Wie schreibt man über ein kollektives Trauma, ohne „in anderen Töpfen zu rühren“, ohne ein „Wundenaufreisser“ zu sein. Kaleb Erdmann nähert sich in diesem Text an seiner Erfahrung mit dem Amoklauf in Erfurt 2002 an. Betrachtet Erinnerungen, Tatsachen, Zugänge und Emotionen von allen Seiten und schenkt uns damit einen kleinen Einblick in einen sehr warmen, reflektierten, unbekümmerten und bekümmerten Geist.
Es ist wie ein vorsichtiges antasten, ein umkreisen, ein anfassen und wieder fallen lassen, eine Winkelsuche im Kopf. Ein schönes, ernstes und leichtes Buch.
22. Apr. 2026
5,0
Ein Kaleidoskop des Be-/ Zer- und Verarbeitens
Wie schreibt man über ein kollektives Trauma, ohne „in anderen Töpfen zu rühren“, ohne ein „Wundenaufreisser“ zu sein. Kaleb Erdmann nähert sich in diesem Text an seiner Erfahrung mit dem Amoklauf in Erfurt 2002 an. Betrachtet Erinnerungen, Tatsachen, Zugänge und Emotionen von allen Seiten und schenkt uns damit einen kleinen Einblick in einen sehr warmen, reflektierten, unbekümmerten und bekümmerten Geist.
Es ist wie ein vorsichtiges antasten, ein umkreisen, ein anfassen und wieder fallen lassen, eine Winkelsuche im Kopf. Ein schönes, ernstes und leichtes Buch.
Das Grauen an deutschen Schulen - est. 2002
Die Stichworte Erfurt, 2002, Gutenberg und Steinhäuser sind Punkte, die vielen etwas sagen werden und etwas in einem Auslösen . Es geht bei diesen Stichpunkten um den Amoklauf an dem Erfurter Gutenberg Gymnasium im April 2002, was auch in diesem Roman thematisiert wird. Der Autor war ebenfalls bei diesem Amoklauf am Gutenberg Gymnasium und hat diesen Tag aus nächster Nähe erlebt.
Das Buch behandelt einen namenlosen Erzähler, der den Amoklauf von Erfurt als Elfjähriger selbst erlebt hat und der über 20 Jahre nach dieser Tat sich wieder damit auseinander setzen musste. Er dachte, er hätte es alles überstanden und hinter sich gelassen, aber eine abendliche Auseinandersetzung über dieses Thema mit anschließendem Nasenbeinbruch reißt alte seelische Wunden wieder auf. Dabei hat der Erzähler kaum etwas von dem Amoklauf mitbekommen, keine Toten gesehen, was er zumindest aus seiner Erinnerung heraus annimmt.
So entwickelt der Erzähler ein Projekt, bei dem er über das Geschehen schreiben möchte, es für sich festhalten. Doch er hadert mit sich selbst und stellt sich dauernd die Fragen, ob man sich dem nochmal stellen darf, diese Tat nach so einer langen Zeit literarisch, künstlerisch auf den Sockel zu stellen? Während der Recherchen und Arbeiten an seinem Buch wird er von einem Theaterregisseur kontaktiert, der ebenfalls an an einem Projekt arbeitet, welches den Amoklauf von Erfurt zum Vorbild hat und der Regisseur möchte vom Erzähler seine Erfahrungen erzählt bekommen, um sie in das Werk einfließen zu lassen. Dieses Theaterstück wird dann Realität und der Erzähler bekommt die Gelegenheit es zu sehen.
Über diesem Buch steht die große Frage: Darf man sich künstlerisch und literarisch mit einem Amoklauf beschäftigen? Ist es nicht schon voyeuristisch genug, wenn man ein Buch veröffentlicht mit genau diesem Thema? Reißt das nicht wieder alte Wunden auf bei allen Beteiligten? Darf ein Autor, Theaterregisseur oder wer auch immer sich dieser Grausamkeit annehmen, um sie für sich zu verarbeiten? All diese Fragen beantwortet der Autor Kaleb Erdmann in diesem autofiktionalen Werk, der im Kern den Amoklauf von Erfurt in sich trägt, diesen aber nicht ins Schaufenster stellt, auch wenn er einige Szenen durch nimmt, die einem die Luft abschnüren und ich kann mir vorstellen, dass das für direkt Betroffene retraumatisierend sein kann. Doch zu großen Teilen dieses Werkes geht der Autor behutsam an das Thema heran und verarbeitet in zeitlich springenden Szenen seine eigenen Gedanken dazu.Vor allem, wie es sein kann, dass selbst nach sicher geglaubtem Überstehen alte Wunden nur durch eine Prügelei wieder aufgehen können, dass daraus Paranoia und Spleens entstehen (z.B. nicht auf die Toilette gehen zu können, wenn man auswärts unterwegs ist und stattdessen in Flaschen zu pinkeln). Er beschreibt, dass man den Erinnerungen eines Kindes nicht zu 100% vertrauen sollte. Sind sie durchmischt mit Erinnerungen von anderen oder durch mediale Notizen aufgebauscht und somit gar nicht die eigenen? Kann man dann überhaupt darüber schreiben, wenn es nicht die eigenen Erinnerungen sind?
