Der Absturz
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Description
»Dieses Buch ist der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren mit ›Das Ende von Eddy‹ begonnen hat.« ÉDOUARD LOUIS
Die Geschichte von Louis’ Bruder ist die eines ständig scheiternden Träumers: In der Arbeitswelt ohne Aussicht, wünscht er sich ein größeres Leben. Eines, in dem er Kathedralen restauriert, die Welt bereist und die Liebe seines Vaters verdient. Doch nichts davon lässt seine Wirklichkeit zu, er versinkt in Alkohol- und Spielsucht und bleibt ein tragischer Phantast. Dieses Buch ist ein schonungsloses und doch zartes Porträt des Bruders, der in berührenden Szenen immer wieder versucht, dem jüngeren Édouard einen anderen Weg ins Leben zu weisen als den eigenen.
»Frankreichs größte literarische Sensation.« The New York Times
»Es hat eine enorme aufpeitschende Kraft, wie Édouard Louis sein Leben reflektiert.« Edgar Selge
Book Information
Author Description
Édouard Louis, geboren 1992, gilt als einer der wichtigsten Autoren der jüngeren Generation. Sein Roman »Das Ende von Eddy« machte ihn 2015 international bekannt. Er erzählte darin von seiner Kindheit in einem Dorf in Nordfrankreich in prekärsten Verhältnissen. In »Anleitung ein anderer zu werden« erzählt er davon, wie er die Grenzen seiner Herkunft hinter sich ließ. Seine Bücher erscheinen in 35 Sprachen und werden an Bühnen überall auf der Welt fürs Theater adaptiert. Zuletzt erschienen »Im Herzen der Gewalt«, »Wer hat meinen Vater umgebracht« sowie »Die Freiheit einer Frau«. Édouard Louis lebt in Paris.
Characteristics
3 reviews
Mood
Protagonist(s)
Pace
Writing Style
Posts
"Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit noch Verzweiflung noch Erleichterung noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkaufen im Supermarkt erzählt." "Mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt." "Das Leben meines Bruders erinnert an das Bild von einem Körper, der im Treibsand versinkt, in Endlosschleife. Immer wenn er versuchte, sich freizukämpfen, geriet er tiefer hinein " In diesem Buch beschreibt der Autor die schwierige Beziehung zu seinem älteren Halbbruder. Sie ist geprägt ist von dessen Alkoholsucht und Aggressivität. Seine Suche und Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung findet er nicht, er zerbricht am eigenen Leben. Es ist die Geschichte einer Bruderschaft, die nach vielen Enttäuschungen schließlich in eine völlige Gleichgültigkeit abdriftet. Gewohnt stark und treffend geschrieben, hat mich Edouard Louis ab der ersten Seite mit diesem Buch wieder gefangen genommen. Ich mag seinen Schreibstil sehr, er beschreibt nüchtern, fast dokumentarisch und bringt dabei trotzdem die Gefühle, die er empfindet, deutlich zum Ausdruck. Eine ganz klare Leseempfehlung für dieses schmerzhaft schöne Buch ⭐
Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte meines Bruders ist die Geschichte einer zur Welt gekommenen und immer wieder aufgerissenen Wunde.
Der Absturz von Édouard Louis ist kein Roman, den man einfach liest und wieder zur Seite legt – es ist ein Text, der nachhallt, weil er weh tut. Louis erzählt darin die Geschichte seines Bruders und gleichzeitig eine Geschichte von sozialer Herkunft, Gewalt und Ausweglosigkeit. Es geht nicht nur um ein individuelles Schicksal, sondern um die Mechanismen einer Gesellschaft, die bestimmte Leben von Anfang an beschädigt. Besonders stark wirkt dabei das Gefühl, dass sich durch das ganze Buch zieht: dass Leid nicht einmalig ist, sondern sich wiederholt, weitergegeben wird, sich festsetzt. Genau das trifft das Zitat sehr präzise: „Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte meines Bruders ist die Geschichte einer zur Welt gekommenen und immer wieder aufgerissenen Wunde.“ Dieses Bild der „Wunde“ beschreibt nicht nur die Biografie des Bruders, sondern auch die Struktur des Buches selbst. Jede Erinnerung, jede Szene wirkt wie ein erneutes Aufreißen – nichts ist wirklich verheilt, alles bleibt roh. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die schonungslose Ehrlichkeit. Louis schreibt ohne Beschönigung, fast dokumentarisch, und gerade dadurch entsteht eine enorme emotionale Wucht. Gleichzeitig ist der Text politisch: Er macht sichtbar, wie Armut, fehlende Perspektiven und gesellschaftliche Ausgrenzung Menschen formen und oft auch zerstören. Für mich passt das zitierte Bild deshalb so gut, weil es den Kern des Buches einfängt: Es geht nicht nur um einen „Absturz“, sondern um eine Verletzung, die nie die Chance hatte zu heilen. Diese Perspektive macht das Buch schwer, aber auch unglaublich wichtig.

