Die Kreutzersonate
Buy Now
By using these links, you support READO. We receive an affiliate commission without any additional costs to you.
Description
Book Information
Author Description
Leo Tolstoi (1828–1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut Jasnaja Poljana zurück und verfasste dort seine berühmten Romane und Erzählungen.
Posts
Eine normale Zugfahrt entwickelt sich zu einem komplizierten Gesprach über Moral, Eifersucht und Liebe. Tolstois schwungvoller Schreibstil hat mir sehr gefallen, selbst wenn die angesprochenen Theorien teils sehr komisch waren. Betrachtet man das Erscheinungsjahr, macht das natürlich mehr Sinn. Angenehme Fluglektüre :)
Tolstois Interpretation der Lehren Christis in unserem Sozial- und Sexualleben
Die Handlung dieser Novelle lässt sich relativ leicht erklären. Während einer Zugfahrt kommt eine Diskussion über Ehe und vorallem die romantische Liebe auf. Als sich diese auflöst beginnt ein Gespräch, in welchem Posdnyschew von seinem Werdegang, Ehe und vorallem dem Mord an seiner Frau berichtet. Er geht dabei in der ersten hälfte des Buches vorallem auf seine Motive und Sichtweisen, auf die „Sinnliche Liebe“ sowie Lust ein. Posdnyschew tötet seine Frau aus Eifersucht bald nachdem Sie und ihr Musiklehrer Beethoven‘s „Kreutzersonate“ spielen, welche er quasi als Geständnis des Ehebruchs auffasst. Die Begründung der Eifersucht legimitiert das Gericht und er sitzt letzendlich nichtmal ein Jahr im Gefängnis. Das Werk war schon zur Zeit der Veröffentlichung stark umstritten und wurde in mehreren Ländern (zb. RU, USA, DE) aufgrund der Darstellung der Ehe (für ihn quasi institutionelle Prostitution) verboten. In seinem Nachwort beschreibt Tolstoi das Christliche Ideal nach Christus welches jeder Anstreben sollte und nicht mit diversen shortcuts vereinfacht werden darf. Er verurteilt die Ehe als entmenschlichend und insbesondere die kirchliche Ehe lehnt er ab. Tolstoi bezieht sich auf Bibelstellen und provoziert die Orthodoxe Kirche weiter, laut ihm ist Ehe schlichtweg Institution der Kirche. Außerdem beteuert er ausgiebig seine Haltung zu Enthaltsamkeit: Laut ihm soll sich der Mensch keinem Genuss hingeben d.h kein Sex, kein Sport, kein Fleisch, kein Alkohol. Ausschließlich harte körperliche Arbeit ist erstrebenswert. Dies ist meiner Meinung nach keine schöne Sicht auf das Leben und sorgt dafür das man sich selber in Ketten legt. Ein Zentraler Kritikpunkt dieser Novelle ist die Frauenfeindlichkeit Tolstois. Frauen werden als Verführerinnen dargestellt die den Mann ins Verderben ziehen, sie werden auf ihr äußeres reduziert und die ermordete Ehefrau wird nie tiefere Beachtung gezeigt. Gleichermaßen schießt Tolstoi gegen Männer und ich werfe ihm eher allgemeine Menschenfeindlichkeit im Bezug zu Sexualität vor. Männer werden als Triebgesteuerte, eifersüchtige Kreaturen gezeichnet die unfähig sind zu lieben. Dies liegt wahrscheinlich Tolstois radikaler Ablehnung der Sexualität zu Grunde welche sich im Zuge seiner religiösen Aufklärung ausprägte. Insbesondere aus heutiger Sicht ist dieses Werk absolut nicht haltbar, jedoch hat der Text eine historische Relevanz und Tolstois Sprache ist einfach Zeitlos. Gerade wegen der Kontroversen empfehle ich jedem diese Novelle, sie gibt einen wichtigen Einblick auf Gesellschaftliche Konstellationen von früher und (habe ich zwar noch nicht gelesen) Tolstois Frau Sofia hat einen eigenen Text „Eine Frage der Schuld“ als Gegendarstellung verfasst. 4/5

Misanthrop? Opfer? Wahnsinniger? Oder einfach nur Heuchler und Mörder?
