Die bärtige Frau
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BIOLOGISCHER REALISMUS Zwei Striche erscheinen auf einem Teststäbchen, auf das eine Frau uriniert hat. SCHNITT. 9 Monate später platzt – zumeist in einem Moment, der der Szene aufgrund seiner Unpassendheit ein gewisses Maß an Albernheit zuschreibt – die Fruchtblase der Frau. SCHNITT. Wenige Stunden später bringt jene Frau in der Rückenlage, in der sie die gesamte Geburt verharrt hat, ein nahezu sauberes, mit wachen Augen die Eltern anhimmelndes Kind zu Welt. SCHNITT. Überblende in das Leben nach der Geburt, in dem beide Elternteile eigentlich ihr pränatales weiterleben, ihr Sozialleben pflegen, Erledigungen nachgehen, Kultur genießen und mit Ausnahme der Mutter auch der Lohnarbeit unverändert nachgehen, was hier natürlich als völlig natürlich dargestellt wird. ABSPANN. So, oder zumindest in Teilen so müssen die Storyboards jener Serien und Filme aussehen, die uns auch heute noch in Endlosschleife mit einem eingängigen und zugleich falschen Schwangerschafts- und Elternschaftsnarrativ konfrontieren. Dass viele Versatzstücke schon fast auf lächerliche bis gefährliche Weise an der Realität vorbeigehen, erfahren viele (oder zumindest ich) in seiner ganzen Tragweite wohl auch erst, wenn sie dieses durchleben und daher bin ich Bettina Wilpert dankbar für ihren Roman „Die bärtige Frau“, der ein Gegennarrativ zum oben dargestellten liefert und unbedingt viele Leser*innen verdient. Alex, Protagonistin des dritten Romans der Leipzigerin, ist auf dem Weg zu ihrer Mutter in die bayrische Provinz, in der sie selbst aufgewachsen ist, bevor sie für das Studium erst nach Wien und dann nach Leipzig zog, wo sie mittlerweile als Lehrkraft für Deutsch und Englisch arbeitet und Mutter der einjährigen Paula ist. Alex‘ Mutter hatte einen Unfall und Alex will ihr mit ihrer Schwester Lena eines der Zimmer im Erdgeschoss herrichten, das bisher als Abstellraum genutzt wurde. Für die junge Mutter ist es das erste Mal seit der Geburt von Paula, dass länger von ihr getrennt ist und ihr Partner Oliver sich allein um das Kind kümmert und so wird die Reise in die eigene Kindheit und Jugend und zur eigenen Mutter zum Reflexionsanlass für Alex, auf das eigene Mutterwerden und -sein zu blicken. Dies realisiert Wilperts Roman, indem er zwischen der Zeitebene des Wochenendes in Bayern und der Erzählvergangenheit, die in Alex‘ Jugend einsetzt und sich mit großen Schritten dem Kinderwunsch, der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt zuwendet. Kennt man das Debut „nichts, was uns passiert“ und dessen Nachfolger „Herumtreiberinnen“ so könnte man aufgrund der erzählerischen Anlage des neuen Texts auf den ersten Blick fast ein wenig enttäuscht sein, denn in beiden Vorgängern bediente sich die Autorin besonderer erzähltheoretischer Versatzstücke, um eine angemessene Form und Sprache für das zu finden, was die beiden verhandeln. So erzählte das Debut von einer Vergewaltigung und deren Auswirkungen auf die Überlebende und den Täter sowie ihr Umfeld und bediente sich dafür einer namenlosen Erzählinstanz, die indirekt die Erinnerungen der handelnden Figuren wiedergibt. „Herumtreiber*innen“ wiederrum spielte mit der Überlagerung von historischen Ereignissen an einem Ort und ging so der Frage nach Schuld und Verantwortung und unserem Umgang mit der Vergangenheit nach. Dem gegenüber erzählt „Die bärtige Frau“, wenn auch auf zwei Zeitebenen, sehr geradlinig und so nüchtern und sachlich, dass ich vor allem bei den Rückblenden, die im Roman den größten Raum einnehmen, das Gefühl hatte, essayistische Reflexionen über die verhandelten Themen zu lesen. So war es für mich einerseits diese beobachtende Sachlichkeit, die der oben beschriebenen, klischeehaften Vorstellung von Mutterschaft ein Korrektiv entgegenstellt; andererseits verlässt der Roman an verschiedenen Stellen diesen Pfad und kippt in eine fast spürbare Körperlichkeit, wenn es z.B. um die Geburt geht oder die Veränderungen von Alex‘ Körper. Auch dies trägt, ästhetisierte Vorstellungen von Elternschaft und allem, was damit zusammenhängt zu korrigieren. Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ aber nicht nur einen Roman für Mütter oder solche, die es werden wollen geschrieben. Vielmehr verhandelt sie auf den knapp 200 Seiten solch universelle Fragen, wie die nach sexueller und körperlicher Selbstbestimmung, nach gesellschaftlichen Werten und Normativitätsvorstellungen, nach Gendervorstellungen und Identitätsfindung, nach dem Zusammenhang von Care- und Lohnarbeit uvm. Somit ist „Die bärtige Frau“ erneut ein Roman, bei dem ich viel lernen durfte, der jedoch – anders als einige andere feministische Romane über Mutterschaft – nicht in den Modus eines Thesenromans verfällt. Dabei bezog sich der Erkenntnisgewinne keineswegs ausschließlich auf Dinge und Erfahrungen, die mich direkt nicht betreffen, da ich ein Mann bin, da der Roman immer auch die Perspektive von Alex‘ Partner und was Elternschaft für diesen bedeutet, so mitdenkt, dass ich mich hier einerseits wiederzufinden vermochte und andererseits zu Reflexion herausgefordert wurde. Danke @bettinawilpert für diesen Text, den ich allen Menschen jeglichen Geschlechts ans Herz legen möchte, die planen, ein Kind zu bekommen; die sich fragen, ob sie eines bekommen sollten; die definitiv keines haben wollen; jenen, die keine Kinder bekommen können und damit hadern; jenen, die ein Kind verloren haben; denen, die mit dem Thema bereits durch sind; all jenen, für die das vielleicht noch in einiger Ferne liegt und jenen, die vielleicht mit Befremdung auf das Elterndasein von Menschen aus ihrem Umfeld blicken. tl;dr: Lest es einfach alle! Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.
