Kostbare Tage
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Description
Book Information
Author Description
Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Kent Haruf starb 2014.
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Ein stilles und sehr berührendes Buch, das Einblicke in das Leben einer Kleinstadt und den Zusammenhalt ihrer Einwohner gibt. Jeder sorgt sich um den anderen und hilft mit den damaligen bescheidenen Möglichkeiten. Das Buch strahlt Herzenswärme aus, spricht aber auch kritische Themen an. Mir hat es sehr gefallen.
TOP 5-Kandidat 2020 „Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können.“ (Ernst Ferstl) „Als sie nach Hause kamen, ging die Sonne gerade unter, und die Luft kühlte allmählich aus.“ (S. 8) Ja, es ist ungewöhnlich, eine Rezension mit zwei Zitaten zu starten. Aber bei besonderen Büchern darf man auch die Pfade der Norm (kurzzeitig) verlassen. So ein besonderes Buch ist „Kostbare Tage“ von Kent Haruf. Es war mein erster Ausflug in den fiktiven Ort Holt, aber es ist klar, dass es nicht bei diesem einen Ausflug bleibt – zu sehr hat mich Kent Haruf mit seiner Geschichte um Dad Lewis berührt. Dad Lewis, Besitzer eines Eisenwarenhandels in Holt, hat Krebs im Endstadium und nur noch kurze Zeit zu leben. Somit ist klar, dass die Lektüre keine leichte ist. Und doch: Kent Haruf drückt nicht mit Absicht auf die Tränendrüse. Wenn man Tränen vergießt, dann höchstens, weil er so einfühlsam, so empathisch und so voller Respekt von dem schreibt, was uns alle erwartet: dem Tod. Er tabuisiert ihn nicht, er holt ihn mitten ins Leben, fordert uns (die Leser*innen) auf, die kleinen Augenblicke (mögen sie noch so „unscheinbar“ im Augenblick ihres Erlebens zu sein) zu genießen, um dann (am Ende) mit sich und der Welt im Reinen gehen zu können. Kent Haruf erzählt uns in „Kostbare Tage“ von Trauer, Verlust, offenen Rechnungen, aber auch von Liebe und (später) Anerkennung – von dem was zählt, wenn du alleine bist, wenn du jemanden brauchst, der dich auffängt. Und er erzählt von Dingen wie dem ersten Fahrrad, dem gemeinsamen Baden von vier Generationen Frauen – jede mit den körperlichen Kennzeichen des entsprechenden Alters „gesegnet“; dabei umschifft er aber geschickt mit empathischen Worten Kitsch und billige Phrasen. Hier zeigt er wahre Schreibkunst! Es gibt noch so viel, was in diesen 345 Seiten passiert, aber statt diese Rezension episch auszubreiten, hier nur noch die Empfehlung: lest „Kostbare Tage“ und hütet diesen Schatz. Glasklare Empfehlung und 5*! „Draußen vor dem Schlafzimmer wurde es plötzlich dunkel, eine Wolke zog vorbei, und dann fing es an zu regnen. Der Regen prasselte nieder. Als wäre plötzlich ein dunkler Vorhang gefallen.“ (S. 325) ©kingofmusic
Genau wie alle zuvor gelesenen Bücher von Kent Haruf hat auch dieser Roman mich sehr berührt. Als Leser begleitet man einen alten Mann durch die letzten Monate seines Lebens. Er versucht, seine Angelegenheiten zu regeln, Konflikte beizulegen und Frieden zu finden. Aber genauso ist es der Roman einer Kleinstadt, in der auf der einen Seite Nachbarschaftshilfe selbstverständlich ist und der Ladenbesitzer seine Kunden wirklich kennt, die aber auf der anderen Seite gegenüber Außenseitern wie dem Sohn des Reverend oder Dads Sohn Frank ziemlich hart sein kann. Der Handlungsstrang um den Reverend und seine Predigt, die den Patrioten der Stadt sauer aufstößt, war mir fast ein wenig viel. Ganz klar ist mir auch nicht, warum dieser Band als Teil 3 einer Trilogie gilt, in meinen Augen ist der ähnlich wie "Unsere Seelen bei Nacht" ein eigenständiger Roman in derselben kleinen Stadt. Tatsächlich werden die Ereignisse aus Band 1 und 2 quasi nur in einem Satz erwähnt. Trotzdem solide vier Sterne (und Neugier auf die übrigen Romane des Autors).