Der autofiktionale Roman von Edouard Louis bildet das Ende seiner Trilogie. Hier geht es um seinen älteren Bruder, der gefangen in der Alkohol- und Spielsucht ist, von einem besseren Leben träumt, es aber nie schafft. Er hängt fest in der Vergangenheit, macht seinen Eltern Vorwürfe, fühlt sich ungeliebt. Louis kann keine richtige Beziehung zu ihm aufbauen. Er ist distanziert und skeptisch. Zu oft schon wurde er enttäuscht von ihm. Seine Alkoholsucht frisst ihn innerlich auf aber ohne geht es auch nicht. Er hält das Leben sonst nicht aus, muss sich betäuben. Ein ganz großartiges Buch, ganz nach meinem Geschmack. Derb, zart und gefühlvoll erzählt Louis die Geschichte seines Bruders. Er kann ihn nicht lieben, zu schmerzhaft sind viele Erinnerungen. Er reflektiert, überlegt ob er ihm hätte helfen können, doch hat keine klare Antwort. Der Vater ist schwierig, schreckt nicht vor körperlicher und vor allem seelischer Gewalt zurück. Sein Bruder hat das nicht verkraftet, war immer auf der Suche, hat sich nie gefunden. Die Frage ob es am Vater lag oder er schon mit dieser Wunde auf die Welt gekommen ist, stellt sich. In kurzen Kapiteln wird dieses schonungslose Porträt festgehalten. Die ambivalenten Gefühle Louis‘ werden wunderbar erläutert, er versucht ihn zu verstehen aber zu groß ist oft die Abneigung. Ein sehr komplexes Thema, ganz wunderbar umgesetzt. Ein eindrucksvoller Roman, ehrlich bis es weh tut und so unglaublich kraftvoll. Ich bin großer Fan und empfehle es ganz dringend weiter.
Poetisch und ehrlich
Edouard Louis erzählt im letzten seiner Familienromane die Geschichte seines Halbbruders, der immer mehr abstürzt und am Ende am Leben zugrunde geht. Es war mein erstes Buch von dem Autor, aber sicher nicht das letzte, denn Louis erzählt zwar schonungslos ehrlich, sodass mir als Leserin oft der Atem stockt, gleichzeitig aber auch sehr zart und poetisch. Er schafft es, ein Porträt seines Bruder zu erstellen, in dem all die psychologischen Ambivalenzen, die ein Mensch haben kann, deutlich werden. Gleichzeitig zeigen sich auch die widersprüchlichen Gefühle, die der Erzähler in Bezug auf seine Bruder hat. Dabei wird die Geschichte fragmentarisch in einzelnen sogenannten Fakten erzählt, denn über allem schwebt die Frage, wie gut der Erzähler seinen Bruder eigentlich kannte, zu dem er 10 Jahre keinen Kontakt hatte. Dieser Schreibstil hat das Buch besonders eindrucksvoll gemacht.
Erschütternd
Auf dieses Buch habe ich mich lange gefreut!!! Édouard Louis widmet sich in „Der Absturz“ dem Leben und Sterben seines Bruders, der mit 38 Jahren einsam in seiner Wohnung stirbt. Er war Alkoholiker und in dem Buch wird diese Krankheit offen thematisiert: schonungslos, brutal und ungeschönt. Der Roman ist sprachlich wieder herausragen, knapp und präzise, ohne an Intensität zu verlieren. Die Episodenhaftigkeit des Erzählens macht die Geschichte eindringlich: Träume des Bruders, die nicht verwirklicht wurden, die Dysfunktionalität der Familie und verpatzte Chancen. Zwar war sein Lebensweg durch Herkunft und Milieu ohnehin von begrenzten Perspektiven geprägt, doch Louis zeigt schonungslos, wie die Eltern – beide auf unterschiedliche Weise – ihren verstorbenen Sohn in das Unglück trieben. So entsteht auf 220 Seiten das Bild eines Menschen, der nicht einfach „scheitert“, sondern von den Strukturen ausgelöscht wird. Das Buch erschüttert. Und ja, es ist nachvollziehbar, warum der Autor den Kontakt zu seinem Bruder viele Jahre vor dessen Tod abgebrochen hat, ja abbrechen musste.
Literarische Analyse Édouard Louis' Bruder
Wer Louis kennt, weiß, wie zerklüftet und voreingenommen seine Familie ist. In jedem Buch behandelt er die Geschichte eines anderen Familienmitglieds—dieses Mal erzählt er von seinem Bruder. Seinem toten Bruder. Er erzählt von seiner Alkoholsucht, den Drogen und dem Hass gegen Homosexuelle. Eindringlich und wie immer herausragend entwickelt Louis einen Sog, dem man gerne folgt. Auch wenn die Geschichte tragisch ist, so ist sie für Louis und auch für uns nun so erzählt, dass wir wissen: Sein Bruder hat sein Leben nicht auf die Kette gekriegt, und konnte dem Elend, anders wie Édouard, nicht entfliehen. Eine bewegende Lektüre, die sich nun in das Kaleidoskop von Édouard Louis Leben einfügt!
Abgründe aus Liebe und Scham
Ein Leben, das taumelt – zwischen Hoffnung, Scham und dem verzweifelten Wunsch, gesehen zu werden. Édouard Louis erzählt in Der Absturz nicht nur von seinem Bruder, sondern von einem ganzen Milieu, das vom System übersehen wird. Jede Seite ist durchdrungen von Schmerz, Zärtlichkeit und einer scharfen Beobachtungsgabe, die nichts beschönigt und doch tief mitfühlen lässt. Wie Louis die innere Zerrissenheit seines Bruders beschreibt, hat mich erschüttert. Dieser Mann, gefangen zwischen Stolz und Versagen, sucht Liebe, wo nur Ablehnung wartet. Sein Fall ist kein plötzlicher Sturz, sondern ein langsames Gleiten in die Leere – getragen von verlorenen Träumen, Alkohol und der bitteren Erkenntnis, dass der Aufstieg aus der Armut fast unmöglich ist. Gleichzeitig ist das Buch eine Liebeserklärung an das Erzählen selbst. Louis schreibt mit einer Wucht, die schmerzt, aber auch heilend wirkt, weil sie die Wahrheit nicht scheut. Zwischen den Zeilen leuchtet die Trauer über eine Familie, die von der Welt zermürbt wurde, und die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ein stiller, aber ungeheuer intensiver Abschluss seines autobiografischen Zyklus – ehrlich, roh, poetisch.

