Russische Spezialitäten

Russische Spezialitäten

Hardback
3.9299

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Description

Bittersüß und zutiefst politisch schreibt Dmitrij Kapitelman in seinem neuen Roman über Familie und die (Un-)Möglichkeit der Verständigung in Zeiten alter und neuer Kriege. Eine Familie aus Kyjiw verkauft russische Spezialitäten in Leipzig. Wodka, Pelmeni, SIM-Karten, Matrosenshirts – und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wobei, Letzteres ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben. Die Mutter steht an der Seite Putins. Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen? Ein Buch, wie nur Dmitrij Kapitelman es schreiben kann: tragisch, zärtlich und komisch zugleich.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Hardback
Pages
192
Price
23.70 €

Author Description

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kyjiw geboren, kam im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein erstes, erfolgreiches Buch "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters", für das er den Klaus-Michael Kühne-Preis gewann. 2021 folgte "Eine Formalie in Kiew", für das er mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde.

Characteristics

1 reviews

Mood

Sad
Funny
Scary
Erotic
Exciting
Romantic
Disturbing
Thoughtful
Informative
Heartwarming
51%
67%
N/A
N/A
53%
N/A
82%
91%
79%
27%

Protagonist(s)

Likable
Credible
Developing
Multifaceted
90%
89%
91%
53%

Pace

Fast0%
Slow0%
Moderate100%
Variable0%

Writing Style

Simple0%
Complex100%
Moderate0%
Poetisch (100%)Außergewöhnlich (100%)

Posts

66
All
3

Wobei sie nicht gern hörten, wenn man ihre Geschichten als Märchen bezeichnete.

Nein, sie bestanden darauf, dass es Legenden seien. Denn jeder weiß doch, dass Legenden nichts anderes als eine glückliche Familie vieler Erzählungen sind. Und unabhängige ukrainische Erzählungen, die kommen von den unabhängig ukrainischen Leuten, die kann man als nahezu gesichert annehmen. Was unabhängig ukrainische Erzählungen fast so zuverlässig macht wie Wetterberichte. - Zitat, Seiten 10,11 Dimitrij Kapitelman, geboren 1986 in der Ukraine, wurde für diesen autofiktionalen Roman im Jahre 2025 für den Deutschen Buchpreis (Longlist) nominiert. Russische Spezialitäten- die wurden damals in Dimitrijs Jugend im Laden seiner Eltern in Leipzig feilgeboten. Doch zunächst wurde das Ladengeschäft entsprechend vorbereitet: Eigens dafür erscheint Onkel Jakob in dieser Geschichte und leimt grünes Linoleum über den braunen Holzboden des Ladengeschäfts. Fortan kündigt der laute Klang der Eingansglocke jeden potentiellen Kunden an, der das Geschäft betritt und Spirituosen, Fisch oder auch ein Plombir Eis kaufen möchte. Doch diese nostalgischen Zeiten sind vorbei. Der Ukrainekrieg ist ausgebrochen, der Vater von den Folgen eines Schlaganfalls gebeutelt und die Mutter geht in ihrer seltsamen Russlandliebe völlig auf. Vor allem letzterer Fakt setzt dem Ich-Erzähler immer stärker zu. Und legt den Konflikt frei: "Weshalb? Das will ich gar nicht mehr wissen. Ich bin mittlerweile völlig unwillig, meine Mutter zu verstehen. Selbst wenn es fast mehr wehtut, diese Hoffnung auf Verständnis zu begraben. Wenn wir beide miteinander reden, fühlt es sich manchmal so an, als wäre uns nur noch die gemeinsame russische Sprache geblieben. Dabei waren wir noch nie weiter von einer gemeinsamen russischen Sprache entfernt." - Zitat, Seite 12 Das alles klingt doch nach einer interessanten und spannenden Ausgangslage, oder? - Aber leider wurde bei diesem Roman viel des Potentials verschenkt: Zum Beispiel die Strahlkraft der Metaphern im Roman. Ein Symbol im Roman ist die Mütze. Die Mütze ansich, wer sie trägt oder eben nicht trägt. Aber, wie die Mütze auf dem Heimweg aus der Ukraine nach Deutschland im Bus liegen bleibt, so scheint sie auch aus dem Gedächtnis der Geschichte zu verschwinden. Und warum sprechen die Fische im russischen Spezialitätengeschäft? Wäre Dimitrij Kapitelman ein Schneider, könnte man vielleicht sagen, dass er die Nähte nicht ordentlich versäumt hat. Die Kanten wurden nicht fachgerecht versäubert. Was ein Jammer ist bei diesem erstklassigen Stoff und dem sichtbaren Talent des Künstlers. Am Ende setzt dieser jedoch noch einen Herzknopf, um sein Werk harmonisch zu beschließen - oder war es gar ein Stern?! FAZIT Nach Abschluss des ersten Kapitels hatte ich so große Erwartungen an die Lektüre, aber leider blieben diese unerfüllt. Wahrscheinlich klingt es ein wenig hart, wenn ich behaupte, dass man eigentlich nur das erste und das letzte Kapitel des Buches lesen muss, um das Wesentliche zu umfassen - aber genau so habe ich es empfunden. Vielleicht liegt der eher bescheidene Eindruck auch in der Beobachterperspektive des Ich-Erzählers begründet. Der Erzähler selbst hält sich im Text ziemlich bedeckt, was der Nähe zum Autor selbst geschuldet sein kann. Aber da dies ein Roman ist, hätte es hier durchaus Möglichkeiten in der Varianz der Gestaltung gegeben - finde ich. Und dieser ironische Erzählstil mag die Situationskomik mancher Szene herzustellen, schafft aber auch in Momenten Distanz, die eine emotionale Nähe zum Lesenden herstellen könnten. Wer hat ähnliche Leseerfahrungen gemacht? Oder noch spannender: wen konnte die Geschichte richtig mitreißen? Eingeschränkt lesenswert.

3.5

Ein zeitgenössischer Roman, der einen Konflikt aufzeigt zwischen der prorussischen Mutter und ihren proukrainischen Sohn in Zeiten des Russland-Ukraine Krieges. Sie leben in Leipzig, der Erzähler (der Sohn) ist in Kiew geboren und hadert mit der vorgefertigten Meinung der Mutter. Neben den unterschiedlichen Ansichten der Familie steht auch Ausländerfeindlichkeit im Osten Deutschland sehr im Vordergrund des Buches. Der Erzähler fährt dann selbst in die Ukraine, um sich ein Bild zu machen. Mir war der Konflikt selbst und auch die Mutter-Sohn-Beziehung zu wenig ausgearbeitet. Es wird alles so ein bisschen angeschnitten. Aber im Grunde genommen fehlen auch grundlegende Diskussionen innerhalb der Familie zu dem Thema. Ich hätte mir das gern ausführlicher gewünscht. Ich bin mir nicht sicher, ob der Roman autobiografische Züge enthält. Es ist sicher ein ganz guter Einstieg in das Thema, mir fehlt hier die Komplexität.

4

Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Zitat S. 15 über das Verhältnis des Ich- Erzählers zu seiner russischen Muttersprache

Dmitrij Kapitelman beschreibt auf einfühlsame aber auch humorvolle Weise über eine Kindheit in Leipzig der Nachwendejahre die Beziehung zu den Eltern des Ich-Erzählers, die sich nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verändert hat. In den 1990er Jahren eröffnen die Eltern ein Magazin für russische Spezialitäten in Leipzig. Das Geschäft läuft gut, die Familie exportiert Waren aus der Ukraine, der eigentlichen Heimat. Kapitelman beschreibt auf eine feine Art die Freunde*innen, die Besucher*innen des Magazins, aber auch die politischen Rahmenbedingungen in Sachsen, nach der Wende, aber auch in der heutigen Zeit. Die Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis verschieben sich mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Die Eltern und.a. die Mutter unterstützen den russischen Präsidenten und beschimpfen die Regierung in Kiew als Nazis. Im zweiten Teil des Buches beschreibt der Ich-Erzähler seine Reise in die vom Krieg zerstörte Ukraine. Er besucht Freunde, sitzt mit Menschen im Luftschutzkeller und entfremdet sich von seiner Mutter, die darum bittet ihr ukrainische Spezialitäten mitzubringen. Zitat S. 144 Nein, je länger der Abend geht, desto mehr verwandeln wir uns in eine Selbsthilfegruppe. Von Angehörigen, die ihre Liebsten an die russische Propaganda verloren haben. Das Buch hat mir gut gefallen. Es beschreibt die Ambivalenz zwischen der Liebe zur Mutter und dem Entsetzen über ihre Relativierung und Verschiebung der Wahrheiten. Eine Situation, die man auch gut auf andere Familien und die Brüche übertragen kann, die totalitäre Regime und Verschwörungstheorien erzeugen.

2.5

Weiß nicht so recht was ich von dem Buch halten soll.

