Der Lärm der Zeit
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Description
Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.
Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?
Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt.
Book Information
Author Description
Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograf, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln« und »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Julian Barnes lebt in London.
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Viel mehr als eine Biografie
Mit „Der Lärm der Zeit“ ist Julian Barnes ein ganz aussergewöhnliches Werk im Genre biographische Romane gelungen. Der mit Preisen überhäufte britische Autor fokussiert im Leben des russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowisch drei Episoden, die sowohl drei prägnante Abschnitte im Lebenslauf Schostakowitschs sind, aber auch gleichzeitig innerhalb der russisch-sowjetischen Historie. In Teil eins („Auf der Treppe“) nächtigt der junge Schostakowitsch über Wochen vor dem Aufzug seines Mietshauses, weil er stündlich mit seiner Verhaftung durch die Geheimpolizei Stalins rechnet und diese Schmach und Aufregung Frau und Kind ersparen möchte. Anlass für diese Furcht ist einzig und allein der Umstand, dass Stalin die Uraufführung von Schostakowitsch’s Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu früh verlassen hat, was in diesem politischen Umfeld zwangsläufig nur eine Liquidierung des Komponisten nach sich ziehen konnte. Teil zwei („Im Flugzeug“) schildert Gedanken Schostakowitschs auf dem Rückflug von einem USA-Besuch, der von offiziellen Polit-Instanzen der UdSSR protegiert, aber auch in jeder Sekunde überwacht und kontrolliert worden war. Seine Reflexionen vor, während und nach diesem untypischen Auftritt im Land des ideologischen Feindes werden von Barnes mit subtilem Humor entworfen und lassen erstmalig Einblicke in die innere Emigration des Menschen Schostakowitsch zu, mit deren Hilfe der Komponist in diesem totalitären System überlebte. „Im Auto“ heisst der dritte Teil der Biographie, der den gealterten Dmitri Schostakowitsch nochmals auf sein Leben zurückblicken lässt, auf seine gescheiterten Ehen, aber vor allem auf seinen permanenten Drahtseilakt zwischen künstlerischem Wirken und Erfolg auf der einen Seite und seinem schlangenhaften Taktieren gegenüber der kommunistisch-sozialistischen „Macht“ andererseits. Eine alles beherrschende und permanent angsteinflössende Macht, die im Verlauf des Buches von Stalin zu Chruschtschow wechselt, ohne dass sich bekannterweise die Situation wirklich ändert. Barnes gelingt es in seinem Buch ganz ausgezeichnet, gesellschaftliche und persönliche Konflikte und Spannungsfelder herauszuarbeiten und genau dadurch ein nahezu komplettes Bild dieser weltberühmten Figur zu zeichnen. Dass beispielsweise ein phasenweise maximal vergeistigter Schostakowitsch, der ganze Symphonien und Opern komplett im Kopf komponierte, gleichzeitig auch begeisterter Fussball- und Volleyball-Schiedsrichter sein konnte. Dass unter einer Orwell’schen allumfassenden Kontrolle auch ein hochdekorierter sowjetischer Vorzeigekomponist niemals freischaffend sein konnte, aber allzu oft alleine auch schon durch den schlichten Mangel an Notenpapier. Dass Schostakowitsch absolut nicht duckmäuserisch und feige war (ein häufiger Vorwurf vor allem westlicher Kritiker jener Zeit), sondern in Angesicht von Unterdrückung, Repressionen und Lebensgefahr zum Meister der Doppelbödigkeit und Ironie wurde. Etwas, was für die Zensurbehörden auch in den Phasen der stalinistischen Säuberungen allenfalls spürbar, aber niemals beweis- und damit bestrafbar war. Diese ironisch-subtilen Anspielungen fanden sich immer wieder in seiner Musik. Bekannt sind seine brachialen Klopfmotive (wie zum Beispiel im vierten Satz des Streichquartetts Nr. 8 in c- Moll, op. 110), die ihre Analogie im nächtlichen Klopfen an der Tür hatten, wenn Stalins terroristische KGB-Schergen Schostakowitschs Landsleute deportierten. Repressalien ohne Grund und aus heiterem Himmel, woraus Barnes’ Schostakowitsch die - nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion gültige - Lebensweisheit ableitete: „Die schlimmste Zeit war nicht dasselbe wie die gefährlichste Zeit. Weil die gefährlichste Zeit nicht die Zeit war, in der man am meisten in Gefahr war“.
Ein Meisterstück: 👍👍👍👍👍
«Seinen Freunden erzählte er, im Geiste habe er das Werk ‚dem Andenken an den Komponisten‘ gewidmet. Was die Musikbevollmächtigten zweifellos inakzeptabel gefunden hätten. Und so lautete die Widmung in der gedruckten Partitur schliesslich: ‚Den Opfern von Faschismus und Krieg‘. Dabei hatte er eigentlich nur einen Singular in einen Plural verwandelt.» Julian Barnes präsentierte mit «Der Lärm der Zeit» bereits 2017 eine Biografie über den Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch - vor allem aber auch ein Essay über die Arbeit von Kulturschaffenden in Diktaturen. Schostakowitsch war bekannt für seine spannungsreiche Beziehung zum Stalin-Regime. Mit viel Spannung und von der Musik adaptierten gezielten Wiederholungen zeichnet der Autor das Bild eines verängstigen, bisweilen verzweifelten und trotzdem brillanten Komponisten, der zwischen einer klaren Haltung und systemischem Opportunismus mäandert. Ohne selbst eine Antwort zu geben und vor allem ohne moralischen Mahnfinger, führt einem Julian Barnes beim Lesen zur Frage, ob es verwerflich ist, sich der Macht zu beugen, um künstlerisch tätig zu sein. Absolut überdenkenswert. Absolut lesenswert.

Musik ist Politisch
Ich hab keine Erinnerung woher ich das buch habe, es steht auf jedenfall schon seit Ewigkeiten bei mir rum. Ehrlich gesagt hatte ich es vor Jahren mal angefangen und nach einigen Seiten für zu langweilig befunden. Nun hatte ich es wieder angefangen um etwas Nachts zum Einschlafen zu lesen. Doch ist das Buch gar nicht langweilig und hat es mich auch nie müde gemacht. Das Leben wird erzählt zwischen dem Jetzt und Erinnerungen. Erst als ich im 3. Akt war, habe ich erfahren, dass Shostakovich keine fiktive Person sondern ein echter russischer Komponist in der Soviet Union war. Das macht das Buch noch viel interessanter und seine Leidensgeschichte viel mitreißender.
