Am Meerschwein übt das Kind den Tod
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Description
Book Information
Author Description
Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten, sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstlern machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. Ihre Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2025 erhält sie den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.
Posts
Eine unglaublich schöne, schmerzhafte, poetische und ja, sogar humorvolle Art des Abschiednehmens, Trauerns und Zurückblickens. Die Autorin erfasst diesen "Nachrough" (ja, tatsächlich) in Gedenken an ihre Mutter, selbst Gelehrte, Dichterin und doch immer im Schatten des Mannes stehende Frau. In verschiedensten Episoden erinnert sie sich, lässt uns teilhaben am Schmerz, aber auch an der Wut. "Ich schreibe ihr hinterher. Als vermissenende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin." Nora Gomringer zeichnet sprachliche Bilder, die mich so sehr berühren. Kein bisschen platt, immer voller Emotion. Und in manchen Stellen sogar lustig. Man spürt in jeder Zeile, wie wichtig ihr das verfassen von Texten ist. Sie selbst nennt das Schreiben eine "lebensbegleitende Übung"... Und ich bin dankbar, dass ich sie entdeckt habe. Große Empfehlung! Besonders als Hörbuch, weil sie eben nicht nur wahnsinnig gut schreibt, sondern auch fantastisch liest.
Eine Liebeserklärung an die Mutter
Ein sehr kluges, intensives und berührendes Buch über Verlust, Erinnerung und die besondere Beziehung zwischen Mutter und Kind. Beim Lesen musste ich immer wieder an den Kleinen Prinzen denken und an den Satz: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Genau dieses Gefühl von Nähe, Bindung und Einzigartigkeit durchzieht das ganze Buch. Die Beziehung zur Mutter wirkt unglaublich echt und vielschichtig, voller Liebe, Widersprüche und Erinnerungen, die auch nach ihrem Tod weiterwirken. Ein sehr persönlicher, kluger Text über Trauer, Familie und das Weiterleben nach einem Verlust.
„Das Präteritum buckelt, ringt mit dem Präsens. Schließlich geht es darum, zu überleben - wenn auch nur im Erinnern.“
„In allen noch so wohlmeinenden Nachrichten schwang eine allzu rasche Art des Aufräumens mit, des Zusammenziehens, des Sich-wieder-Versorgens, des Entsorgens der Toten, Appelle der Kontrolle. Ich fühlte mich wie ein automatischer Müllsack, ein Ganzkörper-Tränensack, dessen Auftrag es ist, sich selbst zusammenzuschnüren und zu verräumen.“ Das beste Buch, was ich bislang über Trauer gelesen habe. Es ist sehr schnell zu einem meiner absoluten Lieblingsbüchern mutiert, immer wieder Stellen an denen man lachen und weinen gleichzeitig konnte, immer wieder begeistert von Nora Gomringers Wortgewandtheit, immer wieder an so vieles aus meinem eigenen Leben erinnert. Ich kann es jedem ans Herz legen, der oder die sich mit der eigenen Trauer beschäftigen möchte und sich selbst nicht zu ernst nimmt.

»Ab einem gewissen Punkt reißt die eine Welt von der anderen ab, und da, wo du stehst, bist du.«
Wenn die eigene Mutter stirbt, schwindet nicht nur ein geliebter Mensch, sondern auch ein Teil des eigenen Lebens. Denn das Leben der Mutter ist auch zugehörig zum eigenen Ich, welches sie meist lebenslang geprägt hat. Ohne sie gäbe es einen nicht und auch wenn die Beziehung oftmals nicht eben leicht erscheinen mag, reißt diese innere Verbindung niemals ab. So auch bei Nora Gomringer. Ihre Mutter Nortrud verstarb am Dienstag, den 08. Dezember 2020. Seitdem sind fast fünf Jahre vergangen, doch der Schmerz des Verlusts und dessen Trauer hält bis heute an. Zeit, um der Erinnerung ihren Raum zu geben, die sie zu beabsichtigen gedenkt. Aus diesem Anlass entstand der erste Roman der Autorin und zwar in Form eines von ihr so benannten „Nachroughs“. Erinnerung ist schmerzlich, doch das Leben nicht minder. Ihr wechselhaftes Erzählen über die Mutter – zwischen Nähe und Distanz – besteht aus Episoden der Kindheit und vielen Einblicken in das Leben der Gomringers, welches selten ein leichtes war. Sie gedenkt ihrer Mutter, versetzt sich in sie hinein und hinterfragt dabei teils ihre Entscheidungen, z.B. sich von ihrem Mann so vereinnahmen zu lassen, statt ihr eigenes Leben mehr zu genießen. Dann auch noch die Kinder aus verschiedenen Partnerschaften, seine Affären und allgemein der schwierige Umgang mit ihm. Man merkt es schon: Immer wieder blickt neben der Mutter, die eigentlich die Protagonistin sein sollte, der Vater Eugen Gomringer hervor und nimmt Platz für sich in Anspruch, denn sowohl die eheliche Beziehung als auch die zwischen Vater und Tochter war von schwieriger Natur. Dass Nora Gomringer nicht nur eine Meisterin der Lyrik ist, sondern auch die Langstrecke der Prosa beherrscht, hat sie hiermit eindeutig bewiesen und lässt hoffen, dass in Zukunft Weiteres kommen wird. Ein in seiner Form einzigartiges Buch, das Notrud Gomringer ein literarisches Denkmal für die Ewigkeit setzt.

