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Sag mir, was ich bin

4,4(111)
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Über das Buch

Deena Garvey ist spurlos verschwunden. Für ihre Schwester Nessa bricht eine Welt zusammen, denn Deenas Ex-Freund Lucas, den sie für Deenas Mörder hält, untersagt ihr nicht nur den Kontakt zu ihrer kleinen Nichte, sondern nimmt Ruby auch noch mit nach Vermont. Dort, in der ländlichen Abgeschiedenheit der Inseln im Lake Champlain, lernt Ruby, wie man jagt und fischt, das Land bestellt und sich um Hühner kümmert. Sie lernt, was ihren Vater stolz und was ihn wütend macht. An ihre frühe Kindheit in Philadelphia erinnert sie sich nicht mehr. Bis ihr eines Tages ein Foto ihrer Mutter in die Hände fällt, eine Botschaft ihrer Tante, die seit Jahren alles daransetzt, Lucas zur Verantwortung zu ziehen und ihre Nichte zu beschützen. Ein Schatz, der vor Lucas verborgen werden muss und der sie dazu bringt, die Geschichten ihres Vaters in Frage zu stellen.

Editionen (1)

ISBN9783969994030
VerlagSteidl Verlag
Erscheinungsdatum25.10.24
Seitenzahl304

Merkmale

1 Bewertungen

VerstörendHerzerwärmendVariabelMittelAnschaulichUngewöhnlich

Rezensionen & Bewertungen

111 Bewertungen

32 Rezensionen

4,4

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  • jtk_0701
    jtk_0701

    344 Follower

    5,0

    Wow, wow, wow!!! Ich hab mein zweites Jahreshighlight. Ich war erst unsicher, da es heißt „Dagger Award 2024 (Shortlist) in der Kategorie bester Kriminalroman des Jahres“ und Krimi und ich, na ja, sagen wir es mal so, wir sind nicht gerade best friends. Erzählt wird die Geschichte von Deena, Nessa und Ruby. Deena lernt auf einer Halloweenparty, zu der sie mit ihrer Schwester Nessa und ihrer besten Freundin Molly geht, den viel älteren Lucas kennen. Sie werden ein Paar und schnell wird klar, dass Lucas sehr einvernehmend und manipulativ ist und Deena von ihren Freundinnen und Familie abschotten. Als Deena schwanger wird und Ruby auf die Welt kommt, versucht Nessa wieder näher an Deena ranzukommen. Sie schafft es, dass Deena sich von Lucas trennt und mit Ruby zu ihr zieht. Doch eines Tages verschwindet Deena und Nessa glaubt, dass Lucas dahinter steckt. Lucas bekommt das Sorgerecht für Ruby, untersagt Nessa den Kontakt zu ihr und zieht mit Ruby nach Vermont zu seiner Mutter. Dieses Buch ist einfach unglaublich gut aufgebaut! Erst mal war ich orientierungslos, weil ich gleich ins Geschehen geschmissen wurde, laufe mit Ruby durch den Garten, sammeln Eier auf, lese Namen, die ich noch nicht kennen und will einfach mehr wissen. Dann wechselt die Perspektive und ich darf einen Teil aus Nessas Sicht lesen. So wechseln sich die Perspektiven und Zeitebene Kapitel für Kapitel ab. Ganz langsam wird Schicht für Schicht freigelegt, ich bekomme immer mehr mit, warum Ruby ihre Tante Nessa nicht mehr kennt, spüre den Schmerz einer Schwester, die vergeblich nach Gerechtigkeit für ihre verschwundene Schwester kämpft und verzweifle mit ihr aus Sorge um das Wohl ihrer Nichte. Ich war so gefangen in dieser besonderen Atmosphäre, dass ich sie gar nicht mehr verlassen wollte. So sanft und ruhig wurde hier eine so unglaublich harte Geschichte erzählt und so zart und liebevoll wurden hier alle Figuren gezeichnet. Bis auf Lucas, der wirkte von Anfang an bedrohlich. Ich bin durch die Seiten geflogen und wollte zum Schluss am liebsten das Lesen hinauszögern, aber da es bis zum Schluss so spannend aufgebaut ist, konnte ich mein Lesetempo nicht verringern. Ich will definitiv mehr von Una Mannion lesen. Ich hab einen Hang zu irischen Autor*innen und ihre irischen Wurzeln hab ich in ihrem Schreibstil gespürt. Ich weiß jetzt literarisch Krimi und ich - passt auf jeden Fall! Absolute Leseempfehlung. S.84 „So ist leider das System. Wir hatten auch schon Fälle, bei denen die Mutter vor Gericht überhaupt nicht aussagen durfte, weil der Richter eine Abneigung gegen sie gefasst hatte. So was ist die absolute Ausnahme, aber es ist wichtig, dass wir den Richter zu nehmen wissen.“ S.121 „Es gab nie Hinweise darauf, dass er seine Tochter gegenüber gewalttätig geworden ist. Nur darauf wird geschaut. Auf seine Eignung als Elternteil, nicht als Ehemann oder als Mensch.“ S.200 „Und ich komme mir vor wie ein Nichts. Irgendwann werden alle rausfinden, dass ich eigentlich leer bin. Keine Persönlichkeit, keine Geschichte, keine Familienanekdoten. Ich bin nichts, bis auf das, was mir erzählt wurde.“

