9. Mai
Rating:5

Ein beeindruckendes Buch, was auf wenigen Seiten, aber mit viel Inhalt das Traumata der Flucht aus dem Heimatland erzählt. Die Protagonisten ist als 6 jährige mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet und berichtet in diesem Buch über das Geschehene und der Verarbeitung ihrer Vergangenheit. Ein bewegendes Buch mit viel Infos zu dem Kosovokrieg und der Geschichte Albaniens, wovon mir einiges noch unbekannt war. Sehr empfehlenswert.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
23. Apr.
Rating:5

Ein eindringliches Zeugnis von Flucht, Identität sowie Zerrissenheit zwischen Kulturen und Zeiten

In „Ë“ setzt sich Jehona Kicaj mit einem zentralen Kapitel jüngerer europäischer Geschichte auseinander. Die namenlose Ich-Erzählerin reflektiert sowohl ihre eigene Geschichte als auch jene ihrer Familie. In den Neunzigerjahren flieht diese vor der Auslöschung durch die serbische Armee nach Deutschland. Die Protagonistin berichtet in vielen Erinnerungen und Rückblenden von ihren Migrationserfahrungen als Kind, aber auch von einschlägigen Erlebnissen als Erwachsene. Zeitgleich setzt sie sich innerlich zunehmend mit dem Schicksal ihrer verstorbenen wie lebenden Angehörigen im Kosovo auseinander. Ihre Schilderungen sind sehr authentisch, wenngleich stets fragmentarisch. Letzteres könnte man als Schwäche auslegen; ich meine jedoch, dass Jehona Kicaj auf diese Weise sehr gelungen die innere Zerrissenheit der Protagonistin darstellt, die zwischen mehreren scheinbar nicht zu vereinbarenden Welten lebt. Immerfort bedient sie sich der Motive der Sprachlosigkeit (daher auch der Titel „Ë“, ein Laut, der im Albanischen oftmals verstummt), der forensischen Anthropologie sowie des Bruxismus, was wiederum teils plakativ wird. Es ist ein Buch, das mitunter von Unsäglichem berichtet, ohne den Figuren jedoch allzu viel Raum für Tiefe oder Entwicklung zu geben. Mich persönlich hat das Buch auf mehreren Ebenen zuriefst bewegt und sich dadurch einen besonderen Platz in meiner Bibliothek verdient. Zum einen weiß ich die Einzigartigkeit der albanischen Sprache sehr zu schätzen und war für jeden albanischen Satz und jedes albanische Wort dankbar. Zum anderen konnte ich die meisten Erfahrungen der Protagonistin als Migrantin nachvollziehen; zugleich weiß ich, wie es ist, (nicht mehr wirklich, aber doch irgendwie) einem unterdrückten Volk anzugehören, welches im imperialen Wahn eines vermeintlich „größeren“ Volkes stumm gemacht, „umerzogen“ und ausgelöscht werden soll(te). Wenn man eines Tages Fotos und Videos von durch Krieg entstellten Orten der eigenen Kindheit sieht, übersät mit Bombenkratern und Einschusslöchern, Leichen auf dem einstigen Kindergartenweg, Ruinen der einstigen Grundschule und von Panzern zerfahrenen Straßen, auf denen man als Kind mit Freund*innen gespielt hatte, wenn man Familienmitglieder in Bombenkellern zu erreichen versucht, wenn man in den Nachrichten jedes Mal hofft, weder bekannte Orte noch Gesichter zu erkennen, wenn jedes Telefonat ein letztes sein kann, wenn du hoffst, dass ein Ende, wenn es für Bekannte und Verwandte unvermeidbar wäre, doch zumindest ein schnelles und schmerzloses sein möge, geht in dir etwas kaputt. Dabei hat man das Grauen nicht selbst vor Ort durchleben müssen und doch Krieg erfahren, in Angst um Angehörige gelebt und eine andere grausame Art von Machtlosigkeit erfahren. Nicht zuletzt werden dabei die einstigen Orte deiner Kindheit ausgelöscht – es ist keine Frage der bloßen räumlichen Entfernung mehr. Jene Orte scheinen nunmehr einer anderen Welt anzugehören, welche dir unwiederbringlich und willentlich genommen wurde. Was die Serben den Bosnier*innen angetan haben, taten sie auch den Kosovar*innen an: auch Kosovo hatte sein „Srebrenica“. Immer wieder aufs Neue führt es die Protagonistin in die Heimat ihrer Eltern, wenngleich oder gerade weil sie ihr so nah und zugleich so fremd ist. Ein bewegendes Buch.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
21. Apr.
Rating:5

Ganz ganz tolles Buch

Ich hatte bis jetzt Abstand genommen weil es ein nominiertes Buch für den Buchpreis war. Dann sah ich die Autorin auf der LBM und sie las daraus vor. So klar, ruhig und berührend. Das Buch erzählt von Sprache, Erinnerung, Vergessen und dem Konflikt auf dem Balkan. Wovon wir viel zu wenig wissen! Absolute Leseempfehlung!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
9. Apr.
Rating:5