Ich habe Dmitrij Kapitelman verstanden und weiß was er mir mit seinem Werk sagen wollte, doch die Sprache fand ich irgendwie übertrieben. Fand es ab und zu anstrengend. Wäre das Buch nicht so dünn, hätte ich es abgebrochen.

4

Ukraine, Ukrainekrieg, Russland, Propaganda, Longlist, Kyijw, Kiew, Familie

Zwei Teile, sehr aktuell als in Kyjiw geborener Deutsche berichtet Dmitrij Kapitelman über die Spaltung seiner Familie, Mutter und Vater werden von der russischen Propaganda eingewoben. Beide haben in Kyjiw gelebt und lieben die 1992 Ukraine. Sie betreiben einen russischen Laden "Magasin" in Leipzig bzw. dem Umland. Teil 2 spielt in der kriegsgeplagten Ukraine bei einem Besuch der Hauptstadt inklusive Luftalarm, Besuchen in Budscha und mehr. Kein wirklicher Roman, eher anekdotische Tagebucheinträge über die Kriegszeit. Longlist für den Deutschen Buchpreis, schwacher erster Teil, der wirkliche harte Arbeit ist, Teil 2 reißt es für mich raus. Longlist bisher: Kapitelman - Russische Spezialitäten 4/5

4

Sprachlich interessante, sensible Auseinandersetzung mit dem Ukraine-Krieg

Eine prorussische Mutter und ihr proukrainischer Sohn in Leipzig. Die Mutter, die den ganzen Tag russisches Fernsehen schaut und jedes Wort glaubt, bringt ihren Sohn zur Verzweiflung. Sind sie nicht auch Ukrainer?! Darf man als Ukrainer überhaupt noch Russisch sprechen und das, wo Dimitrij dich ohnehin schon die Worte fehlen? Sprachlich hat mich das Buch immer wieder überrascht und dabei auch in einem guten Moment erwischt. Ich kann mir vorstellen, dass ich zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht sogar genervt gewesen wäre. So aber konnte ich es literarisch genießen. Der zweite Teil, in dem Dimitrij in die kriegsgebeutelte Ukraine fährt, ist berührend, so nah und gleichzeitig fern.

4

Für mich schreibt Kapitelmann satirisch, humorvoll und metaphorisch. Ich mag die Art, wie er seine Texte verfasst, wieviel Empathie und Liebe zwischen den Zeilen steht. Dennoch war der 1. Teil des Buches für mich etwas schwächer. Es ging hier viel um den Laden der Eltern des Ich- Erzählers. Eröffnet wurde dieser in den neunzigern in einem Viertel Leipzigs. Der Laden war Treffpunkt für russische und ukrainische Menschen. Oftmals Menschen, die für sich gescheitert waren und die durch den Magasin jedoch einen Anlaufpunkt hatten, den etwas heimatliches umgab. Trotz der -für mich persönlich- besonders bildhaften Sprache, hätte ich mir mehr Interaktion mit Dimitrijs Mutter gewünscht. Natürlich merkt man diese Kluft, die durch den Angriffskrieg zwischen beiden entsteht und auch die Zerrissenheit des Protagonisten ist spürbar, da er zwar mit ganzem Herzen hinter der Ukraine steht aber auf der anderen Seite seine Mutter liebt und sich nicht durch ein Politikum von ihr bzw. seiner Familie lossagen will. Ich hätte hier noch mehr Tiefgründigkeit erwartet. Hätte mir intensivere Beschreibungen der Auseinandersetzung gewünscht. Aber evtl. hält einen diese Liebe zur eigenen Familie davon ab, alles an- oder auszusprechen, um den Krieg nicht bis in den wichtigsten Kern seines Lebens Einzug halten zu lassen. Der zweite Teil des Buches war für mich dann sehr viel ergreifender. Man konnte die Anspannung, die Gefahr und das Leid mit jedem Satz spüren. Denn der Protagonist reist selbst in die Ukraine. Definitiv hat man sofort die Bilder, die in der Anfangszeit des Krieges überall ausgestrahlt wurden, sofort wieder vor Augen. Kapitelmann deutet hier nur einiges an, muss nicht alles auserzählen. Man weiß sofort worum es geht. Es ist einfach grausam, was seit etlichen Jahren schon, in der Ukraine geschieht. Vor allen Dingen ist es grausam, wie Propaganda den Krieg noch viel weiter in die Welt trägt und auch fernab von Frontlinien tiefe Wunden und Leere reißt .

5

Dieses Buch hätte gewinnen sollen !!!

Was für ein super sensibles Buch über Krieg, Russland, Ukraine, russische Spezialitäten, Sprache, Familie, Freundschaft und wieviel mal wohl für ein Eis an Geld ausgeben mag. 😋 Ich wurde durch das lesen der Leseproben auf das Buch aufmerksam. Es hörte sich nach etwas an, was mir durchaus gefallen könnte und mit dem ich aus meiner Komfort-Zone heraustreten kann und muss. Wir alle wissen wie schlimm der russische Angriffkrieg gegen die Ukraine ist aber niemand weis, was die Menschen dort fühlen. Doch genau auf diese Gefühle hält der Schriftsteller seine autorische Kamera und filmt für uns mit. Wir lernen die Familie kennen, die einen Spezialitäten-Laden betreibt. Dort findet man als Kunde oder Kundin allerhand Bücher, kulinarische Leckereien und Spirituosen. Das alles wird regelmäßig aus der Ukraine importiert. Die Mutter der Familie lässt sich von russischen Medien beeinflussen und teilte die Propaganda sehr gerne mit ihrer Familie. Nicht jeder ist ihrer Meinung und so beschließt ihr Sohn in die Ukraine zu fahren und sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Mir hat die Geschichte wahnsinnig gut gefallen. Da es aktuell wie nie ist. Der Autor entführt uns in den Osten Deutschlands und lässt den sächsischen Dialekt durchaus mit einfließen (und dazu auch noch sehr gelungen). Die gespaltene Meinung innerhalb der Familie zum Krieg erinnerte mich stark an die Corona-Pandemie. Alles in allem ein sehr gelungenes Werk. 5 Sterne ⭐️ ⭐️⭐️⭐️⭐️

4

Hoch politisch, tragisch, komisch, bitterböse und berührend

Man möchte lachen, man möchte weinen, man möchte ungläubig und verzweifelt den Kopf schütteln und manchmal auch alles gleichzeitig. Eine Familie aus Kyjiw besitzt in Leipzig einen Laden für russische Spezialitäten. Die Mutter glaubt fest an die Botschaften aus dem russischen Fernsehen über Russland, die Ukraine und den stattfindenden Krieg. Ihr Sohn befindet sich in einem inneren, verzweifelten Konflikt. Er liebt die russische Sprache, er liebt seine Geburtsstadt Kyjiw, er liebt seine Mutter. “Ich kann entweder fühlen, dass sie meine liebende Mutter ist. Oder daran denken, dass sie die russischen Mörder unterstützt. Beides gleichzeitig fühlen und denken kann ich nicht.” Hoch politisch, tragisch, komisch, bitterböse und berührend. Auf großartige Art und Weise gelingt es Dimitrij Kapitelman die Verzweiflung, die zunehmende Entfremdung sowie die Unmöglichkeit der Verständigung zwischen Freunden und Familie darzustellen. Ebenso ist es ein Buch über Zugehörigkeit, Identität und Sprache oder auch das Fehlen derselben. Dieses Buch stand zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Es ist absolut lesenswert. *Danke an netgalley für das Rezensionsexemplar*

4.5

Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelmann beschreibt eine spannende Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, auch in Abgrenzung zu den begleitenden, unterstützenden und liebenden Eltern. Dabei greift der Autor auf die Autofiktion als Erzählmodell zurück. Die Familie, ursprünglich aus Kyjiw, lebt in Leipzig und betreibt dort ein Magasin, in dem russische Spezialitäten verkauft werden. Anhand dieses Magasins werden das Familienleben und die -geschichte aus der Perspektive des Sohnes genauestens unter die Lupe genommen, womit die Entwicklung der Dynamiken sehr schön abgebildet wird. Gleichzeitig bleiben der Krieg in der Ukraine und der russische Überfall nicht unbenannt. Vielmehr ist die Konfrontation damit ein zentrales Thema. Fragen, die sich dem jungen Mann unter anderem stellen mögen, sind: Wie kann ich mit meiner Mutter umgehen, die der russischen Propaganda in Social Media dermaßen verfallen ist? Darf ich meine Mutter noch lieben? Darf ich in der Ukraine noch russisch sprechen? Muss ich mich dabei schlecht fühlen? Sollte ich überhaupt noch in die Ukraine reisen? Auf der Suche nach Antworten begleitet man den Protagonisten in Leipzig und in Kyjiw sowie dem Umland. Man begegnet der russischen Zerstörung, ukrainischen Schicksalen und Fragen, die die (Lebens-)Welt bedeuten. „Aber was heißt schon »außer« Sprache? Seit diesem Krieg weiß ich überhaupt nicht, was Sprache eigentlich ist. Was sie soll. Was sie will. Was sie kann. Ob sie gehört, wem sie gehört, wohin sie gehört. Wie sehr Sprache der Zeit hörig ist. Mein Verhältnis zur Sprache meiner Mutter, meiner Mutter-Sprache, war nicht immer so entmündigend politisch. Es gab Zeiten, da waren die Wörter zwischen uns treue Boten des Vertrauens.“ (S. 9) Die Vermittlung schwerer und emotionaler Themen gelingt Kapitelmann mit viel Humor und Witz. So verfliegen die Seiten ruckzuck. Das Buch hat mir sehr gut gefallen, sodass ich es gerne weiterempfehle.

