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Vom privilegierten Leben in den bewaffneten Widerstand (World-Challenge 20|194, neu 🇳🇮)
1988 erschienen und erschreckend aktuell: Wann lohnt sich Widerstand gegen ein repressives Regime? Was gebe ich in einer privilegierten Position auf? Welche Optionen hat eine Frau in einer patriarchalen Gesellschaft? Gioconda Belli, in Nicaragua geboren und früher selbst im Widerstand aktiv, lässt Lavinia all diese Fragen stellen. Die Aristokratin lebt ein komfortables, aber auch langweiliges Leben. Als sie sich auf der Arbeit in Felipe verliebt, gerät sie in Kontakt mit der Widerstandsbewegung. Doch nicht nur die Liebe treibt sie auf diesen Pfad, sondern auch eine übernatürliche Kraft. Zur gleichen Zeit wird nämlich Itzá, Widerstandskämpferin gegen die spanischen Konquistadoren, als ein Orangenbaum wiedergeboren, der in Lavinias Garten steht. Schon bald nimmt sie Einfluss auf die junge Frau, verstärkt ihren Drang, sich gegen die Gewalttäter zur Wehr zu setzen. Gleichzeitig erfahren wir in losen Abschnitten mehr über den Kampf gegen die Kolonialisten. Gerade diese Passagen hätte ich gern ausführlicher gelesen, eben weil sie die Parallelen der verschiedenen Gewaltherrscher so betonen. „Die Menschen fliehen immer noch. Es gibt blutrünstige Herrscher. Das Fleisch wird weiter zerrissen, es wird weiter Krieg geführt. Unsere Trommeln müssen im Blut dieser Generation weiterschlagen.“ (S. 112) Lavinias Charakter ist die Stärke des Buches. Sie hat ein klares Unrechtsbewusstsein und ist vor allem unzufrieden mit der Frauenrolle, die ihr eine Passivität verleiht. Ihr Handeln ist von Idealismus geprägt – starke Szenen, in denen sie mit der Armut des Landes konfrontiert wird, zeugen davon. Gleichzeitig ist irritierend, wie oft sie trotzdem auf die Hilfe von Männern angewiesen ist – die passive Rolle verlässt sie selten. Leider wird die Handlung immer wieder aufgeschoben, weil die Autorin sehr viel erklärt: Lavinia drückt alle Empfindungen und Sorgen aus, Handlungsmotive werden breit erklärt und politisch-idealistische Themen zu lange ausdiskutiert. Hier hätte ich mir gewünscht, die Motive stärker an den Handlungen zu erkennen anstatt sie mir ausführlich erklärt zu bekommen. Somit überzeugt der Roman durch die inhaltlichen Aspekte, die für die damalige Zeit sehr fortschrittlich sind. Auf erzählerischer Ebene bleibt aber das Gefühl, dass die Autorin ihren Figuren und ihren Taten häufiger hätte vertrauen dürfen. [Vielen Dank an sandy_liest für den Tipp]

7 Tage vor
Vom privilegierten Leben in den bewaffneten Widerstand (World-Challenge 20|194, neu 🇳🇮)
1988 erschienen und erschreckend aktuell: Wann lohnt sich Widerstand gegen ein repressives Regime? Was gebe ich in einer privilegierten Position auf? Welche Optionen hat eine Frau in einer patriarchalen Gesellschaft? Gioconda Belli, in Nicaragua geboren und früher selbst im Widerstand aktiv, lässt Lavinia all diese Fragen stellen. Die Aristokratin lebt ein komfortables, aber auch langweiliges Leben. Als sie sich auf der Arbeit in Felipe verliebt, gerät sie in Kontakt mit der Widerstandsbewegung. Doch nicht nur die Liebe treibt sie auf diesen Pfad, sondern auch eine übernatürliche Kraft. Zur gleichen Zeit wird nämlich Itzá, Widerstandskämpferin gegen die spanischen Konquistadoren, als ein Orangenbaum wiedergeboren, der in Lavinias Garten steht. Schon bald nimmt sie Einfluss auf die junge Frau, verstärkt ihren Drang, sich gegen die Gewalttäter zur Wehr zu setzen. Gleichzeitig erfahren wir in losen Abschnitten mehr über den Kampf gegen die Kolonialisten. Gerade diese Passagen hätte ich gern ausführlicher gelesen, eben weil sie die Parallelen der verschiedenen Gewaltherrscher so betonen. „Die Menschen fliehen immer noch. Es gibt blutrünstige Herrscher. Das Fleisch wird weiter zerrissen, es wird weiter Krieg geführt. Unsere Trommeln müssen im Blut dieser Generation weiterschlagen.“ (S. 112) Lavinias Charakter ist die Stärke des Buches. Sie hat ein klares Unrechtsbewusstsein und ist vor allem unzufrieden mit der Frauenrolle, die ihr eine Passivität verleiht. Ihr Handeln ist von Idealismus geprägt – starke Szenen, in denen sie mit der Armut des Landes konfrontiert wird, zeugen davon. Gleichzeitig ist irritierend, wie oft sie trotzdem auf die Hilfe von Männern angewiesen ist – die passive Rolle verlässt sie selten. Leider wird die Handlung immer wieder aufgeschoben, weil die Autorin sehr viel erklärt: Lavinia drückt alle Empfindungen und Sorgen aus, Handlungsmotive werden breit erklärt und politisch-idealistische Themen zu lange ausdiskutiert. Hier hätte ich mir gewünscht, die Motive stärker an den Handlungen zu erkennen anstatt sie mir ausführlich erklärt zu bekommen. Somit überzeugt der Roman durch die inhaltlichen Aspekte, die für die damalige Zeit sehr fortschrittlich sind. Auf erzählerischer Ebene bleibt aber das Gefühl, dass die Autorin ihren Figuren und ihren Taten häufiger hätte vertrauen dürfen. [Vielen Dank an sandy_liest für den Tipp]
7 Tage vor








