Zwei Schwestern: Die eine arbeitet sich an sämtlichem Unrecht unserer Gegenwart ab, die andere am bürgerlichen Familienideal; für die eine ist ihr Schwarzsein eine politische Kategorie, für die andere ihr Muttersein. Klug, erhellend und mit hintergründigem Witz erzählt Yandé Seck in ihrem Debütroman von den Ambivalenzen, die wir im Kleinen wie im Großen aushalten müssen.
Dieo lebt mit ihrem Mann Simon und drei Söhnen in einer schönen Altbauwohnung im Frankfurter Nordend. Sie leidet unter den unerfüllbaren Ansprüchen der Gesellschaft an sie als Mutter, vor allem aber ist es die ständige Kritik ihrer jüngeren Schwester Zazie an allem und jedem, die an ihren Nerven zerrt. Auch Simon, ein mittelalter weißer Mann und Angestellter in einem Finanz-Start-up, gerät immer wieder ins Visier seiner Schwägerin, die zunehmend an der rassistischen und sexistischen Gesellschaft verzweifelt.
Als der Vater der Schwestern, ein eigensinniger Nietzschefan, der vor mehr als vierzig Jahren aus dem Senegal nach Deutschland kam, unerwartet stirbt, gerät das mühsam kalibrierte Familiengefüge aus dem Gleichgewicht. Für die Beerdigung reisen die Schwestern in das Land ihres Vaters. Der Abschied wird für die beiden zu einem Neuanfang - in vielerlei Hinsicht.
Interessant geschrieben, hat vielleicht zu viele Themen in einem mit dem Fokus auf Rassismus, Feminismus, Familie, Alltag.
Wenn mich jmd fragt worum es in dem Buch geht, würde ich sagen, um alles. Es geht verdammt um alles.
22. Aug. 2024
4,0
Interessant geschrieben, hat vielleicht zu viele Themen in einem mit dem Fokus auf Rassismus, Feminismus, Familie, Alltag.
Wenn mich jmd fragt worum es in dem Buch geht, würde ich sagen, um alles. Es geht verdammt um alles.
Das Jahr 2024 hatte so viele tolle Debütromane zu bieten, dass ich auch in 2025 noch welche von ihnen lese. Yandé Secks Debütroman „Weisse Wolken“ hat mich über die letzten Wochen nicht nur mit ihren Worten, sondern auch der eigenen Reflexion begleitet.
„…Christian hatte neulich gesagt, für jeden Menschen gebe es ein Spektrum - am einem Ende stehe meist ein zwielichtiger Onkel, der sich während der Lockdowns immer weiter radikalisiert habe, am anderen Ende meist eine Frau, die viel Zeitung lese. Sofort hatte Sinon Ludger und Zazie vor sich gesehen. „Der eine hatte nicht unbedingt recht, aber er hat genügend Einfluss. Bei der anderen ist es meistens umgekehrt.““ (Seite 93)
„…Er begann, davon zu sprechen, dass Rassismus keine Ausnahme, dass auch das Sterben im Mittelmeer keine Ausnahme, sondern immanenter Teil des Systems seien. „Rassismus ist sehr flexibel. Mal haben wir nicht die richtige Religion, mal ist es unsere Hautfarbe, unsere Haarstruktur oder die Form unserer Nase. Diese Strukturen sind so gebaut, dass unser Erfolg nicht wahrscheinlich ist.““ (Seite 134)
Der Roman nimmt uns mit auf eine Reise zur Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer modernen Zeit und dem Erbe der vergangenen Zeiten, aus der Erfahrung von BIPoC-Frauen.
„…Wir alle glauben daran, obwohl wir es längst besser wissen: Wenn wir uns nur genug anstrengen, smart sind,fleißig - you name it -, dann können wir den Markt bezwingen und gehen vergoldet daraus hervor. Dabei werden wir indirekt dazu ermutigt, die unterdrückerischen Kräfte nicht nur zu dulden, sondern sie zu unseren Vorteil u zu nutzen.“ (Seite 177)
„Hauptsache, du befreist dich von all dem, was die Leute von dir erwarten. Damit kann man ja sein ganzes Leben verbringen, zu versuchen, diese Erwartungen zu erfüllen. Ist auch zu nüscht nütze.“ (Seite 330)
Yandé Seck schafft für mich in ihrem Roman eine neue Ebene der eigenen Auseinandersetzung mit meinen Privilegien und Möglichkeiten.
23. Jan. 2025
4,0
Das Jahr 2024 hatte so viele tolle Debütromane zu bieten, dass ich auch in 2025 noch welche von ihnen lese. Yandé Secks Debütroman „Weisse Wolken“ hat mich über die letzten Wochen nicht nur mit ihren Worten, sondern auch der eigenen Reflexion begleitet.
