Treppe aus Papier
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Description
Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-Jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem Vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.
»Szántós Sprache fließt durch dieses Haus und durch die Zeiten, klug und voller Details. Unbedingt lesen!« Markus Thielemann
»Dass die Echos der Geschichte überall sind, wenn man nur hinhört, zeigt dieser originelle Roman.» Raphaela Edelbauer
Book Information
Author Description
Henrik Szántó, geboren 1988, ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Autor und Moderator in Hannover. Als Spoken Word-Künstler bespielt Szántó Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. Seine bisherige Arbeit wurde mit Stipendien gewürdigt. Als Referent hält Szántó Seminare zu poetischem und kreativem Schreiben, Auftritt- und Vortragssicherheit und bereitet Bühnen für neue und arrivierte Stimmen. Die Kernthemen seiner Arbeit sind Mehrsprachigkeit, Erinnerungsarbeit und kulturelle Vielfalt.
Characteristics
14 reviews
Mood
Protagonist(s)
Pace
Writing Style
Posts
Sie war dabei. Sie ist hier. Wäre sie auch dabei gewesen? Nele, 16, kurz vor den Prüfungen, lebt in einem geschichtsträchtige Haus. Viel ist in seinem Mauern geschehen und an all das erinnert sich das Haus und erzählt uns aus der Sicht des Beobachtenden seine Geschichten. Viel erfahren wir über Irma, die seit fast einem Jahrhundert lebt und viel in diese Zeit erlebte. Nele und Irma helfen einander und so erfahren wir von damals und einiges von heute. Auch Schuld und Versagen werden lebendig und drängen an die Oberfläche. Aber auch eine Mauer des Schweigens entsteht. Und Nele fragt sich, wie es in ihrer Familie war und ist und stellt sich den Fragen, wie sie damals gelebt hätte. Zunächst kam ich mit der Art der Erzählung nicht richtig klar. Beim hin und her springen hatte ich das Gefühl der Unvollständigkeit. Später wurde der Text etwas runder, griffiger. Dann gefiel es mir besser. Auch die Gegenüberstellung von Nele und Irma jeweil im gleichen Alter war sehr aufschlussreich. Den zweite Teil des Romans fand ich dann flüssiger und harmonischer erzählt. Mir blieben die Charaktere relativ fern. Mit Nele konnte man mitfühlen, trotzdem kommt sie nicht nahe, wahrscheinlich lag auch dies daran, dass sie für mich nicht richtig greifbar war. Auch von allen anderen erfährt man nur wenig, so dass ihr Wesen weitgehend fremd bleibt. Gleichzeitig sind die kurzen Sequenzen, in denen wir von ihnen hören, intensiv und geben ein Augenblicksbild. Gefallen haben mir die geschichtlichen Exkurse. Auch das zaghafte Auftauchen des Versagens in der Nazizeit, der damaligen Irrtümer und das Entstehen des alten Gedankenguts heute, werden schonend und doch ehrlich angesprochen. Wichtige Themen, ansprechend und nachdenklich machend. Wenn wir heute wollen, das es uns noch besser geht, stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich möglich sein wird, wenn wir das nationalsozialistischen Gedankengut heute wieder zulassen. Überlegungen, die auch und besonders in unserer Zeit wichtig sind. Eine sehr gute, wichtige, aufrüttelnde Geschichte mit einer besonderen Idee der Erzählweise, die für mich etwas holprig war. Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht missen.
Okay,wow! Mich hat das Buch, das Haus zerrissen, zerstört, es ist mir unter die Haut gegangen. Es hat mich schon immer fasziniert, was alte Häuser alles erlebt gaben. Hier das Haus selbst, auf diese besondere Art, erzählen zu lassen, fand ich großartig. Große Leseempfehlung, gerade in der jetzigen Zeit!
Wenn Häuser reden und Worte und Erinnerungen Stufen bauen, entsteht eine Treppe aus Papier. Sehr lesenswert!
„Uns freut jedes mitgebrachte Land, jede bewanderte Erinnerung und jede neue Sprache, denn auch nur ein kurzes Bewohnen erweitert unsere Welt um kostbare Facetten. Wir betrachten die Außenwelt mit Neugier. Wir sind nur ein Ort unter vielen, und die Feinheiten und Schicksale, die dich so einzigartig machen, in deinem Erleben und Begreifen, wissen uns höchstens zu streifen. Genau deshalb bist Du hier so willkommen und wir ganz neugierig auf deine Schätze.“ ~ Zitat Seite 25/26 ~ Also, wer das erste Kapitel gelesen hat und danach sagt: „Wow, das ist genial!“, wird auch vom Rest des Buches nicht enttäuscht werden. Und wer das erste Kapitel gelesen hat und danach sagt: „Puh, was war das denn?“, sollte das erste Kapitel gleich nochmal lesen, um den Wow-Effekt zu erlangen. So ist es zumindest mir ergangen. Nach dem 2. Lesen dachte ich: „Chapeau, Herr Szántó, das ist brillant!“ Und keine Angst, nur das erste Kapitel besteht aus einem einzigen Satz, bei dem ich das Gefühl hatte, ich befände mich auf einem Poetry Slam. Der Rest der Geschichte, welche auf mehreren Zeitebenen spielt, ist wunderschön flüssig und zärtlich geschrieben. Einige Textpassagen sind fast schon philosophisch und haben mich ordentlich zum Nachdenken gebracht bzw. mir so manchen Aha-Moment beschert. Fakt ist, dieses Buch erfordert Aufmerksamkeit, aber es lohnt sich ungemein, diese zu investieren. Denn das Besondere und wirklich Geniale ist, dass die einzelnen Zeitebenen oft miteinander verschmelzen und trotzdem alles wunderbar zusammenpasst. So etwas habe ich vorher noch nie gelesen und würde fast behaupten, dass ist wahrhaft literarische Kunst. Zwei kleine Kritikpunkte gibt es aber von mir, so dass ich diesem Buch „nur“ 4 Sterne gebe. Einen Minuspunkt gibt es, da mir die Beziehung von Nele und Irma ein wenig zu oberflächlich war, da hätte ich mir viel mehr Tiefgang und Emotionen gewünscht. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass der Rest des Buches all diese Tiefen und Emotionen aufweist. Einen weiteren Minuspunkt muss ich dem Autor bei der Altersberechnung von Neles Großeltern und die damit verbundene Rolle zum dritten Reich geben. Ich glaube, da hat Herr Szántó sich ein wenig verrechnet, oder? Hat jemand von Euch das Buch schon gelesen? Da stimmt doch was nicht mit dem Alter der Großeltern… Hmmm, habe ich Euch jetzt neugierig gemacht? Das ist gut so! Und bevor ich jetzt noch zu viel verrate, möchte ich Euch lieber ans Herz legen, dieses Buch zu lesen. Dieser Roman ist wirklich etwas ganz Besonderes und sehr lesenswert! Für mich war es definitiv Neuland und ich freue mich auf alles, was von dem „Spoken-Word-Künstler“ Henrik Szántó noch so kommt. 📃🏠⭐️⭐️⭐️⭐️🏠📃
Das war mal ein ganz anderes Buch.! Ein Haus, das über das Leben seiner Bewohner schreibt...und das über einen Zeitraum von circa 100 Jahren. Am Anfang musste ich mich erstmal reinfinden in die Schreibweise. Es ist kein Buch, das man mal zwischendurch liest, sondern es hat Zeit und volle Konzentration gebraucht. Ich bin in die deutsche Geschichte eingetaucht habe die NS - Zeit erlebt anhand der Schicksale der Bewohner dieses Hauses. Sehr anschaulich wurde auch die Bürde dieser Epoche für die nachfolgenden Generationen beschrieben sowie die Sprachlosigkeit, die bis in die heutige Zeit hineinreicht. Es ist ein sehr wichtiges Buch und sollte von vielen Interessierten gelesen werden !
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
„Treppe aus Papier“ ist kein Buch für den schnellen Konsum. Sprachlich feinfühlig und zugleich präzise, entwickelt der Text eine ganz eigene Atmosphäre, die einen langsam, aber sicher in ihren Bann zieht. Jede Formulierung wirkt bewusst gewählt und trägt zur Tiefe der Geschichte bei. Das ruhige Tempo schafft Raum zum Innehalten und Nachdenken – selten habe ich ein Buch erlebt, das sich so viel Zeit nimmt und genau dadurch seine volle Wirkung entfaltet. Ein leises, aber eindrucksvolles Leseerlebnis ❤️!
Die Geschichte hat eine ungewöhnliche Erzählperspektive. Das Haus erzählt von den verschiedenen Menschen die es zu unterschiedlichen Zeiten - es ist über 100 Jahre alt - bewohnt haben. Thematisch geht es um den Nationalsozialismus, die Erlebnisse der betroffenen Menschen damals, der Umgang mit Schuld, dem Verdrängen und unter den Tisch kehren heute. Es wurde viel in der Zeit hin und her gesprungen und darin vom Leben verschiedener Menschen erzählt, sodass ich manchmal Probleme hatte zu folgen. Über allem die Sichtweise des Hauses ( die nicht neutral ist). So war es fast ein bisschen viel für mich. Was mir fehlte ist, dass für mich einige der Beziehungen zueinander sehr oberflächlich beschrieben wurden. Da hätte ich mir an einigen Stellen mehr Intensität gewünscht. Gerade zwischen Nele und ihren Eltern und auch zwischen Nele und Irmgard. Beide Beziehungsebenen bleiben doch sehr oberflächlich. Insgesamt aber ein lesenswertes Buch, das mal etwas anders ist, als so viele andere mit ähnlichem Inhalt.
Poetisch - berührend - authentisch
Im zweiten Kapitel dachte ich noch „das wird safe ein Abbruch“. Ich fand es doch sehr komisch, wie das Haus „sprach“. Aber schon ein paar Seiten weiter hat’s mich irgendwie gepackt und nicht mehr losgelassen. Einfühlsam und langsam entblättert sich die Geschichte und nimmt uns mit in die deutsche Vergangenheit. Wer hat in diesem Haus gewohnt und was tragen alle mit sich herum? Die letzten 100 Seiten habe ich in einem Rutsch gelesen, weil ich unbedingt wissen musste, welches Schicksal jeweils Ruth, Irma und Nele zugedacht ist. Gegen das Vergessen! Lest das Buch bitte alle auch!
Zwischen den Wänden
Was hätte das Haus, in dem wir leben, wohl zu erzählen? Welche Geschichten schlummern in seinen Wänden, welche Emotionen sind in seine Räume eingesickert, welche leisen oder grausamen Momente hat es miterlebt? Genau von diesen Fragen ausgehend entfaltet „Treppe aus Papier“ seine ganz eigene, für mich magische Erzählweise. Was zunächst fast ein bisschen verrückt klingt – ein Haus, das spricht und erinnert – wird hier zu einer tief bewegenden Reise durch Zeit, Schicksale und Erinnerungen. Schon nach wenigen Seiten war ich völlig gefangen in dieser besonderen Perspektive. Das Haus wird zum stillen Zeugen menschlicher Leben, zum Bewahrer von Freude, Verlust, Schuld und Hoffnung. Es erzählt nicht nur Geschichten, es fühlt sie mit – und genau das macht dieses Buch so intensiv. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, und man beginnt unweigerlich, auch über die eigene Familiengeschichte nachzudenken. Besonders beeindruckt hat mich die Sprache: so poetisch, so feinfühlig, dass ich am liebsten jeden zweiten Satz markiert hätte. Es sind diese stillen, eindringlichen Formulierungen, die lange nachhallen und sich tief ins Herz setzen. Gleichzeitig eröffnet das Buch eine grandiose Sicht auf historische Ereignisse, ohne jemals trocken oder distanziert zu wirken – vielmehr werden sie greifbar, persönlich und erschütternd nah. „Treppe aus Papier“ ist für mich pure Emotion. Ein Buch, das nicht nur erzählt, sondern nachwirkt. Es stellt Fragen, die bleiben: über Vergangenheit, über Erinnerung und über die Geschichten, die wir vielleicht selbst nie ganz kennen werden – weder die unserer Häuser noch die unserer eigenen Familie.

Szántó thematisiert in seinen Werken das Aufwachsen in multikulturellen Umfeldern, die jüdische Familiengeschichte, Migration, Sprachverlust sowie die Herausforderung der Selbstdefinition angesichts einer von Lücken, Brüchen und verschobenen Perspektiven geprägten Biografie. Der Titel „Treppe aus Papier“ symbolisiert dabei treffend die Dualität von Tragfähigkeit und potenzieller Fragilität. Szántós literarischer Stil weist Parallelen zu Autor*innen wie Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Ilya Kaminsky auf, zeichnet sich jedoch durch eine eigenständige, subtile Handschrift aus. Die Kombination aus poetischer Prosa und essayistischen Reflexionen reiht sich in die Tradition literarischer Erinnerungstexte ein, ohne dabei in Nostalgie abzugleiten. „Treppe aus Papier“ stellt ein bemerkenswertes Debüt dar: ein Werk, das seine Wirkung nicht durch Lautstärke, sondern durch seine Resonanz entfaltet. Es ist eine Auseinandersetzung mit Identität, Sprache und der fragilen Struktur der Erinnerung, dessen Stärke gerade in seiner Zartheit liegt. Für Leser*innen, die literarische Präzision, poetische Ausdrucksformen und Themen wie Diaspora, jüdische Geschichte und Mehrsprachigkeit schätzen, bietet dieses Buch ein konzentriertes Kleinod.
Ein kleines Glück zu finden und zu bewahren, ist der größte Affront, denn insgeheim wissen sie: Dieses Leben lässt sich nicht auslöschen. Es gehört dazu. Zeit mag vergehen, verschütten und begraben und darin ihre zerstörerische Kraft entfalten, aber wir stemmen uns dagegen. Wir bewahren. Alles ist, und alles ist jetzt.
Dieses Buch ist anders! Anders geschrieben, anders wichtig und anders aktuell! Das Buch ist aus Sicht des Hauses geschrieben und erzählt die Geschichte von den Menschen, die es bewohnt haben. Nele findet im Treppenhaus einen Ohrring und so kommt Nele zufällig mit Irma ins Gespräch. Zentrales Thema ist der Nationalsozialismus und dessen Folgen. Der Schreibstil ist so anders und besonders. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um damit warm zu werden. Das Buch zwingt einen es langsam zu lesen. Nur so versteht man wirklich den Inhalt. Es wird oft poetische Sprache genutzt . Das Buch ist so besonders und wichtig! Aktueller geht es kaum! Ich finde gar keine richtigen Worte um auszudrücken wie ich mich fühle. Sollte jeder Mensch gelesen haben.