Ganz am Ende des Romans, im Nachwort, sagt Barnes, das die Person, der dieses Buch nicht gefiele, doch einfach nach der von ihm konsultierten Schostakowitsch-Biographie greifen soll. Wahrscheinlich hat er recht - alles, was an diesem Buch besonders gut ist, ist es allein darum, weil es tatsächlich in Schostakowitschs Leben geschehen ist. Zu danken ist also, dass Barnes diese biographischen Details nicht verhunzt hat - er hat sie kurz gehalten, in Kontext gesetzt. Doch seine literarische Verfremdung ist eben überhaupt keine, er wiederholt nur einige Motive, die ihm selbst gefallen (und jetzt auch nicht total schlecht sind - z.B. die Idee des titelgebenden Lärms der Zeit, gegen den Musik ein Flüstern sei, das manchmal durchscheint - eine Reaktion auf den Vorwurf des Lärms, dem Schostakowitsch von Stalin gemacht worden war) und er versucht sich in den Komponisten hineinzuversetzen. Doch immer, wenn er Schostakowitschs Gedanken wiedergibt (= sich ausdenkt), entsteht ein Barnes mit seinen eigenen Werten, der so tut, als wäre er Schostakowitsch zu einer anderen Zeit. Das gelingt nicht. Und so wirklich ins Detail geht es auch nicht - in diesem kurzen Buch bleibt man an der Oberfläche, man raunt ein bisschen. Oder kann man sich an ein Musikstück erinnern, hat man auf ein Musikstück Lust, es zu hören? Vielleicht die 5. Sinfonie, doch in jedem Programmhefttext wird besser wiedergegeben, was Barnes hier wiederholt: dass Schostakowitsch durch diese Sinfonie rehabilitiert wurde und nicht mehr vor dem Tod bangen musste, dass er aber (eventuell - dieses eventuell fehlt bei Barnes) den 4. Satz ironisch komponierte und so doch seine Kritik an Stalin äußern konnte. Es gibt selbst eine Filmdokumentation davon, die - dadurch, dass man die Musik ja sogar hören kann - viel besser funktioniert als dieses Buch. Wozu also dies hier lesen? Vielleicht für die unglaublichen Details? Schostakowitsch musste wirklich die Hinrichtung fürchten - das ist das Unglaubliche, wie Stalin höchstpersönlich Kunst und Intellekt bewertete und in großer Zahl hinrichten ließ, wie das sozialistisch-kommunistisch-marxistisch-leninistische System Menschenleben zerstörte, indem es Schostakowitsch jeden Abend seinen Darm entleeren und vor der Tür ausharren ließ, in Angst vor der Abholung, um der Familie den Anblick dieser nächtliche Abholung zu ersparen. Die unglaubliche Ironie der totalitären Geschichte, wenn sein Verhörer, der eine Verschwörung erfindet, selbst verhört und somit zum Todesopfer einer erfundenen Verschwörung wird, sodass Schostakowitsch überleben kann. Die unglaubliche Ironie der totalitären Geschichte, dass Schostakowitsch selbst zum Mittäter eines Systems wird, öffentlich seine eigenen früheren Kompositionen und sein in den USA lebendes Idol Strawinsky widerruft. Zersetzung, Widerruf, Verhöre, Hinrichtungen, Totalitarismus - die Quintessenz des Stalinismus kommt einem so nahe. Und natürlich hilft dieses Buch, sich dieser unglaublichen und wichtigen Geschichte zu nähern. Der Musik nähert man sich dadurch nicht. Und Barnes sagt es ja am Ende selbst: Man sollte vielleicht eher die Biographie lesen, nicht diese belletristisch aufbereitete Anekdotensammlung.
Weder Fisch noch Fleisch, aber Amuse-Gueule.
Im Grunde erzählt Barnes die Biographie Schostskowitschens lediglich nach. Das ist weder eine vollwertige Biographie noch ein unterhalsamer Roman. Aber vielleicht ist es gerade diese Unentschiedenheit, die das Interesse an Schostakowitsch, an seiner Musik, an seinem Leben und an seiner Zeit weckt. Jedenfalls ist es bei mir so.
3,5⭐️ Auch hier wieder mal, zu schlechte Bewertung für ein Buch, das mich im letzten Viertel total überzeugt hat, das aber leider mit vielen anderen Büchern um das Thema Stalin, Homo Sovieticus, Sozialismus in Russland konkurriert. Eingerahmt wird die Erzählung in „einen zum Hören, einen zum Erinnern und einen zum Trinken“. Das Hören übernimmt der Erzähler der Geschichte, der Komponist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Seine Biografie habe ich nur als Beiwerk in diesem Text angesehen. Meines Erachtens geht es Barnes um die Stellung der Kunst unter dem stalinistischen Regime, den Personenkult, und wie man aus der Sicht des Künstlers in diesem Apparat überlebt. „Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist“ Gegen Ende setzt sich Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch auch mit dem Erinnern auseinander und wann der richtige Zeitpunkt zum Sterben da ist, bevor einen die „Unlauterkeit der Erinnerungen peinigt“, bevor man „taub vom Lärm der Zeit“ ist, bevor man sich selbst verrät. Für mich die stärksten Passagen des Buches. Sehr eindrücklich die Szene, die die Scheuklappen des Westens beschreibt- ein naiver idealistischer Blick, der nicht begreift, „dass es unmöglich war die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben“. Allerdings ist das Buch wie eine Reportage geschrieben. Es wird berichtet, selten gezeigt. Eine Verbundenheit zu dem Text und den Figuren kommt kaum zustande. Ich fühlte mich über den Großteil des Buches lediglich informiert. Dadurch liegen die Dinge alle an der Oberfläche. Sie werden klar benannt und eingeordnet. Als Leser ergibt sich keine Ebene, die verborgen aufgeschlossen werden muss. Dieser Stil ist für mich nicht sonderlich attraktiv und stimuliert zu wenig. Passt auch überhaupt nicht zum Thema Musik. Inhaltlich absolut überzeugend, die gewählte Form nicht.
