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Von Norden rollt ein Donner und verhallt. Blitzlos. Keines der Tiere zuckt, auch der Hirte nicht. Er schaut nicht einmal auf, trottet weiter. Langsam, als würde die Zeit um sie träger fließen, ziehen sie hinaus über das verblühte Land, sacht gewellte Ödnis, gefärbt von braun verholztem Kraut und Sand, wo nichts emporragt außer den Wacholdersträuchern, zerbrochenen Säulen gleich. Sein Name ist Jannes Kohlmeyer, er ist neunzehn Jahre alt. Das Krachen der Panzermunition, die tagsüber auf dem Fabrikgelände des Waffenherstellers Rheinmetall getestet wird, nimmt er kaum wahr. Es gehört für ihn zur Arbeit wie das Zischen des Windes und das Blöken des Viehs. Er hat andere Sorgen. - Zitat, Seite 7 Dieser Roman von Markus Thielemann, geboren 1992, stand im Herbst 2024 völlig zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Mit Sprachgebilden, die mitunter an Gemälde Alter Meister erinnern, entführt uns der Autor in die herbstliche Heidelandschaft. Was für Sommertouristen ein blühender Sehnsuchtsort sein mag, ist für den Protagonisten Jannes, der in dritter Generation den Familienbetrieb mit am Leben hält, Wohn- und Arbeitsstätte. An diesem dunklen Oktobertag, als Jannes mit Hund und seiner Schafherde durch die Heidelandschaft zieht, hat er ganz konkrete Sorgen. Sein Stiefvater, der den Betrieb hauptsächlich betreibt, zeigt Anzeichen einer aufkommenden Demenz. Ist es wirklich nur der Stress, der sein schon fast krankhaftes Interesse an der aufkommenden Bedrohung durch den Wolf entfacht hat und der den Vater nun ständig dazu treibt, die neuesten Meldungen auf Sozialmedia zu überprüfen? Zum Thema Wolf hat der Großvater noch eine ganz andere Geschichte zu erzählen, nämlich wie er, kurz nach dem Krieg, den gierigen Räuber mit beherzten Schüssen in die Flucht getrieben hat. Doch ganz andere Geister aus der Vergangenheit scheinen plötzlich am Waldesrand aufzutauchen und unser Protagonist beginnt sich beunruhigt zu fragen, ob sein eigener Verstand wie bei der Oma auf Abwege gerät, oder ob bisher gut versteckte Geheimnisse aus der Dunkelheit ins Licht der Öffentlichkeit drängen ... Gerade die schauerlichen und unwirklichen Elemente der Erzählung tragen dazu bei, die Realität der Geschichte zu unterstreichen. Der Autor versteht es wunderbar, Bilder im Kopf des Lesenden entstehen zu lassen, die sehr lebendig und beinah greifbar wirken. Man glaubt, das Laub rascheln zu hören, man nimmt den modrigen Geruch des Erdbodens wahr und spürt die Feuchtigkeit durch die Kleidung kriechen. Aber auch handfeste Emotionen wie das große Unbehagen, welches die Tochter empfindet, wenn sie feststellt, dass ihre demente Mutter in einer völlig anderen Zeitebene steckt und den Enkel für ihren Mann im jugendlichen Alter hält, sind glaubhaft dargestellt. Der Roman stellt fest, dass uralte Ängste uns auch in scheinbar aufgeklärten Zeiten einholen, wie die jüngste Vergangenheit uns prägt und der Heimatmythos verführerisch und abgründig zugleich wirkt. FAZIT Die Geschichte dieses Buches hat mich von Anfang an abgeholt und ich bin dem jungen Hirten ohne Zögern gefolgt. Der Roman hat eine ungewöhnliche, aber sehr gelungene Mischung aus mysteriösen Elementen und bodenständiger Handlung. Absolut einer näheren Betrachtung wert. Unbedingt lesenswert.