Etwas schwieriger Start aber dann sehr fesselnde Erzählung mit einem eher unerwarteten Plädoyer am Ende für christliche Liebe. Die Charakterisierung des menschlichen Wesens ist sehr gelungen, atmosphärisch sehr dicht und nah am wirklichen Leben.
Ein zweischneidiges Schwert ⚔️
Einerseits ist es eine brillante, düstere (zeitweise spannende) Erzählung voll psychischer Zerrissenheit und moralischer Verwerfung - Tolstoi entfaltet seine unangefochten großartige Erzählkunst und fesselt auch auf gerade einmal 120 Seiten. Man darf sich dabei nicht von der im Klappentext geschilderten Rahmenhandlung („…auf einer Bahnreise durch das winterliche Russland entspinnt sich zwischen wechselnden Fahrgästen ein Gespräch über Liebe, Ehe, Moral und Gesellschaft…“) blenden lassen - dies ist die Geschichte eines Mörders. Wir verbringen den Großteil der Erzählung im Kopf eines Mannes, der seine Ehefrau und Mutter seiner 5 Kinder aus Eifersucht getötet hat. Das erfährt man direkt zu Beginn, im Anschluss folgt man seinen moralisch verworrenen Argumentationen, wie es zu diesem Unglück kommen konnte. Eine Achterbahn der Gefühle, hiergegen verblasst jeder moderne 08/15-Serienkiller… Anders als aber Beispielsweise Süskinds Jean-Baptiste Grenouille, den wir als reines literarisches Monster erleben, dessen Handlungen wir auf Grundlage unserer eigenen Moral in Frage stellen können, wird einem hier der moralische Leitfaden vorgepredigt. Die „wirren“ moralischen Argumente des Erzählers sind der eigentliche Kern der Erzählung und die machen das Ganze äußerst schwierig. Sie sind erwartbarerweise aus der Zeit gefallen, um es klar zu sagen, erschreckend misogyn (ist mein erster Text von Tolstoi, in Zukunft bin ich gewarnt) und klingen eher nach Mittelalter als nach spätem 19./ frühem 20. Jh… das ganze könnte man so hinnehmen, wenn es rein die Ansichten einer literarischen Figur blieben, die man ja erörtern und in Frage stellen kann. Jedoch greift der Autor selbst seine Moralpredigt im Nachwort noch einmal auf und führt diese ganz klar fort: Die Trennung zwischen moralisch verwerflicher „sinnlicher Liebe“ und dem sittlichen Leben (Schuld sind übrigens natürlich die Frauen, die die unschuldigen, reinen Männer verführen und zu Sündern machen), die Kritik an der augenscheinlich fehlgeleiteten Gesellschaft (in Russland um 1900?) gründet Tolstoi auf dem unerreichbaren christlichen Ideal der völligen Keuschheit (dem selbst die Kirche mit dem Sakrament der Ehe zuwider handle) und lobt das Betreben nach der Befreiung von der Erbsünde als oberstes Lebensziel aus… etc. pp. Dabei können Aspekte der Geschichte (wenn man den eigentlichen Kern ausklammert) von modernen und reflektierenden Lesern mit Sicherheit ganz anders aufgefasst werden. So klingen zum Beispiel an einigen Stellen überraschend moderne, fast schon feministische Ansätze an, wenn beispielsweise ganz zu Anfang sich im Zugabteil eine Frau und ein alter Herr argumentativ darüber streiten, ob es etwas gutes sei, dass viele Menschen ihre Ehe neuerdings annullieren, wenn diese nicht auf der „wahren Liebe“ basieren. Dass der spätere Binnen-Erzähler und Mörder die Existenz dieser Liebe völlig abstreitet und darauf den Mord an seiner Frau begründet (den er ja im Nachhinein sogar bereut und vorher immer wieder Zweifel hegt), kann (um die Ecke gedacht) als elegante