Ein Haus, das seine Geschichte erzählt, mit all den Bewohnern, die es als Erinnerungen in sich trägt. Manche nur kurz erwähnt, andere haben eine etwas größere Nebenrolle, aber vorwiegend geht es um Nele, Irma und Ruth sowie deren Familien. Irma und Nele wohnen jetzt in diesem Haus mit Geschichte. Nele im vierten Stock und Irma im ersten. Nele ist gerade in der besonderen Phase ihres jungen Lebens - die Eltern nerven, sie soll für die Schule lernen und dabei kann sie nur an Laura denken. Eine Geschichtsklausur und ein Ohrring auf den Briefkästen bringen Irma und Nele zusammen. Nele erkennt durch Irma, dass die Geschichte nicht vergangen ist, sondern auch in ihrem Haus lebt. Irma lebte schon in den 1930er und 1940er Jahren hier, zusammen mit Ruth. Beide waren Kinder, als sich die Zeiten langsam verdunkelten. Dieses Haus schildert in einer wirklich schönen Sprache. Kurz hatte ich befürchtet, dass es anstrengend werden könnte, da die ersten drei Seiten aus einem einzigen Satz bestanden. Aber danach ging es mit kürzeren Sätzen und sehr feiner und poetischer Sprache weiter. Ich war sofort in der Geschichte drin und habe schnell bemerkt, dass ich das Lesen hinauszögern wollte. Ich wollte einfach länger Gast in diesem Haus sein. Und gleichzeitig musste ich weiterlesen, da ich wissen wollte, wie es weitergeht. Ich mochte Irma mit ihrer direkten Art und Neles Neugier und das Verliebtsein. Ich bekam die Erkenntnis, dass Kinder, die mit nazitreuen Eltern aufwachsen und eine kühle und disziplinierte Erziehung genießen, nicht gelernt haben, Liebenswürdigkeit auszustrahlen oder andere Meinungen anzunehmen. Aber sind sie deswegen weniger Menschenfreunde? Viele Fragen, die mir beim Lesen aufkamen: „Hat wirklich fast keiner Nazis in seiner Familie und das, obwohl ganz Deutschland voll davon war?“ und „Welche Auswirkungen hat es auf die Familie der Nutznießer dieser Zeit? Haben die Nachkömmlinge nicht bessere Voraussetzungen fürs Leben? Und das nur, weil die Vorfahren Raubgut und Enteignung zum Vorteil ausgenutzt haben? Was ist mit den Erben derer, denen Eigentum genommen wurde?“ Eine berührende und so wichtige Geschichte. Ich kann sie nur weiterempfehlen. Nachtrag: ich war auf der Lesung und war begeistert. https://veranstaltungen-stadtbibliothek-stuttgart.de/?id=20929 hier kann man das Gespräch als mp3 nachhören 💕 S.24 „In uns lebten bislang zweihundertsiebzehn verschiedene Personen, hier sind neun Menschen verstorben, es wurden zweiundzwanzig Kinder gezeugt, aber nur drei hier geboren. Eines dieser drei, Irma, lebt wieder hier und wird mit ihren neunzig in diesem Jahr die längste Zeit mit uns verbracht haben. Irma, unser Jahresring mit fehlender Mitte.“ S.74 „Dann sind wir ganz Frage, ganz Echoraum, eine Hohlkammer für die Stimmen des Danachs. In unserem Bauch gären Gespräche, wallen Worte, ein Spiel aus Wechsel und Wiederholung, eine Schar der Fragezeichen.“ S.89 „Das Kind macht keinen Ton, während Golda die Wunde desinfiziert. Es zuckt nicht einmal zusammen. „Tapfer bist du“, sagt Golda, und es gelingt ihr nicht, den Hauch von Traurigkeit aus der Stimme zu verbannen, weil das Mädchen so eisern die Prozedur erträgt. S.104 „Irma trinkt aus Raubgut. Der Sessel, die Karaffe, das Gas, der mehrfach reparierte Luster. Das Erinnerungsvermögen der Gegenstände übertrifft das der Menschen.“ S.175 „Alwin darf keine Immobilien mehr besitzen. Man zwingt ihn, uns zu verkaufen. Wilhelm Kebel, der Nacheigentümer, wird bis 1970 gute Mieten verdienen. Bei den Verkaufsgesprächen spricht er durchgehend mit leicht gehobenen Augenbrauen und nickt so gespielt gütig, als würde er Alwin mit dem Verkaufspreis einen Gefallen tun.“
Empfehlung aus dem Radio. Eine Geschichte aus der Sicht eines Hauses.
Ein Haus berichtet über eine Begegnung von Nele und ihrer Nachbarin, die bei Nele weitere Fragen aufwirft. Auch ausgelöst durch den Geschichtsunterricht. Wie war das damals eigentlich? Und was genau hat die eigene Familie für eine Rolle gespielt? Das Haus berichtet von vielen Geschichten und Personen, die in ihm leben oder gelebt haben. Es mag sich vielleicht ein bisschen durcheinander oder verwirrend anhören, aber es lies sich so unfassbar gut lesen. Allein durch das „verweben“ der Zeiten, war’s was besonderes. Zitat aus dem Buch: „Da liegt was in den Ritzen. So wie der Schimmel am Saum einer Fuge überdauert, wenn nicht gründlich gescheuert wird. Die Vorstellungen dieser Zeit sind hartnäckig und voller Geduld. Sie reifen, verschleiern ihren Kern, offenbaren sich im Gewand des Geläuterten und beweisen, dass ein Gift lang und gründlich wirken kann, wenn es sich als Salbe tarnt.“ Da steckt so viel Wahrheit drin 🥺 Uff, das hat schon irgendwie gesessen. Ganz klar ist, für mich, die Massage. Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist. Den Teil der deutschen Geschichte, den so viele gerne vergessen und verdrängen wollen. Wir sollten unser bestes geben zu verhindern, dass es sich wiederholt.
Dran bleiben lohnt sich…
Die ersten Seiten hat mich ehrlich gesagt erstmal ziemlich abgeschreckt. Irgendwie bin ich überhaupt nicht reingekommen, weshalb das Buch dann auch erstmal für ein paar Monate ungelesen herumlag. Auf Empfehlung einer Freundin habe ich es dann doch nochmal zur Hand genommen und das war die richtige Entscheidung.Denn sobald man über den Einstieg hinweg ist, entwickelt sich die Geschichte ganz anders als (von mir) erwartet. Nele (16) und Irma (Ü90) stehen dabei im Mittelpunkt. Anfangs wirken sie teilweise noch etwas distanziert oder schwer greifbar, aber je weiter man liest, desto mehr versteht man ihre Hintergründe, ihre Entscheidungen und auch ihre Verbindungen zueinander. Die NS-Zeit spielt hier die wichtigste Rolle. Sie wird eher ruhig und schrittweise aufgearbeitet. Es geht weniger um große dramatische Szenen, sondern vielmehr darum, wie die Vergangenheit, vor allem in Irmas und Ruths Leben, bis in die Gegenwart hineinwirkt. Die Thematik an sich ist natürlich immer aktuell. Allerdings muss ich sagen, dass sie für mich inhaltlich nichts wirklich Neues war. Trotzdem finde ich, dass das Buch gerade deshalb gut geeignet ist, um sich (nochmal) damit auseinanderzusetzen. Ich könnte es mir zum Beispiel auch gut im Schulunterricht vorstellen.
Ein Haus berichtet von Missständen und Alltäglichkeiten
Dieses Buch hat mich tief berührt. Die Erzählperspektive ist innovativ und interessant, die Geschichten des Hauses emotional und ungeschönt. Die Grausamkeit und Sinnlosigkeit der NS-Zeit wird deutlich und trotz Irma, die man ins Herz schließt, keineswegs kleingeredet oder relatviert. Die Geschehnisse behalten ihre Schwere und der Bogen in die Gegenwart ist schmerzlich gut gezogen. Leider wird das Buch wahrscheinlich wieder nur die erreichen, die schon einen offenen Blick auf die Welt haben und die, die das Leid noch heute verursachen und wieder salonfähig machen wollen, bleiben ignorant. Einziger Kritikpunkt an diesem sonst sehr gelungenem Buch, ist das Ende. Meiner Meinung nach wird zum Schluss zu viel wiederholt und in die Länge gezogen. Es hätte schon ein früheren Abschluss finden können.
Viele gute Ansätze
Nur jubelnde Kritiken! Deshalb bin ich noch etwas mehr enttäuscht. Die Idee, menschliche Schicksale und deutsche Geschichte aus Sicht eines Hauses auf seine Bewohner zu schreiben, finde ich super. Die Geschichte der letzten 100 Jahre! Mitnichten. Deutsche Geschichte ist für mich mehr als nur die NS-Zeit und die Gegenwart. Was ist mit der Zeit dazwischen? Anscheinend stand das Haus da leer. 🤨 HS wählt für seine Geschichte einen sehr philosophischen Ansatz. Das war mir streckenweise einfach zu viel, gegen Ende regelrecht deprimierend. Er vermenschlicht das Haus regelrecht. Ich habe in diesem Roman die schönen Erinnerungen vermisst. Das Buch hat einige sehr treffsichere und schöne Aussagen. Dafür muss man sich allerdings auch durch viel Blablabla kämpfen.
Ich heulte vor Rührung über dieses wahnsinnig tolle Buch rund um die Themen Schuld, Verantwortung, Erinnerung und Überleben im Dritten Reich. Für mich ist Treppe aus Papier eines der besten Bücher der letzten Jahre..
Treppe aus Papier ist eines der Bücher welches ich wirklich jedem Menschen gerne ans Herz legen würde. Denn es überrascht mit einem unfassbar kreativen und neuen Clou, verbindet wunderschöne Erzählung mit kreativen Ideen und historischer Dramatik. Im Zentrum des rund 220 Seiten kurzen Romans steht Nele, 15 bzw. 16 Jahre alt. Die Geburtstagsfeier ist ein einschneidender Moment. Nele ist aktuell akut versetzungsgefährdet da die Erlebniswelt gerade im Alter von 15 bis 16 soviel besseres zu bieten hat als das langweilige Lernen. Erste Liebe, akute Unlust, alles fühlt sich dringender an als Lernen. Ausgerechnet eine Geschichtsklausur zum Thema Drittes Reich könnte noch alles retten. Mit Nele und ihren Eltern im Haus wohnt auch Irma, 90 Jahre alt, des Lebens nach dem Tod ihres Mannes eigentlich längst überdrüssig. Irma lebte als Kind bereits in diesem Haus, hatte dort Freunde, Familie, ihren Mittelpunkt. Dann längere Zeit nicht mehr, später zog sie wieder zurück. Zwei Leben, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und die der Zufall im Treppenhaus irgendwie zusammenführt. Aber der vielleicht wichtigste „Charakter“ dieses Buches ist ein völlig unerwarteter: das Haus selbst. Denn hier gilt: Die Wände haben nicht nur Ohren, die Wände erzählen. Das Haus wird zum Erzähler, zum Gedächtnis und zum Zeugen von über 125 Jahren Geschichte. Es gibt Einblicke in das, was war - besonders in die Zeit des Dritten Reiches - und verknüpft Vergangenheit und Gegenwart auf eine Art, die ich so noch nicht gelesen habe. Teilweise erzählt das Haus zeitgleich was jetzt passiert und was früher dort passierte. Ein Haus ohne Zeitgefühl mit viel Gefühl für das Zeitgeschehen also. Die regelmäßigen Treffen mit Nele helfen Irma eigene begangene Erlebnisse irgendwie zu verarbeiten, die Gespräche mit der Zeitzeugin helfen Nele bei ihrer Geschichtsklausur, vorallem aber hilft es ihr ihren Eltern die richtigen Fragen über Oma, Opa und "wie es damals früher so war?" zu stellen. Aber was in dieser Erzählung so besonders ist? Henrik Szanto, dessen Wurzeln im Poetry Slam liegen, schafft es durch verschiedenste literarische Stilmittel sowohl Emotionen zu steuern als auch den Charakteren Leben zu vermitteln. Ein dreiseitiger Satz ohne Punkt gleich zu Beginn in welchem, so fühlt es sich zumindest für mich an, das Haus alles einmal rauslassen musste was sich über die Jahre angesammelt hat. An anderen Stellen warten Stakkato-Sätze welche eine gewisse Eingängigkeit und Wichtigkeit mit sich führen. Nichts davon wirkt unangenehm. Jede Formulierung passt und jedes Wort klingt authentisch gewählt. Ich will gar nicht mehr über die Handlung verraten. Aber ich kann sagen: Die letzten 40 Seiten haben mich komplett zerlegt. Ich heulte vor Rührung über dieses wahnsinnig tolle Buch rund um die Themen Schuld, Verantwortung, Erinnerung und Überleben im Dritten Reich. Für mich ist Treppe aus Papier eines der besten Bücher der letzten Jahre.

Siamo tutti antifaschisti ⭐️⭐️⭐️⭐️ #niewiederistjetzt
Dieses Buch arbeitet auf, wie sehr der Nationalsozialismus heute noch seine Auswirkungen zeigt. Am Anfang ist es sehr verwirrend, wegen Zeitsprüngen und weil zu viele Personen vorgestellt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Perspektive zwischen Haus und Menschen wechselt. Wenn man das begriffen hat liest sich das Buch ganz gut. Zum Glück gab es dann den Dialog zwischen Irma und Nele (S.48ff), sonst hätte ich das Buch abgebrochen. Ab diesem Zeitpunkt ist auch der Schreibstil etwas deutlicher. Der Autor vermittelt, dass ein Haus eine Seele hat und einen Speicher für Erinnerungen, die keine Zeit kennt, sondern allzeit präsent sind. Als Schullektüre eignet sich das Buch sehr gut, weil man Arbeiten wie Zeitstrahl und Zeichnungen der Bewohner des Hauses mit Profilanalyse als Aufgaben zum Lesen verbinden kann. Trotzdem habe ich gemerkt, dass man sich auch nach der Schule intensiv mit dem Thema beschäftigen sollte, vor allem, wenn man politisch unsicher ist. Dass die SPD, die einzige Partei war die gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat (weil die KPD auf der Flucht war), war mir so nicht bekannt. #cdubrandmauer Das Buch zeigt uns, dass wir generationsübergreifend kommunizueren und aus der Vergangenheit lernen sollten. Außerdem müssen wir das progressive Denken der Jüngeren in der Gesellschaft beachten, um uns später nicht zu fragen, warum ist das denn jetzt schon wieder passiert. Zum Ende hin hat das Buch förmlich nach mir gerufen und ich konnte es kaum weglegen. Es hat sogar den Kampf gegen Zocken und Fernsehen gewonnen :) Apropos: Das Buch als Verfilmung wäre genial, weil man die parallel laufenden Storys im Haus zu verschiedenen Zeiten super visualisieren kann.