Traurig und schön zugleich

Jehona erzählt in ihrem Buch über ihre Heimat: Kosovo. Sie erzählt wie für sie die Anfangszeit in Deutschland war, aber auch wie ihre Familie den Krieg erlebt hat und welche Spuren, der Krieg, bis heute hinterlassen hat. Für mich, als jemand die selber Wurzeln aus dem Kosovo hat, war das Buch total emotional aber auch schön zugleich. Jehona hat mich auch Dinge aufmerksam gemacht, bzw. aufgeklärt, über die ich mir vorher gar nicht so bewusst war. Zudem hat sie mir nochmals deutlich mehr gezeigt was für Wunden die Menschen noch tragen und wie sehr der Krieg jeden noch bis heute beeinflusst. Zudem kommt Jehonas Familie aus Suharëka. Meine Familie stammt aus der Nachbarstadt, weswegen dieses Buch auch, für mich, sehr persönlich war. (Achtung spoiler im restlichen Absatz) Zb erzählt sie davon wie eine Bombe mehrere Menschen albanischer Herkunft ums Leben gebraucht hat. Mein Onkel hatte diese Bombe einschlagen sehen. Bis heute lässt es die Menschen dort nicht los. Ich empfehle jedem mit wurzeln aus dem Kosovo, aber auch Leuten die sich einfach dafür interessieren, das Buch zu lesen. Die Autorin erzählt aus so einer persönlichen Sichtweise, dass man total mitfühlen kann.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
4. Apr.
Alles andere als sprachlos: 170 Seiten, die nachhallen
Rating:4.5

Alles andere als sprachlos: 170 Seiten, die nachhallen

What a ride 🥲 Bevor ich ins Buch gestartet bin, dachte ich: „Es geht um Sprachlosigkeit.“ Im Zug hatte ich dann Zeit und konnte direkt die Hälfte in einem Zug wegatmen. Alles, was mir dabei in den Sinn kam: Das ist alles andere als ein Buch über Sprachlosigkeit. Denn die Erzählerin, die als Kind aus dem Kosovo flüchten musste und in Deutschland nach Verständnis sucht, stößt hier auf etwas ganz anderes: auf Wissenslücken, auf Unverständnis und auf das Gefühl, mit der eigenen Geschichte oft allein zu sein. Die Autorin findet wunderbare Worte für verdammt komplexe Situationen und vermittelt sie sehr, sehr gut. Klar, in einigen beschriebenen Momenten bleibt die Erzählerin sprachlos, aber eben nicht immer. Und je mehr ich mich hineingefühlt und mich von dem Gedanken der „Sprachlosigkeit“ verabschiedet habe, desto begeisterter wurde ich. Auf etwa 170 Seiten habe ich so viele Emotionen miterlebt, tiefe Einblicke bekommen und dabei auch noch einiges gelernt. Danke, Jehona Kicaj! 🤍

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
30. März
Rating:2.5

Konnte dem Thema leider nicht gerecht werden.

Für mich persönlich leider zu nüchtern, zu emotional unnahbar, zu wenig historischer Kontext. Da der Roman sehr dokumentarisch ist, fehlen mir auch an einigen Stellen konkretere Quellenangaben. So war es für mich nur ein okayes, etwas träges Leseerlebnis. Bei einem so wichtigen, hier in DE absolut unterrepräsentierten Thema ein ziemliches Versäumnis.

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27. März
Rating:5

Im Angesicht des Krieges geht die Sprache verloren

Die Autorin beschreibt anhand ihrer eigenen Erinnerungen sowie der ihrer Familie und Bekannten, wie der Krieg im Kosovo ihr Leben bis heute prägt – obwohl sie selbst nie direkte Zeugin war. Man könnte meinen, eine Ausreise Jahre vor Kriegsbeginn würde schützen. Doch weit gefehlt. Traumata werden weitergegeben und wirken über Generationen und Ländergrenzen hinaus. Besonders eindrücklich fand ich das wiederkehrende Unverständnis im aufnehmenden Deutschland – ein Unwissen, das die Erfahrungen der Betroffenen oft unsichtbar macht. Gleichzeitig erzählt das Buch von einem Dazwischen: nicht ganz hier, nicht ganz dort. Von der Suche nach Zugehörigkeit, nach Sprache, nach einem Platz. Gerade die Sprache selbst wird dabei zum Thema. Das „ë“ steht für Identität, für Herkunft – aber auch für das, was verloren geht oder sich nur schwer übersetzen lässt. Das Buch liest sich stellenweise wie eine Sammlung von Erinnerungen und Fragmenten, weniger linear als tastend. Für mich passt das gut, weil es dem Erleben von Erinnerung und Weitergabe von Trauma sehr nahekommt. Ich bin dankbar, dieses Buch gelesen zu haben: dafür, mehr über den Kosovo erfahren zu haben, und für diesen sensiblen Zugang zu Sprache, Herkunft und dem, was bleibt.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
21. März
Rating:5

