Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen.
Die Zwischenkriegszeit der 1930er Jahre: Der Schweizer Regisseur Emil Nägeli begibt sich auf eine Reise über Deutschland nach Japan, wo er einen Horrorfilm als Allegorie auf das drohende Grauen des 20. Jahrhunderts drehen soll. Arrangiert hat dies Masahiku Amakasu, ein japanischer Ministerialbeamter (welcher wiederum unwissentlich vom deutschen Geheimdienst etabliert wurde). Die Protagonisten: Amakasu wird bereits im Kindesalter als unheimlich, grausam und von Todesfantasien besessen eingeführt. Er ist bestimmt von Vaterhass, hat eine grausame Internatszeit erlebt und wird seit einer mysteriösen Begegnung, deren Ablauf dem Abstieg in die Hölle gleicht, von einem weiblichen Dämon verfolgt. Amakasu lernt zufällig Nägelis in Japan lebende Frau Ida kennen, mit der er eine Affäre beginnt (und in deren Gegenwart ihm der besagte Dämon auffallend häufig erscheint). Nägeli ist ebenfalls von Vaterhass angetrieben. Die Idee hinter seinem filmischen Auftrag lautet: Ein globaler Kulturkrieg wird geführt und es soll eine „zelluloidene Achse“ des deutschen und japanischen Kinos gegen den Kulturimperialismus Amerikas geschlagen werden, da Hollywood zunehmend negativen Einfluss auf Meinung und Sitte anderer Nationen nehme. Nachdem er seinen Auftrag über Unwege angenommen hat und in Japan ankommt, ahnt er schnell von der Affäre Idas mit Amakasu. *Absatz enthält Spoiler* Als Nägeli Ida und Amakasu beim Akt erwischt, verlässt er die Situation fluchtartig, wobei er die beiden mit dem fluchgleichen Wunsch belegt, sie mögen zeitnah und qualvoll sterben. Er entfernt sich nun immer weiter von der Zivilisation und schließt in der Natur und in Erinnerung an ein untergegangenes Europa Frieden mit sich und seinem Vater. Gleichzeitig endet die Reise für Amakasu und Ida mit ihrem Fortgang nach Amerika tatsächlich rasch tödlich: Ida stürzt sich selbst in den Tod, nachdem sie in Amerika erfolglos bleibt und alles verliert, während Amakasu bereits auf dem Weg nach L.A. zum Selbstmord gezwungen wird. *Spoiler Ende* Geschrieben ist der Roman in der Form des dreiteiligen Japanischen Nō-Theaters. Gezeigt werden ein verfallendes Europa und der Beginn neuer Weltmachtverhältnisse. Die titelgebenden Toten sind die Protagonisten selbst. Als Anachronismen leben sie in der Zerrissenheit von Freiheit und Unfreiheit, von Tod und Wiedergeburt. Sie erkennen, dass die Katastrophe ein wiederkehrendes Element ist: In diesem Moment das labile, im Untergang begriffene Europa zum Ende der Weimarer Republik. Die Toten erkennen sich gegenseitig als solche, was jedoch nicht zu Solidarität unter ihnen führt. In ihrer Welt gibt es keinen gemeinsamen Bezugspunkt. Für die Toten ist die Vergangenheit dabei interessanter als die Gegenwart: Alles Lernen und Erkennen ist für sie nur Erinnerung (vgl. Platon), sie selbst spuken als Geister gewissermaßen aus der Vergangenheit. Diese ist bereits ästhetisiert/bearbeitet - wie auch im Film. Der Film als Grundthema des Romans hat hier verschiedene Aspekte: Mit ihm als Waffe wird ein globaler Krieg ausgetragen, ein Kulturkrieg. Außerdem ist der Film einerseits Medium der als Ausschnitt ästhetisierten Dinge (durch Licht, Filmband, Kulisse, Schauspieler etc.), andererseits Projektionsfläche für Immaterielles (Ideologien, Propaganda und ästhetische Programme). Die (Film-)Kunst selbst erscheint als Totenreich: Eine Zwischenwelt aus Traum, Erinnerung und ästhetisierender Verarbeitung. Ein wiederkehrendes Bild ist außerdem der Selbstmord. Idealisiert wird er in Form eines Opfers im Höhepunkt der Vollkommenheit, im Bild der fallenden Kirschblüte - realisiert wird er konkret aus Verzweiflung, im Scheitern oder aus Zwang. So beginnt der Roman bereits mit dem Filmen eines rituellen Suizids (Seppuku). Typisch Kracht erlebt Nägeli eine Reise, auf der er sich selbst und alles verliert, um am Ende eine gewisse Erlösung zu erfahren, untypisch für Kracht in der scheinbaren Idylle seines Ausgangspunktes, seinem Heimatdorf (Aspekt der Wiedergeburt).