Welche Geschichte erzählt unser Haus?
Dies ist eines der interessantesten und bewegensten Bücher, welches ich seit langem gelesen habe. Die bewegende Geschichte eines Hauses und deren Bewohner. Zwei sind besonders hervorgehoben. Irma, 90 Jahre alt, und Nele, 16 Jahre alt. Vergangenheit und Gegenwart nähern sich einander.
Ungewöhnlich, aber sehr berührend
Im Klappentext wird der Autor als Spoken-Word-Künstler bezeichnet. Und ja das passt. „Treppe aus Papier“ ist ein Buch, was mich herausgefordert hat - sowohl sprachlich als auch thematisch. Aber es hat mich auch fasziniert. Das ständige Ändern der Zeitebenen - teilweise von Satz zu Satz - und die Erzählweise aus Sicht des Hauses haben mich dazu „gezwungen“ wirklich langsam und genau zu lesen. Ein sehr besonderes Buch, welches noch lange in mir nachhallen wird.
Dieses Buch hat gerade einmal 220 Seiten und ist trotzdem ein literarisches Schwergewicht! Erzählt wird die Geschichte eines Mietshauses und seiner Bewohner über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren. Die Besonderheit des Romans liegt in seiner Erzählperspektive: Es ist das Haus selber, das von seinen zahlreichen Bewohnern berichtet. Von Familien(geheimnissen), Verrat, Glück, Neid, Neugierde, Vorurteilen, Menschlichkeit und Bosheit. All das existiert nebeneinander, überschneidet sich, spiegelt sich wider und wiederholt sich. Eine bedrückende Geschichte, bei der man schon früh Schreckliches ahnt. Keine leichte Kost aber trotzdem unbedingt lesenswert nicht zuletzt wegen der großartigen, bildhaften Sprache des Autors.
Warum trifft es einen trotzdem, obwohl man weiß das es passiert…😓🌱
Ich wusste worauf ich mich einlasse und ich ahnte auch was passieren würde. Trotzdem habe ich Tränen verbraucht und mich gefragt, was für eine Ungerechtigkeit und Grausamkeit in diesem Land abgespielt hat. Es ist nicht einmal 100 Jahre her!!! Dieses Buch hat mir nochmal eine andere Sichtweise auf die Dinge der Sache gegeben und ich bin sehr dankbar.🙏 Der Autor hat das Werkzeug der Schriftsprache so wundervoll eingesetzt, dass ich es gar nicht zu Ende lesen wollte. Auch, dass das Haus die gesamte Geschichte erzählt, ist etwas einzigartiges und trägt zum Roman bei, der dadurch nur noch emotionaler wurde.😓 Danke an Herrn Szántó für dieses Buch. Definitiv mein neues Lieblingsbuch! Danke für diese Art der Aufarbeitung unserer schlimmen deutschen Landesgeschichte. Es war innerlich ein Brocken, aber ich bin dankbar dafür.🌱🐣 Nie wieder ist JETZT!
Leise, klug, atmosphärisch: Treppe aus Papier schärft den Blick und klingt nach. Kein Plot-Feuerwerk – dafür literarische Tiefe.
„Dieses Buch ist kein Sprint. Es ist ein Gang durch Türen, die in Räume führen, die man nicht kannte.“ Treppe aus Papier liest sich wie eine Entdeckung im besten Sinne: leise, aufmerksam, von einer eigentümlichen Sogkraft, die nicht aus Tempo entsteht, sondern aus Stimmung. Szántó baut keine Geschichte, die man „wegliest“ – er legt Schichten frei. Seite für Seite entsteht das Gefühl, dass hier etwas Größeres unter der Oberfläche arbeitet: Erinnerung, Kultur, Zugehörigkeit – und die Frage, wie man sich selbst in all dem verortet. Was mir besonders gefallen hat, ist die Art, wie der Roman Beobachtung ernst nimmt. Er vertraut darauf, dass Leser*innen Zwischenräume füllen können. Das Erzählen ist dabei nicht kalt oder distanziert, sondern ruhig und präzise – wie jemand, der sich Zeit nimmt, bevor er ein Urteil fällt. Genau dadurch wirken viele Passagen nach: nicht als Pointe, sondern als Echo. Auch formal hat das Buch etwas Anziehendes: Es ist strukturiert, aber nicht mechanisch; poetisch, aber nicht vernebelt. Es gibt Sätze, die man zweimal liest – nicht, weil man sie nicht versteht, sondern weil man spürt, dass sie mehr tragen, als sie auf den ersten Blick zeigen. Diese „Papierstufen“ sind keine Deko, sie sind Bewegung: nach innen, nach hinten, nach oben. Und dann ist da dieses seltene Gefühl, das Literatur manchmal auslöst: dass sie nicht nur erzählt, sondern eine Art Wahrnehmung schärft. Nach dem Lesen schaut man anders auf Dinge – auf Räume, auf Worte, auf die kleinen Verschiebungen zwischen Menschen. Für mich ist das die größte Stärke von Treppe aus Papier: Es verändert nicht die Welt, aber es verändert den Blick auf sie. Fazit: Ein stiller, kluger Roman, der belohnt, wenn man ihm Zeit gibt. Wer leise Bücher liebt, die lange nachklingen, findet hier genau das: Literatur, die nicht drängt – sondern bleibt. Für Leser, die… …Romane mögen, die atmosphärisch und leise wirken statt laut zu plotten. …Freude an Beobachtung, Sprache und Zwischenräumen haben. …Bücher suchen, die man nicht „fertigliest“, sondern mitnimmt. Meine Zeile zum Buch: „Manchmal führt die nächste Stufe nicht nach oben – sondern tiefer in das, was man übersehen hat.“ nstagram-Caption (Hook + S

Henrik Szántó hat ein hervorragendes Buch geschrieben, das warm und poetisch Geschichte und Erinnerung erlebbar macht. Mein Jahreshighlight!
Manchmal gibt es sie noch, diese Bücher, die Kopf und Herz gleichermaßen ansprechen. Diese Bücher, die man langsam und bedächtig liest, weil man nicht möchte, dass sie so schnell enden. Und diese Bücher, deren Wörter, Sätze, Kapitel noch lange nach dem Zuklappen der Buchdeckel wie ein Echo nachhallen. Henrik Szántó ist es gelungen, ein solch außergewöhnliches Buch zu schreiben – in einer Zeit, in der die Thematik kaum aktueller sein könnte. Das helle, in bunten Farben gehaltene Cover deutet es bereits an – hier erzählt ein Haus mit all seinen Wohnungen, Räumen, Wänden, Dielen. Es berichtet von den ganz unterschiedlichen Menschen, die es im Laufe der Jahrzehnte bewohnt haben. Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Zuflucht und Verfolgung – es lässt nicht aus, beschönigt nicht. Das Haus entpuppt sich als origineller, aber auch ehrlicher Erzähler, dem ich gerne noch länger gelauscht hätte. Die Schicksale, die sich dort abspielen, stehen ganz im Zeichen der jüngeren deutschen Geschichte und dem Alltag der Menschen darin. Konkret durchleuchtet wird die Zeit des Nationalsozialismus und wirft unwillkürlich die Frage auf, wie wir uns damit auch heute noch auseinandersetzen möchten. Dabei wird kein Richtig oder Falsch aufgezeigt, sondern nur anhand der Protagonisten veranschaulicht, wie unterschiedlich die Konfrontation mit der Vergangenheit verlaufen kann. Es war sehr erfrischend, dies anhand der Teenagerin Nele und der alten Dame Irma zu erleben. Die weibliche Perspektive, der Kontrast der NS-Ideologie zur modernen Freiheit der Frau hätte kaum deutlicher werden können als durch diese beiden Protagonistinnen. Sie sind Kinder ihrer Zeit und gleichzeitig nicht unfehlbar, treffen Entscheidungen, bereuen diese ob der Konsequenzen. Und nun lehrt uns ausgerechnet ein Haus, dass all das menschlich ist? Dass dies gelingt, liegt vor allem an der sprachlichen Schönheit dieses ganz besonderen Werks. Als Laie kann ich kaum in Worte fassen, wie leichtfüßig die Sätze sich trotz des unerträglichen historischen Inhalts aneinanderreihen. Gelegentlich traut sich der Autor, einzelne Kapitel poetischer oder eben auch sperriger zu gestalten und beeinflusst so, ganz im Sinne des Inhalts, das Erzähltempo. Ich kenne keinen Autor, der die Wucht seines Inhalts sprachlich so abzufedern vermag wie Henrik Szántó. Er verkennt dabei nicht die Schrecken der Vergangenheit, er macht sie lediglich für den Leser erträglich. Am Ende hallen die Sätze noch lange nach und erfüllen damit wohl ihren Zweck – Vergangenes in der Gegenwart verarbeiten, um die Zukunft lebenswerter zu machen. Fazit: Die „Treppe aus Papier“ ist auf den ersten Blick vielleicht nicht für Liebhaber seichter Unterhaltung geeignet. Ich kann jedoch nur jeden einladen, diesem Buch eine Chance zu geben. Henrik Szántó hat ein hervorragendes Buch geschrieben, das in unruhigen Zeiten einen Nerv trifft. Warm und poetisch statt staubtrocken macht er Geschichte und Erinnerung erlebbar und lädt dazu ein, sich selbst und andere zu hinterfragen. Niemand hat gesagt, dass das leicht ist – aber selten ist es so außergewöhnlich erzählt worden. Mein Jahreshighlight!
Ein Haus als Zeitzeuge
Ein Haus als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Die Wände erspüren das in ihm wohnende Leben, berichten von Familien, die enteignet und denunziert wurden. Von Kindern, die gemaßregelt und nach Johanna Haarers' menschenunwürdigen Regeln erzogen wurden. Dieses Haus ist ein Beobachter; in ihm verschwimmen Zeit und Raum und verweben sich zu einem Teppich aus Begebenheiten und gelebtem Leben. Hausbewohnerin Irma hat die Nazizeit noch miterlebt. Ihre Eltern hatten zu verantworten, dass die Familie Sternheim, ehemals Besitzer des Hauses, vertrieben wurden. Die Schuld sitzt tief, als Irma im Hausflur Nele begegnet. Die junge Frau wächst ganz anders auf als Irma, die die Nazidogmen von ihrer Regimetreuen Mutter eingeprügelt bekommen hat. Die beiden ungleichen Frauen kommen ins Gespräch, Geschichte wird lebendig und verliert seine abstrakte Sprödigkeit. Ich kann den Stil von Henrik Szántó nur bewundern. Das Haus als unbeteiligter Dritter führt den Leser nicht nur durch die Geschichte, sondern lässt ihn hin und her durch die Historie schwimmen, was einen tatsächlichen Lesefluss und Lebendigkeit erzeugt. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Es hat lediglich 221 Seiten, aber ich habe jede einzelne genossen.
Historische Geschichte voller Wissen und Poesie
Die Grundidee, durch die Geschichten eines Hauses die deutsche Vergangenheit zu erzählen, finde ich sehr kreativ und es war sehr veranschaulichend, beklemmend, traurig und gespickt mit sehr viel Wissen. Es fühlte sich beim Lesen sehr realistisch an und die Geschichte bringt einen sehr zum Nachdenken, auch was die eigenen Vorfahren angeht. Die Vorstellung, dass unser Zuhause unser Leben mitverfolgt und dokumentiert, finde ich irgendwie tröstlich und verstärkt das Zuhause Gefühl. Jedoch war es für mich bei dem Erzählstil auch schwierig, am Ball zu bleiben. Zuerst muss man sich daran gewöhnen, dass das Haus die Geschichte erzählt, dann kommt noch dazu, dass innerhalb eines Satzes zwischen den Perspektiven der verschiedenen Jahre gesprungen wird und sich Situationen der Gegenwart und Vergangenheit überlappen. Am schwierigsten war für mich jedoch die Kombination von langen Schachtelsätzen (der erste Satz des Buches zieht sich über 3,5 Seiten) und den Einschub von Wissenshappen in den Nebensätzen. Das Buch enthält für mich zu viel Input auf einmal, ich konnte die Mischung aus der eigentlichen Geschichte, Wissen und Poesie nicht gleichermaßen aufnehmen und würdigen, weil ich nicht alles fokussieren konnte. Daher habe ich mich vorrangig auf die Geschichte konzentriert. Manchmal ist weniger mehr. Der Autor scheint sich auf jeden Fall viel Mühe bei der Ausführlichkeit seiner Recherchen gemacht zu haben bzw. ein weitreichendes Wissen zu verschiedenen Themen zu haben. Wer eine historische, komplexe Geschichte gespickt mit vielen wissenschaftlichen Details und Poesie sucht, wird bei dieser Geschichte fündig.
Highlight
Ein leiser, aber sehr eindringlicher Roman. Besonders die Passagen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind stark: Schuld, Wegsehen und die Folgen falscher Entscheidungen ziehen sich bis in die Gegenwart hinein. Die Figuren wirken nah und glaubwürdig, vor allem Irma, deren Erinnerungen zeigen, wie schwer es ist, mit der eigenen Vergangenheit zu leben. Auffällig ist der poetische Schreibstil – man merkt Szántós Hintergrund im Poetry-Bereich. Die Sprache ist ruhig, bildhaft und lässt viel Raum zwischen den Zeilen. Die Treppe aus Papier steht dabei für Erinnerung selbst: fragil, unsicher, aber notwendig, um sich der eigenen Geschichte zu stellen. Ein stilles, nachwirkendes Buch, das lange im Kopf bleibt.
Ein Haus erzählt uns hier die Geschichten seiner Bewohner. Ich habe mich schnell an diese ungewöhnliche Perspektive gewöhnt und es gefiel mir sehr. Auch die Geschichte rund um Nele, Irma und Ruth ist packend. So sehr, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte und mein Puls in die höhe ging. Dieses Buch wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Ich hab da ein Buch gelesen, das echt mal was anderes ist. Am Anfang dacht ich nur: Hä?! Das Haus erzählt?! 😅 Aber ehrlich – das passt total zur Geschichte und hat mich voll abgeholt.
💜 Es geht um ein altes Wohnhaus und die Leute, die darin leben oder mal gelebt haben. Über 100 Jahre, inklusive Nazi-Zeit, Familiengeheimnisse, grosse Fragen und Erinnerungen, die einfach nicht verschwinden. Zwei Frauen – eine Schülerin und eine 90-Jährige – kommen ins Gespräch und daraus entsteht so viel Tiefe. Mal (wenig) witzig, mal traurig, immer berührend. Und ja – das Haus quatscht dazwischen. Aber irgendwie macht genau das den Reiz aus.