ë von Jehona Kicaj stand zu Recht auf der Shortlist der Bücher, die 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurden. Das Buch hat mich sehr berührt und ich bedauere es sehr, dass ich der Kosovo-Krieg bei den meisten von uns in Vergessenheit geraten ist. Die Ich-Protagonistin ist im Kosovo geboren und kam als Kleinkind nach Deutschland. Zuhause wurde Albanisch gesprochen und albanisches Fernsehen geschaut. Der Kontakt zur Familie im Kosovo war eng, die Familie besuchte den Kosovo jedes Jahr mit dem Bus. Die Protagonistin beschreibt die Demütigungen an der serbisch-albanischen Grenze. Die Grenzbeamten mussten bestochen werden, um den Bus durchfahren zu lassen. So musste der 15jährige Bruder seine nagelneuen Turnschuhe ausziehen und barfuß weiterfahren. Über 1.600 Menschen sind während des Kosovo-Krieges verschollen, die meisten wurden getötet und in anonymen Massengräbern verscharrt, so wahrscheinlich auch der Großvater, von dem seit 1999 niemand mehr gehört hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, an einen früheren Ort zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. Für mich gab es immer nur Zerstörung.“ (S. 66) Ihre Traumata verarbeitet die Ich-Protagonistin im Schlaf, sie knirscht so extrem mit den Zähnen, dass diese schon fast komplett zerstört sind. Der Zahnarzt empfiehlt ihr zunächst eine Osteopathin, später eine Psychotherapie. Sehr schockiert hat mich die Vergiftung albanischer Kinder. „Es gab viele Gerüchte, warum diese Vergiftung stattgefunden haben. Manche sagten, das Milosevic-Regime wollte mit der gezielten Vergiftung von albanischen Schülern und Studenten die Bevölkerung dezimieren. Andere meinten: Das Regime zerstöre Schulen, um die Weiterbildung unserer Jugend zu stoppen. Wir sollten das ungebildete Volk bleiben, das wir in deren Augen ohnehin schon waren.“ (S. 146) Der Krieg endete nach dem Eingreifen der NATO. Slobodan Milosevic starb im März 2006 in der Untersuchungshaft des UN-Tribunals in Den Haag, bevor ein Urteil über ihn gesprochen werden konnte. Ich möchte euch das Buch von Jehona Kicaj ans Herz legen, die Grausamkeiten und Kriegsverbrechen im Kosovo dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
16. März
Rating:5

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ Jehona Kicaj berichtet durch Ihre Protagonistin fragmentarisch, in Bruchstücken von Kindheitserinnerungen in vermeintlicher Sicherheit in Deutschland , von Besuchen bei Verwandten im Kosovo, von Alltagsrassismus, von sich im Körper manifestiertem Grauen, von der Recherche und Auseinandersetzung mit dem Krieg im Kosovo. Im Besonderen geht es um Sprache, Sprachlosigkeit und Schweigen. Der fragmentarische Text ist eher still und undramatisch, bekommt aber durch eine sehr gelungene Symbolik und seine eindringliche Sprache, eine sehr emotionale Tiefe ohne erdrückende Schwere. Er bietet einige Leerstellen, die mit eigenen Gedanken gefüllt werden können und wahrscheinlich auch sollen. Eine Aufgabe, die ich mir gerne gestellt habe. Ein wichtiges literarisches Werk gegen das Vergessen der Gräueltaten im Kosovo. Ein Debüt, welches mich sehr beeindruckt hat, somit eine klare Leseempfehlung!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
12. März
Rating:5

Dieses Buch war so außergewöhnlich, herzzerreißend und berührend. Die Autorin hat wahnsinnig gut und eindrucksvoll über eine Sprachlosigkeit in verschiedenen Facetten geschrieben. Auch wenn es relativ kurz ist, werden Themen wie Trauer, Verlust und Trauma sehr gut beleuchtet und ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, das etwas zu kurzkommt oder fehlt. Ich habe wahnsinnig viel gelernt und kann es nur empfehlen!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
3. März
Dieses Buch hinterlässt Spuren - über die stummen Opfer von Diskriminierung und die Schönheit von Sprache
Rating:5

Dieses Buch hinterlässt Spuren - über die stummen Opfer von Diskriminierung und die Schönheit von Sprache

🦷Wer hätte das gedacht: Ein Zahnarzt-Besuch als Aufhänger für eine Geschichte mit so viel Tiefgang. Die Erzählerin im Roman ë ist Albanerin, floh als Kind kurz vor Beginn des Kosovo-Krieges und ist nun in Deutschland mit der Fremde konfrontiert. In lose zusammenhängenden Erzählungen erleben wir ihre Erfahrungen mit Diskriminierung, dem Leben in der Diaspora und der Aufarbeitung des Krieges. Im Fokus liegt jedoch ihr Verhältnis zur identitätsstiftenden albanischen Sprache, die ihr zunehmend entgleitet. Sie kann so viele Gräueltaten nicht aussprechen, versucht die Andersartigkeit ihrer Sprache zu kaschieren und erlebt wenig Wertschätzung für ihr eigenes Sprachsystem. Ihr Mund wird zu einem Gefängnis, die Zähne aus Gitterstäben, die sie fester presst, bis sie anfangen zu brechen – ein geniales sprachliches Bild! Und wie schön ist die albanische Sprache, die immer wieder in den Text eingestreut wird. Die Stärke des Buches liegt in der Authentizität der einzelnen Erlebnisse. Es bleibt unklar, was fiktiv und was autobiographisch ist. Die Diskriminierung wird hier nicht radikal dargestellt, sondern verbirgt sich in vielen unterschwelligen Interaktionen. Die Menschen gehen selten böse mit der Erzählerin um, aber zeigen eine erschütternde Ignoranz ihrer Leidensgeschichte gegenüber. Genau das hinterlässt Wunden. Ë entlarvt schonungslos unsere Perspektive auf den Kosovo-Krieg, wo die albanische Perspektive meist nur ein Nebenschauplatz ist. Das Buch hat eine Mischung aus warmherzigen Szenen (meist im Kosovo) und traurigen Szenen. Bei den Schilderungen aus der Kita und der Schule möchte man die Erzählerin einfach nur in den Arm nehmen. Im Studium mischt sich Wut dazu. Gleichzeitig erfahren wir durch eine Vorlesung sowie die Erzählungen von Verwandten über den Horror des Krieges und die Wehmut der Flucht. In Deutschland bleiben ihnen nur wenige letzte Erinnerungen wie die immer gleiche Musik-Kassette, an die sie sich klammern können. Gerne hätte ich einige Geschichten noch länger erlebt, und mir fehlt teilweise die ordnende Perspektive. Aber vielleicht soll genau das die Botschaft sein: Es ist unsere Aufgabe, uns über den Krieg und die Realität von Geflüchteten zu informieren, Leerstellen unseres eigenen Wissens zu erkennen und der Erzählerin endlich die Stimme zurückzugeben.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
27. Feb.
Ein leiser Blick auf die Vergangenheit
Rating:3.5

