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Mein Favoritenbuch für den Deutschen Buchpreis! 🤩
Kann man eine die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie in der die Nachwirkungen eines ganzen Jahrhunderts voller Gewalt und Vertreibung zu spüren sind, humoristisch erzählen?! Dana von Suffrin beweist uns mit „Nochmal von vorne“: Man kann! Mordechai Jeruscher hatte ein ereignisreiches Leben. Geboren als Sohn rumänischer Juden in Israel, ist er Überlebender des Holocaust und wurde doch durch den Securitate-Terror aus seiner Heimat vertrieben. Nahezu sein ganzes Erwachsenenleben hat er in München gelebt und dort eine Familie gegründet mit einer bayrischen Frau christlichen Glaubens, eine Ehe aus der zwei Töchter entstanden sind: Nadja und Rosa. Eine Familie in der der jeder allein vor sich hin lebt. Die Mutter sitzt gerne vorm Fernseher und schaut Reportagen über den Holocaust, die die deutsche Schuldfrage erörtern. Vater Mordechai möchte davon nichts wissen, macht Dinge am liebsten mit sich selbst aus, auch seine seelischen Narben, die wahrscheinlich eher auf den Jom-Kippur-Krieg zurückzuführen sind, als auf den Nationalsozialismus. Die im Pflegeheim lebende Großmutter hält nicht viel von der Ignoranz der transgenerationellen Traumata des Holocausts und versucht sich an einer Konfrontation: „Ich beginne noch einmal von Anfang, nochmal von vorne, sagte sie, und dann trug sie Nadja, die an der Kommode saß, auf, in der Schublade nach Bildern zu suchen. Wisst Ihr, wie meine Eltern ausgesehen haben?“ Leider macht ihr ihre Demenz einen Strich durch die Rechnung, bzw. durch die Erzählung. Was Dana von Suffrin gekonnt durch Situationskomik aufgreift. Das Lachen ist auch ein ambivalentes Bindemittel für die zwei ungleichen Schwestern: Der Vater Mordechai ist verstorben und Mamakind Nadja hat sich von der Familie abgewandt, mimt die Unerreichbare. Somit ist die jüngere Rosa, Papakind, nun auf sich allein gestellt. ist nun ganz allein. Rosa versucht sich an einer gedanklichen Neuordnung der Geschehnisse um zu Verstehen und dadurch für sich selbst Versöhnen, „Nochmal von vorne“ wie der Romantitel schon so schön sagt. Sie sitzt in der Wohnung des verstorbenen Vaters, wartet auf die Entrümpler, und ergibt sich den sie einholenden Erinnerungen, die sie in Form von konzentrischen Kreisen heimsuchen. Rotatorisch ringt sie um Nähe und ist doch in ihrer gedanklichen Gegenwart gefangen. Stets bewunderte Rosa ihre Schwester und so ungleich wie sie auch waren, hielt der Humor sie zusammen: „Viel öfter aber als diese Momente, in denen uns unser Spott für die Welt und die Menschen zusammenhielt, waren andere, in denen ein schmerzhaftes Ungleichgewicht herrschte und ich immer um Nadjas Aufmerksamkeit und Gunst werben musste, denn nichts war mir kostbarer, und am liebsten wollte ich so sein wie sie (während sie selbst ganz anders sein wollte).“ Ich bewundere die Figur Rosa für ihre unglaubliche Empathie, trotz ihres schimpfenden Vaters, ihrer peinlichen Mutter und ihrer abtrünnigen Schwester, begegnet sie ihnen mit einem überbordenden Verständnis, das ich selbst wahrscheinlich in der Form nicht aufbringen könnte. Was für eine außerordentlich authentische Familiengeschichte! Der Romantitel „Nochmal von vorne“ deutet schon auf die ambivalenten Vorhaben Dana von Suffrins’ hin. Denn in ihm stecken widersprüchliche Intentionen, zum einen ein Korrekturwunsch und zum anderen das Versprechen einer Neuordnung. Dana von Suffrin ist es auf eine humoristische Art gelungen, aus vehementen Lücken und melancholischen Erinnerungen eine kohärente deutsch-jüdische Familiengeschichte zu stricken, trotz des omnipräsenten Schweigens innerhalb des Familienkonstrukts. Sie ist mit dieser Geschichte zu meinem absoluten Favoriten für den Deutschen Buchpreis geworden und ich drücke ihr alle Daumen dafür, sie hätte es mehr als verdient. Wenn ihr nur ein Buch der Longlist lesen wollt, lest dieses hier, ich verspreche: Es lohnt sich!