4

Die spaltende Kraft von Propaganda

„Die wirksamste Propaganda sind nicht die Lügen, sondern das Verschweigen der Wahrheit.“ Dieser Satz von George Orwell sagt schon alles aus. Gezielte Manipulation ist die erste Waffe, die in bilateralen Auseinandersetzung eingesetzt wird, und kurioserweise fruchtet sie bei sehr vielen Menschen. Sobald sich Fronten bilden, ist man geneigt, den Regierenden zu glauben, denen man sonst lieber misstraut. Wenn man sich die breite Masse der Verschwörungstheorien nicht nur auf Social Media anschaut, ist man geneigt zu denken, die ganze Welt ist verrückt geworden. So geht es auch dem ICH Erzähler, der genau wie der Autor Dimitrij heißt. Er hadert sehr damit, dass seine Mutter der russischen Propaganda an den Lippen hängt. Dabei kommen sie aus Kyjiw, und sind anfang der 90er Jahre als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland eingewandert. Mama betreibt ein kleines Geschäft, in dem Spezialitäten und Nützliches aus der Heimat verkauft wird. Der Laden heißt „магазин“, was im Deutschen schlicht „Magazin“ heißt. Die Leute kommen allerdings nicht nur zum einkaufen, sondern auch um sich zu treffen und sich auszutauschen. Ein Treffpunkt aller Osteuropäer und besonders die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion sind hier wieder vereint. Der Überfall Russlands 2014 auf ukrainische Gebiete und die Zuspitzung 2022 verändert einiges. Auf einmal ist wird auch in diesem kleinen Kosmos deutlich, dass man aus zwei unterschiedlichen Welten kommt, aus Freunden werden Feinde und das Geschäft steuert auf sein Ende zu. Und russische Informationsquellen werden die ständigen Begleiter von Dimitrijs Mutter. Das gefällt ihm gar nicht. Er liebt seine Mutter, und er liebt die russische Sprache, obwohl er sie nicht perfekt beherrscht, aber dass sie den Sprachrohren Putins mehr glauben schenkt als anderen weltweit zugänglichen Quellen findet er sehr befremdlich und er sorgt sich, dass der Keil, der zwischen Russen und Ukraine getrieben wurde auch in seiner Familie zerstörerische Kräfte entwickelt. Kurz entschlossen macht er sich auf den Weg in die Ukraine, kein risikoloses Unterfangen - und sucht dort nach Erinnerungen und Menschen, die im Nahe stehen. Sinulja- was so viel wie Söhnchen bedeutet– möchte die schrecklicher Realität des Krieges, wie ein Souvenir einpacken und mit nach Hause nehmen. Ob ihm das glückt müsst, ihr selber lesen Kapitelman hat in diesem Buch ein Phänomen der Gegenwart eingearbeitet, dass auch mich immer wieder fassungslos macht. Die mangelnde Reflektion manipulativer Videos, auf Basis eigener Erfahrungen scheint in manchen Gesellschaftsschichten nicht möglich zu sein, und so verfällt man Worten die eigentlich sofort als Lügen zu entlarven sind. Die Suche nach den Ursachen, warum seine Mutter plötzlich mit Blind- und Taubheit geschlagen scheint scheint genauso aussichtslos wie die Suche nach Möglichkeiten diesen Krieg zu beenden. Doch es schimmern immer wieder Sätze durch, die zeigen, wie tief die kollektive Sehnsucht nach besseren Tagen sitzt, und wie sehr sie sich mit einem nostalgisch Rückblick auf die eigene Jugend vermischt. Dass seine Mutter zum Beispiel nur auf die Ukrainer schimpft und sie die Russen fast nie erwähnt, begründet sie damit, dass ihr Letztere egal sind und sie sich die Ukraine von vor 30 Jahren zurück wünscht, wohlgemerkt die, die sie verlassen und die ihr aus mehreren Gründen das Leben schwer gemacht hat. Dabei entlarvt sie genau das, was ich als großes Problem in unserer gegenwärtigen Gesellschaft empfinde: man sehnt sich nach einer Jugend voller Hoffnung zurück obwohl damals gar nicht alles besser war, aber man war jung und optimistisch. Nun kommt man mit den düsteren Zukunftsvisionen der Gegenwart gar nicht klar, und Schuld sind immer die anderen. Die Figurenzeichnung des Autors ist hervorragend. Natürlich hat er besonders der Mutter einen bestimmten Anstrich gegeben, der mir großes Vergnügen bereitet hat, dieses Buch zu lesen. Es entbehrt nämlich trotz der Schwere des Themas nicht einem gewissen Humor. Dass sich Mutterliebe im Osten Europas in erster Linie daran zu erkennen gibt, dass man seine Söhne daran erinnert, die Mütze anzuziehen, ist dabei nur ein Beispiel. Die Ignoranz, die sich auch in den lesenswerten Dialogen ganz wunderbar offenbart, haben, mich regelmäßig zum Schmunzeln gebracht. Ich konnte mich in die zwischen, Verzweiflung und Resignation schwankenden Stimmungen des Sohnes wunderbar hineinversetzen. Der Kriegsalltag in der Ukraine ist gleichermaßen erschreckend wie banal. Hier hat der Autor, die Alltäglichkeit der Angriffe und die Abstumpfung gegenüber den damit verbundenen Gefahren, sehr realitätsnah eingefangen. Außerdem füllt er seine Story auch noch mit dem gegenwärtigen Lebensgefühl im Osten Deutschlands auf, und es wird sehr deutlich, wie eng unser Land an die Entwicklungen in der Ukraine geknüpft sind. Das Ganze ist dann auch noch sprachlich sehr fein geschliffen. Ich habe so viele schöne Sätze entdeckt und schnell gemerkt wie viel Spaß es macht diesen Text zu lesen. Deshalb empfehle ich das Buch gerne weiter, und würde mich freuen, wenn es besonders viele Menschen lesen, die sich den Erfahrungen als Immigrant*in mit kulturell anders geprägter Vergangenheit literarisch auseinandersetzen möchten. In diesem Roman bekommt ihr das gesellschaftspolitisch reflektiert und literatursprachlich verfeinert serviert.

4

Klare Empfehlung - gerade, weil ich es wegen des Titels zunächst fast nicht lesen wollte - aber auf den klaren und zugleich differenzierten Dazwischen-Blick von Kapitelman ist Verlass!

Es geht viel um das Dazwischen-Sein in diesem Buch. Dmitrij Kapitelman, der in Kyjw geboren und in Ostdeutschland aufgewachsen ist, geht in „Russische Spezialitäten“ in gewohnt halsbrecherischer Sprache zunächst dem Spezialitätengeschäft seiner Eltern nach, die das postsowjetische Milieu nach der Wende mit passenden Delikatessen versorgen. Wie so oft bei Kapitelman gehen Belletristik und Autobiographisches schwebend ineinander über. Besonders delikat ist allerdings die neu erwachte Liebe zu Russland und der entsprechenden Propaganda bei der Mutter - hier trifft aktuelle Weltlage hart auf Familienalltag. Der als der„Deutsche“ in der Familie gelesene Ich-Erzähler steckt zwischen Mutterliebe und politischem Realismus. Im zweiten Teil wird dann eine Reise in die Ukraine geschildert, nüchtern werden der Alltag im Krieg und der nur russisch sprechende „Dima“ mittendrin geschildert. Einige Figuren aus „Eine Formalie in Kiew“ tauchen wieder auf. So auch der Sandkastenfreund Rostik. Mit ihm entspannt sich folgender Dialog: »Ich bin froh, dass Russisch bald aus diesem Land verschwunden sein wird.« »Ja?« »Ja. Deswegen sind die Russen doch überhaupt erst hier angerammelt. Weil sie denken: unsere Sprache, unser Язык, also gehört das alles uns.« »Weißt du, Rostik. Sowohl emotional als auch politisch verstehe und respektiere ich vollkommen, was du sagst.« »Aber?« »Na ja, aus meiner kleinen Perspektive ist das so, dass ich hier dann gar keine Sprache mehr habe und alles noch viel fremder wird. Ich noch viel fremder werde. Du beherrschst ja beide Sprachen, für dich ist es etwas anderes.« »Ja, das stimmt wohl.« Hier werden die Selbstverständlichkeiten, die nur die eine Seite erkennen, aufgespießt und neben das Dazwischen gestellt. Aus diese Weise wird das Buch trotz seiner verspielt leichten Sprache zu einem wahren Diskursaufbrecher.

