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Hardback
4.5440

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Description

Ein stilles und zugleich sprachmächtiges Buch, das vom Verlust der Heimat durch Krieg, von Schmerz und Sprachverlust erzählt. In diesem ergreifenden Debüt findet die Autorin eine großartige eigene Sprache Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz. Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod präsent – sie werden nur anders erlebt als vor Ort. Der Roman »ë« erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt, wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
176
Price
22.70 €

Author Description

Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie »›Und so blieb man eben für immer‹. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder« (2023). Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Debütroman »ë« stand sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025.

Characteristics

5 reviews

Mood

Sad
Funny
Scary
Erotic
Exciting
Romantic
Disturbing
Thoughtful
Informative
Heartwarming
84%
N/A
25%
N/A
49%
N/A
95%
100%
88%
46%

Protagonist(s)

Likable
Credible
Developing
Multifaceted
87%
100%
57%
75%

Pace

Fast20%
Slow0%
Moderate40%
Variable40%

Writing Style

Simple0%
Complex20%
Moderate80%
Bildhaft (50%)Poetisch (25%)Außergewöhnlich (50%)

Posts

92
All
4.5

Still und gewaltig

Der Roman behandelt auf wenigen Seiten die Themen Trauer, Schmerz, und Verlust von Heimat und Sprache. Die Ich-Erzählerin kam als sechsjähriges Mädchen aus dem Kosovo nach Deutschland. Sie musste sich anpassen, ihre Muttersprache und ihre Eigenheiten unterdrücken und hat nun als Erwachsene mit massiven Kieferschmerzen zu kämpfen. Diese führt ihr Zahnarzt auf unausgesprochene Konflikte zurück. Sie geht in Gedanken an ihre Kindheit zurück, an den Kosovo Krieg, den Konflikt zwischen Albanern und Serben und ihre schwierigen Anfänge in Deutschland. Es werden viele Einzelheiten des Krieges und des Konfliktes, die mir gar nicht so bekannt waren in kurzen prägnanten Abrissen deutlich gemacht. Ich bin immer wieder überrascht, wie Bücher mit wenig Seiten doch so viel Substanz beinhalten können. Warum so ein Buch nicht den Deutschen Buchpreis bekommen hat, frage ich mich hier ernsthaft.

5

ë von Jehona Kicaj stand zu Recht auf der Shortlist der Bücher, die 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurden. Das Buch hat mich sehr berührt und ich bedauere es sehr, dass ich der Kosovo-Krieg bei den meisten von uns in Vergessenheit geraten ist. Die Ich-Protagonistin ist im Kosovo geboren und kam als Kleinkind nach Deutschland. Zuhause wurde Albanisch gesprochen und albanisches Fernsehen geschaut. Der Kontakt zur Familie im Kosovo war eng, die Familie besuchte den Kosovo jedes Jahr mit dem Bus. Die Protagonistin beschreibt die Demütigungen an der serbisch-albanischen Grenze. Die Grenzbeamten mussten bestochen werden, um den Bus durchfahren zu lassen. So musste der 15jährige Bruder seine nagelneuen Turnschuhe ausziehen und barfuß weiterfahren. Über 1.600 Menschen sind während des Kosovo-Krieges verschollen, die meisten wurden getötet und in anonymen Massengräbern verscharrt, so wahrscheinlich auch der Großvater, von dem seit 1999 niemand mehr gehört hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, an einen früheren Ort zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. Für mich gab es immer nur Zerstörung.“ (S. 66) Ihre Traumata verarbeitet die Ich-Protagonistin im Schlaf, sie knirscht so extrem mit den Zähnen, dass diese schon fast komplett zerstört sind. Der Zahnarzt empfiehlt ihr zunächst eine Osteopathin, später eine Psychotherapie. Sehr schockiert hat mich die Vergiftung albanischer Kinder. „Es gab viele Gerüchte, warum diese Vergiftung stattgefunden haben. Manche sagten, das Milosevic-Regime wollte mit der gezielten Vergiftung von albanischen Schülern und Studenten die Bevölkerung dezimieren. Andere meinten: Das Regime zerstöre Schulen, um die Weiterbildung unserer Jugend zu stoppen. Wir sollten das ungebildete Volk bleiben, das wir in deren Augen ohnehin schon waren.“ (S. 146) Der Krieg endete nach dem Eingreifen der NATO. Slobodan Milosevic starb im März 2006 in der Untersuchungshaft des UN-Tribunals in Den Haag, bevor ein Urteil über ihn gesprochen werden konnte. Ich möchte euch das Buch von Jehona Kicaj ans Herz legen, die Grausamkeiten und Kriegsverbrechen im Kosovo dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

3.5

Ein leiser Blick auf die Vergangenheit

„ë“ ist ein Roman über den Krieg im Kosovo und seine Nachwirkungen. Erzählt wird in kurzen Einblicken aus dem Leben einer Geflüchteten, die nach Deutschland kommt. Viele dieser Szenen sind bewusst nüchtern beschrieben. Genau das hat mir gefallen, weil mir die emotionale Einordnung selbst überlassen wurde. Besonders stark fand ich die Perspektive einer Protagonistin aus meiner Generation. Dadurch wurde ein Thema, das ich als Kind nur am Rande mitbekommen habe, sehr nahbar. Das Buch hat mir eine Lebensrealität nähergebracht, die ich rückblickend historisch so nie wirklich auf dem Schirm hatte. Durch den ständigen Vergleich mit meiner eigenen Kindheit wurde mir wieder einmal klar, welches Glück man im Leben hat – und dass man es schätzen sollte. Und dass sich niemand aussuchen kann, wo er geboren wird und was er dort erlebt.

Ein leiser Blick auf die Vergangenheit
5

Dieses Buch hinterlässt Spuren - über die stummen Opfer von Diskriminierung und die Schönheit von Sprache

🦷Wer hätte das gedacht: Ein Zahnarzt-Besuch als Aufhänger für eine Geschichte mit so viel Tiefgang. Die Erzählerin im Roman ë ist Albanerin, floh als Kind kurz vor Beginn des Kosovo-Krieges und ist nun in Deutschland mit der Fremde konfrontiert. In lose zusammenhängenden Erzählungen erleben wir ihre Erfahrungen mit Diskriminierung, dem Leben in der Diaspora und der Aufarbeitung des Krieges. Im Fokus liegt jedoch ihr Verhältnis zur identitätsstiftenden albanischen Sprache, die ihr zunehmend entgleitet. Sie kann so viele Gräueltaten nicht aussprechen, versucht die Andersartigkeit ihrer Sprache zu kaschieren und erlebt wenig Wertschätzung für ihr eigenes Sprachsystem. Ihr Mund wird zu einem Gefängnis, die Zähne aus Gitterstäben, die sie fester presst, bis sie anfangen zu brechen – ein geniales sprachliches Bild! Und wie schön ist die albanische Sprache, die immer wieder in den Text eingestreut wird. Die Stärke des Buches liegt in der Authentizität der einzelnen Erlebnisse. Es bleibt unklar, was fiktiv und was autobiographisch ist. Die Diskriminierung wird hier nicht radikal dargestellt, sondern verbirgt sich in vielen unterschwelligen Interaktionen. Die Menschen gehen selten böse mit der Erzählerin um, aber zeigen eine erschütternde Ignoranz ihrer Leidensgeschichte gegenüber. Genau das hinterlässt Wunden. Ë entlarvt schonungslos unsere Perspektive auf den Kosovo-Krieg, wo die albanische Perspektive meist nur ein Nebenschauplatz ist. Das Buch hat eine Mischung aus warmherzigen Szenen (meist im Kosovo) und traurigen Szenen. Bei den Schilderungen aus der Kita und der Schule möchte man die Erzählerin einfach nur in den Arm nehmen. Im Studium mischt sich Wut dazu. Gleichzeitig erfahren wir durch eine Vorlesung sowie die Erzählungen von Verwandten über den Horror des Krieges und die Wehmut der Flucht. In Deutschland bleiben ihnen nur wenige letzte Erinnerungen wie die immer gleiche Musik-Kassette, an die sie sich klammern können. Gerne hätte ich einige Geschichten noch länger erlebt, und mir fehlt teilweise die ordnende Perspektive. Aber vielleicht soll genau das die Botschaft sein: Es ist unsere Aufgabe, uns über den Krieg und die Realität von Geflüchteten zu informieren, Leerstellen unseres eigenen Wissens zu erkennen und der Erzählerin endlich die Stimme zurückzugeben.