Was bitte ist das denn für ein grandios gut geschriebenes, geschichtlich extrem interessantes aber auch herausforderndes, schwierig zu lesendes Buch! Ich hatte mit „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes bereits vor 1-2 Monaten schon einmal begonnen und habe es nach wenigen Seiten entnervt zur Seite gelegt. Und auch jetzt beim zweiten Anlauf war ich mehrfach kurz davor, das Buch endgültig abzubrechen – „was für ein langatmiges und nerviges Geschwurbel“ - um eine Lesefreundin zu zitieren. Schon mit seinem Roman „Die einzige Geschichte“ war mir klar, dass Julian Barnes ein für mich eher unbequem zu lesender Autor ist. Aber halt auch irgendwie grandios gut. Und „Der Lärm der Zeit“ über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch reizte mich als Hobbymusikerin tatsächlich schon länger. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das kein Buch für jedermann ist. Auch ich habe echt damit gekämpft, habe es verflucht, fand es anstrengend. Julian Barnes springt ziemlich wild von Episode zu Episode und erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Man kommt dem berühmten russischen Komponisten auch nicht wirklich nah. Außerdem ist in meinen Augen eine gewisse Affinität zur klassischen, russischen Musik bei diesem Buch von Vorteil. Und ich finde auch, dass hier ganz schön viel an Hintergrundwissen vorausgesetzt wird. Auch ich kannte viele Namen der erwähnten russischen Komponisten, Künstler und auch Politiker nicht und außer „Der zweite Walzer“ kannte ich auch kein weiteres Stück von Schostakowitsch. Ich war irgendwo in der ersten Hälfte so genervt, dass ich mich nicht weiterquälen und lieber eine Dokumentation über den Komponisten anschauen wollte, damit ich wenigstens wusste, wie das Buch, die Geschichte ausgeht. Und ich fand die Dokumentation richtig gut. Sie war mit viel, sehr viel Musik von Schostakowitsch unterlegt (definitiv keine easy-listening Musik, die bestimmt viele Menschen überfordert) und hat mir seine Musik und sein Leben als Künstler in Russland unter Stalin und Chruschtschow näher gebracht. Und mit diesem dann erworbenen Hintergrundwissen (und der unbändigen Lust, weiter in die russische Geschichte der letzten 120 Jahre einzutauchen) habe ich langsam auch einen Zugang zu dem Buch gefunden, auch wenn ich es nach wie vor als anstrengend empfunden habe. Aber die letzten 100 Seiten habe ich morgens im Bett gelesen, was eine weise Entscheidung war. Da war ich ausgeschlafen, hatte keinen Druck aufstehen zu müssen. hatte den Kopf frei von „Problemen“ (oder was man so für Probleme hält) die ich mich am Vortag noch zu sehr belastet hatten, um das Buch lesen und (be-)greifen zu können. Das war perfekt für das Buch und den Autoren! Und ich weiß, dass ich genau diese Taktik auch zukünftig bei anderen Romanen von Julian Barnes weiterverfolgen werde. Was mich bei dem Autoren wieder extrem überzeugt hat, ist der grandios gute Erzählstil, den ich aber – wie gesagt - nicht immer lesen kann, in den ich mich einlesen muss. Ich hatte gerade zum Schluss verstärkt das Gefühl, dass der Autor wirklich jedes Wort mit viel Bedacht gewählt hat und wenn ich mich beim Lesen fragte, was er da eigentlich gerade erzählt und warum er so und nicht anders erzählt… am Ende greift er doch alles irgendwie wieder auf, macht die Geschichte ganz wunderbar rund, in sich geschlossen. Ich fand das Ende so grandios gut - so grandios gut, wie ich den Anfang (den nicht als Prolog benannten Prolog) kryptisch fand. Klar musste einer der Männer im Prolog Schostakowitsch sein, aber diese Szene wird erst auf Seite 96 wieder aufgegriffen und wie gut dieser „Prolog“, das ganze Buch war, wurde mir erst mit den letzten Seiten so richtig klar, als Julian Barnes diese Szene vom Prolog nochmal aufgreift. Grandios gut gemacht! Eins der Highlights des Lesejahres 2022.
Eine Biografie über einen der bekanntesten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Romanform, und dann spielt Musik nur eine untergeordnete Rolle? Wenn ich diese Charakterisierung des Buchs vorher so gelesen hätte, wäre ich bestimmt skeptisch geworden. Das Leben eines Künstlers in einem Roman zu lesen, finde ich immer sehr spannend. Aber dann will ich doch tief in die Entwicklung seiner künstlerischen Ideen eindringen. Immerhin war Dmitri Shostakovich, um den es hier geht, eine sprudelnde Quelle an Kompositionen. Wer kann schon 15 Symphonien, ebensoviele Streichquartette, Filmmusiken, Jazzsuiten und vieles mehr vorweisen? Aber ein Künstler lebt ja nicht nur für seine Kunst, sondern hat bestimmt auch ein bewegtes Leben, ist extrovertiert, charismatisch und ein Vorbild in seinem Wirken für andere Künstler. Gewiss stellt der Roman dann diesen Aspekt in der Vordergrund. Aber nein, auch das trifft nicht zu. Shostakovich war ein Opportunist, ein Feigling, ein Mensch, der sich durch die äußeren Rahmenbedingungen hat treiben lassen. Also gewiss kein Held und auch nicht sonderlich sympathisch, sondern eher etwas mitleiderregend. Und über so eine Person schreibt Barnes ein Buch, stellt die Konfrontation des angepassten Künstlers mit der totalitären Staatsmacht in den Mittelpunkt seiner Erzählung. Die sich hieraus ergebenden Begegnungen mit Funktionären, das Duchleben von Lebensängsten und der stetige Wunsch, seine Kunst frei und ungestört ausleben zu können, sind meines Erachtens hervorragend geschrieben. Skurrile Situationen, Anekdoten, Lebensweisheiten, Gedankenspiele. Das Buch erzählt nicht nur einfach chronologisch die Lebensstationen Shostakovichs herunter. Und wo man vielleicht denken könnte, das die Zusammenarbeit mit der sowjetischen Staatsmacht und sein unkritisches Handeln von Barnes kritisiert werden könnte, stellt man fest, dass der Autor sich in diesem Punkt sehr zurücknimmt. Man hört kein anklagendes Wort von Barnes in gesamten Buch. Und wenn, dann kritisiert sich Shostakovich selbst, bezeichnet sich Feigling und hadert mit seiner Mutlosigkeit. Das machte ihn mir dann doch irgendwie sympathisch. Shostakovich will eigentlich nur für seine Musik leben, den perfekten Dreiklang anstreben und will vom politischen und gesellschaftlichen Lärm der Zeit verschont bleiben. Diese Ruhe wird ihm nicht gegönnt. Aber trotz dieser für ihn widrigen Umstände schafft er es, der berühmteste Komponist der Sowjetunion zu werden. Mich hat der Stil des Buchs sehr gut gefallen. Auch wenn mir das musikalische Schaffen zu kurz kam, so ist das Buch doch eine der außergewöhnlichsten Biografien, die ich bislang gelesen habe.