4

“In der russischen Welt meiner Mutter ist Russland gut und heldenhaft und hat gar keine andere Wahl, als zu kämpfen. Herzlos ist das nicht von ihr, nur sehr wahrheitsverloren. Deswegen leidet Mama wohl auch so darunter, dass ihr Sohn diese russischen Wahrheiten aufs Verderben nicht erkennen will.” (S. 58) “Russische Spezialitäten” hat mich deswegen interessierst, weil es darum geht, wie Menschen damit umgehen, wenn ihr Land zum politischen Aggressor wird. Und damit, dass ihre nationale bzw. kulturelle Identität zum Schimpfwort wird und zum Grund, warum sich andere Leute vielleicht nicht mehr so gerne mit ihnen abgeben möchten. Es ist ein autofiktionaler Roman, in dem der ukrainisch-moldawischstämmige Autor und Journalist Dimitrij Kapitelman, der in Kiew geboren wurde und seit seiner Kindheit mit seiner Familie in Leipzig lebt und dort - bis Corona kam - einen Laden für russisch-ukrainische Produkte betrieben hat, die jüngere Vergangenheit verarbeitet. Er tritt als Ich-Erzähler auf und im Mittelpunkt steht die Beziehung zu seiner Mutter. Obwohl die beiden ein inniges Mutter-Sohn-Verhältnis haben, sind sie doch anderer Meinung, was den Krieg zwischen Russland und der Ukraine angeht. Die Mutter ist auf der Seite des Aggressors und der Sohn versucht sie davon zu überzeugen, dass die Ukraine das Opfer ist und sich verteidigen muss. Zunächst ohne Erfolg. Schließlich fährt der Ich-Erzähler mitten im Krieg selbst in sein ukrainisches Geburtsland und muss dort mit anderen Problemen als mit der Sorge der Soldaten-Mütter kämpfen, ihre Söhne könnten bei der Kälte keine Mütze tragen. Ich muss schon sagen, es hat ein bisschen gedauert, bis ich in dieses Buch “reingekommen" bin, bis ich den Vibe gefühlt habe und bis mir die Worte nahe ans Herz gegangen sind. Das hatte vor allem damit zu tun, dass Dimitrij Kapitelman ein richtiger Sprachakrobat ist, der mit lautmalerisch-metaphorisch-allegorischen Bällen jongliert. Das war mir oft - gerade am Anfang - ein wenig too much. Eigentlich mag ich gut gewählte Sprachbilder, aber hier war mir unter anderem der lila Fliederstaub, der um die sozialistischen Plattenbauten weht, etwas zuviel des Guten. Wörter wie “umherbefruchten” (S. 14), “Tomatentrauer” (S. 25) oder “Krautinator” (S. 29) sind nur wenige Beispiele für die Anwendung von blumigen Neologismen in diesem Buch. Letztlich aber hat mich das Buch zum Ende hin überzeugt, wo es dann sehr ernst und tragisch wird. Die komischen Elemente waren zwar nett, aber sie waren mir persönlich zu anekdotisch und der Ich-Erzähler ist mir durch diesen ‘Humor’ kein Stückchen näher gekommen. Am Ende habe ich aber doch eine gewisse Verbindung zu ihm gespürt, was das Buch für mich im Nachhinein lesenswert macht.

4.5

Hörbuch

Als Hörbuch vom Autor gelesen, was ich sehr bereichernd fand. Er kann hochdeutsch, russisch und sächsisch. Sprachlich witzig, emotional und politisch stark!

5

Ein gleichermaßen herzzerreißendes wie herzerwärmendes Buch

„Die grausamsten Sätze sind immer die saloppen. Und ich höre sie, wenn ich bei meinen meistgeliebten Menschen bin, meiner Familie. Wo ich doch am sichersten sein sollte.“ (S. 106/ 191) Dmitrij Kapitelman, gebürtiger Kyjiwer, der 1994 als jüdischer „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland kam, wächst in Leipzig auf und hilft als Heranwachsender im „Magazin“, dem familieneigenen Geschäft für russische Spezialitäten, mit. Dabei hat er immer ein wenig damit zu kämpfen, dass er gewissermaßen zwischen den Welten steht und ihm in seiner Muttersprache oft einzelne Wörter fehlen. Mit Beginn des Ukraine-Krieges muss er feststellen, wie die Propaganda der russischen Staatsmedien seine Familie spaltet. Kollagenartig setzt er zusammen, wie er seinen Alltag seitdem erlebt und wie ihn seine Vergangenheit geprägt hat. Mit liebevollem, humorvollen Blick erzählt er vom Mikrokosmos des „Magazin“ - kontrastiert mit teilweise schmerzhaften, aktuellen Alltagsbeobachtungen und -erlebnissen. Durch wiederkehrende Motive und teilweise ins Groteske umschlagende Vergleiche schafft er Verbindungen zwischen gestern und heute, alter und neuer „Heimat“ und nimmt so manchen Szenen die Schärfe. Manchmal bezweckt der Autor aber auch das genaue Gegenteil. Besonders deutlich wird das im zweiten Teil des Romans, als sich Kapitelman mitten im Krieg auf Spurensuche nach Kyjiw begibt - versucht zu begreifen, was hier passiert. Auch in diesem Teil sind neben den Beobachtungen und Begegnungen vor Ort die Erinnerungen und Anekdoten aus früheren Besuchen in der Stadt präsent. Und als er sich mit Freunden der Familie an die Orte der schlimmsten Kriegsverbrechen und Zerstörungen begibt, setzt er seinen Eindrücken ebenso laute Musik, wie besorgte Fragen der Mutter entgegen. Für mich war die Lektüre gleichermaßen herzzerreißend und schmerzhaft wie herzerwärmend. Besonders wohltuend empfand ich den differenzierten Blick des Autors, der trotz eindeutiger politischer Position zu verstehen versucht - trotz der sich auftuenden Gräben seine Liebe zu seiner Familie und seiner Muttersprache ergründet und Fragen nach Identität und Zugehörigkeit stellt. Obwohl das Buch auch humorvoll ist, blieb mir das Lachen immer wieder im Halse stecken - und nicht nur einmal hatte ich Tränen in den Augen. Für mich stand das Buch zu Recht auf der Loglist für den Deutschen Buchpreis 2025 und ich empfehle es - auch als wichtiges Zeitdokument - unbedingt weiter.

4

Sehr lesenswertes Buch über eine Familie aus Kiew, die in den 90er Jahren nach Leipzig ausgewandert ist. Als 2022 der Krieg in der Ukraine ausbricht, glauben die Eltern der russischen Propaganda und stellen sich auf die Seite von Putin und Russland, für den Sohn kaum zu ertragen. Er unternimmt persönlich eine Reise in die Heimat seiner Kindheit, besucht in Kiew alte Freunde und reist zu unterschiedlichen Kriegsgebieten, aber die Eltern sind durch nichts von der Wahrheit zu überzeugen. Ein autobiographisches, sehr berührendes und wichtiges Buch über Russlanddeutsche und Propaganda

5

»Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Neben aus der Ukraine geflohenen Menschen stehe ich stumm wie ein Baumstumpf. Zumindest bis ich einige von ihnen ebenfalls Russisch sprechen höre« (S. 13). Unter dem Namen »Магазин«, was übersetzt so viel wie Magasin bedeutet, eröffnet eine ukranisch-jüdisch-moldawische Familie ein Lädchen, in dem russische Spezialitäten verkauft werden. Zwischen all den bunten Köstlichkeiten liegt seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ein grauer Schleier. Während der Sohn des Ladenbesitzerpärchens die russische Sprache liebt, sie aber nur noch heimlich sprechen will, ist auch die Gesprächskultur zwischen Mutter und Sohn erschwert. Die Mutter hält zu Russland und somit zu Putin. Um die Mutter aus den Fängen der russischen TV-Propaganda zu holen, sieht sich ihr Sohn gezwungen nach Kyjiw zu reisen. Mit dem Flixbus macht er sich auf die Reise ins Kriegsgebiet. Dmitrij Kapitelman offernbart mit seinem Buch eine harte Realität, doch die Sprache, die er dabei verwendet ist sanft und zärtlich. Seine Erinnerungen an die Kindheit rührend und die Erzählungen über die Erlebnisse in Kyjiw tragisch. »Russische Spezialitäten« ist ein bittersüßer Familienroman, der die harte Realität einfängt. »Womöglich bietet Russisch mehr abwägende und gefühlvolle Worte, um Gnadenlosigkeit auszudrücken, als jede andere Sprache der Welt« (S. 59).

