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Etwas erstrahlt Etwas glänzt im Zwielicht Dann ein Schatten
Wie das Zitat von Seite 128 zeigt, ist die koreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang in diesem Werk zu ihren lyrischen Wurzeln zurück gekehrt. Obwohl auf dem Cover von "Griechisch Stunden" der Hinweis "Roman" zu lesen ist, enthält dieser Text wesentlich mehr lyrische Elemente als Prosa. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass dieses Werk von Anfang an beim Lesenden Irritationen weckt, die vielleicht auch in der Absicht der Autorin lagen. Denn sie testet hier ganz unverhohlen die Grenzen des Sagbaren aus und philosophiert auf ihre eigene Art über Sprache, Bewusstsein und zwischenmenschliche Interaktionen. Das Buch muss polarisieren, das ist klar. Aber die Frage an den Text lautet: wurde hier die bestmögliche Form der Darlegung gewählt? - Diese Frage muss jeder Lesende für sich selbst beantworten. Manche halten Lyrik für unübersetzbar, da sich allein durch die Kombination einzelner Wörter - in manchen Sprachen auch durch Silben - ein ganz eigener Rhythmus entsteht, der dem Lesenden über den eigentlichen Wortsinn hinaus Botschaften vermittelt. Bestimmt kann man die wertvolle Arbeit der Übersetzerin Ki-Hyang Lee nicht hoch genug einschätzen, dennoch bleibt die Frage offen, ob der Text eine ganz andere Bedeutung beim Lesen hätte, könnte man ihn im Original lesen. Nicht nur der Text entzieht sich der Prosaform, auch die Figuren wirken seltsam reduziert. Dabei sind nur zwei Figuren im Text wesentlich: Die schwarzgekleidete Studentin, die nicht (mehr) spricht und der Lehrer, der zunehmend sein Augenlicht verliert und völlig auf seine Brille angewiesen ist. Die Sprache, die im Unterricht vermittelt wird, ist Altgriechisch - eine Tote Sprache. "Kurz vor dem Notausgang, der ins Treppenhaus führt, taucht hinter ihr jemand auf und berührt sie am Arm. Erschrocken dreht sie sich um. Es ist das erste Mal, dass der Griechischlehrer so dicht vor ihr steht. Er ist nicht so groß, wie er auf dem Podest wirkt, und sein Gesicht scheint auf einmal um Jahre gealtert. "Ich wollte Sie wirklich nicht in Verlegenheit bringen," stößt er außer Atem hervor. Dann kommt er noch näher: "Vielleicht hören Sie mich auch nicht?" Er hebt die Hände und fährt in Gebärdensprache fort. Dann wiederholt er die Gesten noch einmal und spricht langsam dazu, damit sie ihn versteht." Wer nach diesem Zitat von Seite 73 die verzweifelte Mühe des Lehrers fühlt, kann vielleicht erahnen, welche Emotionen bei der Lektüre dieses Romans aufkommen, wenn man versucht, den Text in seiner vollen Bedeutung zu entschlüsseln. Doch das Schreiben von Han Kang bleibt hier bewusst distanziert, wirkt in emotionalen Momenten zu konstruiert und bleibt insgesamt fast so geschlossen, wie die Lippen der Protagonistin. Und vielleicht ist dieser Leseeindruck von der Autorin beabsichtigt, die auf Seite 198 von "Herzen, die sich berühren, ... Lippen, die einander ertasten, und sich dennoch für immer verfehlen," schreibt. FAZIT Wäre dieses Buch ein Gemälde oder ein Kunstwerk, wüsste ich seinen Wert wohl zu schätzen, aber ich würde nicht extra in das Museum gehen oder die Ausstellung besuchen, wo es zu betrachten ist. Dies war mein zweiter Versuch, mich dem Schreiben von Han Kang zu widmen und muss leider feststellen, dass mein persönlicher Eindruck weiterhin gemischt ist. Vor allem auch die Art und Weise wie sie optische Merkmale einer Figur mit Charaktereigenschaften verbindet, finde ich nicht ganz unproblematisch. Natürlich dürften hier auch kulturelle Prägungen eine Rolle spielen, trotzdem trägt dieses Detail zu den negativen Aspekten des persönlichen Leseeindrucks bei. Die poetische Stimmung im Text habe ich durchaus genossen und habe die Momente zarter Melancholie aufgesogen. Aber für einen Prosatext fehlte mir eindeutig die Substanz. Mehr Handlung, meinetwegen auch mehr vom Inneren Dialog, wäre wünschenswert gewesen - finde ich. Was macht für Dich ein Roman aus?