Wenn die eigene Mutter stirbt...
Wer selbst schon die eigene Mutter verloren hat, wird vieles wiederfinden. Die Gefühle, Trauer, die Lücke die gerissen wird - all das beschreibt Gomringer hier und webt die Geschichte der Mutter und auch der ganzen Familie mit ein. Ich habe tatsächlich gelacht und oft war ich gerührt. Allerdings ist die Geschichte von Nortrud und der ganzen Familie dann doch so weit von meiner eigenen entfernt, dass mir persönlich die richtige Bindung zur Erzählung gefehlt hat bzw nicht zustande kam. Dafür muss ich die spannenden Formulierungen und die Wortwahl ausdrücklich loben. Ein traurig-schönes Buch!
Ist es gut, den Umgang mit dem Tod zu üben? Verliert er dadurch an Schrecken, an Unüberwindlichkeit? Wie viele Meerschweinchen muss man in kleinen Kisten begraben, um den Tod der Mutter zu ertragen? Nora Gomringer hat als Kind fleißig geübt, doch als sie vierzig ist, stirbt ihre Mutter und es trifft sie mit aller Härte. Dabei ist es nicht unerwartet, kein schlimmer Schicksalsschlag, einfach eine Achtzigjährige, die aus dem Leben scheidet. Eine Achtzigjährige, die viele ihrer Jahre im Schatten ihres berühmten Mannes verbracht hat, des Mannes, der sie so oft verletzt hat. Ihrer Tochter hinterlässt sie glänzende Erinnerungen an Tage in Kalifornien und New York, aber auch die an Besuche in der Psychiatrie, volltrunkene Silvesternächte und das schlechte Gewissen, wenn die Tochter glaubte, nicht genug für die Mutter da zu sein. Nora Gomringer schreibt eine ganz persönliche Geschichte, eine, die wirklich rough ist, aber auch über die Themen, die fast alle irgendwann im Leben tangieren: Wie will man sterben, wie Abschied nehmen? Und es ist es nicht doch irgendwie zu ändern? Ist es natürlich nicht, das muss man in seiner Furchtbarkeit akzeptieren. Nora Gomringer hat mit diesem Buch einen klugen Text mit viel sanftem Humor geschrieben.
Ein leises, aber sehr besonderes Abschiednehmen von der Frau Mama
Nora Gomringer – die Frau, die du bist! Ich war erst vorgestern auf einer Lesung der Autorin und sehr angetan von dieser verbal talentierten Frau, die Worte mit einer schier unglaublichen Leichtigkeit jongliert. Ein Talent, das definitiv in den Genen liegt. In ihrem Buch nimmt sie Abschied von ihrer Mutter und das hat mich gerade zum Ende hin unheimlich berührt. All die kleinen Beobachtungen, Momente, Sequenzen. Ein leises Buch und trotzdem (oder gerade deswegen) so besonders. Als Hörbuch war es doppelt intensiv, denn die Autorin liest es selbst.
