibt.
»Wie sich Kaleb Erdmann dem Erfurter Amoklauf literarisch annähert ist ein Kunststück – er findet Worte für das Unsagbare und lässt einen wortlos zurück. Das Traurigste, Lustigste und Beste, was ich seit langem gelesen habe.« Caroline Wahl
Book Information
Author Description
Kaleb Erdmann, Jahrgang 1991, studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, sowie Soziologie und Politische Theorie in München und Frankfurt am Main. Er war Finalist des open mike, wurde für sein Theaterstück Unten für den Retzhofer Dramapreis nominiert und war als Autor und Redakteur Teil verschiedener Fernseh- und Unterhaltungsformate. Sein erster Roman wir sind pioniere wurde mit dem Debütpreis der LitCologne ausgezeichnet. Zuletzt schrieb er für das Berliner Ensemble das Stück Always Carrey On. Kaleb Erdmann lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Characteristics
3 reviews
Mood
Protagonist(s)
Pace
Writing Style
Posts
So stelle ich mir das vor. Ich bin mir nicht sicher, ob man unbedingt zwanzig Jahre später ein Buch über den Erfurter Amoklauf schreiben muss, Wunden aufreißen, einen Topf umrühren, den man vielleicht ganz in Ruhe lassen sollte. Welchen plausiblen Grund es dafür geben könnte. Was ich weiß, ist, dass meine Gliedmaßen heute, in den Zwanzigerjahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts, taub werden, wenn ich Erfurt zu nahe komme, und meine Luftröhre sich verschließt. Ich weiß, dass mir letztes Jahr in einer Frankfurter Apfelweinwirtschaft ein Thüringer Montagearbeiter die Nase gebrochen hat, um Robert Steinhäuser zu verteidigen, und wenn ich schon daran denke, wird mein Kopf schwer, mein Nacken steif, und natürlich schmerzt meine Nase. Nach einem halben Jahr des Schreibens weiß ich immer noch wenig über meine eigene Motivation, aber ich weiß, dass ich nichts aus dem Amoklauf "lernen" will, weil er kein Schulbuch, kein Schaubild, kein Merksatz ist, dass ich nichts aus ihm "schöpfen" will, denn er ist kein Waschbecken und kein Brunnen, sondern ein reales Ereignis, in dessen Folge heute siebzehn Menschen nicht mehr leben. - Zitat, Seite 120 "Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann, geboren 1991, wurde in diesem Jahr 2025 für den deutschen Buchpreis nominiert und stand auf der Shortlist. Der Autor erlebt diesen 26. April 2002 als Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Der Amoklauf ist in seine Biografie eingestanzt. Zwanzig Jahre später macht sich der junge Schriftsteller an ein Romanprojekt, welches sich um die Ereignisse und Erfahrungen nach dem Amoklauf von Erfurt drehen soll, als die traumatisierten Schülerinnen und Schüler in der sogenannten Ausweichschule betreut und unterrichtet wurden. Daher werden in dem vorliegenden Roman nicht die Erlebnisse nach dem Amoklauf ansich geschildert, vielmehr wird von dem Prozess berichtet, der in dem Autor selbst stattfindet; welchen Fragen er sich zu dem damaligen Ereignis stellen sollte: Warum ist das Thema gerade jetzt relevant? Inwieweit stimmen seine persönlichen Erinnerungen mit den Berichten von damals überein? Weshalb ist eine literarische Auseinandersetzung vielleicht unumgänglich (egal, ob diese nun auf persönliche oder öffentlicher Ebene stattfindet)? Wie sollte dieses literarische Werk gestaltet werden? Und zuletzt: ist der Autor überhaupt in der Lage, diesem Thema gerecht zu werden (was auch immer man darunter verstehen mag)? Kaleb Erdmann ist in seinem Schreiben sehr reflektiert und nach innen gewandt. Trotzdem ist sein Schreibstil keineswegs abgehoben oder realitätsfern. Ganz im Gegenteil: der Roman lebt von vielen kleinen Szenen mitten aus dem Leben. Gleich zu Beginn des Roman werden wir in eine Unterhaltung mit der Partnerin des Ich-Erzählers miteinbezogen. Es gibt Telefonate mit der Mutter, Reisen mit der Bahn und ein Treffen mit einem ehemaligen Mitschüler. Obwohl die Geschichte keinen chronologischen Regeln folgt, sondern wir in der Zeit vor und zurück hüpfen, gibt es Ereignisse, die als feste Elemente die Eckpfeiler der Erzählung bilden. Insbesondere zählt dazu der Handlungsstrang um die Entwicklung und Aufführung eines Theaterstücks, welches sich mit dem Amoklauf auseinandersetzt. Hier setzt sich der Autor des Stücks, als "Dramatiker" bezeichnet, mit dem Ich-Erzähler in Verbindung, um ihn zu befragen und später auch zu einer Aufführung einzuladen. Insgesamt enthält dieser Roman, abgesehen von der interessanten Thematik, eine lebensechte und teilweise sehr tiefsinnige Geschichte mit einem unglaublich verbindlichen Ich-Erzähler, dem man ohne zu zögern folgt. Der Roman zeigt außerdem, dass bestimmte Phänomene nicht allein deshalb verschwinden, weil man gewichtige Faktenberichte schreibt, die dann als Aktenleiche in den Archiven verstaubt verborgen wird. Daher ist die hier erzählte Geschichte nicht nur individuell und berührend, sondern aktuell und sollte auch erschüttern. FAZIT Ein wenig hat mich die Lektüre an "Atemschaukel" von Herta Müller erinnert, weil auch diese Geschichte mir das Gefühl gegeben hat, dass etwas nicht vorbei ist, es vielmehr andauert, auch wenn das auslösende Ereignis formal in der Vergangenheit liegt. Der Stil von Kaleb Erdmann hat mich von Anfang an abgeholt. Ich mochte die Szenen mit Hatice, ich mochte die Telefonate mit der Mutter und die Auseinandersetzung mit literarischen Texten (vor allem mit Emmanuel Carrère). Ich mochte es, den traurigen, den witzigen, den absurden und verständlichen Gedanken des Ich-Erzählers zu folgen. Und ich mochte diesen autofiktional geprägten Protagonisten dieses Romans so so sehr! Unbedingt lesenswert.
Wirklich lesenswert. Der Autor arbeitet seine Erinnerungen an den Amoklauf in Erfurt auf. Er selbst war 11 Jahre alt als er sich dem Unfassbaren gegenüber sah. Er versucht wahre Erinnerungen von Falschen zu trennen und seinen Gefühlen nachzugehen. Ein schwieriges Thema welches bis heute seinen Schrecken nicht verloren hat.
Schulamoklauf von Erfurt, 2002 💔
Ich hatte sagen wir mal Sorge und Respekt davor, dieses Buch zu lesen. Zum Einen weil das Thema sehr belastend ist und zum Anderen weil ich Angst vor einem „How can I make this about me“ Leseerlebnis hatte. Weiter unten versuche ich in Worte zu fassen, wie es schlussendlich gelaufen ist. Kurz zum Inhalt: Kaleb Erdmann erlebt als Elfjähriger den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt im Jahr 2002 und er nimmt uns mit auf eine autofiktionale Reise in die Vergangenheit. Das Buch hat mich schwer bewegt und begeistert. Der Schreibstil des Autors ist unmöglich zu beschreiben, aber ich hatte beim Lesen den Gedanken, dass hey, ja, das ist der Grund, warum ich gern lese. Ich habe schon mehrere Jahre nicht mehr an diesen spezifischen Amoklauf gedacht und die Lektüre hat alles zurückgebracht. Der Autor hat die Geschichte gar nicht um sich selbst kreisen lassen, obwohl es sich mehr als angeboten hätte. Ganz im Gegenteil, er hinterfragt seine Erinnerungen, er hinterfragt seine Rolle und sogar, ob er überhaupt über Erfurt schreiben darf. Aber ja, das darf er nicht nur, ich denke das Buch war mehr als notwendig. Viel Zeit ist vergangen, das Thema ist leider aktueller denn je. Macht Euch gern ein eigenes Bild! 5/5⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ein Buch darüber, wie man ein Buch schreibt
Der Autor hat als Elfjähriger den Amoklauf von Erfurt unmittelbar erlebt und beschreibt in dem Buch den Schreibprozess über die Verarbeitung eines solchen Ereignisses. Es fiel mir oft schwer den Autoren vom Ich-Erzähler zu trennen. Auch die verschiedenen Zeitsprünge und Ortswechsel haben meinen Lesefluss gestört. Das Buch stand ja auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025, sicherlich wegen der Thematik. Literarisch fand ich es okay, aber nicht so herausragend wie überall beschrieben. Ich bin an den Erzähler überhaupt nicht heran gekommen. Ich habe zwar zügig durch das Buch gelesen, aber ich befürchte es bleibt nicht viel hängen.
Leider nicht mein Buch. Der Autor weiss mit Sprache umzugehen und kann schreiben, aber mit seinem weinerlichen Grundton erreicht er mich leider nicht. Wahrscheinlich hatte ich falsche Erwartungen an den Roman. Ich bin mir nicht sicher ob es sich um einen Roman handelt, oder ein höherer literarischer Anspruch besteht. Die Struktur und springende Handlung gefällt mir nicht. Im Buch geht es nicht direkt um den Anschlag in Erfurt, sondern um die Auseinandersetzung nach 20 Jahren und der Frage ob der Protagonist dies literarisch Bearbeiten kann /darf da er als 5 jähriger in der Guttenbergschule als Schüler war aber nicht direkt Betroffener. Es wird ziellos erzählt und sich in Details verloren.
Starker Aufbau, toll geschrieben! Hat mich aus vielerlei Gründen sehr berührt, da ich betroffene Personen persönlich kenne.
„wir waren zu jung, um ein sinnvolles Gespräch über ein so ernstes Thema zu führen“ (S. 128)
Manchmal denke ich, diese App ist Fluch und Segen zugleich. Den Segen muss ich wohl nicht ausführen, den Fluch vielleicht schon. Es ist natürlich kein richtiger Fluch, wobei mein Portemonnaie das anders beurteilen könnte und mein SuB (inklusive Wunschliste) in einer Geschwindigkeit wächst, mit der ich nicht annähernd mithalten kann. Über diesen Weg jedenfalls kam „Die Ausweichschule“ zu mir. Bis ich diese Rezension tatsächlich veröffentliche, ist einige Zeit vergangen. Weil auch ich verarbeiten, nachdenken, schreiben, überarbeiten, ergänzen, löschen und fühlen musste. So lange bis ich für mich einen ersten Abschluss mit diesem Buch finden konnte. Während meines Leseprozesses war ich nicht sicher, ob ich das Buch überhaupt mit einer Anzahl von Sternen würde bewerten können. Es fühlte sich falsch an, unpassend, nicht mit meinen sonstigen Bewertungskriterien in Einklang zu bringen. Wie sollte ich einen persönlichen Prozess, wie Kaleb Erdmann ihn in der Ausweichschule beschreibt, bewerten? Wie sollten echte Erfahrungen und Emotionen, Erlebnisse und Reflexionen gemessen werden können? Ist das viel mehr individuell wertvoll denn bewertbar? Doch gegen Ende überkam mich die Gewissheit, dass es eben beides zugleich ist: bewertbar, weil so wertvoll. Für mich ist „Die Ausweichschule“ ein außergewöhnliches Werk, dass in seiner Individualität besonders herausragt und damit jeden möglichen Stern mehr als verdient. Von Beginn an fühlte ich einen Sog, der mich in die Welt von Erdmann zog. Der mich wissen lassen wollte, was als nächstes passiert und mich immer wieder zu eigenen Reflexionsprozessen und Auseinandersetzungen anregte. Dabei brauchte es manche Pausen, die jedoch nie lange anhielt, weil Erdmann mit seiner Alltäglichkeit und Ehrlichkeit immer wieder ins Schwarze trifft, im Kleinen und im Großen. Ich hatte zunächst etwas anderes erwartet. Wohl das, was auch Erdmanns ursprünglicher Plan für dieses Werk war. Am Ende bin ich sehr dankbar, dass es genau das nicht geworden ist. Denn das, was Kaleb Erdmann hier geschrieben hat, ist aus meiner Sicht so viel mehr. Einige Passagen ließen mich mit einer Schwere zurück, andere aber auch wieder mit einem Lächeln. Besonders im Gedächtnis blieb mit der Gedanke, wer denn nun die Pinguinarbeit kontrollieren würde (S. 131), der für mich so sinnbildliche die Unfassbarkeit der Situation für eine ganze Schulgemeinde und noch so viel mehr Menschen darstellt. Ebenso verankert haben sich die Gesprächsausschnitte zwischen Erdmann und seiner Mutter, denn mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit werde ich ab jetzt häufiger über die Formulierung „Ich glaube …“ stolpern (S. 165). Bis zuletzt hinterließen die Zeitsprünge in der Erzählung bei mir ein Gefühl der Verwirrung, was für mich als Stilmittel so passend für die Inhalte ist. Erdmann gelingt es durch seinen präzisen und detaillierten Schreibstil seine Emotionen und Erfahrungen fühlbar zu transportieren und ermöglicht es, seinen Gedankengängen und seiner Auseinandersetzung zu folgen. Mit einer besonderen Stärke reflektiert der Autor seine Erlebnisse und lässt uns damit an seinem Inneren teilhaben. Das Ende berührte mich nochmal auf einer anderen Ebene und ließ mich mit einem dicken Kloß im Hals und Unbehagen auf der Seele zurück. Diese Buch ist mehr als lesenswert. Es ist ein dargestelltes Innenleben, das berührt und bewegt, versucht zu verstehen und ein Stück weit zeigt, zu akzeptieren. Ich verbleibe in Dankbarkeit und in Gedanken bei all denjenigen, die von jenem 26. April 2012 betroffen waren und bis heute sind.

Großartiger Meta-Roman über einen Autor, der versucht ein Buch über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium 2002 zu schreiben, den er damals als 5. Klässler miterlebt hat.
Sehr gelungene Auseinandersetzung mit einem Thema, dem sich so schwer zu nähern ist. Und ich hätte nie erwartet, dass man in Teilen amüsant über ein schweres Thema schreiben kann. Klare Leseempfehlung.
Wenn aus Katastrophe Kunst wird
Die Ausweichschule, ein Buch über den Erfurter Amoklauf 2002, wählt einen ungewöhnlichen Zugang zu einem Thema, das in den Medien sonst meist sehr sensationsgeladen erzählt wird. Statt das Privatleben des Täters auszuschlachten, wie es die öffentliche Berichterstattung oft tut, setzt der Text auf eine stille, fast essayistische Form. Er versucht nicht, Antworten zu erzwingen, sondern entfaltet eine beklemmende Tiefe, die sich aus der Tat ergibt. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, welche persönlichen Ereignisse tatsächlich etwas mit der Tat zu tun haben und welche nicht. Die Suche nach eindeutigen Ursachen bleibt bewusst offen. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Es verweigert einfache Erklärungen und macht spürbar, wie groß die Lücken im Verstehen bleiben. Gleichzeitig rückt eine grundsätzliche Frage in den Vordergrund: Darf man aus einem solchen Trauma überhaupt Literatur machen? Hat man das Recht, künstlerisch mit einem Ereignis umzugehen, das so viele Menschen betrifft und verletzt? Und was bedeutet es für Künstler und Betroffene? Das Buch weicht diesen Fragen nicht aus. Es ist sich seiner eigenen Problematik bewusst: Aus einer Katastrophe Kunst zu machen, ohne die Opfer zu vergessen, ohne in Effekthascherei zu verfallen. Wie darf eine solche Kunst aussehen? Zurückgenommen, ernst, ohne den Anspruch, endgültige Deutungen zu liefern – genau so, wie dieses Buch es versucht.
