Monique bricht aus
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Description
»Ich habe mich von deinem Vater befreit und dachte, jetzt wird alles besser.« Édouard Louis kehrt zur Geschichte seiner Mutter zurück. Zu einer Frau, die sich schon einmal befreit hat. Von Alkohol, Gewalt und Scham, vom Schweigen. Und deren Geschichte sich zu wiederholen droht, als sie eines Nachts den Sohn anruft, während ihr neuer Partner sie im Hintergrund rüde beschimpft. Schritt für Schritt plant der Sohn mit ihr den Ausbruch, ein neuer Anfang gelingt, aber wie geht das Leben weiter, wenn man Freiheit nie gelernt hat?
»Monique bricht aus« ist ein einfühlsames und zartes Porträt einer Mutter, die für ihre Selbstbestimmung kämpft, und eines Sohnes, der sich mit ihr verbündet. Zweier Menschen, die sich einander annähern und behutsam beginnen, eine gemeinsame neue Geschichte zu schreiben.
Book Information
Author Description
Édouard Louis wurde 1991 geboren. Sein autobiographischer Debütroman »Das Ende von Eddy«, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Seine Bücher erscheinen in 30 Ländern und werden vielfach fürs Theater adaptiert und verfilmt. Über seine literarischen Positionen gab er u.a. Auskunft als Samuel Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin (2018), bei der Mosse Lecture an der Humboldt-Universität Berlin (2019) oder 2023 bei den Tübinger Poetikvorlesungen. Zuletzt erschienen »Wer hat meinen Vater umgebracht«, »Die Freiheit einer Frau« sowie »Monique bricht aus«, der Gesprächsband mit Ken Loach »Gespräch über Kunst und Politik« sowie »Anleitung ein anderer zu werden«. Édouard Louis lebt in Paris.
Posts
Hype übertrieben, trotzdem gutes Buch
Das war mein erstes Buch von Édouard Louis. Ich hatte schon lange vor, etwas von ihm zu lesen, aber immer die Befürchtung, dass die Geschichte einfach runterzieht. Im gelesenen Buch findet die "Befreiung" der Mutter statt, die die Kraft findet, aus ihrem bisherigen Leben und der Abhängigkeit ihrer Beziehung auszubrechen. Mit Hilfe ihrer Kinder. Ich fand das Werk sehr gut, den Hype kann ich aufgrund dieser Erfahrung nicht ganz nachvollziehen. Ich bin gespannt, wie lange der junge Autor, der bisher ausschließlich seine Lebensgeschichte aufarbeitet, davon zehren kann.
Mein zweites Buch von Louis und wie schon das letzte, haute mich dieses um. Ich litt mit Monique mit, wollte da sie da rausholen, sie anschreien, dass sie nicht mehr zu ihrem missbrauchenden Partner zurückzukehren soll, und sie in die Arme nehmen. Unglaublich stark und erschütternd. In einem Schnurz gelesen.

Wow - Louis schreibt über seine Mutter, großartig! 👏
„Ich könnte sagen: Kein Leid in meiner Kindheit = keine Bücher = kein Geld = keine Freiheit.“ Nur aufgrund seiner Literatur über seine prägenden familiären Erfahrungen ist Édouard Louis in der Lage seiner Mutter helfen zu können, als diese vor einem gewalttätigen Mann flüchtet, um sich ihre eigene Existenz aufzubauen. Aber erstmal von vorne. Louis‘ Mutter verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Nordfrankreich, in einem abgelegenen Dorf mit knapp tausend Einwohnern. Sie lernte dort den Mann kennen, vor dem sie später würde fliehen müssen. Aber auch schon Louis‘ Vater misshandelte sie. „Kurz zuvor hatte sie meinen Vater nach zwanzig Jahren Ehe rausgeworfen, zwanzig Jahre, in denen er von ihr erwartet hatte, dass sie kochte putzte einkaufte spülte die Wäsche wusch dass sie den Mund hielt, wenn er fernsah, sechs oder sieben Stunden am Tag, und wenn sie es nicht tat, rastete er aus,..