Die Toten
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Description
Christian Krachts neuer Roman »Die Toten« führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik, als die Kultur der Moderne, besonders die Filmkultur, eine frühe Blüte erlebte.
Hier, in Berlin, »dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation«, versucht ein Schweizer Filmregisseur, angestachelt von einem gewissen Siegfried Kracauer und einer gewissen Lotte Eisner, den UFA-Tycoon Hugenberg zur Finanzierung eines Film zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Das überschneidet sich mit ebensolchen Plänen im dortigen Kaiserreich, mit denen man dem entstehenden Hollywood-Imperium Paroli bieten will ...
Ein Roman in betörend-magischer Sprache, der das Geheimnis des Films als Kunstwerk der Moderne feiert, seine großen Meister von Murnau bis Lang, die Sehnsucht großer Künstler nach Transzendenz und Erlösung und die Erinnerung als Quelle unseres Ichs. Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind, ob wir es wollen oder nicht.
Book Information
Author Description
Christian Kracht, Schweizer, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium«, »Die Toten«, »Eurotrash« und »Air« sind in über 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in Zürich.
Posts
Für diesen genial komponierten Roman hat Christian Kracht 2016 den Schweizer Buchpreis erhalten. Der dreiteilige Roman ist dabei nach der strengen Dramaturgie des traditionellen Nō-Theaters aus Japan nachempfunden (Ja-ha-hyū = verheißungsvoll-beschleunigend-zügig dem Höhepunkt entgegen strebend). Also darf man sich auf ein abwechslungsreiches und abgründiges Leseerlebnis einstellen, wobei einem der Hauch der Geschichte anweht und historische Persönlichkeiten der 1930er Jahre mit den fiktiven Figuren aus der Feder des Schriftstellers in Beziehung treten. Dabei treten als Hauptakteure dieses Dramas (denn wer würde bei dem Buchtitel etwas anderes erwarten?) ein Schweizer Regisseur namens Emil Nägeli und sein Schattenzwilling, ein japanischer Künstler namens Masahiko Amakasu (welcher einer historischen Person wenigstens dem Namen nach entspricht) auf. Über die auf Seite 167 folgendes gesagt wird: Amakasu und Nägeli haben sich eben im Flur sozusagen im Traum anamnetisch beschnuppert und sich ihres wahren Seins vergewissert; üblicherweise ist dies unter ihrer Sorte Menschen in Sekundenbruchteilen erledigt und man ignoriert sich fortan; der Weg von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel zu anstrengend und grausam, um ihn mit anderen Eingeweihten teilen zu müssen. Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine geboren. In dem Schreiben von Christian Kracht spürt man eine unglaubliche Schaffensfreude, die vielleicht auch in der Notwendigkeit fußt, bestimmte Dinge durch Geschichten zu fixieren und sie als durchdachte Wortgebilde in die Welt zu schicken. Manche Sätze sind von einer klaren Schönheit geprägt, manche fast verschwenderisch grausam und dann wieder nonchalant bis diffus. In diesem Roman kommt es einem so vor, als hätte der Autor sich teilweise selbst hineingelegt in sein Schreiben. Dadurch gehen manche Szenen sehr nah, wenn zum Beispiel der Emil Nägeli darüber sinniert, ob dieser Moment in seiner Kindheit, als er sich als zu alt empfand, um an der Hand des Vaters zu gehen, den Bruch der Beziehung begründete. Auch ungewöhnliche geschichtliche Fakten werden in die Handlung mit eingebaut. Denn tatsächlich gab es die Pläne einer Militärvereinigung den Schauspieler Charlie Chaplin während des Besuchs beim japanischen Premierminister zu ermorden - doch er erschien dort nicht (wo er sich stattdessen herum getrieben haben könnte, wird im Roman beschrieben). Natürlich ist dieser Roman speziell. Die Handlung springt von Europa nach Asien hin und her und die Gedankenspiele im Roman wirken oft experimentell bis surreal. Das muss man mögen, sonst ist der Roman frustrierend. Bei der Gestaltung des Endes soll sich Christian Kracht von Hölderlins "Hyperion" inspiriert gefühlt haben, aber die Zeilen aus Kapitel 13 fassen die Stimmung des gesamten Romans gut in Worte. Wem also nachfolgende Gedanken zusagen, der wird wahrscheinlich an dem Roman "Die Toten" Freude haben: "Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft; und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen, sie wägen Aeonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der Sonne.“ FAZIT Da dachte ich mir, dass Christian Kracht den perfekten Roman erst noch schreiben müsste - dabei hatte ich "Die Toten" nur noch nicht entdeckt! Allein wie Anfang und Ende eine Klammer bilden, hat mich entzückt. Allerdings eine der grausamen Art, denn der Roman beginnt mit der Szene eines ritualisierten Suizid. Seid also gewarnt! Zum Schluss danke ich dem Schriftsteller für einen Rilke Moment auf Seite 159:" "Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen."
Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen.
Die Zwischenkriegszeit der 1930er Jahre: Der Schweizer Regisseur Emil Nägeli begibt sich auf eine Reise über Deutschland nach Japan, wo er einen Horrorfilm als Allegorie auf das drohende Grauen des 20. Jahrhunderts drehen soll. Arrangiert hat dies Masahiku Amakasu, ein japanischer Ministerialbeamter (welcher wiederum unwissentlich vom deutschen Geheimdienst etabliert wurde). Die Protagonisten: Amakasu wird bereits im Kindesalter als unheimlich, grausam und von Todesfantasien besessen eingeführt. Er ist bestimmt von Vaterhass, hat eine grausame Internatszeit erlebt und wird seit einer mysteriösen Begegnung, deren Ablauf dem Abstieg in die Hölle gleicht, von einem weiblichen Dämon verfolgt. Amakasu lernt zufällig Nägelis in Japan lebende Frau Ida kennen, mit der er eine Affäre beginnt (und in deren Gegenwart ihm der besagte Dämon auffallend häufig erscheint). Nägeli ist ebenfalls von Vaterhass angetrieben. Die Idee hinter seinem filmischen Auftrag lautet: Ein globaler Kulturkrieg wird geführt und es soll eine „zelluloidene Achse“ des deutschen und japanischen Kinos gegen den Kulturimperialismus Amerikas geschlagen werden, da Hollywood zunehmend negativen Einfluss auf Meinung und Sitte anderer Nationen nehme. Nachdem er seinen Auftrag über Unwege angenommen hat und in Japan ankommt, ahnt er schnell von der Affäre Idas mit Amakasu. *Absatz enthält Spoiler* Als Nägeli Ida und Amakasu beim Akt erwischt, verlässt er die Situation fluchtartig, wobei er die beiden mit dem fluchgleichen Wunsch belegt, sie mögen zeitnah und qualvoll sterben. Er entfernt sich nun immer weiter von der Zivilisation und schließt in der Natur und in Erinnerung an ein untergegangenes Europa Frieden mit sich und seinem Vater. Gleichzeitig endet die Reise für Amakasu und Ida mit ihrem Fortgang nach Amerika tatsächlich rasch tödlich: Ida stürzt sich selbst in den Tod, nachdem sie in Amerika erfolglos bleibt und alles verliert, während Amakasu bereits auf dem Weg nach L.A. zum Selbstmord gezwungen wird. *Spoiler Ende* Geschrieben ist der Roman in der Form des dreiteiligen Japanischen Nō-Theaters. Gezeigt werden ein verfallendes Europa und der Beginn neuer Weltmachtverhältnisse. Die titelgebenden Toten sind die Protagonisten selbst. Als Anachronismen leben sie in der Zerrissenheit von Freiheit und Unfreiheit, von Tod und Wiedergeburt. Sie erkennen, dass die Katastrophe ein wiederkehrendes Element ist: In diesem Moment das labile, im Untergang begriffene Europa zum Ende der Weimarer Republik. Die Toten erkennen sich gegenseitig als solche, was jedoch nicht zu Solidarität unter ihnen führt. In ihrer Welt gibt es keinen gemeinsamen Bezugspunkt. Für die Toten ist die Vergangenheit dabei interessanter als die Gegenwart: Alles Lernen und Erkennen ist für sie nur Erinnerung (vgl. Platon), sie selbst spuken als Geister gewissermaßen aus der Vergangenheit. Diese ist bereits ästhetisiert/bearbeitet - wie auch im Film. Der Film als Grundthema des Romans hat hier verschiedene Aspekte: Mit ihm als Waffe wird ein globaler Krieg ausgetragen, ein Kulturkrieg. Außerdem ist der Film einerseits Medium der als Ausschnitt ästhetisierten Dinge (durch Licht, Filmband, Kulisse, Schauspieler etc.), andererseits Projektionsfläche für Immaterielles (Ideologien, Propaganda und ästhetische Programme). Die (Film-)Kunst selbst erscheint als Totenreich: Eine Zwischenwelt aus Traum, Erinnerung und ästhetisierender Verarbeitung. Ein wiederkehrendes Bild ist außerdem der Selbstmord. Idealisiert wird er in Form eines Opfers im Höhepunkt der Vollkommenheit, im Bild der fallenden Kirschblüte - realisiert wird er konkret aus Verzweiflung, im Scheitern oder aus Zwang. So beginnt der Roman bereits mit dem Filmen eines rituellen Suizids (Seppuku). Typisch Kracht erlebt Nägeli eine Reise, auf der er sich selbst und alles verliert, um am Ende eine gewisse Erlösung zu erfahren, untypisch für Kracht in der scheinbaren Idylle seines Ausgangspunktes, seinem Heimatdorf (Aspekt der Wiedergeburt).
Ist mir zu durcheinander
Bereits bei den ersten Seiten dachte ich, das ist nicht meins. Er schreibt mir zu langatmig, verwinkelt und zu verwirrt. Der Handlungsfaden reißt mir zu schnell ab und ich ertappe mich, aus dem Fenster starrend und sinnierend über den Inhalt und Sinn des Buches. Ich hab die Hälfte gelesen und werde mich durch den Rest quälen. Danach freue ich mich auf einen Krimi…
Herzliche Gratulation an Christian Kracht zum gewonnenen Schweizer Buchpreis 2016! "Die Toten" gehört zu jenen Büchern, die über ein einfaches "gut" oder "schlecht" erhaben sind. Immer, wenn ich mich daran setze, diese Rezension zu schreiben, entzieht sich mir das Buch. Aber genau deshalb gehört Christian Kracht zu meinen Lieblingsautoren. Er entzieht sich geschickt den üblichen Standarts, hebt sich ab vom traditionellen "ist gut, weil..." oder "ist schlecht, weil...". Kracht zieht sein eigenes Ding durch und das zeigt sich auch in seinem aktuellsten Werk. Es herrscht eine düstere, aber oft auch durchaus witzige Stimmung in "Die Toten". Bei Kracht gehen die Toten munter durchs Leben, bis zu einem Zeitpunkt, an dem es sie zerreisst. Zu Beginn lernen wir die Figuren und ihre Hintergründe kennen. Ich muss gestehen, dass mir dieser erste Teil nicht so wirklich zugesagt hat, aber er ist wichtig für die Geschichte, was ich jedoch erst hinterher begriff. Dann beginnen sich die Lebenslinien der Figuren langsam aber sicher zu berühren und zu verwickeln. Kracht schafft es, auf be- und verzaubernde Art und Weise den Untergang der Stummfilmzeit mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus zu verknüpfen, ohne das eine oder andere dominieren zu lassen. Wir treffen auf jede Menge bekannter Namen, doch bleiben uns die agierenden Figuren eher fern. Wir beobachten von aussen, ohne dass man eingreifen will. Ich fühlte mich wie jemand, der Fischen im Aquarium zusieht. Auf keinen Fall will man das faszinierende Spektakel unterbrechen, indem man plump gegen das Glas hämmert. Das Wunderbarste an diesem Buch ist jedoch Krachts Ausdrucksstärke. Er zeichnet unvergessliche Bilder in einer Sprache, die einen fast schon hypnotisiert. Diese Worte nehmen einen in den Arm, geben einem ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Nur ungerne tauchte ich wieder aus diesem warm-dunklen Mikrokosmos auf, in welchen einen "Die Toten" unweigerlich hineinzieht. Deshalb freut es mich umso mehr, dass dieses Buch den Preis gewonnen hat, den es verdient. Und Kracht ist damit nun auch ein wenig mehr mein Lieblingsautor geworden, als dass er es zuvor eh schon war.