Beklemmung meets Leichtigkeit
An dieses Buch musste ich mich ganz langsam herantasten. Ich war sehr unsicher, ob ich das lesen möchte. Nach mehreren Gesprächen mit anderen Büchermenschen chen hat man mich aber doch davon überzeugt, dass dieses eine ganz besondere Art hat, sich an ein schreckliches Ereignis anzunähern, welches mir noch gut in Erinnerung ist: den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als der Täter die Türe zu seiner Klasse öffnet, sich kurz umschaut rausgeht und dann 16 Menschen und sich selbst erschießt. Das Kind, das er war, hat nach vielen Therapien, einer Zeit in einer Ausweichschule (das Gutenberg Gymnasium wurde fast kernsaniert) und einem Umzug manche Erinnerungen falsch abgespeichert, und als der erwachsene Schriftsteller nun ein Buch über die Ereignisse schreiben will, nähert er sich auch den Konfabulationen an. Doch nicht nur diese dienen dazu dem Plot Substanz zu geben. Er legt Interviews und Zeitungsberichte, Erinnerungskultur, Recherchearbeit über den Täter, seine Eltern, sein Umfeld, die Lehrer*innen die Psychologin, die politische, soziale und kulturelle Verarbeitung dieses Ereignisses, aber auch den Tathergang auf Objektträger und beobachtet sie intensiv und stark vergrößert. Dabei reflektiert er sein Verhalten, setzt sich mit dem Problem auseinander wie etwas, dass seine eigene Erinnerung abstrahiert aufgeschrieben werden kann. Es ist also auch ein Buch über das Schreiben. Den Prozess, den er dabei durchläuft, nehmen auch die Menschen in seinem Umfeld war. Seine Mutter ist dabei klar und deutlich, seine Freundin reagiert oft ungehalten und ein Klassenkamerad, von dem Erdmann sich Input erhofft, möchte die Büchse der Pandora nicht mehr öffnen. Es ist eine interessante Herangehensweise die Erdmann für diesen… – ja, was ist es? Ein Roman? Ein Memoir? Ein Sachbuch?- …wählt. Auf jeden Fall ist es autofiktional und genau darin liegt für ihn immer wieder das Problem. Wie weit kann er sich selbst trauen? Ich mag eigentlich keine Bücher über das Schreiben, doch hier hat der Autor so geschickt seine posttraumatischen Probleme eingearbeitet, von denen er in weiten Teilen der Meinung ist, dass er sie gar nicht mehr hat, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte. Die Frage ob ein Kind, das so ein schlimmes Ereignis erlebt hat, jemals davon befreit werden kann, habe ich mir oft gestellt. Ich denke, dass das nicht möglich ist Erdmanns Erinnerungsarbeit hat uns einen Text beschert, der mich sowohl inhaltlich wie auch stilistisch mitnimmt, und mit dem ich selber in die Auseinandersetzung gehen kann. Als Mutter zweier Kinder, die im Alter von Erdmann sind könnt ihr euch vorstellen, dass ich damals mit großer Sorge, die zwar völlig unbegründet, aber irgendwie auf einmal real war, meine Kinder in die Schule gebracht habe. Die Beklommenheit war auf einmal wieder sehr präsent. Vielleicht wollte Erdmann dieses Gefühl gar nicht transportieren, mich hat’s auf jeden Fall erwischt. Dass ich trotzdem Leichtigkeit in der Art seiner Schreibweise erkenne, ist für mich kein Widerspruch. Ich sehe hier auf jeden Fall einen würdigen Kandidaten für die Longlist und empfehle das Buch allen, die die Schwere der Thematik ertragen können und auf der Suche nach dem Besonderen sind.
Der Ich-Erzähler erlebte 2002 den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit. Damals war er 11 Jahre alt und wusste in dem Moment gar nicht was gerade passiert. Unter Freunden wurde das Thema ausgeschwiegen, keiner wusste damit umzugehen. Nicht lange danach zog er mit seiner Familie weg. Erfurt war zwar aus der Sicht aber nicht aus dem Kopf. Zwanzig Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein und er beginnt nach Antworten zu suchen. Dieses Buch ist kein typischer Roman, es ist kein Tatsachenbericht, kein Schrei nach Aufmerksamkeit. Erdmann will mit dem Buch seine Erinnerungen zurückholen, sucht nach Vergessenem, nach Heilung. Aktuelles Geschehen verschwimmt mit Erinnerungen. Er hadert mit der Frage ob er überhaupt das Buch schreiben darf und in welcher Form. Zu viele Opfer, zu viel Leid und zu viele Fragen sind geblieben von diesem Tag. Doch wie aufarbeiten? Er findet Worte für unausgesprochenes und unsagbares. Das gelingt ihm auf eine wunderbar sensible Art und Weise ohne anklagend zu sein. Ein intensives Buch, tiefgründig und reflektierend über eine unvorstellbare Tat, literarisch anspruchsvoll. Ein Buch, dass im Kopf bleibt und aufwühlt. Empfehle ich euch sehr gern weiter.
Ein Buch in der Form habe ich noch nicht gelesen. Es ist eine Art fragmentarischer Essay, in dem der Autor damit ringt, in welcher Form er über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium schreibt, den er selbst miterlebt hat. Er hat zunächst versucht einen Roman darüber zu schreiben. Schließlich ist so etwas wie eine Gedankensammlung über die Entstehung des am Ende doch nicht fertig gestellten Romans herausgekommen. Sehr feinfühlig überlegt er, in welcher Form er über das Erlebnis schreiben kann oder möchte, er beschreibt Gespräche, einen Besuch in Erfurt oder das Entstehen eines Theaterstücks zum Thema, an dem er wiederum durch Gespräche mit dem "Dramatiker" beteiligt war. Ich fand es reflektiert, interessant und spannend.
Spannend geschrieben zu einem eigentlich sehr heiklen Thema. Amokläufe. Ich habe zuerst gedacht es wird dramatisch weil man den Amoklauf als Leser miterlebt. Dennoch war das gar nicht so. Der Protagonist erzählt von seiner Erfahrung als er den Amoklauf an seiner Schule miterlebt. Und wie er das Thema aufgreift. Erdmann schreibt hier sehr genau und flüssig ich fand es einfach geschrieben und gar nicht irgendwie kompliziert. Es ist zurecht für den deutschen Buchpreis nominiert.
Reflektiert und beeindruckend
"Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln?" Das fragt der Autor mitten im Text. Und für mich kann ich diese Frage mit einem klaren "ja" beantworten. Denn ihm gelingt es hier, den Amoklauf von Erfurt am 26.04.2002 und den Umgang damit so zu reflektieren, dass es weder anklagend noch reißerisch oder voyeuristisch wirkt. Erdmann ist damals 11 Jahre alt und besucht die 5. Klasse des Gutenberg-Gymnasiums, ist also selbst unmittelbar betroffen und traumatisiert von den Geschehnissen dieses Tages. Mehr als 20 Jahre später, ausgelöst durch einen Konflikt in einer Kneipe, holen ihn die Erinnnerungen wieder ein. Alte und neue Fragen werden an die Oberfläche geschwenmt, die er schreibend verarbeiten will. Und wir dürfen ihn dabei begleiten. Geschickt nutzt er dafür eine Metaebene, denn er schreibt über sich, wie er ein Buch schreiben möchte. Wir werden Zeugen seiner Erinnerungen und selbstreflektierten Gedanken und Gesprächen mit einem Dramatiker, der ein Theaterstück zum gleichen Thema geschrieben hat. Wir bekommen Einblick in die Tat selbst, in den offiziellen Kommissionsbericht, in die Hilflosigkeit der Politik, in den Umgang der Medien mit dem Geschehenen und den Versuch, hochtraumatisierte Kinder und Lehrer in einer Ausweichschule wieder in etwas wie Normalität zu bringen. "Wie umgehen mit einer ganzen Schule mit über 700 schwer traumatisierten Schülern und Lehrern?" Wir springen lesend ins Damals und wieder zurück ins Heute. Ein Heute, in dem sich der Autor immer wieder fragt, ob er das Recht hat, darüber zu schreiben. Er will kein "Wundenaufreißer" sein. Wie soll er Fakten aus "kalten, harten Texten" mit den Erinnerungen des Fünftklässlers, der er war, zusammenbringen? Wie das eigene Trauma zu fassen kriegen? "Traumatherapie, das bedeutet nicht zu trauern. Nichtmal, mit Trauer umzugehen. Es bedeutet, sich etwas grundlegendes zurückzuholen. Einen Boden unter den Füßen, auf dem man dem traumatisierenden Ereignis entgegegentreten kann." Dieser Roman (wenn es denn einer ist) ist so klug, stark und ehrlich. Zeigt, wie wichtig Aufarbeitung und kompetente Therapeuten nach einem solchen Ereignis sind. Auch sprachlich ist hier so viel drin - von beschreibend zu philosophisch, von metaphorisch zu manchmal sogar unterhaltsam. Kaleb Erdmann hat mich stark beendruckt. Außergewöhnlich und empfehlenswert! Auch das Hörbuch ist sehr zu empfehlen. Pascal Houdus trifft genau den richtigen Ton.
Kaleb Erdmann versteht es, feinfühlig und bedacht die Frage nach einem Erinnern und Gedenken an ein Ereignis mit Zäsurcharakter mehrschichtig in ein Romankonstrukt einzubetten. Richtig toll!
„Wie mir am Abend nach der Fleischperformance klar geworden ist, will ich Erfurt loswerden, und zwar indem ich herausfinde, warum es mehr als zwanzig Jahre nach dem Amoklauf noch mal mit solcher Kraft und Gewalt in mein Leben getreten ist, warum mein Höllenfenster plötzlich wieder offen steht.“ aus „Die Ausweichschule“ (2025) von Kaleb Erdmann, S. 219, park x ullstein „Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln?“ aus „Die Ausweichschule“ (2025) von Kaleb Erdmann, S. 116, park x ullstein Zentral in Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ ist sowohl die Verhandlung eines traumatischen Ereignisses als auch die individuelle Behandlung dessen. Konkret geht es hier um den Amoklauf am 26. April 2002 am Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Der Protagonist des Romans findet sich nach über 20 Jahren wieder in der Position, mit der schmerzlichen Erinnerung an diesen Tag konfrontiert zu sein und beschließt, einen Roman darüber zu verfassen. Unter anderem steht er dafür in einem Austausch mit einem Dramatiker, der ihn kontaktierte, weil er ein Theaterstück darüber schrieb. Er kehrt zurück nach Erfurt, um mit einem ehemaligen Schulfreund in Kontakt zu treten und geht auch zurück an den Ort des Geschehens sowie zum Herrenberg Gymnasium, das die „Ausweichschule“ damals darstellte. Wie man fälschlicherweise annehmen könnte, geht es in der Geschichte mitnichten um eine individuelle, therapeutische (Wieder)Aufarbeitung des eigen Erlebten, sondern um einen Blumenstrauß an Themen. Kaleb Erdmann versteht es, feinfühlig und bedacht die Frage nach einem Erinnern und Gedenken an ein Ereignis mit Zäsurcharakter mehrschichtig in ein Romankonstrukt einzubetten. Dabei vollzieht sich ein steter Wechsel zwischen individuellem Behandeln und kollektivem Verhandeln. Auf der einen Seite steht ein: Warum und wie möchte ich mich einem Ereignis, das in seiner rationalen, chronologischen Abfolge abgeschlossen niedergeschrieben steht, nähern? Kann ich, muss ich, will ich überhaupt? Während auf der anderen Seite steht: Wie wirkt ein solches Ereignis 20 Jahre nach? Tut es das überhaupt noch, muss es das noch? Was konnte sich, was wollte sich und was musste sich verändern - in Menschen, in Kommunikation, in Orten, Politiken und Kunst? Was ist geblieben? In den Verstrickungen beider Punkte ergibt sich eine Odyssee in die Weiten der Erinnerung, nicht unbedingt zielgerichtet. Aber sie verliert sich auch nicht in einer Beliebigkeit, sondern entwickelt stellenweise eine soghafte Tiefgründigkeit - wie in der akribischen Auseinandersetzung mit dem Gasser-Bericht, in dem sich Herantasten an die Person und Position des Täters, die an Levés „Selbstmord“ erinnert, oder der sich konstant stellenden Frage, warum man eine Katastrophe in Kunst verwandeln sollte. Die Ausweichschule wird zur Kontextualisierung und gibt dem Roman so die inhaltliche Klammer: „Wenn man sich aber fragt, wem oder was da eigentlich ausgewichen werden sollte, dann macht sich ein merkwürdiger Assoziationsraum auf.“ (S. 148) Die große Stärke in Erdmanns Ausführungen zeigt sich in der Nahbarkeit, die dem Protagonisten beiwohnt. Er bietet einen menschlichen Charakter auf, der in seiner Verletzlichkeit, in seiner Angst und in seinem manchmal Abstand nehmen müssen persönlich zugänglich wird. Ich war in der 4. Klasse, als der Amoklauf passierte und kann mich noch sehr gut daran erinnern, was die Tage danach in mir vorging, auch wenn ich in Sachsen „weit entfernt“ von Erfurt war. Ich entwickelte eine diffuse Angst, nach dem Sommer auf das Gymnasium zu wechseln und konnte es nicht artikulieren; für mich unvorstellbar, wie es als Schüler des Gutenberg Gymnasiums gewesen sein muss. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit in einem Leben, aber manchmal auch nicht Abstand genug. Eine große Leseempfehlung meinerseits.

Kaleb Erdmann war am 26. April 2002 in seinem Schulgebäude anwesend als ein Amoklauf stattfand. Er berichtet über Traumafolgen und versucht diese mit Schreiben eines Buches aufzuarbeiten und zu verarbeiten. Dafür begibt er sich auf eine Recherche-Reise, die ihm mental einiges abverlangt. Es wurde deutlich, wie sehr der Autor unter den Folgen des Erlebten leidet. Diese Darstellung ist berührend und lässt mitfühlen. Auch seine Erkenntnis, dass jeder Mensch Trauma anders erlebt und unterschiedliche Auslöser für ein Trauma hat sowie die gesellschaftlichen Erwartungen regen zum Nachdenken an. Obwohl es ein wichtiges Thema ist, hat mir das Buch nur mittelmäßig gefallen. Sein Erzählstil hat mir irgendwie nicht zugesagt, die Zeitsprünge ohne Zeitangaben waren für mich manchmal verwirrend sowie die Vergleiche mit der Kunstwelt etwas womit ich nicht wirklich was anfangen kann.
Ich wollte so sehr, dass es mir gefällt. Es gab soviele begeisterte Stimmen. Aber es ging überhaupt nicht an mich. Über 6 Stunden Gedanken. Mehr oder weniger unsortiert. Nein leider war das nix.
