Alle, außer mir

Alle, außer mir

Softcover
4.165

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Description

Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Die 40-jährige Lehrerin Ilaria hätte diese Fragen wohl mit »ja« beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen – bis eines Tages ein junger Afrikaner vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, der Name ihres Vaters … Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie verknüpft die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte in Äthiopien und Eritrea mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten. Melandri stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im »richtigen« Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Contemporary
Format
Softcover
Pages
608
Price
18.50 €

Posts

8
All
3

Informatives Buch über die italienische Geschichte zu Zeiten von Mussolini, aber auch Berlusconis Italien. Wer mehr über die Kolonialzeit Italiens und den Überfall auf Äthiopien erfahren will, wird hier fündig. Melandri zeigt auf, wie stark die Vergangenheit mit der heutigen Zeit zusammenhängt. Warum eine große Ursache der Flüchtlingsströme in Europa zu finden ist. Allerdings sehr sachlich geschrieben. Ich hatte mehr Familienroman erwartet und weniger Geschichtsbuch. Viele Fakten, Zahlen, Namen, die gleichzeitig und bruchstückhaft erzählt wurden, sodass ich manchmal meine Schwierigkeiten beim Zuordnen hatte. Je weiter ich im Roman vorankam, um so mehr ergaben die einzelnen Stücke ein ganzes Bild. Der Part der Geschichte, in der Ilaria und ihr Halbbruder Attilio, dem unbekannte Mann Shimeta aus Äthiopien begegnen, fand ich viel zugänglich. Spannender, da ich wissen wollte, ob er tatsächlich ihr Neffe ist und unterhaltender, weil ich mehr von der Vergangenheit der Familie erfahren wollte. Mehr davon und ich hätte es leichter mit diesem Buch gehabt. So war es manchmal eher ein Durchkämpfen. Trotz des sperrigen Stils bin ich froh über all das neue Wissen, das ich dazugewonnen habe, auch wenn ich nicht alle Namen und Zahlen im Kopf behalten habe. S.335 „Immer unzufrieden und gekränkt, also von Natur aus schlecht. Die Quintessenz des Unreinen, denn das Halbblut bringt die klare Hierarchie der menschlichen Rassen durcheinander und sät Chaos.“ S.520 „Der Rassismus, das hat er mittlerweile begriffen, ist nur ein Spiegelkabinett, eine Illusion. Er ist die wirksamste Art, den Kampf gegen die Ungleichheiten zu unterbinden - den Klassenkampf, so nannte man das früher. Er dient dazu, die Vorletzten gegen die Letzten aufzuhetzen, denen sie sich überlegen fühlen, damit sie sich nicht zusammen gegen die Ersten auflehnen.“

4

Harter Stoff, unbedingt lesenswert.

Ich habe wieder einmal festgestellt, wie gross Wissenslücken sein können. Viel gelernt, über Italien, Kolonien, NS-Zeit.

3.5

Italienischer Kolonialismus.

Das Buch gibt Einblicke in die Grausamkeit italienischer Kolonialpolitik. Auch die neue Zeit kommt nicht zu kurz. Es ist eine Mischung aus Familiensaga und einem Sachbuch. Das Ende fand ich sehr gut. Nicht unbedingt das, was ich erwartet hatte und für mich streckenweise sehr langatmig.

