Alles an Edward Feathers ist ohne Fehl und Tadel – seine Garderobe, seine Manieren und sein Ruf als Anwalt mit glänzender Karriere in Hongkong. Nun ist er alt und muss mit dem Tod seiner Frau Betty zurechtkommen, so wie er immer mit allem zurechtgekommen ist. Seine perfekte Haltung täuscht alle und manchmal sogar ihn selbst. Doch mit Bettys Tod bricht etwas in ihm auf, und behutsam beginnt Feathers, vergangene Ereignisse ans Licht zu holen. An einem kalten englischen Wintermorgen setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden. Mit Jane Gardams meisterhaftem Roman über ein Leben im British Empire ist eine große Autorin zu entdecken.
ISBN9783446249240
VerlagHanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Ein eher leises, unaufgeregtes - man könnte sagen sehr englisches - Buch. Darin gleicht es seiner Hauptperson: Wie sich hinter der korrekten, etwas langweiligen Fassade von Old Filth ein abenteurliches und oft tragisches Leben verbirgt, so werden in diesem Buch einige britische Nationaltraumata (der Blitzkrieg, der Verlust des Empire,...) gleichsam nebenher behandelt.
Es hat eine gewisse Sogwirkung und ich habe es gerne gelesen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich die anderen beiden Bände der Trilogie lesen möchte - vielleicht, wenn sie mir mal zufällig über den Weg laufen.
22. Nov. 2024
4,0
Ein eher leises, unaufgeregtes - man könnte sagen sehr englisches - Buch. Darin gleicht es seiner Hauptperson: Wie sich hinter der korrekten, etwas langweiligen Fassade von Old Filth ein abenteurliches und oft tragisches Leben verbirgt, so werden in diesem Buch einige britische Nationaltraumata (der Blitzkrieg, der Verlust des Empire,...) gleichsam nebenher behandelt.
Es hat eine gewisse Sogwirkung und ich habe es gerne gelesen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich die anderen beiden Bände der Trilogie lesen möchte - vielleicht, wenn sie mir mal zufällig über den Weg laufen.
Edward Feathers, genannt Old Filth, ist ein sehr bescheidener Mann mit guten Manieren und einem gewissen Lifestyle. Er ist als so genannter Raj-Waise aus Malaysia von seinem Vater nach Großbritannien geschickt und dort von einer brutalen Pflegemutter großgezogen worden. Das hat Spuren hinterlassen. Er stotterte lange und hat Zeit seines Lebens das Gefühl Einsamkeit verdient zu haben. Als seine Frau Betty stirbt, zieht er Bilanz. Er sucht Kontakt zu Personen seines Lebens, die ein ähnliches Schicksal wie er erlitten haben, und macht sich auf zu einer Reise, sie zu besuchen. Im Großen und Ganzen handelt das Buch von dieser Reise und den Gesprächen, die sich um die Auffrischung der Erinnerung drehen.
Dabei stehen die Auswirkungen kolonialen Lebens auf die Herrschenden, hier insbesondere um die Kinder im Zentrum.
Um dem Missverständnis vorzubeugen, dem ich erlegen bin: Wir reisen nicht nach Malaysia zurück, sondern halten uns fast ausschließlich im Mutterland England auf. Dabei wechselt die Erzählung in den Zeiten. Die Sprünge in die Gegenwart beziehen sich auf die Vergangenheit doch war mir das oft zu schnell. Kaum hatte mich ein Dialog oder ein Ereignis gepackt, hüpfte man schon wieder in die andere Zeit. Ich hatte ständig das Gefühl, dass noch irgendetwas offen ist. Das Buch konnte mich in den ersten 2 Dritteln nicht packen, obwohl es leicht zu lesen ist. Auf den letzten 100 Seiten klärten sich aber viele Dinge auf und auf einmal wurde es interessant. Es fanden Begegnungen statt, die mich fesselten, Horizonte wurden erhellt und der dicke Stein, der auf Eddies Seele liegt, wurde auf einmal benannt. Und schwupp war das Buch fertig.
Sprachlich gab es ein paar Hürden für mich zu überwinden. Vieles stand in Klammern, manche Sätze wurden nicht zu Ende gebracht, und einige Episoden waren sehr hektisch, während andere sehr langsam aus erzählt wurden. Es wurde aber immer der distanzierte und etwas altbackene Ton gewahrt, der für die feine Gesellschaft Großbritanniens typisch erscheint. Leicht zu lesen aber ist dirigistisch irgendwie nicht so mein Ding.