Kritik an solchen patriarchalen, konservativen gesellschaftlichen Ansichten gesehen werden - kann… nur leider ist dies nicht die intendierte Lesart und es macht beklemmend, wie diese Geschichte vor 100 Jahren rezipiert worden sein mag, wie sie auch heute noch/wieder rezipiert werden kann. „War es nicht entsetzlich, dass ich mir ein unzweifelhaftes, uneingeschränktes Recht auf ihren Körper zuerkannte, als wäre es mein Körper, dass ich aber zugleich fühlte, dass ich diesen Körper nicht in meiner Gewalt haben konnte, dass er nicht mein ist, dass sie über ihn verfügen kann, wie sie will, und dass sie über ihn nicht so verfügen wolle, wie ich will. Und ich kann ihm und ihr nichts tun.“ Die Erzählung ist, wie bereits erwähnt, auf rein literarischer Ebene absolut atemberaubend und der Autor schaffte es, dass ich zwischendurch sogar mit dem mir eigentlich völlig unsympathischen Mörder und seiner Motivation mitfiebern musste, bis ich dann wieder am liebsten gekotzt hätte ;)

Es fällt mir immer schwer, aus persönlichen Gründen einem Klassiker eine schlechte Bewertung zu geben; aus irgendeinem Grund ist das Buch ja schliesslich ein Klassiker geworden. Bei Tolstois "Kreutzersonate" heisst es, seien es die bewegenden psychologischen Vorgänge gewesen, die hier geschildert werden. Und wahrscheinlich schlicht und einfach der Name Tolstoi. Das Argument mit den psychologischen Ansichten kann ich bestätigen, man bekommt diesbezüglich wirklich einen scharfen und tiefen Einblick in die Vorgänge und Begründungsmuster der Hauptperson. Aber für einmal hat dies nicht ausgereicht damit ich sagen kann "Hat mir persönlich nicht gefallen, aber ich akzeptiere seinen Status als Klassiker". Denn die Ansichten, die der Autor hier zum Besten gibt, sind bestenfalls haarsträubend und schon zur damaligen Zeit antiquiert. "Stop!", mögt ihr vielleicht rufen, "Die Aussagen der Figur müssen nicht zwingend die Meinung des Autors widerspiegeln!" Damit habt ihr natürlich vollkommen recht. Also habe ich recherchiert und ein in meiner Buchausgabe nicht abgedrucktes Nachwort Tolstois gefunden, das bestätigt, dass er leider auch privat genau diese Ansichten vertritt. Will ich mir als Frau des 21. Jahrhunderts von einem Mann sagen lassen, dass es am besten ist, wenn man unter der Knute des Ehemannes steht, weil Liebe nicht existiert und man deshalb die Triebe der Frau am besten mit Gewalt begegnet? Nö. Nicht einmal, wenn es von Tolstoi stammt.
Thematisch gealtert wie Milch
Die Kreutzersonate ist wirklich sehr gut geschrieben - es macht einfach Spaß das Buch nur für die Sprache zu lesen - aber leider lässt die Geschichte für mich kaum eine Möglichkeit Tolstoi selbst von seinem Protagonisten zu trennen, welcher offensichtlich von der Zeit geprägte misogyne Ansichten vertritt und auch so handelt. Tolstoi schreibt sogar so gut, dass man gelegentlich Sympathie für den Protagonisten fühlt (was man nicht sollte). Ein paar interessante Denkanstöße sind schon dabei, aber insgesamt überwiegen veraltete Denkmuster..
Hat man die Liebe falsch verstanden?
Hier geht es um die Liebe, aber anders als man erwartet. Was passiert, wenn man eine falsche Auffassung von Liebe hat und sich gegenseitig weh tut? Eine toxische Beziehung führt und es zum Äußersten kommt, weil man doch "liebt" und doch, trotz aller Anstrengungen, es nicht versteht?