4.5

Ein Ort, der die koloniale Vergangenheit und ihre Nachwirkungen erfahrbar macht – vielleicht in einem historischen italienischen Palazzo, der die Geschichte des Landes widerspiegelt, oder in einem Café in Addis Abeba, wo sich die Spuren der Vergangenheit noch zeigen. Auch auf einer Reise durch Süditalien, etwa in Lampedusa, ließe sich das Buch mit einem besonderen Bewusstsein für die Realität von Migration lesen. Doch ebenso kann eine ruhige Bibliothek oder ein sonniger Balkon den Raum bieten, um die Tiefe und Relevanz des Romans auf sich wirken zu lassen. Francesca Melandris Roman Alle, außer mir ist ein beeindruckendes Werk, das persönliche Schicksale mit einer verdrängten kolonialen Vergangenheit verbindet und dabei hochaktuelle politische Fragen aufwirft. Mit großer erzählerischer Kraft entwirft Melandri ein Familienepos, das sich zugleich als kritische Reflexion über Italiens historische Verantwortung und das Fortwirken kolonialer Strukturen in der Gegenwart versteht. Der Roman bewegt sich auf mehreren Zeitebenen. Die Protagonistin Ilaria entdeckt, dass ihr Vater Attilio ein uneheliches Kind aus einer Verbindung mit einer äthiopischen Frau hat – ein Erbe der kolonialen Vergangenheit Italiens. Während Ilaria sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt, entfaltet sich eine Erzählweise, die zwischen den persönlichen Erinnerungen ihrer Familie, historischen Dokumenten und der aktuellen Migrationskrise springt. Diese Technik der narrativen Montage erinnert an postmoderne Geschichtsromane wie W.G. Sebalds Austerlitz oder Chimamanda Ngozi Adichies Half of a Yellow Sun, in denen historische Traumata über fragmentierte Erzählstrukturen verhandelt werden. Durch die Einschachtelung von Briefen, Berichten und Rückblenden wird eine Mehrstimmigkeit erzeugt, die an Michail Bachtins Konzept der Polyphonie erinnert: Verschiedene Perspektiven ergänzen, überschneiden und widersprechen sich. Diese Erzählweise macht deutlich, dass Geschichte nicht aus einer einzigen Wahrheit besteht, sondern aus konkurrierenden Narrativen. Besonders eindrucksvoll ist, wie Melandri persönliche Geschichten nutzt, um die größeren historischen Zusammenhänge erlebbar zu machen – die italienische Kolonialzeit, die Verstrickungen des Faschismus und die heutige Migrationspolitik erscheinen nicht als abstrakte Themen, sondern als tief in individuelle Biografien eingeschriebene Realität. Der Roman macht eine Leerstelle in der italienischen Geschichtsschreibung sichtbar: Während die kolonialen Verbrechen in Deutschland oder Großbritannien aufgearbeitet wurden, bleibt Italiens Rolle in Äthiopien oft unerwähnt. Melandri konfrontiert die Lesenden mit den Gräueltaten der italienischen Besatzer – etwa dem Massaker von Addis Abeba 1937 – und zeigt auf, wie diese verdrängte Geschichte bis heute nachwirkt. Melandri beschreibt nicht nur, wie Italien einst als Kolonialmacht Afrika ausbeutete, sondern auch, wie rassistische Narrative weiterhin bestehen – etwa in der Art, wie Geflüchtete heute in Italien behandelt werden. Die „imperiale Amnesie“, die Paul Gilroy als „Postcolonial Melancholia“ bezeichnet, zeigt sich in der Ignoranz vieler Italiener gegenüber ihrer eigenen Geschichte. Ilaria, die als Lehrerin täglich mit den politischen Debatten zur Migration konfrontiert ist, erkennt erst durch ihre persönliche Familiengeschichte, wie tief diese Vergangenheit in der Gegenwart verankert ist. Ein weiteres zentrales Thema des Romans ist die intergenerationale Weitergabe von Trauma. Ilaria selbst hat die Kolonialzeit nicht erlebt, muss sich aber mit den verdrängten Schuldgeschichten ihrer Familie auseinandersetzen. Es verschwimmen in die Grenzen zwischen privater und kollektiver Erinnerung. Melandris Figuren sind geprägt von Geheimnissen und Lügen, die über Generationen weitergegeben werden. Ilarias Vater Attilio verkörpert die Unehrlichkeit und Selbsttäuschung eines ganzen Landes – sein Leben ist eine Mischung aus Betrug, Charme und Verdrängung. Doch letztlich ist es Ilarias Halbbruder, ein Migrant aus Afrika, der die Vergangenheit sichtbar macht. Hier zeigt sich eine besondere Leistung des Romans: Melandri gibt denjenigen eine Stimme, die sonst oft übersehen oder zum Schweigen gebracht werden. Der Roman ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern auch eine Stellungnahme zur europäischen Flüchtlingspolitik. Melandri zeigt, dass Migration keine „Krise“ ist, sondern die direkte Folge kolonialer Machtverhältnisse. Die Grenzen, die einst von Kolonialherren gezogen wurden, existieren heute in Form von Abschottung und restriktiver Asylpolitik weiter. Der französisch-kamerunische Philosoph Achille Mbembe beschreibt in seinem Konzept der „necropolitics“, dass Staaten bestimmen, welche Leben schützenswert sind und welche geopfert werden. Genau diese Logik liegt auch Melandris Schilderung der italienischen Asylpolitik zugrunde: Die Geschichten der Geflüchteten werden als lästige Randnotiz behandelt, ihre Stimmen nicht gehört. Indem der Roman diese Geschichten ins Zentrum rückt, fordert er eine neue, gerechtere Erinnerungspolitik. Alle, außer mir ist ein Werk, das historische Reflexion, persönliche Schicksale und politische Aktualität auf beeindruckende Weise verbindet. Francesca Melandri gelingt es, die verdrängte koloniale Schuld Italiens sichtbar zu machen, ohne in belehrenden Ton zu verfallen. Ihr Roman ist sowohl spannend erzählt als auch tiefgründig analysiert – ein Buch, das zum Nachdenken zwingt. Wer sich für die koloniale Vergangenheit Europas interessiert und verstehen möchte, warum sie bis heute nachwirkt, sollte diesen Roman unbedingt lesen. Melandris Werk ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch eine Mahnung: Vergangenheit vergeht nicht – sie lebt in der Gegenwart weiter.