Dieses Buch hinterlässt Spuren - über die stummen Opfer von Diskriminierung und die Schönheit von Sprache
4.5

"Die Zähne sind die bewaffneten Hüter des Mundes." Und so beginnt dieses Buch in einer Zahnarztpraxis. Die Erzählerin knirscht so stark nachts mit den Zähnen, das sie zersplittern. Was ist es, was sie zu zerkauen versucht? Seit ihrer Kindheit ist die zerrissenen, weiß oft nicht ws sie sagen soll und sagt dann lieber gar nichts. Ihre Eltern sind mit ihr und den Geschwistern vor dem Krieg im Kosovo aus Albanien nach Deutschland geflüchtet. Nach und nach verstehe ich, wie sehr ein Körper verletzt sein kann, ohne direkt angegriffen worden zu sein. Wie sehr die Seele darunter leidet was mit der Familie und dem Volk passiert ist, obwohl diese das Kind schützen wollen. "Ich hätte sagen wollen, ich habe die Wörter zu lange gefangen gehalten, und jetzt ist es zu spät." Es tut unglaublich weh, diese vielen Verletzungen zu verfolgen, die einem Kind passieren, wenn ErzieherInnen und LehrerInnen nicht einfühlsam genug sind. "Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist." Ich wusste wenig bis nichts von diesem Krieg der Serbien und bin froh hier einen kleinen Einblick darauf bekommen zu haben. Es fällt mir schwer, das gelesene in Worte zu fassen. Ich habe meinen albanischen Arbeitskollegen auf das ë angesprochen und er war sichtlich verblüfft, das ich ihn danach gefragt habe, aber auch sehr erfreut. Melkiad hat mir erklärt wie es ausgesprochen wird, wenn man es hört, aber das dies auch so oft nicht der Fall ist, dass die jüngere Generation den Buchstaben beim Texten auch schon oft weg lässt und das ihn das traurig macht, dabei ist er selbst erst Ende Zwanzig. Das hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht. Große Leseempfehlung!

5

Das Buch startet in einer Zahnarztpraxis. Die namenlose Protagonistin hat starke Probleme mit Zähneknirschen – eine Metapher für Sprachlosigkeit, Stille. „Die Wahrheit scheint zu sein: ich zermahle jedes einzelne Wort, bevor ich spreche.“ S. 8 Dies spiegelt auch der Titel ë wider, der Buchstabe steht im Albanischen für einen Laut, der meist nicht ausgesprochen wird. Die junge Frau war mit ihrer Familie im Kleinkindalter aus dem Kosovo geflohen, wuchs dann in Deutschland auf, studierte, kehrte immer wieder in den Kosovo zurück. Wir bewegen uns mit ihr auf mehreren Zeitebenen durch ihre Erinnerungen und begleiten sie in der Gegenwart. Irgendwo zwischen Krieg, Flucht, Trauma, innerem Konflikt und Sprachlosigkeit hat mich dieser großartige Roman direkt ins Herz getroffen – eine ganz klare Leseempfehlung, sowohl wegen der Wichtigkeit der Themen als auch wegen des grandiosen Schreibstils. „Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ S. 11

4.5

Bedrückendes und beeindruckendes Buch über den Kosovo Krieg

Selten habe ich so viel aus einem Buch gelernt. Wir haben einige Bekannte aus dem Kosovo, Freunde meiner Kinder, in Deutschland geboren. Mit den Eltern habe ich viele, viele Stunden verbracht. Niemand spricht über diesen Krieg. Mal schimmert durch, dass ein Vater Soldat war, mal werden die eigenen Kinder undankbar genannt, weil die eigene Kindheit von Armut geprägt war. Aber dass dieses Land erst vor relativ kurzer Zeit so viel Leid und Unterdrückung erfahren hat, war mir nicht klar. Unvorstellbare Gräueltaten und Unterdrückung werden hier geschildert. Ich möchte sie alle in die Arme schliessen und sagen wie froh ich bin, dass diese lieben Menschen hier bei uns in Sicherheit sind. (OMG, wie oft haben meine Kinder als sie klein waren mit den Freunden den albanischen Doppelkopfadler mit den Händen gemacht und ich wusste nicht, was es bedeutet. Ich war blind) Ein eindrückliches Buch.

4.5

Sehr berührend und sehr eindringlich geschieben. Ich bin der Protagonistin gerne gefolgt, ihren Erinnerungen und Erfahrungen, ihrer Sprachlosigkeit. Ganz große Empfehlung!

2.5

LONGLIST Deutscher Buchpreis 2025 #Buch 2

In „ë“ erzählt Jehona Kicaj die Geschichte einer jungen Frau, deren familiären Wurzeln im Kosovo liegen. Sie wächst in Deutschland auf und hadert mit Erinnerungen an den Krieg, ihrem Heimatverlust und der Suche nach Sprache und Identität. Der kurze, fast lautlose Titel „ë“, ein Buchstabe, der wohl in der albanischen Sprache zwar eine Rolle spielt, aber meist ungesprochen bleibt, steht sinnbildlich für Sprachlosigkeit. Wobei ich von jemanden, der die Sprache spricht erfahren habe, dass das Wort wohl eigentlich für Rache steht, für Rache, die nie vergeht - was ich persönlich irgendwie schwierig finde. Die erzählerische Spannung hat ihre Wirkung bei mir leider verfehlt. Das Buch ist ein einziges Kapitel und wir springen zwischen körperlichen Beschwerden, genau gesagt Kiefergelenksprobleme, Zahnbehandlungen beim Zahnarzt und der Geschichten über die Vertreibung und Krieg im Kosovo hin und her. Doch trotz dieser inhaltlichen Tiefe bleibt der Lesefluss zäh. Die Zahnarzt-Kapitel wirken aufgrund ihrer Länge und Detailverliebtheit eher ermüdend, als dass sie zur Spannung beitragen. Zusätzlich fällt der häufige Einsatz englischer Sätze negativ auf. Statt den Text zu bereichern, stören diese Einschübe den Lesefluss und wirken deplatziert, irgendwie unangenehm und unrund. Fazit: „ë“ ist ein tiefgründiges und inhaltlich sicher wichtiges Debüt voller Bilder und Reflexion über Krieg, und seine Auswirkungen. Doch das Potenzial wird durch zäh-holprige Kapitel (Zahnarztbesuche) und holpernde englische Einschübe gebremst. Mir hat's leider nicht gefallen. Dir 2,5 🌟 gebe ich tatsächlich allein wegens des wichtigen Themas.

LONGLIST Deutscher Buchpreis 2025
#Buch 2
4.5

Bedrückend

Viel gelernt, viel Vergessenes ausgegraben.ein tolles Buch.

5

Jedem, der über Migration und Flüchtlinge wettert und schimpft, möchte ich dieses Buch schenken.