Eine Biografie über einen der bekanntesten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Romanform, und dann spielt Musik nur eine untergeordnete Rolle? Wenn ich diese Charakterisierung des Buchs vorher so gelesen hätte, wäre ich bestimmt skeptisch geworden. Das Leben eines Künstlers in einem Roman zu lesen, finde ich immer sehr spannend. Aber dann will ich doch tief in die Entwicklung seiner künstlerischen Ideen eindringen. Immerhin war Dmitri Shostakovich, um den es hier geht, eine sprudelnde Quelle an Kompositionen. Wer kann schon 15 Symphonien, ebensoviele Streichquartette, Filmmusiken, Jazzsuiten und vieles mehr vorweisen? Aber ein Künstler lebt ja nicht nur für seine Kunst, sondern hat bestimmt auch ein bewegtes Leben, ist extrovertiert, charismatisch und ein Vorbild in seinem Wirken für andere Künstler. Gewiss stellt der Roman dann diesen Aspekt in der Vordergrund. Aber nein, auch das trifft nicht zu. Shostakovich war ein Opportunist, ein Feigling, ein Mensch, der sich durch die äußeren Rahmenbedingungen hat treiben lassen. Also gewiss kein Held und auch nicht sonderlich sympathisch, sondern eher etwas mitleiderregend. Und über so eine Person schreibt Barnes ein Buch, stellt die Konfrontation des angepassten Künstlers mit der totalitären Staatsmacht in den Mittelpunkt seiner Erzählung. Die sich hieraus ergebenden Begegnungen mit Funktionären, das Duchleben von Lebensängsten und der stetige Wunsch, seine Kunst frei und ungestört ausleben zu können, sind meines Erachtens hervorragend geschrieben. Skurrile Situationen, Anekdoten, Lebensweisheiten, Gedankenspiele. Das Buch erzählt nicht nur einfach chronologisch die Lebensstationen Shostakovichs herunter. Und wo man vielleicht denken könnte, das die Zusammenarbeit mit der sowjetischen Staatsmacht und sein unkritisches Handeln von Barnes kritisiert werden könnte, stellt man fest, dass der Autor sich in diesem Punkt sehr zurücknimmt. Man hört kein anklagendes Wort von Barnes in gesamten Buch. Und wenn, dann kritisiert sich Shostakovich selbst, bezeichnet sich Feigling und hadert mit seiner Mutlosigkeit. Das machte ihn mir dann doch irgendwie sympathisch. Shostakovich will eigentlich nur für seine Musik leben, den perfekten Dreiklang anstreben und will vom politischen und gesellschaftlichen Lärm der Zeit verschont bleiben. Diese Ruhe wird ihm nicht gegönnt. Aber trotz dieser für ihn widrigen Umstände schafft er es, der berühmteste Komponist der Sowjetunion zu werden. Mich hat der Stil des Buchs sehr gut gefallen. Auch wenn mir das musikalische Schaffen zu kurz kam, so ist das Buch doch eine der außergewöhnlichsten Biografien, die ich bislang gelesen habe.
Leningrad, 1936: In einem Wohngebäude steht mitten in der Nacht ein Mann mit Koffer vor dem Fahrstuhl. Er will der Obrigkeit zuvorkommen, denn er rechnet damit, dass jeden Moment Männer aus dem Fahrstuhl treten werden, um ihn zu verhaften. Der Mann heißt Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und ist ein weltweit gefeierter Komponist. Doch er hat einen entscheidenden Fehler begangen: Er hat eine Oper namens „Lady Macbeth von Mzensk“ geschrieben und mit ihr Stalins Missfallen erregt. Der betrachtet Schostakowitchs Musik als „formalistisch“ und wer dem „Formalismus“ angehört, ist ein Volksfeind. Julian Barnes‘ Roman „The Noise of Time“ gliedert sich in drei Teile, die verschiedenen Phasen seines Lebens und Schaffens des Komponisten zuzuordnen sind. Der erste Teil beschreibt die Zeit, in der Schostakowitsch beim Regime in Ungnade fiel und stets um sein Leben fürchten musste. Der zweite Teil eröffnet mit einer USA-Reise des Komponisten, während der er sich demonstrativ dem Regime unterordnet und die eigentlich hochgeschätzten Kollegen Strawinsky und Prokofjew öffentlich verurteilt. Schostakowitsch wird rehabilitiert und darf weiter komponieren – unter der Voraussetzung, dass er wieder „wahre“, sowjettaugliche Musik produziert. Im dritten Teil schließlich ist Stalin tot und an seiner Stelle regiert Nikita Chruschtschow. Die Zeit des Terrors ist vorbei, doch Schostakowitsch empfindet die neue Ära keineswegs positiv. Denn linientreu muss er auch unter Chruschtschow sein und auf Druck von oben Mitglied der Partei werden, was für ihn einen unverzeihlichen Verrat darstellt, den er als schlimmer empfindet als die Todesangst unter Stalin: „And now, finally, after the great fear was over, they had come for his soul.“ (Seite 152) Ich habe „The Noise of Time“ gerne gelesen, auch wenn das Buch schwere Kost ist. Barnes hat es komponiert wie sein Subjekt seine Symphonien, und zwar in einer klaren, schnörkellosen Sprache, die mir zusagte. Sätze wie „Art is the whisper of history, heard above the noise of time.“ (Seite 91) fand ich ganz wunderbar. Am besten gefallen hat mir der zweite Teil, der sehr viele Ansatzstellen zur Analyse bot, zentrales Thema dieses Teils ist die paradoxe Natur des russischen Sowjetbürgers, denn: „To be Russian was to be pessimistic, to be Soviet was to be optimistic. That was why the words Soviet Russia were a contradiction in terms.“ (Seite 71) Schostakowitsch wird zum Sinnbild des Sojwetbürgers, denn er ist selbst so ein Paradoxon, er ist ein unentschlossener Mensch, außer wenn er entschlossen ist: „‚An optimistic Shostakovich‘. Another contradiction in terms.“ (Seite 152) Seine Unentschlossenheit spiegelt sich unter anderem auch in seinen Beziehungen zu Frauen wider. Mir gefiel dieser rote Faden, dieser Dualismus, ich meinte gar, darin die Quantentheorie wiederzuerkennen, denn Schostakowitsch hat zwei entgegengesetzte Eigenschaften, die jeweils nur in der konkreten Situation zutage treten. Den dritten Teil, in dem noch einmal in Schostakowitschs Innenleben eingedrungen wird, fand ich am mühsamsten zu lesen, wenn er auch inhaltlich und formal stark ist. Insgesamt stelle ich fest: „The Noise of Time“ ist kein einfaches, leicht zu lesendes Buch, gibt jedoch den Terror unter Stalin und die Stimmung in der Sowjetunion eindrücklich wieder und ist für Leser geeignet, die sich für die Auswirkungen von Macht auf Kunst interessieren.
