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Ich liebe es, Familiengeschichten zu lesen. Vor allem solche, in denen es emotional etwas tiefer hineingeht und Themen behandelt werden, über die keiner redet. Kinder, die ihre Eltern pflegen müssen, die eigentlich selbst noch betreut werden sollten. Die Scham eines kranken Menschen, der seine Unabhängigkeit verliert und dadurch manche irrationale Entscheidungen trifft. Es geht um die die Halbgeschwister Kai und Anne, die vor 20 Jahren noch ein sehr enges und inniges Verhältnis zueinander hatten. Sie lebten mit ihrer Mutter, einer Sängerin, ein sehr harmonisches und glückliches Leben. Bis ihre Mutter an einer Nervenkrankheit erkrankt und die Geschwister der Mutter im Alltag unterstützen und pflegen müssen. 20 Jahre später befindet sich Anne auf einer Tagung des Pharmakonzerns P&H. Sie ist Anfang 30, sehr reserviert, erfolgreiche Pharmareferentin und möchte einen Vortrag über das Schmerzmittel Fentanyl halten. Als sie plötzlich einen Anruf von Kai erhält, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat. Kai bittet sie, ihn von der Entzugsklinik abzuholen. Ich bin begeistert von der Art, wie Janine Adomeit diese Geschichte erzählt hat. Voller Spannung bin ich von Kapitel zu Kapitel geflogen. Da jedes Kapitel die Erzählebene wechselt, enden die Kapitel sozusagen immer mit einem „Cliffhanger“. Auf der einen Ebene haben wir die Perspektive der heutigen Anne. Eine fokussierte, etwas kühl wirkende und distanzierte Person. Von Anfang an hab ich gespürt, dass sie sich einen Schutzpanzer zugelegt hat. Und auf der zweiten Ebene erleben wir die Rückblicke von Anne und wie es zu diesem Schutzpanzer kam. Ich erlebe, wie traumatisch es für ein 11-jähriges Kind ist, die eigene Mutter pflegen zu müssen. Wie viel Kindheit dabei verloren geht und wie viel ambivalente Gefühle gegenüber der Mutter aufkommen. Auch wie unerträglich die Unfreiheit für einen Jugendlichen wie Kai sein muss, der an der Schwelle zum Erwachsensein ist, eigentlich sein Leben genießen möchte und gezwungen ist, seine Mutter zu versorgen. Wie beide ihr Trauma noch als Erwachsenen mit sich tragen. Und ich konnte auch die Machtlosigkeit der Mutter nachempfinden, da sie ihr intensives Leben gegen ein abhängiges und nicht selbstbestimmtes eintauschen musst. Und trotzdem hab ich auch oft Wut gegenüber ihr empfunden, da ich einige Entscheidungen einfach nicht begreifen konnte. Trotz hartem und sensiblem Themen hat Janine Adomeit die Geschichte in unauffälliger, klarer und deutlicher Sprache erzählt, hier und da auch amüsant. Auch wenn die Sprache einfach ist, hat sie in mir viele Gefühle hervorgerufen. Verständnis und Unverständnis für alle Figuren. Ich fand auch den Einblick in die Pharmaindustrie sehr interessant und das die Gefahren von Schmerzmittel und möglichen Abhängigkeiten thematisiert wurden. Für mich definitiv ein Highlight. S.156 „Die Idee von Freiheit war mir selbst in diesem Zusammenhang noch nie gekommen. Es hätte ja im Umkehrschluss bedeutet, dass wir nicht frei waren, solange unsere Mutter uns bauchte. Wir waren aber doch keine Gefangenen. Oder kam es ihm so vor?“ S.195 „Fakt ist, es gibt nur eine einzige Realität, in der wir alle leben; gleichzeitig sind unsere Erfahrungen so unterschiedlich, dass es genauso gut unendlich viele Realitäten sein könnten. Dass alles objektiv messbar, aber nichts objektiv bewertbar ist, muss so was wie die Urtragödie menschlichen Empfindens sein.“ S.250 „Mag sein, dass der Panzer, der mich heute umgibt, sich aus dieser Not heraus gebildet hat. Doch irgendwann war es keine Not mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, ihn zu behalten und mit jedem Jahr dicker werden zu lassen, dick und stark wie die Knochenplatten eines Gürteltiers.“