"Wir erwarten immer, die großen Vokabeln auf die großen Dinge zu verwenden, aber die kleinen Angelegenheiten [...], wenn die ein 'nie mehr' abbekommen, dann zersprengt es einen." (S. 63) Wer als Kind ein Haustier zu Grabe getragen hat, weiß um den damit verbundenen Schmerz. (Auch ich habe Erfahrung in der Sterbebegleitung eines Meerschweinchens.) Doch wir ahnen auch, dass die Verluste schwerer wiegen je älter wir werden. Dann bleibt es nicht bei der Symbolik, sondern wir müssen ein ganzes (gemeinsames) Leben loslassen. Der Bindestrich zwischen Geburts- und Sterbedatum beschließt das Ende eines Lebens. Von bis, Anfang Ende, abgeschlossen. Auf dem kleinen Strich steht alles, was dazwischen war. So beschreibt es Nora Gomringer in ihrer kurzen Familienchronik "Am Meerschwein übt das Kind den Tod". Und damit ist bereits angedeutet, dass es sich hier nicht um einen klassischen Roman, sondern eher um ein "autobiografisches Erinnerungsbuch" handelt. Als Tochter des Lyrikers Eugen Gomringer und der promovierten Germanistin Nortrud Gomringer liegt ihr die Sprachgewandtheit im Blut. Poetisch und bildhaft erzählt sie vom Aufwachsen in diesem Elternhaus im oberfränkischen Wurlitz. Die Ehe ihrer Eltern ist ein lebenslanges Ungleichverhältnis. Nicht nur erkennt der Vater den intellektuellen Status der Mutter nie wirklich an. Er belastet die Familie zudem mit immer wiederkehrenden Affären, bringt bereits außereheliche Kinder mit in die Ehe mit Nortrud und liefert weitere nach. Seine Frau gehört ihm, sie hat sich ihm unterzuordnen und anzupassen. So sehr sie unter dem alles bestimmenden Ego ihres Mannes zu leiden hat, behielt die Mutter in dieser Rolle stets Haltung und Selbstbewusstsein. Sie bildeten eine Einheit, aus der sich die Tochter oft ausgeschlossen und unerwünscht fühlte. Und dennoch war die Mutter ihre Richtschnur, an der sie sich orientieren konnte und auch wollte. Mit ihrem "Nachrough" auf die Mutter liefert Gomringer ein emotionales, schonungsloses Zeugnis, das keineswegs als Abrechnung in Bitterkeit zu lesen ist. Es ist eine Liebeserklärung an die Mutter, ein sehr persönliches Bild von Trauer und Verlust und hat mich auf so vielen Ebenen tief berührt. Und wer glaubt, dass dies ein bedrückendes Buch ist, den kann ich beruhigen. Gelacht habe ich durchaus auch. Wie könnte man anders, wenn eine 80-Jährige am Ende ihres Lebens zum Schluss kommt: "I'm not adding this year to my age. I didn't use it." (S. 190) Den Satz werde ich mir definitiv merken!
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Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten, sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstlern machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. Ihre Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2025 erhält sie den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.
Posts
Eine unglaublich schöne, schmerzhafte, poetische und ja, sogar humorvolle Art des Abschiednehmens, Trauerns und Zurückblickens. Die Autorin erfasst diesen "Nachrough" (ja, tatsächlich) in Gedenken an ihre Mutter, selbst Gelehrte, Dichterin und doch immer im Schatten des Mannes stehende Frau. In verschiedensten Episoden erinnert sie sich, lässt uns teilhaben am Schmerz, aber auch an der Wut. "Ich schreibe ihr hinterher. Als vermissenende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin." Nora Gomringer zeichnet sprachliche Bilder, die mich so sehr berühren. Kein bisschen platt, immer voller Emotion. Und in manchen Stellen sogar lustig. Man spürt in jeder Zeile, wie wichtig ihr das verfassen von Texten ist. Sie selbst nennt das Schreiben eine "lebensbegleitende Übung"... Und ich bin dankbar, dass ich sie entdeckt habe. Große Empfehlung! Besonders als Hörbuch, weil sie eben nicht nur wahnsinnig gut schreibt, sondern auch fantastisch liest.
Eine Liebeserklärung an die Mutter
Ein sehr kluges, intensives und berührendes Buch über Verlust, Erinnerung und die besondere Beziehung zwischen Mutter und Kind. Beim Lesen musste ich immer wieder an den Kleinen Prinzen denken und an den Satz: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Genau dieses Gefühl von Nähe, Bindung und Einzigartigkeit durchzieht das ganze Buch. Die Beziehung zur Mutter wirkt unglaublich echt und vielschichtig, voller Liebe, Widersprüche und Erinnerungen, die auch nach ihrem Tod weiterwirken. Ein sehr persönlicher, kluger Text über Trauer, Familie und das Weiterleben nach einem Verlust.