In Kostbare Tage nimmt uns Kent Haruf wieder mit nach Holt, einer kleinen Stadt mitten in Colorado. Diesmal beleuchtet er das Schicksal von Dad Lewis, und dessen letzten Tage. Dad hat Krebs im Endstadium und seine Tochter Lorraine kommt nach Hause um ihrer Mutter bei der Pflege zu helfen. Wie in Kleinstädten üblich unterstützen auch Nachbarn und Freunde die Familie. So kommen die Johnssons, Mutter und Tochter, immer wieder vorbei und auch die Nachbarin Berta-May und ihr Enkelin Alice helfen wo sie können. Nach und nach erfahren wir auch ihre Geschichten und auch die des Pfarrers Lyle und seiner Familie wird erzählt. An sich ist es kein aufregendes Buch, der Autor erzählt einfach aus dem Alltag. Und doch kommen immer wieder Themen hoch, die unsere Gesellschaft beleuchten, wie Homophobie, Patriotismus und Sterbebegleitung. Der Schreibstil ist fast emotionslos und da die wörtliche Rede im Text nicht wirklich hervorgehoben wird, hat man manchmal das Gefühl, dass der Text ein wenig mehr Ecken und Kanten vertragen hätte. Trotzdem hat mich gerade die Geschichte Dads sehr berührt, macht er sich am Ende doch noch einmal Gedanken darüber was alles nicht so gut in seinem Leben gelaufen ist. Als Wohlfühlbuch würde ich es nicht bezeichnen, allerdings bewirkt der ruhige Schreibstil tatsächlich eine gewisse Entschleunigung, sofern man sich drauf einlassen kann. Von mir bekommt das Buch eine Leseempfehlung. Besonders möchte ich auch die schöne Gestaltung des Buches durch den Verlag hervorheben, der Leinenumschlag unter der schön gestalteten Cover macht auch das haptische Erlebnis zu einem Genuss.
Melancholisch und unaufgeregt wird der Alltag in der Kleinstadt Holt beschrieben . Die Geschichte eines Waisenkinds, ein strafversetzter Pfarrer, der auch in Holt aneckt und ein alter, kranker Mann der in diesem Sommer sterben wird. Kent Haruf erzählt mit viel Empathie für seine Figuren. Trotzdem haben mir seine anderen Bücher besser gefallen.
Kennt ihr das, wenn ein Buch euch bitterlich zum Weinen bringt, ihr aber dennoch zutiefst froh seid, es gelesen zu haben? Weil es ein Stück Leben und all dessen Facetten in ein einzigartiges, sprachlich kostbares Gewand hüllt? Ich fühlte geradezu Dankbarkeit gegenüber dem Autor, auch wenn viele Passagen des Buches mir bis auf die Knochen ins Fleisch schnitten._ _ Kent Haruf schrieb diesen Roman über das Sterben eines alten Mannes kurz vor seinem eigenen Tod, was dem Leser geradezu aus den Seiten entgegenhallt._ _ Aus seinen Worten spricht eine fundamentale Wahrheit, eine bedingungslose und zugleich behutsame Authentizität. Er redet den unvermeidlichen Verlust nicht klein oder romantisiert ihn, stellt ihn vielmehr als natürlichen Teil des Lebens dar._ _ Ich habe selten eine so berührende Schilderung des Sterbeprozesses gelesen._ _ Besonders bewegte mich, dass der Autor nichts schönt oder verschweigt, dem Protagonisten, ‘Dad’ Lewis, dabei aber immer seine Würde lässt. Auch wenn Dads Ehefrau ihm den knochigen Hintern oder die Genitalien wäscht, weil er es selber nicht mehr kann, ist das nicht erniedrigend, sondern vor allem ein Bild bedingungsloser Liebe._ _ Er stirbt nicht im Krankenhaus, nicht an Maschinen angeschlossen. Seine Frau und seine Tochter sind bei ihm, rund um die Uhr, machen ihm die letzten Tage so angenehm wie möglich. Nachbarn und Freunde kommen vorbei, bringen Essen und plaudern mit ihm; er regelt seine Angelegenheiten, soweit ihm das möglich ist, und veranlasst noch ein paar gute Taten, die ihm am Herzen liegen._ _ Das hat etwas sehr Herzerwärmendes, Positives, gewürzt mit einer leisen Prise Humor – und gleichzeitig blutete mir beim Lesen das Herz._ _ Das könnte leicht zum Trauerkitsch werden, aber nein…_ _ Denn der Autor zeigt Dad