Tolstoi erzählt diese schlichte und zugleich faszinierende Geschichte in der Ich-Perspektive, dadurch war es sehr leicht der Geschichte zu folgen und diese auch zu verstehen. Sie ist sehr interessant geschrieben worden und man möchte gar nicht aufhören zu lesen und sich zu fragen, ob dies diese Tat wirklich rechtfertigen konnte. In diesem Buch wird auch auf Frauenrechte Bezug genommen. Meine Begeisterung ist unerwartet hoch und dieses Buch gehört zu den besten Büchern, die ich diesen Monat gelesen habe. Eine absolute Empfehlung von mir! ☀️
Die Kreutzersonate war .... anstrengend. Das ist ein treffendes Wort. Anstrengend und dennoch sehr interessant und lesenswert. Ich fand es sehr schwierig zu lesen, nicht einmal aufgrund der Sprache, sondern wegen der nicht vorhandenen Kennzeichnung der wörtlichen Rede. Dadurch gab es irgendwie keine Orientierung und manchmal bin ich dann ein bisschen verloren gewesen. Das finde ich schade. Ich weiß nicht, ob das nur bei dieser Ausgabe so ist, aber es hat meinen Lesefluss ein irgendwie beeinträchtigt. Ansonsten war das Thema wirklich sehr interessant. Die Ansichten des Erzählenden Posdnyschew und generell auch die der anderen Mitwirkenden sind mit den heutigen Ansichten und Wertvorstellungen natürlich nicht wirklich konform, aber dieses Werk ist ja schließlich auch in einem anderen zeitlichen Kontext geschrieben worden. Posdnyschew erzählt uns sehr bildhaft von seiner Ehe und malt mit seinen Ansichten, Erkenntnissen und Schlussfolgerungen ein sehr tragischen Bild von ebendieser. Im Blickpunkt stehen Eifersucht und die Frage nach der Bedeutung einer Ehe. Es ist äußerst kritisch geschrieben und stellt viele gesellschaftliche Dinge in Frage. Im Nachwort wird auf den Inhalt und die Aussagen noch einmal von Tolstoi eingegangen, was ich als eine gute Ergänzung empfand! Schlussendlich war das Buch, wie bereits gesagt anstrengend zu lesen, aber dennoch war das Thema, der Aufbau und die Charaktere sehr gut ausgebaut, ge- und beschrieben. 3,5 Sternis.
Description
Book Information
Author Description
Leo Tolstoi (1828–1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut Jasnaja Poljana zurück und verfasste dort seine berühmten Romane und Erzählungen.
Posts
Eine normale Zugfahrt entwickelt sich zu einem komplizierten Gesprach über Moral, Eifersucht und Liebe. Tolstois schwungvoller Schreibstil hat mir sehr gefallen, selbst wenn die angesprochenen Theorien teils sehr komisch waren. Betrachtet man das Erscheinungsjahr, macht das natürlich mehr Sinn. Angenehme Fluglektüre :)
Tolstois Interpretation der Lehren Christis in unserem Sozial- und Sexualleben
Die Handlung dieser Novelle lässt sich relativ leicht erklären. Während einer Zugfahrt kommt eine Diskussion über Ehe und vorallem die romantische Liebe auf. Als sich diese auflöst beginnt ein Gespräch, in welchem Posdnyschew von seinem Werdegang, Ehe und vorallem dem Mord an seiner Frau berichtet. Er geht dabei in der ersten hälfte des Buches vorallem auf seine Motive und Sichtweisen, auf die „Sinnliche Liebe“ sowie Lust ein. Posdnyschew tötet seine Frau aus Eifersucht bald nachdem Sie und ihr Musiklehrer Beethoven‘s „Kreutzersonate“ spielen, welche er quasi als Geständnis des Ehebruchs auffasst. Die Begründung der Eifersucht legimitiert das Gericht und er sitzt letzendlich nichtmal ein Jahr im Gefängnis. Das Werk war schon zur Zeit der Veröffentlichung stark umstritten und wurde in mehreren Ländern (zb. RU, USA, DE) aufgrund der Darstellung der Ehe (für ihn quasi institutionelle Prostitution) verboten. In seinem Nachwort beschreibt Tolstoi das Christliche Ideal nach Christus welches jeder Anstreben sollte und nicht mit diversen shortcuts vereinfacht werden darf. Er verurteilt die Ehe als