Ein weiterer persönlicher Favorit für den Deutschen Buchpreis! April 2002: Kaleb Erdmann ist Fünftklässler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium als Robert Steinhäuser bewaffnet das Schulgeböude betritt und 16 Menschen und anschließend sich selbst erschießt. 20 Jahre später bringt ein Vorfall in einer Kneipe das damals Erlebte und teilweise Verdrängte mit Wucht zurück. Was nun folgt, ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung (und immer wieder der Frage, inwieweit man der eigenen Erinnerung trauen kann) und der eigenen Psyche. Erdmann beschließt ein Buch über seine Zeit als 11 jähriger Schüler während und nach dem Amoklauf zu schreiben. Aber wie geht man so ein schwieriges Thema an, zumal, wenn man der eigenen Kindheitserinnerung nicht mehr traut. Der Roman bewegt sich dabei nahezu die ganze Zeit auf der Metaebene- und trotzdem schafft er es auf diesem Weg, die damaligen Ereignisse für uns aufzuarbeiten und zu berichten. Literarisch finde ich das sehr gelungen. Außerdem mag ich die sympathische Ehrlichkeit und Selbstironie des Autors. Ein absolut lesenswertes Buch 👍
Wirklich gelungene literarische Aufarbeitung des Erfurter Amoklaufs, die trotz der Schwere des Inhalts eine gewisse Leichtigkeit behält und vielen Themen (kollektives Trauma, Erinnerung, Opferrolle) den nötigen Raum gibt 🙌🏻
Großartig. Und das gleich auf mehreren Ebenen. Jeder Satz sitzt in desem Buch, wo er hingehört. Wie auf einem Fächer klappt sich die Geschichte auf, durchzogen von Erinnerungen. Erinnerungen, die verzerrt sind und hinterfragt werden. Kaleb Erdmann tastet sich suchend vor, nimmt sich Zeit ohne dabei jemals zu trödeln oder in Belanglosigkeiten abzudriften. Wie gehen Menschen mit Geschehnissen um, die unbegreiflich sind und die sich scheinbar nicht in Worte fassen lassen? Es ist ein Buch über die Verarbeitung von einem Trauma, aber auch ein Buch übers Schreiben. Ungekünstelt und authentisch, absolut empfehlenswert!
Eine vielschichte Auseinandersetzung mit den Ursachen, der medialen Darstellung und der gesellschaftlichen Wahrnehmung vom Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2002.
Kaleb Erdmanns innovative Herangehensweise gefiel mir nach anfänglichen Startschwierigkeiten (die vielen Ebenen und Gedankensprünge machten das Hörbuchformat zu einer Herausforderung) sehr gut. Meine Sorge, durch eigene Erfahrungen emotional aufgewühlt zu werden, waren unbegründet, denn der Ton des Romans ist ernst, und reflektiert, zugleich aber analytisch genug um Distanz zu wahren. Insgesamt ein intelligentes, forderndes und respektvolles Buch.
Bewegend…🥺 Es gibt hier bereits einige Rezensionen, die Aufschluss über Inhalt und Aufbau des Romans geben. Mir liegt eher daran, einige meiner Gedanken zum Autor zu teilen. Ich kannte Erdmann bisher noch nicht. Ich bin froh, dass dem nicht mehr so ist. Durch Caroline Wahl auf diesen aufmerksam geworden. Seine Art zu schreiben, hat mich sehr angefasst. Die Annäherung an den erschütternden Vorfall - ja diese schwer zu überblickende und zu verstehende Katastrophe - habe ich als außergewöhnlich empfunden und erlebt. Bemerkenswert finde ich, wie viel er dabei auch über sich selbst Preis gibt. Seine eigene Aufarbeitung, die sehr wellenförmig verläuft und vielleicht noch immer anhält. So kann man dem Autor, seinen Gedanken und Gefühlen ganz nah sein, was ich ziemlich stark finde. Kaleb ergründet Perspektiven und schreibt literarisch anspruchsvoll. Für mich eine besondere Leseerfahrung. Ausdrücke, die mir im Gedächtnis bleiben werden: Gurkenflasche - Pendolino - Schwemme - Gagaring - Ritter-Sport-Wochenende - Mannheim-Essenz und das Höllenfenster Und viele weitere…
Literarischer Umgang mit Trauma und gesellschaftlichen Wunden
»Nach einem halben Jahr des Schreibens weiß ich immer noch wenig über meine eigene Motivation, aber ich weiß, dass ich nichts aus dem Amoklauf lernen will, weil er kein Schulbuch, kein Schaubild, kein Merksatz ist, dass ich nichts aus ihm schöpfen will, denn er ist kein Waschbecken und kein Brunnen, sondern ein reales Ereignis, in dessen Folge heute siebzehn Menschen nicht mehr leben.« (120) Kaleb Erdmann setzt sich in seinem neuen Roman »DIE AUSWEICHSCHULE« intensiv mit dem 2002 passiertem Amoklauf in Erfurt auseinander. Er selbst war damals Schüler des Gutenberg-Gymnasium und hat eigene Erinnerungen an diesen schrecklichen Tag. Doch wie valide sind seine eigenen Erinnerungen? Und wie kann mensch einen Roman über dieses Ereignis schreiben, das diesem gerecht wird? Warum all das aufschreiben und zu einem Roman verdichten? Als Lesende begleiten wir den Autor dabei, wie er genau bei diesen Fragen struggelt, wie er zwischen Nachforschung, Therapie, Schreiben und Leben diesen Roman verfasst. Ein auf vielen Ebenen anspruchsvolles Unternehmen, das er auf sehr reflektierte, emphatische, bewegende Weise. Sein Debüt »wir sind pioniere« war nicht nur vom Inhalt und Stil so ganz anders als dieser zweite Roman, der BTW für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert ist (Herzlichen Glückwunsch !). Umso beeindruckender ist das Schreiben und Können dieses Autors. Grosse Empfehlung für diesen starken Roman, der kein easy peasy read ist, aber dafür umso aktueller und wichtiger ist!

Ein berechtigter Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises, weil hier sprachliche Kunst und gesellschaftliche Relevanz überzeugend zusammenfinden.
Der Roman verarbeitet den Amoklauf von Erfurt nicht linear, sondern über Erinnerungen, Metaebenen und das Nachdenken über das eigene Schreiben. So entsteht ein Text, der literarisches Experiment und historische Auseinandersetzung miteinander verbindet. Immer wieder wird mit der sprachlichen Präzision des Erwachsenen die kindliche Perspektive aufgearbeitet, etwa wenn es heißt: „[…] dass eine Ausweichschule eine Schule ist, in der man das Ausweichen lernt: einer Gefahr, einem Gefühl oder einer Patrone.“ Solche Passagen eröffnen einen Zugang zum Unsagbaren. Die Sprache ist anspruchsvoll und sensationslos. Die sachliche Distanz verleiht dem Text seine Stärke, mindert jedoch an einigen Stellen die vermittelten Emotionen. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die anspruchsvolle literarische Texte schätzen und sich intensiv mit dem Thema und dessen Aufarbeitung auseinandersetzen möchten.

Ein im besten Sinne an Emmanuel Carrère geschulter Roman. Immer die Möglichkeiten des Schreibens und Erinnerns am ausloten. Das Buch ist eben nicht voyeuristisch und doch aufrichtig im erzählen von dem was passiert ist. Hervorragend geschrieben, nie abschließend in seinen Erkenntnissen und implizit sogar eine Abrechnung mit jedem True Crime Schrott.
Abgebrochen auf Seite 240
Die Auswahlschule ist kein klassischer Roman, sondern eher ein Meta-Projekt: Man begleitet den Autor dabei, wie er selbst an dem Buch arbeitet, recherchiert und schreibt und genau das ist dann wiederum das Buch. Ein interessanter, ungewöhnlicher Ansatz, der sicher nicht jedem gefallen muss, mir aber anfangs durchaus spannend vorkam. Ich habe es als Hörbuch gehört und muss ehrlich sagen: Ich kam einfach nicht voran. Ich höre wirklich viele Hörbücher, aber hier habe ich mich über Wochen durchgequält. Immer wieder kleine Stücke, nie wirklich mitreißend. Inhaltlich ist das Thema wichtig, keine Frage, aber die Erzählweise war mir zu zäh, zu beobachtend, zu wenig fesselnd. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich einfach kein echtes Interesse mehr hatte, weiterzuhören, obwohl ich schon fast durch war. Spannende Idee und ambitioniertes Konzept, aber für mich zu langatmig erzählt.
Ein super Buch,über ein reales Geschehnis
Ich finde das Buch super.Es beschreibt das dramatische und traurige Geschehen am 26.04.2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium.Mit etwas Humor vermischt und wie der Ich-Erzähler ein Buch schreiben tut wird erzählt.Der Epilog ist dann wieder ein trauriges Geschehen.Erst Menschen erschießen und dann Suizid.
Rezensionsexemplar Das Buch behandelt ein unglaublich schweres Thema: Der Autor erzählt vom Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, (26. April 2002) den er als Fünftklässler miterlebt hat, und davon, wie diese Erinnerungen bis heute in seinem Leben nachwirken. Das ist eindringlich, persönlich und stellenweise sehr bewegend – und meine Bewertung richtet sich ausdrücklich nur auf den Schreibstil, nicht auf sein Erlebtes.
Ich gebe dem Buch 3,5 von 5 Sternen, möchte aber ausdrücklich betonen, dass sich meine Bewertung ausschließlich auf die Art der Erzählung und den Schreibstil bezieht – nicht auf die Erlebnisse des Autors oder den Amoklauf selbst. Das, was er erlebt hat und wie er es empfunden hat, steht für mich außer Frage und wird von mir nicht bewertet. Mein Eindruck richtet sich nur darauf, wie diese Geschichte literarisch umgesetzt wurde. Im Buch erzählt der Autor davon, wie er als Fünftklässler den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erlebt hat, wie sich dieser Tag in seine Erinnerung eingebrannt hat und wie die Auswirkungen bis heute in seinem Leben nachhallen. Er versucht zu beschreiben, was dieses Ereignis mit ihm gemacht hat, wie es ihn geprägt hat und wie er viele Jahre später versucht, sich den Erinnerungen erneut zu nähern – teils durch Recherchen, teils durch persönliche Gespräche, teils durch das Schreiben selbst. Das Thema ist zweifellos wichtig und stellenweise gelingt es dem Autor sehr gut, einen mitzunehmen und in seine Gedankenwelt hineinzuziehen. Manche Passagen haben mich wirklich berührt, weil sie klar, eindringlich und nachvollziehbar geschrieben sind. Doch gleichzeitig bin ich immer wieder an Grenzen gestoßen, die meinen Lesefluss massiv gebremst haben. Der häufige Wechsel der Zeitebenen – teilweise sogar mitten im Absatz oder von einem Satz zum nächsten – hat dazu geführt, dass ich immer wieder neu sortieren musste, wo wir uns gerade befinden. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber hier wirkte es oft so abrupt, dass ich aus der Geschichte herausgerissen wurde. Dazu kamen viele Ausschweifungen und Alltagsbeschreibungen, die für mich keinen echten Mehrwert hatten und die Erzählung eher ausbremsen. Ob Fußbad, Comics oder kleine Nebenszenen – vieles davon wirkte auf mich unnötig ausführlich und hat die eigentliche Thematik verwässert. Obwohl das Buch gar nicht so viele Seiten hat, habe ich doch mehrere Wochen dafür gebraucht, weil ich immer wieder über solche Stellen gestolpert bin und mich neu orientieren musste. Ich bin während des Lesens oft hin- und hergerissen gewesen. Es gibt Momente, die sehr stark sind und mich vollkommen abgeholt haben – und dann wieder Passagen, die mich gelangweilt oder verwirrt zurückgelassen haben. Diese Diskrepanz macht es schwer, das Buch eindeutig einzuordnen. Letztlich bleibt für mich eine Mischung aus Respekt für das Thema einerseits und Kritik am literarischen Stil andererseits. Aus diesen Gründen entscheide ich mich für 3,5 von 5 Sternen. Nicht als Bewertung seiner Geschichte oder seiner persönlichen Erfahrungen mit dem Amoklauf, sondern ausschließlich der Art, wie sie erzählerisch umgesetzt wurde.
Formal und inhaltlich interessante, intensive Beschäftigung mit der Frage, inwiefern es zulässig ist, aus einem Amoklauf Literatur zu machen. Es fiel mir ein wenig schwer, den Text als Roman aufzunehmen.
Literarisch interessantes Buch mit einem spannenden Hauptthema, was ich weder herzlichst empfehlen noch großartig kritisieren kann.
Ein Buch voller sprachlicher Genauigkeit und literarischer Fantasie. Also: viele Metaphern werden verwendet, Wörter und Phrasen werden aufs Genauste analysiert, viele Gedanken um ein und denselben Sachverhalt: der Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt im Jahre 2002. Inhalt 📖: Wir verfolgen den Protagonisten, der den Amoklauf selbst miterlebt hat und deshalb ein Buch darüber schreiben will. Durch die Recherche und das Schreiben und mithilfe von Essen versucht er, das erlebte Trauma zu kompensieren. Wir verfolgen ihn bei seinen Recherchen, wie er Dokumente und die Medien von damals durcharbeitet, mit alten Kollegen spricht und an den Ort des Geschehens zurückkehrt. Ein Dramatiker will ein Theaterstück über den Amoklauf schreiben, weswegen sich die beiden zusammensetzen. Themen 📖: Der Protagonist will insbesondere mit seinem Werk diesem schrecklichen Ereignis gerecht werden, also den richtigen Ton treffen und fragt sich, ob überhaupt und wenn, wie am besten über solch reale Schrecken berichtet werden soll. Wir erfahren, wie sich der Amoklauf abgespielt hat, wie die Medien reagiert haben, wie die Regierung mit dem Vorfall umgegangen ist und welche Probleme ausgeblendet bzw vernachlässigt wurden, insbesondere die Psyche der Kinder und Jugendlichen. Bewertung✨Ein literarisch interessantes Buch mit einem spannenden Hauptthema. Modern geschrieben, sodass der Start gut gelingt. Insgesamt eher düster und nüchtern, aber zwischendurch auch irgendwie amüsant. Für mich persönlich kann ich leider keinen bestimmten Zweck erkennen, da es mich weder besonders gut unterhalten hat, noch besonders bewegt hat, und auch nicht wirklich Fragen aufgeworfen wurden, die mich besonders fasziniert hätten. Also kann ich es weder besonders empfehlen noch großartig etwas an dem Buch aussetzen. Es befindet sich nach meinem persönlichen Empfinden einfach in einem neutralen Bereich.
“Die Ausweichschule” von Kaleb Erdmann ist 2025 zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden. Der Ich-Erzähler nimmt die Lesenden mit auf eine Reise in die Vergangenheit, denn er muss sich, als ein Dramatiker seine Erinnerungen an den Amoklauf in Erfurt 2002 für ein Theaterstück verwenden will, seinen Erinnerungen daran und etwaigen daraus resultierenden Traumata stellen. Erdmann verhandelt hier in erster Linie gar nicht den Amoklauf selbst, sondern das Erinnern sowie die Frage, inwieweit man als nicht direkt Betroffener überhaupt das Recht auf öffentliche Verarbeitung hat und seziert die Auswirkungen der Tat auf das Leben seines Protagonisten. Das Springen zwischen den Zeitebenen (Gegenwart sowie nahe Vergangenheit) hat mich recht oft durcheinander gebracht und ich habe etwas gebraucht, um mich in den Text zu finden, fand ihn dann jedoch sehr spannend und faszinierend. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung. *Das eBook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule "Die Ausweichschule" ist ein autofiktionaler Roman 📚 von Kaleb Erdmann, der seine Erfahrungen als 11-jähriger Schüler des Erfurter Amoklaufs von 2002 literarisch aufarbeitet.