Ein sehr reflektiertes Buch über Schwangerschaft und die erste Zeit mit Kind
Man könnte ja meinen, dass das Thema Schwanger- und Mutterschaft bei mir schon ein paar Jährchen vorbei ist. Stimmt auch! Doch befinde ich mich tatsächlich schon in dem Alter, wo sich im Dunstkreis meiner eigenen Kinder gerade ziemlich viele Menschen fortpflanzen. Und plötzlich sind sie wieder präsent, die Erinnerungen, an diese doch so besondere Zeit. Bettina Wilpert hat Dieser einen ganzen Roman gewidmet. Alex ist Lehrerin und seit einem Jahr Mutter von Paula. Sie reist ohne Kind zu ihrer Mutter Margit, die sich ein Bein gebrochen hat und ein bisschen Unterstützung braucht. Dort wohnt sie wieder in ihrem Kinderzimmer und fühlt sofort die Abwesenheit ihres Kindes intensiv und schmerzhaft. Beginnend mit einer Brustentzündung aufgrund des Abstillens sind wir nah an Alex und ihrem Körper. In Rückblicken erzählt sie von der Zeit vor der Geburt, inklusive eines frühen Abgangs, bis hin zur Schwangerschaft und des ersten Jahres mit Baby. Wir lesen nicht nur, wie intensiv die physische Erfahrung ist, was während einer Schwangerschaft passiert und was das mit Alex macht, sondern auch, wie sich das Umfeld verändert und welche Gedanken einen einholen. Wilpert lässt auch mich nachdenken über meine Schwangerschaften und die Gefühle, fie diese mit sich brachten. Wie verändern sich Freundschaften? Wie reagiert Familie und was ist mit dem Partner? Alles wird sich ändern, wenn ein Kind da ist, sagen einem die Menschen und es stimmt. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird größer, dann, wenn andere Party machen, liegt man im Bett und ist müde und ist das Baby mal woanders so fühlt man sich wie amputiert. Wir haben es hier mit einer sehr persönlichen Geschichte zu tun deswegen fehlt natürlich der Vergleich mit anderen. Nicht jede Frau hat die gleichen Gefühle. Trotz der großen Reflektionen wurde mir hier Schwangerschaft und die Zeit danach oft zu positiv dargestellt. Frauen, denen es anders erging und die mit ihren Gefühlen zu kämpfen haben, können sich hier vielleicht vielleicht nicht unbedingt wieder finden. Trotzdem ist der Blick ungeschönt und die Verunsicherung, die diese einschneidende Veränderung mit sich bringt, finde ich sehr gut getroffen. Ein Roman, der vielleicht eine bestimmte Phase im Leben braucht, um zu greifen. Für alle mit Kinderwunsch, in Schwangerschaft und für Mütter, die auch gerne einmal zurückblicken.
Wirklich intensiver Roman über Mutterschaft. Der Weg dahin und das erste Jahr , die Neuausrichtung, das Hadern, Erwartungen vs. Realität spielen eine bedeutende Rolle. Ich selbst habe gemerkt, dass ich die Phase schon wirklich hinter mir gelassen habe und in einer anderen Episode meines Lebens stecke- mein Identifikationspotenzial war nicht (mehr) allzu groß. Aber spannend, es auch mal mit diesem Abstand betrachten zu können.
Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ einen Roman geschrieben, der Mutterschaft in all ihren Facetten seziert – ohne Romantisierung, ohne Pathos, aber mit einer schonungslosen Ehrlichkeit, die unter die Haut geht. Auf knapp 200 Seiten begleiten wir Alex, die erstmals für ein Wochenende von ihrer einjährigen Tochter Paula getrennt ist. Sie reist zu ihrer Mutter nach Bayern, die nach einem Beinbruch Unterstützung braucht. Doch die kurze Distanz zu ihrem Kind löst in Alex eine Flut an Erinnerungen, Reflexionen und Zweifeln aus: über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, das erste Jahr mit Paula und die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter. Wilpert gelingt es, ein Bild von Mutterschaft zu zeichnen, das nicht auf Klischees beruht. Sie zeigt, wie tief verwurzelt gesellschaftliche Vorstellungen sind – angefangen bei Alex’ Erziehung in einem konservativen Umfeld bis hin zu den unausgesprochenen, aber allgegenwärtigen Anforderungen an Mütter. Dabei bleibt der Roman stets sachlich, fast nüchtern erzählt, was einen eindrucksvollen Kontrast zu den intensiven körperlichen und emotionalen Erfahrungen bietet, die Alex durchlebt. Schwangerschaft, Fehlgeburt, Geburt, Stillen, die körperlichen Veränderungen – all das wird mit einer Klarheit und Direktheit beschrieben, die selten in Romanen über Elternschaft zu finden ist. Ein weiteres Highlight des Buches ist die sprachliche Präzision, mit der Wilpert diese Themen bearbeitet. Ihr Schreibstil ist pointiert, direkt und gleichzeitig poetisch. Besonders in den Passagen zur Geburt entfaltet sich eine sprachliche Kraft, die körperlich spürbar wird. Hier zeigt sich Wilperts außergewöhnliches Gespür für die Verbindung zwischen Körper und Sprache. Der Schmerz, die Erschöpfung, die Transformation – alles wird greifbar. „Die bärtige Frau“ ist kein Ratgeber und kein Wohlfühlroman über die Freuden des Mutterseins. Es ist ein kluges, tiefgehendes Buch über die Vielschichtigkeit von Mutterschaft, über Unsicherheiten, Schuldgefühle und die Frage, wie gleichberechtigt Elternschaft überhaupt sein kann. Ein Buch, das Mut macht, weil es nichts beschönigt. Absolut lesenswert und zwar nicht nur für Mütter, sondern für alle, die verstehen wollen, was es bedeutet, ein Kind in diese Welt zu setzen.