Japan, Deutschland, Hollywood, sie alle sind in den 1930er-Jahren auf dem Sprung. Wir begleiten Emil Nägeli, einen Schweizer Regisseur, und einen japanischen Amtsträger. 3 Akte, 46 kurze Kapitel. Angeordnet nach dem japanischen Prinzip, zuerst viele Erinnerungsfetzen, gespenstisch (der Abstieg beim Kliff in die Höhle der Wurzelhexe z.B.). Dann die eigentliche Handlung: Nägeli soll für die Nazis einen Propagandafilm drehen, Kosten egal, er nimmt das unmoralische Angebot an, will dabei schlauer sein als seine Auftraggeber, will einen Horrorfilm drehen als Sinnbild für das, was den bald kriegstreibenden Deutschen und Japanern bevorsteht. Dann, sehr kurz, Teil 3, in dem alle scheitern (Suizid, Erfolglosigkeit, schwimmend inmitten des Pazifiks). Alle sind sie alleine am Ende, die Toten. Sprachlich, wie immer bei Kracht, ein Erlebnis, unbekannte Worte, Wendungen und Ereignisse. Ein ganz eigener Stil, der sich stets weiterentwickelt.
Das Buch ist sehr anstrengend zu lesen. Die setze sind unnötig lang gezogen mit vielen Kommas, sodass man vergisst, worüber gesprochen wird. Auch ist die Wortwahl unnötig abgehoben und es werden Wörter benutzt, die nur selten im normalen Sprachgebrauch genutzt werden. Diese skurrile Wort fahren in Verbindung mit den unnötig langen Gesetzen, macht das Leseerlebnis sehr anstrengend und schwierig, eine Geschichte zu folgen.
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Christian Krachts neuer Roman »Die Toten« führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik, als die Kultur der Moderne, besonders die Filmkultur, eine frühe Blüte erlebte.
Hier, in Berlin, »dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation«, versucht ein Schweizer Filmregisseur, angestachelt von einem gewissen Siegfried Kracauer und einer gewissen Lotte Eisner, den UFA-Tycoon Hugenberg zur Finanzierung eines Film zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Das überschneidet sich mit ebensolchen Plänen im dortigen Kaiserreich, mit denen man dem entstehenden Hollywood-Imperium Paroli bieten will ...
Ein Roman in betörend-magischer Sprache, der das Geheimnis des Films als Kunstwerk der Moderne feiert, seine großen Meister von Murnau bis Lang, die Sehnsucht großer Künstler nach Transzendenz und Erlösung und die Erinnerung als Quelle unseres Ichs. Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind, ob wir es wollen oder nicht.
Book Information
Author Description
Christian Kracht, Schweizer, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium«, »Die Toten«, »Eurotrash« und »Air« sind in über 35 Sprachen übersetzt. Er lebt in Zürich.
