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Vierundsiebzig

4.4(82)
Hardcover€26.00Paperback€15.00
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About the book

«Ich habe immer gedacht, dass es das Ende ist, wenn der Himmel auf die Erde fällt. Am 3. August 2014 ist der Himmel nicht auf die Erde gefallen, aber trotzdem war es das Ende.»

Ronya Othmann will eine Form finden für das Unaussprechliche, einen Genozid, den vierundsiebzigsten, verübt 2014 in Shingal von Kämpfern des IS. Vierundsiebzig ist eine Reise zu den Ursprüngen, zu den Tatorten: in die Camps und an die Frontlinien, in die Wohnzimmer der Verwandten und von deutschen Gerichtssälen weiter in ein êzîdisches Dorf in der Türkei, in dem heute niemand mehr lebt.

« Vierundsiebzig ist vieles in einem – Autobiographie, Biographie, Reiseliteratur und Geschichtsschreibung in Echtzeit – und dennoch ein organisches Ganzes. Ein literarischer Befreiungsschlag.» Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024

Editions (1)

ISBN9783498003616
PublisherRowohlt
Publication Date03/12/24
Pages512

Reviews & Ratings

82 ratings

15 reviews

4.4

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  • 4.5

    "Ich denke, dass eine Geschichte immer aus zweierlei besteht: dem, was erzählt wird, und dem, was unerwähnt bleibt. " Die Geschichte die Ronya Othmann erzählt ist auf jeden Fall eines, nämlich kaum zu ertragen. Fast stakatoartig berichtet die Autorin von dem was ihrer Familie und ihrem Volksstamm, den Êzîden, am 3. August 2014 und in den Jahren danach, angetan wurde. Und das nicht zum ersten Mal, sondern zum Vierundsiebzigsten mal. Täter sind auch die Nachbarn, die plötzlich zu Feinden werden. "Ich schreibe: Wie hält man es aus, nicht zu wissen, ob der Mann neben dir deine Verwandten, deine Freunde ermordet hat, deine Schwester, deine Cousine, deine Nachbarin vergewaltigt." Immer wieder reist Ronya Othmann in die Heimat ihrer Vorfahren, auch gemeinsam mit ihrem Vater. Besucht die Orte der Gräueltaten, der Massaker, der unfassbare Untaten. Sie spricht mit Freunden, Verwandten und Fremden und hört sich deren Geschichten an, auch das ungesagte, das zwischen den Wörtern versteckt bleibt. Und immer wieder: Ich schreibe Ich lese Ich schreibe Ich schreibe Ich denke .... Das Gelesene hämmert sich förmlich in meinen Kopf. In einer Nebengeschichte wird von der Gerichtsverhandlung gegen eine Deutsche berichtet, die mit einem Dschihadisten verheiratet ist und in Falludscha wohnt Das Ehepaar kaufte sich eine êsîdische Sklavin die vorher von Terrormilizen des islamischen Staates verschleppt wurde, samt ihrer kleinen Tochter. Das Ehepaar quälte und misshandelt vor allem die Tochter, ...bis diese starb. Dieses Buch ist schwer auszuhalten und ich brauchte zwischendurch Pausen und trotzdem hoffe ich, daß es viele LeserInnen finden wird. Denn wir müssen die Geschichte von diesen vierundsiebzig Genoziden an den Êzîden hören, lesen und darüber sprechen. Die Menschen dürfen nicht vergessen werden, die hierbei auf das Grausamste ihr Leben verloren haben. "Ich denke: Mein Vater sieht in der einen Landschaft die Abwesenheit der anderen. "