Édouard Louis ist einer dieser Schriftsteller, von dem ich jedes Buch UNBEDINGT lesen muss. Oui, ich bin ein Édouard-Fangirl ❤️🔥 ich finde sein Schreiben, sein Auftreten, seine Lesungen, Moderation und Beiträge so unglaublich gut, emphatisch, eloquent, intelligent, charmant. Punkt. Der französische Autor ist bekannt für sein autofiktionales Schreiben, in dem er sich sehr intensiv, reflektierend und selbstermächtigend mit seiner Herkunft, Familie, Klasse, Zugehörigkeit und Identität auseinandersetzt. Das schafft er auf so eine brillante Art und Weise, dass es über die individuellen Aspekte hinausgeht und zur gesellschaftlichen Debatte um diese Themen beiträgt. »Während mein Bruder sich betrank, studierte ich Philosophie, las ich Romane. Während mein Bruder sich betrank, schrieb ich. Während mein Bruder sich betrank, reiste ich. Nichts kann diesen Abstand zwischen uns beschreiben. Nichts kann diesen Abstand beschreiben, aber der Abstand beschreibt alles. Der Abstand hat ein Gedächtnis. Auch wenn ich nicht an meinen Bruder dachte, vergaß ich ihn nie.« (204) Mit seinem neusten Buch »DER ABSTURZ« ordnet er seine Erinnerungen an seinen großen Bruder und schafft daraus Literatur. Er beschreibt, wie Klassenschicksal, Gewaltspirale und Alkoholismus sich potenzieren und eine Welt in der Menschen kaputt gehen und zu früh daran sterben. »Mein Bruder hatte schon immer die ganze Welt gewollt, seine Träume waren nie klein gewesen, sondern immer riesengroß, […] und ich glaube, es lag an der Größe seiner Träume, an der Diskrepanz zwischen seinen übergroßen Träumen und den Unmöglichkeiten, aus denen sein Leben bestand, den Begrenzungen, Armut, Geldmangel, eine Herkunft aus Nordfrankreich, all das, was sein Schicksal ausmachte, ich glaube, es lag an diesem Widerspruch, dass er so unglücklich war. Mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt.« (16) Um seinen Bruder besser verstehen zu können, ordnet er nicht nur seine eigenen Erinnerungen, sondern spricht mit weiteren nahestehenden Personen seines Bruders, wie seiner Mutter, aber auch den ehemaligen Geliebten von seinem Bruder. Insbesondere vor dem Hintergrund der großen Diskrepanz zwischen Édouard und seinem Bruder (nicht zu letzt aufgrund dessen Homophobie und Gewalttätigkeit) ist es erstaunlich, wie klar der Autor analysiert und damit u.a. eine universelle Gesellschaftskritik ableitet. Ich bin sehr gespannt, was nach diesen intensiven, autofiktionalen Werken zu seiner Herkunftsfamilie und Identität als nächstes von diesem großartigen Autor kommen wird und weiß jetzt schon: Ich werde es definitiv lesen. ❤️

Wieviele Familien Mitglieder sind noch and der Reihe …
Absturz ist ein Buch, das mich mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen hat. Die Sprache ist häufig schlicht, manchmal sogar derb – was zwar die soziale Realität widerspiegelt, aus der Louis erzählt, aber stilistisch wenig Tiefe bietet. Genau das hat es mir nach etwa 30 Seiten schwer gemacht, weiterzulesen, weil ich sprachlich leider wirklich enttäuscht war. Was mich zusätzlich irritiert hat, ist der konstante Beigeschmack von Abwertung und Herablassung gegenüber seinem Bruder. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Buch und lässt kaum Raum für Empathie oder Ambivalenz. Statt einer vielschichtigen Annäherung entsteht der Eindruck einer literarischen Abrechnung, die emotional einseitig bleibt. Dass keines seiner Geschwister – und insbesondere der Bruder, um den es hier geht – überhaupt einen Namen erhält, spricht dabei Bände. Es wirkt, als würde Louis ihnen nicht einmal die minimale Würde einer individuellen Identität zugestehen. Ich erlaube mir diese Einschätzung auch deshalb, weil ich sehr genau weiß, was es bedeutet, in einer Familie mit schwierigen sozialen Strukturen aufzuwachsen – inklusive Alkoholismus sowohl im elterlichen als auch im geschwisterlichen Umfeld. Gerade deshalb hätte ich mir mehr Sensibilität, mehr Zwischentöne und weniger moralische Überheblichkeit gewünscht. Am Ende bleibt für mich ein schaler Nachgeschmack. Besonders der Satz „Ich wusste nicht, dass meine Mutter meinen Bruder so sehr liebte, ich wusste nicht, dass ihre Liebe zu ihm so groß war, dass sie seinetwegen das Bewusstsein verlor.“ hat mich fassungslos zurückgelassen. Wie ignorant kann man ein Buch über seinen eigenen Bruder beenden, ohne sich der Tragweite solcher Worte bewusst zu sein. Und so frage ich mich, ob wirklich jedes Familienmitglied ein eigenes Buch braucht – und ob Louis, nachdem er nun alle einmal literarisch seziert hat, überhaupt noch zu einem neuen, wirklich eigenständigen Werk fähig ist.
