
542 Followers
Nochmal eine merkwürdige Pause, in der alles, was nicht stimmte auf der Welt, zu Tage trat. Es war natürlich in erster Linie eine Gemeinheit von Juno, eine Mikroaggression, und keine Form von Rücksicht. Auf dem Weg nach Hause stand sie lange auf der Karlbrücke, machte Fotos mit dem Handy. Das glänzende, dunkle Band der Weißen Elster, darüber der Mond. Die Kamera funktionierte nicht mehr gut, auf dem Foto fuhr ein länglicher Lichtschein schräg durch den Himmelskörper. Es sah auf dem Display aus, als würde er gerade von etwas getroffen. - Zitat, Seite 114 Es kam für einige doch überraschend, dass Martina Hefter als Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2024 verkündet wurde, für ihren Roman der Gegenwartsliteratur - an dem sie laut eigenen Angaben "nur etwas länger als ein Jahr gearbeitet" hat. Während die einen Stimmen von einem "göttlichen Buch" (FAZ), welches ein "Bestseller werden" (Die Zeit) solle, Kunde geben, sehen viele Leserinnen und Leser sich mit einigen inneren Fragezeichen zur Lektüre ausgesetzt. Manche empfinden die Geschichte auch als zu öberflächlich erzählt und vermissen einen konkreten Schlusspunkt. Doch worum geht es eigentlich in "HEY GUTEN MORGEN, WIE GEHT ES DIR?" Zunächst mag man "Schlaflos in Leipzig"- Vibes empfinden, denn Juno, Anfang 50, die ihren kranken Ehemann Jupiter zu Hause pflegt, wendet sich in den Nächten den zweifelhaften Weiten männlicher Aufmerksamkeit zu. Im vollen Bewusstsein von sogenannten Love-Scammern umgeben zu sein, beantwortet sie die herzgesäumten Schmeicheleien mit provokanten Nachrichten mit fiktiven Hintergründen. Derart vor den Kopf gestoßen, blockieren die meisten Profile alsbald die Protagonistin. Doch ein junger Mann aus Nigeria lässt sich von Junos loser Internetzunge nicht abschrecken. Er enttarnt sich und bald schreiben sich Juno und Benu per WhatsApp. Juno, die ihre falsche Internetidentität beibehält, fühlt sich unsicher: wer wird hier jetzt gerade wirklich betrogen? - Spielt das überhaupt eine Rolle, denn die Frage bleibt: Gibt es überhaupt etwas Bleibendes in einer Existenz des Endlichen? Die Geschichte wird sehr stark durch ein filmisches Motiv bestimmt, welches im Roman immer wieder thematisiert und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. Um also wirklich in die Lektüre eintauchen zu können, sollte man sich - zumindest oberflächlich - mit dem Film "Melancholia" auseinandersetzen. Der Film wurde von dem dänischen Regisseur Lars van Trier gedreht und im Jahr 2011 veröffentlicht. In dem Film interpretiert der Regisseur das "Tristan und Isolde"-Motiv für sich und stellt es als Todestrieb dar (konträr zum Gedanken der ewigen Liebe). Sein entsprechendes musikalisches Zitat aus der Wagner-Oper begleitet dann auch den Albtraum der jungen und depressiven Justine, in der ein wandernder Planet die Erde trifft - und alles Leben auslöscht! Später wird ihre Vision rätselhafte Wirklichkeit, denn ein Planet mit dem Namen Melancholia steuert auf die Erde zu, doch Justines Mann und auch deren rationale Schwester Claire versuchen die junge Frau zu beruhigen, denn allen Berechnungen nach, wird der Fremdkörper knapp vorbei ziehen - und so kommt es auch. Doch dann steuert Melancholia erneut auf die Erde zu ... Martina Hefter verbindet also das Medium Buch mit anderen Medien wie Film und Musik. Die Intertextualität, die sich auch in Bezügen zur klassischen Literatur zeigt, wirkt dabei nur ganz minimal aufgesetzt und belebt den Text. Die Protagonistin ist stolz auf ihre Beine, die sie wohlgeformt in Pose bringt und dieser tänzerische Schwung überträgt sich beim Lesen. Als Gegenpart ist hier das Leben mit dem