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Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.
Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?
Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt.
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Author Description
Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograf, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln« und »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Julian Barnes lebt in London.
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Viel mehr als eine Biografie
Mit „Der Lärm der Zeit“ ist Julian Barnes ein ganz aussergewöhnliches Werk im Genre biographische Romane gelungen. Der mit Preisen überhäufte britische Autor fokussiert im Leben des russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowisch drei Episoden, die sowohl drei prägnante Abschnitte im Lebenslauf Schostakowitschs sind, aber auch gleichzeitig innerhalb der russisch-sowjetischen Historie. In Teil eins („Auf der Treppe“) nächtigt der junge Schostakowitsch über Wochen vor dem Aufzug seines Mietshauses, weil er stündlich mit seiner Verhaftung durch die Geheimpolizei Stalins rechnet und diese Schmach und Aufregung Frau und Kind ersparen möchte. Anlass für diese Furcht ist einzig und allein der Umstand, dass Stalin die Uraufführung von Schostakowitsch’s Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu früh verlassen hat, was in diesem politischen Umfeld zwangsläufig nur eine Liquidierung des Komponisten nach sich ziehen konnte. Teil zwei („Im Flugzeug“) schildert Gedanken Schostakowitschs auf dem Rückflug von einem USA-Besuch, der von offiziellen Polit-Instanzen der UdSSR protegiert, aber auch in jeder Sekunde überwacht und kontrolliert worden war. Seine Reflexionen vor, während und nach diesem untypischen Auftritt im Land des ideologischen Feindes werden von Barnes mit subtilem Humor entworfen und lassen erstmalig Einblicke in die innere Emigration des Menschen Schostakowitsch zu, mit deren Hilfe der Komponist in diesem totalitären System überlebte. „Im Auto“ heisst der dritte Teil der Biographie, der den gealterten Dmitri Schostakowitsch nochmals auf sein Leben zurückblicken lässt, auf seine gescheiterten Ehen, aber vor allem auf seinen permanenten Drahtseilakt zwischen künstlerischem Wirken und Erfolg auf der einen Seite und seinem schlangenhaften Taktieren gegenüber der kommunistisch-sozialistischen „Macht“ andererseits. Eine alles beherrschende und permanent angsteinflössende Macht, die im Verlauf des Buches von Stalin zu Chruschtschow wechselt, ohne dass sich bekannterweise die Situation wirklich ändert. Barnes gelingt es in seinem Buch ganz ausgezeichnet, gesellschaftliche und persönliche Konflikte und Spannungsfelder herauszuarbeiten und genau dadurch ein nahezu komplettes Bild dieser weltberühmten Figur zu zeichnen. Dass beispielsweise ein phasenweise maximal vergeistigter Schostakowitsch, der ganze Symphonien und Opern komplett im Kopf komponierte, gleichzeitig auch begeisterter Fussball- und Volleyball-Schiedsrichter sein konnte. Dass unter einer Orwell’schen allumfassenden Kontrolle auch ein hochdekorierter sowjetischer Vorzeigekomponist niemals freischaffend sein konnte, aber allzu oft alleine auch schon durch den schlichten Mangel an Notenpapier. Dass Schostakowitsch absolut nicht duckmäuserisch und feige war (ein häufiger Vorwurf vor allem westlicher Kritiker jener Zeit), sondern in Angesicht von Unterdrückung, Repressionen und Lebensgefahr zum Meister der Doppelbödigkeit und Ironie wurde. Etwas, was für die Zensurbehörden auch in den Phasen der stalinistischen Säuberungen allenfalls spürbar, aber niemals beweis- und damit bestrafbar war. Diese ironisch-subtilen Anspielungen fanden sich immer wieder in seiner Musik. Bekannt sind seine brachialen Klopfmotive (wie zum Beispiel im vierten Satz des Streichquartetts Nr. 8 in c- Moll, op. 110), die ihre Analogie im nächtlichen Klopfen an der Tür hatten, wenn Stalins terroristische KGB-Schergen Schostakowitschs Landsleute deportierten. Repressalien ohne Grund und aus heiterem Himmel, woraus Barnes’ Schostakowitsch die - nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion gültige - Lebensweisheit ableitete: „Die schlimmste Zeit war nicht dasselbe wie die gefährlichste Zeit. Weil die gefährlichste Zeit nicht die Zeit war, in der man am meisten in Gefahr war“.
Ein Meisterstück: 👍👍👍👍👍
«Seinen Freunden erzählte er, im Geiste habe er das Werk ‚dem Andenken an den Komponisten‘ gewidmet. Was die Musikbevollmächtigten zweifellos inakzeptabel gefunden hätten. Und so lautete die Widmung in der gedruckten Partitur schliesslich: ‚Den Opfern von Faschismus und Krieg‘. Dabei hatte er eigentlich nur einen Singular in einen Plural verwandelt.» Julian Barnes präsentierte mit «Der Lärm der Zeit» bereits 2017 eine Biografie über den Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch - vor allem aber auch ein Essay über die Arbeit von Kulturschaffenden in Diktaturen. Schostakowitsch war bekannt für seine spannungsreiche Beziehung zum Stalin-Regime. Mit viel Spannung und von der Musik adaptierten gezielten Wiederholungen zeichnet der Autor das Bild eines verängstigen, bisweilen verzweifelten und trotzdem brillanten Komponisten, der zwischen einer klaren Haltung und systemischem Opportunismus mäandert. Ohne selbst eine Antwort zu geben und vor allem ohne moralischen Mahnfinger, führt einem Julian Barnes beim Lesen zur Frage, ob es verwerflich ist, sich der Macht zu beugen, um künstlerisch tätig zu sein. Absolut überdenkenswert. Absolut lesenswert.

Musik ist Politisch
Ich hab keine Erinnerung woher ich das buch habe, es steht auf jedenfall schon seit Ewigkeiten bei mir rum. Ehrlich gesagt hatte ich es vor Jahren mal angefangen und nach einigen Seiten für zu langweilig befunden. Nun hatte ich es wieder angefangen um etwas Nachts zum Einschlafen zu lesen. Doch ist das Buch gar nicht langweilig und hat es mich auch nie müde gemacht. Das Leben wird erzählt zwischen dem Jetzt und Erinnerungen. Erst als ich im 3. Akt war, habe ich erfahren, dass Shostakovich keine fiktive Person sondern ein echter russischer Komponist in der Soviet Union war. Das macht das Buch noch viel interessanter und seine Leidensgeschichte viel mitreißender.