Stark, schmerzvoll und irgendwie auch ein Gesellschaftsroman.
Wieder so ein Buch von Édouard Louis, das ich in drei Tagen gesnackt habe. Ganz toll, ganz traurig, super stark. Da Thema des Buches ist ja von Anfang an klar. Wie sich der Autor dann in Gedanken all dem nähert, was emotional und familiäre Konflikte angeht, hat mich sehr berührt. Was mich besonders gekriegt hat, sind die Perspektiven, die über den Bruder eingeholt werden. Das hat bei mir viele Fragen aufgeworfen: Wo entsteht Wut, Hass, Ungerechtigkeit? Wo entsteht die Spaltung der Gesellschaft? Und wieder: Welchen Impact hat das Maß an Liebe, die wir am Anfang unseres Lebens erhalten, auf das restliche? Eh krasses Buch. Auf die Fragen hab ich paar Antworten gefunden, einige bleiben wahrscheinlich für immer offen. Und was man ja auch mal lobend erwähnen kann: Ich mochte das Buchformat, so irgendwie hochkant, sehr gerne. Das lag extrem gut in der Hand 😄
Ein fesseln der Blick auf Familie, Alkoholismus und Klasse
Ich wollte schon länger einen Roman von Édouard Louis lesen und bin irgendwie immer nur drumherum getänzelt. Nun habe ich innerhalb von zwei Tagen inhaliert und möchte unbedingt mehr von ihm lesen. Das Buch erzählt vom älteren Bruder des Autors, der alkoholkrank war und schließlich an den Folgen seines Alkoholismus stirbt. Doch anstatt mit Trauer beginnt der Roman mit einer Leere: Édouard fühlt nichts. Keine Verzweiflung, keine Erleichterung, keine klassische Form von Verlust. Und genau aus dieser emotionalen Schwebe heraus entfaltet sich das Buch. Es ist kein linear erzählter Roman, sondern eher eine Collage aus Erinnerungen, Beobachtungen, Gesprächen mit ehemaligen Partnerinnen und Freundinnen des Bruders und essayistischen Gedankenströmen. Dabei umkreist Louis permanent eine zentrale Frage, ohne sie jemals eindeutig zu formulieren: die Schuldfrage. Wer oder was trägt Verantwortung für ein zerstörtes Leben? Die dysfunktionale Familie? Die Erniedrigungen durch die Eltern? Genetik? Das soziale Milieu? Zu große Träume? Oder vielmehr eine Gesellschaft, die manchen Menschen gar keinen Raum lässt, diese Träume überhaupt verwirklichen zu können? Was mich daran so beeindruckt hat, ist, dass Louis keine einfachen Antworten liefert. Er analysiert nicht von oben herab und diagnostiziert nichts. Stattdessen schafft er etwas viel Schwierigeres: Er zeigt die Widersprüchlichkeit und Gleichzeitigkeit all dieser Faktoren. Diese Ambivalenzen bleiben stehen und genau dadurch wirken sie so wahr. Trotz philosophischer und gesellschaftlicher Reflexionen liest sich das Buch unglaublich schnell weg. Louis schreibt nahbar, klar und emotional präzise. Man kann vieles nachempfinden, selbst wenn man (wie ich) aus einem privilegierten Umfeld kommt und dieses Milieu kaum aus eigener Erfahrung kennt. Gerade deshalb fand ich das Buch so wertvoll: weil es einen authentischen Einblick in Lebensrealitäten gibt, die im literarischen Mainstream oft unsichtbar bleiben oder vereinfacht dargestellt werden. Für mich war „Der Absturz“ deshalb nicht nur ein Roman über Alkoholismus oder familiäre Gewalt, sondern auch ein Buch über soziale Herkunft, Scham, Perspektivlosigkeit und die Frage, wie sehr ein Mensch überhaupt die Möglichkeit hat, seinem Leben zu entkommen.
In Der Absturz befasst sich Édouard Louis mit dem Tod seines Bruders mit nur 38 Jahren. Alkohol, Gewalt und zerplatzte Träume prägten dessen Leben. Der von mir bewunderte Franzose zeichnet ein widersprüchliches Porträt eines Menschen, den er hasst, aber gleichzeitig zu verstehen versucht. Offenbar ist Louis’ autofiktionale Familiensaga nun zum Ende gekommen.
„Meinen Bruder kennenzulernen, bedeutete, ihn zu hassen.“ – Schonungslos und distanziert wirkt diese Aussage, doch bei Louis‘ „Der Absturz“ handelt es sich keinesfalls um eine kalte Abrechnung mit dem verstorbenen Bruder. Vielmehr will Édouard verstehen, wie es zu der Spirale aus Sucht, Gewalt und Enttäuschungen kommen konnte, die das Leben seines Bruders bestimmte. Dabei berichtet er nicht nur von seinen eigenen Erlebnissen mit seinem Bruder, sondern lässt auch die Menschen zu Wort kommen, die dem Bruder einst am nächsten standen. Durch seinen unnachahmlichen Erzählstil schafft es Louis immer wieder, seine Leser*innen vollkommen zu vereinnahmen und trotz der ungeschönten Schilderung dieser toxischen Familienstrukturen, Mitgefühl und Verständnis für die vermeintlichen Antagonisten zu wecken. Das Buch bildet einen perfekten Abschluss von Louis‘ autofiktionalen Romanen rund um seine Familie, das Leben in ärmlichen Verhältnissen und der Selbstfindung des Autors. Für mich ein klares Highlight, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Characteristics
3 reviews
Mood
Protagonist(s)
Pace
Writing Style
Description
»Dieses Buch ist der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren mit ›Das Ende von Eddy‹ begonnen hat.« ÉDOUARD LOUIS
Die Geschichte von Louis’ Bruder ist die eines ständig scheiternden Träumers: In der Arbeitswelt ohne Aussicht, wünscht er sich ein größeres Leben. Eines, in dem er Kathedralen restauriert, die Welt bereist und die Liebe seines Vaters verdient. Doch nichts davon lässt seine Wirklichkeit zu, er versinkt in Alkohol- und Spielsucht und bleibt ein tragischer Phantast. Dieses Buch ist ein schonungsloses und doch zartes Porträt des Bruders, der in berührenden Szenen immer wieder versucht, dem jüngeren Édouard einen anderen Weg ins Leben zu weisen als den eigenen.