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Für diesen genial komponierten Roman hat Christian Kracht 2016 den Schweizer Buchpreis erhalten. Der dreiteilige Roman ist dabei nach der strengen Dramaturgie des traditionellen Nō-Theaters aus Japan nachempfunden (Ja-ha-hyū = verheißungsvoll-beschleunigend-zügig dem Höhepunkt entgegen strebend). Also darf man sich auf ein abwechslungsreiches und abgründiges Leseerlebnis einstellen, wobei einem der Hauch der Geschichte anweht und historische Persönlichkeiten der 1930er Jahre mit den fiktiven Figuren aus der Feder des Schriftstellers in Beziehung treten. Dabei treten als Hauptakteure dieses Dramas (denn wer würde bei dem Buchtitel etwas anderes erwarten?) ein Schweizer Regisseur namens Emil Nägeli und sein Schattenzwilling, ein japanischer Künstler namens Masahiko Amakasu (welcher einer historischen Person wenigstens dem Namen nach entspricht) auf. Über die auf Seite 167 folgendes gesagt wird: Amakasu und Nägeli haben sich eben im Flur sozusagen im Traum anamnetisch beschnuppert und sich ihres wahren Seins vergewissert; üblicherweise ist dies unter ihrer Sorte Menschen in Sekundenbruchteilen erledigt und man ignoriert sich fortan; der Weg von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel zu anstrengend und grausam, um ihn mit anderen Eingeweihten teilen zu müssen. Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine geboren. In dem Schreiben von Christian Kracht spürt man eine unglaubliche Schaffensfreude, die vielleicht auch in der Notwendigkeit fußt, bestimmte Dinge durch Geschichten zu fixieren und sie als durchdachte Wortgebilde in die Welt zu schicken. Manche Sätze sind von einer klaren Schönheit geprägt, manche fast verschwenderisch grausam und dann wieder nonchalant bis diffus. In diesem Roman kommt es einem so vor, als hätte der Autor sich teilweise selbst hineingelegt in sein Schreiben. Dadurch gehen manche Szenen sehr nah, wenn zum Beispiel der Emil Nägeli darüber sinniert, ob dieser Moment in seiner Kindheit, als er sich als zu alt empfand, um an der Hand des Vaters zu gehen, den Bruch der Beziehung begründete. Auch ungewöhnliche geschichtliche Fakten werden in die Handlung mit eingebaut. Denn tatsächlich gab es die Pläne einer Militärvereinigung den Schauspieler Charlie Chaplin während des Besuchs beim japanischen Premierminister zu ermorden - doch er erschien dort nicht (wo er sich stattdessen herum getrieben haben könnte, wird im Roman beschrieben). Natürlich ist dieser Roman speziell. Die Handlung springt von Europa nach Asien hin und her und die Gedankenspiele im Roman wirken oft experimentell bis surreal. Das muss man mögen, sonst ist der Roman frustrierend. Bei der Gestaltung des Endes soll sich Christian Kracht von Hölderlins "Hyperion" inspiriert gefühlt haben, aber die Zeilen aus Kapitel 13 fassen die Stimmung des gesamten Romans gut in Worte. Wem also nachfolgende Gedanken zusagen, der wird wahrscheinlich an dem Roman "Die Toten" Freude haben: "Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft; und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen, sie wägen Aeonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der Sonne.“ FAZIT Da dachte ich mir, dass Christian Kracht den perfekten Roman erst noch schreiben müsste - dabei hatte ich "Die Toten" nur noch nicht entdeckt! Allein wie Anfang und Ende eine Klammer bilden, hat mich entzückt. Allerdings eine der grausamen Art, denn der Roman beginnt mit der Szene eines ritualisierten Suizid. Seid also gewarnt! Zum Schluss danke ich dem Schriftsteller für einen Rilke Moment auf Seite 159:" "Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen."
Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen.