Ähnlich zum Schriftsteller Emanuelle Carrére, den der Erzähler des Buches als Vorbild für sein Schreiben heranzieht und auch öfter zitiert, werden in diesem Buch mehr die Erfahrungen des Erzählers oder vielleicht sogar des Autors selbst (weil Metafiktion) an uns als Leserschaft herangetragen und nicht die Tat selbst. Es geht um den Schaffensprozess und die innere Zerrissenheit, ob man das alles überhaupt aufschreiben und veröffentlichen darf (die Frage beantwortet sich über die Veröffentlichung des Buches quasi von selbst). Die Tat wird somit eher zum Aufhänger und zur Randnotiz, auch wenn sie im Buch vorkommt, aber nicht als direkt erzählte Begebenheit, sondern vielmehr als trocken zitierter Bericht, was das ganze aber noch wahnsinniger erscheinen lässt.
Für mich ein starkes Buch, das definitv seine Daseinsberechtigung und mich vollkommen abgeholt hat. Die Ausweichschule ist kein Voyeurismus im eigentlichen Sinne, auch wenn es sich einer schrecklichen Tat bedient. Doch der Roman verarbeitet die schwierigen Stellen sehr geschickt innerhalb des eigentlichen Themas - Das Aufarbeiten von Traumata und dem Nachgehen der unsicheren Erinnerungen. Auch sprachlich und handwerklich ist die Geschichte richtig gut ausgearbeitet und damit für mich vollkommen zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet und mit reellen Chancen auf den Sieg. Sollte das Buch gewinnen, sehe ich das allerdings einen Tick kritisch, weil ja damit auch wieder Aufmerksamkeit auf eine Tat gelenkt wird, die so eine Aufmerksamkeit nicht absolut nicht verdient hat, was ja auch Thema des Buches ist - wieviel darf davon wieder ins Rampenlicht? Darf es das überhaupt? Und sind dann auch solche Werke nicht auch dafür verantwortlich, die neue Täter nach sich ziehen könnten? Diese Fragen beschäftigen mich persönlich nach dem Lesen auf jeden Fall noch eine Weile und das kann man dem Buch auf jeden Fall zugute halten.
6. Okt. 2025
4,5
Das Grauen an deutschen Schulen - est. 2002
Die Stichworte Erfurt, 2002, Gutenberg und Steinhäuser sind Punkte, die vielen etwas sagen werden und etwas in einem Auslösen . Es geht bei diesen Stichpunkten um den Amoklauf an dem Erfurter Gutenberg Gymnasium im April 2002, was auch in diesem Roman thematisiert wird. Der Autor war ebenfalls bei diesem Amoklauf am Gutenberg Gymnasium und hat diesen Tag aus nächster Nähe erlebt.
Das Buch behandelt einen namenlosen Erzähler, der den Amoklauf von Erfurt als Elfjähriger selbst erlebt hat und der über 20 Jahre nach dieser Tat sich wieder damit auseinander setzen musste. Er dachte, er hätte es alles überstanden und hinter sich gelassen, aber eine abendliche Auseinandersetzung über dieses Thema mit anschließendem Nasenbeinbruch reißt alte seelische Wunden wieder auf. Dabei hat der Erzähler kaum etwas von dem Amoklauf mitbekommen, keine Toten gesehen, was er zumindest aus seiner Erinnerung heraus annimmt.
