Blick ins Buch

Biografien

Eine Frau

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Über das Buch

Nobelpreis für Literatur 2022

Dreizehn Tage nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1986 schreibt Annie Ernaux ein kurzes, schmerzhaftes Requiem. Und lässt die Mutter als Repräsentantin einer Zeit und eines Milieus auferstehen, das auch das ihre war.
Das Leben ihrer Mutter: geboren um die Jahrhundertwende in der Normandie, Arbeiterin, dann Ladenbesitzerin, Ehefrau, zweifache Mutter, lebenslustig und offen, Körper und Geist werden später langsam durch Alzheimer zerstört. Das Ende war für die Tochter vorauszusehen, die Wirklichkeit des Todes scheint indessen kaum erträglich.
Zeit ihres Lebens kämpfte die Mutter darum, ihren sozialen Status zu erhalten, ihn vielleicht sogar zu überwinden. Erst der Tochter wird dies gelingen, eine Distanz zwischen den beiden entsteht. Auch darauf blickt Annie Ernaux zurück, voller Zärtlichkeit und Abscheu und Schuldgefühl.

Editionen (5)

ISBN9783518225127
VerlagSuhrkamp
Erscheinungsdatum29.10.19
Seitenzahl88

Rezensionen & Bewertungen

107 Bewertungen

12 Rezensionen

4,3

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  • jajobooks
    jajobooks

    63 Follower

    5,0

    Schmerz, Verarbeitung, Sehnsucht, Verstehen und Loslassen auf 89 Seiten.

    Annie Ernaux schreibt in ,Eine Frau‘ wenige Tage nach dem Tod ihrer Mutter deren Leben nieder. Die Echtheit der Gedanken einer trauernden Tochter bricht das Herz. Ein Kind, das aufschaut, anklagt und sich wehrt. Gegen die Mutter, gegen die Armut und gegen die eigene Herkunft. Vor allem aber gegen sich selbst. Bildung scheint dabei der einzige Ausweg. Doch entkommen kann sie kaum, denn das Leben eines Kindes kann nie losgelöst von den Eltern betrachtet werden. Die Last oder das Privileg „Kind von“ zu sein bestimmt unsere Realität. Beim Schreiben ringt Ernaux nicht nur mit ihren Erinnerungen und ihrer Geschichte, sondern auch mit der Frage nach dem Wie. Während sie Worte sucht und behutsam anordnet, lässt sie uns teilhaben am Prozess des Schreibens. Diese Offenheit macht den Text so eindringlich. Rückblickend stellt sich mir sogar noch eine viel größere Frage: Was geben unsere Eltern und Großeltern uns an Wissen, Lebensweisheiten und Haltung mit? In einer Zeit, in der man alles googlen und sich von Kl erklären lassen kann - reden wir überhaupt noch miteinander? Trotz aller Befangenheit formuliert sie so reflektiert und nüchtern, dass ich als Leserin ständig zwischen Anschuldigung und Mitleid schwanke. Noch zwei Monate nach dem Lesen schießen mir beim bloßen Durchblättern der Seiten die Tränen in die Augen. Ihre Sätze sind auf den Punkt gebracht. Kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig. Das ist Kunst! 📖 übersetzt aus dem Französischen von Sonja Fink

    Schmerz, Verarbeitung, Sehnsucht, Verstehen und Loslassen auf 89 Seiten.

    9. Jan. 2026

  • cilla70
    cilla70

    28 Follower

    5,0

    Ich hatte vor "Der Platz" und "Eine Frau" noch nie etwas von Annie Ernaux gelesen und ich weiß inzwischen überhaupt nicht mehr, weshalb eigentlich nicht. Ich muss zugeben, erst durch die Überreichung des Literaturnobelpreises 2022 wurde ich auf sie aufmerksam. Geradezu sträflich, muss ich sagen. Da ich die beiden biographischen Erzählungen sehr schlecht voneinander trennen kann, habe ich beschlossen, sie gemeinsam zu rezensieren. In den beiden Büchlein "Der Platz" und "Eine Frau" schreibt Ernaux über das Leben und den Tod ihres Vaters 1967 bzw. ihrer Mutter 1987. Erschienen ist das Buch über den Vater erst 1983, wohingegen sie ihr Buch über Leben und Tod ihrer Mutter relativ direkt nach deren Tod 1987 geschrieben hat und es dann auch zeitnah erschienen ist. Ich mochte die direkte, schnörkellose und geradezu emotionslose Erzählweise von Annie Ernaux. Ich weiß nicht, ob sie immer so schreibt (ihr aktuellstes Buch "Der junge Mann" liegt schon bereit), aber ich vermute, sie wollte eine gewisse Distanz wahren, um überhaupt über ihre Eltern schreiben zu können. Beide Eltern kamen aus sehr ärmlichen Verhältnissen, waren Zeit ihres Lebens bemüht, ihren gesellschaftlichen Status zu verbessern bzw. zu halten und der Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Vater, eigentlich aus einem bäuerlichen Niveau stammend, erwirbt irgendwann mit seiner Frau einen kleinen Dorfladen, der der Familie dann zwar keinen Wohlstand aber zumindest gewisse Annehmlichkeiten ermöglicht. Der Vater verzichtete auf jeglichen Luxus, trank z.B. auch nicht, er wollte "seinen Platz" halten, ein Hinweis auf den Titel des Buches, dies wird auch an anderen Stellen in den beiden Büchern erwähnt. Der Vater will seinen Platz halten Der Tochter gelingt der gesellschaftliche Aufstieg dann auch tatsächlich, muss sich allerdings in diesem Zusammenhang ein Stück weit von ihren Eltern distanzieren. Auf dem Einband von "Der Platz" wird dies - für mich nicht ganz nachvollziehbar - als "Verrat der Tochter an ihren Eltern" bezeichnet. Für die Tochter war es immer schwierig, mit den Eltern (vor allem mit dem Vater) z.B. über die Schule oder später über das Studium zu reden. Der Vater konnte mit ihrem Bildungsniveau nichts anfangen (oder er wollte einfach nicht?), hatte immer wieder Bemerkungen für sie übrig ("Du denkst wohl, du bist etwas besseres"), etwas, womit sich viele Kinder mit einem anderen Bildungsniveau als das ihrer Eltern herumschlagen müssen. Auch ich kann mich an einige Auseinandersetzung diesbezüglich mit meinem Vater erinnern, die mich als Kind bzw. Teenager sehr belastet haben. Die Mutter hingegen, war sogar sehr interessiert an Annies Schulbildung, sie wollte gemeinsam mit ihr Lesen und gewöhnte sich bestimmte Begriffe der Tochter an. Bildung war für die Mutter gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Aufstieg. Beide Bücher sind sehr schön zu lesen, wenn man sich auf den Schreibstil von Annie Ernaux einlassen kann, ganz wichtig finde ich auch noch, dass beide biographische Erzählungen unbedingt zusammen gehören. Absolute Leseempfehlung meinerseits.

    6. Feb. 2024

  • anjarie
    anjarie

    38 Follower

    5,0

    Hommage an eine Mutter

    Eine Schöne Hommage an die Mutter. Schön erzählt und mit einer spürbaren Wärme.

    28. Apr. 2024

3 von 12 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Annie Ernaux

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Nobelpreis für Literatur.

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