Ihm gelingt die Verarbeitung des Traumas 🧠 indem der erwachsene Erzähler 20 Jahre später mit der Frage ringt, wie man über ein solches Ereignis spricht, wenn man zwar überlebt, aber die unmittelbare Gewalt nicht gesehen hat (das "Recht des Unversehrten"). Die Aufarbeitung erfolgt über Erinnerungen, Gespräche mit einem Dramatiker 🗣️, Treffen mit Schulkameraden 👥 , Besuch derOriginalschauplätze und viele literarische Bezüge 📖. Der Roman zeichnet sich durch einen bemerkenswerten Balanceakt aus: Trotz der Schwere des Themas ist der Ton oft locker, nahbar und überraschend komisch, was eine tiefgehende Auseinandersetzung ohne Pathos ermöglicht. Ich finde es ist ein kluger und eindringlicher Text, der die Erinnerungskultur und die Moralität des Schreibens über extreme Gewalt reflektiert. Das Ende 💥, unterstreicht die anhaltende Bedrohung und die Unmöglichkeit einer abgeschlossenen Traumabewältigung.
Das Buch ist wirklich etwas Besonderes und steht zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ich wäre sonst wahrscheinlich nicht auf das Buch aufmerksam geworden und finde es jetzt sehr gut, dass ich es dadurch gelesen habe. Die erste Hälfte fand ich sehr stark. Die Auseinandersetzung mit den Folgen des Amoklaufs und dem Recht darüber zu berichten fand ich sehr spannend. Viele Aspekte wurden beleuchtet und auch die Berichterstattung wurde kritisch unter die Lupe genommen. Leider hat es mich in der zweiten Hälfte etwas verloren, weil es mir etwas zu ausschweifend war und ich nicht mehr folgen konnte. Dennoch eine große Empfehlung.
Berührend, ehrlich, reflektiert und oft auch komisch trotz der Tragik
Auch vom zweiten Roman von Kaleb ein großer Fan, was soll ich sagen. Sollte jede*r lesen, wenn ihr mich fragt.
Bewegendes Buch in dem der Autor seine Erinnerungen verarbeitet und wirklich berührt.
Ich fande es gut Formuliert und Interessant. Zwischendurch ein wenig langatmig. Ich selber komme aus Erfurt und habe das alles selbst gehört und verfolgt was da geschehen ist.
Perspektivisch Einzigartig, Thematisch nicht ohne
Dieses Buch ist gleichzeitig schwierig und einfach zu lesen. Die erzählerische Perspektive ist wirklich einmalig, auch wenn es etwas „meta“ ist, wenn ein Autor über das Schreiben eines Buches schreibt. Aber ich halte das Thema der Traumabewältigung für sehr wichtig und habe die Darstellung als sehr ehrlich ehrlich empfunden. Ich würde dieses Buch weiterempfehlen auch wenn ich andere Leser vor einem schwierigen Thema waren muss.
Alles andere als ausweichend und dennoch aushaltbar.
Ein Buch, von dem ich nicht wusste ob seine Lektüre aushalten können würde. Letztlich finde ich die Form, in der sich den unsagbar furchtbaren Ereignissen genähert wird, sehr besonders und passend. So ist es erträglicher es zu lesen, in dem sich aus diesem Blickwinkel der erneuten Spiegelung genähert wird. Die subtil eingestreuten psychischen Folgen, mit denen der Erzähler zu kämpfen hat, vermitteln unterschwellig, welche Folgen so ein Trauma bis in die kleinsten Alltagsbereiche hat. Als Bereicherung für mich persönlich empfinde ich die berichtenden Passagen, in denen es Sachbuch-artig um die Berichtererstattung und das Krisenmanagement geht. Diese verschiedenen Erzählstile sind sehr gut mit einander ausbalanciert. Für mich persönlich kommen viele Erinnerungen hoch, der Tod Lady Dis, der 11. September und auch Erfurt waren die ersten Ereignisse, bei denen ich als Kind/Jugendliche das Gefühl hatte, die Welt steht still, auch für die Erwachsenen. Wo wir alle vorm ARD brennpunkt gesessen haben, wo es am nächsten Tag Vakuum gab. Die expliziten Schilderungen waren natürlich furchtbar. Die Angst den Familienangehörigen könnte an Orten wie Schule oder Kita etwas Furchtbares passieren, ist meist gut verdrängt. Die Interviews mit dem Lehrer, auch das Theaterstück mit dem Fokus auf den Eltern des Attentäters und die Passagen rund um die TraumaTherapeutin (Hausmeister…) haben mich sehr berührt. Sowie ebenso die Schilderung der einzelnen, abgerückten, schlecht brennenden Kerze. Manchmal malt das Leben selbst die erstaunlichsten Bilder. Immer wieder werden humorvolle Passagen eingeflochtene, das ist ebenso sehr gelungen und hatte ich in der Form nicht erwartet. Beispielsweise die Gespräche mit der Mutter des Erzählers empfand ich sehr unterhaltsam und relatable geschrieben. Ich muss aber auch zugeben, dass ich am Anfang eine Weile gebraucht habe, um reinzukommen, einmal angekommen, musste ich es aufgrund der entstanden Sogwirkung direkt abschließen.
Sprachlich schön, solide, mir zu sprunghaft und ich war zum Schluss etwas verloren
Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt und besucht die 5. Klasse des Gutenberg-Gymnasiums, als ein Schüler seiner Schule einen Amoklauf begeht und dabei 16 Personen und schließlich sich selbst tötet. Erdmann selbst ist eigentlich mittendrin, sieht den Täter – doch nach eigenen Überlegungen war er vielleicht doch nicht nah genug dran gewesen, um darüber schreiben zu dürfen. Ständig hinterfragt er sich und sein 11-jähriges Ich. Was hat er tatsächlich selbst erlebt, und was hat sein Kopf seinen Erinnerungen hinzugefügt? Über den Amoklauf selbst geht es nur in einem kleinen Bruchteil, vielmehr stehen die Gedanken des Autors im Mittelpunkt – wie er damit umgeht, was er danach gedacht und getan hat und wie er aktuell dazu steht. Leider wird der Roman nicht stringent erzählt, sondern springt rein thematisch, sodass ich mir zum Schluss gar nicht mehr sicher bin, wie die zeitliche Abfolge einzelner Gedanken und Handlungen war. (Ich habe es als Hörbuch gehört.) Auch habe ich gegen Ende auf ein Fazit gehofft, das ausblieb. Und so bleibe ich etwas orientierungslos zurück. Das Einzige, was ich mitnehme, ist der Gedanke, ob bzw. warum wir für alles eine Erklärung und bestenfalls eine Einordnung brauchen: Idealerweise zieht sich ein Amokläufer vor der Tat sozial zurück, spielt Killerspiele, und zack – haben wir eine Begründung, die uns wieder ruhig schlafen lässt. Was, wenn ein Jugendlicher einen Amoklauf begeht, auf den das nicht zutrifft?!
Hab das Hörbuch gehört- ich mochte es. Allerdings hat mich jetzt auch nicht nachhaltig mitgerissen oder stark berührt.
Nur oberflächlich am Thema dran
Mich hat Erfurt als Schülerin betroffen, es war das erste Erkennen, dass es mehr Dinge und Abgründe gibt, die man sonst so in seiner kleinen, dörflichen Schulblase gekannt hat. Danach kannte man Schule auch als den Ort der lauten Stille und weinenden Lehrkräfte, die ihre Tränen und Gedanken ungefiltert mit Schülern geteilt haben. Der wievielte Grad einer Traumatisierung das wohl ist? Von diesem Buch hatte ich mir eine sachliche Ebene versprochen. Ein Blick auf Erlebnisse nach Erfurt, in Erfurt. Als bisherigen Teils von Erfurt. Was war aber der Inhalt? Mobile Klos dank Eigenurin in Flaschen, Dialoge bei Fußbädern und ein Springen zwischen kurzen Erinnerungen an Erfurt und die Zeit danach und einem viel zu langem Reisebericht, bei dem man lieber Zuhause bleiben möchte.
Richtig guter Roman, Metaebene gut gelungen und hat mich gecatcht- trotz des schweren Themas des Amoklaufs, spürt man die Schwere nicht auf dem Papier.
Ein grandioser Roman, berührend, packend, fesselnd und meisterhaft geschrieben. Mehr kann ich dazu nicht sagen - außer: lest es!
Sehr sehr lesenswert und regt absolut zum Nachdenken an. Es würde mich sehr freuen, wenn Kaleb Erdmann mit diesem Buch den deutschen Buchpreis gewinnt.
Was darf man schreiben? Was kann man schreiben?
Der Ich-Erzähler widmet sich dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, den er selbst als 11-Jähriger erlebt hat, auf mehreren Ebenen. Die große Metaebene, die über allem schwebt, ist die Frage, wie kann man über so ein Ereignis einen Roman schreiben und: darf man über so ein Ereignis einen Roman schreiben. Darf man alte Wunden aufreißen? Verbunden ist diese Ebene mit einer zweiten: den Auswirkungen des Erlebten auf die Psyche des Ich-Erzähler, dem Trauma, den eventuell verschwommenen Erinnerungen. Das Wiederum hängt eng mit der dritten Ebene zusammen: der Tag des Amoklaufs und der Umgang der Schule und Behörden damit. All diese Ebenen arbeitet der Autor auf und ist dabei ehrlich, schonungslos und direkt. Das Buch ist auf allen Ebenen gelungen und fordert den Leser immer wieder heraus, sich einige Fragen auch zu stellen, die sich der Ich-Erzähler stellt. Herausstellen würde ich zusätzlich noch die Dialoge, insbesondere zwischen dem Erzähler und seiner Freundin Hatice, die immer authentisch wirken und den Erzähler (und Leser) immer wieder in das Jetzt zurückholen.
Das bedrückende Thema des Erfurter Amoklaufs wird hier auf einer interessanten Metaebene dargestellt. Statt einer Geschichte die erzählt was passiert ist, schildert der Autor seine Gedankengänge darüber ob und wie man das Geschehene literarisch darstellen sollte. Dabei fragt er sich auch ob er als jemand der zwar anwesend, aber doch eher am Rande des Geschehens war überhaupt das Recht hat sich dieser Tragödie literarisch zu nähern. Wirklich mal etwas ganz Neues das ich so noch nicht gelesen habe und das mir noch lange im Kopf bleiben wird. Zwischenzeitlich fand ich allerdings, dass es sich teils auch gezogen hat und ich werde Flaschen wohl nun leider noch einige Zeit mit anderen Augen sehen- if you know you know 😬 das war mir dann stellenweise doch too much. Insgesamt aber ein wirklich würdiges Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises
Ich selbst arbeite in einem Kindergarten und die Vorstellung von einem Amoklauf ist einfach nur grausam! Den Amoklauf in Erfurt habe ich nur am Rande mitbekommen, damals war ich einfach noch zu jung. Ich lebe aber nur wenige Autominuten von Winnenden entfernt! Diese schreckliche Geschichte hat die ganze Gegend damals tief erschüttert und wird mir für immer in Erinnerung bleiben! Es ist der Tag der Abiprüfung im Jahr 2002 als Robert S. Bewaffnet in seine ehemalige Schule stürmt und etliche Menschen tötet. Viele Jahre später kann Kaleb Erdmann das erlebte noch immer nicht vergessen. Was für eine spannende Thematik. Ich finde das Buch sehr zweigeteilt. Es geht zum einen um die Entstehung und die Recherche zu diesem Buch! Wir begleiten Erdmann auf seinem Weg zurück in die schmerzhafte Vergangenheit. Und dann geht’s ganz konkret um den Amoklauf von Erfurt. Dieser Teil war natürlich Ultra spannend! Es ist wie im Buch beschrieben, die Erinnerungen an diese grausame Taten sind im Gehirn vorhanden, werden aber verdrängt. Als ich einige Fakten zum Amoklauf gelesen hatte, waren die Erinnerungen plötzlich wieder da. Es war sehr interessant die Sichtweise eines anwesenden Schülers zu lesen! Die Wahrnehmung aus der Sicht der Kinder hat mich sehr erstaunt! Was mich aber sehr erschreckt hat war der Umgang mit dem Trauma der Behörden! Wie immer sind Institutionen nicht eingestellt auf den Ernstfall! Das hat man ja bei Corona erst wieder gesehen! Gehandelt wird, wenn es zu spät ist! Wenn ich lese, das es nur eine fähige Therapeutin zur Behandlung von traumatischen Ereignissen gab, dann stellen sich mir die fusshaare auf! Alles in allem eine grausame Erinnerung, die durch Erdmann aber einen neuen Blickwinkel bekommen hat! Die Geschichte drumherum war oft ein wenig zäh! Man liest heraus das Traumata eben unbehandelt ein Leben lang bleiben, sich festigen und eben nicht von alleine verschwinden! Sie lauern! Tief in uns!
Gibt es -die- Vergangenheit?
Ein Buch über das Wesen des Erinnerns, das ohne jenes zitierte „Glotzen durch das Höllenfenster“ auskommt. Was ist damals tatsächlich geschehen, was hat er verdrängt, was hat er selbst gesehen und was hat er sich aus den Erzählungen anderer vielleicht angeeignet? Es wird indirekt so gut greifbar, dass unsere Vergangenheit und Identität am Ende auch nur eine Geschichte sind, die man auf ganz unterschiedliche Art erzählen könnte und die nicht immer frei von Widersprüchen ist. Besonders eindringlich geschildert fand ich die Differenz zwischen dem, was das Umfeld - oder ein potenzielles Publikum - vom Protagonisten und seinem Text erwartet, und dem, was er nunmal erlebt hat oder was man zum Amokläufer weiß. Den Dramatiker mit seinen einfachen Erklärungen fand ich sehr sinnbildlich für das, was wir heutzutage vielfach erleben: den Drang nach einfachen, musterhaften Erklärungen für deutlich komplexere oder nicht wirklich rational begründbare Dinge.
Unauffällig auffällig
Man erwartet definitiv was anderes von dem Buch, als was man am Ende bekommt. Dennoch finde ich hat der Autor ausgezeichnete Arbeit geleistet den „Struggle“ mit der Thematik zu vermitteln. Die Sprache, die Bilder die er dadurch kreiert ist beengend und deprimierend. Das was der Autor erreichen wollte - hat er auch erreicht. Diese Themen sollten nicht tabuisiert werden und ein offener Diskurs in Form dieses einzigartigen und charakterstarken Romans ist durchaus angebracht.
Characteristics
3 reviews
Mood
Protagonist(s)
Pace
Writing Style
Description
Die Vermessung des Unsagbaren
Am letzten Tag der Abiturprüfungen im Jahr 2002 fallen Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Unser Erzähler erlebt diesen Tag als Elfjähriger, wird mit seinen Mitschülern evakuiert und registriert in den folgenden Wochen die Hilflosigkeit der Erwachsenen im Angesicht dieser Tat. Mehr als zwanzig Jahre später bricht das Ereignis völlig unerwartet erneut in sein Leben ein und löst eine obsessive Beschäftigung mit dem Sujet aus, die in ein Romanprojekt resultieren soll. Aber warum nach so vielen Jahren alte Wunden aufreißen? Hat er ein Recht dazu? Wie verhält es sich mit seinen Erinnerungen, welche Geschichten hat er so häufig erzählt, dass sie wahr wurden?