Die Zwischenkriegszeit der 1930er Jahre: Der Schweizer Regisseur Emil Nägeli begibt sich auf eine Reise über Deutschland nach Japan, wo er einen Horrorfilm als Allegorie auf das drohende Grauen des 20. Jahrhunderts drehen soll. Arrangiert hat dies Masahiku Amakasu, ein japanischer Ministerialbeamter (welcher wiederum unwissentlich vom deutschen Geheimdienst etabliert wurde). Die Protagonisten: Amakasu wird bereits im Kindesalter als unheimlich, grausam und von Todesfantasien besessen eingeführt. Er ist bestimmt von Vaterhass, hat eine grausame Internatszeit erlebt und wird seit einer mysteriösen Begegnung, deren Ablauf dem Abstieg in die Hölle gleicht, von einem weiblichen Dämon verfolgt. Amakasu lernt zufällig Nägelis in Japan lebende Frau Ida kennen, mit der er eine Affäre beginnt (und in deren Gegenwart ihm der besagte Dämon auffallend häufig erscheint). Nägeli ist ebenfalls von Vaterhass angetrieben. Die Idee hinter seinem filmischen Auftrag lautet: Ein globaler Kulturkrieg wird geführt und es soll eine „zelluloidene Achse“ des deutschen und japanischen Kinos gegen den Kulturimperialismus Amerikas geschlagen werden, da Hollywood zunehmend negativen Einfluss auf Meinung und Sitte anderer Nationen nehme. Nachdem er seinen Auftrag über Unwege angenommen hat und in Japan ankommt, ahnt er schnell von der Affäre Idas mit Amakasu. *Absatz enthält Spoiler* Als Nägeli Ida und Amakasu beim Akt erwischt, verlässt er die Situation fluchtartig, wobei er die beiden mit dem fluchgleichen Wunsch belegt, sie mögen zeitnah und qualvoll sterben. Er entfernt sich nun immer weiter von der Zivilisation und schließt in der Natur und in Erinnerung an ein untergegangenes Europa Frieden mit sich und seinem Vater. Gleichzeitig endet die Reise für Amakasu und Ida mit ihrem Fortgang nach Amerika tatsächlich rasch tödlich: Ida stürzt sich selbst in den Tod, nachdem sie in Amerika erfolglos bleibt und alles verliert, während Amakasu bereits auf dem Weg nach L.A. zum Selbstmord gezwungen wird. *Spoiler Ende* Geschrieben ist der Roman in der Form des dreiteiligen Japanischen Nō-Theaters. Gezeigt werden ein verfallendes Europa und der Beginn neuer Weltmachtverhältnisse. Die titelgebenden Toten sind die Protagonisten selbst. Als Anachronismen leben sie in der Zerrissenheit von Freiheit und Unfreiheit, von Tod und Wiedergeburt. Sie erkennen, dass die Katastrophe ein wiederkehrendes Element ist: In diesem Moment das labile, im Untergang begriffene Europa zum Ende der Weimarer Republik. Die Toten erkennen sich gegenseitig als solche, was jedoch nicht zu Solidarität unter ihnen führt. In ihrer Welt gibt es keinen gemeinsamen Bezugspunkt. Für die Toten ist die Vergangenheit dabei interessanter als die Gegenwart: Alles Lernen und Erkennen ist für sie nur Erinnerung (vgl. Platon), sie selbst spuken als Geister gewissermaßen aus der Vergangenheit. Diese ist bereits ästhetisiert/bearbeitet - wie auch im Film. Der Film als Grundthema des Romans hat hier verschiedene Aspekte: Mit ihm als Waffe wird ein globaler Krieg ausgetragen, ein Kulturkrieg. Außerdem ist der Film einerseits Medium der als Ausschnitt ästhetisierten Dinge (durch Licht, Filmband, Kulisse, Schauspieler etc.), andererseits Projektionsfläche für Immaterielles (Ideologien, Propaganda und ästhetische Programme). Die (Film-)Kunst selbst erscheint als Totenreich: Eine Zwischenwelt aus Traum, Erinnerung und ästhetisierender Verarbeitung. Ein wiederkehrendes Bild ist außerdem der Selbstmord. Idealisiert wird er in Form eines Opfers im Höhepunkt der Vollkommenheit, im Bild der fallenden Kirschblüte - realisiert wird er konkret aus Verzweiflung, im Scheitern oder aus Zwang. So beginnt der Roman bereits mit dem Filmen eines rituellen Suizids (Seppuku). Typisch Kracht erlebt Nägeli eine Reise, auf der er sich selbst und alles verliert, um am Ende eine gewisse Erlösung zu erfahren, untypisch für Kracht in der scheinbaren Idylle seines Ausgangspunktes, seinem Heimatdorf (Aspekt der Wiedergeburt).