»Frankreichs größte literarische Sensation.« The New York Times
»Es hat eine enorme aufpeitschende Kraft, wie Édouard Louis sein Leben reflektiert.« Edgar Selge
Book Information
Author Description
Édouard Louis, geboren 1992, gilt als einer der wichtigsten Autoren der jüngeren Generation. Sein Roman »Das Ende von Eddy« machte ihn 2015 international bekannt. Er erzählte darin von seiner Kindheit in einem Dorf in Nordfrankreich in prekärsten Verhältnissen. In »Anleitung ein anderer zu werden« erzählt er davon, wie er die Grenzen seiner Herkunft hinter sich ließ. Seine Bücher erscheinen in 35 Sprachen und werden an Bühnen überall auf der Welt fürs Theater adaptiert. Zuletzt erschienen »Im Herzen der Gewalt«, »Wer hat meinen Vater umgebracht« sowie »Die Freiheit einer Frau«. Édouard Louis lebt in Paris.
Posts
"Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit noch Verzweiflung noch Erleichterung noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkaufen im Supermarkt erzählt." "Mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt." "Das Leben meines Bruders erinnert an das Bild von einem Körper, der im Treibsand versinkt, in Endlosschleife. Immer wenn er versuchte, sich freizukämpfen, geriet er tiefer hinein " In diesem Buch beschreibt der Autor die schwierige Beziehung zu seinem älteren Halbbruder. Sie ist geprägt ist von dessen Alkoholsucht und Aggressivität. Seine Suche und Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung findet er nicht, er zerbricht am eigenen Leben. Es ist die Geschichte einer Bruderschaft, die nach vielen Enttäuschungen schließlich in eine völlige Gleichgültigkeit abdriftet. Gewohnt stark und treffend geschrieben, hat mich Edouard Louis ab der ersten Seite mit diesem Buch wieder gefangen genommen. Ich mag seinen Schreibstil sehr, er beschreibt nüchtern, fast dokumentarisch und bringt dabei trotzdem die Gefühle, die er empfindet, deutlich zum Ausdruck. Eine ganz klare Leseempfehlung für dieses schmerzhaft schöne Buch ⭐
Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte meines Bruders ist die Geschichte einer zur Welt gekommenen und immer wieder aufgerissenen Wunde.
Der Absturz von Édouard Louis ist kein Roman, den man einfach liest und wieder zur Seite legt – es ist ein Text, der nachhallt, weil er weh tut. Louis erzählt darin die Geschichte seines Bruders und gleichzeitig eine Geschichte von sozialer Herkunft, Gewalt und Ausweglosigkeit. Es geht nicht nur um ein individuelles Schicksal, sondern um die Mechanismen einer Gesellschaft, die bestimmte Leben von Anfang an beschädigt. Besonders stark wirkt dabei das Gefühl, dass sich durch das ganze Buch zieht: dass Leid nicht einmalig ist, sondern sich wiederholt, weitergegeben wird, sich festsetzt. Genau das trifft das Zitat sehr präzise: „Manchmal habe ich das Gefühl, die Geschichte meines Bruders ist die Geschichte einer zur Welt gekommenen und immer wieder aufgerissenen Wunde.“ Dieses Bild der „Wunde“ beschreibt nicht nur die Biografie des Bruders, sondern auch die Struktur des Buches selbst. Jede Erinnerung, jede Szene wirkt wie ein erneutes Aufreißen – nichts ist wirklich verheilt, alles bleibt roh. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die schonungslose Ehrlichkeit. Louis schreibt ohne Beschönigung, fast dokumentarisch, und gerade dadurch entsteht eine enorme emotionale Wucht. Gleichzeitig ist der Text politisch: Er macht sichtbar, wie Armut, fehlende Perspektiven und gesellschaftliche Ausgrenzung Menschen formen und oft auch zerstören. Für mich passt das zitierte Bild deshalb so gut, weil es den Kern des Buches einfängt: Es geht nicht nur um einen „Absturz“, sondern um eine Verletzung, die nie die Chance hatte zu heilen. Diese Perspektive macht das Buch schwer, aber auch unglaublich wichtig.