So entwickelt der Erzähler ein Projekt, bei dem er über das Geschehen schreiben möchte, es für sich festhalten. Doch er hadert mit sich selbst und stellt sich dauernd die Fragen, ob man sich dem nochmal stellen darf, diese Tat nach so einer langen Zeit literarisch, künstlerisch auf den Sockel zu stellen? Während der Recherchen und Arbeiten an seinem Buch wird er von einem Theaterregisseur kontaktiert, der ebenfalls an an einem Projekt arbeitet, welches den Amoklauf von Erfurt zum Vorbild hat und der Regisseur möchte vom Erzähler seine Erfahrungen erzählt bekommen, um sie in das Werk einfließen zu lassen. Dieses Theaterstück wird dann Realität und der Erzähler bekommt die Gelegenheit es zu sehen.
Über diesem Buch steht die große Frage: Darf man sich künstlerisch und literarisch mit einem Amoklauf beschäftigen? Ist es nicht schon voyeuristisch genug, wenn man ein Buch veröffentlicht mit genau diesem Thema? Reißt das nicht wieder alte Wunden auf bei allen Beteiligten? Darf ein Autor, Theaterregisseur oder wer auch immer sich dieser Grausamkeit annehmen, um sie für sich zu verarbeiten? All diese Fragen beantwortet der Autor Kaleb Erdmann in diesem autofiktionalen Werk, der im Kern den Amoklauf von Erfurt in sich trägt, diesen aber nicht ins Schaufenster stellt, auch wenn er einige Szenen durch nimmt, die einem die Luft abschnüren und ich kann mir vorstellen, dass das für direkt Betroffene retraumatisierend sein kann. Doch zu großen Teilen dieses Werkes geht der Autor behutsam an das Thema heran und verarbeitet in zeitlich springenden Szenen seine eigenen Gedanken dazu.Vor allem, wie es sein kann, dass selbst nach sicher geglaubtem Überstehen alte Wunden nur durch eine Prügelei wieder aufgehen können, dass daraus Paranoia und Spleens entstehen (z.B. nicht auf die Toilette gehen zu können, wenn man auswärts unterwegs ist und stattdessen in Flaschen zu pinkeln). Er beschreibt, dass man den Erinnerungen eines Kindes nicht zu 100% vertrauen sollte. Sind sie durchmischt mit Erinnerungen von anderen oder durch mediale Notizen aufgebauscht und somit gar nicht die eigenen? Kann man dann überhaupt darüber schreiben, wenn es nicht die eigenen Erinnerungen sind?
Ähnlich zum Schriftsteller Emanuelle Carrére, den der Erzähler des Buches als Vorbild für sein Schreiben heranzieht und auch öfter zitiert, werden in diesem Buch mehr die Erfahrungen des Erzählers oder vielleicht sogar des Autors selbst (weil Metafiktion) an uns als Leserschaft herangetragen und nicht die Tat selbst. Es geht um den Schaffensprozess und die innere Zerrissenheit, ob man das alles überhaupt aufschreiben und veröffentlichen darf (die Frage beantwortet sich über die Veröffentlichung des Buches quasi von selbst). Die Tat wird somit eher zum Aufhänger und zur Randnotiz, auch wenn sie im Buch vorkommt, aber nicht als direkt erzählte Begebenheit, sondern vielmehr als trocken zitierter Bericht, was das ganze aber noch wahnsinniger erscheinen lässt.
Für mich ein starkes Buch, das definitv seine Daseinsberechtigung und mich vollkommen abgeholt hat. Die Ausweichschule ist kein Voyeurismus im eigentlichen Sinne, auch wenn es sich einer schrecklichen Tat bedient. Doch der Roman verarbeitet die schwierigen Stellen sehr geschickt innerhalb des eigentlichen Themas - Das Aufarbeiten von Traumata und dem Nachgehen der unsicheren Erinnerungen. Auch sprachlich und handwerklich ist die Geschichte richtig gut ausgearbeitet und damit für mich vollkommen zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet und mit reellen Chancen auf den Sieg. Sollte das Buch gewinnen, sehe ich das allerdings einen Tick kritisch, weil ja damit auch wieder Aufmerksamkeit auf eine Tat gelenkt wird, die so eine Aufmerksamkeit nicht absolut nicht verdient hat, was ja auch Thema des Buches ist - wieviel darf davon wieder ins Rampenlicht? Darf es das überhaupt? Und sind dann auch solche Werke nicht auch dafür verantwortlich, die neue Täter nach sich ziehen könnten? Diese Fragen beschäftigen mich persönlich nach dem Lesen auf jeden Fall noch eine Weile und das kann man dem Buch auf jeden Fall zugute halten.