Ein leiser Blick auf die Vergangenheit

„ë“ ist ein Roman über den Krieg im Kosovo und seine Nachwirkungen. Erzählt wird in kurzen Einblicken aus dem Leben einer Geflüchteten, die nach Deutschland kommt. Viele dieser Szenen sind bewusst nüchtern beschrieben. Genau das hat mir gefallen, weil mir die emotionale Einordnung selbst überlassen wurde. Besonders stark fand ich die Perspektive einer Protagonistin aus meiner Generation. Dadurch wurde ein Thema, das ich als Kind nur am Rande mitbekommen habe, sehr nahbar. Das Buch hat mir eine Lebensrealität nähergebracht, die ich rückblickend historisch so nie wirklich auf dem Schirm hatte. Durch den ständigen Vergleich mit meiner eigenen Kindheit wurde mir wieder einmal klar, welches Glück man im Leben hat – und dass man es schätzen sollte. Und dass sich niemand aussuchen kann, wo er geboren wird und was er dort erlebt.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
25. Feb.
Rating:5

Das Buch startet in einer Zahnarztpraxis. Die namenlose Protagonistin hat starke Probleme mit Zähneknirschen – eine Metapher für Sprachlosigkeit, Stille. „Die Wahrheit scheint zu sein: ich zermahle jedes einzelne Wort, bevor ich spreche.“ S. 8 Dies spiegelt auch der Titel ë wider, der Buchstabe steht im Albanischen für einen Laut, der meist nicht ausgesprochen wird. Die junge Frau war mit ihrer Familie im Kleinkindalter aus dem Kosovo geflohen, wuchs dann in Deutschland auf, studierte, kehrte immer wieder in den Kosovo zurück. Wir bewegen uns mit ihr auf mehreren Zeitebenen durch ihre Erinnerungen und begleiten sie in der Gegenwart. Irgendwo zwischen Krieg, Flucht, Trauma, innerem Konflikt und Sprachlosigkeit hat mich dieser großartige Roman direkt ins Herz getroffen – eine ganz klare Leseempfehlung, sowohl wegen der Wichtigkeit der Themen als auch wegen des grandiosen Schreibstils. „Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ S. 11

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
22. Feb.
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Rating:4.5

„ë“ von Jehona Kicaj ist ein Roman über das Leid kosovarischer Familien, der letztes Jahr auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. Das, worüber die Autorin darin schreibt, handelt von einer tief sitzenden Sprachlosigkeit, einem kollektiven Trauma, das sich in die Protagonistin eingeschrieben hat. Ein Trauma, das sich psychosomatisch in ihr eigenes Zentrum der menschlichen Verlautbarung von Sprache wortwörtlich festgebissen hat, verkrampft und Druck ausübt. So sitzt sie zu Beginn beim Zahnarzt, da sie an Bruxismus leidet. Sie zermalmt und zerknirscht ihre eigenen Zähne, bekommt eine Schiene, jedoch bleibt das Knirschen bestehen. Später rät ihr Zahnarzt, sie müsse eine Selbstsuche beginnen, um herauszufinden, was den aufgestauten Druck auslöse. „Ich sehe ihn an, will ihm antworten: Ich suche nach Sätzen, an denen noch keiner gekaut hat, und zerbeiße mich dann an ihnen.“ (S. 159) „ë“ handelt von keiner Selbstsuche nach einem individuellen Problem. Es ist eine Geschichte von Demütigung, von Bevormundung und von europäischen Ausblenden, was Kosovo anbelangt. Eine Geschichte, die nach Gehör verlangt - von jedem einzelnen von uns. Jehona Kicaj versucht aus einer Perspektive der Diaspora dem Leid vieler kosovarisch-albanischer Familien, die unter der massiven Gewalt serbischen Paramilitärs der Jugoslawienkriege litten, eine Sprache zu verleihen. Die Verluste von Besitz und Familie und Heimatlosigkeit werden über Dritte fotodokumentarisch, zumeist aber über das Medium der albanischen Sprache und kosovarischer Widerstandslieder zum zentralen Verhandlungspunkt in „ë“ Die albanische Sprache als verbindendes Element dient dem Ausdruck kollektiver Erinnerung und wird anekdotisch-biografisch eingebettet. Was dabei auffällt, ist, dass die Erinnerungen bis in die Gegenwart nachwirken, sie bestehende Leerstellen in der Aufarbeitung aufzeigen und so ein mahnend-authentisches Bild vieler kosovarischer Erfahrungen nachzeichnen. „ë“ ist kein Roman, der nach Rache oder Vergeltung sucht, sondern für Empathie und Verständnis für Kosovo wirbt - und das gelingt ausgesprochen gut.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
13. Feb.
Rating:4