Kaleb Erdmanns Roman Die Ausweichschule ist ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, ein Stück Autofiktion, das gleichermaßen publikumskritisch (wie voyeuristisch ist unser Interesse an der Aufarbeitung von Gewalttaten?) wie autokritisch ist (was gibt mir das Recht, über diesen Tag zu schreiben?). Ein pointierter, persönlicher, erschütternder Text über ein Phänomen, das uns weltweit umtreibt.
»Wie sich Kaleb Erdmann dem Erfurter Amoklauf literarisch annähert ist ein Kunststück – er findet Worte für das Unsagbare und lässt einen wortlos zurück. Das Traurigste, Lustigste und Beste, was ich seit langem gelesen habe.« Caroline Wahl
Book Information
Author Description
Kaleb Erdmann, Jahrgang 1991, studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, sowie Soziologie und Politische Theorie in München und Frankfurt am Main. Er war Finalist des open mike, wurde für sein Theaterstück Unten für den Retzhofer Dramapreis nominiert und war als Autor und Redakteur Teil verschiedener Fernseh- und Unterhaltungsformate. Sein erster Roman wir sind pioniere wurde mit dem Debütpreis der LitCologne ausgezeichnet. Zuletzt schrieb er für das Berliner Ensemble das Stück Always Carrey On. Kaleb Erdmann lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Posts
So stelle ich mir das vor. Ich bin mir nicht sicher, ob man unbedingt zwanzig Jahre später ein Buch über den Erfurter Amoklauf schreiben muss, Wunden aufreißen, einen Topf umrühren, den man vielleicht ganz in Ruhe lassen sollte. Welchen plausiblen Grund es dafür geben könnte. Was ich weiß, ist, dass meine Gliedmaßen heute, in den Zwanzigerjahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts, taub werden, wenn ich Erfurt zu nahe komme, und meine Luftröhre sich verschließt. Ich weiß, dass mir letztes Jahr in einer Frankfurter Apfelweinwirtschaft ein Thüringer Montagearbeiter die Nase gebrochen hat, um Robert Steinhäuser zu verteidigen, und wenn ich schon daran denke, wird mein Kopf schwer, mein Nacken steif, und natürlich schmerzt meine Nase. Nach einem halben Jahr des Schreibens weiß ich immer noch wenig über meine eigene Motivation, aber ich weiß, dass ich nichts aus dem Amoklauf "lernen" will, weil er kein Schulbuch, kein Schaubild, kein Merksatz ist, dass ich nichts aus ihm "schöpfen" will, denn er ist kein Waschbecken und kein Brunnen, sondern ein reales Ereignis, in dessen Folge heute siebzehn Menschen nicht mehr leben. - Zitat, Seite 120 "Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann, geboren 1991, wurde in diesem Jahr 2025 für den deutschen Buchpreis nominiert und stand auf der Shortlist. Der Autor erlebt diesen 26. April 2002 als Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Der Amoklauf ist in seine Biografie eingestanzt. Zwanzig Jahre später macht sich der junge Schriftsteller an ein Romanprojekt, welches sich um die Ereignisse und Erfahrungen nach dem Amoklauf von Erfurt drehen soll, als die traumatisierten Schülerinnen und Schüler in der sogenannten Ausweichschule betreut und unterrichtet wurden. Daher werden in dem vorliegenden Roman nicht die Erlebnisse nach dem Amoklauf ansich geschildert, vielmehr wird von dem Prozess berichtet, der in dem Autor selbst stattfindet; welchen Fragen er sich zu dem damaligen Ereignis stellen sollte: Warum ist das Thema gerade jetzt relevant? Inwieweit stimmen seine persönlichen Erinnerungen mit den Berichten von damals überein? Weshalb ist eine literarische Auseinandersetzung vielleicht unumgänglich (egal, ob diese nun auf persönliche oder öffentlicher Ebene stattfindet)? Wie sollte dieses literarische Werk gestaltet werden? Und zuletzt: ist der Autor überhaupt in der Lage, diesem Thema gerecht zu werden (was auch immer man darunter verstehen mag)? Kaleb Erdmann ist in seinem Schreiben sehr reflektiert und nach innen gewandt. Trotzdem ist sein Schreibstil keineswegs abgehoben oder realitätsfern. Ganz im Gegenteil: der Roman lebt von vielen kleinen Szenen mitten aus dem Leben. Gleich zu Beginn des Roman werden wir in eine Unterhaltung mit der Partnerin des Ich-Erzählers miteinbezogen. Es gibt Telefonate mit der Mutter, Reisen mit der Bahn und ein Treffen mit einem ehemaligen Mitschüler. Obwohl die Geschichte keinen chronologischen Regeln folgt, sondern wir in der Zeit vor und zurück hüpfen, gibt es Ereignisse, die als feste Elemente die Eckpfeiler der Erzählung bilden. Insbesondere zählt dazu der Handlungsstrang um die Entwicklung und Aufführung eines Theaterstücks, welches sich mit dem Amoklauf auseinandersetzt. Hier setzt sich der Autor des Stücks, als "Dramatiker" bezeichnet, mit dem Ich-Erzähler in Verbindung, um ihn zu befragen und später auch zu einer Aufführung einzuladen. Insgesamt enthält dieser Roman, abgesehen von der interessanten Thematik, eine lebensechte und teilweise sehr tiefsinnige Geschichte mit einem unglaublich verbindlichen Ich-Erzähler, dem man ohne zu zögern folgt. Der Roman zeigt außerdem, dass bestimmte Phänomene nicht allein deshalb verschwinden, weil man gewichtige Faktenberichte schreibt, die dann als Aktenleiche in den Archiven verstaubt verborgen wird. Daher ist die hier erzählte Geschichte nicht nur individuell und berührend, sondern aktuell und sollte auch erschüttern. FAZIT Ein wenig hat mich die Lektüre an "Atemschaukel" von Herta Müller erinnert, weil auch diese Geschichte mir das Gefühl gegeben hat, dass etwas nicht vorbei ist, es vielmehr andauert, auch wenn das auslösende Ereignis formal in der Vergangenheit liegt. Der Stil von Kaleb Erdmann hat mich von Anfang an abgeholt. Ich mochte die Szenen mit Hatice, ich mochte die Telefonate mit der Mutter und die Auseinandersetzung mit literarischen Texten (vor allem mit Emmanuel Carrère). Ich mochte es, den traurigen, den witzigen, den absurden und verständlichen Gedanken des Ich-Erzählers zu folgen. Und ich mochte diesen autofiktional geprägten Protagonisten dieses Romans so so sehr! Unbedingt lesenswert.
Wirklich lesenswert. Der Autor arbeitet seine Erinnerungen an den Amoklauf in Erfurt auf. Er selbst war 11 Jahre alt als er sich dem Unfassbaren gegenüber sah. Er versucht wahre Erinnerungen von Falschen zu trennen und seinen Gefühlen nachzugehen. Ein schwieriges Thema welches bis heute seinen Schrecken nicht verloren hat.
Schulamoklauf von Erfurt, 2002 💔
Ich hatte sagen wir mal Sorge und Respekt davor, dieses Buch zu lesen. Zum Einen weil das Thema sehr belastend ist und zum Anderen weil ich Angst vor einem „How can I make this about me“ Leseerlebnis hatte. Weiter unten versuche ich in Worte zu fassen, wie es schlussendlich gelaufen ist. Kurz zum Inhalt: Kaleb Erdmann erlebt als Elfjähriger den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt im Jahr 2002 und er nimmt uns mit auf eine autofiktionale Reise in die Vergangenheit. Das Buch hat mich schwer bewegt und begeistert. Der Schreibstil des Autors ist unmöglich zu beschreiben, aber ich hatte beim Lesen den Gedanken, dass hey, ja, das ist der Grund, warum ich gern lese. Ich habe schon mehrere Jahre nicht mehr an diesen spezifischen Amoklauf gedacht und die Lektüre hat alles zurückgebracht. Der Autor hat die Geschichte gar nicht um sich selbst kreisen lassen, obwohl es sich mehr als angeboten hätte. Ganz im Gegenteil, er hinterfragt seine Erinnerungen, er hinterfragt seine Rolle und sogar, ob er überhaupt über Erfurt schreiben darf. Aber ja, das darf er nicht nur, ich denke das Buch war mehr als notwendig. Viel Zeit ist vergangen, das Thema ist leider aktueller denn je. Macht Euch gern ein eigenes Bild! 5/5⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ein Buch darüber, wie man ein Buch schreibt
Der Autor hat als Elfjähriger den Amoklauf von Erfurt unmittelbar erlebt und beschreibt in dem Buch den Schreibprozess über die Verarbeitung eines solchen Ereignisses. Es fiel mir oft schwer den Autoren vom Ich-Erzähler zu trennen. Auch die verschiedenen Zeitsprünge und Ortswechsel haben meinen Lesefluss gestört. Das Buch stand ja auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025, sicherlich wegen der Thematik. Literarisch fand ich es okay, aber nicht so herausragend wie überall beschrieben. Ich bin an den Erzähler überhaupt nicht heran gekommen. Ich habe zwar zügig durch das Buch gelesen, aber ich befürchte es bleibt nicht viel hängen.
Leider nicht mein Buch. Der Autor weiss mit Sprache umzugehen und kann schreiben, aber mit seinem weinerlichen Grundton erreicht er mich leider nicht. Wahrscheinlich hatte ich falsche Erwartungen an den Roman. Ich bin mir nicht sicher ob es sich um einen Roman handelt, oder ein höherer literarischer Anspruch besteht. Die Struktur und springende Handlung gefällt mir nicht. Im Buch geht es nicht direkt um den Anschlag in Erfurt, sondern um die Auseinandersetzung nach 20 Jahren und der Frage ob der Protagonist dies literarisch Bearbeiten kann /darf da er als 5 jähriger in der Guttenbergschule als Schüler war aber nicht direkt Betroffener. Es wird ziellos erzählt und sich in Details verloren.
Starker Aufbau, toll geschrieben! Hat mich aus vielerlei Gründen sehr berührt, da ich betroffene Personen persönlich kenne.
„wir waren zu jung, um ein sinnvolles Gespräch über ein so ernstes Thema zu führen“ (S. 128)
Manchmal denke ich, diese App ist Fluch und Segen zugleich. Den Segen muss ich wohl nicht ausführen, den Fluch vielleicht schon. Es ist natürlich kein richtiger Fluch, wobei mein Portemonnaie das anders beurteilen könnte und mein SuB (inklusive Wunschliste) in einer Geschwindigkeit wächst, mit der ich nicht annähernd mithalten kann. Über diesen Weg jedenfalls kam „Die Ausweichschule“ zu mir. Bis ich diese Rezension tatsächlich veröffentliche, ist einige Zeit vergangen. Weil auch ich verarbeiten, nachdenken, schreiben, überarbeiten, ergänzen, löschen und fühlen musste. So lange bis ich für mich einen ersten Abschluss mit diesem Buch finden konnte. Während meines Leseprozesses war ich nicht sicher, ob ich das Buch überhaupt mit einer Anzahl von Sternen würde bewerten können. Es fühlte sich falsch an, unpassend, nicht mit meinen sonstigen Bewertungskriterien in Einklang zu bringen. Wie sollte ich einen persönlichen Prozess, wie Kaleb Erdmann ihn in der Ausweichschule beschreibt, bewerten? Wie sollten echte Erfahrungen und Emotionen, Erlebnisse und Reflexionen gemessen werden können? Ist das viel mehr individuell wertvoll denn bewertbar? Doch gegen Ende überkam mich die Gewissheit, dass es eben beides zugleich ist: bewertbar, weil so wertvoll. Für mich ist „Die Ausweichschule“ ein außergewöhnliches Werk, dass in seiner Individualität besonders herausragt und damit jeden möglichen Stern mehr als verdient. Von Beginn an fühlte ich einen Sog, der mich in die Welt von Erdmann zog. Der mich wissen lassen wollte, was als nächstes passiert und mich immer wieder zu eigenen Reflexionsprozessen und Auseinandersetzungen anregte. Dabei brauchte es manche Pausen, die jedoch nie lange anhielt, weil Erdmann mit seiner Alltäglichkeit und Ehrlichkeit immer wieder ins Schwarze trifft, im Kleinen und im Großen. Ich hatte zunächst etwas anderes erwartet. Wohl das, was auch Erdmanns ursprünglicher Plan für dieses Werk war. Am Ende bin ich sehr dankbar, dass es genau das nicht geworden ist. Denn das, was Kaleb Erdmann hier geschrieben hat, ist aus meiner Sicht so viel mehr. Einige Passagen ließen mich mit einer Schwere zurück, andere aber auch wieder mit einem Lächeln. Besonders im Gedächtnis blieb mit der Gedanke, wer denn nun die Pinguinarbeit kontrollieren würde (S. 131), der für mich so sinnbildliche die Unfassbarkeit der Situation für eine ganze Schulgemeinde und noch so viel mehr Menschen darstellt. Ebenso verankert haben sich die Gesprächsausschnitte zwischen Erdmann und seiner Mutter, denn mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit werde ich ab jetzt häufiger über die Formulierung „Ich glaube …“ stolpern (S. 165). Bis zuletzt hinterließen die Zeitsprünge in der Erzählung bei mir ein Gefühl der Verwirrung, was für mich als Stilmittel so passend für die Inhalte ist. Erdmann gelingt es durch seinen präzisen und detaillierten Schreibstil seine Emotionen und Erfahrungen fühlbar zu transportieren und ermöglicht es, seinen Gedankengängen und seiner Auseinandersetzung zu folgen. Mit einer besonderen Stärke reflektiert der Autor seine Erlebnisse und lässt uns damit an seinem Inneren teilhaben. Das Ende berührte mich nochmal auf einer anderen Ebene und ließ mich mit einem dicken Kloß im Hals und Unbehagen auf der Seele zurück. Diese Buch ist mehr als lesenswert. Es ist ein dargestelltes Innenleben, das berührt und bewegt, versucht zu verstehen und ein Stück weit zeigt, zu akzeptieren. Ich verbleibe in Dankbarkeit und in Gedanken bei all denjenigen, die von jenem 26. April 2012 betroffen waren und bis heute sind.

Großartiger Meta-Roman über einen Autor, der versucht ein Buch über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium 2002 zu schreiben, den er damals als 5. Klässler miterlebt hat.
Sehr gelungene Auseinandersetzung mit einem Thema, dem sich so schwer zu nähern ist. Und ich hätte nie erwartet, dass man in Teilen amüsant über ein schweres Thema schreiben kann. Klare Leseempfehlung.