9. März 2025
Ich liebe es, Familiengeschichten zu lesen. Vor allem solche, in denen es emotional etwas tiefer hineingeht und Themen behandelt werden, über die keiner redet. Kinder, die ihre Eltern pflegen müssen, die eigentlich selbst noch betreut werden sollten. Die Scham eines kranken Menschen, der seine Unabhängigkeit verliert und dadurch manche irrationale Entscheidungen trifft. Es geht um die die Halbgeschwister Kai und Anne, die vor 20 Jahren noch ein sehr enges und inniges Verhältnis zueinander hatten. Sie lebten mit ihrer Mutter, einer Sängerin, ein sehr harmonisches und glückliches Leben. Bis ihre Mutter an einer Nervenkrankheit erkrankt und die Geschwister der Mutter im Alltag unterstützen und pflegen müssen. 20 Jahre später befindet sich Anne auf einer Tagung des Pharmakonzerns P&H. Sie ist Anfang 30, sehr reserviert, erfolgreiche Pharmareferentin und möchte einen Vortrag über das Schmerzmittel Fentanyl halten. Als sie plötzlich einen Anruf von Kai erhält, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat. Kai bittet sie, ihn von der Entzugsklinik abzuholen. Ich bin begeistert von der Art, wie Janine Adomeit diese Geschichte erzählt hat. Voller Spannung bin ich von Kapitel zu Kapitel geflogen. Da jedes Kapitel die Erzählebene wechselt, enden die Kapitel sozusagen immer mit einem „Cliffhanger“. Auf der einen Ebene haben wir die Perspektive der heutigen Anne. Eine fokussierte, etwas kühl wirkende und distanzierte Person. Von Anfang an hab ich gespürt, dass sie sich einen Schutzpanzer zugelegt hat. Und auf der zweiten Ebene erleben wir die Rückblicke von Anne und wie es zu diesem Schutzpanzer kam. Ich erlebe, wie traumatisch es für ein 11-jähriges Kind ist, die eigene Mutter pflegen zu müssen. Wie viel Kindheit dabei verloren geht und wie viel ambivalente Gefühle gegenüber der Mutter aufkommen. Auch wie unerträglich die Unfreiheit für einen Jugendlichen wie Kai sein muss, der an der Schwelle zum Erwachsensein ist, eigentlich sein Leben genießen möchte und gezwungen ist, seine Mutter zu versorgen. Wie beide ihr Trauma noch als Erwachsenen mit sich tragen. Und ich konnte auch die Machtlosigkeit der Mutter nachempfinden, da sie ihr intensives Leben gegen ein abhängiges und nicht selbstbestimmtes eintauschen musst. Und trotzdem hab ich auch oft Wut gegenüber ihr empfunden, da ich einige Entscheidungen einfach nicht begreifen konnte. Trotz hartem und sensiblem Themen hat Janine Adomeit die Geschichte in unauffälliger, klarer und deutlicher Sprache erzählt, hier und da auch amüsant. Auch wenn die Sprache einfach ist, hat sie in mir viele Gefühle hervorgerufen. Verständnis und Unverständnis für alle Figuren. Ich fand auch den Einblick in die Pharmaindustrie sehr interessant und das die Gefahren von Schmerzmittel und möglichen Abhängigkeiten thematisiert wurden. Für mich definitiv ein Highlight. S.156 „Die Idee von Freiheit war mir selbst in diesem Zusammenhang noch nie gekommen. Es hätte ja im Umkehrschluss bedeutet, dass wir nicht frei waren, solange unsere Mutter uns bauchte. Wir waren aber doch keine Gefangenen. Oder kam es ihm so vor?“ S.195 „Fakt ist, es gibt nur eine einzige Realität, in der wir alle leben; gleichzeitig sind unsere Erfahrungen so unterschiedlich, dass es genauso gut unendlich viele Realitäten sein könnten. Dass alles objektiv messbar, aber nichts objektiv bewertbar ist, muss so was wie die Urtragödie menschlichen Empfindens sein.“ S.250 „Mag sein, dass der Panzer, der mich heute umgibt, sich aus dieser Not heraus gebildet hat. Doch irgendwann war es keine Not mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, ihn zu behalten und mit jedem Jahr dicker werden zu lassen, dick und stark wie die Knochenplatten eines Gürteltiers.“
9. März 2025