Lewis als grundlegend guten Menschen, beleuchtet aber auch seine Schwächen und seine größten Fehler. Vor allem das zerbrochene Verhältnis zu seinem Sohn Frank steht im Mittelpunkt – den hat Dad durch hilflos-zornige Intoleranz aus seinem Leben vergrault. Er kann ein sturer alter Bock sein, ein zorniger Patriarch._ _ Amerikanische Kleinstädte waren in Franks Jugend nicht unbedingt Orte, in denen man ungestraft von der vermeintlichen Norm abweichen konnte – sind es vielerorts wohl immer noch nicht. Dad war nicht vorbereitet darauf, einen Sohn zu haben, der “anders” war, hatte nicht das emotionale Handwerkszeug, um damit umzugehen._ _ Obwohl man spürt, dass er zu keinem Zeitpunkt aufhörte, Frank zu lieben, tat er dennoch nie den Schritt, zu sagen: es tut mir leid, das war falsch von mir, bitte verzeih mir. Er kann nicht aus seiner Haut, zu tief verwurzelt sind Homophobie und das Idealbild eines Sohnes, der Frank nie sein kann._ _ Andere Charaktere ergänzen Dads Geschichte, bringen aber auch ihre eigenen Probleme und Thematiken mit. Haruf ist ein Meister darin, mit einfachen Worten Charaktere zu schreiben, die einem nahe kommen. Dabei beschreibt er auch ihre Schwächen so, dass man sie erkennt, aber nicht verurteilt. _ _ Da ist zum Beispiel die kleine Alice, die gerade ihre Mutter verloren hat und daher einen anderen Blick auf Tod und Trauer einbringt. Dreht sich ansonsten viel des Romans um die Vergangenheit, schlägt Alice den Bogen in die Zukunft und wird zum Trost und Rettungsanker für zwei Frauen, denen der Lebensmut abhanden gekommen ist._ _ Oder da ist Reverend Lyle, der nach Holt zwangsversetzt wurde, weil er sich für einen homosexuellen Priester einsetzte. In Holt macht er sich nicht nur Freunde – das Buch spielt nach 9/11, und die Leute wollen keine Predigten über Versöhnung hören, sondern schreien nach Rache. Sein Sohn schämt sich für ihn, ist wütend und ratlos und will einfach nur noch weg aus Holt…_ _ Harufs Sprache kann so viel in so wenigen einfachen Worten ausdrücken. Sie eröffnen eine mühelose Weite: man sieht geradezu die Felder vor sich und hört den Wind, der darüberpfeift. Man sieht die Charaktere, kann sich ihr Lächeln, ihr Stirnrunzeln und ihre kleinen Marotten vorstellen._ _ Die Sprache ist klar, manchmal geradezu nüchtern, immer aufs Wesentliche reduziert – und dennoch ausdrucksstark und cineastisch. Es sind die kleinen Momentaufnahmen des alltäglichen Lebens, die Kent Haruf so meisterhaft beherrscht. Obwohl sie für die eigentliche Handlung meist kaum eine Rolle spielen, sind sie echte Highlights; positive und hoffnungsvolle Episoden sorgen im Zusammenspiel mit den ernsten Themen für Balance._ _ Fazit:_ _ Dad Lewis liegt im Sterben, gepflegt von seiner Frau und seiner Tochter, besucht von Freunden, Nachbarn und Angestellten. Er regelt seine Angelegenheiten, bereut nur wenig – wäre da nicht sein Sohn Frank, den er vor vielen Jahren in intolerantem Zorn vertrieb. Der Autor gibt auch vielen Menschen in seinem Umfeld eine Stimme, zeigt ihre Hoffnungen, Ängste und Wünsche – ein chaotisches Kaleidoskop der menschlichen Natur._ _ Kent Haruf hat, kurz vor seinem eigenen Tod, ein so schmerzliches wie wunderbares Buch über das Sterben und dessen Unvermeidlichkeit geschrieben. Bei aller Trauer, bei allem Schmerz, enthält das Buch dennoch vor allem Hoffnung und Liebe._ _ Der Titel ist passend: Dad Lewis’ letzte Tage sind kostbar, für ihn selbst und für die Menschen, die ihn lieben._ Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-kent-haruf-kostbare-tage/