Ob ich mit den beiden weiteren Teilen der Trilogie fortfahre, steht noch in den Sternen. Für Menschen, die gerne in diese Gesellschaftsschicht hinein lesen, ist das Buch vielleicht was
12. Aug. 2024
3,5
Verdiente Einsamkeit
Edward Feathers, genannt Old Filth, ist ein sehr bescheidener Mann mit guten Manieren und einem gewissen Lifestyle. Er ist als so genannter Raj-Waise aus Malaysia von seinem Vater nach Großbritannien geschickt und dort von einer brutalen Pflegemutter großgezogen worden. Das hat Spuren hinterlassen. Er stotterte lange und hat Zeit seines Lebens das Gefühl Einsamkeit verdient zu haben. Als seine Frau Betty stirbt, zieht er Bilanz. Er sucht Kontakt zu Personen seines Lebens, die ein ähnliches Schicksal wie er erlitten haben, und macht sich auf zu einer Reise, sie zu besuchen. Im Großen und Ganzen handelt das Buch von dieser Reise und den Gesprächen, die sich um die Auffrischung der Erinnerung drehen.
Dabei stehen die Auswirkungen kolonialen Lebens auf die Herrschenden, hier insbesondere um die Kinder im Zentrum.
Um dem Missverständnis vorzubeugen, dem ich erlegen bin: Wir reisen nicht nach Malaysia zurück, sondern halten uns fast ausschließlich im Mutterland England auf. Dabei wechselt die Erzählung in den Zeiten. Die Sprünge in die Gegenwart beziehen sich auf die Vergangenheit doch war mir das oft zu schnell. Kaum hatte mich ein Dialog oder ein Ereignis gepackt, hüpfte man schon wieder in die andere Zeit. Ich hatte ständig das Gefühl, dass noch irgendetwas offen ist. Das Buch konnte mich in den ersten 2 Dritteln nicht packen, obwohl es leicht zu lesen ist. Auf den letzten 100 Seiten klärten sich aber viele Dinge auf und auf einmal wurde es interessant. Es fanden Begegnungen statt, die mich fesselten, Horizonte wurden erhellt und der dicke Stein, der auf Eddies Seele liegt, wurde auf einmal benannt. Und schwupp war das Buch fertig.
Sprachlich gab es ein paar Hürden für mich zu überwinden. Vieles stand in Klammern, manche Sätze wurden nicht zu Ende gebracht, und einige Episoden waren sehr hektisch, während andere sehr langsam aus erzählt wurden. Es wurde aber immer der distanzierte und etwas altbackene Ton gewahrt, der für die feine Gesellschaft Großbritanniens typisch erscheint. Leicht zu lesen aber ist dirigistisch irgendwie nicht so mein Ding.
Ob ich mit den beiden weiteren Teilen der Trilogie fortfahre, steht noch in den Sternen. Für Menschen, die gerne in diese Gesellschaftsschicht hinein lesen, ist das Buch vielleicht was
Aber wie sollte er entscheiden, was Fakten waren? Er wurde ganz klein vor der riesigen, fundamentalen Last, sich selbst mit den Augen eines anderen zu sehen. Das konnte nur Gott. Es kam ihm blasphemisch vor, es auch nur zu versuchen. So viele Eindrücke, so große Gefühle. Wo lag da die Wahrheit?
- Zitat, Seite 264.
Den Raj-Waisen und ihren Eltern - so lautet die Widmung in Jane Gardams Roman. Sie öffnet damit ein Kapitel englischer Geschichte, die hierzulande kaum bekannt sein dürfte.
Die Kinder des Empire, deren Eltern sich in den asiatischen Gebieten angesiedelt hatten, wurden in die englische Heimat verschifft, um dort aus gesundheitlichen Gründen von Pflegeeltern versorgt zu werden, bis sie das Alter erreicht hätten, um eine entsprechende schulische Institution zu besuchen. Eine britische Maßnahme mit ihren Schwächen und ungewissen Folgen für die psychische Gesundheit der kleinen Seelen...
Der Originaltitel des Romans lautet "Old Filth" und so begegnet uns der Protagonist zu Anfang der Geschichte als ehrwürdiger, alter Herr, der als Ursprung des alten Witzes "Failed In London Try Hong Kong" (Filth), gilt. Ein älterer Jurist fasst seinen Lebenslauf kurz zusammen: "Raj-Kind, Privatschule, Oxford, Kronanwalt - aber kein Langweiler. Die Frauen waren verrückt nach ihm." (Seite 12).
Nach seiner beruflichen Tätigkeit in Fernost setzt sich der elegante Jurist mit seiner Frau Betty in England zur Ruhe. Und auch nach dem baldigen Tod seiner geliebten Ehefrau scheint er eine respektable und bewunderte Größe zu sein. "Ein Mann, dessen vornehmes Leben geradlinig und glücklich verlaufen war." (Seite 14).
Aber schon bald bekommt die Fassade Risse und wir verstehen, dass dieses Leben keinesfalls in geraden Bahnen lief und der attraktive ältere Herr eine Last in sich trägt, die viele Jahre auf dem Buckel hat.
Jane Gardam ist eine großartige Erzählerin und sie weiß, wovon sie spricht. So wie das menschliche Gehirn mit Erinnerungen umgeht, die unvermittelt wie unerwartete Gäste auf der Matte stehen, baut sie Ereignisse aus dem Leben ihres Protagonisten in die Handlung mit ein. Das mag am Anfang etwas verwirrend sein, aber bald hat man sich an die ineinander verwobenen Teile der Geschichte gewöhnt. Der feine Humor und der akkurate Schreibstil, der so gut zu den Figuren passt, machen diese Lektüre zum Vergnügen.