    Oct 29, 2024

  • julsico
    julsico

    77 Followers

    3.5

    Offene Wunden

    Selten habe ich einen inhaltlich so dichten und gleichzeitig so lyrischen, tief persönlichen und doch sachlichen Text gelesen. Ronya Othmann spürt auf 500 Seiten ihren êzîdischen Wurzeln nach und der Text macht deutlich, dass diese Suche ein emotionales auf und ab zwischen Sprachlosigkeit und Wortgewandtheit darstellt. Die Autorin möchte keine Stimme ungehört und keine Information in Vergessenheit geraten lassen. Denn die Êzîden verdienen eine Sammlung wie jene, die Ronya Othmann hier geschaffen hat. Besonders getroffen hat mich die Erkenntnis, dass dieses Volk seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe kommen darf, sondern immer wieder in den Kreislauf der Gewalt gezwungen wird, sodass offene Wunden niemals heilen können. Selten habe ich einen so hoffnungslosen Text gelesen und selten habe ich so viel über das Leid einer gesamten Bevölkerungsgruppe gelernt. Daher möchte ich für mich persönlich den historischen, psychologischen und informativen Wert des Romans davon trennen, was er mir literarisch geben konnte. Ersterer ist unglaublich kostbar und sicher ein großer Beitrag für alle Êzîden. Rein subjektiv blieb der Text bis zuletzt allerdings ein eher persönliches Sammelsurium von Ereignissen, Beobachtungen, Erfahrungsberichten und Informationen. Als Leserin fühlte ich mich teilweise etwas erschlagen von den zahlreichen Orts- und Personennamen sowie Zeit- und Schauplatzsprüngen. Aus literarischer Perspektive fehlte mir daher eine Art roter Faden, an dem ich mich hätte entlanghangeln können. Insbesondere in der ersten Hälfte hatte ich den Eindruck, dass die Autorin sich selbst erst in ihrem Text zurechtfinden musste - wobei die Suche nach den (richtigen) Worten schon regelmäßig reflektiert und literarisch eingebunden wird. Der Autorin habe ich mich durch diese spezielle Form sehr nahe gefühlt, an anderer Stelle hat sie das Lesen jedoch eher erschwert. Ronya Othmanns Text hat meiner Meinung nach sehr viel Aufmerksamkeit verdient - Und ich freue mich über jede êzîdische Geschichte, die mir als Nächstes etwas beibringt.

    Oct 14, 2024

  • 4.5

    Genozid : Ein Appell hinzuschauen und zuzuhören!

    Nicht umsonst stand Ronya Othmann mit „Vierundsiebzig“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024. Als Tochter einer Deutschen und eines säkularen Jesiden thematisiert sie, stark autobiografisch beeinflusst, den Genozid, der 2014 an den Jesiden verübt wurde durch Terroristen des Islamischen Staats. Sie rüttelt wach, fordert auf hinzusehen, welch Gräueltaten sich im Sindschar-Gebirge zutrugen. Sie berichtet von Traumata, den zerstörten Behausungen, Leben, ja gar ganzer Dörfer, thematisiert einen Münchner Prozess, der gegen eine IS-Anhängerin geführt wurde und wir erfahren persönliches über ihre Beziehung zu ihrem Vater, was auch Gedanken über jesidische Identität hervorruft. Aber wie kommt es nun zum Romantitel „Vierundsiebzig“?! Der Titel gibt die Anzahl der Massaker wieder, denen die Jesiden mindestens in der Vergangenheit zum Opfer fielen, 74 historische Verfolgungen, der die Opfer ausgesetzt waren. Ronya Othmann besuchte die Orte des Geschehens im Nordirak ein paar Jahre später zusammen mit ihrem Vater, um mit Überlebenden und deren Angehörigen zu sprechen und sammelte dabei Material über die Geschichte der Jesiden und deren Verfolgung für ihren Roman. Aber Roman trifft es eigentlich nicht ganz, dieses Buch ist noch so viel mehr, vereint sowohl Geschichtsschreibung, Essay, Reiseliteratur, Erzählpassagen und Autobiografie in sich - gespickt mit fiktiven Elementen. Literarisch erforscht sie den Genozid in all seiner Komplexität - sie beschreibt erschütternde Einzelschicksale von Jesiden ebenso wie sie die Aufmerksamkeit auf die juristische und politische Aufarbeitung lenkt. Besonders hat mich mitfühlen lassen, wie eng die eigene Familiengeschichte der Autorin, mit der des jesidischen Volkes verknüpft ist. Ich habe unglaublich viel dazugelernt mit dieser Lektüre und habe den Appell der Autorin vernommen: Ich werde hinschauen, Ich werde zuhören! Ronya Othmanns „Vierundsiebzig“ ist ein Buch, dessen Dringlichkeit man sich nicht entziehen sollte - absolute Leseempfehlung!

    Jan 18, 2025

3 of 15 reviews

Author

About Ronya Othmann

Ronya Othmann, als Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-êzîdischen Vaters 1993 in München geboren, schreibt Lyrik, Prosa und Essays und arbeitet als Journalistin. Für ihr Schreiben wurde sie viele Male ausgezeichnet, u.a. mit dem Lyrik-Preis des Open Mike, dem MDR-Literaturpreis und dem Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik. Für Die Sommer, ihren ersten Roman, bekam sie 2020 den Mara-Cassens-Preis zugesprochen, für den Lyrikband die verbrechen (2021) den Orphil-Debütpreis, den Förderpreis des Horst-Bienek-Preises und den Horst Bingel-Preis 2022. Vierundsiebzig, ihr zweiter Roman, wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit dem Düsseldorfer Literaturpreis, dem Preis der SWR-Bestenliste 2024 sowie dem Erich-Loest-Preis 2025 ausgezeichnet.

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