“ Da sie in ihrem Zuhause keine Bestätigung bekam, verfügte seine Mutter über ein geringes Selbstwertgefühl. „Meine Mutter hat sich in ihrem Leben oft an Komplimente geklammert, die andere ihr gemacht haben; sie gaben und geben ihr das Gefühl, gesehen zu werden, in den Augen und in den Worten der anderen zu existieren und die Unsichtbarkeit zu durchbrechen, die eine Folge der Armut war und eines Lebens an der Seite von Männern, die alles daran gesetzt hatten, sie zu erniedrigen.“ Heute als erwachsener Mann versteht Louis die Not seiner Mutter, die Freude über - und den Heisch nach Aufmerksamkeit. Als sie sich endlich von ihrem aktuellen, gewalttätigen Lebensgefährten lossagt, gewährt ihr Sohn Édouard ihr Unterschlupf in seiner Pariser Wohnung. Er spürt ihre Dankbarkeit, aber nimmt auch die Müdigkeit seiner Mutter wahr. „Müdigkeit, das war im Leben meiner Mutter immer das deutlichste Anzeichen dafür gewesen, dass ihr Unrecht geschah. Müdigkeit, weil sie zu einem Hausfrauendasein gezwungen war, Müdigkeit, weil sie gedemütigt wurde, Müdigkeit, weil sie weglaufen musste, Müdigkeit, weil sie sich abrackern musste, Müdigkeit, weil sie immer wieder von vorne anfangen musste. Manche werden vom Leben getragen, für andere ist das Leben ein ständiger Kampf. Wer zur zweiten Kategorie gehört, ist müde.“ Auch finanzielle Abhängigkeit ist ein großes Thema des Buches - seine Mutter verlor durch den Einzug bei dem Mann, mit dem sie zusammen war, ihre Sozialhilfe, auf die sie nach der Trennung von seinem Vater Anspruch gehabt hatte, sowie auch ihren Halbtagsjob. Vorbei war ihre „Unabhängigkeit“. Und so kreuzt sie eines Tages unangekündigt bei Édouard auf, ohne einen Cent in der Tasche. „Wenn wir uns streiten, sagt er jedes Mal, er gibt mir zur Strafe keinen Cent mehr. Deshalb habe ich nicht mal zwei Euro, um einen Kaffee zu trinken und aufs Klo gehen zu können. Heute bin ich ein bisschen spazieren gegangen und habe mich zu weit von zu Hause entfernt. Deshalb musste ich zu dir kommen, sonst hätte ich dich in Ruhe gelassen.“ Louis sagt über die Szene selbst, „Die Scham hat ein Gedächtnis“, was ich für eine unglaublich wichtige Erkenntnis halte und auch aus eigener Erfahrung heraus bestätigen würde, denn wer kann sich mich selbst an besonders schambehaftete Situationen oder Erlebnisse erinnern?! Ich kann es. Mit zunehmender Bildung entfernte sich Louis nicht nur geistig immer mehr von seiner Familie, sondern auch körperlich. „Von dem Tag an, als ich aufs Gymnasium kam, obwohl niemand in meiner Familie Abitur hatte, von dem Tag an, als ich Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, mich für Filmgeschichte zu interessieren begann, wurde all dies schlagartig unmöglich. Plötzlich langweilte ich mich im Supermarkt, hasste die Nachmittage dort, empfand sie als Zeitverschwendung, verachtete Videospiele, hielt sie für dumm, begann zu sagen - den Satz hatte ich in der Uni aufgeschnappt -, dass es in Fastfoodrestaurants nach Frittierfett stinkt und das mir von dem Geruch schlecht wird.“ Es schmerzt solche Passagen zu lesen, denn man bekommt wahrhaftig mit, wie sich Louis von seiner Familie lossagt, ja lossagen will, weil sie einfach nicht in sein neues Bildungsbürger-Leben passt - Klassismus at it’s best! Schafft Louis‘ Mutter dem Abwärtsstrudel aus Gewalt, finanzieller Abhängigkeit und co zu entkommen?! Das müsst Ihr schon selber nachlesen in „Monique bricht aus“ - was ich aber verraten möchte: Es lohnt sich, denn er hat das Buch aus einem besonderen Grund geschrieben: Es war der Wunsch seiner Mutter - sie wollte, dass wir Leser*innen erfahren, welche Wendung ihr Leben genommen hat. Denn es hat sich einiges getan seit „Die Freiheit einer Frau“ - dem ersten Buch, dass Édouard Louis über seine Mutter schrieb. „Ich habe nicht entschieden es zu schreiben. Es war nicht meine Idee. Noch nie hat mir das Schreiben so große Freude bereitet.“ Unbedingte Leseempfehlung!