Das ist ein ganz feinsinniger Roman, der einfühlsam die Perspektive von Menschen zeigt, die in der Fremde versuchen, ihren Platz und eine Sprache zu finden, deren Heimat unwiederbringlich verloren ist, und die mit Schmerz, Trauer und Verlust kämpfen müssen. Das Sprachbild des verspannten Kiefers und der schmerzenden Zähne, das hier einhergeht mit dem Erwerb einer Fremdsprache und dem unbedingten Willen eines Kindes, dazu zu gehören, sich nicht ausgegrenzt zu fühlen, sich im wahrsten Sinne "durchzubeißen", ist ganz wunderbar ausgearbeitet und wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zu Recht war dieses Buch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises!

4.5

ë: Sprachlosigkeit im sprachlich elegantem Gewand

Schon beim ersten Satz wusste ich: das ist ein Roman, der mich berühren wird. Und das tat er. Jehona Kicaj findet sprachlich gewandte Bilder und Vergleiche, um Diskriminierung, Unverständnis und Ignoranz sowie die Kriegstraumata des Kosovo-Kriegs zu beschreiben, so dass die LeserInnen an dem Schmerz unmittelbar Anteil nehmen. Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und verbindet anachronisch persönliche Erlebnisse, wahre Ereignisse und Zeugenberichte. Das Grauen des Kosovo-Krieges wird spürbar. Ebenso die Folgen für die Menschen, das gesamte Land. Ohne auf die politischen oder historischen Ursachen des Krieges umfassend einzugehen, wird die tiefe Verwurzelung des ethnischen Konfliktes deutlich. Warum ich immer wieder Bücher lese, die persönliche Schicksale in einer zerstörerischen Welt mit unbegreiflicher Inhumanität thematisieren? Weil das Mitfühlen keine Last ist, sondern uns zu Menschen mit Mitgefühl macht. Dieses Buch lässt dich mitfühlen, mitdenken und überdenken. ❤️

5

„Run for your life“

Der Werbeslogan „Run for your life“ blieb mir in diesem Buch „leider“ sehr bildhaft in Erinnerung. „ë“ von Jehona Kicaj ist ein ungewöhnlicher, aber wundervoller kurzer Roman, den man gelesen haben sollte, wenn man sich für unsere Gesellschaft, unsere Mitmenschen und unsere Nachbarn interessiert oder anfangen möchte, sich dafür zu interessieren. Es erzählt keine durchgehende Geschichte, sondern besteht aus vielen Gedanken, Eindrücken und Erlebtem. Der Buchstabe „ë“ spielt dabei eine zentrale Rolle: ein stummer Buchstabe im albanischen Alphabet, und doch ein äußerst starker und bedeutungsvoller. Das Buch zeigt, dass etwas Kleines eine große Bedeutung haben kann und manchmal auch haben sollte. Beim Lesen sollte man sich bewusst Zeit nehmen. Das Werk geht schnell unter die Haut und weckt Neugier auf die Menschen, das Land und die Geschichte, die dahinter verborgen liegen. Man wird mit Jehona Kicajs poetischer Sprache reich belohnt. Ein absolut empfehlenswertes Buch

5

Ganz ganz tolles Buch

Ich hatte bis jetzt Abstand genommen weil es ein nominiertes Buch für den Buchpreis war. Dann sah ich die Autorin auf der LBM und sie las daraus vor. So klar, ruhig und berührend. Das Buch erzählt von Sprache, Erinnerung, Vergessen und dem Konflikt auf dem Balkan. Wovon wir viel zu wenig wissen! Absolute Leseempfehlung!

5

Spiegel der Erinnerung: Meine Begegnung mit Jehona Kicajs Ë

Schon der Titel – Ë – verweist auf das Unsagbare: Sprachlosigkeit, Erinnerungslücken, das Gewicht des Nichtgesagten. Jehona Kicaj hat mit diesem Werk etwas geschaffen, das weit über den Roman hinausgeht. Es klingt wie ein Tagebuch, es liest sich wie ein Film, und es fühlt sich an wie ein Spiegel, in dem man die eigene Vergangenheit und zugleich die kollektive Erinnerung erkennt. Beim Lesen stellte ich mir unweigerlich Fragen: Wie kann jemand so gut schreiben? Wie kann jemand Worte finden, die so präzise sind, dass man das Gefühl hat: endlich versteht mich jemand? Wie gelingt es, komplexe Erfahrungen in einer Sprache auszudrücken, die so klar und zugleich so poetisch ist? Manche Szenen trafen mich besonders, weil sie eins zu eins meine eigene Geschichte widerspiegeln. Die Karnevalsszene im Kindergarten – ich habe sie genauso erlebt. Oder die Passagen über das Sprachenlernen: das unbändige Bedürfnis, Deutsch nicht nur zu beherrschen, sondern es perfekt zu können, um anzukommen, um gesehen zu werden. In diesen Momenten hatte ich das Gefühl, dass das Buch meine eigenen Erinnerungen mitschreibt. Besonders kraftvoll ist, wie Kicaj das Albanische in den Text einwebt. Es eröffnet eine zweite Ebene, eine intime Innenperspektive, die Nähe statt Distanz schafft. Ë ist Mut, Aufarbeitung und Schönheit zugleich. Es ist ein Erinnerungsort, ein Stück Geschichte und Gegenwart – und zu Recht für den Deutschen Literaturpreis 2025 nominiert. Ein Werk, das man gelesen haben muss.

Spiegel der Erinnerung: Meine Begegnung mit Jehona Kicajs Ë
5

Die Geschichte startet mit einem Stück abgesplitterten Zahn im Mund. Die namenlose Ich-Erzählerin hat Bruxismus. Sie knirscht mit den Zähnen und ihre Kiefergelenke krachen, als würden Knochen brechen. Und um diese Krankheitsgeschichte herum, entfaltet sich fragmentarisch der Text. Wir erfahren in Rückblenden etwas über Ihre Kindheit, ihre Familie. Sie erlebt als Heranwachsende den Kosovo Krieg aus der Ferne. Teile ihrer Familie flüchten vor dem Krieg nach Deutschland. Ein Teil bleibt. Sie selbst ist mit ihren Eltern und Geschwistern geflüchtet und versucht in einer neuen Welt Fuß zu fassen, erlebt wie ihre Familie darum kämpft, dass sie dazugehören. Ringt mit dem Erlernen einer neuen Sprache und versteht diese u.a. als unabdingbares Instrument zum Zugehörigkeitsgefühl. Hebt aber auch hervor, dass das Fehlen von Sprache zu Ausgrenzung führt. Es gibt viel Sprachlosigkeit, viele Leerstellen, Erinnerungen, die ihr selbst verloren gingen. Hier würde ich auch den Bogen zum Titel schlagen. „ë“ ein Buchstabe des albanischen Alphabets. Dieser wird als stummer Laut nicht mitgesprochen. Man hört ihn also nicht…. Er ist also gleichzusetzen mit Unsichtbarkeit , überhört bzw. nicht wahrgenommen zu werden. Die Autorin schreibt über den Kosovo und das Leid der Menschen, die den Krieg erlebt, überlebt haben oder die ihr Leben verloren. Auch die Vermissten oder gar Verstorbenen erhalten durch diese Geschichte eine Stimme. Jehona Kicaj erinnert und regt durch den Text dazu an, zu recherchieren, nicht zu vergessen und schon gar nicht zu verdrängen. Es werden einige Grausamkeiten erwähnt, die während des Krieges der albanischen Bevölkerung angetan wurden. Jedoch schlachtet sie es nicht aus, sondern stellt diese Taten als das dar , was sie waren….. Gewaltverbrechen an unschuldiger Zivilbevölkerung. Kicaj schreibt eher leise, zurückhaltend und introspektiv. Wir erfahren einiges über ihre Beobachtungen und Gedanken. Sie spricht Themen wie Flucht, Integration, Herkunft, Sprache und deren Verlust dieser an. Der Text handelt von Kriegstrauma und wie sehr sich diese in das Leben einschreiben. Ich könnte noch sehr viel mehr zu diesem sehr kraftvollen, wichtigen Text schreiben. Besser ist jedoch, man entdeckt ihn selbst. Für mich ein unfassbar beeindruckendes Buch. Es steht zu Recht auf der Longlist und hoffentlich auch bald auf der Shortlist.