May 27, 2026
Etwas erstrahlt Etwas glänzt im Zwielicht Dann ein Schatten
Wie das Zitat von Seite 128 zeigt, ist die koreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang in diesem Werk zu ihren lyrischen Wurzeln zurück gekehrt. Obwohl auf dem Cover von "Griechisch Stunden" der Hinweis "Roman" zu lesen ist, enthält dieser Text wesentlich mehr lyrische Elemente als Prosa. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass dieses Werk von Anfang an beim Lesenden Irritationen weckt, die vielleicht auch in der Absicht der Autorin lagen. Denn sie testet hier ganz unverhohlen die Grenzen des Sagbaren aus und philosophiert auf ihre eigene Art über Sprache, Bewusstsein und zwischenmenschliche Interaktionen. Das Buch muss polarisieren, das ist klar. Aber die Frage an den Text lautet: wurde hier die bestmögliche Form der Darlegung gewählt? - Diese Frage muss jeder Lesende für sich selbst beantworten. Manche halten Lyrik für unübersetzbar, da sich allein durch die Kombination einzelner Wörter - in manchen Sprachen auch durch Silben - ein ganz eigener Rhythmus entsteht, der dem Lesenden über den eigentlichen Wortsinn hinaus Botschaften vermittelt. Bestimmt kann man die wertvolle Arbeit der Übersetzerin Ki-Hyang Lee nicht hoch genug einschätzen, dennoch bleibt die Frage offen, ob der Text eine ganz andere Bedeutung beim Lesen hätte, könnte man ihn im Original lesen. Nicht nur der Text entzieht sich der Prosaform, auch die Figuren wirken seltsam reduziert. Dabei sind nur zwei Figuren im Text wesentlich: Die schwarzgekleidete Studentin, die nicht (mehr) spricht und der Lehrer, der zunehmend sein Augenlicht verliert und völlig auf seine Brille angewiesen ist. Die Sprache, die im Unterricht vermittelt wird, ist Altgriechisch - eine Tote Sprache. "Kurz vor dem Notausgang, der ins Treppenhaus führt, taucht hinter ihr jemand auf und berührt sie am Arm. Erschrocken dreht sie sich um. Es ist das erste Mal, dass der Griechischlehrer so dicht vor ihr steht. Er ist nicht so groß, wie er auf dem Podest wirkt, und sein Gesicht scheint auf einmal um Jahre gealtert. "Ich wollte Sie wirklich nicht in Verlegenheit bringen," stößt er außer Atem hervor. Dann kommt er noch näher: "Vielleicht hören Sie mich auch nicht?" Er hebt die Hände und fährt in Gebärdensprache fort. Dann wiederholt er die Gesten noch einmal und spricht langsam dazu, damit sie ihn versteht." Wer nach diesem Zitat von Seite 73 die verzweifelte Mühe des Lehrers fühlt, kann vielleicht erahnen, welche Emotionen bei der Lektüre dieses Romans aufkommen, wenn man versucht, den Text in seiner vollen Bedeutung zu entschlüsseln. Doch das Schreiben von Han Kang bleibt hier bewusst distanziert, wirkt in emotionalen Momenten zu konstruiert und bleibt insgesamt fast so geschlossen, wie die Lippen der Protagonistin. Und vielleicht ist dieser Leseeindruck von der Autorin beabsichtigt, die auf Seite 198 von "Herzen, die sich berühren, ... Lippen, die einander ertasten, und sich dennoch für immer verfehlen," schreibt. FAZIT Wäre dieses Buch ein Gemälde oder ein Kunstwerk, wüsste ich seinen Wert wohl zu schätzen, aber ich würde nicht extra in das Museum gehen oder die Ausstellung besuchen, wo es zu betrachten ist. Dies war mein zweiter Versuch, mich dem Schreiben von Han Kang zu widmen und muss leider feststellen, dass mein persönlicher Eindruck weiterhin gemischt ist. Vor allem auch die Art und Weise wie sie optische Merkmale einer Figur mit Charaktereigenschaften verbindet, finde ich nicht ganz unproblematisch. Natürlich dürften hier auch kulturelle Prägungen eine Rolle spielen, trotzdem trägt dieses Detail zu den negativen Aspekten des persönlichen Leseeindrucks bei. Die poetische Stimmung im Text habe ich durchaus genossen und habe die Momente zarter Melancholie aufgesogen. Aber für einen Prosatext fehlte mir eindeutig die Substanz. Mehr Handlung, meinetwegen auch mehr vom Inneren Dialog, wäre wünschenswert gewesen - finde ich. Was macht für Dich ein Roman aus?
May 27, 2026