Partner mit einer schweren neurologischen Erkrankung. Es ist ein kluger Schritt der Autorin, im Buch diesen Ehemann zum erfolgreichen Schriftsteller werden zu lassen. Allein für die Reisebeschreibung zur Literaturveranstaltung - inklusive der Nutzung der Deutschen Bahn - lohnt die Lektüre! Was jedoch die Geschichte mit dem möglichen Love-Scammer betrifft, bleibt die Sache seltsam weichgezeichnet und unbestimmt. Die Autorin erwähnt in der Danksagung, dass der Text von einem "Sensivity Reading" begleitet wurde. Vielleicht hat dies zu diesem Eindruck beigetragen. Außerdem ist es schade, dass wir beim Lesen trotz der auktorialen Erzählweise nur die Perspektive der Protagonistin einnehmen. Darum wirkt der Text insgesamt, trotz der vielen erwähnten positiven Aspekte, wenig komplex. FAZIT Tatsächlich war ich nach den vielen gehörten negativen Stimmen überrascht, wie gut mir die Geschichte gefiel. Besonders die Hommage an den doch recht kontrovers diskutierten Film Melancholia hat mir gefallen. Ich habe mir während des Lesens den musikalischen Ausschnitt aus dem Wikipedia Artikel angehört und auch die Rezension von Wolfgang M. Schmitt (wie jung er da aussieht!) auf dessen YouTube Kanal Die Filmanalyse angesehen (und für sehenswert gehalten). Der Film Melancholia beschreibt - meiner Meinung nach - sehr treffend einen speziellen psychischen Zustand der Gelöstheit oder Euphorie einer Person, die beschlossen hat, ihrem Leiden und damit auch sich selbst ein Ende zu setzen. Entsprechend war ich sehr gespannt auf die finale Auflösung der Geschichte im Roman. Aber - der Knall blieb aus. Insgesamt war der Buchpreisträger 2024 eine interessante Lektüre, der es persönlich an Biss gefehlt hat! Hat jemand bereits eigene Erfahrungen, die geteilt werden wollen? Oder seid ihr jetzt neugierig auf das Buch geworden?
Feb 9, 2026
Nochmal eine merkwürdige Pause, in der alles, was nicht stimmte auf der Welt, zu Tage trat. Es war natürlich in erster Linie eine Gemeinheit von Juno, eine Mikroaggression, und keine Form von Rücksicht. Auf dem Weg nach Hause stand sie lange auf der Karlbrücke, machte Fotos mit dem Handy. Das glänzende, dunkle Band der Weißen Elster, darüber der Mond. Die Kamera funktionierte nicht mehr gut, auf dem Foto fuhr ein länglicher Lichtschein schräg durch den Himmelskörper. Es sah auf dem Display aus, als würde er gerade von etwas getroffen. - Zitat, Seite 114 Es kam für einige doch überraschend, dass Martina Hefter als Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2024 verkündet wurde, für ihren Roman der Gegenwartsliteratur - an dem sie laut eigenen Angaben "nur etwas länger als ein Jahr gearbeitet" hat. Während die einen Stimmen von einem "göttlichen Buch" (FAZ), welches ein "Bestseller werden" (Die Zeit) solle, Kunde geben, sehen viele Leserinnen und Leser sich mit einigen inneren Fragezeichen zur Lektüre ausgesetzt. Manche empfinden die Geschichte auch als zu öberflächlich erzählt und vermissen einen konkreten Schlusspunkt. Doch worum geht es eigentlich in "HEY GUTEN MORGEN, WIE GEHT ES DIR?" Zunächst mag man "Schlaflos in Leipzig"- Vibes empfinden, denn Juno, Anfang 50, die ihren kranken Ehemann Jupiter zu Hause pflegt, wendet sich in den Nächten den zweifelhaften Weiten männlicher Aufmerksamkeit zu. Im vollen Bewusstsein von sogenannten Love-Scammern umgeben zu sein, beantwortet sie die herzgesäumten Schmeicheleien mit provokanten Nachrichten mit fiktiven Hintergründen. Derart vor den Kopf gestoßen, blockieren die meisten Profile alsbald die Protagonistin. Doch ein junger Mann aus Nigeria lässt sich von Junos loser Internetzunge nicht abschrecken. Er enttarnt sich und bald schreiben sich