Blick ins Buch

Romane

Die erste halbe Stunde im Paradies

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Über das Buch

Was bedeutet es, füreinander da zu sein?

Als Kinder waren sich Anne und ihr älterer Bruder Kai sehr nah. Gemeinsam kümmerten sie sich jahrelang um ihre chronisch kranke Mutter, obwohl sie dafür noch viel zu jung waren. Doch das fröhliche, von Musik und Gesang erfüllte Familienleben zerbrach schließlich an der Krankheit. Mittlerweile ist Anne Anfang dreißig und Pharmavertreterin. Kontakt zu Kai hat sie keinen mehr – eigentlich hat sie zu niemandem so richtig Kontakt, abgesehen von den Ärzten in ihrem Reisegebiet, mit denen sie lange Gespräche über das Thema Schmerz führt. Denn Anne hat ein Ziel: Sie will umsteigen, von Beruhigungsmitteln auf das hochwirksame, aber umstrittene Schmerzmittel Fentanyl. Da meldet sich auf einmal Kai und bittet sie, ihn aus einer Entzugsklinik abzuholen. Zwischen den beiden ungleichen Geschwistern kommen nach jahrelangem Schweigen Dinge zur Sprache, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Annes Traum, den Schmerz zu besiegen, in ein völlig neues Licht rücken. Kann Anne endlich verzeihen – ihrem Bruder und sich selbst?

»Janine Adomeit hat einen fesselnden, tief berührenden Roman geschrieben – über unsere Fähigkeit zur Begegnung und zur Liebe auch dann, wenn wir im Stich gelassen wurden.«
Deniz Utlu

»Ein lebenspraller und leichtfüßig erzählter Roman.«
Daniela Dröscher

Editionen (2)

ISBN9783716000113
VerlagArche Literatur Verlag AG
Erscheinungsdatum12.02.25
Seitenzahl272