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5

Ein großartiges Buch

Rezension folgt

5

Buchpreis der Unabhängigen 2018

Das war das letzte Buch dieser Preisträger, was mir noch gefehlt hat. Flüssig „weg lesen“ ist anders! 2,5 Monate habe ich gebraucht. Die Zeit umfasst ein Menschenleben. 94 Jahre wird der Vater, dessen und die Geschichte seiner Familie erzählt wird.Diese Geschichte wird in einer teilweisen Sachlichkeit beschrieben, die unerträglich ist, weil sie einen immer wieder konfrontiert. Wie sehen Senfgasopfer aus, was passiert eigentlich auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer, Gaddafi hat an die 100 Jungfrauen bei einem Italienbesuch „bekommen“, wie hat der Faschismus funktioniert, wie stinkt es es auf einem Gefangenen-Schiffs Transport (italienische Kriegsgefangenen auf dem Weg in die USA), wie hat Berlusconi gewirkt. Ich war mir nicht bewusst, dass der Kolonialismus bis in die dreißiger Jahre stattgefunden hat. Ein italienischer Richter findet es übertrieben, dass ein neunjähriges Mädchen sich wg. seiner Jungfräulichkeit so anstellt. Als seine eigene Tochter 9 ist, überlegt er, ob er nicht ein Fehlurteil gesprochen hat. Wer offen ist, kann viel lernen/erfahren. Das ist ein Buch, was wirklich nachhalt. Und wie gesagt, es ist sachlich geschrieben. Die Familiengeschichte der Protagonisten ist nicht wichtig, die Geschichte ist das herausragende.

3.5

Italiens Kolonialgeschichte

In diesem Buch geht es allgemein um Italiens Kolonialgeschichte in Äthiopien und um eine italienisch-äthiopische Familiengeschichte, die darin verwickelt ist. Mussolini ließ Äthiopien von 1935 bis 1941 gewaltvoll besetzen. Dies hat bis in die Gegenwart verheerende Folgen und Auswirkungen sowohl auf die Gesellschaft in Äthiopien als auch in Italien, was im Buch an einigen Stellen explizit adressiert wird. Es werden so viele Themen in diesem Buch aufgemacht, dass es mir gar nicht möglich ist alle zu benennen. Besonders spannend empfand ich die Darstellung der geschlechtsspezifischen binären Rollenvorstellungen und Familienkonzepte Italiens des 20. Jhs, die zeitgenössische Darstellung des Umgangs Italiens mit Äthiopien als Kolonie, die Ambivalenz Einzelner zwischen ihrem Glauben an die faschistische Ideologie sowie Rassentheorien und ihre entgegensetzt gelebte Praxis in Äthiopien, und die Darstellung des rechte Backlash Italiens zu Zeiten der Migrationswelle in den 2010er Jahren. Warum ich dieses Buch dennoch nicht als außerordentlich gut bewerte, liegt zum großen Teil an der rassistischen Sprache, die ich wirklich an vielen Stellen als unnötig reproduziert empfinde. Darüber hinaus fiel es mir schwer der Erzählweise gut folgen zu können. Die Zeitsprünge waren mir teilweise zu chaotisch und zu groß. Im letzten Drittel ging es so viel um die Vergangenheit von Atillio, dass mir viele gegenwärtige Konflikte und Verstrickungen teilweise abhanden gekommen sind.

4

Interessantes Thema, hätte kompakter rübergebracht werden können.

Das Buch behandelt anhand einer Familie die unrühmliche Geschichte der Italienischen Kolonialzeit in Äthiopien und schlägt gleichzeitig den Bogen in die heutige Zeit zur Flüchtlingsproblematik aus diesem Teil der Erde. Es dauerte mir etwas zu lange, bis das Buch richtig Fahrt aufnimmt, weshalb für meinen Geschmack 100 bis 200 Seiten weniger ausgereicht hätten, die doch sehr interessante Thematik nahezubringen. Die recht drastischen Schilderungen der Gräueltaten sind zum Teil harter Tobak aber es ist gut, dass nichts geschönt wurde.

Interessantes Thema, hätte kompakter rübergebracht werden können.
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