
146 Follower
Atmosphärisch dicht, aber das Buch verliert sich selbst.
Das Buch heißt "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" (S. Fischer, 2026). Hier die Rezension: Rezension: "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann Es gibt Themen, die sich in der deutschen Gegenwartsliteratur inzwischen fast schon wie ein Pflichtprogramm anfühlen: die Reise in die Familienvergangenheit, der mögliche Täter in der eigenen Blutlinie, das Schweigen der Generationen. Judith Hermann greift in ihrem neuen Buch genau diesen Stoff auf, und man muss ihr zugestehen, dass sie das im ersten Teil wirklich gut macht. Der Ausgangspunkt ist ein beunruhigendes Foto: Hermanns Großvater auf einem SS-Motorrad in Radom, einer polnischen Stadt, in der während des Krieges zehntausende Juden ermordet oder deportiert wurden. Ein Mann, der lacht. Ein Mann, über den die Familie so gut wie nichts weiß, oder nichts wissen will. Mit über fünfzig Jahren reist Hermann in das eisige Februar-Radom, um Antworten zu finden. Und genau diese Reise, dieses vorsichtige Ertasten einer Geschichte, die sich entzieht, ist atmosphärisch stark erzählt. Es passiert gar nicht so viel. Es kommt auch nicht viel dabei heraus. Und dennoch entfaltet dieser erste Teil eine eigentümliche Sogwirkung, weil Hermann die Leerstellen selbst zum Thema macht. Das Schweigen als Erbschaft, die Scham als Erbe ohne Namen. Dann aber bricht das Buch auf eine Weise auseinander, die mich ehrlich gesagt ziemlich ratlos zurückgelassen hat. Der zweite Teil wendet sich der Mutter, der Schwester, der eigenen Familiengeschichte zu, und man wartet darauf, dass sich ein Bogen zurück zum Großvater, zur Schuldfrage, zur Reise nach Polen schließt. Er schließt sich nicht. Oder zumindest nicht so, dass ich es nachvollziehen konnte. Was bleibt, ist das Gefühl, zwei verschiedene Texte in einem Band gelesen zu haben, und der zweite hat mich deutlich weniger mitgenommen als der erste. Ich hab mich da ein Stück weit durchgeschleppt, muss ich sagen. Am Ende bleibt eine gewisse Ernüchterung. Nicht weil das Buch schlecht geschrieben wäre, Hermanns Sprache ist wie immer präzise und leise, sondern weil man beim Zuklappen das Gefühl hat, dass da mehr drin war als rausgekommen ist. Und dann stellt man sich unweigerlich die Frage, ob alles, was einen persönlich beschäftigt, auch zwingend veröffentlicht werden muss. Man kann es lesen, vor allem wegen des ersten Teils. Aber eine uneingeschränkte Empfehlung ist es nicht.

5 Tage vor
Atmosphärisch dicht, aber das Buch verliert sich selbst.
Das Buch heißt "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" (S. Fischer, 2026). Hier die Rezension: Rezension: "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann Es gibt Themen, die sich in der deutschen Gegenwartsliteratur inzwischen fast schon wie ein Pflichtprogramm anfühlen: die Reise in die Familienvergangenheit, der mögliche Täter in der eigenen Blutlinie, das Schweigen der Generationen. Judith Hermann greift in ihrem neuen Buch genau diesen Stoff auf, und man muss ihr zugestehen, dass sie das im ersten Teil wirklich gut macht. Der Ausgangspunkt ist ein beunruhigendes Foto: Hermanns Großvater auf einem SS-Motorrad in Radom, einer polnischen Stadt, in der während des Krieges zehntausende Juden ermordet oder deportiert wurden. Ein Mann, der lacht. Ein Mann, über den die Familie so gut wie nichts weiß, oder nichts wissen will. Mit über fünfzig Jahren reist Hermann in das eisige Februar-Radom, um Antworten zu finden. Und genau diese Reise, dieses vorsichtige Ertasten einer Geschichte, die sich entzieht, ist atmosphärisch stark erzählt. Es passiert gar nicht so viel. Es kommt auch nicht viel dabei heraus. Und dennoch entfaltet dieser erste Teil eine eigentümliche Sogwirkung, weil Hermann die Leerstellen selbst zum Thema macht. Das Schweigen als Erbschaft, die Scham als Erbe ohne Namen. Dann aber bricht das Buch auf eine Weise auseinander, die mich ehrlich gesagt ziemlich ratlos zurückgelassen hat. Der zweite Teil wendet sich der Mutter, der Schwester, der eigenen Familiengeschichte zu, und man wartet darauf, dass sich ein Bogen zurück zum Großvater, zur Schuldfrage, zur Reise nach Polen schließt. Er schließt sich nicht. Oder zumindest nicht so, dass ich es nachvollziehen konnte. Was bleibt, ist das Gefühl, zwei verschiedene Texte in einem Band gelesen zu haben, und der zweite hat mich deutlich weniger mitgenommen als der erste. Ich hab mich da ein Stück weit durchgeschleppt, muss ich sagen. Am Ende bleibt eine gewisse Ernüchterung. Nicht weil das Buch schlecht geschrieben wäre, Hermanns Sprache ist wie immer präzise und leise, sondern weil man beim Zuklappen das Gefühl hat, dass da mehr drin war als rausgekommen ist. Und dann stellt man sich unweigerlich die Frage, ob alles, was einen persönlich beschäftigt, auch zwingend veröffentlicht werden muss. Man kann es lesen, vor allem wegen des ersten Teils. Aber eine uneingeschränkte Empfehlung ist es nicht.
5 Tage vor