Der autofiktionale Roman von Edouard Louis bildet das Ende seiner Trilogie. Hier geht es um seinen älteren Bruder, der gefangen in der Alkohol- und Spielsucht ist, von einem besseren Leben träumt, es aber nie schafft. Er hängt fest in der Vergangenheit, macht seinen Eltern Vorwürfe, fühlt sich ungeliebt. Louis kann keine richtige Beziehung zu ihm aufbauen. Er ist distanziert und skeptisch. Zu oft schon wurde er enttäuscht von ihm. Seine Alkoholsucht frisst ihn innerlich auf aber ohne geht es auch nicht. Er hält das Leben sonst nicht aus, muss sich betäuben. Ein ganz großartiges Buch, ganz nach meinem Geschmack. Derb, zart und gefühlvoll erzählt Louis die Geschichte seines Bruders. Er kann ihn nicht lieben, zu schmerzhaft sind viele Erinnerungen. Er reflektiert, überlegt ob er ihm hätte helfen können, doch hat keine klare Antwort. Der Vater ist schwierig, schreckt nicht vor körperlicher und vor allem seelischer Gewalt zurück. Sein Bruder hat das nicht verkraftet, war immer auf der Suche, hat sich nie gefunden. Die Frage ob es am Vater lag oder er schon mit dieser Wunde auf die Welt gekommen ist, stellt sich. In kurzen Kapiteln wird dieses schonungslose Porträt festgehalten. Die ambivalenten Gefühle Louis‘ werden wunderbar erläutert, er versucht ihn zu verstehen aber zu groß ist oft die Abneigung. Ein sehr komplexes Thema, ganz wunderbar umgesetzt. Ein eindrucksvoller Roman, ehrlich bis es weh tut und so unglaublich kraftvoll. Ich bin großer Fan und empfehle es ganz dringend weiter.
Poetisch und ehrlich
Edouard Louis erzählt im letzten seiner Familienromane die Geschichte seines Halbbruders, der immer mehr abstürzt und am Ende am Leben zugrunde geht. Es war mein erstes Buch von dem Autor, aber sicher nicht das letzte, denn Louis erzählt zwar schonungslos ehrlich, sodass mir als Leserin oft der Atem stockt, gleichzeitig aber auch sehr zart und poetisch. Er schafft es, ein Porträt seines Bruder zu erstellen, in dem all die psychologischen Ambivalenzen, die ein Mensch haben kann, deutlich werden. Gleichzeitig zeigen sich auch die widersprüchlichen Gefühle, die der Erzähler in Bezug auf seine Bruder hat. Dabei wird die Geschichte fragmentarisch in einzelnen sogenannten Fakten erzählt, denn über allem schwebt die Frage, wie gut der Erzähler seinen Bruder eigentlich kannte, zu dem er 10 Jahre keinen Kontakt hatte. Dieser Schreibstil hat das Buch besonders eindrucksvoll gemacht.
Erschütternd
Auf dieses Buch habe ich mich lange gefreut!!! Édouard Louis widmet sich in „Der Absturz“ dem Leben und Sterben seines Bruders, der mit 38 Jahren einsam in seiner Wohnung stirbt. Er war Alkoholiker und in dem Buch wird diese Krankheit offen thematisiert: schonungslos, brutal und ungeschönt. Der Roman ist sprachlich wieder herausragen, knapp und präzise, ohne an Intensität zu verlieren. Die Episodenhaftigkeit des Erzählens macht die Geschichte eindringlich: Träume des Bruders, die nicht verwirklicht wurden, die Dysfunktionalität der Familie und verpatzte Chancen. Zwar war sein Lebensweg durch Herkunft und Milieu ohnehin von begrenzten Perspektiven geprägt, doch Louis zeigt schonungslos, wie die Eltern – beide auf unterschiedliche Weise – ihren verstorbenen Sohn in das Unglück trieben. So entsteht auf 220 Seiten das Bild eines Menschen, der nicht einfach „scheitert“, sondern von den Strukturen ausgelöscht wird. Das Buch erschüttert. Und ja, es ist nachvollziehbar, warum der Autor den Kontakt zu seinem Bruder viele Jahre vor dessen Tod abgebrochen hat, ja abbrechen musste.
Literarische Analyse Édouard Louis' Bruder
Wer Louis kennt, weiß, wie zerklüftet und voreingenommen seine Familie ist. In jedem Buch behandelt er die Geschichte eines anderen Familienmitglieds—dieses Mal erzählt er von seinem Bruder. Seinem toten Bruder. Er erzählt von seiner Alkoholsucht, den Drogen und dem Hass gegen Homosexuelle. Eindringlich und wie immer herausragend entwickelt Louis einen Sog, dem man gerne folgt. Auch wenn die Geschichte tragisch ist, so ist sie für Louis und auch für uns nun so erzählt, dass wir wissen: Sein Bruder hat sein Leben nicht auf die Kette gekriegt, und konnte dem Elend, anders wie Édouard, nicht entfliehen. Eine bewegende Lektüre, die sich nun in das Kaleidoskop von Édouard Louis Leben einfügt!
Abgründe aus Liebe und Scham
Ein Leben, das taumelt – zwischen Hoffnung, Scham und dem verzweifelten Wunsch, gesehen zu werden. Édouard Louis erzählt in Der Absturz nicht nur von seinem Bruder, sondern von einem ganzen Milieu, das vom System übersehen wird. Jede Seite ist durchdrungen von Schmerz, Zärtlichkeit und einer scharfen Beobachtungsgabe, die nichts beschönigt und doch tief mitfühlen lässt. Wie Louis die innere Zerrissenheit seines Bruders beschreibt, hat mich erschüttert. Dieser Mann, gefangen zwischen Stolz und Versagen, sucht Liebe, wo nur Ablehnung wartet. Sein Fall ist kein plötzlicher Sturz, sondern ein langsames Gleiten in die Leere – getragen von verlorenen Träumen, Alkohol und der bitteren Erkenntnis, dass der Aufstieg aus der Armut fast unmöglich ist. Gleichzeitig ist das Buch eine Liebeserklärung an das Erzählen selbst. Louis schreibt mit einer Wucht, die schmerzt, aber auch heilend wirkt, weil sie die Wahrheit nicht scheut. Zwischen den Zeilen leuchtet die Trauer über eine Familie, die von der Welt zermürbt wurde, und die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ein stiller, aber ungeheuer intensiver Abschluss seines autobiografischen Zyklus – ehrlich, roh, poetisch.