Eine wichtige feministische Reflexion von Elternschaft, Körperlichkeit und Geschlechtsidentität.
Wenn ich an meine Mutter denke, dann denke ich vor allem an eine krasse Form von Unabhängigkeit, die sie mir vorgelebt hat – während der Umfang, in dem sie für mich als ihr Kind sehr sehr viel aufgegeben hat, mir erst als Erwachsene mehr und mehr klar geworden ist. Ich habe keine Kinder und möchte aus diversen Gründen keine austragen. Sollte ich irgendwann wider erwarten einen Kinderwunsch haben, dann wäre Adoption für mich vermutlich der Weg. Aber ich sehe mich eher als die coole Patentante, die sich Zeit nimmt für neugierige Fragen, Wissen vermittelt, die ihre Zeit in Jugend- und Erwachsenenbildung steckt und die im Freund*innenkreis versucht, Eltern zu unterstützen und zu entlasten. Da begegnen wir aber schon dem ersten Problem: In meinem engeren Freund*innenkreis gibts auch keine Kinder. Da ich auch selten Kontakt zu Kids habe, hab ich einige Unsicherheit im Kontakt gerade mit denen, die noch nicht selbst kommunizieren können. Mir war schon immer irgendwie klar, dass Kinder natürlich auch eine der Gruppen sind, für die ich mich politisch engagiere. Aber es ist vor allem auch den Instagram-Stories von Bettina Wilpert zu verdanken, dass ich in den letzten Jahren meine eigene v.a in politischen Kontexten (!) ansozialisierte Kinderfeindlichkeit angefangen habe zu reflektieren. Jetzt hat ebenjene Bettina Wilpert, die für mich zu einer der wirklich wichtigen gegenwärtigen deutschsprachigen feministischen Autorinnen gehört, ein Buch über Elternschaft, Weiblichkeit, Geburt und Care geschrieben. Ich bin also zugegeben etwas biased an „Die bärtige Frau“ (Reziexemplar) herangegangen, aber ich möchte dieses Buch gerade den Kinderlosen unter euch empfehlen. Lange Vorrede, I know. Aber sie ist das Ergebnis eines Denkprozesses, den dieses Buch in mir angestoßen/fortgeführt hat. Der Roman ist aus Sicht von Alex geschrieben, die kürzlich eine Tochter geboren hat und diese nun übers Osterwochenende das erste Mal alleine bei Oliver, dem Vater, lässt. Denn ihre Mutter hat sich ein Bein gebrochen, Alex und ihre Schwester Lena fahren zurück in die bayrische Provinz ihrer Kindheit und helfen der Mutter, das Elternhaus barriereärmer zu gestalten. Das ist der eine Erzählstrang. Der andere besteht aus Rückblenden, in denen Alex beim Ausräumen an ihre Schwangerschaft denkt, an den Versuch schwanger zu werden, an die Unvereinbarkeit von Arbeit und Kleinkinderziehung nach dem Ende ihrer Elternzeit, an die trotz aller Versuche der gleichverteilten Erziehungsarbeit ungleichen Verantwortlichkeiten und die internalisierten Erwartungen. Es geht um die Selbstbeobachtung einer queerfeministischen Mutter, die Reflexion darüber, was ein Kind zu haben eigentlich bedeutet und vor allem und sehr präsent die radikalen Veränderungen, denen ein schwangerer Körper unterworfen ist, die Situation, dass einer Person ein Körper nicht mehr allein gehört und wie sehr Weiblichkeit und Elternschaft in dieser Gesellschaft zusammengedacht werden. Der Roman behandelt also das, was für Marcel Reich-Ranicki die „Banalität des Lebens“ wäre – und ist dabei in seiner genauen Beobachtungsgabe, der Herausforderung an die Leser*innen, die vielen aufgeworfenen Fragen aufzunehmen und Gesellschaftskritik der beste Beweis, dass es viel mehr genau solcher Literatur braucht. Denn Alex reflektiert vor allem auch über all das, was man als werdende Eltern nicht erfährt, über die körperlichen Herausforderungen, Schmerzen, die in der häufigen Idealisierung von Mutterschaft selten erwähnt werden. Besonders beeindruckt war ich übrigens von der Geburtspassage, bei der Wilpert poetisch und zugleich definitiv nicht verherrlichend diesen körperlichen Ausnahmezustand darstellt. Alex reflektiert darüber, was es für ein physischer Kraftakt ist, ein Kind zu gebären und großzuziehen, zumal in einer Gesellschaft, deren Strukturen das alles nicht gerade erleichtern. Das tut sie aber nicht aus einer Perspektive, die sich gegen Kinder ausspräche, sondern aus der Position der Liebe ihrem Kind gegenüber. Damit ist das Buch auch eine wichtige innerfeministische Kritik, denn um zum Beginn dieser Rezension zurückzukommen: Unabhängigkeit allein ist kein Wert an sich. Sie kann in einer Gesellschaft, unter Menschen immer nur ein Teil sein, aber der andere Teil, Geborgenheit, Nähe, Sicherheit, eine gewisse Form der Abhängigkeit ist uns Menschen ebenso eingeschrieben. Und das ist kein Widerspruch an sich, sondern eher eine Gleichzeitigkeit, die gut ist. Der Titel des Buchs stammt übrigens von einem Gemälde von Jusepe de Ribera. Und das passt ziemlich gut, denn die Reflexion über Geschlecht und Sozialisation steht im Kern des Romans. Lange Rede, kurzer Sinn: „Die Bärtige Frau“ ist ein sehr intimes, körperliches, wichtiges Buch.