entmenschlichend und insbesondere die kirchliche Ehe lehnt er ab. Tolstoi bezieht sich auf Bibelstellen und provoziert die Orthodoxe Kirche weiter, laut ihm ist Ehe schlichtweg Institution der Kirche. Außerdem beteuert er ausgiebig seine Haltung zu Enthaltsamkeit: Laut ihm soll sich der Mensch keinem Genuss hingeben d.h kein Sex, kein Sport, kein Fleisch, kein Alkohol. Ausschließlich harte körperliche Arbeit ist erstrebenswert. Dies ist meiner Meinung nach keine schöne Sicht auf das Leben und sorgt dafür das man sich selber in Ketten legt. Ein Zentraler Kritikpunkt dieser Novelle ist die Frauenfeindlichkeit Tolstois. Frauen werden als Verführerinnen dargestellt die den Mann ins Verderben ziehen, sie werden auf ihr äußeres reduziert und die ermordete Ehefrau wird nie tiefere Beachtung gezeigt. Gleichermaßen schießt Tolstoi gegen Männer und ich werfe ihm eher allgemeine Menschenfeindlichkeit im Bezug zu Sexualität vor. Männer werden als Triebgesteuerte, eifersüchtige Kreaturen gezeichnet die unfähig sind zu lieben. Dies liegt wahrscheinlich Tolstois radikaler Ablehnung der Sexualität zu Grunde welche sich im Zuge seiner religiösen Aufklärung ausprägte. Insbesondere aus heutiger Sicht ist dieses Werk absolut nicht haltbar, jedoch hat der Text eine historische Relevanz und Tolstois Sprache ist einfach Zeitlos. Gerade wegen der Kontroversen empfehle ich jedem diese Novelle, sie gibt einen wichtigen Einblick auf Gesellschaftliche Konstellationen von früher und (habe ich zwar noch nicht gelesen) Tolstois Frau Sofia hat einen eigenen Text „Eine Frage der Schuld“ als Gegendarstellung verfasst. 4/5

Misanthrop? Opfer? Wahnsinniger? Oder einfach nur Heuchler und Mörder?
Etwas schwieriger Start aber dann sehr fesselnde Erzählung mit einem eher unerwarteten Plädoyer am Ende für christliche Liebe. Die Charakterisierung des menschlichen Wesens ist sehr gelungen, atmosphärisch sehr dicht und nah am wirklichen Leben.
Ein zweischneidiges Schwert ⚔️
Einerseits ist es eine brillante, düstere (zeitweise spannende) Erzählung voll psychischer Zerrissenheit und moralischer Verwerfung - Tolstoi entfaltet seine unangefochten großartige Erzählkunst und fesselt auch auf gerade einmal 120 Seiten. Man darf sich dabei nicht von der im Klappentext geschilderten Rahmenhandlung („…auf einer Bahnreise durch das winterliche Russland entspinnt sich zwischen wechselnden Fahrgästen ein Gespräch über Liebe, Ehe, Moral und Gesellschaft…“) blenden lassen - dies ist die Geschichte eines Mörders. Wir verbringen den Großteil der Erzählung im Kopf eines Mannes, der seine Ehefrau und Mutter seiner 5 Kinder aus Eifersucht getötet hat. Das erfährt man direkt zu Beginn, im Anschluss folgt man seinen moralisch verworrenen Argumentationen, wie es zu diesem Unglück kommen konnte. Eine Achterbahn der Gefühle, hiergegen verblasst jeder moderne 08/15-Serienkiller… Anders als aber Beispielsweise Süskinds Jean-Baptiste Grenouille, den wir als reines literarisches Monster erleben, dessen Handlungen wir auf Grundlage unserer eigenen Moral in Frage stellen können, wird einem hier der moralische Leitfaden vorgepredigt. Die „wirren“ moralischen Argumente des Erzählers sind der eigentliche Kern der Erzählung und die machen das Ganze äußerst schwierig. Sie sind erwartbarerweise aus der Zeit gefallen, um es klar zu sagen, erschreckend misogyn (ist mein erster Text von Tolstoi, in Zukunft bin ich gewarnt) und klingen eher nach Mittelalter als nach spätem 19./ frühem 20. Jh… das ganze könnte man so hinnehmen, wenn es rein die Ansichten einer literarischen Figur blieben, die man ja erörtern und in Frage stellen kann. Jedoch greift der Autor selbst seine Moralpredigt im Nachwort noch einmal auf und führt diese ganz klar fort: Die Trennung zwischen moralisch verwerflicher „sinnlicher Liebe“ und dem sittlichen Leben (Schuld sind übrigens natürlich die Frauen, die die unschuldigen, reinen Männer verführen und zu Sündern machen), die Kritik an der augenscheinlich fehlgeleiteten Gesellschaft (in Russland um 1900?) gründet Tolstoi auf dem unerreichbaren christlichen Ideal der völligen Keuschheit (dem selbst die Kirche mit dem Sakrament der Ehe zuwider handle) und lobt das Betreben nach der Befreiung von der Erbsünde als oberstes Lebensziel aus… etc. pp. Dabei können Aspekte der Geschichte (wenn man den eigentlichen Kern ausklammert) von modernen und reflektierenden Lesern mit Sicherheit ganz anders aufgefasst werden. So klingen zum Beispiel an einigen Stellen überraschend moderne, fast schon feministische Ansätze an, wenn beispielsweise ganz zu Anfang sich im Zugabteil eine Frau und ein alter Herr argumentativ darüber streiten, ob es etwas gutes sei, dass viele Menschen ihre Ehe neuerdings annullieren, wenn diese nicht auf der „wahren Liebe“ basieren. Dass der spätere Binnen-Erzähler und Mörder die Existenz dieser Liebe völlig abstreitet und darauf den Mord an seiner Frau begründet (den er ja im Nachhinein sogar bereut und vorher immer wieder Zweifel hegt), kann (um die Ecke gedacht) als elegante Kritik an solchen patriarchalen, konservativen gesellschaftlichen Ansichten gesehen werden - kann… nur leider ist dies nicht die intendierte Lesart und es macht beklemmend, wie diese Geschichte vor 100 Jahren rezipiert worden sein mag, wie sie auch heute noch/wieder rezipiert werden kann. „War es nicht entsetzlich, dass ich mir ein unzweifelhaftes, uneingeschränktes Recht auf ihren Körper zuerkannte, als wäre es mein Körper, dass ich aber zugleich fühlte, dass ich diesen Körper nicht in meiner Gewalt haben konnte, dass er nicht mein ist, dass sie über ihn verfügen kann, wie sie will, und dass sie über ihn nicht so verfügen wolle, wie ich will. Und ich kann ihm und ihr nichts tun.“ Die Erzählung ist, wie bereits erwähnt, auf rein literarischer Ebene absolut atemberaubend und der Autor schaffte es, dass ich zwischendurch sogar mit dem mir eigentlich völlig unsympathischen Mörder und seiner Motivation mitfiebern musste, bis ich dann wieder am liebsten gekotzt hätte ;)

Es fällt mir immer schwer, aus persönlichen Gründen einem Klassiker eine schlechte Bewertung zu geben; aus irgendeinem Grund ist das Buch ja schliesslich ein Klassiker geworden. Bei Tolstois "Kreutzersonate" heisst es, seien es die bewegenden psychologischen Vorgänge gewesen, die hier geschildert werden. Und wahrscheinlich schlicht und einfach der Name Tolstoi. Das Argument mit den psychologischen Ansichten kann ich bestätigen, man bekommt diesbezüglich wirklich einen scharfen und tiefen Einblick in die Vorgänge und Begründungsmuster der Hauptperson. Aber für einmal hat dies nicht ausgereicht damit ich sagen kann "Hat mir persönlich nicht gefallen, aber ich akzeptiere seinen Status als Klassiker". Denn die Ansichten, die der Autor hier zum Besten gibt, sind bestenfalls haarsträubend und schon zur damaligen Zeit antiquiert. "Stop!", mögt ihr vielleicht rufen, "Die Aussagen der Figur müssen nicht zwingend die Meinung des Autors widerspiegeln!" Damit habt ihr natürlich vollkommen recht. Also habe ich recherchiert und ein in meiner Buchausgabe nicht abgedrucktes Nachwort Tolstois gefunden, das bestätigt, dass er leider auch privat genau diese Ansichten vertritt. Will ich mir als Frau des 21. Jahrhunderts von einem Mann sagen lassen, dass es am besten ist, wenn man unter der Knute des Ehemannes steht, weil Liebe nicht existiert und man deshalb die Triebe der Frau am besten mit Gewalt begegnet? Nö. Nicht einmal, wenn es von Tolstoi stammt.