Ganz am Ende des Romans, im Nachwort, sagt Barnes, das die Person, der dieses Buch nicht gefiele, doch einfach nach der von ihm konsultierten Schostakowitsch-Biographie greifen soll. Wahrscheinlich hat er recht - alles, was an diesem Buch besonders gut ist, ist es allein darum, weil es tatsächlich in Schostakowitschs Leben geschehen ist. Zu danken ist also, dass Barnes diese biographischen Details nicht verhunzt hat - er hat sie kurz gehalten, in Kontext gesetzt. Doch seine literarische Verfremdung ist eben überhaupt keine, er wiederholt nur einige Motive, die ihm selbst gefallen (und jetzt auch nicht total schlecht sind - z.B. die Idee des titelgebenden Lärms der Zeit, gegen den Musik ein Flüstern sei, das manchmal durchscheint - eine Reaktion auf den Vorwurf des Lärms, dem Schostakowitsch von Stalin gemacht worden war) und er versucht sich in den Komponisten hineinzuversetzen. Doch immer, wenn er Schostakowitschs Gedanken wiedergibt (= sich ausdenkt), entsteht ein Barnes mit seinen eigenen Werten, der so tut, als wäre er Schostakowitsch zu einer anderen Zeit. Das gelingt nicht. Und so wirklich ins Detail geht es auch nicht - in diesem kurzen Buch bleibt man an der Oberfläche, man raunt ein bisschen. Oder kann man sich an ein Musikstück erinnern, hat man auf ein Musikstück Lust, es zu hören? Vielleicht die 5. Sinfonie, doch in jedem Programmhefttext wird besser wiedergegeben, was Barnes hier wiederholt: dass Schostakowitsch durch diese Sinfonie rehabilitiert wurde und nicht mehr vor dem Tod bangen musste, dass er aber (eventuell - dieses eventuell fehlt bei Barnes) den 4. Satz ironisch komponierte und so doch seine Kritik an Stalin äußern konnte. Es gibt selbst eine Filmdokumentation davon, die - dadurch, dass man die Musik ja sogar hören kann - viel besser funktioniert als dieses Buch. Wozu also dies hier lesen? Vielleicht für die unglaublichen Details? Schostakowitsch musste wirklich die Hinrichtung fürchten - das ist das Unglaubliche, wie Stalin höchstpersönlich Kunst und Intellekt bewertete und in großer Zahl hinrichten ließ, wie das sozialistisch-kommunistisch-marxistisch-leninistische System Menschenleben zerstörte, indem es Schostakowitsch jeden Abend seinen Darm entleeren und vor der Tür ausharren ließ, in Angst vor der Abholung, um der Familie den Anblick dieser nächtliche Abholung zu ersparen. Die unglaubliche Ironie der totalitären Geschichte, wenn sein Verhörer, der eine Verschwörung erfindet, selbst verhört und somit zum Todesopfer einer erfundenen Verschwörung wird, sodass Schostakowitsch überleben kann. Die unglaubliche Ironie der totalitären Geschichte, dass Schostakowitsch selbst zum Mittäter eines Systems wird, öffentlich seine eigenen früheren Kompositionen und sein in den USA lebendes Idol Strawinsky widerruft. Zersetzung, Widerruf, Verhöre, Hinrichtungen, Totalitarismus - die Quintessenz des Stalinismus kommt einem so nahe. Und natürlich hilft dieses Buch, sich dieser unglaublichen und wichtigen Geschichte zu nähern. Der Musik nähert man sich dadurch nicht. Und Barnes sagt es ja am Ende selbst: Man sollte vielleicht eher die Biographie lesen, nicht diese belletristisch aufbereitete Anekdotensammlung.
Weder Fisch noch Fleisch, aber Amuse-Gueule.
Im Grunde erzählt Barnes die Biographie Schostskowitschens lediglich nach. Das ist weder eine vollwertige Biographie noch ein unterhalsamer Roman. Aber vielleicht ist es gerade diese Unentschiedenheit, die das Interesse an Schostakowitsch, an seiner Musik, an seinem Leben und an seiner Zeit weckt. Jedenfalls ist es bei mir so.
3,5⭐️ Auch hier wieder mal, zu schlechte Bewertung für ein Buch, das mich im letzten Viertel total überzeugt hat, das aber leider mit vielen anderen Büchern um das Thema Stalin, Homo Sovieticus, Sozialismus in Russland konkurriert. Eingerahmt wird die Erzählung in „einen zum Hören, einen zum Erinnern und einen zum Trinken“. Das Hören übernimmt der Erzähler der Geschichte, der Komponist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Seine Biografie habe ich nur als Beiwerk in diesem Text angesehen. Meines Erachtens geht es Barnes um die Stellung der Kunst unter dem stalinistischen Regime, den Personenkult, und wie man aus der Sicht des Künstlers in diesem Apparat überlebt. „Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist“ Gegen Ende setzt sich Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch auch mit dem Erinnern auseinander und wann der richtige Zeitpunkt zum Sterben da ist, bevor einen die „Unlauterkeit der Erinnerungen peinigt“, bevor man „taub vom Lärm der Zeit“ ist, bevor man sich selbst verrät. Für mich die stärksten Passagen des Buches. Sehr eindrücklich die Szene, die die Scheuklappen des Westens beschreibt- ein naiver idealistischer Blick, der nicht begreift, „dass es unmöglich war die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben“. Allerdings ist das Buch wie eine Reportage geschrieben. Es wird berichtet, selten gezeigt. Eine Verbundenheit zu dem Text und den Figuren kommt kaum zustande. Ich fühlte mich über den Großteil des Buches lediglich informiert. Dadurch liegen die Dinge alle an der Oberfläche. Sie werden klar benannt und eingeordnet. Als Leser ergibt sich keine Ebene, die verborgen aufgeschlossen werden muss. Dieser Stil ist für mich nicht sonderlich attraktiv und stimuliert zu wenig. Passt auch überhaupt nicht zum Thema Musik. Inhaltlich absolut überzeugend, die gewählte Form nicht.