Wenn aus Katastrophe Kunst wird
Die Ausweichschule, ein Buch über den Erfurter Amoklauf 2002, wählt einen ungewöhnlichen Zugang zu einem Thema, das in den Medien sonst meist sehr sensationsgeladen erzählt wird. Statt das Privatleben des Täters auszuschlachten, wie es die öffentliche Berichterstattung oft tut, setzt der Text auf eine stille, fast essayistische Form. Er versucht nicht, Antworten zu erzwingen, sondern entfaltet eine beklemmende Tiefe, die sich aus der Tat ergibt. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, welche persönlichen Ereignisse tatsächlich etwas mit der Tat zu tun haben und welche nicht. Die Suche nach eindeutigen Ursachen bleibt bewusst offen. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Es verweigert einfache Erklärungen und macht spürbar, wie groß die Lücken im Verstehen bleiben. Gleichzeitig rückt eine grundsätzliche Frage in den Vordergrund: Darf man aus einem solchen Trauma überhaupt Literatur machen? Hat man das Recht, künstlerisch mit einem Ereignis umzugehen, das so viele Menschen betrifft und verletzt? Und was bedeutet es für Künstler und Betroffene? Das Buch weicht diesen Fragen nicht aus. Es ist sich seiner eigenen Problematik bewusst: Aus einer Katastrophe Kunst zu machen, ohne die Opfer zu vergessen, ohne in Effekthascherei zu verfallen. Wie darf eine solche Kunst aussehen? Zurückgenommen, ernst, ohne den Anspruch, endgültige Deutungen zu liefern – genau so, wie dieses Buch es versucht.
Beklemmung meets Leichtigkeit
An dieses Buch musste ich mich ganz langsam herantasten. Ich war sehr unsicher, ob ich das lesen möchte. Nach mehreren Gesprächen mit anderen Büchermenschen chen hat man mich aber doch davon überzeugt, dass dieses eine ganz besondere Art hat, sich an ein schreckliches Ereignis anzunähern, welches mir noch gut in Erinnerung ist: den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als der Täter die Türe zu seiner Klasse öffnet, sich kurz umschaut rausgeht und dann 16 Menschen und sich selbst erschießt. Das Kind, das er war, hat nach vielen Therapien, einer Zeit in einer Ausweichschule (das Gutenberg Gymnasium wurde fast kernsaniert) und einem Umzug manche Erinnerungen falsch abgespeichert, und als der erwachsene Schriftsteller nun ein Buch über die Ereignisse schreiben will, nähert er sich auch den Konfabulationen an. Doch nicht nur diese dienen dazu dem Plot Substanz zu geben. Er legt Interviews und Zeitungsberichte, Erinnerungskultur, Recherchearbeit über den Täter, seine Eltern, sein Umfeld, die Lehrer*innen die Psychologin, die politische, soziale und kulturelle Verarbeitung dieses Ereignisses, aber auch den Tathergang auf Objektträger und beobachtet sie intensiv und stark vergrößert. Dabei reflektiert er sein Verhalten, setzt sich mit dem Problem auseinander wie etwas, dass seine eigene Erinnerung abstrahiert aufgeschrieben werden kann. Es ist also auch ein Buch über das Schreiben. Den Prozess, den er dabei durchläuft, nehmen auch die Menschen in seinem Umfeld war. Seine Mutter ist dabei klar und deutlich, seine Freundin reagiert oft ungehalten und ein Klassenkamerad, von dem Erdmann sich Input erhofft, möchte die Büchse der Pandora nicht mehr öffnen. Es ist eine interessante Herangehensweise die Erdmann für diesen… – ja, was ist es? Ein Roman? Ein Memoir? Ein Sachbuch?- …wählt. Auf jeden Fall ist es autofiktional und genau darin liegt für ihn immer wieder das Problem. Wie weit kann er sich selbst trauen? Ich mag eigentlich keine Bücher über das Schreiben, doch hier hat der Autor so geschickt seine posttraumatischen Probleme eingearbeitet, von denen er in weiten Teilen der Meinung ist, dass er sie gar nicht mehr hat, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte. Die Frage ob ein Kind, das so ein schlimmes Ereignis erlebt hat, jemals davon befreit werden kann, habe ich mir oft gestellt. Ich denke, dass das nicht möglich ist Erdmanns Erinnerungsarbeit hat uns einen Text beschert, der mich sowohl inhaltlich wie auch stilistisch mitnimmt, und mit dem ich selber in die Auseinandersetzung gehen kann. Als Mutter zweier Kinder, die im Alter von Erdmann sind könnt ihr euch vorstellen, dass ich damals mit großer Sorge, die zwar völlig unbegründet, aber irgendwie auf einmal real war, meine Kinder in die Schule gebracht habe. Die Beklommenheit war auf einmal wieder sehr präsent. Vielleicht wollte Erdmann dieses Gefühl gar nicht transportieren, mich hat’s auf jeden Fall erwischt. Dass ich trotzdem Leichtigkeit in der Art seiner Schreibweise erkenne, ist für mich kein Widerspruch. Ich sehe hier auf jeden Fall einen würdigen Kandidaten für die Longlist und empfehle das Buch allen, die die Schwere der Thematik ertragen können und auf der Suche nach dem Besonderen sind.
Der Ich-Erzähler erlebte 2002 den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit. Damals war er 11 Jahre alt und wusste in dem Moment gar nicht was gerade passiert. Unter Freunden wurde das Thema ausgeschwiegen, keiner wusste damit umzugehen. Nicht lange danach zog er mit seiner Familie weg. Erfurt war zwar aus der Sicht aber nicht aus dem Kopf. Zwanzig Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein und er beginnt nach Antworten zu suchen. Dieses Buch ist kein typischer Roman, es ist kein Tatsachenbericht, kein Schrei nach Aufmerksamkeit. Erdmann will mit dem Buch seine Erinnerungen zurückholen, sucht nach Vergessenem, nach Heilung. Aktuelles Geschehen verschwimmt mit Erinnerungen. Er hadert mit der Frage ob er überhaupt das Buch schreiben darf und in welcher Form. Zu viele Opfer, zu viel Leid und zu viele Fragen sind geblieben von diesem Tag. Doch wie aufarbeiten? Er findet Worte für unausgesprochenes und unsagbares. Das gelingt ihm auf eine wunderbar sensible Art und Weise ohne anklagend zu sein. Ein intensives Buch, tiefgründig und reflektierend über eine unvorstellbare Tat, literarisch anspruchsvoll. Ein Buch, dass im Kopf bleibt und aufwühlt. Empfehle ich euch sehr gern weiter.
Ein Buch in der Form habe ich noch nicht gelesen. Es ist eine Art fragmentarischer Essay, in dem der Autor damit ringt, in welcher Form er über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium schreibt, den er selbst miterlebt hat. Er hat zunächst versucht einen Roman darüber zu schreiben. Schließlich ist so etwas wie eine Gedankensammlung über die Entstehung des am Ende doch nicht fertig gestellten Romans herausgekommen. Sehr feinfühlig überlegt er, in welcher Form er über das Erlebnis schreiben kann oder möchte, er beschreibt Gespräche, einen Besuch in Erfurt oder das Entstehen eines Theaterstücks zum Thema, an dem er wiederum durch Gespräche mit dem "Dramatiker" beteiligt war. Ich fand es reflektiert, interessant und spannend.
Spannend geschrieben zu einem eigentlich sehr heiklen Thema. Amokläufe. Ich habe zuerst gedacht es wird dramatisch weil man den Amoklauf als Leser miterlebt. Dennoch war das gar nicht so. Der Protagonist erzählt von seiner Erfahrung als er den Amoklauf an seiner Schule miterlebt. Und wie er das Thema aufgreift. Erdmann schreibt hier sehr genau und flüssig ich fand es einfach geschrieben und gar nicht irgendwie kompliziert. Es ist zurecht für den deutschen Buchpreis nominiert.
Reflektiert und beeindruckend
"Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln?" Das fragt der Autor mitten im Text. Und für mich kann ich diese Frage mit einem klaren "ja" beantworten. Denn ihm gelingt es hier, den Amoklauf von Erfurt am 26.04.2002 und den Umgang damit so zu reflektieren, dass es weder anklagend noch reißerisch oder voyeuristisch wirkt. Erdmann ist damals 11 Jahre alt und besucht die 5. Klasse des Gutenberg-Gymnasiums, ist also selbst unmittelbar betroffen und traumatisiert von den Geschehnissen dieses Tages. Mehr als 20 Jahre später, ausgelöst durch einen Konflikt in einer Kneipe, holen ihn die Erinnnerungen wieder ein. Alte und neue Fragen werden an die Oberfläche geschwenmt, die er schreibend verarbeiten will. Und wir dürfen ihn dabei begleiten. Geschickt nutzt er dafür eine Metaebene, denn er schreibt über sich, wie er ein Buch schreiben möchte. Wir werden Zeugen seiner Erinnerungen und selbstreflektierten Gedanken und Gesprächen mit einem Dramatiker, der ein Theaterstück zum gleichen Thema geschrieben hat. Wir bekommen Einblick in die Tat selbst, in den offiziellen Kommissionsbericht, in die Hilflosigkeit der Politik, in den Umgang der Medien mit dem Geschehenen und den Versuch, hochtraumatisierte Kinder und Lehrer in einer Ausweichschule wieder in etwas wie Normalität zu bringen. "Wie umgehen mit einer ganzen Schule mit über 700 schwer traumatisierten Schülern und Lehrern?" Wir springen lesend ins Damals und wieder zurück ins Heute. Ein Heute, in dem sich der Autor immer wieder fragt, ob er das Recht hat, darüber zu schreiben. Er will kein "Wundenaufreißer" sein. Wie soll er Fakten aus "kalten, harten Texten" mit den Erinnerungen des Fünftklässlers, der er war, zusammenbringen? Wie das eigene Trauma zu fassen kriegen? "Traumatherapie, das bedeutet nicht zu trauern. Nichtmal, mit Trauer umzugehen. Es bedeutet, sich etwas grundlegendes zurückzuholen. Einen Boden unter den Füßen, auf dem man dem traumatisierenden Ereignis entgegegentreten kann." Dieser Roman (wenn es denn einer ist) ist so klug, stark und ehrlich. Zeigt, wie wichtig Aufarbeitung und kompetente Therapeuten nach einem solchen Ereignis sind. Auch sprachlich ist hier so viel drin - von beschreibend zu philosophisch, von metaphorisch zu manchmal sogar unterhaltsam. Kaleb Erdmann hat mich stark beendruckt. Außergewöhnlich und empfehlenswert! Auch das Hörbuch ist sehr zu empfehlen. Pascal Houdus trifft genau den richtigen Ton.
Kaleb Erdmann versteht es, feinfühlig und bedacht die Frage nach einem Erinnern und Gedenken an ein Ereignis mit Zäsurcharakter mehrschichtig in ein Romankonstrukt einzubetten. Richtig toll!
„Wie mir am Abend nach der Fleischperformance klar geworden ist, will ich Erfurt loswerden, und zwar indem ich herausfinde, warum es mehr als zwanzig Jahre nach dem Amoklauf noch mal mit solcher Kraft und Gewalt in mein Leben getreten ist, warum mein Höllenfenster plötzlich wieder offen steht.“ aus „Die Ausweichschule“ (2025) von Kaleb Erdmann, S. 219, park x ullstein „Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln?“ aus „Die Ausweichschule“ (2025) von Kaleb Erdmann, S. 116, park x ullstein Zentral in Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ ist sowohl die Verhandlung eines traumatischen Ereignisses als auch die individuelle Behandlung dessen. Konkret geht es hier um den Amoklauf am 26. April 2002 am Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Der Protagonist des Romans findet sich nach über 20 Jahren wieder in der Position, mit der schmerzlichen Erinnerung an diesen Tag konfrontiert zu sein und beschließt, einen Roman darüber zu verfassen. Unter anderem steht er dafür in einem Austausch mit einem Dramatiker, der ihn kontaktierte, weil er ein Theaterstück darüber schrieb. Er kehrt zurück nach Erfurt, um mit einem ehemaligen Schulfreund in Kontakt zu treten und geht auch zurück an den Ort des Geschehens sowie zum Herrenberg Gymnasium, das die „Ausweichschule“ damals darstellte. Wie man fälschlicherweise annehmen könnte, geht es in der Geschichte mitnichten um eine individuelle, therapeutische (Wieder)Aufarbeitung des eigen Erlebten, sondern um einen Blumenstrauß an Themen. Kaleb Erdmann versteht es, feinfühlig und bedacht die Frage nach einem Erinnern und Gedenken an ein Ereignis mit Zäsurcharakter mehrschichtig in ein Romankonstrukt einzubetten. Dabei vollzieht sich ein steter Wechsel zwischen individuellem Behandeln und kollektivem Verhandeln. Auf der einen Seite steht ein: Warum und wie möchte ich mich einem Ereignis, das in seiner rationalen, chronologischen Abfolge abgeschlossen niedergeschrieben steht, nähern? Kann ich, muss ich, will ich überhaupt? Während auf der anderen Seite steht: Wie wirkt ein solches Ereignis 20 Jahre nach? Tut es das überhaupt noch, muss es das noch? Was konnte sich, was wollte sich und was musste sich verändern - in Menschen, in Kommunikation, in Orten, Politiken und Kunst? Was ist geblieben? In den Verstrickungen beider Punkte ergibt sich eine Odyssee in die Weiten der Erinnerung, nicht unbedingt zielgerichtet. Aber sie verliert sich auch nicht in einer Beliebigkeit, sondern entwickelt stellenweise eine soghafte Tiefgründigkeit - wie in der akribischen Auseinandersetzung mit dem Gasser-Bericht, in dem sich Herantasten an die Person und Position des Täters, die an Levés „Selbstmord“ erinnert, oder der sich konstant stellenden Frage, warum man eine Katastrophe in Kunst verwandeln sollte. Die Ausweichschule wird zur Kontextualisierung und gibt dem Roman so die inhaltliche Klammer: „Wenn man sich aber fragt, wem oder was da eigentlich ausgewichen werden sollte, dann macht sich ein merkwürdiger Assoziationsraum auf.“ (S. 148) Die große Stärke in Erdmanns Ausführungen zeigt sich in der Nahbarkeit, die dem Protagonisten beiwohnt. Er bietet einen menschlichen Charakter auf, der in seiner Verletzlichkeit, in seiner Angst und in seinem manchmal Abstand nehmen müssen persönlich zugänglich wird. Ich war in der 4. Klasse, als der Amoklauf passierte und kann mich noch sehr gut daran erinnern, was die Tage danach in mir vorging, auch wenn ich in Sachsen „weit entfernt“ von Erfurt war. Ich entwickelte eine diffuse Angst, nach dem Sommer auf das Gymnasium zu wechseln und konnte es nicht artikulieren; für mich unvorstellbar, wie es als Schüler des Gutenberg Gymnasiums gewesen sein muss. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit in einem Leben, aber manchmal auch nicht Abstand genug. Eine große Leseempfehlung meinerseits.

Kaleb Erdmann war am 26. April 2002 in seinem Schulgebäude anwesend als ein Amoklauf stattfand. Er berichtet über Traumafolgen und versucht diese mit Schreiben eines Buches aufzuarbeiten und zu verarbeiten. Dafür begibt er sich auf eine Recherche-Reise, die ihm mental einiges abverlangt. Es wurde deutlich, wie sehr der Autor unter den Folgen des Erlebten leidet. Diese Darstellung ist berührend und lässt mitfühlen. Auch seine Erkenntnis, dass jeder Mensch Trauma anders erlebt und unterschiedliche Auslöser für ein Trauma hat sowie die gesellschaftlichen Erwartungen regen zum Nachdenken an. Obwohl es ein wichtiges Thema ist, hat mir das Buch nur mittelmäßig gefallen. Sein Erzählstil hat mir irgendwie nicht zugesagt, die Zeitsprünge ohne Zeitangaben waren für mich manchmal verwirrend sowie die Vergleiche mit der Kunstwelt etwas womit ich nicht wirklich was anfangen kann.