„Monique bricht aus“ ist das behutsame Bild einer Mutter, das sich nun nahtlos einreiht in Louis‘ autobiographische Erzählreihe, die bitte nicht enden soll.
Eines Tages erhält Édouard Louis einen Anruf von seiner weinenden Mutter, im Hintergrund die wüsten Beschimpfungen und Schreie ihres neuen Partners. Verzweifelt wendet sie sich an ihren Sohn, der kurzerhand beschließt, sie aus dieser Beziehung zu retten. Während Louis in „Die Freiheit einer Frau“ bereits beschrieb, wie sich seine Mutter von seinem Vater trennt und nach Paris zieht, schildert er in seinem aktuellen Roman erneut ihren Befreiungsprozess aus einer gewaltvollen Beziehung. Bis zuletzt bleibt dabei ungewiss, ob sie nicht doch zu „dem da“, wie ihr Partner durchweg genannt wird, zurückkehren wird. Louis besticht wie gewohnt mit sprachlicher Präzision, experimentiert in diesem Werk jedoch auch mit neuen erzählerischen Formen. So listet er absatzweise Aspekte des Lebens seiner Mutter auf – ihre zahlreichen Pflichten als Ehefrau und Mutter oder die Demütigungen, die sie durch ihren Ehemann ertragen musste. Diese stilistische Technik verstärkt die Dramatik und verdeutlicht die erdrückende Last, die auf ihr liegt. Besonders spannend ist zudem, dass Louis thematisiert, wie verletzt und empört seine Mutter und Schwester auf seine autobiographischen Romane reagierten und zeitweise den Kontakt zu ihm abbrachen. Ironischerweise ist es jedoch genau das Geld, das er mit diesen Büchern verdient hat, das nun seiner Mutter die erneute Flucht aus der häuslichen Gewalt ermöglicht. Ein wenig oberflächlich, aber dennoch unmissverständlich, rückt Louis erneut die Klassenverhältnisse und die prekäre Situation vieler (Haus-)Frauen in den Fokus, die in abhängigen und gewaltvollen Lebensverhältnissen gefangen sind. Er verdeutlicht, dass „Freiheit keine Frage der Symbolik oder Ästhetik ist, sondern der praktischen materiellen Bedingungen“ (S. 104). Eindrucksvoll rechnet er den Leser*innen vor, was der Ausbruch aus der Gewalt seine Mutter konkret gekostet hat: geliehenes Bargeld: 200 €, Taxi für die Flucht: 15 €, Kaution für die neue Wohnung 1.100€ usw. Schnell wird klar, dass es sich hier nicht um eine heroische Geschichte der Emanzipation handelt, sondern um die brutale Realität finanzieller Abhängigkeiten und systemischer Ungleichheiten, die den vermeintlichen Akt der Befreiung zu einem ökonomischen Wagnis mit ungewissem Ausgang machen.
Berührend & wohlwollend
Als treuer Leser Édouard Louis verfolge ich natürlich alle Publikationen seit dem ersten Buch. Nun widmet sich Louis wieder seiner Mutter, Monique, die es endlich schafft, ganz und gar frei und emanzipiert zu werden. Liebevoll, selbstreflektiert und ehrlich schildert hierbei Louis den Ausbruch seiner Mutter, und die vielschichtige Hilfe von Édouard selbst und seiner Schwester. Eine kurzweilige Lektüre, die Eddys literarisches Vermächtnis komplettiert. Jetzt freuen wir uns auf den Roman über seinen Bruder!
Freiheit und Mut typisch Louis!