Wenn es still wird in Holt... Kent Harufs Roman ist ein kostbarer Roman, der die Stille, Langsamkeit und das Kleinstadtleben würdigt. Allen, die die Thematik des Sterbens und der Krankheit abschrecken mag, sei versichert: ja, es geht um das Ende des Lebens, aber nicht auf eine verstörende oder abschreckende Weise und vor allem geht es auch nicht nur um den Tod. Haruf gelingt es im Gegenteil, das Sterben zum Teil des Lebens zu machen - was es ja letztlich auch ist. So ist der Roman durchsetzt mit Erinnerungen an Fehler und Situationen, die das Leben der Figuren in Kostbare Tage beeinflusst oder auch entschieden haben. Die Handlung wechselt zwischen Dad Lewis Geschichte und Reverend Lyles Gewissenskonflikten, Alenes trauriger Liebesgeschichte, John Wesleys Teenagernöten und Alices neuem Leben in Holt, sodass an Dad Lewis Ende auch der Beginn oder die Mitte anderer Schicksale geknüpft sind, wodurch ein Panorama verschiedener menschlicher Leben in einer Kleinstadt geschaffen wird. Beschrieben wird Holt mit seinen Einwohnern in einer sehr reduzierten, unaufgeregten und stillen Sprache, verstärkt durch den konsequenten Verzicht auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede. So stört nichts den ruhigen, aber unaufhaltsamen Lauf des Lebens in dem kleinen Ort. Eine Sprache, die so sehr der Romanhandlung angepasst gibt, findet man nur selten. Eine richtige Nähe zu den Figuren kommt aufgrund der Erzählsituation und des Schreibstils zwar nicht auf, dennoch berührt der Roman. Die Trauer, Traurigkeit, Missverständnisse, Fehlentscheidungen und das Abschiednehmen sind Konstante der menschlichen Existenz und beeindrucken daher sehr. Die stärksten Szenen sind für mich die, in denen Dad Lewis auf dem Sterbebett um Vergebung bittet - ohne sich dessen selbst wirklich bewusst zu sein. Kostbare Tage ist ein Roman, der nachwirkt und reicher macht. Schön und traurig und auch alltäglich.
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Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, ›Unsere Seelen bei Nacht‹, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Kent Haruf starb 2014.
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Ein stilles und sehr berührendes Buch, das Einblicke in das Leben einer Kleinstadt und den Zusammenhalt ihrer Einwohner gibt. Jeder sorgt sich um den anderen und hilft mit den damaligen bescheidenen Möglichkeiten. Das Buch strahlt Herzenswärme aus, spricht aber auch kritische Themen an. Mir hat es sehr gefallen.
TOP 5-Kandidat 2020 „Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können.“ (Ernst Ferstl) „Als sie nach Hause kamen, ging die Sonne gerade unter, und die Luft kühlte allmählich aus.“ (S. 8) Ja, es ist ungewöhnlich, eine Rezension mit zwei Zitaten zu starten. Aber bei besonderen Büchern darf man auch die Pfade der Norm (kurzzeitig) verlassen. So ein besonderes Buch ist „Kostbare Tage“ von Kent Haruf. Es war mein erster Ausflug in den fiktiven Ort Holt, aber es ist klar, dass es nicht bei diesem einen Ausflug bleibt – zu sehr hat mich Kent Haruf mit seiner Geschichte um Dad Lewis berührt. Dad Lewis, Besitzer eines Eisenwarenhandels in Holt, hat Krebs im Endstadium und nur noch kurze Zeit zu leben. Somit ist klar, dass die Lektüre keine leichte ist. Und doch: Kent Haruf drückt nicht mit Absicht auf die Tränendrüse. Wenn man Tränen vergießt, dann höchstens, weil er so einfühlsam, so empathisch und so voller Respekt von dem schreibt, was uns alle erwartet: dem Tod. Er tabuisiert ihn nicht, er holt ihn mitten ins Leben, fordert uns (die Leser*innen) auf, die kleinen Augenblicke (mögen sie noch so „unscheinbar“ im Augenblick ihres Erlebens zu sein) zu genießen, um dann (am Ende) mit sich und der Welt im Reinen gehen zu können. Kent Haruf erzählt uns in „Kostbare Tage“ von Trauer, Verlust, offenen Rechnungen, aber auch von Liebe und (später) Anerkennung – von dem was zählt, wenn du alleine bist, wenn du jemanden brauchst, der