"Ihr Leben lang war sie nur sie selbst gewesen. Jetzt war da etwas in ihr, das nicht sie war und doch aus ihr bestand." (S. 89) Alex' Mutter hat sich das Bein gebrochen und braucht Hilfe. Zum ersten Mal verreist Alex daher übers Wochenende ohne ihre einjährige Tochter Paula und ihr wird klar: Nie wieder wirst du die Freiheit spüren, die du ohne Kind einmal hattest. Sie wird sich nun anders anfühlen, weil da ein Mensch ist, der auf einzigartige Weise zu dir gehört. Die Abwesenheit dieses Menschen wird zum Phantomschmerz. Ein Gefühl, das Alex so nie wollte. Jetzt, bei ihrer Mutter in ihrem früheren Jugendzimmer, lässt sie Revue passieren, wie es dazu kam, dass sie sich offensichtlich gegen manche Prozesse nicht wehren konnte. Wie früh zum Beispiel das Ding mit den Schuldgefühlen losgeht - subtil genährt von gesellschaftlichen Erwartungen, die Frauen zur perfekten Mutter und Partnerin machen sollen. In Rückblenden erfahren wir nicht nur, wie es für Alex zum Kinderwunsch kam, sondern auch, dass ein solcher Wunsch fragil sein und mit einer Fehlgeburt schmerzlich zerplatzen kann. Wir erleben Trauer, Angst und erneute Schwangerschaft mit all ihren Beschwerlichkeiten, Emotionen und Schmerzen. Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft haben einen anderen Menschen aus Alex gemacht: körperlich wie geistig. Zwar ist sie wieder allein in ihrem Körper, aber "[a]ls Paula auf die Welt kam, hat sie verstanden: Abhängig sind wir alle, und es ist nichts Schlimmes, sondern etwas zutiefst Menschliches." (S. 54) Plötzlich findet sie sich in einer völlig neuen Lebensrealität, die sich täglich ändern kann. Einmal drin in der Mutterrolle, sind die Hebel und Knöpfe klar belegt. Kaum eine Möglichkeit, die Mechanismen abzustellen. Doch Alex möchte gemeinsam mit ihrem Freund Oliver das Karussell aus schlechtem Gewissen und sozialisierten Geschlechterrollen stoppen. Es ist ein körperlicher Roman, den Bettina Hilpert uns da geschrieben hat. Es geht um Aufklärung, Sexualität und damit verbundene Mythen. Schönheitsnormen und wie sehr wir unserem Körper ausgeliefert sind: Er wächst, schrumpft und dehnt sich und Hormone tanzen Tango mit unserer Stimmung. Wir sind so verdammt viel Körper!
Sehr richtig, es könnte ein paar mehr Kanten geben
In diesem Buch habe ich mich als Mutter einer 2-jährigen Tochter sehr viel wieder gefunden. An vielen Stellen sah ich mich durch die inneren und äußeren Vorgänge der Protagonisten in meinen Erlebnissen sehr bestätigt. Was gut tat! Ein paar mehr charakterliche Reibungen hätten dem Buch vielleicht gut getan - Stellen an denen man als Leser aneckt. Ansonsten habe ich es sehr gerne gelesen. Ein wichtiges Buch zur Dokumentation der Erfahrungen sehr vieler Frauen.
Genauso ist es
Die Leserschaft und die Protagonistin durchleben die Schwangerschaft und das erste Babyjahr sehr realistisch. Man fühlt sich als junge Mama sehr gesehen, sogar soweit, dass man anhand der Beschreibung den erwähnten Muttipodcast erraten kann. Alle Freuden, Zweifel, Ängste, Sorgen und Herausforderungen des Mutterwerdens und -seins einer modernen Frau, die gerne arbeitet und in einer gleichberechtigten Partnerschaft leben will, werden hier thematisiert. Wenn man dann selbst noch Lehrerin ist, wird man vollkommen abgeholt. Stilistisch hat mich die Darstellung der Geburt in einer Art Langgedicht überzeugt, da dieser Moment nicht in sortierter Prosa zu versprachlichen ist. Nur das Zielpublikum könnte etwas eng gefasst sein, denn alle anderen, die gerade nicht in dieser Phase sind, könnten sich vielleicht etwas mehr Handlung wünschen.