Nachdem ich die vorherigen Teile schon gelesen habe, war ich sehr gespannt, wie Moniques Geschichte weitergeht – und dieses Buch hat mich definitiv nicht enttäuscht. Man merkt, wie sich die Figur weiterentwickelt und langsam ihren eigenen Weg findet. Gerade ihr innerer Konflikt und ihr Wunsch nach Freiheit machen die Geschichte besonders spannend. Der Schreibstil bleibt angenehm zu lesen, und durch die Ereignisse baut sich eine gute Spannung auf. Für mich war es ein würdiger nächster Teil der Reihe und besonders interessant, weil man Monique noch einmal von einer neuen Seite kennenlernt
Weniger kraftvoll als die Vorgänger
Dieses Buch versteht man besser, wenn man es bis zum Ende liest. Das hätte ich fast nicht getan, weil es mich nicht so gefesselt hat wie die vorherigen autofiktionalen Romane von Louis. Das Thema all seiner Bücher bleibt eben seine Familie. Und nachdem ich schon drei andere Bücher gelesen hatte, war dieses hier irgendwie nicht mehr so spannend. Bisschen gemein vielleicht, das zu schreiben, weil es ja um echte Familien Tragödien geht. Aber in diesem Buch ist weniger Tragödie und mehr Happy End. Das Ende ist sehr schön, aber mir fehlen ein paar Antworten. Wie schafft der Autor, zu verzeihen? Was genau hilft ihm, die Beziehung zu seiner Mutter zu verbessern? Irgendwie passiert das alles einfach, auf magische Art und Weise. Schön, wenn das wirklich so war. Aber für Literatur dann vielleicht doch ein bisschen wenig. Tipp: ich habe es auf Französisch gelesen und das geht sehr gut, wenn man die Sprache spricht. Es ist nicht zu kompliziert oder abgehoben.
Édouard Louis hat also ein weiteres Buch zu seiner Familienchronik vorgelegt. Auch wenn die Geschichten mittlerweile bekannt sind, so schafft es der Jungstar der französischen Literaturszene erneut einen eindringlichen, bewegenden Text über Klassenzugehörigkeit, weibliche Selbstbestimmung und den Wunsch nach Freiheit zu verfassen. Stark wie immer!

Über weite Strecken ist der Autor nur übers Smartphone Teil der erzählten Geschichte. Ich denke, darunter leidet sie etwas, denn ab dem Zeitpunkt an dem Louis zurück nach Paris kehrt und mit seiner Mutter direkt interagiert - und sich nicht aus der Ferne irgendwelche Gedanken macht - wird die Erzählung deutlich mitreißender. Auch wenn ich daher gut die Hälfte des Buches etwas distanziert gelesen habe, hatte ich beim großen kitschigen Finale natürlich trotzdem wieder ein paar Tränchen in den Augen.
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»Ich habe mich von deinem Vater befreit und dachte, jetzt wird alles besser.« Édouard Louis kehrt zur Geschichte seiner Mutter zurück. Zu einer Frau, die sich schon einmal befreit hat. Von Alkohol, Gewalt und Scham, vom Schweigen. Und deren Geschichte sich zu wiederholen droht, als sie eines Nachts den Sohn anruft, während ihr neuer Partner sie im Hintergrund rüde beschimpft. Schritt für Schritt plant der Sohn mit ihr den Ausbruch, ein neuer Anfang gelingt, aber wie geht das Leben weiter, wenn man Freiheit nie gelernt hat?
»Monique bricht aus« ist ein einfühlsames und zartes Porträt einer Mutter, die für ihre Selbstbestimmung kämpft, und eines Sohnes, der sich mit ihr verbündet. Zweier Menschen, die sich einander annähern und behutsam beginnen, eine gemeinsame neue Geschichte zu schreiben.
Book Information
Author Description
Édouard Louis wurde 1991 geboren. Sein autobiographischer Debütroman »Das Ende von Eddy«, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Seine Bücher erscheinen in 30 Ländern und werden vielfach fürs Theater adaptiert und verfilmt. Über seine literarischen Positionen gab er u.a. Auskunft als Samuel Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin (2018), bei der Mosse Lecture an der Humboldt-Universität Berlin (2019) oder 2023 bei den Tübinger Poetikvorlesungen. Zuletzt erschienen »Wer hat meinen Vater umgebracht«, »Die Freiheit einer Frau« sowie »Monique bricht aus«, der Gesprächsband mit Ken Loach »Gespräch über Kunst und Politik« sowie »Anleitung ein anderer zu werden«. Édouard Louis lebt in Paris.
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Hype übertrieben, trotzdem gutes Buch
Das war mein erstes Buch von Édouard Louis. Ich hatte schon lange vor, etwas von ihm zu lesen, aber immer die Befürchtung, dass die Geschichte einfach runterzieht. Im gelesenen Buch findet die "Befreiung" der Mutter statt, die die Kraft findet, aus ihrem bisherigen Leben und der Abhängigkeit ihrer Beziehung auszubrechen. Mit Hilfe ihrer Kinder. Ich fand das Werk sehr gut, den Hype kann ich aufgrund dieser Erfahrung nicht ganz nachvollziehen. Ich bin gespannt, wie lange der junge Autor, der bisher ausschließlich seine Lebensgeschichte aufarbeitet, davon zehren kann.