„Das Präteritum buckelt, ringt mit dem Präsens. Schließlich geht es darum, zu überleben - wenn auch nur im Erinnern.“
„In allen noch so wohlmeinenden Nachrichten schwang eine allzu rasche Art des Aufräumens mit, des Zusammenziehens, des Sich-wieder-Versorgens, des Entsorgens der Toten, Appelle der Kontrolle. Ich fühlte mich wie ein automatischer Müllsack, ein Ganzkörper-Tränensack, dessen Auftrag es ist, sich selbst zusammenzuschnüren und zu verräumen.“ Das beste Buch, was ich bislang über Trauer gelesen habe. Es ist sehr schnell zu einem meiner absoluten Lieblingsbüchern mutiert, immer wieder Stellen an denen man lachen und weinen gleichzeitig konnte, immer wieder begeistert von Nora Gomringers Wortgewandtheit, immer wieder an so vieles aus meinem eigenen Leben erinnert. Ich kann es jedem ans Herz legen, der oder die sich mit der eigenen Trauer beschäftigen möchte und sich selbst nicht zu ernst nimmt.

»Ab einem gewissen Punkt reißt die eine Welt von der anderen ab, und da, wo du stehst, bist du.«
Wenn die eigene Mutter stirbt, schwindet nicht nur ein geliebter Mensch, sondern auch ein Teil des eigenen Lebens. Denn das Leben der Mutter ist auch zugehörig zum eigenen Ich, welches sie meist lebenslang geprägt hat. Ohne sie gäbe es einen nicht und auch wenn die Beziehung oftmals nicht eben leicht erscheinen mag, reißt diese innere Verbindung niemals ab. So auch bei Nora Gomringer. Ihre Mutter Nortrud verstarb am Dienstag, den 08. Dezember 2020. Seitdem sind fast fünf Jahre vergangen, doch der Schmerz des Verlusts und dessen Trauer hält bis heute an. Zeit, um der Erinnerung ihren Raum zu geben, die sie zu beabsichtigen gedenkt. Aus diesem Anlass entstand der erste Roman der Autorin und zwar in Form eines von ihr so benannten „Nachroughs“. Erinnerung ist schmerzlich, doch das Leben nicht minder. Ihr wechselhaftes Erzählen über die Mutter – zwischen Nähe und Distanz – besteht aus Episoden der Kindheit und vielen Einblicken in das Leben der Gomringers, welches selten ein leichtes war. Sie gedenkt ihrer Mutter, versetzt sich in sie hinein und hinterfragt dabei teils ihre Entscheidungen, z.B. sich von ihrem Mann so vereinnahmen zu lassen, statt ihr eigenes Leben mehr zu genießen. Dann auch noch die Kinder aus verschiedenen Partnerschaften, seine Affären und allgemein der schwierige Umgang mit ihm. Man merkt es schon: Immer wieder blickt neben der Mutter, die eigentlich die Protagonistin sein sollte, der Vater Eugen Gomringer hervor und nimmt Platz für sich in Anspruch, denn sowohl die eheliche Beziehung als auch die zwischen Vater und Tochter war von schwieriger Natur. Dass Nora Gomringer nicht nur eine Meisterin der Lyrik ist, sondern auch die Langstrecke der Prosa beherrscht, hat sie hiermit eindeutig bewiesen und lässt hoffen, dass in Zukunft Weiteres kommen wird. Ein in seiner Form einzigartiges Buch, das Notrud Gomringer ein literarisches Denkmal für die Ewigkeit setzt.

Wenn die eigene Mutter stirbt...
Wer selbst schon die eigene Mutter verloren hat, wird vieles wiederfinden. Die Gefühle, Trauer, die Lücke die gerissen wird - all das beschreibt Gomringer hier und webt die Geschichte der Mutter und auch der ganzen Familie mit ein. Ich habe tatsächlich gelacht und oft war ich gerührt. Allerdings ist die Geschichte von Nortrud und der ganzen Familie dann doch so weit von meiner eigenen entfernt, dass mir persönlich die richtige Bindung zur Erzählung gefehlt hat bzw nicht zustande kam. Dafür muss ich die spannenden Formulierungen und die Wortwahl ausdrücklich loben. Ein traurig-schönes Buch!