    6. Juni 2025

  • 4,5

    "Der Mensch, der die größte Gefahr für mich war, war immer auch der Einzige, von dem ich glaubte, dass ich bei ihm sicher bin. Wie kaputt ist das denn bitte." Auf einer Halloween-Party verliebt sich Deena in den charismatischen, gutaussehenden Lucas. Ihrer Schwester Nessa war Lucas schon während der Party aufgefallen, wie Lucas ihre Schwester beobachtet hatte. Schon nach kurzer Zeit ziehen Deena und Lucas zusammen. Immer mehr entfernt sich Deena von ihrer Familie mit der sie eigentlich eine sehr innige Beziehung geführt hatte. Nessa und auch Deenas beste Freundin kommt das merkwürdig vor. Doch dann ist Deena auch noch schwanger. Ruby ist schon als Baby der Sonnenschein der Familie, doch Lucas lässt kaum Kontakt zu. Die Situation eskaliert und die Geschwister schaffen es Deena aus der toxischen Beziehung zu holen. Eines Tages verschwindet Deena spurlos und Lucas bekommt das alleinige Sorgerecht, erwirkt ein Kontaktverbot und zieht mit Ruby weg. Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven und Zeitebenen von Ruby und Nessa erzählt. Gleich zu Beginn werden wir in die Welt von der 18-jährigen Ruby katapultiert. Erfahren wie sie, fern von der restlichen Gesellschaft im Ländlichen aufwächst. Doch immer spürt Ruby das da etwas nicht passt. Ihr Vater und auch die Großmutter, blocken Fragen nach ihrer Mutter ab. Jähzorn und ständige Kontrolle durch den Vater bestimmen ihr Leben. "Es ist, als dürfte ich gar nicht wissen, wer er ist, oder wer ich bin." Aber immer wieder finden kleine Informationen den Weg zu Ruby und lassen sie wachsam werden. Und die ganze Zeit spürt man als LeserIn diese Zerrissenheit. Spürt, was dieses nicht Wissen was mit der Mutter passiert ist und ob diese einen wirklich im Stich gelassen hat, mit einem Kind macht. Dieses Vorenthalten bekommen, wo man herkommt und ob man geliebt wurde. "Und ich komme mir vor ein Nichts. Irgendwann werden alle herausfinden, dass ich eigentlich leer bin. Keine Persönlichkeit, keine Geschichte, keine Familienanekdoten. Ich bin nichts, bis auf das was mir erzählt wurde." Aber auch Nessa lässt das Geschehen nicht los. Nie gibt sie die Suche nach ihrer Schwester und ihrer Nichte auf! Große Leseempfehlung für diesen Roman, welcher sich wie ein Krimi liest und dessen Cover großartig zum Buch passt.

    5. Juli 2025

  • whatabout_nadine
    whatabout_nadine

    297 Follower

    4,5

    Ein leiser, zutiefst beklemmender Kriminalroman über Kontrolle, emotionale Gewalt und verlorene Kindheit