4

Von Sprache und Sprachlosigkeit

„ë“ von Jehona Kicaj ist ein stilles, sprachmächtiges Debüt über Flucht, Verlust und das Aufwachsen zwischen zwei Welten. Im Zentrum steht die Tochter kosovarischer Geflüchteter, die in den 1990er-Jahren nach Deutschland kommt und sich eine neue Sprache, eine neue Identität und einen Platz in dieser Gesellschaft erarbeiten muss – während der Kosovokrieg aus der Ferne ihr Leben dennoch durchzieht. Der titelgebende Buchstabe „ë“, im Albanischen oft stumm und doch bedeutungstragend, wird dabei zum Symbol für das Dazwischen, für Unsichtbares und Ungesagtes. Für mich ist dieses Buch vor allem ein wichtiger Text. Gelesen habe ich es, weil es auf der Shortlist für den Buchpreis stand, geblieben ist es wegen seiner thematischen Wucht. Kicaj zeigt, wie sehr Sprache zur Überlebensstrategie werden kann: Das Deutsche eignet sich die Protagonistin beinahe überperfekt an, als Beweis ihrer Zugehörigkeit, vielleicht auch als Legitimation, hier sein zu dürfen. Gleichzeitig entgleitet ihr das Albanische. Es bleibt ein konserviertes Albanisch, eingefroren im Moment der Ausreise, das sich im Ausland nicht weiterentwickeln konnte. Dieser Riss zwischen Sprachen und Kulturen, dieses permanente Dazwischen, dürfte vielen migrantischen Menschen vertraut sein. Ebenso stark ist der Blick auf ein Leben im Schatten eines Krieges, der räumlich fern und emotional doch allgegenwärtig ist: über Telefonate, Fernsehberichte, später über YouTube-Videos und Bücher. Während die Cousine im Kosovo bleibt und von Gewalt und Unsicherheit berichtet, wächst die Protagonistin in Deutschland vergleichsweise behütet auf – nicht ohne eigene Erfahrungen von Ausgrenzung, Ignoranz und Zuschreibungen. Daraus entsteht ein Gefühl von Schuld und das ständige Relativieren der eigenen Schwierigkeiten: Ja, wir sind arm, aber wenigstens sind wir hier sicher. Ich selbst bin in einer ähnlichen Zeit aus einem anderen ex-jugoslawischen Land nach Deutschland geflüchtet und konnte viele Situationen unmittelbar nachempfinden. Dieses Sich-Hineinwerfen in die deutsche Sprache, das Definieren des eigenen Selbstwerts über sprachliche Perfektion; die leise Scham darüber, Familie im Krieg zurückgelassen zu haben; das gleichzeitige Wissen um das eigene Privileg der Sicherheit – all das hat mich sehr berührt. Kritisch sehe ich allerdings, dass die Nebenfiguren oft auffallend einseitig gezeichnet sind. Ob Kindergärtnerin, Lehrerin oder Studienfreundin; Ablehnung und Unverständnis ballen sich, sodass es stellenweise wirkt, als habe die Protagonistin ausschließlich negative Erfahrungen gemacht. Figuren wie Elias erscheinen eher als Projektionsflächen oder erklärende Gegenpole denn als vielschichtige Charaktere. Das nimmt dem Roman punktuell etwas Tiefe. Dennoch: Sprachlich ist „ë“ eindringlich, präzise und poetisch, besonders in seinen leisen Momenten. Für mich sind es 4 von 5 Punkten und auf jeden Fall ein Debüt, von dem ich mir mehr erhoffe.

5

MUST- READ! Eine stiller, aber gewaltiger Text über Heimat und Verlust, über Sprachlosigkeit und Erinnerung an den Kosovo- Krieg.

5

Ein stiller, aber gewaltiger Text über Heimat und Verlust, über Sprachlosigkeit und Erinnerung an den Kosovo- Krieg

5

Uff!

So stark! Hatte mich mit dem Thema zuvor gar nicht beschäftigt und fand es sehr spannend und berührend. Augenöffnend. Sehr zu empfehlen!

5

Wo ist deine Heimat?

Die Erzählerin berichtet von ihrer Familie und Geschichte aus dem Kosovo. Sie sitzt eines Tages beim Zahnarzt, da sie extrem knirscht und ihr Zahnbelag sehr abgerieben ist. Ihr kompletter Kiefer ist verhärtet. Als Kind hat sie wenig gesprochen, vieles unausgesprochen gelassen, viele Gedanken mit sich selbst „zermalmt“. Albanisch ist eine abgeschirmte „Sondersprache“, so fühlt sie sich auch immer noch in Deutschland und nimmt uns auf ihre Reise mit. „Ich hätte sagen wollen, ich habe die Wörter zu lange gefangen gehalten, und jetzt ist es zu spät.“ Etwas spät, aber jetzt habe ich das Buch auch endlich gelesen. Ein tiefes, stummes und zugleich lautes Buch über den Verlust der eigenen Heimat, der Aufbau eines neuen Lebens in einem fremden Land, den Schmerz, den Sprachverlust und die Anpassung an eine neue Kultur. Sie wächst in Deutschland auf, geht hier zur Schule und studiert, aber fühlt sich immer anders, man liest den Schmerz sehr oft raus. Man bekommt auch viele Eindrücke aus dem Kosovokrieg der 90er Jahre. Ein Buch mit einem Buchstaben als Titel, der eine besondere Rolle in der albanischen Sprache spielt, aber nicht wirklich ausgesprochen wird. Danke für diesen Einblick 🤍 „Für mich gab es immer nur Zerstörung.“

4

Obwohl das Buch nur wenige Seiten umfasst, ist es mit so vielen Emotionen, mit Trauer und Ungerechtigkeit gefüllt, dass es mich vollkommen überwältigt hat. Die Schilderungen vom Krieg haben mich sehr betroffen gemacht.

5

„Ich bin eigentlich schon tot, seit meine Kinder gestorben sind. Ich bleibe nur noch am Leben, um Zeugnis darüber abzulegen, was in Suhareka geschehen ist. Ich kenne die Mörder und will, dass sie von einem Gericht verurteilt und bestraft werden.“

5

Kosovo

Mit dem Kosovo Krieg in den 90er habe ich mich nicht beschäftigt. Er ist an mir vorbeigezogen und ich sah nicht hin. Dieses Buch bringt mich dazu, hinzuschauen. Die persönliche Betroffenheit der Protoganistin, die damals als Kind in Deutschland lebt und deren Leben dennoch massiv berührt wurde, hat mich getroffen: der verschwundene Großvater, die Familie im Kosovo und ihr enge Familie in Deutschland. Die Struktur des Buches wechselt von der Gegenwart in die Vergangenheit, von Familie zu Uni/Arbeit und Freund. Ihr stiller Schmerz, der nicht nur mit dem Kriegsleid und den Verbrechen gegen ihr Volk zu tun hat, sondern auch mit dem Fremdsein in Deutschland, manifestiert sich durch nächtliches Zerstören ihrer Zähne durch Knirschen mit denselben. Ich wollte manches im Internet nachschlagen, tatsächlich ist kaum was in Deutsch zu finden, daher bin ich dankbar für die Literaturhinweise am Ende des Buches.