Sep 15, 2024
Mein Favoritenbuch für den Deutschen Buchpreis! 🤩
Kann man eine die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie in der die Nachwirkungen eines ganzen Jahrhunderts voller Gewalt und Vertreibung zu spüren sind, humoristisch erzählen?! Dana von Suffrin beweist uns mit „Nochmal von vorne“: Man kann! Mordechai Jeruscher hatte ein ereignisreiches Leben. Geboren als Sohn rumänischer Juden in Israel, ist er Überlebender des Holocaust und wurde doch durch den Securitate-Terror aus seiner Heimat vertrieben. Nahezu sein ganzes Erwachsenenleben hat er in München gelebt und dort eine Familie gegründet mit einer bayrischen Frau christlichen Glaubens, eine Ehe aus der zwei Töchter entstanden sind: Nadja und Rosa. Eine Familie in der der jeder allein vor sich hin lebt. Die Mutter sitzt gerne vorm Fernseher und schaut Reportagen über den Holocaust, die die deutsche Schuldfrage erörtern. Vater Mordechai möchte davon nichts wissen, macht Dinge am liebsten mit sich selbst aus, auch seine seelischen Narben, die wahrscheinlich eher auf den Jom-Kippur-Krieg zurückzuführen sind, als auf den Nationalsozialismus. Die im Pflegeheim lebende Großmutter hält nicht viel von der Ignoranz der transgenerationellen Traumata des Holocausts und versucht sich an einer Konfrontation: „Ich beginne noch einmal von Anfang, nochmal von vorne, sagte sie, und dann trug sie Nadja, die an der Kommode saß, auf, in der Schublade nach Bildern zu suchen. Wisst Ihr, wie meine Eltern ausgesehen haben?“ Leider macht ihr ihre Demenz einen Strich durch die Rechnung, bzw. durch die Erzählung. Was Dana von Suffrin gekonnt durch Situationskomik aufgreift. Das Lachen ist auch ein ambivalentes Bindemittel für die zwei ungleichen Schwestern: Der Vater Mordechai ist verstorben und Mamakind Nadja hat sich von der Familie abgewandt, mimt die Unerreichbare. Somit ist die jüngere Rosa, Papakind, nun auf sich allein gestellt. ist nun ganz allein. Rosa versucht sich an einer gedanklichen Neuordnung der Geschehnisse um zu Verstehen und dadurch für sich selbst Versöhnen, „Nochmal von vorne“ wie der Romantitel schon so schön sagt. Sie sitzt in der Wohnung des verstorbenen Vaters, wartet auf die Entrümpler, und ergibt sich den sie einholenden Erinnerungen, die sie in Form von konzentrischen Kreisen heimsuchen. Rotatorisch ringt sie um Nähe und ist doch in ihrer gedanklichen Gegenwart gefangen. Stets bewunderte Rosa ihre Schwester und so ungleich wie sie auch waren, hielt der Humor sie zusammen: „Viel öfter aber als diese Momente, in denen uns unser Spott für die Welt und die Menschen zusammenhielt, waren andere, in denen ein schmerzhaftes Ungleichgewicht herrschte und ich immer um Nadjas Aufmerksamkeit und Gunst werben musste, denn nichts war mir kostbarer, und am liebsten wollte ich so sein wie sie (während sie selbst ganz anders sein wollte).“ Ich bewundere die Figur Rosa für ihre unglaubliche Empathie, trotz ihres schimpfenden Vaters, ihrer peinlichen Mutter und ihrer abtrünnigen Schwester, begegnet sie ihnen mit einem überbordenden Verständnis, das ich selbst wahrscheinlich in der Form nicht aufbringen könnte. Was für eine außerordentlich authentische Familiengeschichte! Der Romantitel „Nochmal von vorne“ deutet schon auf die ambivalenten Vorhaben Dana von Suffrins’ hin. Denn in ihm stecken widersprüchliche Intentionen, zum einen ein Korrekturwunsch und zum anderen das Versprechen einer Neuordnung. Dana von Suffrin ist es auf eine humoristische Art gelungen, aus vehementen Lücken und melancholischen Erinnerungen eine kohärente deutsch-jüdische Familiengeschichte zu stricken, trotz des omnipräsenten Schweigens innerhalb des Familienkonstrukts. Sie ist mit dieser Geschichte zu meinem absoluten Favoriten für den Deutschen Buchpreis geworden und ich drücke ihr alle Daumen dafür, sie hätte es mehr als verdient. Wenn ihr nur ein Buch der Longlist lesen wollt, lest dieses hier, ich verspreche: Es lohnt sich!
Sep 15, 2024