Mein zweites Buch von Louis und wie schon das letzte, haute mich dieses um. Ich litt mit Monique mit, wollte da sie da rausholen, sie anschreien, dass sie nicht mehr zu ihrem missbrauchenden Partner zurückzukehren soll, und sie in die Arme nehmen. Unglaublich stark und erschütternd. In einem Schnurz gelesen.

Wow - Louis schreibt über seine Mutter, großartig! 👏
„Ich könnte sagen: Kein Leid in meiner Kindheit = keine Bücher = kein Geld = keine Freiheit.“ Nur aufgrund seiner Literatur über seine prägenden familiären Erfahrungen ist Édouard Louis in der Lage seiner Mutter helfen zu können, als diese vor einem gewalttätigen Mann flüchtet, um sich ihre eigene Existenz aufzubauen. Aber erstmal von vorne. Louis‘ Mutter verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Nordfrankreich, in einem abgelegenen Dorf mit knapp tausend Einwohnern. Sie lernte dort den Mann kennen, vor dem sie später würde fliehen müssen. Aber auch schon Louis‘ Vater misshandelte sie. „Kurz zuvor hatte sie meinen Vater nach zwanzig Jahren Ehe rausgeworfen, zwanzig Jahre, in denen er von ihr erwartet hatte, dass sie kochte putzte einkaufte spülte die Wäsche wusch dass sie den Mund hielt, wenn er fernsah, sechs oder sieben Stunden am Tag, und wenn sie es nicht tat, rastete er aus,..“ Da sie in ihrem Zuhause keine Bestätigung bekam, verfügte seine Mutter über ein geringes Selbstwertgefühl. „Meine Mutter hat sich in ihrem Leben oft an Komplimente geklammert, die andere ihr gemacht haben; sie gaben und geben ihr das Gefühl, gesehen zu werden, in den Augen und in den Worten der anderen zu existieren und die Unsichtbarkeit zu durchbrechen, die eine Folge der Armut war und eines Lebens an der Seite von Männern, die alles daran gesetzt hatten, sie zu erniedrigen.“ Heute als erwachsener Mann versteht Louis die Not seiner Mutter, die Freude über - und den Heisch nach Aufmerksamkeit. Als sie sich endlich von ihrem aktuellen, gewalttätigen Lebensgefährten lossagt, gewährt ihr Sohn Édouard ihr Unterschlupf in seiner Pariser Wohnung. Er spürt ihre Dankbarkeit, aber nimmt auch die Müdigkeit seiner Mutter wahr. „Müdigkeit, das war im Leben meiner Mutter immer das deutlichste Anzeichen dafür gewesen, dass ihr Unrecht geschah. Müdigkeit, weil sie zu einem Hausfrauendasein gezwungen war, Müdigkeit, weil sie gedemütigt wurde, Müdigkeit, weil sie weglaufen musste, Müdigkeit, weil sie sich abrackern musste, Müdigkeit, weil sie immer wieder von vorne anfangen musste. Manche werden vom Leben getragen, für andere ist das Leben ein ständiger Kampf. Wer zur zweiten Kategorie gehört, ist müde.“ Auch finanzielle Abhängigkeit ist ein großes Thema des Buches - seine Mutter verlor durch den Einzug bei dem Mann, mit dem sie zusammen war, ihre Sozialhilfe, auf die sie nach der Trennung von seinem Vater Anspruch gehabt hatte, sowie auch ihren Halbtagsjob. Vorbei war ihre „Unabhängigkeit“. Und so kreuzt sie eines Tages unangekündigt bei Édouard auf, ohne einen Cent in der Tasche. „Wenn wir uns streiten, sagt er jedes Mal, er gibt mir zur Strafe keinen Cent mehr. Deshalb habe ich nicht mal zwei Euro, um einen Kaffee zu trinken und aufs Klo gehen zu können. Heute bin ich ein bisschen spazieren gegangen und habe mich zu weit von zu Hause entfernt. Deshalb musste ich zu dir kommen, sonst hätte ich dich in Ruhe gelassen.“ Louis sagt über die Szene selbst, „Die Scham hat ein Gedächtnis“, was ich für eine unglaublich wichtige Erkenntnis halte und auch aus eigener Erfahrung heraus bestätigen würde, denn wer kann sich mich selbst an besonders schambehaftete Situationen oder Erlebnisse erinnern?! Ich kann es. Mit zunehmender Bildung entfernte sich Louis nicht nur geistig immer mehr von seiner Familie, sondern auch körperlich. „Von dem Tag an, als ich aufs Gymnasium kam, obwohl niemand in meiner Familie Abitur hatte, von dem Tag an, als ich Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, mich für Filmgeschichte zu interessieren begann, wurde all dies schlagartig unmöglich. Plötzlich langweilte ich mich im Supermarkt, hasste die Nachmittage dort, empfand sie als Zeitverschwendung, verachtete Videospiele, hielt sie für dumm, begann zu sagen - den Satz hatte ich in der Uni aufgeschnappt -, dass es in Fastfoodrestaurants nach Frittierfett stinkt und das mir von dem Geruch schlecht wird.