4

"Vielleicht zählte ich mich zu den Überlebenden, weil ich bereits um die Toten wusste, die mir und meiner Familie so ähnlich waren. Vielleicht habe ich so den Konjunktiv gelernt." S. 52 [Klappentext:] "ë erzählt von der Sprachlosigkeit, von dem, was stumm bleibt, von dem, was splittert und bricht. Es ist ein Roman über das Erinnern und Vergessen, über Krieg, Auslöschung." Treffender könnte ich dieses Buch auch nicht beschreiben. Es ist die Sprache, die sprachlos macht, die gewaltig ist, die Tränen in die Augen treibt und einen Kloß in den Hals, die an den Menschen zweifeln lässt, an der Sinnlosigkeit von Leid und Krieg. Lesen! "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, an einen früheren Ort zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. Für mich gab es immer nur Zerstörung." S. 66

4

Anfang der 90er Jahre wandert die Protagonistin von „ë“ mit ihren Eltern aus dem Kosovo nach Deutschland aus. Ihr späteres Leben in der Diaspora soll geprägt sein von einer doppelten Sprachlosigkeit, die sie zutiefst belastet. Einerseits hat sie Schwierigkeiten in ihrer neuen Heimat sprachlich und kulturell Fuß zu fassen. Andererseits gehen in ihrem eigentlichen Heimatland grauenhafte Dinge vor sich, über die in Deutschland und in ihrer Familie kaum jemand spricht. Als Erwachsene macht sie sich auf die Suche, die Sprachlosigkeit endlich in Worte zu fassen. Das „ë“ ist ein albanischer Buchstabe, der oftmals nicht ausgesprochen wird. Er steht bei Jehona Kicaj stellvertretend für die oben beschriebene Sprachlosigkeit, für das Unausgesprochene. Wie schmerzhaft so eine komplexe Sprachlosigkeit physisch und psychisch sein kann, verdeutlicht sie in ihrem kurzen Roman sehr eindringlich. Die Protagonistin beißt sich daran faktisch die Zähne und ihr Kiefergelenk aus. Kicaj schreibt sehr direkt und schnörkellos. Keine Sekunde lässt sie bei den Leser*innen Zweifel über das aufkommen, was sie transportieren möchte. Und hierin besteht für mich die einzige Schwäche dieses sehr lehrreichen und starken Textes. Ein Buch, in dessen Zentrum die Sprachlosigkeit steht, sollte einem nicht alles vorkauen und vordenken. Die eine Ebene der Sprachlosigkeit, die der Protagonistin in einem Deutschland, das sehr wenig über sie und ihren Hintergrund weiß und wissen will, fand ich sehr gelungen. Kicaj transportiert diese Erfahrungen mit kleinen Anekdoten, die sehr berühren. Hier steht der Text exemplarisch für Migrationshintergründe im Allgemeinen. Die zweite Ebene, die die Ereignisse des Kosovo-Kriegs betreffen, die die Protagonistin nur aus der sicheren Entfernung verfolgt, die bis heute nicht gänzlich aufgedeckt sind, werden sehr vortrags- und dokumentationsartig präsentiert. Ich habe hier einiges gelernt, aber literarisch wirkte der Text an diesen Stellen dann etwas unrund. Untermalt ist der ganze Roman von sehr viel Bitterkeit und Moral, was bei dem Sujet durchaus nachvollziehbar ist. Ich habe „ë“ sehr schnell gelesen und viel dabei gelernt. Der Deutsche Buchpreis für dieses Werk wäre ein toller Beitrag zur weiteren Aufklärung der Vebrechen im Kosovo und auch in anderen Ländern des Balkans. Eine große Leseempfehlung!

5

Was, wenn Familiengeschichte nicht nur privat, sondern politisch ist? Eine erschütternde Spurensuche durch Diaspora, Krieg und Erinnerung

Im Zentrum von Jehona Kicajs Roman „ë“ steht eine namenlose Ich-Erzählerin, die in Deutschland lebt und ihre kosovarische Familiengeschichte erkundet, wobei sich die persönliche Ebene zunehmend mit politisch-zeitgeschichtlichen Dimensionen verschränkt. Ausgangspunkt ist das Verschwinden ihres Großvaters im Krieg. Doch statt einer linearen Spurensuche entfaltet Kicaj eine dichte, vielschichtige Erkundungsreise: Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Familiengeschichte und nationaler Erinnerung tastet sich die Erzählerin in das kollektive Unbewusste ihres Herkunftslandes vor, eine Geschichte, die sie als Angehörige der Diaspora nur aus der Distanz erfahren konnte. Diese Distanz erzeugt Reibung, Überraschung und viele Schockmomente, wenn das, was sie zu wissen glaubte, im Prozess des Erzählens neu zusammengesetzt wird. Die Erkenntnisse der Figur laufen dabei oft parallel zu meinen eigenen beim Lesen, meine Erinnerungen an den Kosovo-Konflikt waren nur äußerst verschwommen. So gewinnt nach und nach an Kontur, was bruchstückhaft beginnt. Formal rahmt eine Reihe sachlicher Forensik-Vorträge die persönlichen Reflexionen, eine kluge Entscheidung, die das Thema „verschwundener Körper“ mit Fragen nach Beweis, Deutung und Leerstellen verknüpft. Das Verschwinden des Großvaters bleibt dabei ungelöst, was dem Text eine kraftvolle Offenheit bewahrt. Stilistisch changiert der Roman zwischen Alltagsbeobachtung, Erinnerungsfragment, Sprachreflexion und essayistischer Verdichtung. Eine Zahnarztszene wird zum Sinnbild für das Ringen mit der deutschen Sprache und damit auch zur Projektionsfläche für Disziplinierung, (Über-) Anpassung und Selbstbehauptung. Auch die Beziehung zum deutschen Partner der Hauptfigur wird mit feinem Humor gezeichnet: gutwillig, aber ahnungslos bleibt er eine Randfigur, die stellvertretend für die deutsche Mehrheitsgesellschaft steht. In Motivik und Haltung erinnert das gelegentlich an Texte von Saša Stanišić, Nadire Biskin oder Toxische Pommes. Auch wenn Migrationserfahrung und Alltagsdiskriminierung präsent sind, bleibt das Buch nie darin stecken. Der Fokus liegt klar auf der Erkundung der eigenen Geschichte, als Familiengeschichte, Kriegsgeschichte und sprachlich-literarische Aneignung. Der Text belehrt nicht, sondern tastet sich suchend und oft poetisch an das Unsagbare heran. Das Debüt von Kicaj ist sprachgewaltig, durchkomponiert und zugleich atemlos, eine fordernde, aber lohnende Lektüre, die autobiografisch inspirierte Erzählstränge mit kollektiver Erinnerung und essayistischer Reflexion über Trauma, Sprache und Zugehörigkeit verknüpft.