Ich wollte so sehr, dass es mir gefällt. Es gab soviele begeisterte Stimmen. Aber es ging überhaupt nicht an mich. Über 6 Stunden Gedanken. Mehr oder weniger unsortiert. Nein leider war das nix.
Ein weiterer persönlicher Favorit für den Deutschen Buchpreis! April 2002: Kaleb Erdmann ist Fünftklässler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium als Robert Steinhäuser bewaffnet das Schulgeböude betritt und 16 Menschen und anschließend sich selbst erschießt. 20 Jahre später bringt ein Vorfall in einer Kneipe das damals Erlebte und teilweise Verdrängte mit Wucht zurück. Was nun folgt, ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung (und immer wieder der Frage, inwieweit man der eigenen Erinnerung trauen kann) und der eigenen Psyche. Erdmann beschließt ein Buch über seine Zeit als 11 jähriger Schüler während und nach dem Amoklauf zu schreiben. Aber wie geht man so ein schwieriges Thema an, zumal, wenn man der eigenen Kindheitserinnerung nicht mehr traut. Der Roman bewegt sich dabei nahezu die ganze Zeit auf der Metaebene- und trotzdem schafft er es auf diesem Weg, die damaligen Ereignisse für uns aufzuarbeiten und zu berichten. Literarisch finde ich das sehr gelungen. Außerdem mag ich die sympathische Ehrlichkeit und Selbstironie des Autors. Ein absolut lesenswertes Buch 👍
Wirklich gelungene literarische Aufarbeitung des Erfurter Amoklaufs, die trotz der Schwere des Inhalts eine gewisse Leichtigkeit behält und vielen Themen (kollektives Trauma, Erinnerung, Opferrolle) den nötigen Raum gibt 🙌🏻
Großartig. Und das gleich auf mehreren Ebenen. Jeder Satz sitzt in desem Buch, wo er hingehört. Wie auf einem Fächer klappt sich die Geschichte auf, durchzogen von Erinnerungen. Erinnerungen, die verzerrt sind und hinterfragt werden. Kaleb Erdmann tastet sich suchend vor, nimmt sich Zeit ohne dabei jemals zu trödeln oder in Belanglosigkeiten abzudriften. Wie gehen Menschen mit Geschehnissen um, die unbegreiflich sind und die sich scheinbar nicht in Worte fassen lassen? Es ist ein Buch über die Verarbeitung von einem Trauma, aber auch ein Buch übers Schreiben. Ungekünstelt und authentisch, absolut empfehlenswert!
Eine vielschichte Auseinandersetzung mit den Ursachen, der medialen Darstellung und der gesellschaftlichen Wahrnehmung vom Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2002.
Kaleb Erdmanns innovative Herangehensweise gefiel mir nach anfänglichen Startschwierigkeiten (die vielen Ebenen und Gedankensprünge machten das Hörbuchformat zu einer Herausforderung) sehr gut. Meine Sorge, durch eigene Erfahrungen emotional aufgewühlt zu werden, waren unbegründet, denn der Ton des Romans ist ernst, und reflektiert, zugleich aber analytisch genug um Distanz zu wahren. Insgesamt ein intelligentes, forderndes und respektvolles Buch.
Bewegend…🥺 Es gibt hier bereits einige Rezensionen, die Aufschluss über Inhalt und Aufbau des Romans geben. Mir liegt eher daran, einige meiner Gedanken zum Autor zu teilen. Ich kannte Erdmann bisher noch nicht. Ich bin froh, dass dem nicht mehr so ist. Durch Caroline Wahl auf diesen aufmerksam geworden. Seine Art zu schreiben, hat mich sehr angefasst. Die Annäherung an den erschütternden Vorfall - ja diese schwer zu überblickende und zu verstehende Katastrophe - habe ich als außergewöhnlich empfunden und erlebt. Bemerkenswert finde ich, wie viel er dabei auch über sich selbst Preis gibt. Seine eigene Aufarbeitung, die sehr wellenförmig verläuft und vielleicht noch immer anhält. So kann man dem Autor, seinen Gedanken und Gefühlen ganz nah sein, was ich ziemlich stark finde. Kaleb ergründet Perspektiven und schreibt literarisch anspruchsvoll. Für mich eine besondere Leseerfahrung. Ausdrücke, die mir im Gedächtnis bleiben werden: Gurkenflasche - Pendolino - Schwemme - Gagaring - Ritter-Sport-Wochenende - Mannheim-Essenz und das Höllenfenster Und viele weitere…
Literarischer Umgang mit Trauma und gesellschaftlichen Wunden
»Nach einem halben Jahr des Schreibens weiß ich immer noch wenig über meine eigene Motivation, aber ich weiß, dass ich nichts aus dem Amoklauf lernen will, weil er kein Schulbuch, kein Schaubild, kein Merksatz ist, dass ich nichts aus ihm schöpfen will, denn er ist kein Waschbecken und kein Brunnen, sondern ein reales Ereignis, in dessen Folge heute siebzehn Menschen nicht mehr leben.« (120) Kaleb Erdmann setzt sich in seinem neuen Roman »DIE AUSWEICHSCHULE« intensiv mit dem 2002 passiertem Amoklauf in Erfurt auseinander. Er selbst war damals Schüler des Gutenberg-Gymnasium und hat eigene Erinnerungen an diesen schrecklichen Tag. Doch wie valide sind seine eigenen Erinnerungen? Und wie kann mensch einen Roman über dieses Ereignis schreiben, das diesem gerecht wird? Warum all das aufschreiben und zu einem Roman verdichten? Als Lesende begleiten wir den Autor dabei, wie er genau bei diesen Fragen struggelt, wie er zwischen Nachforschung, Therapie, Schreiben und Leben diesen Roman verfasst. Ein auf vielen Ebenen anspruchsvolles Unternehmen, das er auf sehr reflektierte, emphatische, bewegende Weise. Sein Debüt »wir sind pioniere« war nicht nur vom Inhalt und Stil so ganz anders als dieser zweite Roman, der BTW für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert ist (Herzlichen Glückwunsch !). Umso beeindruckender ist das Schreiben und Können dieses Autors. Grosse Empfehlung für diesen starken Roman, der kein easy peasy read ist, aber dafür umso aktueller und wichtiger ist!

Ein berechtigter Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises, weil hier sprachliche Kunst und gesellschaftliche Relevanz überzeugend zusammenfinden.
Der Roman verarbeitet den Amoklauf von Erfurt nicht linear, sondern über Erinnerungen, Metaebenen und das Nachdenken über das eigene Schreiben. So entsteht ein Text, der literarisches Experiment und historische Auseinandersetzung miteinander verbindet. Immer wieder wird mit der sprachlichen Präzision des Erwachsenen die kindliche Perspektive aufgearbeitet, etwa wenn es heißt: „[…] dass eine Ausweichschule eine Schule ist, in der man das Ausweichen lernt: einer Gefahr, einem Gefühl oder einer Patrone.“ Solche Passagen eröffnen einen Zugang zum Unsagbaren. Die Sprache ist anspruchsvoll und sensationslos. Die sachliche Distanz verleiht dem Text seine Stärke, mindert jedoch an einigen Stellen die vermittelten Emotionen. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die anspruchsvolle literarische Texte schätzen und sich intensiv mit dem Thema und dessen Aufarbeitung auseinandersetzen möchten.

Ein im besten Sinne an Emmanuel Carrère geschulter Roman. Immer die Möglichkeiten des Schreibens und Erinnerns am ausloten. Das Buch ist eben nicht voyeuristisch und doch aufrichtig im erzählen von dem was passiert ist. Hervorragend geschrieben, nie abschließend in seinen Erkenntnissen und implizit sogar eine Abrechnung mit jedem True Crime Schrott.
Abgebrochen auf Seite 240
Die Auswahlschule ist kein klassischer Roman, sondern eher ein Meta-Projekt: Man begleitet den Autor dabei, wie er selbst an dem Buch arbeitet, recherchiert und schreibt und genau das ist dann wiederum das Buch. Ein interessanter, ungewöhnlicher Ansatz, der sicher nicht jedem gefallen muss, mir aber anfangs durchaus spannend vorkam. Ich habe es als Hörbuch gehört und muss ehrlich sagen: Ich kam einfach nicht voran. Ich höre wirklich viele Hörbücher, aber hier habe ich mich über Wochen durchgequält. Immer wieder kleine Stücke, nie wirklich mitreißend. Inhaltlich ist das Thema wichtig, keine Frage, aber die Erzählweise war mir zu zäh, zu beobachtend, zu wenig fesselnd. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich einfach kein echtes Interesse mehr hatte, weiterzuhören, obwohl ich schon fast durch war. Spannende Idee und ambitioniertes Konzept, aber für mich zu langatmig erzählt.
Ein super Buch,über ein reales Geschehnis
Ich finde das Buch super.Es beschreibt das dramatische und traurige Geschehen am 26.04.2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium.Mit etwas Humor vermischt und wie der Ich-Erzähler ein Buch schreiben tut wird erzählt.Der Epilog ist dann wieder ein trauriges Geschehen.Erst Menschen erschießen und dann Suizid.
Rezensionsexemplar Das Buch behandelt ein unglaublich schweres Thema: Der Autor erzählt vom Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, (26. April 2002) den er als Fünftklässler miterlebt hat, und davon, wie diese Erinnerungen bis heute in seinem Leben nachwirken. Das ist eindringlich, persönlich und stellenweise sehr bewegend – und meine Bewertung richtet sich ausdrücklich nur auf den Schreibstil, nicht auf sein Erlebtes.
Ich gebe dem Buch 3,5 von 5 Sternen, möchte aber ausdrücklich betonen, dass sich meine Bewertung ausschließlich auf die Art der Erzählung und den Schreibstil bezieht – nicht auf die Erlebnisse des Autors oder den Amoklauf selbst. Das, was er erlebt hat und wie er es empfunden hat, steht für mich außer Frage und wird von mir nicht bewertet. Mein Eindruck richtet sich nur darauf, wie diese Geschichte literarisch umgesetzt wurde. Im Buch erzählt der Autor davon, wie er als Fünftklässler den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erlebt hat, wie sich dieser Tag in seine Erinnerung eingebrannt hat und wie die Auswirkungen bis heute in seinem Leben nachhallen. Er versucht zu beschreiben, was dieses Ereignis mit ihm gemacht hat, wie es ihn geprägt hat und wie er viele Jahre später versucht, sich den Erinnerungen erneut zu nähern – teils durch Recherchen, teils durch persönliche Gespräche, teils durch das Schreiben selbst. Das Thema ist zweifellos wichtig und stellenweise gelingt es dem Autor sehr gut, einen mitzunehmen und in seine Gedankenwelt hineinzuziehen. Manche Passagen haben mich wirklich berührt, weil sie klar, eindringlich und nachvollziehbar geschrieben sind. Doch gleichzeitig bin ich immer wieder an Grenzen gestoßen, die meinen Lesefluss massiv gebremst haben. Der häufige Wechsel der Zeitebenen – teilweise sogar mitten im Absatz oder von einem Satz zum nächsten – hat dazu geführt, dass ich immer wieder neu sortieren musste, wo wir uns gerade befinden. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber hier wirkte es oft so abrupt, dass ich aus der Geschichte herausgerissen wurde. Dazu kamen viele Ausschweifungen und Alltagsbeschreibungen, die für mich keinen echten Mehrwert hatten und die Erzählung eher ausbremsen. Ob Fußbad, Comics oder kleine Nebenszenen – vieles davon wirkte auf mich unnötig ausführlich und hat die eigentliche Thematik verwässert. Obwohl das Buch gar nicht so viele Seiten hat, habe ich doch mehrere Wochen dafür gebraucht, weil ich immer wieder über solche Stellen gestolpert bin und mich neu orientieren musste. Ich bin während des Lesens oft hin- und hergerissen gewesen. Es gibt Momente, die sehr stark sind und mich vollkommen abgeholt haben – und dann wieder Passagen, die mich gelangweilt oder verwirrt zurückgelassen haben. Diese Diskrepanz macht es schwer, das Buch eindeutig einzuordnen. Letztlich bleibt für mich eine Mischung aus Respekt für das Thema einerseits und Kritik am literarischen Stil andererseits. Aus diesen Gründen entscheide ich mich für 3,5 von 5 Sternen. Nicht als Bewertung seiner Geschichte oder seiner persönlichen Erfahrungen mit dem Amoklauf, sondern ausschließlich der Art, wie sie erzählerisch umgesetzt wurde.
Formal und inhaltlich interessante, intensive Beschäftigung mit der Frage, inwiefern es zulässig ist, aus einem Amoklauf Literatur zu machen. Es fiel mir ein wenig schwer, den Text als Roman aufzunehmen.
Literarisch interessantes Buch mit einem spannenden Hauptthema, was ich weder herzlichst empfehlen noch großartig kritisieren kann.
Ein Buch voller sprachlicher Genauigkeit und literarischer Fantasie. Also: viele Metaphern werden verwendet, Wörter und Phrasen werden aufs Genauste analysiert, viele Gedanken um ein und denselben Sachverhalt: der Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt im Jahre 2002. Inhalt 📖: Wir verfolgen den Protagonisten, der den Amoklauf selbst miterlebt hat und deshalb ein Buch darüber schreiben will. Durch die Recherche und das Schreiben und mithilfe von Essen versucht er, das erlebte Trauma zu kompensieren. Wir verfolgen ihn bei seinen Recherchen, wie er Dokumente und die Medien von damals durcharbeitet, mit alten Kollegen spricht und an den Ort des Geschehens zurückkehrt. Ein Dramatiker will ein Theaterstück über den Amoklauf schreiben, weswegen sich die beiden zusammensetzen. Themen 📖: Der Protagonist will insbesondere mit seinem Werk diesem schrecklichen Ereignis gerecht werden, also den richtigen Ton treffen und fragt sich, ob überhaupt und wenn, wie am besten über solch reale Schrecken berichtet werden soll. Wir erfahren, wie sich der Amoklauf abgespielt hat, wie die Medien reagiert haben, wie die Regierung mit dem Vorfall umgegangen ist und welche Probleme ausgeblendet bzw vernachlässigt wurden, insbesondere die Psyche der Kinder und Jugendlichen. Bewertung✨Ein literarisch interessantes Buch mit einem spannenden Hauptthema. Modern geschrieben, sodass der Start gut gelingt. Insgesamt eher düster und nüchtern, aber zwischendurch auch irgendwie amüsant. Für mich persönlich kann ich leider keinen bestimmten Zweck erkennen, da es mich weder besonders gut unterhalten hat, noch besonders bewegt hat, und auch nicht wirklich Fragen aufgeworfen wurden, die mich besonders fasziniert hätten. Also kann ich es weder besonders empfehlen noch großartig etwas an dem Buch aussetzen. Es befindet sich nach meinem persönlichen Empfinden einfach in einem neutralen Bereich.