Von Sprache und Sprachlosigkeit

„ë“ von Jehona Kicaj ist ein stilles, sprachmächtiges Debüt über Flucht, Verlust und das Aufwachsen zwischen zwei Welten. Im Zentrum steht die Tochter kosovarischer Geflüchteter, die in den 1990er-Jahren nach Deutschland kommt und sich eine neue Sprache, eine neue Identität und einen Platz in dieser Gesellschaft erarbeiten muss – während der Kosovokrieg aus der Ferne ihr Leben dennoch durchzieht. Der titelgebende Buchstabe „ë“, im Albanischen oft stumm und doch bedeutungstragend, wird dabei zum Symbol für das Dazwischen, für Unsichtbares und Ungesagtes. Für mich ist dieses Buch vor allem ein wichtiger Text. Gelesen habe ich es, weil es auf der Shortlist für den Buchpreis stand, geblieben ist es wegen seiner thematischen Wucht. Kicaj zeigt, wie sehr Sprache zur Überlebensstrategie werden kann: Das Deutsche eignet sich die Protagonistin beinahe überperfekt an, als Beweis ihrer Zugehörigkeit, vielleicht auch als Legitimation, hier sein zu dürfen. Gleichzeitig entgleitet ihr das Albanische. Es bleibt ein konserviertes Albanisch, eingefroren im Moment der Ausreise, das sich im Ausland nicht weiterentwickeln konnte. Dieser Riss zwischen Sprachen und Kulturen, dieses permanente Dazwischen, dürfte vielen migrantischen Menschen vertraut sein. Ebenso stark ist der Blick auf ein Leben im Schatten eines Krieges, der räumlich fern und emotional doch allgegenwärtig ist: über Telefonate, Fernsehberichte, später über YouTube-Videos und Bücher. Während die Cousine im Kosovo bleibt und von Gewalt und Unsicherheit berichtet, wächst die Protagonistin in Deutschland vergleichsweise behütet auf – nicht ohne eigene Erfahrungen von Ausgrenzung, Ignoranz und Zuschreibungen. Daraus entsteht ein Gefühl von Schuld und das ständige Relativieren der eigenen Schwierigkeiten: Ja, wir sind arm, aber wenigstens sind wir hier sicher. Ich selbst bin in einer ähnlichen Zeit aus einem anderen ex-jugoslawischen Land nach Deutschland geflüchtet und konnte viele Situationen unmittelbar nachempfinden. Dieses Sich-Hineinwerfen in die deutsche Sprache, das Definieren des eigenen Selbstwerts über sprachliche Perfektion; die leise Scham darüber, Familie im Krieg zurückgelassen zu haben; das gleichzeitige Wissen um das eigene Privileg der Sicherheit – all das hat mich sehr berührt. Kritisch sehe ich allerdings, dass die Nebenfiguren oft auffallend einseitig gezeichnet sind. Ob Kindergärtnerin, Lehrerin oder Studienfreundin; Ablehnung und Unverständnis ballen sich, sodass es stellenweise wirkt, als habe die Protagonistin ausschließlich negative Erfahrungen gemacht. Figuren wie Elias erscheinen eher als Projektionsflächen oder erklärende Gegenpole denn als vielschichtige Charaktere. Das nimmt dem Roman punktuell etwas Tiefe. Dennoch: Sprachlich ist „ë“ eindringlich, präzise und poetisch, besonders in seinen leisen Momenten. Für mich sind es 4 von 5 Punkten und auf jeden Fall ein Debüt, von dem ich mir mehr erhoffe.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
12. Feb.
Rating:4.5

Still und gewaltig

Der Roman behandelt auf wenigen Seiten die Themen Trauer, Schmerz, und Verlust von Heimat und Sprache. Die Ich-Erzählerin kam als sechsjähriges Mädchen aus dem Kosovo nach Deutschland. Sie musste sich anpassen, ihre Muttersprache und ihre Eigenheiten unterdrücken und hat nun als Erwachsene mit massiven Kieferschmerzen zu kämpfen. Diese führt ihr Zahnarzt auf unausgesprochene Konflikte zurück. Sie geht in Gedanken an ihre Kindheit zurück, an den Kosovo Krieg, den Konflikt zwischen Albanern und Serben und ihre schwierigen Anfänge in Deutschland. Es werden viele Einzelheiten des Krieges und des Konfliktes, die mir gar nicht so bekannt waren in kurzen prägnanten Abrissen deutlich gemacht. Ich bin immer wieder überrascht, wie Bücher mit wenig Seiten doch so viel Substanz beinhalten können. Warum so ein Buch nicht den Deutschen Buchpreis bekommen hat, frage ich mich hier ernsthaft.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
24. Jan.
Rating:5

Eine herzzerreißende Geschichte, die niemals auserzählt sein sollte

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
19. Jan.
Rating:4

Wenn die Sprache fehlt…

Albanisch- das ist die Muttersprache der Erzählerin, die aus dem Kosovo stammt und mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert ist. Das Werk besteht aus einzelnen Episoden, in denen es um ihre Kindheit, Besuche in der Heimat, Alltagsdiskriminierung, Gespräche mit ihrem Freund Elias oder um einen Vortrag über den Kosovo-Krieg geht. Verbunden wird das alles durch die Zahnarztbesuche, da sie auf Grund ihres Knirschens behandelt werden muss. Über allem schwebt damit zusammenhängend eine große Sprachlosigkeit, die die Erzählerin erlebt. Man merkt dem Buch eine große Verbitterung der Protagonistin an, die all das erlebt hat. Die Metapher mit den Zähnen hat mir sehr gut gefallen. Die Stärke des Werkes ist außerdem, dass es darauf aufmerksam macht, wie wenig man über die Schrecken des Kosovo-Kriegs weiß und anregt, sich damit zu beschäftigen. Insgesamt war mir das Werk jedoch zu fragmentarisch und dadurch zu distanziert. Trotz Sprachlosigkeit hätte dem Buch ein bisschen mehr „erzählen“ und ein paar mehr Seiten wirklich gut getan, um den Leser noch etwas mehr in die Geschehnisse zu ziehen und Kontexte herzustellen. So war es leider nur eine Aneinanderreihung von einzelnen Anekdoten.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
15. Jan.
Rating:5