3.5

Ein auf 192 Seiten komprimiertes Post-Ost-Trauma 💭

„Während der Geschäftsführer von Bêp Viêt sich so rührend sorgte, musste ich an den vietnamesischen Zigarettenverkäufer denken, den die Telekom-Drücker damals einfach in den Busch schubsten. Nachdem sie bekommen hatten, was sie von ihm wollten. So ist es eben, Ausländer, die keinen ökonomischen Vorteil mehr bieten, werden verstoßen.“ 💭 Um wen geht’s? Um eine Familie aus Kyjiw, die russische Spezialitäten in Leipzig verkauft. Um einen Krieg, der spaltet, auch am Küchentisch. Um einen Sohn, der daran verzweifelt, und in dieser Verzweiflung ins ukrainische Kriegsgebiet fährt, allen irren russischen Fernsehlügen zum Trotz. Es geht um Mütter, Söhne, Zugehörigkeit und den frischen Fisch in der Auslage vom Магазин. 💭 Meine Meinung Dieses Buch war anders schmerzhaft, ein auf 192 Seiten komprimiertes Post-Ost-Trauma. Stellenweise unfassbar witzig, dann wieder tieftraurig, ganz oft bittersüß. Als Russlanddeutsche habe ich es fast ein bisschen zu sehr gefühlt - in unserer Geschichte ist die Heimatlosigkeit tief verwurzelt, nicht erst seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Und wenn @dmitrij_kapitelman von „Mutter-Sprache“ schrieb, habe ich mich wieder daran erinnert, wie ich mich vor 3 Jahren erneut schämte, meine in der Öffentlichkeit zu sprechen. Leider sind mir stellenweise die Anekdoten und Pointen durch die Finger geglitten, auch so ein Post-Ost-Erbe - ständig hast du das Gefühl, die eigene Geschichte nicht richtig zu fassen zu kriegen. Das hat mich ein bisschen traurig gemacht. 💭 Fazit Ein hochpolitisches Buch, das vor allem am Küchentisch stattfindet, und das macht es so brillant. Das Trauma einer ganzen Generation, gepresst zwischen zwei Buchdeckel. Lustig, tragisch, hochaktuell, verwirrend, aufwühlend und in einer Sprache geschrieben, die sagt: Das war nicht mein letztes Buch von Dmitrij Kapitelman.

Ein auf 192 Seiten komprimiertes Post-Ost-Trauma 💭
2

Abgebrochen bei Seite 67

Leider konnte ich nichts mit dem Buch anfangen. Die Sprünge, die Erzählungen, das gewollt Lustige... Ich weiß nicht, es hat mich einfach nicht abgeholt. Ich kann mir vorstellen, dass Lesende ohne Russisch-Kenntnisse es schwer haben dieses Buch zu lesen, weil einiges auf Russisch ist und auch noch in Kyrillischer Schrift. Manche Wortwitze und Besonderheiten der Sprache fand ich amüsant, aber die Geschichte (wie versprechend diese auch war) nahm keine Fahrt auf und und nahm mich null mit. Einfach kein Buch für mich.

4

"Ich kann entweder fühlen, dass sie meine liebende Mutter ist. Oder daran denken, dass sie die russischen Mörder unterstützt." Obwohl der Autor über einen längeren Zeitraum (von den 90ern bis heute) von seiner Familie erzählt, ist es genau diese Zerissenheit zwischen ihm und seiner Mutter seit Beginn des russischen Angriffkriegs, die den Roman für mich so treffend beschreibt. Mit wie viel Leichtigkeit und Witz Kapitelman hier schwere Themen behandelt, ist schon beeindruckend. Und unterhaltsam. Er erzählt vom Aufwachsen in einer 'ukrainisch-jüdisch-moldawischen Familie im Nachwendesachsen der 90er Jahre gesäumt von Ausländerhass. Vom Verkaufen russischer Spezialitäten im Laden der Eltern und deren Kunden. Von Fahrten nach Kiew. Von der Corona-bedingten Schließung des Geschäfts. Und schließlich von der familiären Zerissenheit um den Angriffskrieg. Eigentlich schwer vorstellbar, aber dieses kleine Büchlein ist witzig und berührend zugleich. Empfehle ich gern.

4.5

"Magasin" heißt der Laden, in dem Dimitrijs russisch-moldawisch-ukrainische Eltern seit 30 Jahren russische Spezialitäten in Leipzig vertreiben. Wodka, Krimsekt, Kwas, Weißkrautsalat, getrockneten Fisch, Pelmeni, Bücher und Matroschkas – alles in allem ein Stück russische Identität und Nostalgie für diejenigen, die irgendwann einmal Teil der längst zerfallenen Sowjetunion waren. Doch dann kommt erst Corona und kurz darauf der russische Überfall auf die Ukraine und nichts ist mehr, wie es vorher war - auch innerhalb Dimitrijs Familie. Während der Vater zwischen den Stühlen steht und mit seiner langsam beginnenden Demenz kämpft, glaubt die Mutter dem russischen Staatsfernsehen und Putins Propaganda. Sie hält die Ukrainer für Nazis und die Massaker in ihrem ehemaligen Heimatland für "Fake". Der Sohn hingehen verzweifelt an ihrer Ansicht und sucht nach der richtigen Verhaltensweise. Bis er sich selbst auf den Weg nach Kyijw macht, um Freunden seine Unterstützung zuzusichern und vielleicht auch ein Stück weit, seine Mutter von ihrem Irrglauben zu überzeugen. ➸ "Russische Spezialitäten" von Dmitrij Kapitelman ist ein helles Buch in einer dunklen Zeit und gerade durch seine Kürze sehr gewaltig. Dabei erzählt der Autor über eine gespaltene Familie, die tief im Herzen dennoch füreinander da ist, über Wurzeln, Entwurzelung, die Kultur und das Leben selbst. Er spielt kunstvoll mit verschiedenen Sprachen, sei es die deutsche, die ukrainische oder die russische, und zeigt so die Komplexität und deren Tiefe und was es mit einem macht, genau diese zu verlieren oder sich ihrer zu schämen. Aber es ist ebenso eine autofiktionale Geschichte über Identität, den russischen Angriffskrieg, Zusammenhalt, Angst, Antisemitismus und das Leben im rechtsextrem geprägten Sachsen. Und trotz der schweren Thematik, schafft es Kapitelman durch seinen Schreibstil und der unglaublichen Sprachgewandtheit auch Humor in seine Erzählung miteinzubinden. Die Familie entfernt sich vielleicht politisch voneinander, hört aber nie auf, sich umeinander zu sorgen und zu kümmern - mögen die Gräben noch so tief sein. Fazit: "Russische Spezialitäten" ist ein Buch, das zwischen Tragik und Humor wechselt und eine hochaktuelle und eindringliche Familiengeschichte erzählt. Von mir gibt es eine Leseempfehlung.

4.5

Eine autofiktionale Geschichte über den russischen Angriffskrieg, Familienunstimmigkeiten und das Leben im Post-Wende-rechts(-extrem) geprägten Sachsen.

Dmitrij Kapitelman schreibt über seine Familie. Vor allem über seine ukrainische Mutter, die der russischen Propaganda verfallen ist. Eine Tatsache, die schwer zu akzeptieren sein muss - gerade, wenn man als Sohn anderer Meinung ist. Trotz schwerer Thematik, schreibt Kapitelman mit Humor und unglaublicher Sprachgewandtheit, sodass sich dieser Roman gut lesen lässt.

4

Aktueller geht fast gar nicht.

Das Cover alleine hat bei mir eine gewisse Nostalgie ausgelöst und mich an meine Kindheit erinnert. In russische Spezialitäten geht es um eine Familie, die in den 90er von der Ukraine nach Deutschland ausgewandert sind. Dabei wird im ersten Teil der Geschichte von der Familie erzählt wie sie ihr Magasin eröffnet haben, mit all ihren Klischees. Bis hin zum Krieg in der Ukraine und wie sich die Beziehung zwischen Mutter und Sohn verändert hat. Im zweiten Teil der Geschichte geht es dann um den Alltag in der Ukraine in der heutigen Zeit. Wie die Menschen da den Krieg erleben und welche Gedanken sie dazu haben. Dieses Buch beschreibt sehr gut wie sich viele mit russischen/ ukrainischen Wurzeln heutzutage fühlen. Es hat dabei einen gewissen Humor, der zwar Gewöhnungsbedürftig aber auch sehr erfrischend ist. Ich konnte mir alles im Magasin haargenau vorstellen. Mich haben allerdings 2 Dinge gestört: Zum einen waren gewisse Zeitsprünge für mich persönlich sehr verwirrend und zum Anderen hätte ich sehr gerne auch eine POV von der Mutter gehabt. Wie sie dazu gekommen ist so zu denken wäre echt interessant gewesen. Das Buch empfehle ich jeden, der sich für den Krieg Ukraine/Russland interessiert und für diejenigen, die sich nach etwas Heimat sehnen. *Rezensionsexemplar