“Die Ausweichschule” von Kaleb Erdmann ist 2025 zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden. Der Ich-Erzähler nimmt die Lesenden mit auf eine Reise in die Vergangenheit, denn er muss sich, als ein Dramatiker seine Erinnerungen an den Amoklauf in Erfurt 2002 für ein Theaterstück verwenden will, seinen Erinnerungen daran und etwaigen daraus resultierenden Traumata stellen. Erdmann verhandelt hier in erster Linie gar nicht den Amoklauf selbst, sondern das Erinnern sowie die Frage, inwieweit man als nicht direkt Betroffener überhaupt das Recht auf öffentliche Verarbeitung hat und seziert die Auswirkungen der Tat auf das Leben seines Protagonisten. Das Springen zwischen den Zeitebenen (Gegenwart sowie nahe Vergangenheit) hat mich recht oft durcheinander gebracht und ich habe etwas gebraucht, um mich in den Text zu finden, fand ihn dann jedoch sehr spannend und faszinierend. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung. *Das eBook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Kaleb Erdmann – Die Ausweichschule "Die Ausweichschule" ist ein autofiktionaler Roman 📚 von Kaleb Erdmann, der seine Erfahrungen als 11-jähriger Schüler des Erfurter Amoklaufs von 2002 literarisch aufarbeitet.
Ihm gelingt die Verarbeitung des Traumas 🧠 indem der erwachsene Erzähler 20 Jahre später mit der Frage ringt, wie man über ein solches Ereignis spricht, wenn man zwar überlebt, aber die unmittelbare Gewalt nicht gesehen hat (das "Recht des Unversehrten"). Die Aufarbeitung erfolgt über Erinnerungen, Gespräche mit einem Dramatiker 🗣️, Treffen mit Schulkameraden 👥 , Besuch derOriginalschauplätze und viele literarische Bezüge 📖. Der Roman zeichnet sich durch einen bemerkenswerten Balanceakt aus: Trotz der Schwere des Themas ist der Ton oft locker, nahbar und überraschend komisch, was eine tiefgehende Auseinandersetzung ohne Pathos ermöglicht. Ich finde es ist ein kluger und eindringlicher Text, der die Erinnerungskultur und die Moralität des Schreibens über extreme Gewalt reflektiert. Das Ende 💥, unterstreicht die anhaltende Bedrohung und die Unmöglichkeit einer abgeschlossenen Traumabewältigung.
Das Buch ist wirklich etwas Besonderes und steht zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ich wäre sonst wahrscheinlich nicht auf das Buch aufmerksam geworden und finde es jetzt sehr gut, dass ich es dadurch gelesen habe. Die erste Hälfte fand ich sehr stark. Die Auseinandersetzung mit den Folgen des Amoklaufs und dem Recht darüber zu berichten fand ich sehr spannend. Viele Aspekte wurden beleuchtet und auch die Berichterstattung wurde kritisch unter die Lupe genommen. Leider hat es mich in der zweiten Hälfte etwas verloren, weil es mir etwas zu ausschweifend war und ich nicht mehr folgen konnte. Dennoch eine große Empfehlung.
Berührend, ehrlich, reflektiert und oft auch komisch trotz der Tragik
Auch vom zweiten Roman von Kaleb ein großer Fan, was soll ich sagen. Sollte jede*r lesen, wenn ihr mich fragt.
Bewegendes Buch in dem der Autor seine Erinnerungen verarbeitet und wirklich berührt.
Ich fande es gut Formuliert und Interessant. Zwischendurch ein wenig langatmig. Ich selber komme aus Erfurt und habe das alles selbst gehört und verfolgt was da geschehen ist.
Perspektivisch Einzigartig, Thematisch nicht ohne
Dieses Buch ist gleichzeitig schwierig und einfach zu lesen. Die erzählerische Perspektive ist wirklich einmalig, auch wenn es etwas „meta“ ist, wenn ein Autor über das Schreiben eines Buches schreibt. Aber ich halte das Thema der Traumabewältigung für sehr wichtig und habe die Darstellung als sehr ehrlich ehrlich empfunden. Ich würde dieses Buch weiterempfehlen auch wenn ich andere Leser vor einem schwierigen Thema waren muss.
Alles andere als ausweichend und dennoch aushaltbar.
Ein Buch, von dem ich nicht wusste ob seine Lektüre aushalten können würde. Letztlich finde ich die Form, in der sich den unsagbar furchtbaren Ereignissen genähert wird, sehr besonders und passend. So ist es erträglicher es zu lesen, in dem sich aus diesem Blickwinkel der erneuten Spiegelung genähert wird. Die subtil eingestreuten psychischen Folgen, mit denen der Erzähler zu kämpfen hat, vermitteln unterschwellig, welche Folgen so ein Trauma bis in die kleinsten Alltagsbereiche hat. Als Bereicherung für mich persönlich empfinde ich die berichtenden Passagen, in denen es Sachbuch-artig um die Berichtererstattung und das Krisenmanagement geht. Diese verschiedenen Erzählstile sind sehr gut mit einander ausbalanciert. Für mich persönlich kommen viele Erinnerungen hoch, der Tod Lady Dis, der 11. September und auch Erfurt waren die ersten Ereignisse, bei denen ich als Kind/Jugendliche das Gefühl hatte, die Welt steht still, auch für die Erwachsenen. Wo wir alle vorm ARD brennpunkt gesessen haben, wo es am nächsten Tag Vakuum gab. Die expliziten Schilderungen waren natürlich furchtbar. Die Angst den Familienangehörigen könnte an Orten wie Schule oder Kita etwas Furchtbares passieren, ist meist gut verdrängt. Die Interviews mit dem Lehrer, auch das Theaterstück mit dem Fokus auf den Eltern des Attentäters und die Passagen rund um die TraumaTherapeutin (Hausmeister…) haben mich sehr berührt. Sowie ebenso die Schilderung der einzelnen, abgerückten, schlecht brennenden Kerze. Manchmal malt das Leben selbst die erstaunlichsten Bilder. Immer wieder werden humorvolle Passagen eingeflochtene, das ist ebenso sehr gelungen und hatte ich in der Form nicht erwartet. Beispielsweise die Gespräche mit der Mutter des Erzählers empfand ich sehr unterhaltsam und relatable geschrieben. Ich muss aber auch zugeben, dass ich am Anfang eine Weile gebraucht habe, um reinzukommen, einmal angekommen, musste ich es aufgrund der entstanden Sogwirkung direkt abschließen.
Sprachlich schön, solide, mir zu sprunghaft und ich war zum Schluss etwas verloren
Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt und besucht die 5. Klasse des Gutenberg-Gymnasiums, als ein Schüler seiner Schule einen Amoklauf begeht und dabei 16 Personen und schließlich sich selbst tötet. Erdmann selbst ist eigentlich mittendrin, sieht den Täter – doch nach eigenen Überlegungen war er vielleicht doch nicht nah genug dran gewesen, um darüber schreiben zu dürfen. Ständig hinterfragt er sich und sein 11-jähriges Ich. Was hat er tatsächlich selbst erlebt, und was hat sein Kopf seinen Erinnerungen hinzugefügt? Über den Amoklauf selbst geht es nur in einem kleinen Bruchteil, vielmehr stehen die Gedanken des Autors im Mittelpunkt – wie er damit umgeht, was er danach gedacht und getan hat und wie er aktuell dazu steht. Leider wird der Roman nicht stringent erzählt, sondern springt rein thematisch, sodass ich mir zum Schluss gar nicht mehr sicher bin, wie die zeitliche Abfolge einzelner Gedanken und Handlungen war. (Ich habe es als Hörbuch gehört.) Auch habe ich gegen Ende auf ein Fazit gehofft, das ausblieb. Und so bleibe ich etwas orientierungslos zurück. Das Einzige, was ich mitnehme, ist der Gedanke, ob bzw. warum wir für alles eine Erklärung und bestenfalls eine Einordnung brauchen: Idealerweise zieht sich ein Amokläufer vor der Tat sozial zurück, spielt Killerspiele, und zack – haben wir eine Begründung, die uns wieder ruhig schlafen lässt. Was, wenn ein Jugendlicher einen Amoklauf begeht, auf den das nicht zutrifft?!
Hab das Hörbuch gehört- ich mochte es. Allerdings hat mich jetzt auch nicht nachhaltig mitgerissen oder stark berührt.
Nur oberflächlich am Thema dran
Mich hat Erfurt als Schülerin betroffen, es war das erste Erkennen, dass es mehr Dinge und Abgründe gibt, die man sonst so in seiner kleinen, dörflichen Schulblase gekannt hat. Danach kannte man Schule auch als den Ort der lauten Stille und weinenden Lehrkräfte, die ihre Tränen und Gedanken ungefiltert mit Schülern geteilt haben. Der wievielte Grad einer Traumatisierung das wohl ist? Von diesem Buch hatte ich mir eine sachliche Ebene versprochen. Ein Blick auf Erlebnisse nach Erfurt, in Erfurt. Als bisherigen Teils von Erfurt. Was war aber der Inhalt? Mobile Klos dank Eigenurin in Flaschen, Dialoge bei Fußbädern und ein Springen zwischen kurzen Erinnerungen an Erfurt und die Zeit danach und einem viel zu langem Reisebericht, bei dem man lieber Zuhause bleiben möchte.
Richtig guter Roman, Metaebene gut gelungen und hat mich gecatcht- trotz des schweren Themas des Amoklaufs, spürt man die Schwere nicht auf dem Papier.
Ein grandioser Roman, berührend, packend, fesselnd und meisterhaft geschrieben. Mehr kann ich dazu nicht sagen - außer: lest es!
Sehr sehr lesenswert und regt absolut zum Nachdenken an. Es würde mich sehr freuen, wenn Kaleb Erdmann mit diesem Buch den deutschen Buchpreis gewinnt.
Was darf man schreiben? Was kann man schreiben?
Der Ich-Erzähler widmet sich dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, den er selbst als 11-Jähriger erlebt hat, auf mehreren Ebenen. Die große Metaebene, die über allem schwebt, ist die Frage, wie kann man über so ein Ereignis einen Roman schreiben und: darf man über so ein Ereignis einen Roman schreiben. Darf man alte Wunden aufreißen? Verbunden ist diese Ebene mit einer zweiten: den Auswirkungen des Erlebten auf die Psyche des Ich-Erzähler, dem Trauma, den eventuell verschwommenen Erinnerungen. Das Wiederum hängt eng mit der dritten Ebene zusammen: der Tag des Amoklaufs und der Umgang der Schule und Behörden damit. All diese Ebenen arbeitet der Autor auf und ist dabei ehrlich, schonungslos und direkt. Das Buch ist auf allen Ebenen gelungen und fordert den Leser immer wieder heraus, sich einige Fragen auch zu stellen, die sich der Ich-Erzähler stellt. Herausstellen würde ich zusätzlich noch die Dialoge, insbesondere zwischen dem Erzähler und seiner Freundin Hatice, die immer authentisch wirken und den Erzähler (und Leser) immer wieder in das Jetzt zurückholen.
Das bedrückende Thema des Erfurter Amoklaufs wird hier auf einer interessanten Metaebene dargestellt. Statt einer Geschichte die erzählt was passiert ist, schildert der Autor seine Gedankengänge darüber ob und wie man das Geschehene literarisch darstellen sollte. Dabei fragt er sich auch ob er als jemand der zwar anwesend, aber doch eher am Rande des Geschehens war überhaupt das Recht hat sich dieser Tragödie literarisch zu nähern. Wirklich mal etwas ganz Neues das ich so noch nicht gelesen habe und das mir noch lange im Kopf bleiben wird. Zwischenzeitlich fand ich allerdings, dass es sich teils auch gezogen hat und ich werde Flaschen wohl nun leider noch einige Zeit mit anderen Augen sehen- if you know you know 😬 das war mir dann stellenweise doch too much. Insgesamt aber ein wirklich würdiges Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises
Ich selbst arbeite in einem Kindergarten und die Vorstellung von einem Amoklauf ist einfach nur grausam! Den Amoklauf in Erfurt habe ich nur am Rande mitbekommen, damals war ich einfach noch zu jung. Ich lebe aber nur wenige Autominuten von Winnenden entfernt! Diese schreckliche Geschichte hat die ganze Gegend damals tief erschüttert und wird mir für immer in Erinnerung bleiben! Es ist der Tag der Abiprüfung im Jahr 2002 als Robert S. Bewaffnet in seine ehemalige Schule stürmt und etliche Menschen tötet. Viele Jahre später kann Kaleb Erdmann das erlebte noch immer nicht vergessen. Was für eine spannende Thematik. Ich finde das Buch sehr zweigeteilt. Es geht zum einen um die Entstehung und die Recherche zu diesem Buch! Wir begleiten Erdmann auf seinem Weg zurück in die schmerzhafte Vergangenheit. Und dann geht’s ganz konkret um den Amoklauf von Erfurt. Dieser Teil war natürlich Ultra spannend! Es ist wie im Buch beschrieben, die Erinnerungen an diese grausame Taten sind im Gehirn vorhanden, werden aber verdrängt. Als ich einige Fakten zum Amoklauf gelesen hatte, waren die Erinnerungen plötzlich wieder da. Es war sehr interessant die Sichtweise eines anwesenden Schülers zu lesen! Die Wahrnehmung aus der Sicht der Kinder hat mich sehr erstaunt! Was mich aber sehr erschreckt hat war der Umgang mit dem Trauma der Behörden! Wie immer sind Institutionen nicht eingestellt auf den Ernstfall! Das hat man ja bei Corona erst wieder gesehen! Gehandelt wird, wenn es zu spät ist! Wenn ich lese, das es nur eine fähige Therapeutin zur Behandlung von traumatischen Ereignissen gab, dann stellen sich mir die fusshaare auf! Alles in allem eine grausame Erinnerung, die durch Erdmann aber einen neuen Blickwinkel bekommen hat! Die Geschichte drumherum war oft ein wenig zäh! Man liest heraus das Traumata eben unbehandelt ein Leben lang bleiben, sich festigen und eben nicht von alleine verschwinden! Sie lauern! Tief in uns!
Gibt es -die- Vergangenheit?
Ein Buch über das Wesen des Erinnerns, das ohne jenes zitierte „Glotzen durch das Höllenfenster“ auskommt. Was ist damals tatsächlich geschehen, was hat er verdrängt, was hat er selbst gesehen und was hat er sich aus den Erzählungen anderer vielleicht angeeignet? Es wird indirekt so gut greifbar, dass unsere Vergangenheit und Identität am Ende auch nur eine Geschichte sind, die man auf ganz unterschiedliche Art erzählen könnte und die nicht immer frei von Widersprüchen ist. Besonders eindringlich geschildert fand ich die Differenz zwischen dem, was das Umfeld - oder ein potenzielles Publikum - vom Protagonisten und seinem Text erwartet, und dem, was er nunmal erlebt hat oder was man zum Amokläufer weiß. Den Dramatiker mit seinen einfachen Erklärungen fand ich sehr sinnbildlich für das, was wir heutzutage vielfach erleben: den Drang nach einfachen, musterhaften Erklärungen für deutlich komplexere oder nicht wirklich rational begründbare Dinge.
Unauffällig auffällig
Man erwartet definitiv was anderes von dem Buch, als was man am Ende bekommt. Dennoch finde ich hat der Autor ausgezeichnete Arbeit geleistet den „Struggle“ mit der Thematik zu vermitteln. Die Sprache, die Bilder die er dadurch kreiert ist beengend und deprimierend. Das was der Autor erreichen wollte - hat er auch erreicht. Diese Themen sollten nicht tabuisiert werden und ein offener Diskurs in Form dieses einzigartigen und charakterstarken Romans ist durchaus angebracht.





















