Ist mir zu durcheinander
Bereits bei den ersten Seiten dachte ich, das ist nicht meins. Er schreibt mir zu langatmig, verwinkelt und zu verwirrt. Der Handlungsfaden reißt mir zu schnell ab und ich ertappe mich, aus dem Fenster starrend und sinnierend über den Inhalt und Sinn des Buches. Ich hab die Hälfte gelesen und werde mich durch den Rest quälen. Danach freue ich mich auf einen Krimi…
Herzliche Gratulation an Christian Kracht zum gewonnenen Schweizer Buchpreis 2016! "Die Toten" gehört zu jenen Büchern, die über ein einfaches "gut" oder "schlecht" erhaben sind. Immer, wenn ich mich daran setze, diese Rezension zu schreiben, entzieht sich mir das Buch. Aber genau deshalb gehört Christian Kracht zu meinen Lieblingsautoren. Er entzieht sich geschickt den üblichen Standarts, hebt sich ab vom traditionellen "ist gut, weil..." oder "ist schlecht, weil...". Kracht zieht sein eigenes Ding durch und das zeigt sich auch in seinem aktuellsten Werk. Es herrscht eine düstere, aber oft auch durchaus witzige Stimmung in "Die Toten". Bei Kracht gehen die Toten munter durchs Leben, bis zu einem Zeitpunkt, an dem es sie zerreisst. Zu Beginn lernen wir die Figuren und ihre Hintergründe kennen. Ich muss gestehen, dass mir dieser erste Teil nicht so wirklich zugesagt hat, aber er ist wichtig für die Geschichte, was ich jedoch erst hinterher begriff. Dann beginnen sich die Lebenslinien der Figuren langsam aber sicher zu berühren und zu verwickeln. Kracht schafft es, auf be- und verzaubernde Art und Weise den Untergang der Stummfilmzeit mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus zu verknüpfen, ohne das eine oder andere dominieren zu lassen. Wir treffen auf jede Menge bekannter Namen, doch bleiben uns die agierenden Figuren eher fern. Wir beobachten von aussen, ohne dass man eingreifen will. Ich fühlte mich wie jemand, der Fischen im Aquarium zusieht. Auf keinen Fall will man das faszinierende Spektakel unterbrechen, indem man plump gegen das Glas hämmert. Das Wunderbarste an diesem Buch ist jedoch Krachts Ausdrucksstärke. Er zeichnet unvergessliche Bilder in einer Sprache, die einen fast schon hypnotisiert. Diese Worte nehmen einen in den Arm, geben einem ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Nur ungerne tauchte ich wieder aus diesem warm-dunklen Mikrokosmos auf, in welchen einen "Die Toten" unweigerlich hineinzieht. Deshalb freut es mich umso mehr, dass dieses Buch den Preis gewonnen hat, den es verdient. Und Kracht ist damit nun auch ein wenig mehr mein Lieblingsautor geworden, als dass er es zuvor eh schon war.
Japan, Deutschland, Hollywood, sie alle sind in den 1930er-Jahren auf dem Sprung. Wir begleiten Emil Nägeli, einen Schweizer Regisseur, und einen japanischen Amtsträger. 3 Akte, 46 kurze Kapitel. Angeordnet nach dem japanischen Prinzip, zuerst viele Erinnerungsfetzen, gespenstisch (der Abstieg beim Kliff in die Höhle der Wurzelhexe z.B.). Dann die eigentliche Handlung: Nägeli soll für die Nazis einen Propagandafilm drehen, Kosten egal, er nimmt das unmoralische Angebot an, will dabei schlauer sein als seine Auftraggeber, will einen Horrorfilm drehen als Sinnbild für das, was den bald kriegstreibenden Deutschen und Japanern bevorsteht. Dann, sehr kurz, Teil 3, in dem alle scheitern (Suizid, Erfolglosigkeit, schwimmend inmitten des Pazifiks). Alle sind sie alleine am Ende, die Toten. Sprachlich, wie immer bei Kracht, ein Erlebnis, unbekannte Worte, Wendungen und Ereignisse. Ein ganz eigener Stil, der sich stets weiterentwickelt.
Das Buch ist sehr anstrengend zu lesen. Die setze sind unnötig lang gezogen mit vielen Kommas, sodass man vergisst, worüber gesprochen wird. Auch ist die Wortwahl unnötig abgehoben und es werden Wörter benutzt, die nur selten im normalen Sprachgebrauch genutzt werden. Diese skurrile Wort fahren in Verbindung mit den unnötig langen Gesetzen, macht das Leseerlebnis sehr anstrengend und schwierig, eine Geschichte zu folgen.