    "Sag mir, was ich bin" von Una Mannion ist ein Kriminalroman, der weniger von einem klassischen Verbrechen lebt als von der beklemmenden Frage, wie sehr ein Mensch das Leben anderer kontrollieren und zerstören kann. Über einen Zeitraum von vierzehn Jahren begleitet die Geschichte die junge Ruby (ein Mädchen, das fernab eines normalen Lebens aufwächst) und gleichzeitig ihre Tante Nessa, die nie aufhört, nach ihrer Schwester und ihrer Nichte zu suchen. Schon der Klappentext deutet an, dass hier ein Familiendrama voller psychologischer Spannung wartet, doch wie tief dieses Buch tatsächlich unter die Haut geht, hätte ich nicht erwartet. Ruby wächst ohne echte Liebe, ohne Nähe und ohne Geborgenheit auf. Stattdessen lernt sie früh, dass Wissen wichtiger ist als Gefühle. Ihr Vater Lucas bestimmt jeden Aspekt ihres Lebens und verkauft seine Kontrolle als besondere Form der Erziehung. Anfangs konnte ich sogar verstehen, warum Ruby dieses Leben stellenweise faszinierend findet. Lucas bringt ihr Dinge bei, die viele Kinder nie lernen: Wissen über die Natur, über Tiere, Pflanzen, Nahrung und darüber, wie man mit der Umgebung lebt, in der man aufwächst. Die gemeinsamen Ausflüge und dieses scheinbar freie Leben fernab gesellschaftlicher Zwänge wirkten zunächst beinahe bewundernswert. Doch genau darin liegt die perfide Stärke dieses Buches. Denn nach und nach wird klar, dass all das nur unter dem Deckmantel der Isolation geschieht. Ruby darf niemals einfach Kind sein. Sie muss außergewöhnlich sein, perfekt, kontrolliert, angepasst an das Bild, das ihr Vater von ihr erschaffen will. Jeder kleine Fehler wird korrigiert, jede Eigenständigkeit unterdrückt. Lucas’ ausgeprägter Narzissmus, sein Kontrollzwang und dieses ständige Niedermachen waren beim Lesen kaum auszuhalten. Selbst in die kleinsten Details ihres Lebens mischt er sich ein und versucht Schritt für Schritt, aus Ruby eine beinahe seelenlose Hülle zu machen. Gerade deshalb hat mich dieses Buch emotional so getroffen. Die Gewalt in dieser Geschichte ist oft keine offene körperliche Gewalt, sondern emotionale Gewalt und genau das macht vieles noch erschreckender. Ruby wächst mit dem Gefühl auf, niemals genug zu sein und eigentlich gar nicht zu wissen, wer sie selbst ist. Einer der berührendsten Sätze des Buches beschreibt das perfekt: 》 „Ich komme mir vor wie ein Nichts. Irgendwann werden alle herausfinden, dass ich eigentlich leer bin. Keine Persönlichkeit, keine Geschichte, keine Familienanekdoten. Ich bin nichts, bis auf das, was mir erzählt wurde.“ Dieser Satz hat mir wirklich das Herz gebrochen, weil er so deutlich zeigt, was jahrelange Manipulation mit einem Menschen macht. Ebenso schmerzhaft war die Erkenntnis ihrer Mutter: 》„Der Mensch, der die größte Gefahr für mich war, war immer auch der einzige, von dem ich glaubte, dass ich bei ihm sicher bin.“ Und genau diese zerstörerische Abhängigkeit zieht sich durch das gesamte Buch. Besonders bewegend fand ich außerdem die Perspektive der Tante Nessa. Ihre Verzweiflung war beim Lesen fast greifbar. Diese ständige Suche nach ihrer Schwester, die Sehnsucht nach ihrer Nichte und gleichzeitig das Wissen, ihr vielleicht nie helfen zu können, dass war unglaublich schmerzhaft mitzuerleben. Man sieht regelrecht dabei zu, wie ihr eigenes Leben daran zerbricht, dass sie nicht aufgeben kann und nicht aufgeben will. Diese emotionale Ebene hat mich oft sogar noch stärker getroffen als die eigentliche Spannung der Handlung. Was mich zusätzlich wütend gemacht hat, war die Darstellung des amerikanischen Rechtssystems. Das Buch zeigt auf erschreckende Weise, wie viel Macht Männer in Sorgerechtsstreitigkeiten teilweise haben und wie sehr Gewalt innerhalb einer Ehe verharmlost werden kann. Immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl, nur noch den Kopf schütteln zu können. Besonders frustrierend ist, wie sehr auf Außendarstellung geachtet wird und wie wenig emotionale oder häusliche Gewalt ernst genommen wird, solange sie nicht sichtbar genug erscheint. Dabei macht das Buch eines ganz klar: Wer gewalttätig ist, trägt diese Gewalt in sich und darunter leiden IMMER und AUSNAHMSLOS alle Menschen in seinem Umfeld. Trotz der bedrückenden Themen konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Sag mir, was ich bin ist leise erzählt und entwickelt gerade dadurch eine enorme Kraft. Die Spannung entsteht nicht durch schnelle Wendungen, sondern durch das konstante Gefühl von Beklemmung und Hilflosigkeit. Gleichzeitig gab es zwischendurch Passagen, die sich etwas gezogen haben. Nicht, weil nichts passiert wäre, sondern weil das Buch stellenweise fast zu still wurde. Außerdem hatte ich manchmal Schwierigkeiten, gesprochene Sätze von Gedanken zu unterscheiden, da auf Anführungszeichen verzichtet wurde. Das hat meinen Lesefluss gelegentlich gebremst und ich musste manche Abschnitte doppelt lesen. Trotzdem ist dieses Buch für mich ein unglaublich lesenswerter Roman gewesen. Es erzählt nicht nur eine Geschichte über Kontrolle und Gewalt, sondern auch darüber, was es bedeutet, sich selbst überhaupt erst finden zu müssen, wenn einem die eigene Persönlichkeit jahrelang abgesprochen wurde.

    Ein leiser, zutiefst beklemmender Kriminalroman über Kontrolle, emotionale Gewalt und verlorene Kindheit

    15. Mai 2026

3 von 32 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Una Mannion

Una Mannion wuchs mit sieben Geschwistern in Philadelphia, Pennsylvania auf. Viele Sommer ihrer Kindheit verbrachte sie in Irland, dem Heimatland ihres Vaters. In den 1990er Jahren siedelte Una Mannion ins County Sligo über. Sie lehrt am Institute of Technology in Sligo und gibt gemeinsam mit Louise Kennedy und Eoin McNamee die Literaturzeitschrift The Cormorant heraus. Für ihre Gedichte und Kurzgeschichten wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. 2021 erschien bei Steidl ihr erster Roman Licht zwischen den Bäumen.

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