„…Christian hatte neulich gesagt, für jeden Menschen gebe es ein Spektrum - am einem Ende stehe meist ein zwielichtiger Onkel, der sich während der Lockdowns immer weiter radikalisiert habe, am anderen Ende meist eine Frau, die viel Zeitung lese. Sofort hatte Sinon Ludger und Zazie vor sich gesehen. „Der eine hatte nicht unbedingt recht, aber er hat genügend Einfluss. Bei der anderen ist es meistens umgekehrt.““ (Seite 93)
„…Er begann, davon zu sprechen, dass Rassismus keine Ausnahme, dass auch das Sterben im Mittelmeer keine Ausnahme, sondern immanenter Teil des Systems seien. „Rassismus ist sehr flexibel. Mal haben wir nicht die richtige Religion, mal ist es unsere Hautfarbe, unsere Haarstruktur oder die Form unserer Nase. Diese Strukturen sind so gebaut, dass unser Erfolg nicht wahrscheinlich ist.““ (Seite 134)
Der Roman nimmt uns mit auf eine Reise zur Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer modernen Zeit und dem Erbe der vergangenen Zeiten, aus der Erfahrung von BIPoC-Frauen.
„…Wir alle glauben daran, obwohl wir es längst besser wissen: Wenn wir uns nur genug anstrengen, smart sind,fleißig - you name it -, dann können wir den Markt bezwingen und gehen vergoldet daraus hervor. Dabei werden wir indirekt dazu ermutigt, die unterdrückerischen Kräfte nicht nur zu dulden, sondern sie zu unseren Vorteil u zu nutzen.“ (Seite 177)
„Hauptsache, du befreist dich von all dem, was die Leute von dir erwarten. Damit kann man ja sein ganzes Leben verbringen, zu versuchen, diese Erwartungen zu erfüllen. Ist auch zu nüscht nütze.“ (Seite 330)
Yandé Seck schafft für mich in ihrem Roman eine neue Ebene der eigenen Auseinandersetzung mit meinen Privilegien und Möglichkeiten.
Dass der Roman, den ich während der Buchmesse gelesen habe, ausgerechnet in Frankfurt spielt, ist reiner Zufall. Das hat mich aber sehr gefreut, denn so war die Lektüre auf den „place to be“ prima abgestimmt. Außerdem behandelt er Themen, die in der deutschen Literaturszene präsenter geworden sind, z.B. die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität als Frau, als POC, als Mutter.
Ihr merkt, hier wird ein ziemlich großes Fass auf. Im Zentrum all dieser Themen stehen Dieo und Zazie, zwei Schwestern, Kinder, der deutschen Ulrike und des Senegalesen Papis. Obwohl gemeinsam aufgewachsen, könnten sie vom Wesen unterschiedlicher nicht sein. Dieo, die ältere lebt ein bürgerliches Leben mit Simon, der in einem Startup sehr gefordert ist. Sie hat drei Söhne und der komplette Mental Load lastet auf ihr. Sie macht eine Ausbildung zur Kinder-und Jugendpsychologin, kümmert sich aber in weiten Teilen um die Kinder und die Verknüpfungen in der Familie.
Zazie hingegen struggelt mit ihrer Rolle als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum, in dem sie anzüglichen und rassistischen Bemerkungen ausgesetzt ist, die wahlweise „nur gut/nett/als Kompliment/lustig“ gemeint sind. Sie ist sich desden sehr bewusst und lässt es auch entsprechend raus - konsequent schmeißt sie die Brocken hin. Auch ihre Beziehung zu Max stellt sie immer wieder infrage. Möchte sie mit einem Mann zusammen leben und gegebenenfalls in einer traditionellen Rolle enden? Weitere Themen beschäftigen Sie und führen zu impulsiven und emotional gesteuerten Reaktionen.
In diesem Gesellschaftsroman begegnen wir an jeder Ecke, dem Zeitgeist. In feministische Fragen mischt sich die Erfahrungen und Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus. Dabei stehen wir als Leser zwischen den Schwestern, die zwei Seiten der Gesellschaft vertreten. Richtig glücklich wirkt keine von beiden. Die Angepasste, die von Perfektionismus getrieben immer wieder ruft, dass sie es nicht mehr alleine schafft, ist genauso orientierungslos wie die Aufmüpfige, die sich mit allen anlegt, ihre Ansichten vertritt und sich nichts gefallen lässt. Die Dynamik der Schwestern ist interessant und trotz aller Differenzen immer liebevoll.
Die Nebenfiguren halten den Plot zusammen. Sie lassen manchmal ein wenig an Tiefe missen, sind aber gut gezeichnet und man hat sofort Bekannte in seinem eigenen Umfeld vor sich. Papis hat mir dabei am besten gefallen, strahlt er doch am ehesten ein bisschen Ausgeglichenheit und Weisheit aus. Es gibt einen Ausflug in die Heimat des Vaters, der aber nur minimal Einfluss auf die Geschichte nimmt. Es handelt sich also nicht um eine klug konstruierte Reise in die Kultur der eigenen Familie, sondern mehr um ein literarisches Mindmap, an dem Marginalisierung sichtbar wird und sich neu sortieren lässt…und leider etwas trivial wirkt, da es zwar den Zeitgeist bedient, aber uns nicht richtig reinzieht, weder wehtut noch Leichtigkeit hinterlässt.