5

Jehona Kicaj ist 3 Jahre alt, als ihre Familie aus dem Kosovo nach Deutschland flieht. In diesem sehr berührenden und sehr persönlichen Buch beschreibt sie ihr Aufwachsen in Deutschland. Wie erlebt ein Kind, dessen Familie zuhause einen Krieg in der Heimat mit allen Verlusten, Traumata und Vermissten verarbeiten muss, die Zeit in Kindergarten und Schule? Wie fühlt es sich im wöchentlichen Erzählkreis Montag morgens, wenn alle anderen Kindern von ihren Ausflügen und Familienbesuchen berichten? Jehona Kicaj berichtet von einer Sprachlosigkeit, die so tief sitzt, dass sie körperlich zu spüren ist, derart, dass sie ihren eigenen Kiefer und ihre Zähne zu zerstören droht. Ich habe in diesem Buch sehr viel über den Kosovokrieg gelernt, es ist unfassbar traurig und entsetzlich, was dort passiert ist und erschreckend, wie wenig wir in Deutschland über diesen Krieg wissen und somit auch über die vielen Menschen, die von dort gekommen sind und unter uns leben. Ich bin froh, es gelesen zu haben und empfehle es sehr. Das Buch ist dazu noch sprachlich sehr schön geschrieben und für mich persönlich ein Anwärter auf die diesjährige Buchpreis-Shortlist

5

Geboren im Kosovo, ist die Ich-Erzählerin als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet. Durch verschiedene Erzählstränge erfahre ich über die Grausamkeiten und Kriegsverbrechen, die den Kosovo-Albanern Ende der 90er Jahre zugefügt wurden. Einen Blick auf die Massaker des Milosevic Regimes gewährt uns die Autorin auch durch eine Vortragsreihe einer Forensikerin an ihrer Uni, deren Aufgabe es war, Körper oder auch nur Körperteile zu identifizieren, den Familien der Opfer Gewissheit zu geben und Kriegsverbrechen nachzuweisen. Eine ganz wesentliche Rolle spielt auch immer wieder das Albanische als Sprache, das letztendlich auch dem Roman den Namen gibt. Der Buchstabe ë als charakteristisches und einzigartiges Merkmal des Albanischen wird immer wieder thematisiert. Denn in den meisten Fällen wird er nicht ausgesprochen und steht damit wohl symbolisch für die Sprachlosigkeit, die zum Thema Kosovo-Krieg häufig herrscht. Die Erzählerin selbst spricht die Sprache noch, aber hat das Gefühl, nicht die lebendige Version zu nutzen. "Ich spreche eine Sprache, die in Deutschland  konserviert wurde; ein eingefrorenes Albanisch, das ich in meinem Mund warm halte." Kicaj schreibt über Auslöschung, Verlust, Flucht und unfassbare Kriegsverbrechen. Das schnürt mir oft die Kehle zu beim lesen und gerade deshalb ist dieses Buch so wichtig, weil es der Unwissenheit zu diesem Thema entgegenwirkt. Das hat mich unglaublich getroffen, auch weil es zeigt, dass Traumata auch in den Folgegenerationen tief im Körper wohnen. Trotz der thematischen Schwere ist der Text sprachlich einfühlsam und zugänglich geschrieben und steht meiner Meinung nach absolut zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Der Kosovokrieg und seine traumatischen Folgen. Eine Vergangenheit, die unvergänglich bleibt.

5

Ein beeindruckendes Debüt

Der Roman beginnt in einer Zahnarztpraxis. Aber was hat das mit einem Trauma und dem Verlust der Heimat zu tun? Der Autorin gelingt es hier auf unter 200 Seiten eine ergreifende Geschichte über die Folgen des Kosovokrieges - über Gewalt, Vertreibung, Verlust der Heimat, Sprachlosigkeit und über ein von all dem tief traumatisierten Kind - zu schreiben. Das Kind ist die inzwischen erwachsene Ich-Erzählerin und die Problempatientin ihres Zahnarztes. Und beides hat erstaunlich viel miteinander zu tun. Dieses Debüt hat mich nicht nur in seiner sprachlichen und erzählerischen Form extrem beeindruckt sondern auch tief berührt und immer wieder zu Tränen gerührt. Ohne zu Zögern habe ich es auf die Liste meiner Jahreshighlights gesetzt und kann es nur von Herzen empfehlen.

4

„Ich spreche eine Sprache, die in Deutschland konserviert wurde; ein eingefrorenes Albanisch, das ich in meinem Mund warm halte.“ Sprachlosigkeit mit wunderbaren Worten zum Ausdruck gebracht.

5

Was für ein starkes und eindringliches Buch über den Sprachverlust angesichts des Krieges. Jahreshighlight Potential! ✨

5

„ë“ - Das Echo der Diaspora

Ich habe Kicajs Roman gelesen und einen ständigen Wechsel an Emotionen und Gänsehaut erlebt. Ich war und bin immer noch so wütend auf Frau Wagner, auf Birte, die lachenden Erzieherinnen, auf politische Entscheidungen, ideologischen Gehorsam, auf den Krieg. Durch die Erzählweise habe ich Scham empfunden, habe gegen ein Gefühl von Stress und Zerrissenheit angekämpft, war verunsichert und habe auch Angst und Zögern gespürt. Der Roman gibt der Sprachlosigkeit durch die Diaspora eine hallende Stimme. Kicaj schreit nicht in die Welt hinaus, obwohl sie jeden Grund dazu hätte, sie zeichnet so klar, stets wortmächtig den Verlust ihrer Heimat, die Suche nach Identität. Ich habe diese Woche bei Christopher Kloeble erst gelesen: „Man kann nur richtig laut sein, wenn man das Leise versteht“. Jehona Kicaj versteht das Leise, weshalb der Roman „ë“ ein Echo nach sich zieht.

„ë“ - Das Echo der Diaspora
4.5

Den Kosovo im Kiefer vergraben Eines Morgens wacht die Erzählerin dieser Geschichte auf und hat einen Splitter von einem Zahn in ihrem Mund. Sie leidet schon seit ihrer Jugend an knirschenden Zähnen und einem verspannten Kiefer und will das nun endlich bei einem Kieferorthopäden abklären lassen. Doch dieses Knirschen liegt viel tiefer in ihrer Psyche begraben. Die Erzählerin ist gebürtige Albanerin und wanderte beziehungsweise floh mit ihrer Familie während des Kosovokriegs Ende der 1990er Jahre nach Deutschland aus. In diesem fremden Land mit einer ihr fremden Sprache kam sie als Kind und Jugendliche nicht zurecht und konnte ihre Geschichte und ihr Leid nicht zum Ausdruck bringen. Aber auch alltägliche Verständigungsschwierigkeiten haben sie immer wieder an den Rand gedrängt. So hat sich diese Spannung immer mehr in sie vergraben, was letztendlich zu den Kieferbeschwerden führte. Aber auch die Vergangenheit des Kosovokriegs und die damit verbundenen Verluste haben sich tief in ihre Seele eingegraben, weil auch ihre Familie keine Worte hatte, um dieses Grauen, was in ihrem Land passiert ist, zu beschreiben. Auf dieses Buch bin ich erst durch die Nominierung für den Deutschen Buchpreis aufmerksam geworden und habe im Nachhinein ein richtig tolles, lehrreiches und erinnerungswürdiges Buch gelesen. Gerade die Zeit um den Kosovokonflikt herum war bei mir persönlich auch die Zeit, als ich anfing mich ein wenig in die politische Richtung zu lesen und dabei waren auch die Diskussionen um diesen Konflikt und der NATO-Einsatz inklusive dem EInbinden deutscher Streitkräfte ein großes Thema in der damaligen Zeit. Das bringt das Buch aus einer anderen Perspektive wieder zum Vorschein und noch so vieles mehr. Dabei ist der Titel des Buches, der eigentlich nur ein einfacher Buchstabe ist und in der albanischen Sprache nicht mitgesprochen wird (es wird im Buch auch linguistisch erklärt) , mehr als passend, denn die fehlenden Worte, einerseits der Erzählerin, andererseits ob des Grauens, dass im Kosovo der albanischen Bevölkerung angetan wurde, werden so über diesen Titel transportiert. Das Buch spielt dabei in mehreren Zeitebenen. Zum einen in der Gegenwart, in der sich die Erzählerin mit ihrem knirschenden Kiefer und dem sich langsam abtragenden Zahnschmelz befassen muss und zum anderen in verschiedenen Vergangenheiten. Einmal in Deutschland, wie sich die Erzählerin in der neuen Umgebung nicht zurechtfindet und auch keine Hilfe erfährt und zum anderen in der familiären Vergangenheit in Albanien, wie die Albaner von den Serben schikaniert wurden und während des Konfklikts auch ermordet. All das packt die Autorin in einen starken Text, der einen an manchen Stellen zusammenzucken lassen, ob der Brutalität, die sich nachweislich so zugetragen hat und zum anderen, wie sie die Sprachlosigkeit der Erzählerin zu Papier bringt. Dieses Buch ist eine wahre Empfehlung, wenn auch an vielen Stellen schwer auszuhalten. Aber das muss Literatur dürfen, unbequem sein, um auf die Wahrheiten dahinter zu stoßen. Mich hat es zumindest dazu angeregt, mich wieder mit dem Konfklikt und wie sich das alles damals zugetragen hat, etwas näher zu beschäftigen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Buch den Deutschen Buchpreis 2025 gewinnen wird. Für mich persönlich wäre es aber in der engeren Auswahl für den Sieg.

