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Ein Mann, wie du, bleibt da Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, ...
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. - Zitat, Fünfter Auftritt, Saladin und Nathan Gotthold Ephraim Lessing, ein Mann des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung, hat dieses Theaterstück als Modell seines Weltbildes von Menschlichkeit erdacht und damit eine poetische Umsetzung seiner eigenen Definition zur Klärung des Theodizee-Begriffs (Theodizee: Problematik, warum kann Gott gut, die Welt aber schlecht und voll Leid sein): "Erziehung des Menschengeschlechts ereignet sich als "Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten"; diese allein können jene "Zeit der Vollendung" herbeiführen, in der der Mensch "das Gute tun wird, weil es das Gute ist". Soweit die Erklärung des Kritikers Gert Sautermeister im Anhang zum Text. Das klingt erst einmal sehr abstrakt. Und zur szenenhaften Gestaltung der dargestellten Theorie, die in ihren Ansätzen vielleicht nicht nur konstruiert, sondern auch ziemlich utopisch anmutet, gesellt sich alsbald die Frage: Werden Schülerinnen und Schüler des 21. Jahrhunderts zurecht mit dieser Lektüre beschäftigt, die bereits im 19. Jahrhundert zur Schullektüre des "liberalen Bildungsbürgertums" aufstieg? Was hat "Nathan, der Weise" den Lesenden heute noch zu sagen? Die Ausgangslage ist nicht uninteressant: Nathan, ein Geschäftsmann, kehrt von einer Reise nach Hause zurück. In Jerusalem angekommen, wird ihm Spektakuläres berichtet: Seine Tochter Recha ist von einem Tempelherrn aus den Flammen ihres Hauses gerettet worden. Aber nicht genug, dass ein Christ eine Jüdin rettet - auch der junge Herr wurde vor nicht allzu langer Zeit vom Sultan Saladin verschont und entging dem sicheren Tod, weil er den Herrscher an dessen verblichenen Bruder Assam erinnerte. Viel Zeit verbleibt Nathan nicht, um über die Ereignisse zu sinnieren, da steht er schon in persona vor dem muslimischen Sultan, der ihm die Gretchenfrage stellt und ihn mit der geforderten Einsicht in die Wahrheiten der drei Weltreligionen in ein Dilemma steckt. Jetzt könnte die Geschichte richtig spannend werden, doch die berühmte "Ringparabel", die dem Fragesteller darauf aufmerksam machen soll, dass sich eine "gute" Religion vor allem durch den Humanismus der Gläubigen auszeichnen solle, der alle Menschen als eine Familie begreift, klingt zwar hübsch, aber auch ziemlich zahm. Und mal ehrlich: Geht es bei der Religion wirklich darum, sich "vor Gott und den Menschen angenehm zu machen", oder geht es nicht vielmehr um Macht (und um Geld)? Aber da ist ja noch Nathans eigene Geschichte: denn vor Jahren wurde die Familie Opfer eines grausamen Progroms. Nathan Frau und alle seine Söhne, 7 an der Zahl, - ermordet! Doch Nathan rächt sich nicht, nimmt stattdessen ein verwaistes Christenkind bei sich auf und zieht es wie ein eigenes groß. Dieser schier übermenschliche Akt der Vernunft wirft Fragen auf - die aber nicht beantwortet werden, da die Persönlichkeit, die dem Text den Titel verleiht, seltsam abstrakt bleibt. Und ein wenig denkt man hier an die Reaktion eines aufgebrachten Vaters, wie sie Shakespeare in seiner Komödie "Viel Lärm um nichts" schildert und an dessen Worte im 5. Aufzug: ... Von diesem Mann will ich dann Geduld erlernen. Doch einen solchen Mann gibt es nicht. Denn, Bruder, Menschen, Sie raten, trösten, heilen nur den Schmerz, Den sie nicht selber fühlten. Trifft er sie, Dann wird zur wilden Wut derselbe Trost, Der eben noch Arznei dem Gram verschrieb, An seidner Schnur den Wahnsinn wollte fesseln, ... Doch keines Menschen Kraft noch Willensstärke Genügte solcher Weisheit, wenn er selbst Das gleiche duldete... Na ja, was Figurenzeichnung, Dramaturgie, aber auch Humor angeht, hatte der englische Stückeschreiber seinem deutschen Kollegen wohl einiges voraus, aber auf jedem Fall hätte dem Lessing-Stück etwas mehr "Fleisch und Blut" im Ausdruck nicht geschadet. So wirkt das Ganze - trotz der edlen Botschaft- leider viel zu hölzern und unorganisch. FAZIT "We are Family" - ja, es könnte natürlich so schön sein, rein theoretisch. Aber ich bezweifle, dass dieser Text für die Lesenden ein reiner Genuss ist. Musste jemand das Buch als Pflichtlektüre in der Schule lesen und hat es trotzdem gemocht? Oder wer hat sich, wie ich, das Werk freiwillig vorgenommen und hat nun Mitgefühl mit all denjenigen, die sich in der Schule mit dem Text quälen müssen? Soweit meine jetzige Meinung, aber "macht nur keine Glossen wegen dessen, ...; denn der Mensch ist ein schwindliches Geschöpf, und damit ist's gut."