dich auffängt. Und er erzählt von Dingen wie dem ersten Fahrrad, dem gemeinsamen Baden von vier Generationen Frauen – jede mit den körperlichen Kennzeichen des entsprechenden Alters „gesegnet“; dabei umschifft er aber geschickt mit empathischen Worten Kitsch und billige Phrasen. Hier zeigt er wahre Schreibkunst! Es gibt noch so viel, was in diesen 345 Seiten passiert, aber statt diese Rezension episch auszubreiten, hier nur noch die Empfehlung: lest „Kostbare Tage“ und hütet diesen Schatz. Glasklare Empfehlung und 5*! „Draußen vor dem Schlafzimmer wurde es plötzlich dunkel, eine Wolke zog vorbei, und dann fing es an zu regnen. Der Regen prasselte nieder. Als wäre plötzlich ein dunkler Vorhang gefallen.“ (S. 325) ©kingofmusic
Genau wie alle zuvor gelesenen Bücher von Kent Haruf hat auch dieser Roman mich sehr berührt. Als Leser begleitet man einen alten Mann durch die letzten Monate seines Lebens. Er versucht, seine Angelegenheiten zu regeln, Konflikte beizulegen und Frieden zu finden. Aber genauso ist es der Roman einer Kleinstadt, in der auf der einen Seite Nachbarschaftshilfe selbstverständlich ist und der Ladenbesitzer seine Kunden wirklich kennt, die aber auf der anderen Seite gegenüber Außenseitern wie dem Sohn des Reverend oder Dads Sohn Frank ziemlich hart sein kann. Der Handlungsstrang um den Reverend und seine Predigt, die den Patrioten der Stadt sauer aufstößt, war mir fast ein wenig viel. Ganz klar ist mir auch nicht, warum dieser Band als Teil 3 einer Trilogie gilt, in meinen Augen ist der ähnlich wie "Unsere Seelen bei Nacht" ein eigenständiger Roman in derselben kleinen Stadt. Tatsächlich werden die Ereignisse aus Band 1 und 2 quasi nur in einem Satz erwähnt. Trotzdem solide vier Sterne (und Neugier auf die übrigen Romane des Autors).
In Kostbare Tage nimmt uns Kent Haruf wieder mit nach Holt, einer kleinen Stadt mitten in Colorado. Diesmal beleuchtet er das Schicksal von Dad Lewis, und dessen letzten Tage. Dad hat Krebs im Endstadium und seine Tochter Lorraine kommt nach Hause um ihrer Mutter bei der Pflege zu helfen. Wie in Kleinstädten üblich unterstützen auch Nachbarn und Freunde die Familie. So kommen die Johnssons, Mutter und Tochter, immer wieder vorbei und auch die Nachbarin Berta-May und ihr Enkelin Alice helfen wo sie können. Nach und nach erfahren wir auch ihre Geschichten und auch die des Pfarrers Lyle und seiner Familie wird erzählt. An sich ist es kein aufregendes Buch, der Autor erzählt einfach aus dem Alltag. Und doch kommen immer wieder Themen hoch, die unsere Gesellschaft beleuchten, wie Homophobie, Patriotismus und Sterbebegleitung. Der Schreibstil ist fast emotionslos und da die wörtliche Rede im Text nicht wirklich hervorgehoben wird, hat man manchmal das Gefühl, dass der Text ein wenig mehr Ecken und Kanten vertragen hätte. Trotzdem hat mich gerade die Geschichte Dads sehr berührt, macht er sich am Ende doch noch einmal Gedanken darüber was alles nicht so gut in seinem Leben gelaufen ist. Als Wohlfühlbuch würde ich es nicht bezeichnen, allerdings bewirkt der ruhige Schreibstil tatsächlich eine gewisse Entschleunigung, sofern man sich drauf einlassen kann. Von mir bekommt das Buch eine Leseempfehlung. Besonders möchte ich auch die schöne Gestaltung des Buches durch den Verlag hervorheben, der Leinenumschlag unter der schön gestalteten Cover macht auch das haptische Erlebnis zu einem Genuss.
Melancholisch und unaufgeregt wird der Alltag in der Kleinstadt Holt beschrieben . Die Geschichte eines Waisenkinds, ein strafversetzter Pfarrer, der auch in Holt aneckt und ein alter, kranker Mann der in diesem Sommer sterben wird. Kent Haruf erzählt mit viel Empathie für seine Figuren. Trotzdem haben mir seine anderen Bücher besser gefallen.