Absolut empfehlenswert
Tolle neue Perspektive, in der das Haus die Geschichten erzählt, die es gesehen und gehört hat. Der Übergang zwischen den Zeiten toll gemacht. Eine fließende, anschauliche Sprache, die der Autor verwendet, macht das Gelesene so lebendig. Ich konnte alles fühlen. Die Grausamkeiten, das Kinderleben, die Tage und Nächte. Leben kann einsam machen und Antworten offen lassen. Dankbarkeit ist ein hohes Gut. Ich bin dankbar für dieses Buch.
Aussergewöhnlich
Ein außergewöhnlich tiefgründiges Buch 📕 Tolle Sprache, Henrik Szanto wäre der Lieblingsschüler meiner sehr geschätzten Deutschlehrerin 🥰 Inständig hoffe ich für uns alle, dass mehr junge Leute so neugierig wie Nele sind und das damalige hinterfragen. Ich drücke uns für die Zukunft die Daumen 👍
Ein Haus packt aus…
Henrik Szántó lässt in seinem Roman „Treppe aus Papier“ ein altes Haus von seinen Erinnerungen an all die Menschen, die es je bewohnten, erzählen. Und so erzählt es die Geschichte der 15 jährigen Nele, die aufgrund einer Geschichtsklausur, mit der 90jährigen Irma, einer Zeitzeugin des Nationalsozialismus, im Treppenhaus ins Gespräch kommt und beginnt Fragen zu stellen. Wichtige Fragen, um hinter das zu kommen, was damals geschah, über die Geschichte ihrer eigenen Familie und über das, worüber in der Vergangenheit stets geschwiegen wurde. Bereits das Vorwort des alten Hauses, das eigentlich aus einer reinen Aufzählung dessen besteht, was es im Laufe der Zeit alles mitgemacht, mitbekommen und erlebt hat, finde ich absolut grandios. Für das alte Haus finden die Ereignisse der Jahrzehnte alle zeitgleich statt, wie wenn ein Bild mit sehr langer Belichtungszeit aufgenommen wird oder eben Fotos übereinandergelegt werden. Dadurch kommt es im Laufe der Geschichte immer wieder zu interessanten Überschneidungen, die aufhorchen, innehalten und die Luft scharf einziehen lassen. Grundsätzlich hat mir dieser ganz besondere, poetische Schreibstil unheimlich gut gefallen. Einerseits schreibt der Autor unaufgeregt, andererseits legt die Abfolge der Aufzählungen, die er sehr oft als Stilmittel wählt, ein gewisses Tempo vor, dem man gedanklich und aufgrund der langen Sätze manchmal schwer, in seinem gesamten Umfang, folgen kann. Er schreibt unheimlich Wort- und Bildgewaltig, ich glaube das Ein oder Andere begreift man tatsächlich auch erst nach dem zweiten Mal lesen. Was gut ist, denn das hat mich mehrfach zum nachdenken gebracht. Meine Oma ist mittlerweile auch 93 Jahre alt und ich habe mir im Laufe meines Lebens viel von früher erzählen lassen. Habe ebenso wie Nele viele Fragen gestellt, um zu verstehen und damit Omas Geschichten nicht mit ihr verloren gehen. Aufgrund ihrer unnachgiebigen Art und ihrer Neugierde, ist Nele mir sehr sympathisch, steht mir irgendwie nahe, finde ich ihre Fragen realistisch und nachvollziehbar. Schade fand ich allerdings, dass zu dem ausreichend ernsthaften Thema des Nationalsozialismus, auch PRIDE noch zum Thema gemacht wurde. Nicht, dass es nicht auch ein wichtiges Thema wäre, nur alles in einer Geschichte unterbringen zu wollen, ist meiner Meinung nach etwas „to much“, wirkt erzwungen und hat der Geschichte für mich die Glaubhaftigkeit und ein Stückweit auch die Begeisterung für sie genommen. Daher leider auch nur 4 von 5 Sterne. Fazit: Nichts desto trotz ein wirklich ganz besonderes und absolut lesenswertes Buch, das sicherlich noch lange Zeit in mir nachhallen wird.
Mit dem Roman 'Treppe aus Papier' hat Henrik Szántó ein beeindruckendes Werk geschaffen, das durch seine erzählerische Tiefe und seine vielschichtige Thematik besticht. Das besondere an diesem Buch ist die Erzählung, die sich um ein Mehrfamilienhauses dreht und die vielfältigen Geschichten und Ereignisse, die dieses Haus im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat. Da ein Haus Erinnerungen anders speichert als ein Mensch, sind die Erzählungen oft vielschichtig und überlagert. Dies macht das Lesen manchmal herausfordernd, da man gelegentlich einen Moment zurückblättern muss, um den zeitlichen Kontext besser zu erfassen. Der Roman spannt den Bogen von der NS-Zeit bis in die Gegenwart und schildert die Geschichte der Bewohner*innen sowie die Zeitgeschichte, die das Haus geprägt hat. Irma, die 90 Jahre alt ist, hat vieles miterlebt. Sie lebte bereits während der Hitlerzeit mit ihren regimegetreuen Eltern in diesem Haus und kehrte später zurück - getragen von einer schweren Schuld, die sie nie ganz loslassen konnte. Nele, die im vierten Stock wohnt - ehemals die Wohnung der jüdischen Familie Sternheim - lernt durch Irma viel über diese dunkle Zeit. Durch die Erzählungen der Zeitzeugin wird Nele neugierig und vertieft sich in die Geschichte, insbesondere in die Familiengeschichte ihrer eigenen Vorfahren. Mich hat der poetische Schreibstil von Szántó sehr fasziniert. Trotz gelegentlicher Unterbrechungen im Lesefluss hat mich die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird, tief berührt. Besonders begeistert hat mich die originelle Idee eines erzählenden Hauses, das die Geschichte seiner Bewohner lebendig werden lässt. Ich kann Euch 'Treppe aus Papier' nur ans Herz legen und finde, dass es ein berührendes Buch ist, das zum Nachdenken anregt.

Wie würde es sich anhören, wenn unser Haus über seine Bewohnerinnen und Bewohner erzählen könnte?
Treppe aus Papier ist wahnsinnig klug und poetisch erzählt. Über Jahrzehnte hinweg hat das Haus unzählige Schicksale gesehen. Wo heute eine Buchhandlung ist, hat die SS damals das Schaufenster des jüdischen Uhrmachers zertrümmert. Wo früher Ruths Familie um ihr Überleben bangte, lebt heute Nele, deren größte Sorgen eine Mathearbeit und die erste Liebe sind. Erst durch die Begegnung mit einer älteren Nachbarin öffnen sich die verborgenen Geschichten des Hauses und es kommen wichtige Themen wie Generationstraumata, misslungene Entnazifizierung und Kritik and er deutschen Erinnerungskultur auf.
Ein außergewöhnlicher Erinnerungsroman
"Irgendwann werden wir aus mehr Loch als Wand bestehen, wird jeder Zentimeter von uns angebohrt, bedübelt, behämmert, bespachtelt, verborgen sein. Wir lecken. Alles fließt, das bestimmt die Zeit. Erst hinein. Dann hinaus." Ein Buch, in dem die Wände, Ecken, Treppen, Rohre und Ritzen eines Hauses der Erzähler sind. Voller Beobachtungen und Geschichten, voller Wut, Verantwortung und Müdigkeit. Ihre Erinnerungen reichen zurück bis in die NS-Zeit und wenn sich die 15-jährige Nele und die 90-jährige Irma im Treppenhaus begegnen, verbindet sich auf ungewöhnliche Weise die Gegenwart mit der Vergangenheit. Ein wirklich außergewöhnliches Buch. Leise, eindringlich. Zumal ein Haus als Zeitzeuge definitiv etwas ist, das ich in dieser Form noch in keinem Buch gelesen habe. Die Echos aus 100 Jahren deutscher Geschichte gepaart mit einer völlig neuen Blickweise auf die eigenen vier Wände und dem sprachlichen Können von Henrik Szántó – was für eine Kombination. Große Leseempfehlung! "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie vererbt ihre Parallelen und aus ihr zu lernen, wirklich zu lernen und nicht bloß dafür gelobt werden wollen, wie toll man sich erinnern kann, ist die Basis einer gelungenen Gegenwart." – Henrik Szántó

Unglaublich berührend und klug erzählt
Ich habe gerade "Treppe aus Papier" beendet und selten hat mich ein Buch so sehr aufgewühlt und gleichzeitig bereichert. Schon der erste Satz hat mich sofort gepackt, und mit jeder weiteren Seite wurde ich tiefer in die Geschichte hineingezogen. Am Ende fühlte ich mich emotional völlig ausgelaugt, aber auf die beste Art und Weise. Das Besondere: Erzählt wird die Geschichte von einem Haus. Dieses Haus ist die Stimme des Romans, es erinnert sich an all die Menschen, die in ihm gelebt, geliebt und gelitten haben. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive entfaltet sich ein Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Dadurch wird Geschichte greifbar, persönlich und unmittelbar, statt bloß eine Wiederholung bekannter Fakten zu sein. Doch Szántó geht weit über das bloße Nacherzählen hinaus. "Treppe aus Papier" ist ein Buch über Schuld und Aufarbeitung, über die Frage, was Verantwortung in der eigenen Familie bedeutet, und darüber, wie Vergangenheit bis heute in unser Leben hineinwirkt. Es geht ebenso um Widerstand, ein Thema, das aktueller ist denn je. Mich hat besonders beeindruckt, wie klug und zugleich eindringlich das alles erzählt ist. Als jemand, der sich beruflich intensiv mit Geschichte beschäftigt, dachte ich, schon vieles zu wissen. Und doch habe ich hier noch einmal ganz neue Perspektiven gewonnen und zahlreiche Stellen angestrichen, die mich sprachlos gemacht haben. Neben der inhaltlichen Tiefe besticht das Buch auch durch seine Sprache: Henrik Szántó schreibt klar, poetisch und so mitreißend, dass man kaum aufhören kann zu lesen. Trotz der Schwere des Themas macht es Freude, in diesen Text einzutauchen, weil er sprachlich so kunstvoll gestaltet ist. Am Ende bleibt ein starkes Gefühl: Dieses Buch hallt nach, zwingt zum Nachdenken und berührt zugleich das Herz. Für mich eine unbedingte Leseempfehlung.
Zu Beginn hatte ich wirklich Schwierigkeiten mich auf die Geschichte einzulassen und war froh, das in einer Leserunde mit einer Besprechung ab der Hälfte gelesen zu haben. Auch aufgrund der Thematik bietet sich das sehr gut für einen Lesekreis an. Ab der zweiten Hälfte war ich jedoch ganz drin und fand die Idee aus Sicht des Hauses zu schreiben und auch den Schreibstil sehr besonders. Die Gleichzeitig der Ereignisse, die mich zu Beginn noch manchmal verwirrt hat, erhöhte hier die Spannung in der Erzählung. Die Thematik der eigenen Verantwortung und des Handelns der Menschen im näheren Umfeld in der NS Zeit ist heutzutage leider wieder viel zu aktuell. Wegsehen ist keine Option.
Die Seele dieses Hauses ist menschlich
Wow! Als Vielleserin Anfang Vierzig denke ich ja manchmal, ich hätte schon fast alles gesehen und gelesen. Umso schöner, wenn mich ein Buch durch etwas Neues richtig überrascht. In „Treppe aus Papier“ erfahren wir die Geschichten dreier Familien, die in verschiedenen Jahrzehnten in ein und demselben Haus in einer deutschen Stadt wohnen und leben. Da ist Irma, die eine eher lieblose Kindheit in den 30er und 40ern des 20. Jahrhunderts hier verlebt, mit Sehnsucht auf das liebevolle Familienleben der jüdischen Nachbarin, der kleinen Ruth, blickt und später wieder in das Haus zurückkehrt. Und da ist Nele, die in unserer Gegenwart mit der Vorbereitung für eine Geschichtsklausur kämpft und beginnt, sich mit der Vergangenheit Ihrer Familie zu beschäftigen und zarte freundschaftliche Bande zur alten Dame aus dem unteren Stock knüpft. Das Thema der Geschichte ist viel beschrieben: Wie verhielten sich verschiedene Personen der Handlung in der NS-Zeit? So klar, so bekannt. Doch der besondere Twist ist die Perspektive. Erzähler dieser Ereignisse ist das Haus selbst. Schon die Vorstellung in einem über drei Seiten langen Satz ist ein Paukenschlag und lässt erkennen: hier haben wir einen Erzähler mit Emotionen, Gedanken und Gefühlen, die jedem Menschen bekannt sind. Es will sich neutral geben, ist es aber nicht. Es will beeinflussen, ist aber zum Zusehen verdammt. Es freut sich, fiebert mit, bemitleidet, bedauert, betrauert und verurteilt. Besonders ist dabei auch, dass das Haus alle Geschichten nicht chronologisch, sondern zeitgleich erlebt. Das führt zu außergewöhnlichen Szenen in denen die kleine Ruth und die junge Nele, obwohl durch Jahrzehnte getrennt, gemeinsam am Tisch sitzen und Mathematik lernen. Das Haus beneidet die Menschen um ihre Fähigkeit, das Vergehen der Zeit chronologisch zu erleben. Die Lektüre dieses Hausberichtes ist spannend, emotional mitreißend und berührend. Ich bin wirklich „ganz aus dem Häuschen“ über dieses besondere Buch. Henrik Szántó beweist: ein Haus hat eine Seele. Sehr lesenswert!
Ein Haus erzählt. Kein Mensch, kein Ich, sondern Mauern, Dielen, Ritzen. Ein originelles Erzählexperiment, das Erinnern und Erzählen neu denkt: Räume werden zu Archiven, Sprache zu Spurensicherung. Szántós Stil ist fragmentarisch, rhythmisch, manchmal wie eine Liste, manchmal wie ein Echo. Literaturwissenschaftlich spannend, weil die Form das Thema spiegelt: Erinnerung ist nie linear, sondern brüchig, widersprüchlich, voller Leerstellen – so wie die deutsche Geschichte selbst. 👉 Gesellschaftspolitisch relevant: Vergangenheit vergeht nicht. Sie hallt nach, auch in der Gegenwart. Mit Nele Bittner (15, später 16) gibt es eine junge Protagonistin, die Fragen stellt, die sich der Familiengeschichte stellt und so Verantwortung neu verhandelt. Treppen aus Papier ist mehr als „nur“ ein Beitrag zur Erinnerungskultur. Es ist ein Text über das Schweigen und die Sprache, über das Nicht-Erzählen und das Neu-Zusammensetzen. Ein Roman, der zeigt, dass Literatur Räume öffnen kann, in denen Vergangenheit und Gegenwart ins Gespräch kommen. ✨ Für alle, die verstehen wollen, dass „damals“ nie abgeschlossen ist.
Characteristics
14 reviews
Mood
Protagonist(s)
Pace
Writing Style
Description
Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-Jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem Vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.