Mein erstes Highlight in 2026

Mit 160 Seiten ist es kein dickes Buch, aber unglaublich fesselnd geschrieben, obwohl das Thema nicht einfach ist. Es handelt vom Kosovo-Krieg, von den Kosovaren*innen, wie sie nach Deutschland kamen oder dort leben und welches Leid sie in diesem Krieg erfahren haben. Das Buch beginnt beim Zahnarzt und, vertrau mir, am Ende hängt alles zusammen. Ich schätze Bücher, die mir neue Perspektiven eröffnen und das in einer einfachen, verständlichen Sprache. Die Autorin schreibt mit viel Gefühl und Ruhe, was mich sehr berührt hat. Auf jeden Fall ein Buch, das man lesen sollte.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
12. Jan.
Rating:4

Ein gutes Buch zu einem sehr ernsten Thema. Der Kosovokrieg ist einer der wenigen Kriege in Europa die während meiner Lebenszeit stattgefunden haben. Dennoch findet er medial, wie auch in meiner Schulbildung keine Aufmerksamkeit. Als Startpunkt sich mit der Thematik Kosovo und den Verbrechen Serbiens auseinanderzusetzen fand ich das Buch gut. Es hat an vielen Stellen zum Denken angeregt. Dennoch fand ich es eher zäh zu lesen.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
11. Jan.
Rating:5

Fesselnd und spannend geschrieben

Ich fand das Buch sprachlich sehr gut und auch die Geschichte fesselt. Man lernt doch einiges über das schreckliche Schicksal der Kosovo- Albaner, über den Krieg, der mitten in Europa stattfand und gar nicht so lange her ist. Und über das Schweigen - nicht nur bei den Albanern selbst, sondern auch bei den Serben und den Europäern. Ein sehr gelungenes Buch - unbedingt lesenswert!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
4. Jan.
Rating:4

Ohne viel Hintergrundwissen bin ich in die Lektüre dieses Buches eingestiegen und wurde davon ziemlich bewegt. Durch die Szenen- und Zeitwechsel war ich anfangs etwas verwirrt, bin dann aber schnell in der Geschichte drin gewesen. Das offene Ende lässt mich nachdenklich zurück und zeigt, dass die eigene Geschichte integraler Teil des eigenen Lebens ist.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
1. Jan.
Rating:5

Was, wenn Familiengeschichte nicht nur privat, sondern politisch ist? Eine erschütternde Spurensuche durch Diaspora, Krieg und Erinnerung

Im Zentrum von Jehona Kicajs Roman „ë“ steht eine namenlose Ich-Erzählerin, die in Deutschland lebt und ihre kosovarische Familiengeschichte erkundet, wobei sich die persönliche Ebene zunehmend mit politisch-zeitgeschichtlichen Dimensionen verschränkt. Ausgangspunkt ist das Verschwinden ihres Großvaters im Krieg. Doch statt einer linearen Spurensuche entfaltet Kicaj eine dichte, vielschichtige Erkundungsreise: Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Familiengeschichte und nationaler Erinnerung tastet sich die Erzählerin in das kollektive Unbewusste ihres Herkunftslandes vor, eine Geschichte, die sie als Angehörige der Diaspora nur aus der Distanz erfahren konnte. Diese Distanz erzeugt Reibung, Überraschung und viele Schockmomente, wenn das, was sie zu wissen glaubte, im Prozess des Erzählens neu zusammengesetzt wird. Die Erkenntnisse der Figur laufen dabei oft parallel zu meinen eigenen beim Lesen, meine Erinnerungen an den Kosovo-Konflikt waren nur äußerst verschwommen. So gewinnt nach und nach an Kontur, was bruchstückhaft beginnt. Formal rahmt eine Reihe sachlicher Forensik-Vorträge die persönlichen Reflexionen, eine kluge Entscheidung, die das Thema „verschwundener Körper“ mit Fragen nach Beweis, Deutung und Leerstellen verknüpft. Das Verschwinden des Großvaters bleibt dabei ungelöst, was dem Text eine kraftvolle Offenheit bewahrt. Stilistisch changiert der Roman zwischen Alltagsbeobachtung, Erinnerungsfragment, Sprachreflexion und essayistischer Verdichtung. Eine Zahnarztszene wird zum Sinnbild für das Ringen mit der deutschen Sprache und damit auch zur Projektionsfläche für Disziplinierung, (Über-) Anpassung und Selbstbehauptung. Auch die Beziehung zum deutschen Partner der Hauptfigur wird mit feinem Humor gezeichnet: gutwillig, aber ahnungslos bleibt er eine Randfigur, die stellvertretend für die deutsche Mehrheitsgesellschaft steht. In Motivik und Haltung erinnert das gelegentlich an Texte von Saša Stanišić, Nadire Biskin oder Toxische Pommes. Auch wenn Migrationserfahrung und Alltagsdiskriminierung präsent sind, bleibt das Buch nie darin stecken. Der Fokus liegt klar auf der Erkundung der eigenen Geschichte, als Familiengeschichte, Kriegsgeschichte und sprachlich-literarische Aneignung. Der Text belehrt nicht, sondern tastet sich suchend und oft poetisch an das Unsagbare heran. Das Debüt von Kicaj ist sprachgewaltig, durchkomponiert und zugleich atemlos, eine fordernde, aber lohnende Lektüre, die autobiografisch inspirierte Erzählstränge mit kollektiver Erinnerung und essayistischer Reflexion über Trauma, Sprache und Zugehörigkeit verknüpft.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
29. Dez.
Rating:4.5