Thematisch gealtert wie Milch
Die Kreutzersonate ist wirklich sehr gut geschrieben - es macht einfach Spaß das Buch nur für die Sprache zu lesen - aber leider lässt die Geschichte für mich kaum eine Möglichkeit Tolstoi selbst von seinem Protagonisten zu trennen, welcher offensichtlich von der Zeit geprägte misogyne Ansichten vertritt und auch so handelt. Tolstoi schreibt sogar so gut, dass man gelegentlich Sympathie für den Protagonisten fühlt (was man nicht sollte). Ein paar interessante Denkanstöße sind schon dabei, aber insgesamt überwiegen veraltete Denkmuster..
Hat man die Liebe falsch verstanden?
Hier geht es um die Liebe, aber anders als man erwartet. Was passiert, wenn man eine falsche Auffassung von Liebe hat und sich gegenseitig weh tut? Eine toxische Beziehung führt und es zum Äußersten kommt, weil man doch "liebt" und doch, trotz aller Anstrengungen, es nicht versteht?
Tolstoi erzählt diese schlichte und zugleich faszinierende Geschichte in der Ich-Perspektive, dadurch war es sehr leicht der Geschichte zu folgen und diese auch zu verstehen. Sie ist sehr interessant geschrieben worden und man möchte gar nicht aufhören zu lesen und sich zu fragen, ob dies diese Tat wirklich rechtfertigen konnte. In diesem Buch wird auch auf Frauenrechte Bezug genommen. Meine Begeisterung ist unerwartet hoch und dieses Buch gehört zu den besten Büchern, die ich diesen Monat gelesen habe. Eine absolute Empfehlung von mir! ☀️
Die Kreutzersonate war .... anstrengend. Das ist ein treffendes Wort. Anstrengend und dennoch sehr interessant und lesenswert. Ich fand es sehr schwierig zu lesen, nicht einmal aufgrund der Sprache, sondern wegen der nicht vorhandenen Kennzeichnung der wörtlichen Rede. Dadurch gab es irgendwie keine Orientierung und manchmal bin ich dann ein bisschen verloren gewesen. Das finde ich schade. Ich weiß nicht, ob das nur bei dieser Ausgabe so ist, aber es hat meinen Lesefluss ein irgendwie beeinträchtigt. Ansonsten war das Thema wirklich sehr interessant. Die Ansichten des Erzählenden Posdnyschew und generell auch die der anderen Mitwirkenden sind mit den heutigen Ansichten und Wertvorstellungen natürlich nicht wirklich konform, aber dieses Werk ist ja schließlich auch in einem anderen zeitlichen Kontext geschrieben worden. Posdnyschew erzählt uns sehr bildhaft von seiner Ehe und malt mit seinen Ansichten, Erkenntnissen und Schlussfolgerungen ein sehr tragischen Bild von ebendieser. Im Blickpunkt stehen Eifersucht und die Frage nach der Bedeutung einer Ehe. Es ist äußerst kritisch geschrieben und stellt viele gesellschaftliche Dinge in Frage. Im Nachwort wird auf den Inhalt und die Aussagen noch einmal von Tolstoi eingegangen, was ich als eine gute Ergänzung empfand! Schlussendlich war das Buch, wie bereits gesagt anstrengend zu lesen, aber dennoch war das Thema, der Aufbau und die Charaktere sehr gut ausgebaut, ge- und beschrieben. 3,5 Sternis.