5

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ Jehona Kicaj berichtet durch Ihre Protagonistin fragmentarisch, in Bruchstücken von Kindheitserinnerungen in vermeintlicher Sicherheit in Deutschland , von Besuchen bei Verwandten im Kosovo, von Alltagsrassismus, von sich im Körper manifestiertem Grauen, von der Recherche und Auseinandersetzung mit dem Krieg im Kosovo. Im Besonderen geht es um Sprache, Sprachlosigkeit und Schweigen. Der fragmentarische Text ist eher still und undramatisch, bekommt aber durch eine sehr gelungene Symbolik und seine eindringliche Sprache, eine sehr emotionale Tiefe ohne erdrückende Schwere. Er bietet einige Leerstellen, die mit eigenen Gedanken gefüllt werden können und wahrscheinlich auch sollen. Eine Aufgabe, die ich mir gerne gestellt habe. Ein wichtiges literarisches Werk gegen das Vergessen der Gräueltaten im Kosovo. Ein Debüt, welches mich sehr beeindruckt hat, somit eine klare Leseempfehlung!

4.5

Poetische Geschichts-Nachhilfestunde

Ein berührender kleiner Band, der nicht nur durch die geringe Seitenzahl schnell zu lesen ist, sondern vor allem durch seine schöne, flüssige Sprache. Häufig werden Redewendungen und Sätze der Familienmitglieder der Protagonistin auf albanisch in kursiv gesetzt und dann übersetzt - was den Lesefluss gar nicht stört, sondern faszinierenderweise die Melodie dieses Buches ausmacht, in dem es ums Sprache finden geht. Worte für unbeschreiblich schreckliche Kriegsverbrechen gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo in 1998/99. Mit der Protagonistin, deren Familie aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen und die hier aufgewachsen ist, lernt der Lesende nach und nach immer mehr über die Geschichte einer Familie, die stellvertretend für viele Menschen steht, die die Traumata ihrer Familien mit sich tragen, die noch immer nicht wissen, was aus im Krieg vermissten Verwandten wurde und die versuchen, die Kultur und die Sprache ihrer Heimat am Leben zu erhalten.

5

Herzzerreißend und schön zugleich

Durch die vielen Albanischen Aspekte konnte ich mich mit dem Buch sooo identifizieren. An sehr vielen Stellen musste ich wirklich inne halten und das erst mal verarbeiten. Auch wenn es ein kurzes Buch ist hat jedes Wort und jeder Satz eine große Aussagekraft. Verdient für den Deutschen Buchpreis nominiert!!!

4

Wie ein Krieg auch indirekt Beteiligte traumatisieren kann. Hatte so viel über den Kosovokrieg und die ethnische Säuberung vergessen.

5

Eine herzzerreißende Geschichte, die niemals auserzählt sein sollte

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“

4.5

„ë“ von Jehona Kicaj ist ein Roman über das Leid kosovarischer Familien, der letztes Jahr auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. Das, worüber die Autorin darin schreibt, handelt von einer tief sitzenden Sprachlosigkeit, einem kollektiven Trauma, das sich in die Protagonistin eingeschrieben hat. Ein Trauma, das sich psychosomatisch in ihr eigenes Zentrum der menschlichen Verlautbarung von Sprache wortwörtlich festgebissen hat, verkrampft und Druck ausübt. So sitzt sie zu Beginn beim Zahnarzt, da sie an Bruxismus leidet. Sie zermalmt und zerknirscht ihre eigenen Zähne, bekommt eine Schiene, jedoch bleibt das Knirschen bestehen. Später rät ihr Zahnarzt, sie müsse eine Selbstsuche beginnen, um herauszufinden, was den aufgestauten Druck auslöse. „Ich sehe ihn an, will ihm antworten: Ich suche nach Sätzen, an denen noch keiner gekaut hat, und zerbeiße mich dann an ihnen.“ (S. 159) „ë“ handelt von keiner Selbstsuche nach einem individuellen Problem. Es ist eine Geschichte von Demütigung, von Bevormundung und von europäischen Ausblenden, was Kosovo anbelangt. Eine Geschichte, die nach Gehör verlangt - von jedem einzelnen von uns. Jehona Kicaj versucht aus einer Perspektive der Diaspora dem Leid vieler kosovarisch-albanischer Familien, die unter der massiven Gewalt serbischen Paramilitärs der Jugoslawienkriege litten, eine Sprache zu verleihen. Die Verluste von Besitz und Familie und Heimatlosigkeit werden über Dritte fotodokumentarisch, zumeist aber über das Medium der albanischen Sprache und kosovarischer Widerstandslieder zum zentralen Verhandlungspunkt in „ë“ Die albanische Sprache als verbindendes Element dient dem Ausdruck kollektiver Erinnerung und wird anekdotisch-biografisch eingebettet. Was dabei auffällt, ist, dass die Erinnerungen bis in die Gegenwart nachwirken, sie bestehende Leerstellen in der Aufarbeitung aufzeigen und so ein mahnend-authentisches Bild vieler kosovarischer Erfahrungen nachzeichnen. „ë“ ist kein Roman, der nach Rache oder Vergeltung sucht, sondern für Empathie und Verständnis für Kosovo wirbt - und das gelingt ausgesprochen gut.

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4.5

Das war sprachlich wunderschön- wahnsinnig tolle, tiefbedeutsame Bilder.

4.5

Das Unaussprechliche

Ich war Anfang 20 als der Krieg in Kroatien begann. Mit einem Abstand von 1385 km habe ich das Geschehen täglich verfolgt. Cousins mit selbstgebastelten Waffen in deutschen Nachrichten gesehen, Verwandte wurden evakuiert und getötet, Häuser zerstört und Menschen traumatisiert. 4mal war ich zwischen 1990 und 1995 dort und der „Urlaub“ in Sichtweite der serbischen Armee drehte sich nur um das eine Thema. Die Folgen machen mir auch heute noch Magenschmerzen. Das was in Kroatien passiert war schlimm genug und doch fühlt es sich nur wie ein Vorspiel für das an, was dann erst den bosnischen Muslimen und danach den albanischen Kosovaren wiederfuhr. In allen 3 Ländern hat sich die Zeitrechnung verändert. Es gibt ein VOR und ein NACH dem Krieg. Jehona Kicaj ist das Kind albanisch- kosovarischer Einwanderer. In ihrem Werk löst ein Besuch beim Zahnarzt Erinnerungen an die Zeit des serbischen Terrors aus, der dann mit einem NATO Bombardement beendet wurde. Auch sie beobachtet dies aus der deutschen Diaspora, aber als Kind kann man das was Erwachsene oft verschlüsselt kommunizieren nur schwer einordnen. Sie erzählt uns im Rahmen einzelner Szenen, zu denen sie immer wieder zurückkehrt, von Ereignissen die man am liebsten vergessen möchte und an deren Folgen sie leidet. Sprachlosigkeit ist ihre Reaktion. Stattdessen knirscht sie mit den Zähnen, bis diese zu brechen drohen. Sprachlos wie der Buchstabe „ë“ der im albanischen meist das stumme Ende betont. Sie macht sich auf die Suche nach dem Unaussprechlichen. Ein Seminar über die Identifizierung von Menschen die Kriegsverbrechen zum Opfer fielen, Befragung von Verwandten, Reisen in den Kosovo, oder das Schauen von Videos, die dem Erzählten die passenden Bilder liefern, sind ihre Mittel zu finden was sie schmerzt und für immer zu ihr gehört. Auch ihre migrantische Geschichte nimmt Einfluss auf den Text. Alltagsrassismus, Unkenntnis der albanischen Sprache und Kultur - die oft mit der serbischen in einen Topf geworfen wird oder Provokation durch serbische Mitbürger zeigen ihr oft wie sie gesehen wird. Die Repressalien an der serbischen Grenze haben mich zum Würgen gebracht- habe ich auf Reisen in den Staat Jugoslawien ein paar mal auch erlebt. Kicaj berichtet schonungslos von den schweren Gräueltaten, das war für mich unglaublich schwer auszuhalten, doch es muss erzählt werden, denn so ist Krieg immer! Das darf man nicht vergessen. Trotzdem bleibt der Eindruck des Schweigens erhalten, was sicherlich an der besonderen Erzählweise der Autorin liegt. Eine große Empfehlung und ein Buch das definitiv auf die Shortlist gehört!