»Szántós Sprache fließt durch dieses Haus und durch die Zeiten, klug und voller Details. Unbedingt lesen!« Markus Thielemann
»Dass die Echos der Geschichte überall sind, wenn man nur hinhört, zeigt dieser originelle Roman.» Raphaela Edelbauer
Book Information
Author Description
Henrik Szántó, geboren 1988, ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Autor und Moderator in Hannover. Als Spoken Word-Künstler bespielt Szántó Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. Seine bisherige Arbeit wurde mit Stipendien gewürdigt. Als Referent hält Szántó Seminare zu poetischem und kreativem Schreiben, Auftritt- und Vortragssicherheit und bereitet Bühnen für neue und arrivierte Stimmen. Die Kernthemen seiner Arbeit sind Mehrsprachigkeit, Erinnerungsarbeit und kulturelle Vielfalt.
Posts
Sie war dabei. Sie ist hier. Wäre sie auch dabei gewesen? Nele, 16, kurz vor den Prüfungen, lebt in einem geschichtsträchtige Haus. Viel ist in seinem Mauern geschehen und an all das erinnert sich das Haus und erzählt uns aus der Sicht des Beobachtenden seine Geschichten. Viel erfahren wir über Irma, die seit fast einem Jahrhundert lebt und viel in diese Zeit erlebte. Nele und Irma helfen einander und so erfahren wir von damals und einiges von heute. Auch Schuld und Versagen werden lebendig und drängen an die Oberfläche. Aber auch eine Mauer des Schweigens entsteht. Und Nele fragt sich, wie es in ihrer Familie war und ist und stellt sich den Fragen, wie sie damals gelebt hätte. Zunächst kam ich mit der Art der Erzählung nicht richtig klar. Beim hin und her springen hatte ich das Gefühl der Unvollständigkeit. Später wurde der Text etwas runder, griffiger. Dann gefiel es mir besser. Auch die Gegenüberstellung von Nele und Irma jeweil im gleichen Alter war sehr aufschlussreich. Den zweite Teil des Romans fand ich dann flüssiger und harmonischer erzählt. Mir blieben die Charaktere relativ fern. Mit Nele konnte man mitfühlen, trotzdem kommt sie nicht nahe, wahrscheinlich lag auch dies daran, dass sie für mich nicht richtig greifbar war. Auch von allen anderen erfährt man nur wenig, so dass ihr Wesen weitgehend fremd bleibt. Gleichzeitig sind die kurzen Sequenzen, in denen wir von ihnen hören, intensiv und geben ein Augenblicksbild. Gefallen haben mir die geschichtlichen Exkurse. Auch das zaghafte Auftauchen des Versagens in der Nazizeit, der damaligen Irrtümer und das Entstehen des alten Gedankenguts heute, werden schonend und doch ehrlich angesprochen. Wichtige Themen, ansprechend und nachdenklich machend. Wenn wir heute wollen, das es uns noch besser geht, stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich möglich sein wird, wenn wir das nationalsozialistischen Gedankengut heute wieder zulassen. Überlegungen, die auch und besonders in unserer Zeit wichtig sind. Eine sehr gute, wichtige, aufrüttelnde Geschichte mit einer besonderen Idee der Erzählweise, die für mich etwas holprig war. Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht missen.
Okay,wow! Mich hat das Buch, das Haus zerrissen, zerstört, es ist mir unter die Haut gegangen. Es hat mich schon immer fasziniert, was alte Häuser alles erlebt gaben. Hier das Haus selbst, auf diese besondere Art, erzählen zu lassen, fand ich großartig. Große Leseempfehlung, gerade in der jetzigen Zeit!
Wenn Häuser reden und Worte und Erinnerungen Stufen bauen, entsteht eine Treppe aus Papier. Sehr lesenswert!
„Uns freut jedes mitgebrachte Land, jede bewanderte Erinnerung und jede neue Sprache, denn auch nur ein kurzes Bewohnen erweitert unsere Welt um kostbare Facetten. Wir betrachten die Außenwelt mit Neugier. Wir sind nur ein Ort unter vielen, und die Feinheiten und Schicksale, die dich so einzigartig machen, in deinem Erleben und Begreifen, wissen uns höchstens zu streifen. Genau deshalb bist Du hier so willkommen und wir ganz neugierig auf deine Schätze.“ ~ Zitat Seite 25/26 ~ Also, wer das erste Kapitel gelesen hat und danach sagt: „Wow, das ist genial!“, wird auch vom Rest des Buches nicht enttäuscht werden. Und wer das erste Kapitel gelesen hat und danach sagt: „Puh, was war das denn?“, sollte das erste Kapitel gleich nochmal lesen, um den Wow-Effekt zu erlangen. So ist es zumindest mir ergangen. Nach dem 2. Lesen dachte ich: „Chapeau, Herr Szántó, das ist brillant!“ Und keine Angst, nur das erste Kapitel besteht aus einem einzigen Satz, bei dem ich das Gefühl hatte, ich befände mich auf einem Poetry Slam. Der Rest der Geschichte, welche auf mehreren Zeitebenen spielt, ist wunderschön flüssig und zärtlich geschrieben. Einige Textpassagen sind fast schon philosophisch und haben mich ordentlich zum Nachdenken gebracht bzw. mir so manchen Aha-Moment beschert. Fakt ist, dieses Buch erfordert Aufmerksamkeit, aber es lohnt sich ungemein, diese zu investieren. Denn das Besondere und wirklich Geniale ist, dass die einzelnen Zeitebenen oft miteinander verschmelzen und trotzdem alles wunderbar zusammenpasst. So etwas habe ich vorher noch nie gelesen und würde fast behaupten, dass ist wahrhaft literarische Kunst. Zwei kleine Kritikpunkte gibt es aber von mir, so dass ich diesem Buch „nur“ 4 Sterne gebe. Einen Minuspunkt gibt es, da mir die Beziehung von Nele und Irma ein wenig zu oberflächlich war, da hätte ich mir viel mehr Tiefgang und Emotionen gewünscht. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass der Rest des Buches all diese Tiefen und Emotionen aufweist. Einen weiteren Minuspunkt muss ich dem Autor bei der Altersberechnung von Neles Großeltern und die damit verbundene Rolle zum dritten Reich geben. Ich glaube, da hat Herr Szántó sich ein wenig verrechnet, oder? Hat jemand von Euch das Buch schon gelesen? Da stimmt doch was nicht mit dem Alter der Großeltern… Hmmm, habe ich Euch jetzt neugierig gemacht? Das ist gut so! Und bevor ich jetzt noch zu viel verrate, möchte ich Euch lieber ans Herz legen, dieses Buch zu lesen. Dieser Roman ist wirklich etwas ganz Besonderes und sehr lesenswert! Für mich war es definitiv Neuland und ich freue mich auf alles, was von dem „Spoken-Word-Künstler“ Henrik Szántó noch so kommt. 📃🏠⭐️⭐️⭐️⭐️🏠📃
Das war mal ein ganz anderes Buch.! Ein Haus, das über das Leben seiner Bewohner schreibt...und das über einen Zeitraum von circa 100 Jahren. Am Anfang musste ich mich erstmal reinfinden in die Schreibweise. Es ist kein Buch, das man mal zwischendurch liest, sondern es hat Zeit und volle Konzentration gebraucht. Ich bin in die deutsche Geschichte eingetaucht habe die NS - Zeit erlebt anhand der Schicksale der Bewohner dieses Hauses. Sehr anschaulich wurde auch die Bürde dieser Epoche für die nachfolgenden Generationen beschrieben sowie die Sprachlosigkeit, die bis in die heutige Zeit hineinreicht. Es ist ein sehr wichtiges Buch und sollte von vielen Interessierten gelesen werden !
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
„Treppe aus Papier“ ist kein Buch für den schnellen Konsum. Sprachlich feinfühlig und zugleich präzise, entwickelt der Text eine ganz eigene Atmosphäre, die einen langsam, aber sicher in ihren Bann zieht. Jede Formulierung wirkt bewusst gewählt und trägt zur Tiefe der Geschichte bei. Das ruhige Tempo schafft Raum zum Innehalten und Nachdenken – selten habe ich ein Buch erlebt, das sich so viel Zeit nimmt und genau dadurch seine volle Wirkung entfaltet. Ein leises, aber eindrucksvolles Leseerlebnis ❤️!
Die Geschichte hat eine ungewöhnliche Erzählperspektive. Das Haus erzählt von den verschiedenen Menschen die es zu unterschiedlichen Zeiten - es ist über 100 Jahre alt - bewohnt haben. Thematisch geht es um den Nationalsozialismus, die Erlebnisse der betroffenen Menschen damals, der Umgang mit Schuld, dem Verdrängen und unter den Tisch kehren heute. Es wurde viel in der Zeit hin und her gesprungen und darin vom Leben verschiedener Menschen erzählt, sodass ich manchmal Probleme hatte zu folgen. Über allem die Sichtweise des Hauses ( die nicht neutral ist). So war es fast ein bisschen viel für mich. Was mir fehlte ist, dass für mich einige der Beziehungen zueinander sehr oberflächlich beschrieben wurden. Da hätte ich mir an einigen Stellen mehr Intensität gewünscht. Gerade zwischen Nele und ihren Eltern und auch zwischen Nele und Irmgard. Beide Beziehungsebenen bleiben doch sehr oberflächlich. Insgesamt aber ein lesenswertes Buch, das mal etwas anders ist, als so viele andere mit ähnlichem Inhalt.
Poetisch - berührend - authentisch
Im zweiten Kapitel dachte ich noch „das wird safe ein Abbruch“. Ich fand es doch sehr komisch, wie das Haus „sprach“. Aber schon ein paar Seiten weiter hat’s mich irgendwie gepackt und nicht mehr losgelassen. Einfühlsam und langsam entblättert sich die Geschichte und nimmt uns mit in die deutsche Vergangenheit. Wer hat in diesem Haus gewohnt und was tragen alle mit sich herum? Die letzten 100 Seiten habe ich in einem Rutsch gelesen, weil ich unbedingt wissen musste, welches Schicksal jeweils Ruth, Irma und Nele zugedacht ist. Gegen das Vergessen! Lest das Buch bitte alle auch!
Zwischen den Wänden
Was hätte das Haus, in dem wir leben, wohl zu erzählen? Welche Geschichten schlummern in seinen Wänden, welche Emotionen sind in seine Räume eingesickert, welche leisen oder grausamen Momente hat es miterlebt? Genau von diesen Fragen ausgehend entfaltet „Treppe aus Papier“ seine ganz eigene, für mich magische Erzählweise. Was zunächst fast ein bisschen verrückt klingt – ein Haus, das spricht und erinnert – wird hier zu einer tief bewegenden Reise durch Zeit, Schicksale und Erinnerungen. Schon nach wenigen Seiten war ich völlig gefangen in dieser besonderen Perspektive. Das Haus wird zum stillen Zeugen menschlicher Leben, zum Bewahrer von Freude, Verlust, Schuld und Hoffnung. Es erzählt nicht nur Geschichten, es fühlt sie mit – und genau das macht dieses Buch so intensiv. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, und man beginnt unweigerlich, auch über die eigene Familiengeschichte nachzudenken. Besonders beeindruckt hat mich die Sprache: so poetisch, so feinfühlig, dass ich am liebsten jeden zweiten Satz markiert hätte. Es sind diese stillen, eindringlichen Formulierungen, die lange nachhallen und sich tief ins Herz setzen. Gleichzeitig eröffnet das Buch eine grandiose Sicht auf historische Ereignisse, ohne jemals trocken oder distanziert zu wirken – vielmehr werden sie greifbar, persönlich und erschütternd nah. „Treppe aus Papier“ ist für mich pure Emotion. Ein Buch, das nicht nur erzählt, sondern nachwirkt. Es stellt Fragen, die bleiben: über Vergangenheit, über Erinnerung und über die Geschichten, die wir vielleicht selbst nie ganz kennen werden – weder die unserer Häuser noch die unserer eigenen Familie.

Szántó thematisiert in seinen Werken das Aufwachsen in multikulturellen Umfeldern, die jüdische Familiengeschichte, Migration, Sprachverlust sowie die Herausforderung der Selbstdefinition angesichts einer von Lücken, Brüchen und verschobenen Perspektiven geprägten Biografie. Der Titel „Treppe aus Papier“ symbolisiert dabei treffend die Dualität von Tragfähigkeit und potenzieller Fragilität. Szántós literarischer Stil weist Parallelen zu Autor*innen wie Saša Stanišić, Katja Petrowskaja oder Ilya Kaminsky auf, zeichnet sich jedoch durch eine eigenständige, subtile Handschrift aus. Die Kombination aus poetischer Prosa und essayistischen Reflexionen reiht sich in die Tradition literarischer Erinnerungstexte ein, ohne dabei in Nostalgie abzugleiten. „Treppe aus Papier“ stellt ein bemerkenswertes Debüt dar: ein Werk, das seine Wirkung nicht durch Lautstärke, sondern durch seine Resonanz entfaltet. Es ist eine Auseinandersetzung mit Identität, Sprache und der fragilen Struktur der Erinnerung, dessen Stärke gerade in seiner Zartheit liegt. Für Leser*innen, die literarische Präzision, poetische Ausdrucksformen und Themen wie Diaspora, jüdische Geschichte und Mehrsprachigkeit schätzen, bietet dieses Buch ein konzentriertes Kleinod.
Ein kleines Glück zu finden und zu bewahren, ist der größte Affront, denn insgeheim wissen sie: Dieses Leben lässt sich nicht auslöschen. Es gehört dazu. Zeit mag vergehen, verschütten und begraben und darin ihre zerstörerische Kraft entfalten, aber wir stemmen uns dagegen. Wir bewahren. Alles ist, und alles ist jetzt.
Dieses Buch ist anders! Anders geschrieben, anders wichtig und anders aktuell! Das Buch ist aus Sicht des Hauses geschrieben und erzählt die Geschichte von den Menschen, die es bewohnt haben. Nele findet im Treppenhaus einen Ohrring und so kommt Nele zufällig mit Irma ins Gespräch. Zentrales Thema ist der Nationalsozialismus und dessen Folgen. Der Schreibstil ist so anders und besonders. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um damit warm zu werden. Das Buch zwingt einen es langsam zu lesen. Nur so versteht man wirklich den Inhalt. Es wird oft poetische Sprache genutzt . Das Buch ist so besonders und wichtig! Aktueller geht es kaum! Ich finde gar keine richtigen Worte um auszudrücken wie ich mich fühle. Sollte jeder Mensch gelesen haben.