Was bitte ist das denn für ein grandios gut geschriebenes, geschichtlich extrem interessantes aber auch herausforderndes, schwierig zu lesendes Buch! Ich hatte mit „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes bereits vor 1-2 Monaten schon einmal begonnen und habe es nach wenigen Seiten entnervt zur Seite gelegt. Und auch jetzt beim zweiten Anlauf war ich mehrfach kurz davor, das Buch endgültig abzubrechen – „was für ein langatmiges und nerviges Geschwurbel“ - um eine Lesefreundin zu zitieren. Schon mit seinem Roman „Die einzige Geschichte“ war mir klar, dass Julian Barnes ein für mich eher unbequem zu lesender Autor ist. Aber halt auch irgendwie grandios gut. Und „Der Lärm der Zeit“ über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch reizte mich als Hobbymusikerin tatsächlich schon länger. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das kein Buch für jedermann ist. Auch ich habe echt damit gekämpft, habe es verflucht, fand es anstrengend. Julian Barnes springt ziemlich wild von Episode zu Episode und erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Man kommt dem berühmten russischen Komponisten auch nicht wirklich nah. Außerdem ist in meinen Augen eine gewisse Affinität zur klassischen, russischen Musik bei diesem Buch von Vorteil. Und ich finde auch, dass hier ganz schön viel an Hintergrundwissen vorausgesetzt wird. Auch ich kannte viele Namen der erwähnten russischen Komponisten, Künstler und auch Politiker nicht und außer „Der zweite Walzer“ kannte ich auch kein weiteres Stück von Schostakowitsch. Ich war irgendwo in der ersten Hälfte so genervt, dass ich mich nicht weiterquälen und lieber eine Dokumentation über den Komponisten anschauen wollte, damit ich wenigstens wusste, wie das Buch, die Geschichte ausgeht. Und ich fand die Dokumentation richtig gut. Sie war mit viel, sehr viel Musik von Schostakowitsch unterlegt (definitiv keine easy-listening Musik, die bestimmt viele Menschen überfordert) und hat mir seine Musik und sein Leben als Künstler in Russland unter Stalin und Chruschtschow näher gebracht. Und mit diesem dann erworbenen Hintergrundwissen (und der unbändigen Lust, weiter in die russische Geschichte der letzten 120 Jahre einzutauchen) habe ich langsam auch einen Zugang zu dem Buch gefunden, auch wenn ich es nach wie vor als anstrengend empfunden habe. Aber die letzten 100 Seiten habe ich morgens im Bett gelesen, was eine weise Entscheidung war. Da war ich ausgeschlafen, hatte keinen Druck aufstehen zu müssen. hatte den Kopf frei von „Problemen“ (oder was man so für Probleme hält) die ich mich am Vortag noch zu sehr belastet hatten, um das Buch lesen und (be-)greifen zu können. Das war perfekt für das Buch und den Autoren! Und ich weiß, dass ich genau diese Taktik auch zukünftig bei anderen Romanen von Julian Barnes weiterverfolgen werde. Was mich bei dem Autoren wieder extrem überzeugt hat, ist der grandios gute Erzählstil, den ich aber – wie gesagt - nicht immer lesen kann, in den ich mich einlesen muss. Ich hatte gerade zum Schluss verstärkt das Gefühl, dass der Autor wirklich jedes Wort mit viel Bedacht gewählt hat und wenn ich mich beim Lesen fragte, was er da eigentlich gerade erzählt und warum er so und nicht anders erzählt… am Ende greift er doch alles irgendwie wieder auf, macht die Geschichte ganz wunderbar rund, in sich geschlossen. Ich fand das Ende so grandios gut - so grandios gut, wie ich den Anfang (den nicht als Prolog benannten Prolog) kryptisch fand. Klar musste einer der Männer im Prolog Schostakowitsch sein, aber diese Szene wird erst auf Seite 96 wieder aufgegriffen und wie gut dieser „Prolog“, das ganze Buch war, wurde mir erst mit den letzten Seiten so richtig klar, als Julian Barnes diese Szene vom Prolog nochmal aufgreift. Grandios gut gemacht! Eins der Highlights des Lesejahres 2022.
Eine Biografie über einen der bekanntesten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Romanform, und dann spielt Musik nur eine untergeordnete Rolle? Wenn ich diese Charakterisierung des Buchs vorher so gelesen hätte, wäre ich bestimmt skeptisch geworden. Das Leben eines Künstlers in einem Roman zu lesen, finde ich immer sehr spannend. Aber dann will ich doch tief in die Entwicklung seiner künstlerischen Ideen eindringen. Immerhin war Dmitri Shostakovich, um den es hier geht, eine sprudelnde Quelle an Kompositionen. Wer kann schon 15 Symphonien, ebensoviele Streichquartette, Filmmusiken, Jazzsuiten und vieles mehr vorweisen? Aber ein Künstler lebt ja nicht nur für seine Kunst, sondern hat bestimmt auch ein bewegtes Leben, ist extrovertiert, charismatisch und ein Vorbild in seinem Wirken für andere Künstler. Gewiss stellt der Roman dann diesen Aspekt in der Vordergrund. Aber nein, auch das trifft nicht zu. Shostakovich war ein Opportunist, ein Feigling, ein Mensch, der sich durch die äußeren Rahmenbedingungen hat treiben lassen. Also gewiss kein Held und auch nicht sonderlich sympathisch, sondern eher etwas mitleiderregend. Und über so eine Person schreibt Barnes ein Buch, stellt die Konfrontation des angepassten Künstlers mit der totalitären Staatsmacht in den Mittelpunkt seiner Erzählung. Die sich hieraus ergebenden Begegnungen mit Funktionären, das Duchleben von Lebensängsten und der stetige Wunsch, seine Kunst frei und ungestört ausleben zu können, sind meines Erachtens hervorragend geschrieben. Skurrile Situationen, Anekdoten, Lebensweisheiten, Gedankenspiele. Das Buch erzählt nicht nur einfach chronologisch die Lebensstationen Shostakovichs herunter. Und wo man vielleicht denken könnte, das die Zusammenarbeit mit der sowjetischen Staatsmacht und sein unkritisches Handeln von Barnes kritisiert werden könnte, stellt man fest, dass der Autor sich in diesem Punkt sehr zurücknimmt. Man hört kein anklagendes Wort von Barnes in gesamten Buch. Und wenn, dann kritisiert sich Shostakovich selbst, bezeichnet sich Feigling und hadert mit seiner Mutlosigkeit. Das machte ihn mir dann doch irgendwie sympathisch. Shostakovich will eigentlich nur für seine Musik leben, den perfekten Dreiklang anstreben und will vom politischen und gesellschaftlichen Lärm der Zeit verschont bleiben. Diese Ruhe wird ihm nicht gegönnt. Aber trotz dieser für ihn widrigen Umstände schafft er es, der berühmteste Komponist der Sowjetunion zu werden. Mich hat der Stil des Buchs sehr gut gefallen. Auch wenn mir das musikalische Schaffen zu kurz kam, so ist das Buch doch eine der außergewöhnlichsten Biografien, die ich bislang gelesen habe.