5

Unbedingt lesen! Zurecht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2025.

Zugegebener Maßen hätte ich das Buch nicht gekauft, weil ich beum Lesen manchmal auch einfach abschalten möchte...peinlich, ich weiß! Nachdem ich doch einige ausnehmend begeisterte Stimmen gelesen habe, habe ich mir einen Ruck gegeben und habe das Buch in zwei Nächten durchgesuchtet. Die Autorin ist ein Genie, ihr gelingt es grauenvolle, unmenschliche Dinge in einer Geschichte zu verweben, die spannend erzählt ist, sachlich und sehr nüchtern betrachtet wird und nie reißerisch wird. Ich habe mir danach so viele Fragen gestellt, wieso ist albanisch eine isolierte Sprache? Warum wurde dieser Krieg mitten in Europa so wenig thematisiert, warum gibt es Leherinnen wie die der Protagonistin? Wie ist die Lage im Kosovo heute? Wie leben die Menschen mit all dem? Und ist es nicht genau das, was ein richtig gutes Buch machen sollte, Denkanstöße liefern, einen mit Wissen anreichern ohne, dass man es merkt, Empathie schulen... Hoffentlich lesen wir noch mehr von Jehona Kicaj!

5

Mein erstes Highlight in 2026

Mit 160 Seiten ist es kein dickes Buch, aber unglaublich fesselnd geschrieben, obwohl das Thema nicht einfach ist. Es handelt vom Kosovo-Krieg, von den Kosovaren*innen, wie sie nach Deutschland kamen oder dort leben und welches Leid sie in diesem Krieg erfahren haben. Das Buch beginnt beim Zahnarzt und, vertrau mir, am Ende hängt alles zusammen. Ich schätze Bücher, die mir neue Perspektiven eröffnen und das in einer einfachen, verständlichen Sprache. Die Autorin schreibt mit viel Gefühl und Ruhe, was mich sehr berührt hat. Auf jeden Fall ein Buch, das man lesen sollte.

5

Ein sehr gutes Buch, für das man sich neben dem Lesen, auch die Zeit nehmen sollte - wirklich zuzuhören!

Jehona Kicajs Debütroman „ë" hat mich gepackt. Meine Gedanken passen deshalb auch nur schwer in einen knappen Text. Die Autorin schreibt vom Aufwachsen in Deutschland und von ihren kosovarische Wurzeln. Es geht um Sprache, um Identität dahinter und um das Verstummen Sprache und die weitreichenden Folgen. Es ist ein ganz sensibles und feinfühliges Buch, das aber thematisch auch schmerzhaft und gewaltig ist. Ich habe viel gelernt und einmal mehn hinterfragt. Erinnerungskultur ist elementar. Kriege dürfen nicht vergessen werden - Menschen dürfen nicht vergessen werden und die Aktualität dieser Themen ist allgegenwärtig.

5

Dieses Buch hat mich mit seiner zarten und direkten Sprache und seinen berührenden, harten Blicken sehr berührt.

4

🥰📚🥰

Hat ein bisschen gedauert rein zukommen aber eine lehrreiche Geschichte 👍

4.5

„Ich habe mir gewünscht, mein Schweigen könnte mich unsichtbar machen“. (S.15) Ë Jehona Kicaj ET: 23.7.25 „Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ (S.11/12) Jehona Kicaj ist die Tochter albanisch-kosovarischer Einwanderer, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen. Ein Besuch bei einem Zahnarzt, der ihren völlig verspannten Kiefer untersuchen soll, weckt Erinnerungen an ihre Vergangenheit – an Szenen aus der frühen Kindheit in der Schule, aber auch an Besuche in der alten Heimat, dort, wo die Serben ihr Volk vertrieben und ihre Sprache verboten. Jehona möchte keine Fehler machen, sie will perfekt sein – vor allem in der deutschen Sprache. Nur so, glaubt sie, kann man unauffällig und angepasst leben. Deshalb überdenkt sie jeden Satz, der ihr eigentlich schon auf der Zunge liegt, immer wieder – bis sie merkt, dass sie ihn gar nicht mehr aussprechen muss, weil das Thema längst ein anderes ist oder es ihr schlicht nicht mehr wichtig ist, etwas zu sagen. Doch ihre Angepasstheit in Deutschland führt zu einer Entwurzelung in ihrer Heimat. Sie lernt die albanische Sprache nicht richtig und gewöhnt sich ab, das „R“ zu rollen – ein Laut, der in ihrer Muttersprache so bedeutsam ist. Ë ist ein Buch, bei dem ich mich als Deutsche fremdgeschämt habe – für die mangelnde Einfühlsamkeit der Kindergärtnerin, für die Unsensibilität der Kommilitonen und an vielen anderen Stellen. Wir können nur aus diesem Buch lernen. Heute gibt es keine „Lesemäuse“ von mir, aber ich möchte euch verraten, dass ich das Buch an einem Tag durchgelesen habe und dass ich Jehona Kicaj für den kommenden Montag, den Tag, an dem der Deutsche Buchpreis 2025 verliehen wird, ganz fest die Daumen drücke. Ich wünsche mir, dass sie weder schweigen noch sich unsichtbar machen wird. Toi, toi, toi!

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4.5

Mir fehlen ein wenig die Worte nach diesem Buch. Es ist ein Buch das Wissen vermittelt. Wissen von dem man sich mitunter überrollt fühlen kann und einem eben auch die Sprache verschlägt. Mich hat das Buch sehr berührt. Zunächst hatte ich diesen Titel von der Longlist nicht wirklich auf dem Schirm aber die Leseprobe hat mich nach wenigen Sätze völlig überzeugt und ich wollte einfach mehr von dieser Sprache der Autorin lesen. Zu sagen, dass ich mich in ihr wiedergefunden habe, wäre übertrieben, aber ich kenne das Leiden des Knirschens. Allein das Knirschen verursacht schon Streß und wenn der Streß vorher schon da ist, macht es nur noch schlimmer. Dieses Leiden ist ein Sinnbild für die Geschichte der Protagonistin. Manchmal hätte ich ihr gerne zugerufen, sprich, finde deine Worte, sprich sie aus. Macht dich frei, rede drüber. Versteck dich nicht ... und so weiter. Sehr berührend erzählt. Und trotz der Sprachlosigkeit so sprachgewaltig und zu dem informativ. Mir hat das Buch sehr gut gefallen.

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