May 1, 2026
Ein Mann, wie du, bleibt da Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, ...
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. - Zitat, Fünfter Auftritt, Saladin und Nathan Gotthold Ephraim Lessing, ein Mann des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung, hat dieses Theaterstück als Modell seines Weltbildes von Menschlichkeit erdacht und damit eine poetische Umsetzung seiner eigenen Definition zur Klärung des Theodizee-Begriffs (Theodizee: Problematik, warum kann Gott gut, die Welt aber schlecht und voll Leid sein): "Erziehung des Menschengeschlechts ereignet sich als "Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten"; diese allein können jene "Zeit der Vollendung" herbeiführen, in der der Mensch "das Gute tun wird, weil es das Gute ist". Soweit die Erklärung des Kritikers Gert Sautermeister im Anhang zum Text. Das klingt erst einmal sehr abstrakt. Und zur szenenhaften Gestaltung der dargestellten Theorie, die in ihren Ansätzen vielleicht nicht nur konstruiert, sondern auch ziemlich utopisch anmutet, gesellt sich alsbald die Frage: Werden Schülerinnen und Schüler des 21. Jahrhunderts zurecht mit dieser Lektüre beschäftigt, die bereits im 19. Jahrhundert zur Schullektüre des "liberalen Bildungsbürgertums" aufstieg? Was hat "Nathan, der Weise" den Lesenden heute noch zu sagen? Die Ausgangslage ist nicht uninteressant: Nathan, ein Geschäftsmann, kehrt von einer Reise nach Hause zurück. In Jerusalem angekommen, wird ihm Spektakuläres berichtet: Seine Tochter Recha ist von einem Tempelherrn aus den Flammen ihres Hauses gerettet worden. Aber nicht genug, dass ein Christ eine Jüdin rettet - auch der junge Herr wurde vor nicht allzu langer Zeit vom Sultan Saladin verschont und entging dem sicheren Tod, weil er den Herrscher an dessen verblichenen Bruder Assam erinnerte. Viel Zeit verbleibt Nathan nicht, um über die Ereignisse zu sinnieren, da steht er schon in persona vor dem muslimischen Sultan, der ihm die Gretchenfrage stellt und ihn mit der geforderten Einsicht in die Wahrheiten der drei Weltreligionen in ein Dilemma steckt. Jetzt könnte die Geschichte richtig spannend werden, doch die berühmte "Ringparabel", die dem Fragesteller darauf aufmerksam machen soll, dass sich eine "gute" Religion vor allem durch den Humanismus der Gläubigen auszeichnen solle, der alle Menschen als eine Familie begreift, klingt zwar hübsch, aber auch ziemlich zahm. Und mal ehrlich: Geht es bei der Religion wirklich darum, sich "vor Gott und den Menschen angenehm zu machen", oder geht es nicht vielmehr um Macht (und um Geld)? Aber da ist ja noch Nathans eigene Geschichte: denn vor Jahren wurde die Familie Opfer eines grausamen Progroms. Nathan Frau und alle seine Söhne, 7 an der Zahl, - ermordet! Doch Nathan rächt sich nicht, nimmt stattdessen ein verwaistes Christenkind bei sich auf und zieht es wie ein eigenes groß. Dieser schier übermenschliche Akt der Vernunft wirft Fragen auf - die aber nicht beantwortet werden, da die Persönlichkeit, die dem Text den Titel verleiht, seltsam abstrakt bleibt. Und ein wenig denkt man hier an die Reaktion eines aufgebrachten Vaters, wie sie Shakespeare in seiner Komödie "Viel Lärm um nichts" schildert und an dessen Worte im 5. Aufzug: ... Von diesem Mann will ich dann Geduld erlernen. Doch einen solchen Mann gibt es nicht. Denn, Bruder, Menschen, Sie raten, trösten, heilen nur den Schmerz, Den sie nicht selber fühlten. Trifft er sie, Dann wird zur wilden Wut derselbe Trost, Der eben noch Arznei dem Gram verschrieb, An seidner Schnur den Wahnsinn wollte fesseln, ... Doch keines Menschen Kraft noch Willensstärke Genügte solcher Weisheit, wenn er selbst Das gleiche duldete... Na ja, was Figurenzeichnung, Dramaturgie, aber auch Humor angeht, hatte der englische Stückeschreiber seinem deutschen Kollegen wohl einiges voraus, aber auf jedem Fall hätte dem Lessing-Stück etwas mehr "Fleisch und Blut" im Ausdruck nicht geschadet. So wirkt das Ganze - trotz der edlen Botschaft- leider viel zu hölzern und unorganisch. FAZIT "We are Family" - ja, es könnte natürlich so schön sein, rein theoretisch. Aber ich bezweifle, dass dieser Text für die Lesenden ein reiner Genuss ist. Musste jemand das Buch als Pflichtlektüre in der Schule lesen und hat es trotzdem gemocht? Oder wer hat sich, wie ich, das Werk freiwillig vorgenommen und hat nun Mitgefühl mit all denjenigen, die sich in der Schule mit dem Text quälen müssen? Soweit meine jetzige Meinung, aber "macht nur keine Glossen wegen dessen, ...; denn der Mensch ist ein schwindliches Geschöpf, und damit ist's gut."
May 1, 2026