“ Es schmerzt solche Passagen zu lesen, denn man bekommt wahrhaftig mit, wie sich Louis von seiner Familie lossagt, ja lossagen will, weil sie einfach nicht in sein neues Bildungsbürger-Leben passt - Klassismus at it’s best! Schafft Louis‘ Mutter dem Abwärtsstrudel aus Gewalt, finanzieller Abhängigkeit und co zu entkommen?! Das müsst Ihr schon selber nachlesen in „Monique bricht aus“ - was ich aber verraten möchte: Es lohnt sich, denn er hat das Buch aus einem besonderen Grund geschrieben: Es war der Wunsch seiner Mutter - sie wollte, dass wir Leser*innen erfahren, welche Wendung ihr Leben genommen hat. Denn es hat sich einiges getan seit „Die Freiheit einer Frau“ - dem ersten Buch, dass Édouard Louis über seine Mutter schrieb. „Ich habe nicht entschieden es zu schreiben. Es war nicht meine Idee. Noch nie hat mir das Schreiben so große Freude bereitet.“ Unbedingte Leseempfehlung!
„Monique bricht aus“ ist das behutsame Bild einer Mutter, das sich nun nahtlos einreiht in Louis‘ autobiographische Erzählreihe, die bitte nicht enden soll.
Eines Tages erhält Édouard Louis einen Anruf von seiner weinenden Mutter, im Hintergrund die wüsten Beschimpfungen und Schreie ihres neuen Partners. Verzweifelt wendet sie sich an ihren Sohn, der kurzerhand beschließt, sie aus dieser Beziehung zu retten. Während Louis in „Die Freiheit einer Frau“ bereits beschrieb, wie sich seine Mutter von seinem Vater trennt und nach Paris zieht, schildert er in seinem aktuellen Roman erneut ihren Befreiungsprozess aus einer gewaltvollen Beziehung. Bis zuletzt bleibt dabei ungewiss, ob sie nicht doch zu „dem da“, wie ihr Partner durchweg genannt wird, zurückkehren wird. Louis besticht wie gewohnt mit sprachlicher Präzision, experimentiert in diesem Werk jedoch auch mit neuen erzählerischen Formen. So listet er absatzweise Aspekte des Lebens seiner Mutter auf – ihre zahlreichen Pflichten als Ehefrau und Mutter oder die Demütigungen, die sie durch ihren Ehemann ertragen musste. Diese stilistische Technik verstärkt die Dramatik und verdeutlicht die erdrückende Last, die auf ihr liegt. Besonders spannend ist zudem, dass Louis thematisiert, wie verletzt und empört seine Mutter und Schwester auf seine autobiographischen Romane reagierten und zeitweise den Kontakt zu ihm abbrachen. Ironischerweise ist es jedoch genau das Geld, das er mit diesen Büchern verdient hat, das nun seiner Mutter die erneute Flucht aus der häuslichen Gewalt ermöglicht. Ein wenig oberflächlich, aber dennoch unmissverständlich, rückt Louis erneut die Klassenverhältnisse und die prekäre Situation vieler (Haus-)Frauen in den Fokus, die in abhängigen und gewaltvollen Lebensverhältnissen gefangen sind. Er verdeutlicht, dass „Freiheit keine Frage der Symbolik oder Ästhetik ist, sondern der praktischen materiellen Bedingungen“ (S. 104). Eindrucksvoll rechnet er den Leser*innen vor, was der Ausbruch aus der Gewalt seine Mutter konkret gekostet hat: geliehenes Bargeld: 200 €, Taxi für die Flucht: 15 €, Kaution für die neue Wohnung 1.100€ usw. Schnell wird klar, dass es sich hier nicht um eine heroische Geschichte der Emanzipation handelt, sondern um die brutale Realität finanzieller Abhängigkeiten und systemischer Ungleichheiten, die den vermeintlichen Akt der Befreiung zu einem ökonomischen Wagnis mit ungewissem Ausgang machen.