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BIOLOGISCHER REALISMUS Zwei Striche erscheinen auf einem Teststäbchen, auf das eine Frau uriniert hat. SCHNITT. 9 Monate später platzt – zumeist in einem Moment, der der Szene aufgrund seiner Unpassendheit ein gewisses Maß an Albernheit zuschreibt – die Fruchtblase der Frau. SCHNITT. Wenige Stunden später bringt jene Frau in der Rückenlage, in der sie die gesamte Geburt verharrt hat, ein nahezu sauberes, mit wachen Augen die Eltern anhimmelndes Kind zu Welt. SCHNITT. Überblende in das Leben nach der Geburt, in dem beide Elternteile eigentlich ihr pränatales weiterleben, ihr Sozialleben pflegen, Erledigungen nachgehen, Kultur genießen und mit Ausnahme der Mutter auch der Lohnarbeit unverändert nachgehen, was hier natürlich als völlig natürlich dargestellt wird. ABSPANN. So, oder zumindest in Teilen so müssen die Storyboards jener Serien und Filme aussehen, die uns auch heute noch in Endlosschleife mit einem eingängigen und zugleich falschen Schwangerschafts- und Elternschaftsnarrativ konfrontieren. Dass viele Versatzstücke schon fast auf lächerliche bis gefährliche Weise an der Realität vorbeigehen, erfahren viele (oder zumindest ich) in seiner ganzen Tragweite wohl auch erst, wenn sie dieses durchleben und daher bin ich Bettina Wilpert dankbar für ihren Roman „Die bärtige Frau“, der ein Gegennarrativ zum oben dargestellten liefert und unbedingt viele Leser*innen verdient. Alex, Protagonistin des dritten Romans der Leipzigerin, ist auf dem Weg zu ihrer Mutter in die bayrische Provinz, in der sie selbst aufgewachsen ist, bevor sie für das Studium erst nach Wien und dann nach Leipzig zog, wo sie mittlerweile als Lehrkraft für Deutsch und Englisch arbeitet und Mutter der einjährigen Paula ist. Alex‘ Mutter hatte einen Unfall und Alex will ihr mit ihrer Schwester Lena eines der Zimmer im Erdgeschoss herrichten, das bisher als Abstellraum genutzt wurde. Für die junge Mutter ist es das erste Mal seit der Geburt von Paula, dass länger von ihr getrennt ist und ihr Partner Oliver sich allein um das Kind kümmert und so wird die Reise in die eigene Kindheit und Jugend und zur eigenen Mutter zum Reflexionsanlass für Alex, auf das eigene Mutterwerden und -sein zu blicken. Dies realisiert Wilperts Roman, indem er zwischen der Zeitebene des Wochenendes in Bayern und der Erzählvergangenheit, die in Alex‘ Jugend einsetzt und sich mit großen Schritten dem Kinderwunsch, der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt zuwendet. Kennt man das Debut „nichts, was uns passiert“ und dessen Nachfolger „Herumtreiberinnen“ so könnte man aufgrund der erzählerischen Anlage des neuen Texts auf den ersten Blick fast ein wenig enttäuscht sein, denn in beiden Vorgängern bediente sich die Autorin besonderer erzähltheoretischer Versatzstücke, um eine angemessene Form und Sprache für das zu finden, was die beiden verhandeln. So erzählte das Debut von einer Vergewaltigung und deren Auswirkungen auf die Überlebende und den Täter sowie ihr Umfeld und bediente sich dafür einer namenlosen Erzählinstanz, die indirekt die Erinnerungen der handelnden Figuren wiedergibt. „Herumtreiber*innen“ wiederrum spielte mit der Überlagerung von historischen Ereignissen an einem Ort und ging so der Frage nach Schuld und Verantwortung und unserem Umgang mit der Vergangenheit nach. Dem gegenüber erzählt „Die bärtige Frau“, wenn auch auf zwei Zeitebenen, sehr geradlinig und so nüchtern und sachlich, dass ich vor allem bei den Rückblenden, die im Roman den größten Raum einnehmen, das Gefühl hatte, essayistische Reflexionen über die verhandelten Themen zu lesen. So war es für mich einerseits diese beobachtende Sachlichkeit, die der oben beschriebenen, klischeehaften Vorstellung von Mutterschaft ein Korrektiv entgegenstellt; andererseits verlässt der Roman an verschiedenen Stellen diesen Pfad und kippt in eine fast spürbare Körperlichkeit, wenn es z.B. um die Geburt geht oder die Veränderungen von Alex‘ Körper. Auch dies trägt, ästhetisierte Vorstellungen von Elternschaft und allem, was damit zusammenhängt zu korrigieren. Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ aber nicht nur einen Roman für Mütter oder solche, die es werden wollen geschrieben. Vielmehr verhandelt sie auf den knapp 200 Seiten solch universelle Fragen, wie die nach sexueller und körperlicher Selbstbestimmung, nach gesellschaftlichen Werten und Normativitätsvorstellungen, nach Gendervorstellungen und Identitätsfindung, nach dem Zusammenhang von Care- und Lohnarbeit uvm. Somit ist „Die bärtige Frau“ erneut ein Roman, bei dem ich viel lernen durfte, der jedoch – anders als einige andere feministische Romane über Mutterschaft – nicht in den Modus eines Thesenromans verfällt. Dabei bezog sich der Erkenntnisgewinne keineswegs ausschließlich auf Dinge und Erfahrungen, die mich direkt nicht betreffen, da ich ein Mann bin, da der Roman immer auch die Perspektive von Alex‘ Partner und was Elternschaft für diesen bedeutet, so mitdenkt, dass ich mich hier einerseits wiederzufinden vermochte und andererseits zu Reflexion herausgefordert wurde. Danke @bettinawilpert für diesen Text, den ich allen Menschen jeglichen Geschlechts ans Herz legen möchte, die planen, ein Kind zu bekommen; die sich fragen, ob sie eines bekommen sollten; die definitiv keines haben wollen; jenen, die keine Kinder bekommen können und damit hadern; jenen, die ein Kind verloren haben; denen, die mit dem Thema bereits durch sind; all jenen, für die das vielleicht noch in einiger Ferne liegt und jenen, die vielleicht mit Befremdung auf das Elterndasein von Menschen aus ihrem Umfeld blicken. tl;dr: Lest es einfach alle! Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.