Ist es gut, den Umgang mit dem Tod zu üben? Verliert er dadurch an Schrecken, an Unüberwindlichkeit? Wie viele Meerschweinchen muss man in kleinen Kisten begraben, um den Tod der Mutter zu ertragen? Nora Gomringer hat als Kind fleißig geübt, doch als sie vierzig ist, stirbt ihre Mutter und es trifft sie mit aller Härte. Dabei ist es nicht unerwartet, kein schlimmer Schicksalsschlag, einfach eine Achtzigjährige, die aus dem Leben scheidet. Eine Achtzigjährige, die viele ihrer Jahre im Schatten ihres berühmten Mannes verbracht hat, des Mannes, der sie so oft verletzt hat. Ihrer Tochter hinterlässt sie glänzende Erinnerungen an Tage in Kalifornien und New York, aber auch die an Besuche in der Psychiatrie, volltrunkene Silvesternächte und das schlechte Gewissen, wenn die Tochter glaubte, nicht genug für die Mutter da zu sein. Nora Gomringer schreibt eine ganz persönliche Geschichte, eine, die wirklich rough ist, aber auch über die Themen, die fast alle irgendwann im Leben tangieren: Wie will man sterben, wie Abschied nehmen? Und es ist es nicht doch irgendwie zu ändern? Ist es natürlich nicht, das muss man in seiner Furchtbarkeit akzeptieren. Nora Gomringer hat mit diesem Buch einen klugen Text mit viel sanftem Humor geschrieben.
Ein leises, aber sehr besonderes Abschiednehmen von der Frau Mama
Nora Gomringer – die Frau, die du bist! Ich war erst vorgestern auf einer Lesung der Autorin und sehr angetan von dieser verbal talentierten Frau, die Worte mit einer schier unglaublichen Leichtigkeit jongliert. Ein Talent, das definitiv in den Genen liegt. In ihrem Buch nimmt sie Abschied von ihrer Mutter und das hat mich gerade zum Ende hin unheimlich berührt. All die kleinen Beobachtungen, Momente, Sequenzen. Ein leises Buch und trotzdem (oder gerade deswegen) so besonders. Als Hörbuch war es doppelt intensiv, denn die Autorin liest es selbst.
"Wir erwarten immer, die großen Vokabeln auf die großen Dinge zu verwenden, aber die kleinen Angelegenheiten [...], wenn die ein 'nie mehr' abbekommen, dann zersprengt es einen." (S. 63) Wer als Kind ein Haustier zu Grabe getragen hat, weiß um den damit verbundenen Schmerz. (Auch ich habe Erfahrung in der Sterbebegleitung eines Meerschweinchens.) Doch wir ahnen auch, dass die Verluste schwerer wiegen je älter wir werden. Dann bleibt es nicht bei der Symbolik, sondern wir müssen ein ganzes (gemeinsames) Leben loslassen. Der Bindestrich zwischen Geburts- und Sterbedatum beschließt das Ende eines Lebens. Von bis, Anfang Ende, abgeschlossen. Auf dem kleinen Strich steht alles, was dazwischen war. So beschreibt es Nora Gomringer in ihrer kurzen Familienchronik "Am Meerschwein übt das Kind den Tod". Und damit ist bereits angedeutet, dass es sich hier nicht um einen klassischen Roman, sondern eher um ein "autobiografisches Erinnerungsbuch" handelt. Als Tochter des Lyrikers Eugen Gomringer und der promovierten Germanistin Nortrud Gomringer liegt ihr die Sprachgewandtheit im Blut. Poetisch und bildhaft erzählt sie vom Aufwachsen in diesem Elternhaus im oberfränkischen Wurlitz. Die Ehe ihrer Eltern ist ein lebenslanges Ungleichverhältnis. Nicht nur erkennt der Vater den intellektuellen Status der Mutter nie wirklich an. Er belastet die Familie zudem mit immer wiederkehrenden Affären, bringt bereits außereheliche Kinder mit in die Ehe mit Nortrud und liefert weitere nach. Seine Frau gehört ihm, sie hat sich ihm unterzuordnen und anzupassen. So sehr sie unter dem alles bestimmenden Ego ihres Mannes zu leiden hat, behielt die Mutter in dieser Rolle stets Haltung und Selbstbewusstsein. Sie bildeten eine Einheit, aus der sich die Tochter oft ausgeschlossen und unerwünscht fühlte. Und dennoch war die Mutter ihre Richtschnur, an der sie sich orientieren konnte und auch wollte. Mit ihrem "Nachrough" auf die Mutter liefert Gomringer ein emotionales, schonungsloses Zeugnis, das keineswegs als Abrechnung in Bitterkeit zu lesen ist. Es ist eine Liebeserklärung an die Mutter, ein sehr persönliches Bild von Trauer und Verlust und hat mich auf so vielen Ebenen tief berührt. Und wer glaubt, dass dies ein bedrückendes Buch ist, den kann ich beruhigen. Gelacht habe ich durchaus auch. Wie könnte man anders, wenn eine 80-Jährige am Ende ihres Lebens zum Schluss kommt: "I'm not adding this year to my age. I didn't use it." (S. 190) Den Satz werde ich mir definitiv merken!
















