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Ihre Augen begegneten sich im Spiegel, an dem kleine Hände Fingerabdrücke hinterlassen hatten. "Du wirst dich doch nicht von ihr ins Bockshorn jagen lassen." Marge schüttelte den Kopf. "Das ist es nicht." "Was ist es dann?" Pirjo schob die Aufzugstür auf und sah sie neugierig an. Marge bekam Angst vor ihren eigenen Gedanken. Sie konnte Pirjo doch nicht sagen, dass die Gefahr bestand, dass sie die Alte totschlug. Aber genau so war es. - Zitat, Seite 192 "STRAFF" - Strafe, so lautet der Originaltitel des Romans von Ann-Helén Laestadius, der das Trauma der samischen Kinder, die in den 1950er Jahren gezwungen wurden, auf sogenannte Nomadenschulen zu gehen, und dieses an nachfolgende Generationen weitergeben, thematisch aufgreift. Eine fiktive Geschichte auf zwei Zeitebebenen, die leider auf realen Begebenheiten beruht, wie die Autorin in ihrem Dankwort betont. Und die ohne die Hilfe ihrer eigenen Mutter, die selbst zur Nomadenschule gegangen ist, nicht hätte erzählt werden können. Es ist fast unerträglich, den Alltag der kleinen Mädchen und Jungen zu begleiten, die in dieser Nomadenschule bzw Internat physischer und psychischer Gewalt hilflos ausgesetzt sind. Zudem soll ihre Identität und Herkunft durch eine angepasste Hülle ersetzt werden. Sie dürfen ihre samische Sprache nicht sprechen und müssen schwedisch lernen. Besonders große Angst herrscht vor der Hausmutter Rita Olsson, die im Stillen als Hexe bezeichnet wird. Nur die Betreuerin Anna, wagt es ab und an, ihre schützende Hand über die Kinder zu halten, doch eines Tages ist sie plötzlich verschwunden... Die zweite Handlungsebene findet Mitte der 1980er Jahre statt. Die kleine Else-Maj hat ihre eigene Familie, Anne-Risten sogar einen bürgerlichen schwedischen Namen und Marge einen Job als Pflegekraft. Auch Jon-Ante versucht, nicht über die Vergangenheit zu grübeln, auch wenn ihn sein kleiner, abstehender Finger stets an die Gewalt im Heim erinnert. Dann erkennt Marge bei einem Hausbesuch in einer alten Patientin ihre Peinigerin und Hausmutter wieder und alte Wunden brechen auf und auch der Gedanke an Rache. Die Autorin nimmt sich viel Zeit, um ihre Geschichte zu erzählen, die von dem Respekt realer Erfahrungen geprägt ist, die hier durch die fiktiven Charaktere dargestellt werden, die jeweils ihre ganz eigene Persönlichkeit haben. Wenn man sich unbedarft in die Lektüre stürzt, wird man vielleicht etwas überfordert sein und sich fragen, wohin uns die Autorin führen will. Auch liegt die Schwere der Thematik wie der einmal beschriebene Trauerstein auf der Brust. Es lohnt sich jedoch durchzuhalten, weil das Konzept der Autorin, den Lesenden in die komplexe Geschichte und in die Lebensrealität ihrer Protagonisten einzubinden, am Ende wirklich aufgeht. Von dem leuchtendem Cover mit dem sehr unpassendem Buchtitel sollte man sich allerdings nicht blenden lassen! FAZIT Mir haben besonders die verschiedenen Charaktere des Romans gefallen. Besonders herzerwärmend fand ich die Geschichte der erwachsenen Marge, die ein kleines Mädchen aus dem Ausland adoptiert und natürlich versucht, die beste Mutter der Welt zu sein. Gerade das Ambivalente an der Situation in Verbindung mit dem eigenen "Päckchen" der Protagonistin, fand ich sehr gut dargestellt. Wer sensibel auf Gewalt gegen Kinder reagiert, sollte das Buch mit Vorsicht betrachten. Ansonsten eine Leseempfehlung.