Rezensionen & Bewertungen

43 Bewertungen

14 Rezensionen

4,4

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  • jtk_0701
    jtk_0701

    344 Follower

    5,0

    Ich liebe es, Familiengeschichten zu lesen. Vor allem solche, in denen es emotional etwas tiefer hineingeht und Themen behandelt werden, über die keiner redet. Kinder, die ihre Eltern pflegen müssen, die eigentlich selbst noch betreut werden sollten. Die Scham eines kranken Menschen, der seine Unabhängigkeit verliert und dadurch manche irrationale Entscheidungen trifft. Es geht um die die Halbgeschwister Kai und Anne, die vor 20 Jahren noch ein sehr enges und inniges Verhältnis zueinander hatten. Sie lebten mit ihrer Mutter, einer Sängerin, ein sehr harmonisches und glückliches Leben. Bis ihre Mutter an einer Nervenkrankheit erkrankt und die Geschwister der Mutter im Alltag unterstützen und pflegen müssen. 20 Jahre später befindet sich Anne auf einer Tagung des Pharmakonzerns P&H. Sie ist Anfang 30, sehr reserviert, erfolgreiche Pharmareferentin und möchte einen Vortrag über das Schmerzmittel Fentanyl halten. Als sie plötzlich einen Anruf von Kai erhält, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat. Kai bittet sie, ihn von der Entzugsklinik abzuholen. Ich bin begeistert von der Art, wie Janine Adomeit diese Geschichte erzählt hat. Voller Spannung bin ich von Kapitel zu Kapitel geflogen. Da jedes Kapitel die Erzählebene wechselt, enden die Kapitel sozusagen immer mit einem „Cliffhanger“. Auf der einen Ebene haben wir die Perspektive der heutigen Anne. Eine fokussierte, etwas kühl wirkende und distanzierte Person. Von Anfang an hab ich gespürt, dass sie sich einen Schutzpanzer zugelegt hat. Und auf der zweiten Ebene erleben wir die Rückblicke von Anne und wie es zu diesem Schutzpanzer kam. Ich erlebe, wie traumatisch es für ein 11-jähriges Kind ist, die eigene Mutter pflegen zu müssen. Wie viel Kindheit dabei verloren geht und wie viel ambivalente Gefühle gegenüber der Mutter aufkommen. Auch wie unerträglich die Unfreiheit für einen Jugendlichen wie Kai sein muss, der an der Schwelle zum Erwachsensein ist, eigentlich sein Leben genießen möchte und gezwungen ist, seine Mutter zu versorgen. Wie beide ihr Trauma noch als Erwachsenen mit sich tragen. Und ich konnte auch die Machtlosigkeit der Mutter nachempfinden, da sie ihr intensives Leben gegen ein abhängiges und nicht selbstbestimmtes eintauschen musst. Und trotzdem hab ich auch oft Wut gegenüber ihr empfunden, da ich einige Entscheidungen einfach nicht begreifen konnte. Trotz hartem und sensiblem Themen hat Janine Adomeit die Geschichte in unauffälliger, klarer und deutlicher Sprache erzählt, hier und da auch amüsant. Auch wenn die Sprache einfach ist, hat sie in mir viele Gefühle hervorgerufen. Verständnis und Unverständnis für alle Figuren. Ich fand auch den Einblick in die Pharmaindustrie sehr interessant und das die Gefahren von Schmerzmittel und möglichen Abhängigkeiten thematisiert wurden. Für mich definitiv ein Highlight. S.156 „Die Idee von Freiheit war mir selbst in diesem Zusammenhang noch nie gekommen. Es hätte ja im Umkehrschluss bedeutet, dass wir nicht frei waren, solange unsere Mutter uns bauchte. Wir waren aber doch keine Gefangenen. Oder kam es ihm so vor?“ S.195 „Fakt ist, es gibt nur eine einzige Realität, in der wir alle leben; gleichzeitig sind unsere Erfahrungen so unterschiedlich, dass es genauso gut unendlich viele Realitäten sein könnten. Dass alles objektiv messbar, aber nichts objektiv bewertbar ist, muss so was wie die Urtragödie menschlichen Empfindens sein.“ S.250 „Mag sein, dass der Panzer, der mich heute umgibt, sich aus dieser Not heraus gebildet hat. Doch irgendwann war es keine Not mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, ihn zu behalten und mit jedem Jahr dicker werden zu lassen, dick und stark wie die Knochenplatten eines Gürteltiers.“

    9. März 2025

  • maike.mariposa
    maike.mariposa

    72 Follower

    5,0

    Wie Geschwisterdynamik funktioniert

    Anne ist Anfang 30 und Pharmareferentin. Ihre Karriere geht steil & sie scheint ihr Leben im Griff zu haben. Schmerzmittel, insbesondere starke Opioide wie Fentanylpflaster sind ihre Expertise. Ihre Kindheit hat daraus bestanden, gemeinsam mit ihrem Bruder Kai deren schwer kranke Mutter zu pflegen, die an einer degenerativen Krankheit litt. Da diese jegliche Hilfe von außen ablehnte, mussten die Geschwister viel zu früh in eine verantwortungsvolle, nicht altersgerechte Rolle schlüpfen. Annes & auch Kais von der Krankheit der Mutter geprägte damalige Kindheit forderte ihren Tribut, denn wo die beiden damals ein inniges Verhältnis zueinander hatten, besteht heute nicht mal mehr Kontakt zwischen ihnen! Anne befindet sich auf einer wichtigen Tagung, um der Firma ihr neues Projekt vorzustellen, als sie unverhofft nach all den Jahren Funkstille mehrere Anrufe von Kai erhält: Ob sie ihn aus einer Entzugsklinik abholen könnte. Widerwillig stimmt sie zu. Warum ist ausgerechnet sie seine einzige Option? Weshalb hat Kai sie damals verlassen & mit Mutter allein zurück gelassen? Eigentlich hat Anne keinerlei Ambitionen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch wenn man zu zweit mit unausgesprochenen Wahrheiten in einem Auto feststeckt, kann man vor drängender Kommunikation nicht so leicht fliehen. ✨ So ein tiefgründiger, einfühlsamer Roman über Familie, Verantwortung & die Folgen schwieriger Kindheitserfahrungen. Nicht nur die Thematiken wurden sehr realistisch dargestellt. Ebenso Anne & Kai sowie auch ihre Mutter. Annes Rationalität, die für mich stellenweise sehr humorvoll rüberkam, hat mich in ihren Bann gezogen. Aber auch Kai als Figur des großen Bruders mit seiner Vorbildfunktion & Empathie. Der Schreibstil ist sehr flüssig, ruhig, zugleich mitreißend. Auf übertriebene Dramatik schafft die Autorin zu verzichten. Geliebt habe ich den Wechsel zwischen Vergangenheit & Gegenwart, durch den die seelischen Hintergründe der Figuren nach & nach sichtbar wurden. Die größte Stärke des Buches lag für mich in seiner psychologischen Tiefe. Die Autorin zeigt auf, wie unterschiedlich Menschen auf Belastungen reagieren können & wie schwer es sein kann, alte Wunden überhaupt zu erkennen oder gar aufzuarbeiten. Eine emotionale, fesselnde Story, die zum Nachdenken über Schuld & Vergebung zwischen Geschwistern anregt & die ich nie wieder vergessen werde!💚💯