Édouard Louis ist einer dieser Schriftsteller, von dem ich jedes Buch UNBEDINGT lesen muss. Oui, ich bin ein Édouard-Fangirl ❤️🔥 ich finde sein Schreiben, sein Auftreten, seine Lesungen, Moderation und Beiträge so unglaublich gut, emphatisch, eloquent, intelligent, charmant. Punkt. Der französische Autor ist bekannt für sein autofiktionales Schreiben, in dem er sich sehr intensiv, reflektierend und selbstermächtigend mit seiner Herkunft, Familie, Klasse, Zugehörigkeit und Identität auseinandersetzt. Das schafft er auf so eine brillante Art und Weise, dass es über die individuellen Aspekte hinausgeht und zur gesellschaftlichen Debatte um diese Themen beiträgt. »Während mein Bruder sich betrank, studierte ich Philosophie, las ich Romane. Während mein Bruder sich betrank, schrieb ich. Während mein Bruder sich betrank, reiste ich. Nichts kann diesen Abstand zwischen uns beschreiben. Nichts kann diesen Abstand beschreiben, aber der Abstand beschreibt alles. Der Abstand hat ein Gedächtnis. Auch wenn ich nicht an meinen Bruder dachte, vergaß ich ihn nie.« (204) Mit seinem neusten Buch »DER ABSTURZ« ordnet er seine Erinnerungen an seinen großen Bruder und schafft daraus Literatur. Er beschreibt, wie Klassenschicksal, Gewaltspirale und Alkoholismus sich potenzieren und eine Welt in der Menschen kaputt gehen und zu früh daran sterben. »Mein Bruder hatte schon immer die ganze Welt gewollt, seine Träume waren nie klein gewesen, sondern immer riesengroß, […] und ich glaube, es lag an der Größe seiner Träume, an der Diskrepanz zwischen seinen übergroßen Träumen und den Unmöglichkeiten, aus denen sein Leben bestand, den Begrenzungen, Armut, Geldmangel, eine Herkunft aus Nordfrankreich, all das, was sein Schicksal ausmachte, ich glaube, es lag an diesem Widerspruch, dass er so unglücklich war. Mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt.« (16) Um seinen Bruder besser verstehen zu können, ordnet er nicht nur seine eigenen Erinnerungen, sondern spricht mit weiteren nahestehenden Personen seines Bruders, wie seiner Mutter, aber auch den ehemaligen Geliebten von seinem Bruder. Insbesondere vor dem Hintergrund der großen Diskrepanz zwischen Édouard und seinem Bruder (nicht zu letzt aufgrund dessen Homophobie und Gewalttätigkeit) ist es erstaunlich, wie klar der Autor analysiert und damit u.a. eine universelle Gesellschaftskritik ableitet. Ich bin sehr gespannt, was nach diesen intensiven, autofiktionalen Werken zu seiner Herkunftsfamilie und Identität als nächstes von diesem großartigen Autor kommen wird und weiß jetzt schon: Ich werde es definitiv lesen. ❤️

Wieviele Familien Mitglieder sind noch and der Reihe …
Absturz ist ein Buch, das mich mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen hat. Die Sprache ist häufig schlicht, manchmal sogar derb – was zwar die soziale Realität widerspiegelt, aus der Louis erzählt, aber stilistisch wenig Tiefe bietet. Genau das hat es mir nach etwa 30 Seiten schwer gemacht, weiterzulesen, weil ich sprachlich leider wirklich enttäuscht war. Was mich zusätzlich irritiert hat, ist der konstante Beigeschmack von Abwertung und Herablassung gegenüber seinem Bruder. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Buch und lässt kaum Raum für Empathie oder Ambivalenz. Statt einer vielschichtigen Annäherung entsteht der Eindruck einer literarischen Abrechnung, die emotional einseitig bleibt. Dass keines seiner Geschwister – und insbesondere der Bruder, um den es hier geht – überhaupt einen Namen erhält, spricht dabei Bände. Es wirkt, als würde Louis ihnen nicht einmal die minimale Würde einer individuellen Identität zugestehen. Ich erlaube mir diese Einschätzung auch deshalb, weil ich sehr genau weiß, was es bedeutet, in einer Familie mit schwierigen sozialen Strukturen aufzuwachsen – inklusive Alkoholismus sowohl im elterlichen als auch im geschwisterlichen Umfeld. Gerade deshalb hätte ich mir mehr Sensibilität, mehr Zwischentöne und weniger moralische Überheblichkeit gewünscht. Am Ende bleibt für mich ein schaler Nachgeschmack. Besonders der Satz „Ich wusste nicht, dass meine Mutter meinen Bruder so sehr liebte, ich wusste nicht, dass ihre Liebe zu ihm so groß war, dass sie seinetwegen das Bewusstsein verlor.“ hat mich fassungslos zurückgelassen. Wie ignorant kann man ein Buch über seinen eigenen Bruder beenden, ohne sich der Tragweite solcher Worte bewusst zu sein. Und so frage ich mich, ob wirklich jedes Familienmitglied ein eigenes Buch braucht – und ob Louis, nachdem er nun alle einmal literarisch seziert hat, überhaupt noch zu einem neuen, wirklich eigenständigen Werk fähig ist.
