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Mit Die jüngste Tochter hat Fatima Daas einen Roman geschrieben, der tief in Erfahrungen verwurzelt ist, die ich selbst nicht teile: Queerness, religiöse Praxis, eine algerisch-französische Migrationsgeschichte. Ich kann Fatimas inneren Konflikt nicht vollständig nachempfinden, aber ich kann bewundern, mit welcher literarischen Kraft Daas diese Erfahrung sichtbar macht. „Ich heiße Fatima.“ Dieser Satz wirkt wie ein Anker in einer Identität, die ständig unter Spannung steht – zwischen Familie, Glauben, Herkunft und Begehren. Aufgewachsen in der Banlieue Clichy-sous-Bois, ringt Fatima mit der Frage, wie all diese Teile ihres Selbst zusammenpassen können. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die radikale Ökonomie der Sprache. Viele Seiten sind fast leer: manchmal stehen nur zwei oder drei Zeilen auf einer ganzen Buchseite. Und doch sagt Daas mit diesen wenigen Worten enorm viel. Die kurzen, fragmentarischen Kapitel wirken wie Atemzüge, passend zu einer Erzählerin, deren Körper selbst immer wieder mit Asthma ringt. Das Schreiben wird so zu einer Form des Atmens, zu einem Versuch, sich selbst Raum zu schaffen. Besonders stark ist auch die Mehrsprachigkeit des Romans. Gebete erscheinen im algerischen Arabisch, familiäre Anreden tragen kulturelle Bedeutungen, die sich nicht einfach übersetzen lassen. Der Name Fatima selbst wird zum Symbol: eine heilige Figur des Islam – und zugleich ein Name, den die Erzählerin glaubt ehren zu müssen. Daas erzählt keine einfache Coming-out-Geschichte. Stattdessen zeigt sie, wie widersprüchlich Identität sein kann – wie Glauben und Begehren, Familie und Selbstbestimmung gleichzeitig existieren können, ohne sich vollständig auflösen zu lassen. Literarisch ist das beeindruckend. Gesellschaftlich ist es wichtig. Denn Die jüngste Tochter eröffnet einen Raum für Perspektiven, die in vielen literarischen Kanons noch immer unterrepräsentiert sind. Es ist ein Roman über das Erwachsenwerden, aber auch über Zugehörigkeit, Sprache und das Recht, sich selbst immer wieder neu zu definieren. Ich habe dieses Buch nicht gelesen, um mich darin wiederzufinden. Ich habe es gelesen, um zuzuhören.
5. März 2026
Mit Die jüngste Tochter hat Fatima Daas einen Roman geschrieben, der tief in Erfahrungen verwurzelt ist, die ich selbst nicht teile: Queerness, religiöse Praxis, eine algerisch-französische Migrationsgeschichte. Ich kann Fatimas inneren Konflikt nicht vollständig nachempfinden, aber ich kann bewundern, mit welcher literarischen Kraft Daas diese Erfahrung sichtbar macht. „Ich heiße Fatima.“ Dieser Satz wirkt wie ein Anker in einer Identität, die ständig unter Spannung steht – zwischen Familie, Glauben, Herkunft und Begehren. Aufgewachsen in der Banlieue Clichy-sous-Bois, ringt Fatima mit der Frage, wie all diese Teile ihres Selbst zusammenpassen können. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die radikale Ökonomie der Sprache. Viele Seiten sind fast leer: manchmal stehen nur zwei oder drei Zeilen auf einer ganzen Buchseite. Und doch sagt Daas mit diesen wenigen Worten enorm viel. Die kurzen, fragmentarischen Kapitel wirken wie Atemzüge, passend zu einer Erzählerin, deren Körper selbst immer wieder mit Asthma ringt. Das Schreiben wird so zu einer Form des Atmens, zu einem Versuch, sich selbst Raum zu schaffen. Besonders stark ist auch die Mehrsprachigkeit des Romans. Gebete erscheinen im algerischen Arabisch, familiäre Anreden tragen kulturelle Bedeutungen, die sich nicht einfach übersetzen lassen. Der Name Fatima selbst wird zum Symbol: eine heilige Figur des Islam – und zugleich ein Name, den die Erzählerin glaubt ehren zu müssen. Daas erzählt keine einfache Coming-out-Geschichte. Stattdessen zeigt sie, wie widersprüchlich Identität sein kann – wie Glauben und Begehren, Familie und Selbstbestimmung gleichzeitig existieren können, ohne sich vollständig auflösen zu lassen. Literarisch ist das beeindruckend. Gesellschaftlich ist es wichtig. Denn Die jüngste Tochter eröffnet einen Raum für Perspektiven, die in vielen literarischen Kanons noch immer unterrepräsentiert sind. Es ist ein Roman über das Erwachsenwerden, aber auch über Zugehörigkeit, Sprache und das Recht, sich selbst immer wieder neu zu definieren. Ich habe dieses Buch nicht gelesen, um mich darin wiederzufinden. Ich habe es gelesen, um zuzuhören.
5. März 2026