Die Übersetzung stammt von Isabel Bogdan ("Der Pfau").
Manchen Charakter hätte man gerne näher kennengelernt z.B. den Lieblingsfeind Mr Veneering (lässt hier Dickens grüßen?), oder auch die Ehefrau Betty. Aber anscheinend gibt es hierzu in anderen Werken der Autorin Gelegenheit.
FAZIT
Wieder ein Roman, der sich unerwartet, aber auf sehr spannende und kluge Art mit dem Thema Heimat auseinandersetzt. Und aufzeigt, welche tiefgründigen Geschichten in Menschen verborgen sein können, die konservativ und langweilig wirken.
Eine unbedingte Leseempfehlung.
8. Okt. 2024
4,0
Aber wie sollte er entscheiden, was Fakten waren? Er wurde ganz klein vor der riesigen, fundamentalen Last, sich selbst mit den Augen eines anderen zu sehen. Das konnte nur Gott. Es kam ihm blasphemisch vor, es auch nur zu versuchen. So viele Eindrücke, so große Gefühle. Wo lag da die Wahrheit?
- Zitat, Seite 264.
Den Raj-Waisen und ihren Eltern - so lautet die Widmung in Jane Gardams Roman. Sie öffnet damit ein Kapitel englischer Geschichte, die hierzulande kaum bekannt sein dürfte.
Die Kinder des Empire, deren Eltern sich in den asiatischen Gebieten angesiedelt hatten, wurden in die englische Heimat verschifft, um dort aus gesundheitlichen Gründen von Pflegeeltern versorgt zu werden, bis sie das Alter erreicht hätten, um eine entsprechende schulische Institution zu besuchen. Eine britische Maßnahme mit ihren Schwächen und ungewissen Folgen für die psychische Gesundheit der kleinen Seelen...
Der Originaltitel des Romans lautet "Old Filth" und so begegnet uns der Protagonist zu Anfang der Geschichte als ehrwürdiger, alter Herr, der als Ursprung des alten Witzes "Failed In London Try Hong Kong" (Filth), gilt. Ein älterer Jurist fasst seinen Lebenslauf kurz zusammen: "Raj-Kind, Privatschule, Oxford, Kronanwalt - aber kein Langweiler. Die Frauen waren verrückt nach ihm." (Seite 12).
Nach seiner beruflichen Tätigkeit in Fernost setzt sich der elegante Jurist mit seiner Frau Betty in England zur Ruhe. Und auch nach dem baldigen Tod seiner geliebten Ehefrau scheint er eine respektable und bewunderte Größe zu sein. "Ein Mann, dessen vornehmes Leben geradlinig und glücklich verlaufen war." (Seite 14).
Aber schon bald bekommt die Fassade Risse und wir verstehen, dass dieses Leben keinesfalls in geraden Bahnen lief und der attraktive ältere Herr eine Last in sich trägt, die viele Jahre auf dem Buckel hat.
Jane Gardam ist eine großartige Erzählerin und sie weiß, wovon sie spricht. So wie das menschliche Gehirn mit Erinnerungen umgeht, die unvermittelt wie unerwartete Gäste auf der Matte stehen, baut sie Ereignisse aus dem Leben ihres Protagonisten in die Handlung mit ein. Das mag am Anfang etwas verwirrend sein, aber bald hat man sich an die ineinander verwobenen Teile der Geschichte gewöhnt. Der feine Humor und der akkurate Schreibstil, der so gut zu den Figuren passt, machen diese Lektüre zum Vergnügen.
Die Übersetzung stammt von Isabel Bogdan ("Der Pfau").
Manchen Charakter hätte man gerne näher kennengelernt z.B. den Lieblingsfeind Mr Veneering (lässt hier Dickens grüßen?), oder auch die Ehefrau Betty. Aber anscheinend gibt es hierzu in anderen Werken der Autorin Gelegenheit.
FAZIT
Wieder ein Roman, der sich unerwartet, aber auf sehr spannende und kluge Art mit dem Thema Heimat auseinandersetzt. Und aufzeigt, welche tiefgründigen Geschichten in Menschen verborgen sein können, die konservativ und langweilig wirken.
Eine unbedingte Leseempfehlung.
8. Okt. 2024
3 von 11 Rezensionen
Autorin / Autor
Über Jane Gardam
Jane Gardam, geboren 1928 in North Yorkshire, wurde für ihr viel bewundertes schriftstellerisches Werk mehrfach ausgezeichnet. Neben der BestsellerTrilogie um Old Filth erschienen zuletzt »Robinsons Tochter« (2020), »Mädchen auf den Felsen« (2022) und »Gute Ratschläge« (2024). Jane Gardam starb 2025 in Oxfordshire.