Stark, schmerzvoll und irgendwie auch ein Gesellschaftsroman.
Wieder so ein Buch von Édouard Louis, das ich in drei Tagen gesnackt habe. Ganz toll, ganz traurig, super stark. Da Thema des Buches ist ja von Anfang an klar. Wie sich der Autor dann in Gedanken all dem nähert, was emotional und familiäre Konflikte angeht, hat mich sehr berührt. Was mich besonders gekriegt hat, sind die Perspektiven, die über den Bruder eingeholt werden. Das hat bei mir viele Fragen aufgeworfen: Wo entsteht Wut, Hass, Ungerechtigkeit? Wo entsteht die Spaltung der Gesellschaft? Und wieder: Welchen Impact hat das Maß an Liebe, die wir am Anfang unseres Lebens erhalten, auf das restliche? Eh krasses Buch. Auf die Fragen hab ich paar Antworten gefunden, einige bleiben wahrscheinlich für immer offen. Und was man ja auch mal lobend erwähnen kann: Ich mochte das Buchformat, so irgendwie hochkant, sehr gerne. Das lag extrem gut in der Hand 😄
Ein fesseln der Blick auf Familie, Alkoholismus und Klasse
Ich wollte schon länger einen Roman von Édouard Louis lesen und bin irgendwie immer nur drumherum getänzelt. Nun habe ich innerhalb von zwei Tagen inhaliert und möchte unbedingt mehr von ihm lesen. Das Buch erzählt vom älteren Bruder des Autors, der alkoholkrank war und schließlich an den Folgen seines Alkoholismus stirbt. Doch anstatt mit Trauer beginnt der Roman mit einer Leere: Édouard fühlt nichts. Keine Verzweiflung, keine Erleichterung, keine klassische Form von Verlust. Und genau aus dieser emotionalen Schwebe heraus entfaltet sich das Buch. Es ist kein linear erzählter Roman, sondern eher eine Collage aus Erinnerungen, Beobachtungen, Gesprächen mit ehemaligen Partnerinnen und Freundinnen des Bruders und essayistischen Gedankenströmen. Dabei umkreist Louis permanent eine zentrale Frage, ohne sie jemals eindeutig zu formulieren: die Schuldfrage. Wer oder was trägt Verantwortung für ein zerstörtes Leben? Die dysfunktionale Familie? Die Erniedrigungen durch die Eltern? Genetik? Das soziale Milieu? Zu große Träume? Oder vielmehr eine Gesellschaft, die manchen Menschen gar keinen Raum lässt, diese Träume überhaupt verwirklichen zu können? Was mich daran so beeindruckt hat, ist, dass Louis keine einfachen Antworten liefert. Er analysiert nicht von oben herab und diagnostiziert nichts. Stattdessen schafft er etwas viel Schwierigeres: Er zeigt die Widersprüchlichkeit und Gleichzeitigkeit all dieser Faktoren. Diese Ambivalenzen bleiben stehen und genau dadurch wirken sie so wahr. Trotz philosophischer und gesellschaftlicher Reflexionen liest sich das Buch unglaublich schnell weg. Louis schreibt nahbar, klar und emotional präzise. Man kann vieles nachempfinden, selbst wenn man (wie ich) aus einem privilegierten Umfeld kommt und dieses Milieu kaum aus eigener Erfahrung kennt. Gerade deshalb fand ich das Buch so wertvoll: weil es einen authentischen Einblick in Lebensrealitäten gibt, die im literarischen Mainstream oft unsichtbar bleiben oder vereinfacht dargestellt werden. Für mich war „Der Absturz“ deshalb nicht nur ein Roman über Alkoholismus oder familiäre Gewalt, sondern auch ein Buch über soziale Herkunft, Scham, Perspektivlosigkeit und die Frage, wie sehr ein Mensch überhaupt die Möglichkeit hat, seinem Leben zu entkommen.
In Der Absturz befasst sich Édouard Louis mit dem Tod seines Bruders mit nur 38 Jahren. Alkohol, Gewalt und zerplatzte Träume prägten dessen Leben. Der von mir bewunderte Franzose zeichnet ein widersprüchliches Porträt eines Menschen, den er hasst, aber gleichzeitig zu verstehen versucht. Offenbar ist Louis’ autofiktionale Familiensaga nun zum Ende gekommen.
„Meinen Bruder kennenzulernen, bedeutete, ihn zu hassen.“ – Schonungslos und distanziert wirkt diese Aussage, doch bei Louis‘ „Der Absturz“ handelt es sich keinesfalls um eine kalte Abrechnung mit dem verstorbenen Bruder. Vielmehr will Édouard verstehen, wie es zu der Spirale aus Sucht, Gewalt und Enttäuschungen kommen konnte, die das Leben seines Bruders bestimmte. Dabei berichtet er nicht nur von seinen eigenen Erlebnissen mit seinem Bruder, sondern lässt auch die Menschen zu Wort kommen, die dem Bruder einst am nächsten standen. Durch seinen unnachahmlichen Erzählstil schafft es Louis immer wieder, seine Leser*innen vollkommen zu vereinnahmen und trotz der ungeschönten Schilderung dieser toxischen Familienstrukturen, Mitgefühl und Verständnis für die vermeintlichen Antagonisten zu wecken. Das Buch bildet einen perfekten Abschluss von Louis‘ autofiktionalen Romanen rund um seine Familie, das Leben in ärmlichen Verhältnissen und der Selbstfindung des Autors. Für mich ein klares Highlight, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.



