Ein sehr reflektiertes Buch über Schwangerschaft und die erste Zeit mit Kind
Man könnte ja meinen, dass das Thema Schwanger- und Mutterschaft bei mir schon ein paar Jährchen vorbei ist. Stimmt auch! Doch befinde ich mich tatsächlich schon in dem Alter, wo sich im Dunstkreis meiner eigenen Kinder gerade ziemlich viele Menschen fortpflanzen. Und plötzlich sind sie wieder präsent, die Erinnerungen, an diese doch so besondere Zeit. Bettina Wilpert hat Dieser einen ganzen Roman gewidmet. Alex ist Lehrerin und seit einem Jahr Mutter von Paula. Sie reist ohne Kind zu ihrer Mutter Margit, die sich ein Bein gebrochen hat und ein bisschen Unterstützung braucht. Dort wohnt sie wieder in ihrem Kinderzimmer und fühlt sofort die Abwesenheit ihres Kindes intensiv und schmerzhaft. Beginnend mit einer Brustentzündung aufgrund des Abstillens sind wir nah an Alex und ihrem Körper. In Rückblicken erzählt sie von der Zeit vor der Geburt, inklusive eines frühen Abgangs, bis hin zur Schwangerschaft und des ersten Jahres mit Baby. Wir lesen nicht nur, wie intensiv die physische Erfahrung ist, was während einer Schwangerschaft passiert und was das mit Alex macht, sondern auch, wie sich das Umfeld verändert und welche Gedanken einen einholen. Wilpert lässt auch mich nachdenken über meine Schwangerschaften und die Gefühle, fie diese mit sich brachten. Wie verändern sich Freundschaften? Wie reagiert Familie und was ist mit dem Partner? Alles wird sich ändern, wenn ein Kind da ist, sagen einem die Menschen und es stimmt. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird größer, dann, wenn andere Party machen, liegt man im Bett und ist müde und ist das Baby mal woanders so fühlt man sich wie amputiert. Wir haben es hier mit einer sehr persönlichen Geschichte zu tun deswegen fehlt natürlich der Vergleich mit anderen. Nicht jede Frau hat die gleichen Gefühle. Trotz der großen Reflektionen wurde mir hier Schwangerschaft und die Zeit danach oft zu positiv dargestellt. Frauen, denen es anders erging und die mit ihren Gefühlen zu kämpfen haben, können sich hier vielleicht vielleicht nicht unbedingt wieder finden. Trotzdem ist der Blick ungeschönt und die Verunsicherung, die diese einschneidende Veränderung mit sich bringt, finde ich sehr gut getroffen. Ein Roman, der vielleicht eine bestimmte Phase im Leben braucht, um zu greifen. Für alle mit Kinderwunsch, in Schwangerschaft und für Mütter, die auch gerne einmal zurückblicken.
Wirklich intensiver Roman über Mutterschaft. Der Weg dahin und das erste Jahr , die Neuausrichtung, das Hadern, Erwartungen vs. Realität spielen eine bedeutende Rolle. Ich selbst habe gemerkt, dass ich die Phase schon wirklich hinter mir gelassen habe und in einer anderen Episode meines Lebens stecke- mein Identifikationspotenzial war nicht (mehr) allzu groß. Aber spannend, es auch mal mit diesem Abstand betrachten zu können.
Bettina Wilpert hat mit „Die bärtige Frau“ einen Roman geschrieben, der Mutterschaft in all ihren Facetten seziert – ohne Romantisierung, ohne Pathos, aber mit einer schonungslosen Ehrlichkeit, die unter die Haut geht. Auf knapp 200 Seiten begleiten wir Alex, die erstmals für ein Wochenende von ihrer einjährigen Tochter Paula getrennt ist. Sie reist zu ihrer Mutter nach Bayern, die nach einem Beinbruch Unterstützung braucht. Doch die kurze Distanz zu ihrem Kind löst in Alex eine Flut an Erinnerungen, Reflexionen und Zweifeln aus: über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, das erste Jahr mit Paula und die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter. Wilpert gelingt es, ein Bild von Mutterschaft zu zeichnen, das nicht auf Klischees beruht. Sie zeigt, wie tief verwurzelt gesellschaftliche Vorstellungen sind – angefangen bei Alex’ Erziehung in einem konservativen Umfeld bis hin zu den unausgesprochenen, aber allgegenwärtigen Anforderungen an Mütter. Dabei bleibt der Roman stets sachlich, fast nüchtern erzählt, was einen eindrucksvollen Kontrast zu den intensiven körperlichen und emotionalen Erfahrungen bietet, die Alex durchlebt. Schwangerschaft, Fehlgeburt, Geburt, Stillen, die körperlichen Veränderungen – all das wird mit einer Klarheit und Direktheit beschrieben, die selten in Romanen über Elternschaft zu finden ist. Ein weiteres Highlight des Buches ist die sprachliche Präzision, mit der Wilpert diese Themen bearbeitet. Ihr Schreibstil ist pointiert, direkt und gleichzeitig poetisch. Besonders in den Passagen zur Geburt entfaltet sich eine sprachliche Kraft, die körperlich spürbar wird. Hier zeigt sich Wilperts außergewöhnliches Gespür für die Verbindung zwischen Körper und Sprache. Der Schmerz, die Erschöpfung, die Transformation – alles wird greifbar. „Die bärtige Frau“ ist kein Ratgeber und kein Wohlfühlroman über die Freuden des Mutterseins. Es ist ein kluges, tiefgehendes Buch über die Vielschichtigkeit von Mutterschaft, über Unsicherheiten, Schuldgefühle und die Frage, wie gleichberechtigt Elternschaft überhaupt sein kann. Ein Buch, das Mut macht, weil es nichts beschönigt. Absolut lesenswert und zwar nicht nur für Mütter, sondern für alle, die verstehen wollen, was es bedeutet, ein Kind in diese Welt zu setzen.

