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576 Seiten in zweieinhalb Tagen. Und immer noch weiß ich nicht, ob ich "Ich bin nicht da" von Lize Spit inhalieren musste, weil so eindrücklich, intensiv und wahnsinnig beklemmend geschrieben war- oder, weil ich es einfach hinter mich bringen musste. Diesen Roman bis zur letzten Seite zu lesen, um ihm dann möglichst weit von mir wegzuschieben, mich fast vor ihm in einer Ecke zu verstecken. Hauptsache, er war zu Ende, hauptsache er war weg. Ich glaube jetzt am Ende: es war eine Mischung aus beidem. Oft musste ich mich zwingen wieder hochzukommen aus diesem Strudel, in den mich diese Geschichte geschubst hat, musste das fast schon kiloschwere Gewicht, das sich auf meine Brust beim Lesen gelegt hat mit größter Anstrengung hinunterhieven, musste weg von dieser Geschichte, Abstand zwischen uns bringen, ein Hundespaziergang, eine Nacht schlafen, oft auch ein paar Seiten eines anderen Buches, insgeheim manchmal sogar ein bisschen hoffen, sie wäre weg, wenn ich nach Hause komme oder wieder aufwache. Doch sie war da, immer, sie wartete geduldig auf mich. Weil sie wusste, dass ich nicht anders konnte, als sie zu Ende zu lesen. Denn da ist noch die andere Seite der Geschichte, das Tragische, das in ihr passiert in Relation zu setzen in der Art und Weise, wie es erzählt wird. Meisterhaft, nichts anderes ist das, was Lize Spite in "Ich bin nicht da" macht. Unglaublich intensiv, empathisch und eindringlich erzählt sie von Leo und Simon, die seit zehn Jahren ein Paar sind, die sich in und auswendig kennen und alles voneinander wissen. Simon ist Leos wichtigster Mensch auf der Welt, bei ihm fühlt sie sich sicher und ihm kann sie alles anvertrauen bis zu dem Tag, an dem Simon mitten in der Nacht nach Hause kommt, völlig überdreht von einer seltsamen Idee berichtet, die ihrer beider Leben völlig verändern sollte. Denn diesen Simon kennt Leo nicht mehr. Innerhalb weniger Wochen wird er ein völlig anderer Mensch, der sich immer wahnhafter in abstrusen Ideen und irgendwann auch Paranoia hineinsteigert, bis die Katastrophe irgendwann nicht mehr zu verhindern ist. Aus Leos Sicht geschildert ist dieser Roman an vielen Stellen fast unerträglich. Sei es die Hilflosigkeit von nahen Angehörigen mitzuerleben, wenn eine nahestehende Person eine psychische Krankheit entwickelt, die fast schon Absurdität, die man beim Lesen empfindet, wenn Paranoia so eindringlich beschrieben wird, dass man, wie Leo selbst in einigen kurzen seltsamen Momenten fast selbst dran glaubt, die Unfähigkeit eigentlich medizinisch geschulten Fachpersonals Vorzeichen zu erkennen und richtig zu deuten, die unglaublich intensive Trauer, die man als Lesende empfindet und die zwischen Leo und Simon dauernd hin und her springt und diese Momente, in denen die Autorin bewusst Grenzen überschreitet, in denen ich die Augen zusammen gekniffen, mehr als einmal tief durchatmen musste, um das Buch dann ganz weit von mir wegzuschieben. Doch ich musste, ich musste diesen Weg mit Leo und Simon zu Ende gehen, ich hatte keine andere Wahl, auch wenn ich mindestens viermal vorher die literarische weiße Flagge geschwungen habe, weil ich nicht mehr konnte und die Autorin fast vor meinem Inneren Augen sehen konnte mit einem abschätzenden Blick und der Aussage auf den Lippen: "Jetzt bist du schon so weit gekommen und willst aufgeben? Geschichten müssen auch so sein und sie müssen erzählt werden." Wie recht sie doch hatte. Doch Vorsicht! "Ich bin nicht da" ist eine literarische Herausforderung, es ist kein Buch, bei dem du am Ende mit einem guten Gefühl heraus gehst, eher das Gegenteil. Denk aber dann auch nicht, du wirst sie schnell vergessen, denn auch das wird nicht passieren. Dieses Buch hämmert sich in deinen Kopf ein, doch es ist auch ein unglaubliches Beispiel für Empathie, für Mitgefühl, für mehr Aufmerksamkeit gegenüber seinen Mitmenschen. Für das Gefühl gesehen zu werden. Da zu sein, auch wenn der Titel es nicht so meint.