Berührend & wohlwollend
Als treuer Leser Édouard Louis verfolge ich natürlich alle Publikationen seit dem ersten Buch. Nun widmet sich Louis wieder seiner Mutter, Monique, die es endlich schafft, ganz und gar frei und emanzipiert zu werden. Liebevoll, selbstreflektiert und ehrlich schildert hierbei Louis den Ausbruch seiner Mutter, und die vielschichtige Hilfe von Édouard selbst und seiner Schwester. Eine kurzweilige Lektüre, die Eddys literarisches Vermächtnis komplettiert. Jetzt freuen wir uns auf den Roman über seinen Bruder!
Freiheit und Mut typisch Louis!
Nachdem ich die vorherigen Teile schon gelesen habe, war ich sehr gespannt, wie Moniques Geschichte weitergeht – und dieses Buch hat mich definitiv nicht enttäuscht. Man merkt, wie sich die Figur weiterentwickelt und langsam ihren eigenen Weg findet. Gerade ihr innerer Konflikt und ihr Wunsch nach Freiheit machen die Geschichte besonders spannend. Der Schreibstil bleibt angenehm zu lesen, und durch die Ereignisse baut sich eine gute Spannung auf. Für mich war es ein würdiger nächster Teil der Reihe und besonders interessant, weil man Monique noch einmal von einer neuen Seite kennenlernt
Weniger kraftvoll als die Vorgänger
Dieses Buch versteht man besser, wenn man es bis zum Ende liest. Das hätte ich fast nicht getan, weil es mich nicht so gefesselt hat wie die vorherigen autofiktionalen Romane von Louis. Das Thema all seiner Bücher bleibt eben seine Familie. Und nachdem ich schon drei andere Bücher gelesen hatte, war dieses hier irgendwie nicht mehr so spannend. Bisschen gemein vielleicht, das zu schreiben, weil es ja um echte Familien Tragödien geht. Aber in diesem Buch ist weniger Tragödie und mehr Happy End. Das Ende ist sehr schön, aber mir fehlen ein paar Antworten. Wie schafft der Autor, zu verzeihen? Was genau hilft ihm, die Beziehung zu seiner Mutter zu verbessern? Irgendwie passiert das alles einfach, auf magische Art und Weise. Schön, wenn das wirklich so war. Aber für Literatur dann vielleicht doch ein bisschen wenig. Tipp: ich habe es auf Französisch gelesen und das geht sehr gut, wenn man die Sprache spricht. Es ist nicht zu kompliziert oder abgehoben.
Édouard Louis hat also ein weiteres Buch zu seiner Familienchronik vorgelegt. Auch wenn die Geschichten mittlerweile bekannt sind, so schafft es der Jungstar der französischen Literaturszene erneut einen eindringlichen, bewegenden Text über Klassenzugehörigkeit, weibliche Selbstbestimmung und den Wunsch nach Freiheit zu verfassen. Stark wie immer!

Über weite Strecken ist der Autor nur übers Smartphone Teil der erzählten Geschichte. Ich denke, darunter leidet sie etwas, denn ab dem Zeitpunkt an dem Louis zurück nach Paris kehrt und mit seiner Mutter direkt interagiert - und sich nicht aus der Ferne irgendwelche Gedanken macht - wird die Erzählung deutlich mitreißender. Auch wenn ich daher gut die Hälfte des Buches etwas distanziert gelesen habe, hatte ich beim großen kitschigen Finale natürlich trotzdem wieder ein paar Tränchen in den Augen.


