    Wie Geschwisterdynamik funktioniert

    5. März 2026

  • 4,0

    Wer Familiengeschichten mit ernsthafter, realer Thematik mag kommt hier auf seine Kosten.

    "Wir können Mamas Leben leichter machen, aber an ihrer Krankheit können wir nichts ändern. Nie mehr." [S. 100] Dieses Buch hat mich bereits im Vorfeld sehr angesprochen, schien es doch die Themen zu bedienen, auf die ich immer direkt anspringe. Pflege und zwischenmenschliche Beziehungen. Es geht um die Geschwister Anne und Kai, deren alleinerziehende Mutter an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidet und die versuchen, ein für ihr soziales Umfeld, weiterhin normales Leben zu leben, während die Alltagssituation durch den fortschreitenden gesundheitlichen Abbau der Mutter zuhause immer schwieriger wird. Dass ihre Mutter keine Unterstützung von außen annehmen will macht ihr Leben nicht einfacher. Dann entschließt sich Kai zu einer Auszeit und lässt Mutter und Schwester im Stich. Nun steht die 11-jährige Anne alleine vor der, für ein Kind eigentlich unzumutbaren und untragbaren Pflegesituation, die in einer Katastrophe endet. ... Nach Jahren kommt es zu einer Aussprache der mittlerweile erwachsenen Geschwister und nach und nach erfährt man als Leser*in von der Resignation und Hoffnungslosigkeit, sowie Überforderung bei der Übernahme der Pflege der Mutter durch ihre Kinder. In Rückblenden wird geschildert, wie der Zustand der Mutter sich rapide verschlechtert und welche Konsequenzen das hat. Diese Schilderungen finde ich in Gänze sehr gelungen, wogegen die Darstellung der Gegenwartssituation für mich im Kontrast deutlich schlechter abschneidet. Raffiniert finde ich den Kontrast zwischen Anne und Kai dargestellt. Während Anne sachlich und fachlich agiert und Medikamente und deren Wirkung in ihrem Job als Pharmavertretetin analysiert, konsumiert Kai und gelangt in eine Abhängigkeit. Zwei Extreme, die am Ende nicht zusammenfinden, aber doch irgendwie zueinander gehören. Wer Familiengeschichten mit ernsthafter, realer Thematik mag kommt hier auf seine Kosten.

    12. Feb. 2025

3 von 14 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Janine Adomeit

Janine Adomeit, geboren 1983 in Köln, studierte in München Literatur- und Sprachwissenschaft. Nach Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie der Teilnahme an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin erschien 2021 ihr Debütroman »Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen«, der mit dem Preis »Debüt des Jahres« des Literaturwerks Rheinland-Pfalz/Saar ausgezeichnet wurde. Janine Adomeit lebt mit ihrer Familie in Flensburg, wo sie auch als Literaturvermittlerin tätig ist und die Lesereihe TRANSIT gegründet hat.

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