16. Juni 2025
Ihre Augen begegneten sich im Spiegel, an dem kleine Hände Fingerabdrücke hinterlassen hatten. "Du wirst dich doch nicht von ihr ins Bockshorn jagen lassen." Marge schüttelte den Kopf. "Das ist es nicht." "Was ist es dann?" Pirjo schob die Aufzugstür auf und sah sie neugierig an. Marge bekam Angst vor ihren eigenen Gedanken. Sie konnte Pirjo doch nicht sagen, dass die Gefahr bestand, dass sie die Alte totschlug. Aber genau so war es. - Zitat, Seite 192 "STRAFF" - Strafe, so lautet der Originaltitel des Romans von Ann-Helén Laestadius, der das Trauma der samischen Kinder, die in den 1950er Jahren gezwungen wurden, auf sogenannte Nomadenschulen zu gehen, und dieses an nachfolgende Generationen weitergeben, thematisch aufgreift. Eine fiktive Geschichte auf zwei Zeitebebenen, die leider auf realen Begebenheiten beruht, wie die Autorin in ihrem Dankwort betont. Und die ohne die Hilfe ihrer eigenen Mutter, die selbst zur Nomadenschule gegangen ist, nicht hätte erzählt werden können. Es ist fast unerträglich, den Alltag der kleinen Mädchen und Jungen zu begleiten, die in dieser Nomadenschule bzw Internat physischer und psychischer Gewalt hilflos ausgesetzt sind. Zudem soll ihre Identität und Herkunft durch eine angepasste Hülle ersetzt werden. Sie dürfen ihre samische Sprache nicht sprechen und müssen schwedisch lernen. Besonders große Angst herrscht vor der Hausmutter Rita Olsson, die im Stillen als Hexe bezeichnet wird. Nur die Betreuerin Anna, wagt es ab und an, ihre schützende Hand über die Kinder zu halten, doch eines Tages ist sie plötzlich verschwunden... Die zweite Handlungsebene findet Mitte der 1980er Jahre statt. Die kleine Else-Maj hat ihre eigene Familie, Anne-Risten sogar einen bürgerlichen schwedischen Namen und Marge einen Job als Pflegekraft. Auch Jon-Ante versucht, nicht über die Vergangenheit zu grübeln, auch wenn ihn sein kleiner, abstehender Finger stets an die Gewalt im Heim erinnert. Dann erkennt Marge bei einem Hausbesuch in einer alten Patientin ihre Peinigerin und Hausmutter wieder und alte Wunden brechen auf und auch der Gedanke an Rache. Die Autorin nimmt sich viel Zeit, um ihre Geschichte zu erzählen, die von dem Respekt realer Erfahrungen geprägt ist, die hier durch die fiktiven Charaktere dargestellt werden, die jeweils ihre ganz eigene Persönlichkeit haben. Wenn man sich unbedarft in die Lektüre stürzt, wird man vielleicht etwas überfordert sein und sich fragen, wohin uns die Autorin führen will. Auch liegt die Schwere der Thematik wie der einmal beschriebene Trauerstein auf der Brust. Es lohnt sich jedoch durchzuhalten, weil das Konzept der Autorin, den Lesenden in die komplexe Geschichte und in die Lebensrealität ihrer Protagonisten einzubinden, am Ende wirklich aufgeht. Von dem leuchtendem Cover mit dem sehr unpassendem Buchtitel sollte man sich allerdings nicht blenden lassen! FAZIT Mir haben besonders die verschiedenen Charaktere des Romans gefallen. Besonders herzerwärmend fand ich die Geschichte der erwachsenen Marge, die ein kleines Mädchen aus dem Ausland adoptiert und natürlich versucht, die beste Mutter der Welt zu sein. Gerade das Ambivalente an der Situation in Verbindung mit dem eigenen "Päckchen" der Protagonistin, fand ich sehr gut dargestellt. Wer sensibel auf Gewalt gegen Kinder reagiert, sollte das Buch mit Vorsicht betrachten. Ansonsten eine Leseempfehlung.
16. Juni 2025