Ein Haus, das seine Geschichte erzählt, mit all den Bewohnern, die es als Erinnerungen in sich trägt. Manche nur kurz erwähnt, andere haben eine etwas größere Nebenrolle, aber vorwiegend geht es um Nele, Irma und Ruth sowie deren Familien. Irma und Nele wohnen jetzt in diesem Haus mit Geschichte. Nele im vierten Stock und Irma im ersten. Nele ist gerade in der besonderen Phase ihres jungen Lebens - die Eltern nerven, sie soll für die Schule lernen und dabei kann sie nur an Laura denken. Eine Geschichtsklausur und ein Ohrring auf den Briefkästen bringen Irma und Nele zusammen. Nele erkennt durch Irma, dass die Geschichte nicht vergangen ist, sondern auch in ihrem Haus lebt. Irma lebte schon in den 1930er und 1940er Jahren hier, zusammen mit Ruth. Beide waren Kinder, als sich die Zeiten langsam verdunkelten. Dieses Haus schildert in einer wirklich schönen Sprache. Kurz hatte ich befürchtet, dass es anstrengend werden könnte, da die ersten drei Seiten aus einem einzigen Satz bestanden. Aber danach ging es mit kürzeren Sätzen und sehr feiner und poetischer Sprache weiter. Ich war sofort in der Geschichte drin und habe schnell bemerkt, dass ich das Lesen hinauszögern wollte. Ich wollte einfach länger Gast in diesem Haus sein. Und gleichzeitig musste ich weiterlesen, da ich wissen wollte, wie es weitergeht. Ich mochte Irma mit ihrer direkten Art und Neles Neugier und das Verliebtsein. Ich bekam die Erkenntnis, dass Kinder, die mit nazitreuen Eltern aufwachsen und eine kühle und disziplinierte Erziehung genießen, nicht gelernt haben, Liebenswürdigkeit auszustrahlen oder andere Meinungen anzunehmen. Aber sind sie deswegen weniger Menschenfreunde? Viele Fragen, die mir beim Lesen aufkamen: „Hat wirklich fast keiner Nazis in seiner Familie und das, obwohl ganz Deutschland voll davon war?“ und „Welche Auswirkungen hat es auf die Familie der Nutznießer dieser Zeit? Haben die Nachkömmlinge nicht bessere Voraussetzungen fürs Leben? Und das nur, weil die Vorfahren Raubgut und Enteignung zum Vorteil ausgenutzt haben? Was ist mit den Erben derer, denen Eigentum genommen wurde?“ Eine berührende und so wichtige Geschichte. Ich kann sie nur weiterempfehlen. Nachtrag: ich war auf der Lesung und war begeistert. https://veranstaltungen-stadtbibliothek-stuttgart.de/?id=20929 hier kann man das Gespräch als mp3 nachhören 💕 S.24 „In uns lebten bislang zweihundertsiebzehn verschiedene Personen, hier sind neun Menschen verstorben, es wurden zweiundzwanzig Kinder gezeugt, aber nur drei hier geboren. Eines dieser drei, Irma, lebt wieder hier und wird mit ihren neunzig in diesem Jahr die längste Zeit mit uns verbracht haben. Irma, unser Jahresring mit fehlender Mitte.“ S.74 „Dann sind wir ganz Frage, ganz Echoraum, eine Hohlkammer für die Stimmen des Danachs. In unserem Bauch gären Gespräche, wallen Worte, ein Spiel aus Wechsel und Wiederholung, eine Schar der Fragezeichen.“ S.89 „Das Kind macht keinen Ton, während Golda die Wunde desinfiziert. Es zuckt nicht einmal zusammen. „Tapfer bist du“, sagt Golda, und es gelingt ihr nicht, den Hauch von Traurigkeit aus der Stimme zu verbannen, weil das Mädchen so eisern die Prozedur erträgt. S.104 „Irma trinkt aus Raubgut. Der Sessel, die Karaffe, das Gas, der mehrfach reparierte Luster. Das Erinnerungsvermögen der Gegenstände übertrifft das der Menschen.“ S.175 „Alwin darf keine Immobilien mehr besitzen. Man zwingt ihn, uns zu verkaufen. Wilhelm Kebel, der Nacheigentümer, wird bis 1970 gute Mieten verdienen. Bei den Verkaufsgesprächen spricht er durchgehend mit leicht gehobenen Augenbrauen und nickt so gespielt gütig, als würde er Alwin mit dem Verkaufspreis einen Gefallen tun.“
Empfehlung aus dem Radio. Eine Geschichte aus der Sicht eines Hauses.
Ein Haus berichtet über eine Begegnung von Nele und ihrer Nachbarin, die bei Nele weitere Fragen aufwirft. Auch ausgelöst durch den Geschichtsunterricht. Wie war das damals eigentlich? Und was genau hat die eigene Familie für eine Rolle gespielt? Das Haus berichtet von vielen Geschichten und Personen, die in ihm leben oder gelebt haben. Es mag sich vielleicht ein bisschen durcheinander oder verwirrend anhören, aber es lies sich so unfassbar gut lesen. Allein durch das „verweben“ der Zeiten, war’s was besonderes. Zitat aus dem Buch: „Da liegt was in den Ritzen. So wie der Schimmel am Saum einer Fuge überdauert, wenn nicht gründlich gescheuert wird. Die Vorstellungen dieser Zeit sind hartnäckig und voller Geduld. Sie reifen, verschleiern ihren Kern, offenbaren sich im Gewand des Geläuterten und beweisen, dass ein Gift lang und gründlich wirken kann, wenn es sich als Salbe tarnt.“ Da steckt so viel Wahrheit drin 🥺 Uff, das hat schon irgendwie gesessen. Ganz klar ist, für mich, die Massage. Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist. Den Teil der deutschen Geschichte, den so viele gerne vergessen und verdrängen wollen. Wir sollten unser bestes geben zu verhindern, dass es sich wiederholt.
Dran bleiben lohnt sich…
Die ersten Seiten hat mich ehrlich gesagt erstmal ziemlich abgeschreckt. Irgendwie bin ich überhaupt nicht reingekommen, weshalb das Buch dann auch erstmal für ein paar Monate ungelesen herumlag. Auf Empfehlung einer Freundin habe ich es dann doch nochmal zur Hand genommen und das war die richtige Entscheidung.Denn sobald man über den Einstieg hinweg ist, entwickelt sich die Geschichte ganz anders als (von mir) erwartet. Nele (16) und Irma (Ü90) stehen dabei im Mittelpunkt. Anfangs wirken sie teilweise noch etwas distanziert oder schwer greifbar, aber je weiter man liest, desto mehr versteht man ihre Hintergründe, ihre Entscheidungen und auch ihre Verbindungen zueinander. Die NS-Zeit spielt hier die wichtigste Rolle. Sie wird eher ruhig und schrittweise aufgearbeitet. Es geht weniger um große dramatische Szenen, sondern vielmehr darum, wie die Vergangenheit, vor allem in Irmas und Ruths Leben, bis in die Gegenwart hineinwirkt. Die Thematik an sich ist natürlich immer aktuell. Allerdings muss ich sagen, dass sie für mich inhaltlich nichts wirklich Neues war. Trotzdem finde ich, dass das Buch gerade deshalb gut geeignet ist, um sich (nochmal) damit auseinanderzusetzen. Ich könnte es mir zum Beispiel auch gut im Schulunterricht vorstellen.
Ein Haus berichtet von Missständen und Alltäglichkeiten
Dieses Buch hat mich tief berührt. Die Erzählperspektive ist innovativ und interessant, die Geschichten des Hauses emotional und ungeschönt. Die Grausamkeit und Sinnlosigkeit der NS-Zeit wird deutlich und trotz Irma, die man ins Herz schließt, keineswegs kleingeredet oder relatviert. Die Geschehnisse behalten ihre Schwere und der Bogen in die Gegenwart ist schmerzlich gut gezogen. Leider wird das Buch wahrscheinlich wieder nur die erreichen, die schon einen offenen Blick auf die Welt haben und die, die das Leid noch heute verursachen und wieder salonfähig machen wollen, bleiben ignorant. Einziger Kritikpunkt an diesem sonst sehr gelungenem Buch, ist das Ende. Meiner Meinung nach wird zum Schluss zu viel wiederholt und in die Länge gezogen. Es hätte schon ein früheren Abschluss finden können.
Viele gute Ansätze
Nur jubelnde Kritiken! Deshalb bin ich noch etwas mehr enttäuscht. Die Idee, menschliche Schicksale und deutsche Geschichte aus Sicht eines Hauses auf seine Bewohner zu schreiben, finde ich super. Die Geschichte der letzten 100 Jahre! Mitnichten. Deutsche Geschichte ist für mich mehr als nur die NS-Zeit und die Gegenwart. Was ist mit der Zeit dazwischen? Anscheinend stand das Haus da leer. 🤨 HS wählt für seine Geschichte einen sehr philosophischen Ansatz. Das war mir streckenweise einfach zu viel, gegen Ende regelrecht deprimierend. Er vermenschlicht das Haus regelrecht. Ich habe in diesem Roman die schönen Erinnerungen vermisst. Das Buch hat einige sehr treffsichere und schöne Aussagen. Dafür muss man sich allerdings auch durch viel Blablabla kämpfen.
Ich heulte vor Rührung über dieses wahnsinnig tolle Buch rund um die Themen Schuld, Verantwortung, Erinnerung und Überleben im Dritten Reich. Für mich ist Treppe aus Papier eines der besten Bücher der letzten Jahre..
Treppe aus Papier ist eines der Bücher welches ich wirklich jedem Menschen gerne ans Herz legen würde. Denn es überrascht mit einem unfassbar kreativen und neuen Clou, verbindet wunderschöne Erzählung mit kreativen Ideen und historischer Dramatik. Im Zentrum des rund 220 Seiten kurzen Romans steht Nele, 15 bzw. 16 Jahre alt. Die Geburtstagsfeier ist ein einschneidender Moment. Nele ist aktuell akut versetzungsgefährdet da die Erlebniswelt gerade im Alter von 15 bis 16 soviel besseres zu bieten hat als das langweilige Lernen. Erste Liebe, akute Unlust, alles fühlt sich dringender an als Lernen. Ausgerechnet eine Geschichtsklausur zum Thema Drittes Reich könnte noch alles retten. Mit Nele und ihren Eltern im Haus wohnt auch Irma, 90 Jahre alt, des Lebens nach dem Tod ihres Mannes eigentlich längst überdrüssig. Irma lebte als Kind bereits in diesem Haus, hatte dort Freunde, Familie, ihren Mittelpunkt. Dann längere Zeit nicht mehr, später zog sie wieder zurück. Zwei Leben, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und die der Zufall im Treppenhaus irgendwie zusammenführt. Aber der vielleicht wichtigste „Charakter“ dieses Buches ist ein völlig unerwarteter: das Haus selbst. Denn hier gilt: Die Wände haben nicht nur Ohren, die Wände erzählen. Das Haus wird zum Erzähler, zum Gedächtnis und zum Zeugen von über 125 Jahren Geschichte. Es gibt Einblicke in das, was war - besonders in die Zeit des Dritten Reiches - und verknüpft Vergangenheit und Gegenwart auf eine Art, die ich so noch nicht gelesen habe. Teilweise erzählt das Haus zeitgleich was jetzt passiert und was früher dort passierte. Ein Haus ohne Zeitgefühl mit viel Gefühl für das Zeitgeschehen also. Die regelmäßigen Treffen mit Nele helfen Irma eigene begangene Erlebnisse irgendwie zu verarbeiten, die Gespräche mit der Zeitzeugin helfen Nele bei ihrer Geschichtsklausur, vorallem aber hilft es ihr ihren Eltern die richtigen Fragen über Oma, Opa und "wie es damals früher so war?" zu stellen. Aber was in dieser Erzählung so besonders ist? Henrik Szanto, dessen Wurzeln im Poetry Slam liegen, schafft es durch verschiedenste literarische Stilmittel sowohl Emotionen zu steuern als auch den Charakteren Leben zu vermitteln. Ein dreiseitiger Satz ohne Punkt gleich zu Beginn in welchem, so fühlt es sich zumindest für mich an, das Haus alles einmal rauslassen musste was sich über die Jahre angesammelt hat. An anderen Stellen warten Stakkato-Sätze welche eine gewisse Eingängigkeit und Wichtigkeit mit sich führen. Nichts davon wirkt unangenehm. Jede Formulierung passt und jedes Wort klingt authentisch gewählt. Ich will gar nicht mehr über die Handlung verraten. Aber ich kann sagen: Die letzten 40 Seiten haben mich komplett zerlegt. Ich heulte vor Rührung über dieses wahnsinnig tolle Buch rund um die Themen Schuld, Verantwortung, Erinnerung und Überleben im Dritten Reich. Für mich ist Treppe aus Papier eines der besten Bücher der letzten Jahre.

Siamo tutti antifaschisti ⭐️⭐️⭐️⭐️ #niewiederistjetzt
Dieses Buch arbeitet auf, wie sehr der Nationalsozialismus heute noch seine Auswirkungen zeigt. Am Anfang ist es sehr verwirrend, wegen Zeitsprüngen und weil zu viele Personen vorgestellt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Perspektive zwischen Haus und Menschen wechselt. Wenn man das begriffen hat liest sich das Buch ganz gut. Zum Glück gab es dann den Dialog zwischen Irma und Nele (S.48ff), sonst hätte ich das Buch abgebrochen. Ab diesem Zeitpunkt ist auch der Schreibstil etwas deutlicher. Der Autor vermittelt, dass ein Haus eine Seele hat und einen Speicher für Erinnerungen, die keine Zeit kennt, sondern allzeit präsent sind. Als Schullektüre eignet sich das Buch sehr gut, weil man Arbeiten wie Zeitstrahl und Zeichnungen der Bewohner des Hauses mit Profilanalyse als Aufgaben zum Lesen verbinden kann. Trotzdem habe ich gemerkt, dass man sich auch nach der Schule intensiv mit dem Thema beschäftigen sollte, vor allem, wenn man politisch unsicher ist. Dass die SPD, die einzige Partei war die gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat (weil die KPD auf der Flucht war), war mir so nicht bekannt. #cdubrandmauer Das Buch zeigt uns, dass wir generationsübergreifend kommunizueren und aus der Vergangenheit lernen sollten. Außerdem müssen wir das progressive Denken der Jüngeren in der Gesellschaft beachten, um uns später nicht zu fragen, warum ist das denn jetzt schon wieder passiert. Zum Ende hin hat das Buch förmlich nach mir gerufen und ich konnte es kaum weglegen. Es hat sogar den Kampf gegen Zocken und Fernsehen gewonnen :) Apropos: Das Buch als Verfilmung wäre genial, weil man die parallel laufenden Storys im Haus zu verschiedenen Zeiten super visualisieren kann.
Welche Geschichte erzählt unser Haus?