Kennt ihr das, wenn ein Buch euch bitterlich zum Weinen bringt, ihr aber dennoch zutiefst froh seid, es gelesen zu haben? Weil es ein Stück Leben und all dessen Facetten in ein einzigartiges, sprachlich kostbares Gewand hüllt? Ich fühlte geradezu Dankbarkeit gegenüber dem Autor, auch wenn viele Passagen des Buches mir bis auf die Knochen ins Fleisch schnitten._ _ Kent Haruf schrieb diesen Roman über das Sterben eines alten Mannes kurz vor seinem eigenen Tod, was dem Leser geradezu aus den Seiten entgegenhallt._ _ Aus seinen Worten spricht eine fundamentale Wahrheit, eine bedingungslose und zugleich behutsame Authentizität. Er redet den unvermeidlichen Verlust nicht klein oder romantisiert ihn, stellt ihn vielmehr als natürlichen Teil des Lebens dar._ _ Ich habe selten eine so berührende Schilderung des Sterbeprozesses gelesen._ _ Besonders bewegte mich, dass der Autor nichts schönt oder verschweigt, dem Protagonisten, ‘Dad’ Lewis, dabei aber immer seine Würde lässt. Auch wenn Dads Ehefrau ihm den knochigen Hintern oder die Genitalien wäscht, weil er es selber nicht mehr kann, ist das nicht erniedrigend, sondern vor allem ein Bild bedingungsloser Liebe._ _ Er stirbt nicht im Krankenhaus, nicht an Maschinen angeschlossen. Seine Frau und seine Tochter sind bei ihm, rund um die Uhr, machen ihm die letzten Tage so angenehm wie möglich. Nachbarn und Freunde kommen vorbei, bringen Essen und plaudern mit ihm; er regelt seine Angelegenheiten, soweit ihm das möglich ist, und veranlasst noch ein paar gute Taten, die ihm am Herzen liegen._ _ Das hat etwas sehr Herzerwärmendes, Positives, gewürzt mit einer leisen Prise Humor – und gleichzeitig blutete mir beim Lesen das Herz._ _ Das könnte leicht zum Trauerkitsch werden, aber nein…_ _ Denn der Autor zeigt Dad Lewis als grundlegend guten Menschen, beleuchtet aber auch seine Schwächen und seine größten Fehler. Vor allem das zerbrochene Verhältnis zu seinem Sohn Frank steht im Mittelpunkt – den hat Dad durch hilflos-zornige Intoleranz aus seinem Leben vergrault. Er kann ein sturer alter Bock sein, ein zorniger Patriarch._ _ Amerikanische Kleinstädte waren in Franks Jugend nicht unbedingt Orte, in denen man ungestraft von der vermeintlichen Norm abweichen konnte – sind es vielerorts wohl immer noch nicht. Dad war nicht vorbereitet darauf, einen Sohn zu haben, der “anders” war, hatte nicht das emotionale Handwerkszeug, um damit umzugehen._ _ Obwohl man spürt, dass er zu keinem Zeitpunkt aufhörte, Frank zu lieben, tat er dennoch nie den Schritt, zu sagen: es tut mir leid, das war falsch von mir, bitte verzeih mir. Er kann nicht aus seiner Haut, zu tief verwurzelt sind Homophobie und das Idealbild eines Sohnes, der Frank nie sein kann._ _ Andere Charaktere ergänzen Dads Geschichte, bringen aber auch ihre eigenen Probleme und Thematiken mit. Haruf ist ein Meister darin, mit einfachen Worten Charaktere zu schreiben, die einem nahe kommen. Dabei beschreibt er auch ihre Schwächen so, dass man sie erkennt, aber nicht verurteilt. _ _ Da ist zum Beispiel die kleine Alice, die gerade ihre Mutter verloren hat und daher einen anderen Blick auf Tod und Trauer einbringt. Dreht sich ansonsten viel des Romans um die Vergangenheit, schlägt Alice den Bogen in die Zukunft und wird zum Trost und Rettungsanker für zwei Frauen, denen der Lebensmut abhanden gekommen ist._ _ Oder da ist Reverend Lyle, der nach Holt zwangsversetzt wurde, weil er sich für einen homosexuellen Priester einsetzte. In Holt macht er sich nicht nur Freunde – das Buch spielt nach 9/11, und die Leute wollen keine Predigten über Versöhnung hören, sondern schreien nach