4

Erstklassiger, charmanter Schreibstil

Als erstes hat mich das Cover angesprochen und dann auch der Buchrückentext. Und es wurde mir wirklich nicht zu viel versprochen. Ich habe mich eigentlich fast sofort in den Schreibstil "verliebt". Der Autor nutzt die Sprache so individuell und charmant, dass es trotz der traurigen Thematik eine angenehme Atmosphäre schafft und ich das Buch auch an einem Tag durchgelesen habe. (Beispiel: Ich frage mich, wie übersüßte Limonaden eigentlich ins sozialistische Weltbild passten. Ich meine , so dekadent viel Zucker, ist das nicht was für Reiche? Vielleicht kalkulierten die alten sowjetischen Präsidenten ja, dass man den Leuten ab und an eine Limo lassen muss. Weil sich sonst zu viele ungesüßte Worte in ihren Mündern stauen und irgendwann sauer herausschießen. (S.22)) Zumal er es auf sehr schöne Arr versteht, Witz in die Geschichte zu bringen, ohne das Thema der Lächerlichkeit auszusetzen oder die Wichtigkeit verschwimmen zu lassen. Man gewinnt gute Einblicke in den Alltag jüdischer Migranten aus der Ukraine und auch ein Bild ukrainischer Menschen und ihrem Denken in der Ukraine selbst, wie aber auch in Deutschland. Ich hätte mir nur etwas weniger Story über den Laden als mehr über die , jedenfalls proklamierte, Konfliktsituation der Ukraine / Russland und seiner Mutter gewünscht Sehr zu empfehlen

1

Fehlkauf!

Das Buchcover und der Klappentext haben mich dazu verführt, dieses Buch zu kaufen und ich bereue es. Ich habe es auf Seite 108 abgebrochen, das sind deutlich mehr als 50% des Buches und da war von der Ukraine-Reise immer noch keine Rede. Viele Wörter werden auf russisch geschrieben, man erhält noch nicht einmal eine Lautschrift, wie es ausgesprochen wird, ab und zu gibt es zumindest eine Übersetzung. Ein richtiger Lesefluss wollte nie aufkommen. Der Humor ist - vorsichtig ausgedrückt - gewöhnungsbedürftig und nur ganz selten gibt es Situationskomik, über die man schmunzeln kann. Schade, schade, das an sich traurige Thema Ukraine-Krieg hätte man deutlich besser anpacken und umsetzen können!

3

Nicht nur ein Laden voller Geschmack und Erinnerungen, sondern ein Ringen nach Heimat, Identität und Zusammenhalt.

Dimitirij Kapitelmann macht den Krieg nicht nur als äußeres Geschehen sondern als inneren Konflikt inmitten einer zerrissenen Familie spürbar. Dabei bleibt er nicht bei einer gesellschaftlichen Analyse, sondern wird im Gegenteil ganz persönlich, nahbar und menschlich. Ein vielschichtiges, sensibles, hochaktuelles sowie politisches Buch, dass sich dennoch leicht lesen bzw. hören lässt.

3

Unterhaltsam und doch nicht überraschend

Das Buch liest sich gut weg und ich finde es sehr wichtig, die Perspektive und individuelle Betroffenenperspektiven zu erfahren, daher ist es ein bereicherndes Buch. Bis auf wenige Zeilen am Ende bleibt es aber das: eine Perspektive, bei der man sich schon fragt, ob es nicht auch andere Sichtweisen gibt. Bis auf wenige Ausnahmen wirkt es sehr schwarz weiss. Antisemtismus ist in dem Buch kein großes Thema, darum geht es ja auch nicht. Interessanter Weise hilft diese Tatsache dabei, die Lebensrealität jüdischer Deutscher und die Hinnahme der Anfeindung ob der Machtlosigkeit zu begreifen.

4

Einen Einblick in die Familiengeschichte eines in der Ukraine geborenen jungen Mannes mit russischen Wurzeln. Ich fand es sehr interessant zu hören wie sich die russische Propaganda auf die Gedanken seiner Mutter auswirkt und was dies mit der Familiendynamik macht.

3

Ich fand den Autor als Sprecher eher schwierig. Ich kann aber nicht mal genau sagen, woran das lag. Einfach nicht mein Geschmack. Das Buch behandelt ein (leider) immer noch sehr aktuelles Thema. Ich fand es sehr interessant, Mal die Sicht auf den Krieg in der Ukraine aus der Sicht der Bürger — ukrainisch- und russischsprachliche Bürger wohlgemerkt — und deren Probleme und Konflikte dargestellt zu sehen. Ich gebe aber auch zu, dass ich mich als Buchhändlerin ein wenig verpflichtet gefühlt habe, durchzuhalten, da das Buch jetzt auf der Longlist gelandet ist 😅. Manchmal war mir der Inhalt nämlich etwas "drüber", obwohl ich den z.T. sehr bisschen Humor schon wieder gefeiert hab.

3

„Mama schreibt: »Ja, es besteht ja auch gar keine richtige Gefahr. Russland beschießt ja ausschließlich militärische Ziele.«“ Interessante Einblicke in das ukrainische Leben, auch wenn mir der Humor auf Dauer etwas zu viel wurde.

4.5

“Russiche Spezialitäten” ist ein autofiktionaler Roman von Dmitrij Kapitelman, in dem er sich mit seiner ukrainischen Identität, der russischen Sprache und der pro-russischen Mutter im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine beschäftigt. Unterteilt ist der Roman in zwei Teile; im ersten geht es vorrangig um das russische Spezialitätengeschäft, das seine Eltern bis in die 2020er in Leipzig betrieben, im zweiten um seine Reise nach Kyjiw während des Krieges. Mit lakonischem Humor und etwas magischem Realismus geht er auf die Konflikte mit sich selbst, seiner Mutter sowie dem rassistischem Umfeld ein und schildert ein zerstörtes und gespaltenes Land. Dabei gelingt es ihm jedoch, diese ernsten Themen nicht herunterzuspielen, sondern sie nahbar und nachvollziehbar zu machen. Ich mochte es sehr und verstehe vollkommen, warum es für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen ist. *Das ebook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.

3

Dmitrij erzählt in "Russische Spezialitäten" autobiografisch (?) über sein Familienleben, spezifisch in Bezug auf seine Mutter, seit Russland den Angriffskrieg auf sein Heimatland die Ukraine gestartet hat. Das Verzwickte: Dimas Mutter ist pro-russisch eingestellt, während er selbst der russicen Propaganda nicht erlegen ist.

Es beginnt eine Erzählung über die Einwanderung der Familie nach Sachsen, wie sie jahrelang einen Magasin, einen Laden mit "russischen Spezialitäten" geführt haben und sich eine Community von "Nashi" (unsere) aufgebaut haben außerhalb der eigenen Heimat. Zum Ende des Romans fährt Dmitrij selbst nochmal nach Kyjiw - denn "Heimat ist der Ort, der einem nicht egal ist" -, besucht seinen alten Sandkastenfreund und die ehemaligen besten Freund:innen seiner Eltern und fährt in kriegserschütterte Orte, die von Raketen beschossen wurden. Es gibt kein Happy End - wie auch, der Krieg wütet weiter, seine Mutter schaut weiterhin lediglich russische Sender, die eine propagandistische Sendung nach der anderen laufen lassen, immer mehr eingesträuselt die Romantisierung vom Militär und Soldaten. Ein sehr persönliches Buch, das die Auseinandersetzung des Kriegs auf individueller Ebene zeichnet - von einem Menschen, der seine Heimat schon früh und jung verlassen hatte und sich ihr dennoch weiterhin verbunden fühlt. Ich persönlich kann mich mit so vielen Gedanken und Gefühlen im Buch identifizieren - meine Familie ist in der Ukraine geboren und wir sind nach Deutschland ausgewandert, als ich noch sehr jung war. Die persönlichen Kämpfe und die emotionale Verbindung zum Land und zur Sprache kann ich absolut nachempfinden. Obwohl glücklicherweise niemand in meiner eigenen Familie der Propaganda der russischen Sender glaubt. Aber auch bei uns ist der Krieg ein alltägliches Thema, auch wenn der Rest Deutschlands längst zu anderen Themen weitergezogen ist... Leider kommt auch dieses Buch aber nicht ohne diverse -ismen aus: An mancher Stelle mag das erzählerisch sein und wahre Einstellungen von Figuren richtig wiedergeben. Leider reproduziert der Autor selbst, nicht nur einmal, rassistische, misogyne, und queer-feindliche Narrative. Auch kann ich der blumigen Erzählweise bzw. den fantasievollen Elementen mancher Passagen null abgewinnen und finde sie eher störend als angenehm. Alles in allem ein überwiegend interessantes Buch. Nochmal lesen würde ich es allerdings nicht.