Dies ist eines der interessantesten und bewegensten Bücher, welches ich seit langem gelesen habe. Die bewegende Geschichte eines Hauses und deren Bewohner. Zwei sind besonders hervorgehoben. Irma, 90 Jahre alt, und Nele, 16 Jahre alt. Vergangenheit und Gegenwart nähern sich einander.
Ungewöhnlich, aber sehr berührend
Im Klappentext wird der Autor als Spoken-Word-Künstler bezeichnet. Und ja das passt. „Treppe aus Papier“ ist ein Buch, was mich herausgefordert hat - sowohl sprachlich als auch thematisch. Aber es hat mich auch fasziniert. Das ständige Ändern der Zeitebenen - teilweise von Satz zu Satz - und die Erzählweise aus Sicht des Hauses haben mich dazu „gezwungen“ wirklich langsam und genau zu lesen. Ein sehr besonderes Buch, welches noch lange in mir nachhallen wird.
Dieses Buch hat gerade einmal 220 Seiten und ist trotzdem ein literarisches Schwergewicht! Erzählt wird die Geschichte eines Mietshauses und seiner Bewohner über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren. Die Besonderheit des Romans liegt in seiner Erzählperspektive: Es ist das Haus selber, das von seinen zahlreichen Bewohnern berichtet. Von Familien(geheimnissen), Verrat, Glück, Neid, Neugierde, Vorurteilen, Menschlichkeit und Bosheit. All das existiert nebeneinander, überschneidet sich, spiegelt sich wider und wiederholt sich. Eine bedrückende Geschichte, bei der man schon früh Schreckliches ahnt. Keine leichte Kost aber trotzdem unbedingt lesenswert nicht zuletzt wegen der großartigen, bildhaften Sprache des Autors.
Warum trifft es einen trotzdem, obwohl man weiß das es passiert…😓🌱
Ich wusste worauf ich mich einlasse und ich ahnte auch was passieren würde. Trotzdem habe ich Tränen verbraucht und mich gefragt, was für eine Ungerechtigkeit und Grausamkeit in diesem Land abgespielt hat. Es ist nicht einmal 100 Jahre her!!! Dieses Buch hat mir nochmal eine andere Sichtweise auf die Dinge der Sache gegeben und ich bin sehr dankbar.🙏 Der Autor hat das Werkzeug der Schriftsprache so wundervoll eingesetzt, dass ich es gar nicht zu Ende lesen wollte. Auch, dass das Haus die gesamte Geschichte erzählt, ist etwas einzigartiges und trägt zum Roman bei, der dadurch nur noch emotionaler wurde.😓 Danke an Herrn Szántó für dieses Buch. Definitiv mein neues Lieblingsbuch! Danke für diese Art der Aufarbeitung unserer schlimmen deutschen Landesgeschichte. Es war innerlich ein Brocken, aber ich bin dankbar dafür.🌱🐣 Nie wieder ist JETZT!
Leise, klug, atmosphärisch: Treppe aus Papier schärft den Blick und klingt nach. Kein Plot-Feuerwerk – dafür literarische Tiefe.
„Dieses Buch ist kein Sprint. Es ist ein Gang durch Türen, die in Räume führen, die man nicht kannte.“ Treppe aus Papier liest sich wie eine Entdeckung im besten Sinne: leise, aufmerksam, von einer eigentümlichen Sogkraft, die nicht aus Tempo entsteht, sondern aus Stimmung. Szántó baut keine Geschichte, die man „wegliest“ – er legt Schichten frei. Seite für Seite entsteht das Gefühl, dass hier etwas Größeres unter der Oberfläche arbeitet: Erinnerung, Kultur, Zugehörigkeit – und die Frage, wie man sich selbst in all dem verortet. Was mir besonders gefallen hat, ist die Art, wie der Roman Beobachtung ernst nimmt. Er vertraut darauf, dass Leser*innen Zwischenräume füllen können. Das Erzählen ist dabei nicht kalt oder distanziert, sondern ruhig und präzise – wie jemand, der sich Zeit nimmt, bevor er ein Urteil fällt. Genau dadurch wirken viele Passagen nach: nicht als Pointe, sondern als Echo. Auch formal hat das Buch etwas Anziehendes: Es ist strukturiert, aber nicht mechanisch; poetisch, aber nicht vernebelt. Es gibt Sätze, die man zweimal liest – nicht, weil man sie nicht versteht, sondern weil man spürt, dass sie mehr tragen, als sie auf den ersten Blick zeigen. Diese „Papierstufen“ sind keine Deko, sie sind Bewegung: nach innen, nach hinten, nach oben. Und dann ist da dieses seltene Gefühl, das Literatur manchmal auslöst: dass sie nicht nur erzählt, sondern eine Art Wahrnehmung schärft. Nach dem Lesen schaut man anders auf Dinge – auf Räume, auf Worte, auf die kleinen Verschiebungen zwischen Menschen. Für mich ist das die größte Stärke von Treppe aus Papier: Es verändert nicht die Welt, aber es verändert den Blick auf sie. Fazit: Ein stiller, kluger Roman, der belohnt, wenn man ihm Zeit gibt. Wer leise Bücher liebt, die lange nachklingen, findet hier genau das: Literatur, die nicht drängt – sondern bleibt. Für Leser, die… …Romane mögen, die atmosphärisch und leise wirken statt laut zu plotten. …Freude an Beobachtung, Sprache und Zwischenräumen haben. …Bücher suchen, die man nicht „fertigliest“, sondern mitnimmt. Meine Zeile zum Buch: „Manchmal führt die nächste Stufe nicht nach oben – sondern tiefer in das, was man übersehen hat.“ nstagram-Caption (Hook + S

Henrik Szántó hat ein hervorragendes Buch geschrieben, das warm und poetisch Geschichte und Erinnerung erlebbar macht. Mein Jahreshighlight!
Manchmal gibt es sie noch, diese Bücher, die Kopf und Herz gleichermaßen ansprechen. Diese Bücher, die man langsam und bedächtig liest, weil man nicht möchte, dass sie so schnell enden. Und diese Bücher, deren Wörter, Sätze, Kapitel noch lange nach dem Zuklappen der Buchdeckel wie ein Echo nachhallen. Henrik Szántó ist es gelungen, ein solch außergewöhnliches Buch zu schreiben – in einer Zeit, in der die Thematik kaum aktueller sein könnte. Das helle, in bunten Farben gehaltene Cover deutet es bereits an – hier erzählt ein Haus mit all seinen Wohnungen, Räumen, Wänden, Dielen. Es berichtet von den ganz unterschiedlichen Menschen, die es im Laufe der Jahrzehnte bewohnt haben. Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Zuflucht und Verfolgung – es lässt nicht aus, beschönigt nicht. Das Haus entpuppt sich als origineller, aber auch ehrlicher Erzähler, dem ich gerne noch länger gelauscht hätte. Die Schicksale, die sich dort abspielen, stehen ganz im Zeichen der jüngeren deutschen Geschichte und dem Alltag der Menschen darin. Konkret durchleuchtet wird die Zeit des Nationalsozialismus und wirft unwillkürlich die Frage auf, wie wir uns damit auch heute noch auseinandersetzen möchten. Dabei wird kein Richtig oder Falsch aufgezeigt, sondern nur anhand der Protagonisten veranschaulicht, wie unterschiedlich die Konfrontation mit der Vergangenheit verlaufen kann. Es war sehr erfrischend, dies anhand der Teenagerin Nele und der alten Dame Irma zu erleben. Die weibliche Perspektive, der Kontrast der NS-Ideologie zur modernen Freiheit der Frau hätte kaum deutlicher werden können als durch diese beiden Protagonistinnen. Sie sind Kinder ihrer Zeit und gleichzeitig nicht unfehlbar, treffen Entscheidungen, bereuen diese ob der Konsequenzen. Und nun lehrt uns ausgerechnet ein Haus, dass all das menschlich ist? Dass dies gelingt, liegt vor allem an der sprachlichen Schönheit dieses ganz besonderen Werks. Als Laie kann ich kaum in Worte fassen, wie leichtfüßig die Sätze sich trotz des unerträglichen historischen Inhalts aneinanderreihen. Gelegentlich traut sich der Autor, einzelne Kapitel poetischer oder eben auch sperriger zu gestalten und beeinflusst so, ganz im Sinne des Inhalts, das Erzähltempo. Ich kenne keinen Autor, der die Wucht seines Inhalts sprachlich so abzufedern vermag wie Henrik Szántó. Er verkennt dabei nicht die Schrecken der Vergangenheit, er macht sie lediglich für den Leser erträglich. Am Ende hallen die Sätze noch lange nach und erfüllen damit wohl ihren Zweck – Vergangenes in der Gegenwart verarbeiten, um die Zukunft lebenswerter zu machen. Fazit: Die „Treppe aus Papier“ ist auf den ersten Blick vielleicht nicht für Liebhaber seichter Unterhaltung geeignet. Ich kann jedoch nur jeden einladen, diesem Buch eine Chance zu geben. Henrik Szántó hat ein hervorragendes Buch geschrieben, das in unruhigen Zeiten einen Nerv trifft. Warm und poetisch statt staubtrocken macht er Geschichte und Erinnerung erlebbar und lädt dazu ein, sich selbst und andere zu hinterfragen. Niemand hat gesagt, dass das leicht ist – aber selten ist es so außergewöhnlich erzählt worden. Mein Jahreshighlight!
Ein Haus als Zeitzeuge
Ein Haus als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Die Wände erspüren das in ihm wohnende Leben, berichten von Familien, die enteignet und denunziert wurden. Von Kindern, die gemaßregelt und nach Johanna Haarers' menschenunwürdigen Regeln erzogen wurden. Dieses Haus ist ein Beobachter; in ihm verschwimmen Zeit und Raum und verweben sich zu einem Teppich aus Begebenheiten und gelebtem Leben. Hausbewohnerin Irma hat die Nazizeit noch miterlebt. Ihre Eltern hatten zu verantworten, dass die Familie Sternheim, ehemals Besitzer des Hauses, vertrieben wurden. Die Schuld sitzt tief, als Irma im Hausflur Nele begegnet. Die junge Frau wächst ganz anders auf als Irma, die die Nazidogmen von ihrer Regimetreuen Mutter eingeprügelt bekommen hat. Die beiden ungleichen Frauen kommen ins Gespräch, Geschichte wird lebendig und verliert seine abstrakte Sprödigkeit. Ich kann den Stil von Henrik Szántó nur bewundern. Das Haus als unbeteiligter Dritter führt den Leser nicht nur durch die Geschichte, sondern lässt ihn hin und her durch die Historie schwimmen, was einen tatsächlichen Lesefluss und Lebendigkeit erzeugt. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Es hat lediglich 221 Seiten, aber ich habe jede einzelne genossen.
Historische Geschichte voller Wissen und Poesie
Die Grundidee, durch die Geschichten eines Hauses die deutsche Vergangenheit zu erzählen, finde ich sehr kreativ und es war sehr veranschaulichend, beklemmend, traurig und gespickt mit sehr viel Wissen. Es fühlte sich beim Lesen sehr realistisch an und die Geschichte bringt einen sehr zum Nachdenken, auch was die eigenen Vorfahren angeht. Die Vorstellung, dass unser Zuhause unser Leben mitverfolgt und dokumentiert, finde ich irgendwie tröstlich und verstärkt das Zuhause Gefühl. Jedoch war es für mich bei dem Erzählstil auch schwierig, am Ball zu bleiben. Zuerst muss man sich daran gewöhnen, dass das Haus die Geschichte erzählt, dann kommt noch dazu, dass innerhalb eines Satzes zwischen den Perspektiven der verschiedenen Jahre gesprungen wird und sich Situationen der Gegenwart und Vergangenheit überlappen. Am schwierigsten war für mich jedoch die Kombination von langen Schachtelsätzen (der erste Satz des Buches zieht sich über 3,5 Seiten) und den Einschub von Wissenshappen in den Nebensätzen. Das Buch enthält für mich zu viel Input auf einmal, ich konnte die Mischung aus der eigentlichen Geschichte, Wissen und Poesie nicht gleichermaßen aufnehmen und würdigen, weil ich nicht alles fokussieren konnte. Daher habe ich mich vorrangig auf die Geschichte konzentriert. Manchmal ist weniger mehr. Der Autor scheint sich auf jeden Fall viel Mühe bei der Ausführlichkeit seiner Recherchen gemacht zu haben bzw. ein weitreichendes Wissen zu verschiedenen Themen zu haben. Wer eine historische, komplexe Geschichte gespickt mit vielen wissenschaftlichen Details und Poesie sucht, wird bei dieser Geschichte fündig.
Highlight
Ein leiser, aber sehr eindringlicher Roman. Besonders die Passagen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind stark: Schuld, Wegsehen und die Folgen falscher Entscheidungen ziehen sich bis in die Gegenwart hinein. Die Figuren wirken nah und glaubwürdig, vor allem Irma, deren Erinnerungen zeigen, wie schwer es ist, mit der eigenen Vergangenheit zu leben. Auffällig ist der poetische Schreibstil – man merkt Szántós Hintergrund im Poetry-Bereich. Die Sprache ist ruhig, bildhaft und lässt viel Raum zwischen den Zeilen. Die Treppe aus Papier steht dabei für Erinnerung selbst: fragil, unsicher, aber notwendig, um sich der eigenen Geschichte zu stellen. Ein stilles, nachwirkendes Buch, das lange im Kopf bleibt.
Ein Haus erzählt uns hier die Geschichten seiner Bewohner. Ich habe mich schnell an diese ungewöhnliche Perspektive gewöhnt und es gefiel mir sehr. Auch die Geschichte rund um Nele, Irma und Ruth ist packend. So sehr, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte und mein Puls in die höhe ging. Dieses Buch wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Ich hab da ein Buch gelesen, das echt mal was anderes ist. Am Anfang dacht ich nur: Hä?! Das Haus erzählt?! 😅 Aber ehrlich – das passt total zur Geschichte und hat mich voll abgeholt.
💜 Es geht um ein altes Wohnhaus und die Leute, die darin leben oder mal gelebt haben. Über 100 Jahre, inklusive Nazi-Zeit, Familiengeheimnisse, grosse Fragen und Erinnerungen, die einfach nicht verschwinden. Zwei Frauen – eine Schülerin und eine 90-Jährige – kommen ins Gespräch und daraus entsteht so viel Tiefe. Mal (wenig) witzig, mal traurig, immer berührend. Und ja – das Haus quatscht dazwischen. Aber irgendwie macht genau das den Reiz aus.