Eine wichtige feministische Reflexion von Elternschaft, Körperlichkeit und Geschlechtsidentität.
Wenn ich an meine Mutter denke, dann denke ich vor allem an eine krasse Form von Unabhängigkeit, die sie mir vorgelebt hat – während der Umfang, in dem sie für mich als ihr Kind sehr sehr viel aufgegeben hat, mir erst als Erwachsene mehr und mehr klar geworden ist. Ich habe keine Kinder und möchte aus diversen Gründen keine austragen. Sollte ich irgendwann wider erwarten einen Kinderwunsch haben, dann wäre Adoption für mich vermutlich der Weg. Aber ich sehe mich eher als die coole Patentante, die sich Zeit nimmt für neugierige Fragen, Wissen vermittelt, die ihre Zeit in Jugend- und Erwachsenenbildung steckt und die im Freund*innenkreis versucht, Eltern zu unterstützen und zu entlasten. Da begegnen wir aber schon dem ersten Problem: In meinem engeren Freund*innenkreis gibts auch keine Kinder. Da ich auch selten Kontakt zu Kids habe, hab ich einige Unsicherheit im Kontakt gerade mit denen, die noch nicht selbst kommunizieren können. Mir war schon immer irgendwie klar, dass Kinder natürlich auch eine der Gruppen sind, für die ich mich politisch engagiere. Aber es ist vor allem auch den Instagram-Stories von Bettina Wilpert zu verdanken, dass ich in den letzten Jahren meine eigene v.a in politischen Kontexten (!) ansozialisierte Kinderfeindlichkeit angefangen habe zu reflektieren. Jetzt hat ebenjene Bettina Wilpert, die für mich zu einer der wirklich wichtigen gegenwärtigen deutschsprachigen feministischen Autorinnen gehört, ein Buch über Elternschaft, Weiblichkeit, Geburt und Care geschrieben. Ich bin also zugegeben etwas biased an „Die bärtige Frau“ (Reziexemplar) herangegangen, aber ich möchte dieses Buch gerade den Kinderlosen unter euch empfehlen. Lange Vorrede, I know. Aber sie ist das Ergebnis eines Denkprozesses, den dieses Buch in mir angestoßen/fortgeführt hat. Der Roman ist aus Sicht von Alex geschrieben, die kürzlich eine Tochter geboren hat und diese nun übers Osterwochenende das erste Mal alleine bei Oliver, dem Vater, lässt. Denn ihre Mutter hat sich ein Bein gebrochen, Alex und ihre Schwester Lena fahren zurück in die bayrische Provinz ihrer Kindheit und helfen der Mutter, das Elternhaus barriereärmer zu gestalten. Das ist der eine Erzählstrang. Der andere besteht aus Rückblenden, in denen Alex beim Ausräumen an ihre Schwangerschaft denkt, an den Versuch schwanger zu werden, an die Unvereinbarkeit von Arbeit und Kleinkinderziehung nach dem Ende ihrer Elternzeit, an die trotz aller Versuche der gleichverteilten Erziehungsarbeit ungleichen Verantwortlichkeiten und die internalisierten Erwartungen. Es geht um die Selbstbeobachtung einer queerfeministischen Mutter, die Reflexion darüber, was ein Kind zu haben eigentlich bedeutet und vor allem und sehr präsent die radikalen Veränderungen, denen ein schwangerer Körper unterworfen ist, die Situation, dass einer Person ein Körper nicht mehr allein gehört und wie sehr Weiblichkeit und Elternschaft in dieser Gesellschaft zusammengedacht werden. Der Roman behandelt also das, was für Marcel Reich-Ranicki die „Banalität des Lebens“ wäre – und ist dabei in seiner genauen Beobachtungsgabe, der Herausforderung an die Leser*innen, die vielen aufgeworfenen Fragen aufzunehmen und Gesellschaftskritik der beste Beweis, dass es viel mehr genau solcher Literatur braucht. Denn Alex reflektiert vor allem auch über all das, was man als werdende Eltern nicht erfährt, über die körperlichen Herausforderungen, Schmerzen, die in der häufigen Idealisierung von Mutterschaft selten erwähnt werden. Besonders beeindruckt war ich übrigens von der Geburtspassage, bei der Wilpert poetisch und zugleich definitiv nicht verherrlichend diesen körperlichen Ausnahmezustand darstellt. Alex reflektiert darüber, was es für ein physischer Kraftakt ist, ein Kind zu gebären und großzuziehen, zumal in einer Gesellschaft, deren Strukturen das alles nicht gerade erleichtern. Das tut sie aber nicht aus einer Perspektive, die sich gegen Kinder ausspräche, sondern aus der Position der Liebe ihrem Kind gegenüber. Damit ist das Buch auch eine wichtige innerfeministische Kritik, denn um zum Beginn dieser Rezension zurückzukommen: Unabhängigkeit allein ist kein Wert an sich. Sie kann in einer Gesellschaft, unter Menschen immer nur ein Teil sein, aber der andere Teil, Geborgenheit, Nähe, Sicherheit, eine gewisse Form der Abhängigkeit ist uns Menschen ebenso eingeschrieben. Und das ist kein Widerspruch an sich, sondern eher eine Gleichzeitigkeit, die gut ist. Der Titel des Buchs stammt übrigens von einem Gemälde von Jusepe de Ribera. Und das passt ziemlich gut, denn die Reflexion über Geschlecht und Sozialisation steht im Kern des Romans. Lange Rede, kurzer Sinn: „Die Bärtige Frau“ ist ein sehr intimes, körperliches, wichtiges Buch.