Rache. Sein Sohn schämt sich für ihn, ist wütend und ratlos und will einfach nur noch weg aus Holt…_ _ Harufs Sprache kann so viel in so wenigen einfachen Worten ausdrücken. Sie eröffnen eine mühelose Weite: man sieht geradezu die Felder vor sich und hört den Wind, der darüberpfeift. Man sieht die Charaktere, kann sich ihr Lächeln, ihr Stirnrunzeln und ihre kleinen Marotten vorstellen._ _ Die Sprache ist klar, manchmal geradezu nüchtern, immer aufs Wesentliche reduziert – und dennoch ausdrucksstark und cineastisch. Es sind die kleinen Momentaufnahmen des alltäglichen Lebens, die Kent Haruf so meisterhaft beherrscht. Obwohl sie für die eigentliche Handlung meist kaum eine Rolle spielen, sind sie echte Highlights; positive und hoffnungsvolle Episoden sorgen im Zusammenspiel mit den ernsten Themen für Balance._ _ Fazit:_ _ Dad Lewis liegt im Sterben, gepflegt von seiner Frau und seiner Tochter, besucht von Freunden, Nachbarn und Angestellten. Er regelt seine Angelegenheiten, bereut nur wenig – wäre da nicht sein Sohn Frank, den er vor vielen Jahren in intolerantem Zorn vertrieb. Der Autor gibt auch vielen Menschen in seinem Umfeld eine Stimme, zeigt ihre Hoffnungen, Ängste und Wünsche – ein chaotisches Kaleidoskop der menschlichen Natur._ _ Kent Haruf hat, kurz vor seinem eigenen Tod, ein so schmerzliches wie wunderbares Buch über das Sterben und dessen Unvermeidlichkeit geschrieben. Bei aller Trauer, bei allem Schmerz, enthält das Buch dennoch vor allem Hoffnung und Liebe._ _ Der Titel ist passend: Dad Lewis’ letzte Tage sind kostbar, für ihn selbst und für die Menschen, die ihn lieben._ Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-kent-haruf-kostbare-tage/
Wenn es still wird in Holt... Kent Harufs Roman ist ein kostbarer Roman, der die Stille, Langsamkeit und das Kleinstadtleben würdigt. Allen, die die Thematik des Sterbens und der Krankheit abschrecken mag, sei versichert: ja, es geht um das Ende des Lebens, aber nicht auf eine verstörende oder abschreckende Weise und vor allem geht es auch nicht nur um den Tod. Haruf gelingt es im Gegenteil, das Sterben zum Teil des Lebens zu machen - was es ja letztlich auch ist. So ist der Roman durchsetzt mit Erinnerungen an Fehler und Situationen, die das Leben der Figuren in Kostbare Tage beeinflusst oder auch entschieden haben. Die Handlung wechselt zwischen Dad Lewis Geschichte und Reverend Lyles Gewissenskonflikten, Alenes trauriger Liebesgeschichte, John Wesleys Teenagernöten und Alices neuem Leben in Holt, sodass an Dad Lewis Ende auch der Beginn oder die Mitte anderer Schicksale geknüpft sind, wodurch ein Panorama verschiedener menschlicher Leben in einer Kleinstadt geschaffen wird. Beschrieben wird Holt mit seinen Einwohnern in einer sehr reduzierten, unaufgeregten und stillen Sprache, verstärkt durch den konsequenten Verzicht auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede. So stört nichts den ruhigen, aber unaufhaltsamen Lauf des Lebens in dem kleinen Ort. Eine Sprache, die so sehr der Romanhandlung angepasst gibt, findet man nur selten. Eine richtige Nähe zu den Figuren kommt aufgrund der Erzählsituation und des Schreibstils zwar nicht auf, dennoch berührt der Roman. Die Trauer, Traurigkeit, Missverständnisse, Fehlentscheidungen und das Abschiednehmen sind Konstante der menschlichen Existenz und beeindrucken daher sehr. Die stärksten Szenen sind für mich die, in denen Dad Lewis auf dem Sterbebett um Vergebung bittet - ohne sich dessen selbst wirklich bewusst zu sein. Kostbare Tage ist ein Roman, der nachwirkt und reicher macht. Schön und traurig und auch alltäglich.














