Viel mehr als eine Biografie
Mit „Der Lärm der Zeit“ ist Julian Barnes ein ganz aussergewöhnliches Werk im Genre biographische Romane gelungen. Der mit Preisen überhäufte britische Autor fokussiert im Leben des russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowisch drei Episoden, die sowohl drei prägnante Abschnitte im Lebenslauf Schostakowitschs sind, aber auch gleichzeitig innerhalb der russisch-sowjetischen Historie. In Teil eins („Auf der Treppe“) nächtigt der junge Schostakowitsch über Wochen vor dem Aufzug seines Mietshauses, weil er stündlich mit seiner Verhaftung durch die Geheimpolizei Stalins rechnet und diese Schmach und Aufregung Frau und Kind ersparen möchte. Anlass für diese Furcht ist einzig und allein der Umstand, dass Stalin die Uraufführung von Schostakowitsch’s Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu früh verlassen hat, was in diesem politischen Umfeld zwangsläufig nur eine Liquidierung des Komponisten nach sich ziehen konnte. Teil zwei („Im Flugzeug“) schildert Gedanken Schostakowitschs auf dem Rückflug von einem USA-Besuch, der von offiziellen Polit-Instanzen der UdSSR protegiert, aber auch in jeder Sekunde überwacht und kontrolliert worden war. Seine Reflexionen vor, während und nach diesem untypischen Auftritt im Land des ideologischen Feindes werden von Barnes mit subtilem Humor entworfen und lassen erstmalig Einblicke in die innere Emigration des Menschen Schostakowitsch zu, mit deren Hilfe der Komponist in diesem totalitären System überlebte. „Im Auto“ heisst der dritte Teil der Biographie, der den gealterten Dmitri Schostakowitsch nochmals auf sein Leben zurückblicken lässt, auf seine gescheiterten Ehen, aber vor allem auf seinen permanenten Drahtseilakt zwischen künstlerischem Wirken und Erfolg auf der einen Seite und seinem schlangenhaften Taktieren gegenüber der kommunistisch-sozialistischen „Macht“ andererseits. Eine alles beherrschende und permanent angsteinflössende Macht, die im Verlauf des Buches von Stalin zu Chruschtschow wechselt, ohne dass sich bekannterweise die Situation wirklich ändert. Barnes gelingt es in seinem Buch ganz ausgezeichnet, gesellschaftliche und persönliche Konflikte und Spannungsfelder herauszuarbeiten und genau dadurch ein nahezu komplettes Bild dieser weltberühmten Figur zu zeichnen. Dass beispielsweise ein phasenweise maximal vergeistigter Schostakowitsch, der ganze Symphonien und Opern komplett im Kopf komponierte, gleichzeitig auch begeisterter Fussball- und Volleyball-Schiedsrichter sein konnte. Dass unter einer Orwell’schen allumfassenden Kontrolle auch ein hochdekorierter sowjetischer Vorzeigekomponist niemals freischaffend sein konnte, aber allzu oft alleine auch schon durch den schlichten Mangel an Notenpapier. Dass Schostakowitsch absolut nicht duckmäuserisch und feige war (ein häufiger Vorwurf vor allem westlicher Kritiker jener Zeit), sondern in Angesicht von Unterdrückung, Repressionen und Lebensgefahr zum Meister der Doppelbödigkeit und Ironie wurde. Etwas, was für die Zensurbehörden auch in den Phasen der stalinistischen Säuberungen allenfalls spürbar, aber niemals beweis- und damit bestrafbar war. Diese ironisch-subtilen Anspielungen fanden sich immer wieder in seiner Musik. Bekannt sind seine brachialen Klopfmotive (wie zum Beispiel im vierten Satz des Streichquartetts Nr. 8 in c- Moll, op. 110), die ihre Analogie im nächtlichen Klopfen an der Tür hatten, wenn Stalins terroristische KGB-Schergen Schostakowitschs Landsleute deportierten. Repressalien ohne Grund und aus heiterem Himmel, woraus Barnes’ Schostakowitsch die - nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion gültige - Lebensweisheit ableitete: „Die schlimmste Zeit war nicht dasselbe wie die gefährlichste Zeit. Weil die gefährlichste Zeit nicht die Zeit war, in der man am meisten in Gefahr war“.













