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„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani ist für mich ein erschütternder, präzise geschriebener Roman, der von der ersten Seite an einen Doppelmord offenbart, um dann in einer schonungslosen Rückblende zu zeigen, wie eine moderne Pariser Mittelklassefamilie und ihre Nanny in diese Tragödie hineinschlittern.
Der Roman beginnt mit dem Satz „Das Baby ist tot“: Zwei kleine Kinder, Mila und Adam, sind von ihrer Kinderfrau Louise ermordet worden, die sich danach selbst umzubringen versuchte und im Koma liegt. Von diesem Schock ausgehend, erzählt Slimani zurück, wie es dazu kommen konnte. Myriam, eine ausgebildete Juristin, und ihr Mann Paul, ein Musikproduzent, leben mit ihren zwei Kindern im schönen 10. Pariser Arrondissement. Als Myriam nach der zweiten Geburt wieder arbeiten möchte, engagieren sie Louise, eine Nanny Mitte vierzig, die zunächst wie die perfekte Lösung wirkt: sie kocht, putzt, kümmert sich hingebungsvoll um die Kinder und wird in kürzester Zeit unentbehrlich für die Familie. Besonders eindrücklich fand ich, wie Slimani zeigt, wie wenig Myriam und Paul eigentlich über die Frau wissen, der sie ihr Kostbarstes anvertrauen. Louises eigene Einsamkeit, ihre finanzielle Not, ihre Verzweiflung und ihr Gefühl, in dieser fremden Familie endlich gebraucht zu werden, bleiben lange im Dunkeln, während sich unter der scheinbar perfekten Fassade langsam ein Abgrund auftut. Slimani erzählt das nicht reißerisch, sondern mit kühler, genauer Beobachtungsgabe, die zugleich ein Bild der französischen Klassengesellschaft zeichnet: hier die gut situierten, mit sich selbst beschäftigten Eltern, dort die prekär lebende Angestellte, deren Innenleben kaum Beachtung findet. Gerade diese doppelte Ebene – individuelle Tragödie und gesellschaftliche Kritik – macht den Roman für mich so stark; Slimani selbst hat ihn als „dunkles Märchen für Erwachsene“ bezeichnet. Zur Autorin: Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat, Marokko, als Tochter eines algerischstämmigen Bankiers und einer elsässischen Ärztin geboren und wuchs in einer privilegierten, französischsprachigen Familie auf. Mit 18 Jahren ging sie nach Paris, studierte Medien und Politik am Institut d’études politiques de Paris, bevor sie zunächst als Journalistin für „Jeune Afrique“ arbeitete. 2014 erschien ihr erster Roman „Das Zimmer im Garten“, mit dem sie sich bereits einen Namen machte, doch der internationale Durchbruch gelang ihr 2016 mit „Chanson douce“ – auf Deutsch „Dann schlaf auch du“. Für diesen Roman wurde sie mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, dem renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, und war damit die jüngste Preisträgerin sowie die erste marokkanischstämmige Frau, die diese Auszeichnung erhielt. Für mich ist „Dann schlaf auch du“ deshalb weit mehr als ein reißerischer Kriminalfall: Es ist eine sehr genaue, unbequeme Studie über Mutterschaft, Klasse, Einsamkeit und die gefährlichen blinden Flecken im Vertrauen zwischen Menschen, die scheinbar so nah beieinander leben und sich doch kaum wirklich kennen. Ein packendes, verstörendes und literarisch hochkarätiges Buch, das seinen Preis zu Recht bekommen hat.

2 Tage vor
„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani ist für mich ein erschütternder, präzise geschriebener Roman, der von der ersten Seite an einen Doppelmord offenbart, um dann in einer schonungslosen Rückblende zu zeigen, wie eine moderne Pariser Mittelklassefamilie und ihre Nanny in diese Tragödie hineinschlittern.
Der Roman beginnt mit dem Satz „Das Baby ist tot“: Zwei kleine Kinder, Mila und Adam, sind von ihrer Kinderfrau Louise ermordet worden, die sich danach selbst umzubringen versuchte und im Koma liegt. Von diesem Schock ausgehend, erzählt Slimani zurück, wie es dazu kommen konnte. Myriam, eine ausgebildete Juristin, und ihr Mann Paul, ein Musikproduzent, leben mit ihren zwei Kindern im schönen 10. Pariser Arrondissement. Als Myriam nach der zweiten Geburt wieder arbeiten möchte, engagieren sie Louise, eine Nanny Mitte vierzig, die zunächst wie die perfekte Lösung wirkt: sie kocht, putzt, kümmert sich hingebungsvoll um die Kinder und wird in kürzester Zeit unentbehrlich für die Familie. Besonders eindrücklich fand ich, wie Slimani zeigt, wie wenig Myriam und Paul eigentlich über die Frau wissen, der sie ihr Kostbarstes anvertrauen. Louises eigene Einsamkeit, ihre finanzielle Not, ihre Verzweiflung und ihr Gefühl, in dieser fremden Familie endlich gebraucht zu werden, bleiben lange im Dunkeln, während sich unter der scheinbar perfekten Fassade langsam ein Abgrund auftut. Slimani erzählt das nicht reißerisch, sondern mit kühler, genauer Beobachtungsgabe, die zugleich ein Bild der französischen Klassengesellschaft zeichnet: hier die gut situierten, mit sich selbst beschäftigten Eltern, dort die prekär lebende Angestellte, deren Innenleben kaum Beachtung findet. Gerade diese doppelte Ebene – individuelle Tragödie und gesellschaftliche Kritik – macht den Roman für mich so stark; Slimani selbst hat ihn als „dunkles Märchen für Erwachsene“ bezeichnet. Zur Autorin: Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat, Marokko, als Tochter eines algerischstämmigen Bankiers und einer elsässischen Ärztin geboren und wuchs in einer privilegierten, französischsprachigen Familie auf. Mit 18 Jahren ging sie nach Paris, studierte Medien und Politik am Institut d’études politiques de Paris, bevor sie zunächst als Journalistin für „Jeune Afrique“ arbeitete. 2014 erschien ihr erster Roman „Das Zimmer im Garten“, mit dem sie sich bereits einen Namen machte, doch der internationale Durchbruch gelang ihr 2016 mit „Chanson douce“ – auf Deutsch „Dann schlaf auch du“. Für diesen Roman wurde sie mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, dem renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, und war damit die jüngste Preisträgerin sowie die erste marokkanischstämmige Frau, die diese Auszeichnung erhielt. Für mich ist „Dann schlaf auch du“ deshalb weit mehr als ein reißerischer Kriminalfall: Es ist eine sehr genaue, unbequeme Studie über Mutterschaft, Klasse, Einsamkeit und die gefährlichen blinden Flecken im Vertrauen zwischen Menschen, die scheinbar so nah beieinander leben und sich doch kaum wirklich kennen. Ein packendes, verstörendes und literarisch hochkarätiges Buch, das seinen Preis zu Recht bekommen hat.
2 Tage vor