"Ihr Leben lang war sie nur sie selbst gewesen. Jetzt war da etwas in ihr, das nicht sie war und doch aus ihr bestand." (S. 89) Alex' Mutter hat sich das Bein gebrochen und braucht Hilfe. Zum ersten Mal verreist Alex daher übers Wochenende ohne ihre einjährige Tochter Paula und ihr wird klar: Nie wieder wirst du die Freiheit spüren, die du ohne Kind einmal hattest. Sie wird sich nun anders anfühlen, weil da ein Mensch ist, der auf einzigartige Weise zu dir gehört. Die Abwesenheit dieses Menschen wird zum Phantomschmerz. Ein Gefühl, das Alex so nie wollte. Jetzt, bei ihrer Mutter in ihrem früheren Jugendzimmer, lässt sie Revue passieren, wie es dazu kam, dass sie sich offensichtlich gegen manche Prozesse nicht wehren konnte. Wie früh zum Beispiel das Ding mit den Schuldgefühlen losgeht - subtil genährt von gesellschaftlichen Erwartungen, die Frauen zur perfekten Mutter und Partnerin machen sollen. In Rückblenden erfahren wir nicht nur, wie es für Alex zum Kinderwunsch kam, sondern auch, dass ein solcher Wunsch fragil sein und mit einer Fehlgeburt schmerzlich zerplatzen kann. Wir erleben Trauer, Angst und erneute Schwangerschaft mit all ihren Beschwerlichkeiten, Emotionen und Schmerzen. Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft haben einen anderen Menschen aus Alex gemacht: körperlich wie geistig. Zwar ist sie wieder allein in ihrem Körper, aber "[a]ls Paula auf die Welt kam, hat sie verstanden: Abhängig sind wir alle, und es ist nichts Schlimmes, sondern etwas zutiefst Menschliches." (S. 54) Plötzlich findet sie sich in einer völlig neuen Lebensrealität, die sich täglich ändern kann. Einmal drin in der Mutterrolle, sind die Hebel und Knöpfe klar belegt. Kaum eine Möglichkeit, die Mechanismen abzustellen. Doch Alex möchte gemeinsam mit ihrem Freund Oliver das Karussell aus schlechtem Gewissen und sozialisierten Geschlechterrollen stoppen. Es ist ein körperlicher Roman, den Bettina Hilpert uns da geschrieben hat. Es geht um Aufklärung, Sexualität und damit verbundene Mythen. Schönheitsnormen und wie sehr wir unserem Körper ausgeliefert sind: Er wächst, schrumpft und dehnt sich und Hormone tanzen Tango mit unserer Stimmung. Wir sind so verdammt viel Körper!
Sehr richtig, es könnte ein paar mehr Kanten geben
In diesem Buch habe ich mich als Mutter einer 2-jährigen Tochter sehr viel wieder gefunden. An vielen Stellen sah ich mich durch die inneren und äußeren Vorgänge der Protagonisten in meinen Erlebnissen sehr bestätigt. Was gut tat! Ein paar mehr charakterliche Reibungen hätten dem Buch vielleicht gut getan - Stellen an denen man als Leser aneckt. Ansonsten habe ich es sehr gerne gelesen. Ein wichtiges Buch zur Dokumentation der Erfahrungen sehr vieler Frauen.
Genauso ist es
Die Leserschaft und die Protagonistin durchleben die Schwangerschaft und das erste Babyjahr sehr realistisch. Man fühlt sich als junge Mama sehr gesehen, sogar soweit, dass man anhand der Beschreibung den erwähnten Muttipodcast erraten kann. Alle Freuden, Zweifel, Ängste, Sorgen und Herausforderungen des Mutterwerdens und -seins einer modernen Frau, die gerne arbeitet und in einer gleichberechtigten Partnerschaft leben will, werden hier thematisiert. Wenn man dann selbst noch Lehrerin ist, wird man vollkommen abgeholt. Stilistisch hat mich die Darstellung der Geburt in einer Art Langgedicht überzeugt, da dieser Moment nicht in sortierter Prosa zu versprachlichen ist. Nur das Zielpublikum könnte etwas eng gefasst sein, denn alle anderen, die gerade nicht in dieser Phase sind, könnten sich vielleicht etwas mehr Handlung wünschen.













