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Romane

Der Lärm der Zeit

3,9(57)
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Deutsch
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Über das Buch

Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.

Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?

Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt.

Editionen (5)

ISBN9783462048889
VerlagKiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum16.02.17
Seitenzahl256

Rezensionen & Bewertungen

57 Bewertungen

13 Rezensionen

3,9

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  • lesekosmos
    lesekosmos

    51 Follower

    5,0

    Viel mehr als eine Biografie

    Mit „Der Lärm der Zeit“ ist Julian Barnes ein ganz aussergewöhnliches Werk im Genre biographische Romane gelungen. Der mit Preisen überhäufte britische Autor fokussiert im Leben des russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowisch drei Episoden, die sowohl drei prägnante Abschnitte im Lebenslauf Schostakowitschs sind, aber auch gleichzeitig innerhalb der russisch-sowjetischen Historie. In Teil eins („Auf der Treppe“) nächtigt der junge Schostakowitsch über Wochen vor dem Aufzug seines Mietshauses, weil er stündlich mit seiner Verhaftung durch die Geheimpolizei Stalins rechnet und diese Schmach und Aufregung Frau und Kind ersparen möchte. Anlass für diese Furcht ist einzig und allein der Umstand, dass Stalin die Uraufführung von Schostakowitsch’s Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu früh verlassen hat, was in diesem politischen Umfeld zwangsläufig nur eine Liquidierung des Komponisten nach sich ziehen konnte. Teil zwei („Im Flugzeug“) schildert Gedanken Schostakowitschs auf dem Rückflug von einem USA-Besuch, der von offiziellen Polit-Instanzen der UdSSR protegiert, aber auch in jeder Sekunde überwacht und kontrolliert worden war. Seine Reflexionen vor, während und nach diesem untypischen Auftritt im Land des ideologischen Feindes werden von Barnes mit subtilem Humor entworfen und lassen erstmalig Einblicke in die innere Emigration des Menschen Schostakowitsch zu, mit deren Hilfe der Komponist in diesem totalitären System überlebte. „Im Auto“ heisst der dritte Teil der Biographie, der den gealterten Dmitri Schostakowitsch nochmals auf sein Leben zurückblicken lässt, auf seine gescheiterten Ehen, aber vor allem auf seinen permanenten Drahtseilakt zwischen künstlerischem Wirken und Erfolg auf der einen Seite und seinem schlangenhaften Taktieren gegenüber der kommunistisch-sozialistischen „Macht“ andererseits. Eine alles beherrschende und permanent angsteinflössende Macht, die im Verlauf des Buches von Stalin zu Chruschtschow wechselt, ohne dass sich bekannterweise die Situation wirklich ändert. Barnes gelingt es in seinem Buch ganz ausgezeichnet, gesellschaftliche und persönliche Konflikte und Spannungsfelder herauszuarbeiten und genau dadurch ein nahezu komplettes Bild dieser weltberühmten Figur zu zeichnen. Dass beispielsweise ein phasenweise maximal vergeistigter Schostakowitsch, der ganze Symphonien und Opern komplett im Kopf komponierte, gleichzeitig auch begeisterter Fussball- und Volleyball-Schiedsrichter sein konnte. Dass unter einer Orwell’schen allumfassenden Kontrolle auch ein hochdekorierter sowjetischer Vorzeigekomponist niemals freischaffend sein konnte, aber allzu oft alleine auch schon durch den schlichten Mangel an Notenpapier. Dass Schostakowitsch absolut nicht duckmäuserisch und feige war (ein häufiger Vorwurf vor allem westlicher Kritiker jener Zeit), sondern in Angesicht von Unterdrückung, Repressionen und Lebensgefahr zum Meister der Doppelbödigkeit und Ironie wurde. Etwas, was für die Zensurbehörden auch in den Phasen der stalinistischen Säuberungen allenfalls spürbar, aber niemals beweis- und damit bestrafbar war. Diese ironisch-subtilen Anspielungen fanden sich immer wieder in seiner Musik. Bekannt sind seine brachialen Klopfmotive (wie zum Beispiel im vierten Satz des Streichquartetts Nr. 8 in c- Moll, op. 110), die ihre Analogie im nächtlichen Klopfen an der Tür hatten, wenn Stalins terroristische KGB-Schergen Schostakowitschs Landsleute deportierten. Repressalien ohne Grund und aus heiterem Himmel, woraus Barnes’ Schostakowitsch die - nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion gültige - Lebensweisheit ableitete: „Die schlimmste Zeit war nicht dasselbe wie die gefährlichste Zeit. Weil die gefährlichste Zeit nicht die Zeit war, in der man am meisten in Gefahr war“.

    23. Apr. 2026

  • carsten
    carsten

    95 Follower

    5,0

    Das Leben und Leiden Schostakowitschs in der Sowjetunion. Ein Roman, keine Biographie.

    16. Jan. 2025

  • bucher_michele
    bucher_michele

    48 Follower

    5,0

    Ein Meisterstück: 👍👍👍👍👍

    «Seinen Freunden erzählte er, im Geiste habe er das Werk ‚dem Andenken an den Komponisten‘ gewidmet. Was die Musikbevollmächtigten zweifellos inakzeptabel gefunden hätten. Und so lautete die Widmung in der gedruckten Partitur schliesslich: ‚Den Opfern von Faschismus und Krieg‘. Dabei hatte er eigentlich nur einen Singular in einen Plural verwandelt.» Julian Barnes präsentierte mit «Der Lärm der Zeit» bereits 2017 eine Biografie über den Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch - vor allem aber auch ein Essay über die Arbeit von Kulturschaffenden in Diktaturen. Schostakowitsch war bekannt für seine spannungsreiche Beziehung zum Stalin-Regime. Mit viel Spannung und von der Musik adaptierten gezielten Wiederholungen zeichnet der Autor das Bild eines verängstigen, bisweilen verzweifelten und trotzdem brillanten Komponisten, der zwischen einer klaren Haltung und systemischem Opportunismus mäandert. Ohne selbst eine Antwort zu geben und vor allem ohne moralischen Mahnfinger, führt einem Julian Barnes beim Lesen zur Frage, ob es verwerflich ist, sich der Macht zu beugen, um künstlerisch tätig zu sein. Absolut überdenkenswert. Absolut lesenswert.

    Ein Meisterstück: 👍👍👍👍👍

    28. Dez. 2025

3 von 13 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Julian Barnes

Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograf, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln« und »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Julian Barnes lebt in London.

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