May 30, 2023
576 Seiten in zweieinhalb Tagen. Und immer noch weiß ich nicht, ob ich "Ich bin nicht da" von Lize Spit inhalieren musste, weil so eindrücklich, intensiv und wahnsinnig beklemmend geschrieben war- oder, weil ich es einfach hinter mich bringen musste. Diesen Roman bis zur letzten Seite zu lesen, um ihm dann möglichst weit von mir wegzuschieben, mich fast vor ihm in einer Ecke zu verstecken. Hauptsache, er war zu Ende, hauptsache er war weg. Ich glaube jetzt am Ende: es war eine Mischung aus beidem. Oft musste ich mich zwingen wieder hochzukommen aus diesem Strudel, in den mich diese Geschichte geschubst hat, musste das fast schon kiloschwere Gewicht, das sich auf meine Brust beim Lesen gelegt hat mit größter Anstrengung hinunterhieven, musste weg von dieser Geschichte, Abstand zwischen uns bringen, ein Hundespaziergang, eine Nacht schlafen, oft auch ein paar Seiten eines anderen Buches, insgeheim manchmal sogar ein bisschen hoffen, sie wäre weg, wenn ich nach Hause komme oder wieder aufwache. Doch sie war da, immer, sie wartete geduldig auf mich. Weil sie wusste, dass ich nicht anders konnte, als sie zu Ende zu lesen. Denn da ist noch die andere Seite der Geschichte, das Tragische, das in ihr passiert in Relation zu setzen in der Art und Weise, wie es erzählt wird. Meisterhaft, nichts anderes ist das, was Lize Spite in "Ich bin nicht da" macht. Unglaublich intensiv, empathisch und eindringlich erzählt sie von Leo und Simon, die seit zehn Jahren ein Paar sind, die sich in und auswendig kennen und alles voneinander wissen. Simon ist Leos wichtigster Mensch auf der Welt, bei ihm fühlt sie sich sicher und ihm kann sie alles anvertrauen bis zu dem Tag, an dem Simon mitten in der Nacht nach Hause kommt, völlig überdreht von einer seltsamen Idee berichtet, die ihrer beider Leben völlig verändern sollte. Denn diesen Simon kennt Leo nicht mehr. Innerhalb weniger Wochen wird er ein völlig anderer Mensch, der sich immer wahnhafter in abstrusen Ideen und irgendwann auch Paranoia hineinsteigert, bis die Katastrophe irgendwann nicht mehr zu verhindern ist. Aus Leos Sicht geschildert ist dieser Roman an vielen Stellen fast unerträglich. Sei es die Hilflosigkeit von nahen Angehörigen mitzuerleben, wenn eine nahestehende Person eine psychische Krankheit entwickelt, die fast schon Absurdität, die man beim Lesen empfindet, wenn Paranoia so eindringlich beschrieben wird, dass man, wie Leo selbst in einigen kurzen seltsamen Momenten fast selbst dran glaubt, die Unfähigkeit eigentlich medizinisch geschulten Fachpersonals Vorzeichen zu erkennen und richtig zu deuten, die unglaublich intensive Trauer, die man als Lesende empfindet und die zwischen Leo und Simon dauernd hin und her springt und diese Momente, in denen die Autorin bewusst Grenzen überschreitet, in denen ich die Augen zusammen gekniffen, mehr als einmal tief durchatmen musste, um das Buch dann ganz weit von mir wegzuschieben. Doch ich musste, ich musste diesen Weg mit Leo und Simon zu Ende gehen, ich hatte keine andere Wahl, auch wenn ich mindestens viermal vorher die literarische weiße Flagge geschwungen habe, weil ich nicht mehr konnte und die Autorin fast vor meinem Inneren Augen sehen konnte mit einem abschätzenden Blick und der Aussage auf den Lippen: "Jetzt bist du schon so weit gekommen und willst aufgeben? Geschichten müssen auch so sein und sie müssen erzählt werden." Wie recht sie doch hatte. Doch Vorsicht! "Ich bin nicht da" ist eine literarische Herausforderung, es ist kein Buch, bei dem du am Ende mit einem guten Gefühl heraus gehst, eher das Gegenteil. Denk aber dann auch nicht, du wirst sie schnell vergessen, denn auch das wird nicht passieren. Dieses Buch hämmert sich in deinen Kopf ein, doch es ist auch ein unglaubliches Beispiel für Empathie, für Mitgefühl, für mehr Aufmerksamkeit gegenüber seinen Mitmenschen. Für das Gefühl gesehen zu werden. Da zu sein, auch wenn der Titel es nicht so meint.
May 30, 2023