Eine Biografie über einen der bekanntesten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Romanform, und dann spielt Musik nur eine untergeordnete Rolle? Wenn ich diese Charakterisierung des Buchs vorher so gelesen hätte, wäre ich bestimmt skeptisch geworden. Das Leben eines Künstlers in einem Roman zu lesen, finde ich immer sehr spannend. Aber dann will ich doch tief in die Entwicklung seiner künstlerischen Ideen eindringen. Immerhin war Dmitri Shostakovich, um den es hier geht, eine sprudelnde Quelle an Kompositionen. Wer kann schon 15 Symphonien, ebensoviele Streichquartette, Filmmusiken, Jazzsuiten und vieles mehr vorweisen? Aber ein Künstler lebt ja nicht nur für seine Kunst, sondern hat bestimmt auch ein bewegtes Leben, ist extrovertiert, charismatisch und ein Vorbild in seinem Wirken für andere Künstler. Gewiss stellt der Roman dann diesen Aspekt in der Vordergrund. Aber nein, auch das trifft nicht zu. Shostakovich war ein Opportunist, ein Feigling, ein Mensch, der sich durch die äußeren Rahmenbedingungen hat treiben lassen. Also gewiss kein Held und auch nicht sonderlich sympathisch, sondern eher etwas mitleiderregend. Und über so eine Person schreibt Barnes ein Buch, stellt die Konfrontation des angepassten Künstlers mit der totalitären Staatsmacht in den Mittelpunkt seiner Erzählung. Die sich hieraus ergebenden Begegnungen mit Funktionären, das Duchleben von Lebensängsten und der stetige Wunsch, seine Kunst frei und ungestört ausleben zu können, sind meines Erachtens hervorragend geschrieben. Skurrile Situationen, Anekdoten, Lebensweisheiten, Gedankenspiele. Das Buch erzählt nicht nur einfach chronologisch die Lebensstationen Shostakovichs herunter. Und wo man vielleicht denken könnte, das die Zusammenarbeit mit der sowjetischen Staatsmacht und sein unkritisches Handeln von Barnes kritisiert werden könnte, stellt man fest, dass der Autor sich in diesem Punkt sehr zurücknimmt. Man hört kein anklagendes Wort von Barnes in gesamten Buch. Und wenn, dann kritisiert sich Shostakovich selbst, bezeichnet sich Feigling und hadert mit seiner Mutlosigkeit. Das machte ihn mir dann doch irgendwie sympathisch. Shostakovich will eigentlich nur für seine Musik leben, den perfekten Dreiklang anstreben und will vom politischen und gesellschaftlichen Lärm der Zeit verschont bleiben. Diese Ruhe wird ihm nicht gegönnt. Aber trotz dieser für ihn widrigen Umstände schafft er es, der berühmteste Komponist der Sowjetunion zu werden. Mich hat der Stil des Buchs sehr gut gefallen. Auch wenn mir das musikalische Schaffen zu kurz kam, so ist das Buch doch eine der außergewöhnlichsten Biografien, die ich bislang gelesen habe.
Leningrad, 1936: In einem Wohngebäude steht mitten in der Nacht ein Mann mit Koffer vor dem Fahrstuhl. Er will der Obrigkeit zuvorkommen, denn er rechnet damit, dass jeden Moment Männer aus dem Fahrstuhl treten werden, um ihn zu verhaften. Der Mann heißt Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und ist ein weltweit gefeierter Komponist. Doch er hat einen entscheidenden Fehler begangen: Er hat eine Oper namens „Lady Macbeth von Mzensk“ geschrieben und mit ihr Stalins Missfallen erregt. Der betrachtet Schostakowitchs Musik als „formalistisch“ und wer dem „Formalismus“ angehört, ist ein Volksfeind. Julian Barnes‘ Roman „The Noise of Time“ gliedert sich in drei Teile, die verschiedenen Phasen seines Lebens und Schaffens des Komponisten zuzuordnen sind. Der erste Teil beschreibt die Zeit, in der Schostakowitsch beim Regime in Ungnade fiel und stets um sein Leben fürchten musste. Der zweite Teil eröffnet mit einer USA-Reise des Komponisten, während der er sich demonstrativ dem Regime unterordnet und die eigentlich hochgeschätzten Kollegen Strawinsky und Prokofjew öffentlich verurteilt. Schostakowitsch wird rehabilitiert und darf weiter komponieren – unter der Voraussetzung, dass er wieder „wahre“, sowjettaugliche Musik produziert. Im dritten Teil schließlich ist Stalin tot und an seiner Stelle regiert Nikita Chruschtschow. Die Zeit des Terrors ist vorbei, doch Schostakowitsch empfindet die neue Ära keineswegs positiv. Denn linientreu muss er auch unter Chruschtschow sein und auf Druck von oben Mitglied der Partei werden, was für ihn einen unverzeihlichen Verrat darstellt, den er als schlimmer empfindet als die Todesangst unter Stalin: „And now, finally, after the great fear was over, they had come for his soul.“ (Seite 152) Ich habe „The Noise of Time“ gerne gelesen, auch wenn das Buch schwere Kost ist. Barnes hat es komponiert wie sein Subjekt seine Symphonien, und zwar in einer klaren, schnörkellosen Sprache, die mir zusagte. Sätze wie „Art is the whisper of history, heard above the noise of time.“ (Seite 91) fand ich ganz wunderbar. Am besten gefallen hat mir der zweite Teil, der sehr viele Ansatzstellen zur Analyse bot, zentrales Thema dieses Teils ist die paradoxe Natur des russischen Sowjetbürgers, denn: „To be Russian was to be pessimistic, to be Soviet was to be optimistic. That was why the words Soviet Russia were a contradiction in terms.“ (Seite 71) Schostakowitsch wird zum Sinnbild des Sojwetbürgers, denn er ist selbst so ein Paradoxon, er ist ein unentschlossener Mensch, außer wenn er entschlossen ist: „‚An optimistic Shostakovich‘. Another contradiction in terms.“ (Seite 152) Seine Unentschlossenheit spiegelt sich unter anderem auch in seinen Beziehungen zu Frauen wider. Mir gefiel dieser rote Faden, dieser Dualismus, ich meinte gar, darin die Quantentheorie wiederzuerkennen, denn Schostakowitsch hat zwei entgegengesetzte Eigenschaften, die jeweils nur in der konkreten Situation zutage treten. Den dritten Teil, in dem noch einmal in Schostakowitschs Innenleben eingedrungen wird, fand ich am mühsamsten zu lesen, wenn er auch inhaltlich und formal stark ist. Insgesamt stelle ich fest: „The Noise of Time“ ist kein einfaches, leicht zu lesendes Buch, gibt jedoch den Terror unter Stalin und die Stimmung in der Sowjetunion eindrücklich wieder und ist für Leser geeignet, die sich für die Auswirkungen von Macht auf Kunst interessieren.
