Wow, so ein gutes Buch. Ein wichtiges Thema mit leichten Zugängen durch die Ich- Erzählerin. Ich mochte den roten Faden, der sich durch das Buch zog und zugleich die kurzen Abschnitte. Ich möchte mehr zu dieser Thematik lesen.. Es ist tatsächlich das erste Buch, das für den Buchpreis nominiert wurde und mich total überzeugen konnte.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
27. Dez.
Rating:5

Jedem, der über Migration und Flüchtlinge wettert und schimpft, möchte ich dieses Buch schenken.

Das ist ein ganz feinsinniger Roman, der einfühlsam die Perspektive von Menschen zeigt, die in der Fremde versuchen, ihren Platz und eine Sprache zu finden, deren Heimat unwiederbringlich verloren ist, und die mit Schmerz, Trauer und Verlust kämpfen müssen. Das Sprachbild des verspannten Kiefers und der schmerzenden Zähne, das hier einhergeht mit dem Erwerb einer Fremdsprache und dem unbedingten Willen eines Kindes, dazu zu gehören, sich nicht ausgegrenzt zu fühlen, sich im wahrsten Sinne "durchzubeißen", ist ganz wunderbar ausgearbeitet und wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zu Recht war dieses Buch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
25. Dez.
Rating:4.5

Bedrückendes und beeindruckendes Buch über den Kosovo Krieg

Selten habe ich so viel aus einem Buch gelernt. Wir haben einige Bekannte aus dem Kosovo, Freunde meiner Kinder, in Deutschland geboren. Mit den Eltern habe ich viele, viele Stunden verbracht. Niemand spricht über diesen Krieg. Mal schimmert durch, dass ein Vater Soldat war, mal werden die eigenen Kinder undankbar genannt, weil die eigene Kindheit von Armut geprägt war. Aber dass dieses Land erst vor relativ kurzer Zeit so viel Leid und Unterdrückung erfahren hat, war mir nicht klar. Unvorstellbare Gräueltaten und Unterdrückung werden hier geschildert. Ich möchte sie alle in die Arme schliessen und sagen wie froh ich bin, dass diese lieben Menschen hier bei uns in Sicherheit sind. (OMG, wie oft haben meine Kinder als sie klein waren mit den Freunden den albanischen Doppelkopfadler mit den Händen gemacht und ich wusste nicht, was es bedeutet. Ich war blind) Ein eindrückliches Buch.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
18. Dez.
🇽🇰🩷
Rating:5

🇽🇰🩷

Mir ist der Buchstabe "ë" auf dem Buchrücken aufgefallen und habe dann den albanischen Namen gelesen. ENDLICH etwas von meinen Leuten lol. Dieser Roman war wie ein Tagebuch aufgebaut. Die Protagonistin erzählt von ihrem Leben in der Diaspora und davon, wie sie den Kosovokrieg aus sicherer Entfernung mitbekommt. Dazu kommt das innere Bedürfnis der Zugehörigkeit in Deutschland, was nie einfach ist. Das alles wirkt sich physisch auf die Protagonistin aus. Was dieses Buch einfach ECHT macht, ist, dass es auch hätte von meinen Erzählungen kommen können. Es ist so. unfassbar. relatable! Deutsch besser zu können als seine Muttersprache, in Deutschland zu sein während Cousins und Cousinen in meinem Alter mitten im Krieg waren, immer leise zu sein bei der Passkontrolle an der serbischen Grenze, etc. Ich kriege Gänsehaut und möchte weinen bei dem Gedanken was meine und so viele andere Familien im Kosovo durchmachen mussten. Wobei es immer noch sehr sehr präsent ist und in Deutschland einfach unterm Teppich gekehrt wird. Oh und es war SO schön albanische Sätze zu lesen???? Ich hätte nicht gedacht, wie viel mir das bedeuten würde.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
16. Dez.
Rating:5

Ein beeindruckendes Debüt

Der Roman beginnt in einer Zahnarztpraxis. Aber was hat das mit einem Trauma und dem Verlust der Heimat zu tun? Der Autorin gelingt es hier auf unter 200 Seiten eine ergreifende Geschichte über die Folgen des Kosovokrieges - über Gewalt, Vertreibung, Verlust der Heimat, Sprachlosigkeit und über ein von all dem tief traumatisierten Kind - zu schreiben. Das Kind ist die inzwischen erwachsene Ich-Erzählerin und die Problempatientin ihres Zahnarztes. Und beides hat erstaunlich viel miteinander zu tun. Dieses Debüt hat mich nicht nur in seiner sprachlichen und erzählerischen Form extrem beeindruckt sondern auch tief berührt und immer wieder zu Tränen gerührt. Ohne zu Zögern habe ich es auf die Liste meiner Jahreshighlights gesetzt und kann es nur von Herzen empfehlen.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
16. Dez.
Rating:5

Ein sehr gutes Buch, für das man sich neben dem Lesen, auch die Zeit nehmen sollte - wirklich zuzuhören!