Feb 7, 2025
Von Norden rollt ein Donner und verhallt. Blitzlos. Keines der Tiere zuckt, auch der Hirte nicht. Er schaut nicht einmal auf, trottet weiter. Langsam, als würde die Zeit um sie träger fließen, ziehen sie hinaus über das verblühte Land, sacht gewellte Ödnis, gefärbt von braun verholztem Kraut und Sand, wo nichts emporragt außer den Wacholdersträuchern, zerbrochenen Säulen gleich. Sein Name ist Jannes Kohlmeyer, er ist neunzehn Jahre alt. Das Krachen der Panzermunition, die tagsüber auf dem Fabrikgelände des Waffenherstellers Rheinmetall getestet wird, nimmt er kaum wahr. Es gehört für ihn zur Arbeit wie das Zischen des Windes und das Blöken des Viehs. Er hat andere Sorgen. - Zitat, Seite 7 Dieser Roman von Markus Thielemann, geboren 1992, stand im Herbst 2024 völlig zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Mit Sprachgebilden, die mitunter an Gemälde Alter Meister erinnern, entführt uns der Autor in die herbstliche Heidelandschaft. Was für Sommertouristen ein blühender Sehnsuchtsort sein mag, ist für den Protagonisten Jannes, der in dritter Generation den Familienbetrieb mit am Leben hält, Wohn- und Arbeitsstätte. An diesem dunklen Oktobertag, als Jannes mit Hund und seiner Schafherde durch die Heidelandschaft zieht, hat er ganz konkrete Sorgen. Sein Stiefvater, der den Betrieb hauptsächlich betreibt, zeigt Anzeichen einer aufkommenden Demenz. Ist es wirklich nur der Stress, der sein schon fast krankhaftes Interesse an der aufkommenden Bedrohung durch den Wolf entfacht hat und der den Vater nun ständig dazu treibt, die neuesten Meldungen auf Sozialmedia zu überprüfen? Zum Thema Wolf hat der Großvater noch eine ganz andere Geschichte zu erzählen, nämlich wie er, kurz nach dem Krieg, den gierigen Räuber mit beherzten Schüssen in die Flucht getrieben hat. Doch ganz andere Geister aus der Vergangenheit scheinen plötzlich am Waldesrand aufzutauchen und unser Protagonist beginnt sich beunruhigt zu fragen, ob sein eigener Verstand wie bei der Oma auf Abwege gerät, oder ob bisher gut versteckte Geheimnisse aus der Dunkelheit ins Licht der Öffentlichkeit drängen ... Gerade die schauerlichen und unwirklichen Elemente der Erzählung tragen dazu bei, die Realität der Geschichte zu unterstreichen. Der Autor versteht es wunderbar, Bilder im Kopf des Lesenden entstehen zu lassen, die sehr lebendig und beinah greifbar wirken. Man glaubt, das Laub rascheln zu hören, man nimmt den modrigen Geruch des Erdbodens wahr und spürt die Feuchtigkeit durch die Kleidung kriechen. Aber auch handfeste Emotionen wie das große Unbehagen, welches die Tochter empfindet, wenn sie feststellt, dass ihre demente Mutter in einer völlig anderen Zeitebene steckt und den Enkel für ihren Mann im jugendlichen Alter hält, sind glaubhaft dargestellt. Der Roman stellt fest, dass uralte Ängste uns auch in scheinbar aufgeklärten Zeiten einholen, wie die jüngste Vergangenheit uns prägt und der Heimatmythos verführerisch und abgründig zugleich wirkt. FAZIT Die Geschichte dieses Buches hat mich von Anfang an abgeholt und ich bin dem jungen Hirten ohne Zögern gefolgt. Der Roman hat eine ungewöhnliche, aber sehr gelungene Mischung aus mysteriösen Elementen und bodenständiger Handlung. Absolut einer näheren Betrachtung wert. Unbedingt lesenswert.
Feb 7, 2025







