Wobei sie nicht gern hörten, wenn man ihre Geschichten als Märchen bezeichnete.
Nein, sie bestanden darauf, dass es Legenden seien. Denn jeder weiß doch, dass Legenden nichts anderes als eine glückliche Familie vieler Erzählungen sind. Und unabhängige ukrainische Erzählungen, die kommen von den unabhängig ukrainischen Leuten, die kann man als nahezu gesichert annehmen. Was unabhängig ukrainische Erzählungen fast so zuverlässig macht wie Wetterberichte. - Zitat, Seiten 10,11 Dimitrij Kapitelman, geboren 1986 in der Ukraine, wurde für diesen autofiktionalen Roman im Jahre 2025 für den Deutschen Buchpreis (Longlist) nominiert. Russische Spezialitäten- die wurden damals in Dimitrijs Jugend im Laden seiner Eltern in Leipzig feilgeboten. Doch zunächst wurde das Ladengeschäft entsprechend vorbereitet: Eigens dafür erscheint Onkel Jakob in dieser Geschichte und leimt grünes Linoleum über den braunen Holzboden des Ladengeschäfts. Fortan kündigt der laute Klang der Eingansglocke jeden potentiellen Kunden an, der das Geschäft betritt und Spirituosen, Fisch oder auch ein Plombir Eis kaufen möchte. Doch diese nostalgischen Zeiten sind vorbei. Der Ukrainekrieg ist ausgebrochen, der Vater von den Folgen eines Schlaganfalls gebeutelt und die Mutter geht in ihrer seltsamen Russlandliebe völlig auf. Vor allem letzterer Fakt setzt dem Ich-Erzähler immer stärker zu. Und legt den Konflikt frei: "Weshalb? Das will ich gar nicht mehr wissen. Ich bin mittlerweile völlig unwillig, meine Mutter zu verstehen. Selbst wenn es fast mehr wehtut, diese Hoffnung auf Verständnis zu begraben. Wenn wir beide miteinander reden, fühlt es sich manchmal so an, als wäre uns nur noch die gemeinsame russische Sprache geblieben. Dabei waren wir noch nie weiter von einer gemeinsamen russischen Sprache entfernt." - Zitat, Seite 12 Das alles klingt doch nach einer interessanten und spannenden Ausgangslage, oder? - Aber leider wurde bei diesem Roman viel des Potentials verschenkt: Zum Beispiel die Strahlkraft der Metaphern im Roman. Ein Symbol im Roman ist die Mütze. Die Mütze ansich, wer sie trägt oder eben nicht trägt. Aber, wie die Mütze auf dem Heimweg aus der Ukraine nach Deutschland im Bus liegen bleibt, so scheint sie auch aus dem Gedächtnis der Geschichte zu verschwinden. Und warum sprechen die Fische im russischen Spezialitätengeschäft? Wäre Dimitrij Kapitelman ein Schneider, könnte man vielleicht sagen, dass er die Nähte nicht ordentlich versäumt hat. Die Kanten wurden nicht fachgerecht versäubert. Was ein Jammer ist bei diesem erstklassigen Stoff und dem sichtbaren Talent des Künstlers. Am Ende setzt dieser jedoch noch einen Herzknopf, um sein Werk harmonisch zu beschließen - oder war es gar ein Stern?! FAZIT Nach Abschluss des ersten Kapitels hatte ich so große Erwartungen an die Lektüre, aber leider blieben diese unerfüllt. Wahrscheinlich klingt es ein wenig hart, wenn ich behaupte, dass man eigentlich nur das erste und das letzte Kapitel des Buches lesen muss, um das Wesentliche zu umfassen - aber genau so habe ich es empfunden. Vielleicht liegt der eher bescheidene Eindruck auch in der Beobachterperspektive des Ich-Erzählers begründet. Der Erzähler selbst hält sich im Text ziemlich bedeckt, was der Nähe zum Autor selbst geschuldet sein kann. Aber da dies ein Roman ist, hätte es hier durchaus Möglichkeiten in der Varianz der Gestaltung gegeben - finde ich. Und dieser ironische Erzählstil mag die Situationskomik mancher Szene herzustellen, schafft aber auch in Momenten Distanz, die eine emotionale Nähe zum Lesenden herstellen könnten. Wer hat ähnliche Leseerfahrungen gemacht? Oder noch spannender: wen konnte die Geschichte richtig mitreißen? Eingeschränkt lesenswert.






















