4

Im Kern ist es aber eine liebevolle Hommage an die eigene russische Mutter-Sprache, die von einer tiefen Zerrissenheit geprägt ist. Eine Suche nach einem verbindenden Gemeinschaftsgefühl zwischen Nostalgie und Gegenwart; aber vor allem: ein eindringlicher, literarischer Appell für den Frieden.

»Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Neben aus der Ukraine geflohenen Menschen stehe ich stumm wie ein Baumstumpf. Zumindest bis ich einige von ihnen Russisch sprechen höre.« aus „Russische Spezialitäten“ (2025) von Dmitrij Kapitelman, S. 13, Hanser Berlin »„Wse swoji!“ Alles die Eigenen, heißt das, also alles Osteuropäer. So ähnlich wie Nashi die Unseren sind. Was der Unterschied zwischen den Eigenen und den Unseren sein soll, weiß ich nicht. Aber dieses Gefühl einer großen solidarischen, umarmenden, irgendwie russischen Verbundenheit ist schon schön.« aus „Russische Spezialitäten“ (2025) von Dmitrij Kapitelman, S. 45, Hanser Berlin Kleinzschocher, Leipzig. Die ukrainisch-jüdisch-moldawische Familie Kapitelman lebt im Südwesten befindlichen Stadtteil und beginnt in einem wiedervereinigten Leipzig einen Lebensmittelmarkt zu betreiben: Магазин (Magasin) - Russische Spezialitäten. Dmitrij Kapitelman erzählt in seinem Buch von Geschichten seiner Eltern und sich, der Familie nahestehenden ukrainisch/russisch sozialisierten Personen sowie den Lebensmitteltransporten von Kyjiw zurück nach Leipzig. Die geschilderten Erinnerungen werden so immer wieder zu einer Blaupause für die Gegenwart, in der vieles ver-rückt ist, da der russische Angriffskrieg auf die Ukraine alles bis tief ins Mark erschüttert hat - und sie legen so den Grundstein des Buches. Zwischen schier unüberwindbaren Gräben und nicht zu trennenden, gemeinsamen Erfahrungen entfaltet sich in Kapitelmans „Russische Spezialitäten“ ein Geflecht an Emotionen, das - so tragisch der Anlass des russischen Angriffs auf die Ukraine - mitreißt, das aufreibt und das - nicht zuletzt - das Eindringen eines Krieges in die intimsten Beziehungen einer Familie offenlegt. Insbesondere die Beziehung zur Mutter wird fortlaufend thematisiert, da sich daran die Konfliktlinien entlang hangeln. Woher kommt Mutters Verachtung für die Ukraine, woher ihre unerklärliche Sympathie für Putins „russische Wahrheitslügen“ (S. 179)? Aber nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch alle weiteren sozialen Beziehungen werden durch den fortwährenden kriegerischen Konflikt immer wieder aufs Neue herausgefordert. Der Autor sinniert über zerbrochene Freundschaften, den eigenen Lebensmittelmarkt sowie Kindheitserinnerungen und befindet sich damit permanent auf der Suche - bis er selbst mit dem Flixbus nach Kyjiw fährt, die „Grenze der Gewalt“ (S. 157) überschreitet, so die Brutalität der kriegerischen Aggression auf eine persönliche Ebene vor Ort hebt und diese somit für die Leser*innen erfahrbar macht. Versöhnlich, empathisch, frustriert, liebevoll, verächtlich, humorvoll, tragisch - all das ist Kapitelmans Erzählung und noch viel mehr. Im Kern ist es aber eine liebevolle Hommage an die eigene russische Mutter-Sprache, die von einer tiefen Zerrissenheit geprägt ist. Eine Suche nach einem verbindenden Gemeinschaftsgefühl zwischen Nostalgie und Gegenwart; aber vor allem: ein eindringlicher, literarischer Appell für den Frieden. Eine klare Leseempfehlung! „Die russische Sprache wird den russischen Präsidenten überleben.“ (S. 176)

Im Kern ist es aber eine liebevolle Hommage an die eigene russische Mutter-Sprache, die von einer tiefen Zerrissenheit geprägt ist. Eine Suche nach einem verbindenden Gemeinschaftsgefühl zwischen Nostalgie und Gegenwart; aber vor allem: ein eindringlicher, literarischer Appell für den Frieden.
5

Hochamüsant und tieftraurig. Sprachlich toll - die Autorenlesung hat mir sehr gefallen.

3.5

Hoch aktuell und so wichtig!

Dimitrijs Familie betreibt einen russischen Supermarkt in Leipzig. Geboren wurde er in Kyjiw und russisch ist seine Muttersprache. Die Ukraine fühlt sich für ihn an wie Heimat. Oft ist er in der Vergangenheit mit seiner Mutter dorthin gereist und hat Freundschaften gepflegt. Nach dem russischen Angriffskrieg stellt sich seine geliebte Mutter auf die Seite Putins und verbringt den ganzen Tag damit den russischen Staatsmedien jede Lüge abzunehmen. In der ersten Hälfte erfahren wir viel über das Leben in Deutschland und das Geschehen im russischen Supermarkt. Wir lernen die Familie kennen und erfahren wie zerrissen sie durch das Geschehen in der Ukraine ist. Danach nimmt uns der Autor in der zweiten Hälfte mit in die Ukraine. Man bekommt einen Einblick in das Leben der Bevölkerung während des Krieges. Das Buch könnte aktueller nicht sein. Es geht nicht nur um den Krieg an sich. Es geht um Ängste, Migration, Propaganda, Identität, Zugehörigkeit, Sprache und Familie. Im Verlauf werden immer wieder kyrillische Begriffe eingepflegt, mit denen ich leider nicht viel anfangen konnte, da sie oftmals nicht genau erklärt wurden. Das hat mich beim Lesen teilweise stocken lassen. Insgesamt ist es ein fesselndes Buch, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Ich würde es jedem empfehlen, der sich mit dem Konflikt näher auseinandersetzen und ein paar unterschiedliche Perspektiven geboten bekommen möchte.

3

Ein hochaktuelles Buch über Migration, Ängste und Identität

Seit über 3 Jahren führt Russland jetzt schon Krieg gegen die Ukraine. So lange, dass es fast schon alltäglich geworden ist – zumindest, wenn man weit davon entfernt lebt und nicht selbst betroffen ist. Und trotzdem ist eben so gar nichts alltäglich daran, wie der Roman von Dimitrij Kapitelman zeigt. Dimitri, geboren in Kyjiw, lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo sie einen russischen Supermarkt betreiben. Ein Stück Heimat in der Fremde. Doch Corona und schließlich der Angriffskrieg von Russland spalten die Familie und führen auch zur Schließung des Geschäfts. Der Vater baut gesundheitlich massiv ab, die Mutter schaut gefühlt nur russische Staatsmedien und steht auf der Seite Putins. Um sich ein eigenes Bild zu machen, reist Dimi im zweiten Teil des Buches in die Ukraine. Den Teil fand ich persönlich am Interessantesten, wenn auch zu kurz. Denn irgendwie war es der Part, von dem ich mir am meisten erhofft habe. Mit der Schreib- und Erzählweise des Autors hatte ich ehrlich so meine Probleme. Viele komplexe Sätze, immer wieder gefüllt mit kyrillischen Begriffen, haben für mich keinen wirklichen Lesefluss ergeben. Außerdem ist für mich die Beziehung zwischen Dimi und seiner Mutter zu oberflächlich behandelt wurden. Was nimmt er mit aus der Reise in die Ukraine? Was ändert sich? Irgendwie bleibt das unbeantwortet. Das Buch hatte durchaus gute Passagen, aber alles in allem hat es meine Erwartungen leider nicht erfüllt und sich (für jemanden, der kein Russisch spricht) stellenweise recht schwer gelesen.

3.5

Bewegend, aber

Autobiografisch und teilweise salopp geschrieben taucht man ein in die russisch/ ukrainische Einwanderungsfamilie. Der erste Teil erzählt von Früher rund um den Laden der Familie. Die Mutter allerdings ist durch Fernsehen russischer Sender und Nachrichten schwer beeinflusst von Propaganda. Sie verklärt die alte Heimat und versucht alte Erinnerungen hoch zu halten. Der Ich Erzähler- Sohn hat damit seine Schwierigkeiten. Der zweite Teil berichtet von seiner Reise in die Ukraine in das Kriegsgebiet und diese, gar nicht so brutale, aber dennoch sehr eindrückliche Beschreibung haben mich sehr berührt. Die alten Freunde und Bekannte zeigen ihm, wie es sich anfühlt in Trümmern zu wohnen und mit Bombenalarm zu leben, auch mit der Angst bald eingezogen werden zu können…… Der lockere Humor und etwas schräge Erzählstil haben mich manchmal gestört. Dennoch interessant und gut dass es auf der Longlist 2025 steht!

3.5

Der erste Teil erreicht mich nicht so gut, auch wenn viel Lebensrealität vermittelt wird. Teil 2 wiederum ist mitreißend und zum Nachdenken anregend. Insofern insgesamt schon kurzweilig und lohnenswert.