Absolut empfehlenswert
Tolle neue Perspektive, in der das Haus die Geschichten erzählt, die es gesehen und gehört hat. Der Übergang zwischen den Zeiten toll gemacht. Eine fließende, anschauliche Sprache, die der Autor verwendet, macht das Gelesene so lebendig. Ich konnte alles fühlen. Die Grausamkeiten, das Kinderleben, die Tage und Nächte. Leben kann einsam machen und Antworten offen lassen. Dankbarkeit ist ein hohes Gut. Ich bin dankbar für dieses Buch.
Aussergewöhnlich
Ein außergewöhnlich tiefgründiges Buch 📕 Tolle Sprache, Henrik Szanto wäre der Lieblingsschüler meiner sehr geschätzten Deutschlehrerin 🥰 Inständig hoffe ich für uns alle, dass mehr junge Leute so neugierig wie Nele sind und das damalige hinterfragen. Ich drücke uns für die Zukunft die Daumen 👍
Ein Haus packt aus…
Henrik Szántó lässt in seinem Roman „Treppe aus Papier“ ein altes Haus von seinen Erinnerungen an all die Menschen, die es je bewohnten, erzählen. Und so erzählt es die Geschichte der 15 jährigen Nele, die aufgrund einer Geschichtsklausur, mit der 90jährigen Irma, einer Zeitzeugin des Nationalsozialismus, im Treppenhaus ins Gespräch kommt und beginnt Fragen zu stellen. Wichtige Fragen, um hinter das zu kommen, was damals geschah, über die Geschichte ihrer eigenen Familie und über das, worüber in der Vergangenheit stets geschwiegen wurde. Bereits das Vorwort des alten Hauses, das eigentlich aus einer reinen Aufzählung dessen besteht, was es im Laufe der Zeit alles mitgemacht, mitbekommen und erlebt hat, finde ich absolut grandios. Für das alte Haus finden die Ereignisse der Jahrzehnte alle zeitgleich statt, wie wenn ein Bild mit sehr langer Belichtungszeit aufgenommen wird oder eben Fotos übereinandergelegt werden. Dadurch kommt es im Laufe der Geschichte immer wieder zu interessanten Überschneidungen, die aufhorchen, innehalten und die Luft scharf einziehen lassen. Grundsätzlich hat mir dieser ganz besondere, poetische Schreibstil unheimlich gut gefallen. Einerseits schreibt der Autor unaufgeregt, andererseits legt die Abfolge der Aufzählungen, die er sehr oft als Stilmittel wählt, ein gewisses Tempo vor, dem man gedanklich und aufgrund der langen Sätze manchmal schwer, in seinem gesamten Umfang, folgen kann. Er schreibt unheimlich Wort- und Bildgewaltig, ich glaube das Ein oder Andere begreift man tatsächlich auch erst nach dem zweiten Mal lesen. Was gut ist, denn das hat mich mehrfach zum nachdenken gebracht. Meine Oma ist mittlerweile auch 93 Jahre alt und ich habe mir im Laufe meines Lebens viel von früher erzählen lassen. Habe ebenso wie Nele viele Fragen gestellt, um zu verstehen und damit Omas Geschichten nicht mit ihr verloren gehen. Aufgrund ihrer unnachgiebigen Art und ihrer Neugierde, ist Nele mir sehr sympathisch, steht mir irgendwie nahe, finde ich ihre Fragen realistisch und nachvollziehbar. Schade fand ich allerdings, dass zu dem ausreichend ernsthaften Thema des Nationalsozialismus, auch PRIDE noch zum Thema gemacht wurde. Nicht, dass es nicht auch ein wichtiges Thema wäre, nur alles in einer Geschichte unterbringen zu wollen, ist meiner Meinung nach etwas „to much“, wirkt erzwungen und hat der Geschichte für mich die Glaubhaftigkeit und ein Stückweit auch die Begeisterung für sie genommen. Daher leider auch nur 4 von 5 Sterne. Fazit: Nichts desto trotz ein wirklich ganz besonderes und absolut lesenswertes Buch, das sicherlich noch lange Zeit in mir nachhallen wird.
Mit dem Roman 'Treppe aus Papier' hat Henrik Szántó ein beeindruckendes Werk geschaffen, das durch seine erzählerische Tiefe und seine vielschichtige Thematik besticht. Das besondere an diesem Buch ist die Erzählung, die sich um ein Mehrfamilienhauses dreht und die vielfältigen Geschichten und Ereignisse, die dieses Haus im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat. Da ein Haus Erinnerungen anders speichert als ein Mensch, sind die Erzählungen oft vielschichtig und überlagert. Dies macht das Lesen manchmal herausfordernd, da man gelegentlich einen Moment zurückblättern muss, um den zeitlichen Kontext besser zu erfassen. Der Roman spannt den Bogen von der NS-Zeit bis in die Gegenwart und schildert die Geschichte der Bewohner*innen sowie die Zeitgeschichte, die das Haus geprägt hat. Irma, die 90 Jahre alt ist, hat vieles miterlebt. Sie lebte bereits während der Hitlerzeit mit ihren regimegetreuen Eltern in diesem Haus und kehrte später zurück - getragen von einer schweren Schuld, die sie nie ganz loslassen konnte. Nele, die im vierten Stock wohnt - ehemals die Wohnung der jüdischen Familie Sternheim - lernt durch Irma viel über diese dunkle Zeit. Durch die Erzählungen der Zeitzeugin wird Nele neugierig und vertieft sich in die Geschichte, insbesondere in die Familiengeschichte ihrer eigenen Vorfahren. Mich hat der poetische Schreibstil von Szántó sehr fasziniert. Trotz gelegentlicher Unterbrechungen im Lesefluss hat mich die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird, tief berührt. Besonders begeistert hat mich die originelle Idee eines erzählenden Hauses, das die Geschichte seiner Bewohner lebendig werden lässt. Ich kann Euch 'Treppe aus Papier' nur ans Herz legen und finde, dass es ein berührendes Buch ist, das zum Nachdenken anregt.

Wie würde es sich anhören, wenn unser Haus über seine Bewohnerinnen und Bewohner erzählen könnte?
Treppe aus Papier ist wahnsinnig klug und poetisch erzählt. Über Jahrzehnte hinweg hat das Haus unzählige Schicksale gesehen. Wo heute eine Buchhandlung ist, hat die SS damals das Schaufenster des jüdischen Uhrmachers zertrümmert. Wo früher Ruths Familie um ihr Überleben bangte, lebt heute Nele, deren größte Sorgen eine Mathearbeit und die erste Liebe sind. Erst durch die Begegnung mit einer älteren Nachbarin öffnen sich die verborgenen Geschichten des Hauses und es kommen wichtige Themen wie Generationstraumata, misslungene Entnazifizierung und Kritik and er deutschen Erinnerungskultur auf.
Ein außergewöhnlicher Erinnerungsroman
"Irgendwann werden wir aus mehr Loch als Wand bestehen, wird jeder Zentimeter von uns angebohrt, bedübelt, behämmert, bespachtelt, verborgen sein. Wir lecken. Alles fließt, das bestimmt die Zeit. Erst hinein. Dann hinaus." Ein Buch, in dem die Wände, Ecken, Treppen, Rohre und Ritzen eines Hauses der Erzähler sind. Voller Beobachtungen und Geschichten, voller Wut, Verantwortung und Müdigkeit. Ihre Erinnerungen reichen zurück bis in die NS-Zeit und wenn sich die 15-jährige Nele und die 90-jährige Irma im Treppenhaus begegnen, verbindet sich auf ungewöhnliche Weise die Gegenwart mit der Vergangenheit. Ein wirklich außergewöhnliches Buch. Leise, eindringlich. Zumal ein Haus als Zeitzeuge definitiv etwas ist, das ich in dieser Form noch in keinem Buch gelesen habe. Die Echos aus 100 Jahren deutscher Geschichte gepaart mit einer völlig neuen Blickweise auf die eigenen vier Wände und dem sprachlichen Können von Henrik Szántó – was für eine Kombination. Große Leseempfehlung! "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie vererbt ihre Parallelen und aus ihr zu lernen, wirklich zu lernen und nicht bloß dafür gelobt werden wollen, wie toll man sich erinnern kann, ist die Basis einer gelungenen Gegenwart." – Henrik Szántó

Unglaublich berührend und klug erzählt
Ich habe gerade "Treppe aus Papier" beendet und selten hat mich ein Buch so sehr aufgewühlt und gleichzeitig bereichert. Schon der erste Satz hat mich sofort gepackt, und mit jeder weiteren Seite wurde ich tiefer in die Geschichte hineingezogen. Am Ende fühlte ich mich emotional völlig ausgelaugt, aber auf die beste Art und Weise. Das Besondere: Erzählt wird die Geschichte von einem Haus. Dieses Haus ist die Stimme des Romans, es erinnert sich an all die Menschen, die in ihm gelebt, geliebt und gelitten haben. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive entfaltet sich ein Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Dadurch wird Geschichte greifbar, persönlich und unmittelbar, statt bloß eine Wiederholung bekannter Fakten zu sein. Doch Szántó geht weit über das bloße Nacherzählen hinaus. "Treppe aus Papier" ist ein Buch über Schuld und Aufarbeitung, über die Frage, was Verantwortung in der eigenen Familie bedeutet, und darüber, wie Vergangenheit bis heute in unser Leben hineinwirkt. Es geht ebenso um Widerstand, ein Thema, das aktueller ist denn je. Mich hat besonders beeindruckt, wie klug und zugleich eindringlich das alles erzählt ist. Als jemand, der sich beruflich intensiv mit Geschichte beschäftigt, dachte ich, schon vieles zu wissen. Und doch habe ich hier noch einmal ganz neue Perspektiven gewonnen und zahlreiche Stellen angestrichen, die mich sprachlos gemacht haben. Neben der inhaltlichen Tiefe besticht das Buch auch durch seine Sprache: Henrik Szántó schreibt klar, poetisch und so mitreißend, dass man kaum aufhören kann zu lesen. Trotz der Schwere des Themas macht es Freude, in diesen Text einzutauchen, weil er sprachlich so kunstvoll gestaltet ist. Am Ende bleibt ein starkes Gefühl: Dieses Buch hallt nach, zwingt zum Nachdenken und berührt zugleich das Herz. Für mich eine unbedingte Leseempfehlung.
Zu Beginn hatte ich wirklich Schwierigkeiten mich auf die Geschichte einzulassen und war froh, das in einer Leserunde mit einer Besprechung ab der Hälfte gelesen zu haben. Auch aufgrund der Thematik bietet sich das sehr gut für einen Lesekreis an. Ab der zweiten Hälfte war ich jedoch ganz drin und fand die Idee aus Sicht des Hauses zu schreiben und auch den Schreibstil sehr besonders. Die Gleichzeitig der Ereignisse, die mich zu Beginn noch manchmal verwirrt hat, erhöhte hier die Spannung in der Erzählung. Die Thematik der eigenen Verantwortung und des Handelns der Menschen im näheren Umfeld in der NS Zeit ist heutzutage leider wieder viel zu aktuell. Wegsehen ist keine Option.
Die Seele dieses Hauses ist menschlich
Wow! Als Vielleserin Anfang Vierzig denke ich ja manchmal, ich hätte schon fast alles gesehen und gelesen. Umso schöner, wenn mich ein Buch durch etwas Neues richtig überrascht. In „Treppe aus Papier“ erfahren wir die Geschichten dreier Familien, die in verschiedenen Jahrzehnten in ein und demselben Haus in einer deutschen Stadt wohnen und leben. Da ist Irma, die eine eher lieblose Kindheit in den 30er und 40ern des 20. Jahrhunderts hier verlebt, mit Sehnsucht auf das liebevolle Familienleben der jüdischen Nachbarin, der kleinen Ruth, blickt und später wieder in das Haus zurückkehrt. Und da ist Nele, die in unserer Gegenwart mit der Vorbereitung für eine Geschichtsklausur kämpft und beginnt, sich mit der Vergangenheit Ihrer Familie zu beschäftigen und zarte freundschaftliche Bande zur alten Dame aus dem unteren Stock knüpft. Das Thema der Geschichte ist viel beschrieben: Wie verhielten sich verschiedene Personen der Handlung in der NS-Zeit? So klar, so bekannt. Doch der besondere Twist ist die Perspektive. Erzähler dieser Ereignisse ist das Haus selbst. Schon die Vorstellung in einem über drei Seiten langen Satz ist ein Paukenschlag und lässt erkennen: hier haben wir einen Erzähler mit Emotionen, Gedanken und Gefühlen, die jedem Menschen bekannt sind. Es will sich neutral geben, ist es aber nicht. Es will beeinflussen, ist aber zum Zusehen verdammt. Es freut sich, fiebert mit, bemitleidet, bedauert, betrauert und verurteilt. Besonders ist dabei auch, dass das Haus alle Geschichten nicht chronologisch, sondern zeitgleich erlebt. Das führt zu außergewöhnlichen Szenen in denen die kleine Ruth und die junge Nele, obwohl durch Jahrzehnte getrennt, gemeinsam am Tisch sitzen und Mathematik lernen. Das Haus beneidet die Menschen um ihre Fähigkeit, das Vergehen der Zeit chronologisch zu erleben. Die Lektüre dieses Hausberichtes ist spannend, emotional mitreißend und berührend. Ich bin wirklich „ganz aus dem Häuschen“ über dieses besondere Buch. Henrik Szántó beweist: ein Haus hat eine Seele. Sehr lesenswert!
Ein Haus erzählt. Kein Mensch, kein Ich, sondern Mauern, Dielen, Ritzen. Ein originelles Erzählexperiment, das Erinnern und Erzählen neu denkt: Räume werden zu Archiven, Sprache zu Spurensicherung. Szántós Stil ist fragmentarisch, rhythmisch, manchmal wie eine Liste, manchmal wie ein Echo. Literaturwissenschaftlich spannend, weil die Form das Thema spiegelt: Erinnerung ist nie linear, sondern brüchig, widersprüchlich, voller Leerstellen – so wie die deutsche Geschichte selbst. 👉 Gesellschaftspolitisch relevant: Vergangenheit vergeht nicht. Sie hallt nach, auch in der Gegenwart. Mit Nele Bittner (15, später 16) gibt es eine junge Protagonistin, die Fragen stellt, die sich der Familiengeschichte stellt und so Verantwortung neu verhandelt. Treppen aus Papier ist mehr als „nur“ ein Beitrag zur Erinnerungskultur. Es ist ein Text über das Schweigen und die Sprache, über das Nicht-Erzählen und das Neu-Zusammensetzen. Ein Roman, der zeigt, dass Literatur Räume öffnen kann, in denen Vergangenheit und Gegenwart ins Gespräch kommen. ✨ Für alle, die verstehen wollen, dass „damals“ nie abgeschlossen ist.





















