Meinem Empfinden nach, hätte die Handlung noch viel intensiver die angesprochenen Probleme bearbeiten können.
Ich habe die Geschichte gerne gelesen. Sie reißt die Themen an und bietet eine gute Diskussionsgrundlage, aber sie vertieft sie nicht. Zum Ende hin sortiert sich vieles, aber auch das geht zu schnell und war für mich sogar vorhersehbar. Trotzdem bleiben einige Fragen offen. Ein gutes Buch, das man leicht und schnell lesen kann, welches mich aber unbefriedigt zurücklässt.
21. Okt. 2024
3,5
Zwei Schwestern in Frankfurt
Dass der Roman, den ich während der Buchmesse gelesen habe, ausgerechnet in Frankfurt spielt, ist reiner Zufall. Das hat mich aber sehr gefreut, denn so war die Lektüre auf den „place to be“ prima abgestimmt. Außerdem behandelt er Themen, die in der deutschen Literaturszene präsenter geworden sind, z.B. die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität als Frau, als POC, als Mutter.
Ihr merkt, hier wird ein ziemlich großes Fass auf. Im Zentrum all dieser Themen stehen Dieo und Zazie, zwei Schwestern, Kinder, der deutschen Ulrike und des Senegalesen Papis. Obwohl gemeinsam aufgewachsen, könnten sie vom Wesen unterschiedlicher nicht sein. Dieo, die ältere lebt ein bürgerliches Leben mit Simon, der in einem Startup sehr gefordert ist. Sie hat drei Söhne und der komplette Mental Load lastet auf ihr. Sie macht eine Ausbildung zur Kinder-und Jugendpsychologin, kümmert sich aber in weiten Teilen um die Kinder und die Verknüpfungen in der Familie.
Zazie hingegen struggelt mit ihrer Rolle als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum, in dem sie anzüglichen und rassistischen Bemerkungen ausgesetzt ist, die wahlweise „nur gut/nett/als Kompliment/lustig“ gemeint sind. Sie ist sich desden sehr bewusst und lässt es auch entsprechend raus - konsequent schmeißt sie die Brocken hin. Auch ihre Beziehung zu Max stellt sie immer wieder infrage. Möchte sie mit einem Mann zusammen leben und gegebenenfalls in einer traditionellen Rolle enden? Weitere Themen beschäftigen Sie und führen zu impulsiven und emotional gesteuerten Reaktionen.
In diesem Gesellschaftsroman begegnen wir an jeder Ecke, dem Zeitgeist. In feministische Fragen mischt sich die Erfahrungen und Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus. Dabei stehen wir als Leser zwischen den Schwestern, die zwei Seiten der Gesellschaft vertreten. Richtig glücklich wirkt keine von beiden. Die Angepasste, die von Perfektionismus getrieben immer wieder ruft, dass sie es nicht mehr alleine schafft, ist genauso orientierungslos wie die Aufmüpfige, die sich mit allen anlegt, ihre Ansichten vertritt und sich nichts gefallen lässt. Die Dynamik der Schwestern ist interessant und trotz aller Differenzen immer liebevoll.
Die Nebenfiguren halten den Plot zusammen. Sie lassen manchmal ein wenig an Tiefe missen, sind aber gut gezeichnet und man hat sofort Bekannte in seinem eigenen Umfeld vor sich. Papis hat mir dabei am besten gefallen, strahlt er doch am ehesten ein bisschen Ausgeglichenheit und Weisheit aus. Es gibt einen Ausflug in die Heimat des Vaters, der aber nur minimal Einfluss auf die Geschichte nimmt. Es handelt sich also nicht um eine klug konstruierte Reise in die Kultur der eigenen Familie, sondern mehr um ein literarisches Mindmap, an dem Marginalisierung sichtbar wird und sich neu sortieren lässt…und leider etwas trivial wirkt, da es zwar den Zeitgeist bedient, aber uns nicht richtig reinzieht, weder wehtut noch Leichtigkeit hinterlässt.
Meinem Empfinden nach, hätte die Handlung noch viel intensiver die angesprochenen Probleme bearbeiten können.
Ich habe die Geschichte gerne gelesen. Sie reißt die Themen an und bietet eine gute Diskussionsgrundlage, aber sie vertieft sie nicht. Zum Ende hin sortiert sich vieles, aber auch das geht zu schnell und war für mich sogar vorhersehbar. Trotzdem bleiben einige Fragen offen. Ein gutes Buch, das man leicht und schnell lesen kann, welches mich aber unbefriedigt zurücklässt.