3

Insgesamt eher positiv, auch wenn mir die Geschichte seltsam fremd geblieben ist 🤷🏼‍♀️

4

Der Roman beschreibt eine aus Kiew stammende Familie, die den Ukrainische Krieg sehr unterschiedlich bewertet. Die Familie führt einen Laden mit russischen Spezialitäten. Die Mutter ist voll auf Putins Seite, während der Sohn wiederum nicht verstehen kann, wie man das offensichtliche so ausblenden kann. In der Erzählung wird sehr gut die Zerrissenheit der Familie mit ihrer Liebe zu ihren ukrainisch-russischen Wurzeln , ihrer Kultur und den Erinnerungen an die alte Heimat geschildert und dass eben nicht alles so offensichtlich schwarz-weiß ist wie man meint. Eine sprachlich komisch und zugleich erschütternde Geschichte.

4

Wie geht man damit um, dass man seine Mutter an die russische Propaganda verloren hat? Die Familie des Autors Kapitelman verkauft russische Spezialitäten in Leipzig, inklusive eines osteuropäischen Gemeinschaftsgefühls. Doch das gibt es so nach dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr. Seine Mutter steht an der Seite Putins und der Sohn verzweifelt daran, In seiner Verzweiflung fährt er im Krieg ins geliebte Kyjiw um Freunde von früher zu suchen. Es gibt einfach keine einfachen Lösungen mehr. Was so schwer klingt, liest sich dennoch leicht. Weil Kapitelman ein einfühlsamer Beobachter und Erzähler ist. Weil er sich Worte, Sätze und Szenen ausdenkt, die so ganz besonders sind.

3.5

Für Freunde zynischen Humors

Dmitrij Kapitelman, Journalist, Autor und Musiker, ist 1986 in Kiew geboren, früh mit seinem ukrainisch-jüdischen Vater sowie seiner moldawisch-stämmigen Mutter nach Deutschland gekommen und auch im Zuge der Wiedervereinigung "zwischen den Kulturen" groß geworden. Der russische Supermarkt der Eltern in Leipzig übersteht irgendwann die Corona-Zeit nicht und die Familienbande überstehen die russische Spezialoperation in der Ukraine nicht schadlos. Als eine Art Selbsttherapie beschreibt Kapitelman in seinem Roman mit viel Liebe für die Sprachen seiner Ahnen, zynischem Witz und einer besonderen Beobachtungsgabe für die russischen Eigenheiten aber auch mit Zorn und Enttäuschung aufgrund der Ereignisse, wie es ihn zurück ins vom Krieg gebeutelte Kiew zurückführt.

Für Freunde zynischen Humors
4.5

In dem autobiografisch geprägten Roman begleiten wir Ich-Erzähler Dmitrij in mehreren Zeitebenen. Einerseits beim Aufwachsen im Russischen Spezialitätengeschäft der Eltern, in dem sich eine Menge skurrile wie liebenswerte Charaktere tummeln, andererseits nach dem Angriff Russland auf die Ukraine. Dmitrij struggelt schon sein Leben lang mit dem Gefühl fehlender Zugehörigkeit, welche er über fehlende Wörter, fehlende Sprache definiert. „Und wenn die Wörter mal fehlen, dann nehmen diese fehlende Wörter so unglaublich viel Platz in einem weg. Mein Kopf, meine Augen, mein Mund, meine Kehle, meine Brust, mein Herz – alles ist plötzlich voll mit fehlenden Wörtern. Als würden die fehlenden Wörter in einem anschwellen.! S. 25 Später hadert er, sowie auch andere Figuren im Buch mit seiner russischen Muttersprache. Eine Sprache, die durch jüngere geschichtliche Ereignisse immer als die Sprache des Feindes konnotiert ist. „Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld.“ S. 13 Wie damit umgehen? Wie umgehen mit den Ereignissen? Mit der Mutter, deren größtes Hobby es ist, rund um die Uhr russische Propaganda zu konsumieren? Dieses Buch ist eine ganz große Empfehlung. Sarkastische Sprache, wichtige Themen wie: Suche nach Identität, Heimat und Sprache, kulturelle Zugehörigkeit aber auch Krieg, Propaganda, Entfremdung, die Suche nach der Wahrheit. [unbezahlte Werbung, selbstgekauft]

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1

Ich hatte mir ehrlich gesagt etwas anderes von diesem Buch erwartet. Das Thema, die Beziehung zwischen einem ukrainischstämmigen Sohn und seiner Mutter vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs ist total relevant und vielversprechend. Aber irgendwie bin ich mit dem Buch nicht richtig warm geworden. Inhaltlich geht's vor allem um zwei Dinge: das Geschäft seiner Eltern in Deutschland und später um eine Reise nach Kiew. Dazwischen steht die Mutter, die trotz ihrer? Herkunft sehr prorussisch eingestellt ist was bei Kapitelmann verständlicherweise für jede Menge innere Konflikte sorgt. Die Grundidee fand ich wirklich spannend, aber in der Umsetzung war's für mich oft eher holprig. Was mich besonders rausgebracht hat, waren die vielen russischen Wörter und Sätze. Klar, manches wurde erklärt, aber irgendwann waren es einfach zu viele und da ich kein Russisch kann, hab ich oft einfach versucht, mir den Sinn zusammenzureimen. Das hat den Lesefluss echt gestört. Auch stilistisch fand ich's teilweise anstrengend. Es gab starke Momente, keine Frage, aber vieles wirkte irgendwie unfertig oder verwirrend. Und das Verhältnis zur Mutter, das ja im Mittelpunkt steht, bleibt bis zum Schluss ziemlich festgefahren. Klar, das ist realistisch, aber ich hätte mir trotzdem ein bisschen mehr Entwicklung oder wenigstens echten Dialog gewünscht. Unterm Strich: Wichtiges Thema, stellenweise auch bewegend, aber sprachlich und strukturell für mich eher schwierig. Ich will niemanden vom Lesen abhalten, vielleicht funktioniert das Buch für andere besser. Für mich war's leider kein Highlight

4

Berührend

Ein sehr vielschichtiges Buch. Migrationsgeschichte, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in Deutschland, Antisemitismus. Mittendrin eine Familie, die eigentlich genug mit dem Leben zu tun hat. Und dann kommt noch der Krieg dazu. Der Ukraine Krieg: Wie damit umgehen? Vor allem, wenn die Haltungen von Familie und Freunden so unterschiedlich sind. Die Emotionen, wenn der Autor die Ukraine besucht und sich mit Freunden trifft, um zu verstehen, was passiert und was es mit den Menschen macht. Und ziemlich am Ende ein kurzer, aber sehr wichtiger Absatz über seine Schwester. Ein kluges Buch. Klug strukturiert, klug in der sprachlichen Klarheit, die weder jammert noch gefühlskalt ist. Mich hat es erreicht und berührt.

4

Sprachlich wirklich ein herausragendes Werk. Wir haben es im Buchclub gelesen und waren uns einig, dass es sprachlich ganz besonders und unglaublich bildlichen war. Die eigenen Wortschöpfungen bereichern den Ausdruck und die beschriebene Atmosphäre. "Die Limonaden strahlen lila, rot, grün, golden und enthalten genug Farbstoff, um ein Einhorn anzulocken." (Seite 21) In diesen vernichtenden knapp 200 Seiten werden mit viel Witz und dennoch Ernsthaftigkeit die Auswirkungen des Ukraine Krieges erläutert. Aber aus einer ganz persönlichen und nahbar alltäglichen Sicht. Viele hat das sehr berührt und einiges erklärt.

5

Warmherziger, leicht melancholischer Roman über Identität und Familienbeziehungen. Mit feinem Humor und viel Empathie beschreibt Kapitelmann das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Ein berührendes, kluges Buch.

5

Ein großartiges Buch

3

Traurig schön

Das Buch war mehr als aktuell. Es behandelt den Russland Ukraine Krieg aus Sicht eines russisch-jüdischen Jungen, der die positive Einstellung seiner Mutter Putin gegenüber null nachvollziehen kann und sie deshalb hasst. Aber sie ist doch Familie, deshalb ist das sehr kompliziert, denn die Liebe zu seiner Mutter kann man unmöglich abschalten, selbst wenn die politischen Ansichten sich um Welten unterscheiden. Das Buch war voller Nostalgie und sehr schön poetisch geschrieben. Es war irgendwie traurig, weil's halt so sehr der Wahrheit entspricht und ich mir richtig vorstellen konnte wie das Menschen in realem Leben passiert... Dass man irgend wann lernt und sich dran gewöhnt mit der Angst zerbombt zu werden zu leben- das ist heftig. Es war eine sehr schöne, realitätsgeprägte Geschichte, die zum Nachdenken anregt und einem die Realität des Krieges und der betroffenen Menschen (selbst wenn diese nicht in Ukraine/Russland leben) näher bringt.

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