Juno und Benu per WhatsApp. Juno, die ihre falsche Internetidentität beibehält, fühlt sich unsicher: wer wird hier jetzt gerade wirklich betrogen? - Spielt das überhaupt eine Rolle, denn die Frage bleibt: Gibt es überhaupt etwas Bleibendes in einer Existenz des Endlichen? Die Geschichte wird sehr stark durch ein filmisches Motiv bestimmt, welches im Roman immer wieder thematisiert und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. Um also wirklich in die Lektüre eintauchen zu können, sollte man sich - zumindest oberflächlich - mit dem Film "Melancholia" auseinandersetzen. Der Film wurde von dem dänischen Regisseur Lars van Trier gedreht und im Jahr 2011 veröffentlicht. In dem Film interpretiert der Regisseur das "Tristan und Isolde"-Motiv für sich und stellt es als Todestrieb dar (konträr zum Gedanken der ewigen Liebe). Sein entsprechendes musikalisches Zitat aus der Wagner-Oper begleitet dann auch den Albtraum der jungen und depressiven Justine, in der ein wandernder Planet die Erde trifft - und alles Leben auslöscht! Später wird ihre Vision rätselhafte Wirklichkeit, denn ein Planet mit dem Namen Melancholia steuert auf die Erde zu, doch Justines Mann und auch deren rationale Schwester Claire versuchen die junge Frau zu beruhigen, denn allen Berechnungen nach, wird der Fremdkörper knapp vorbei ziehen - und so kommt es auch. Doch dann steuert Melancholia erneut auf die Erde zu ... Martina Hefter verbindet also das Medium Buch mit anderen Medien wie Film und Musik. Die Intertextualität, die sich auch in Bezügen zur klassischen Literatur zeigt, wirkt dabei nur ganz minimal aufgesetzt und belebt den Text. Die Protagonistin ist stolz auf ihre Beine, die sie wohlgeformt in Pose bringt und dieser tänzerische Schwung überträgt sich beim Lesen. Als Gegenpart ist hier das Leben mit dem Partner mit einer schweren neurologischen Erkrankung. Es ist ein kluger Schritt der Autorin, im Buch diesen Ehemann zum erfolgreichen Schriftsteller werden zu lassen. Allein für die Reisebeschreibung zur Literaturveranstaltung - inklusive der Nutzung der Deutschen Bahn - lohnt die Lektüre! Was jedoch die Geschichte mit dem möglichen Love-Scammer betrifft, bleibt die Sache seltsam weichgezeichnet und unbestimmt. Die Autorin erwähnt in der Danksagung, dass der Text von einem "Sensivity Reading" begleitet wurde. Vielleicht hat dies zu diesem Eindruck beigetragen. Außerdem ist es schade, dass wir beim Lesen trotz der auktorialen Erzählweise nur die Perspektive der Protagonistin einnehmen. Darum wirkt der Text insgesamt, trotz der vielen erwähnten positiven Aspekte, wenig komplex. FAZIT Tatsächlich war ich nach den vielen gehörten negativen Stimmen überrascht, wie gut mir die Geschichte gefiel. Besonders die Hommage an den doch recht kontrovers diskutierten Film Melancholia hat mir gefallen. Ich habe mir während des Lesens den musikalischen Ausschnitt aus dem Wikipedia Artikel angehört und auch die Rezension von Wolfgang M. Schmitt (wie jung er da aussieht!) auf dessen YouTube Kanal Die Filmanalyse angesehen (und für sehenswert gehalten). Der Film Melancholia beschreibt - meiner Meinung nach - sehr treffend einen speziellen psychischen Zustand der Gelöstheit oder Euphorie einer Person, die beschlossen hat, ihrem Leiden und damit auch sich selbst ein Ende zu setzen. Entsprechend war ich sehr gespannt auf die finale Auflösung der Geschichte im Roman. Aber - der Knall blieb aus. Insgesamt war der Buchpreisträger 2024 eine interessante Lektüre, der es persönlich an Biss gefehlt hat! Hat jemand bereits eigene Erfahrungen, die geteilt werden wollen? Oder seid ihr jetzt neugierig auf das Buch geworden?
Feb 9, 2026