Jehona Kicajs Debütroman „ë" hat mich gepackt. Meine Gedanken passen deshalb auch nur schwer in einen knappen Text. Die Autorin schreibt vom Aufwachsen in Deutschland und von ihren kosovarische Wurzeln. Es geht um Sprache, um Identität dahinter und um das Verstummen Sprache und die weitreichenden Folgen. Es ist ein ganz sensibles und feinfühliges Buch, das aber thematisch auch schmerzhaft und gewaltig ist. Ich habe viel gelernt und einmal mehn hinterfragt. Erinnerungskultur ist elementar. Kriege dürfen nicht vergessen werden - Menschen dürfen nicht vergessen werden und die Aktualität dieser Themen ist allgegenwärtig.

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
7. Dez.
Rating:4.5

Der autofiktionale Debütroman von Jehona Kicaj ist sprachlich und stilistisch eine Wucht. In sehr persönlichen Momentaufnahmen erzählt sie vom Aufwachsen in Deutschland, Sprache und Sprachlosigkeit, dem Kosovo und der anhaltenden Suche nach Identität. Dabei sitzt jedes Wort und jeder Satz wirkt wohl überlegt. Besonders markant und gelungen ist dabei die Symbolik der Zähnen im Zusammenhang mit Sprache bzw. Sprachlosigkeit, die sich durch den gesamten Roman zieht und überhaupt die psychosomatische Verankerung von Trauma und Kriegsleid nicht zuletzt durch die Inputs aus der Forensik. Obwohl die Sprache eher nüchtern ist, löst dieses Buch unglaublich viele Emotionen aus und hat mich sehr berührt. Historische Hintergründe zum Kosovokrieg werden oft nur angedeutet, somit ist man durchaus dazu eingeladen, sich etwas tiefergehend mit diesem Konflikt zu beschäftigen, der tatsächlich kaum im öffentlichen Diskurs präsent ist, obwohl er gar nicht so lange her und auch noch nicht gänzlich gelöst ist. Obwohl das Buch recht kurz ist, ist es unglaublich dicht und lädt zum wiederholten Lesen ein. Ganz große Leseempfehlung!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
19. Nov.
Rating:5

„Run for your life“

Der Werbeslogan „Run for your life“ blieb mir in diesem Buch „leider“ sehr bildhaft in Erinnerung. „ë“ von Jehona Kicaj ist ein ungewöhnlicher, aber wundervoller kurzer Roman, den man gelesen haben sollte, wenn man sich für unsere Gesellschaft, unsere Mitmenschen und unsere Nachbarn interessiert oder anfangen möchte, sich dafür zu interessieren. Es erzählt keine durchgehende Geschichte, sondern besteht aus vielen Gedanken, Eindrücken und Erlebtem. Der Buchstabe „ë“ spielt dabei eine zentrale Rolle: ein stummer Buchstabe im albanischen Alphabet, und doch ein äußerst starker und bedeutungsvoller. Das Buch zeigt, dass etwas Kleines eine große Bedeutung haben kann und manchmal auch haben sollte. Beim Lesen sollte man sich bewusst Zeit nehmen. Das Werk geht schnell unter die Haut und weckt Neugier auf die Menschen, das Land und die Geschichte, die dahinter verborgen liegen. Man wird mit Jehona Kicajs poetischer Sprache reich belohnt. Ein absolut empfehlenswertes Buch

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
19. Nov.
Rating:5

Wo ist deine Heimat?

Die Erzählerin berichtet von ihrer Familie und Geschichte aus dem Kosovo. Sie sitzt eines Tages beim Zahnarzt, da sie extrem knirscht und ihr Zahnbelag sehr abgerieben ist. Ihr kompletter Kiefer ist verhärtet. Als Kind hat sie wenig gesprochen, vieles unausgesprochen gelassen, viele Gedanken mit sich selbst „zermalmt“. Albanisch ist eine abgeschirmte „Sondersprache“, so fühlt sie sich auch immer noch in Deutschland und nimmt uns auf ihre Reise mit. „Ich hätte sagen wollen, ich habe die Wörter zu lange gefangen gehalten, und jetzt ist es zu spät.“ Etwas spät, aber jetzt habe ich das Buch auch endlich gelesen. Ein tiefes, stummes und zugleich lautes Buch über den Verlust der eigenen Heimat, der Aufbau eines neuen Lebens in einem fremden Land, den Schmerz, den Sprachverlust und die Anpassung an eine neue Kultur. Sie wächst in Deutschland auf, geht hier zur Schule und studiert, aber fühlt sich immer anders, man liest den Schmerz sehr oft raus. Man bekommt auch viele Eindrücke aus dem Kosovokrieg der 90er Jahre. Ein Buch mit einem Buchstaben als Titel, der eine besondere Rolle in der albanischen Sprache spielt, aber nicht wirklich ausgesprochen wird. Danke für diesen Einblick 🤍 „Für mich gab es immer nur Zerstörung.“

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
16. Nov.
Rating:5

Herzzerreißend und schön zugleich

Durch die vielen Albanischen Aspekte konnte ich mich mit dem Buch sooo identifizieren. An sehr vielen Stellen musste ich wirklich inne halten und das erst mal verarbeiten. Auch wenn es ein kurzes Buch ist hat jedes Wort und jeder Satz eine große Aussagekraft. Verdient für den Deutschen Buchpreis nominiert!!!

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ëby Jehona KicajWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch