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Sie fuhren vorbei an den Häusern mit den zu beiden Straßenseiten aufgereihten, leuchtenden Vierecken der Fenster und sagten eine Zeitlang nichts zueinander, unter den Lichtkegeln der vereinzelten Straßenlaternen schwebten nur ihre Atemwölkchen empor. Dann hörte sich Hai es sagen. Und sagte es noch einmal, zunächst leise, dann lauter, während Sonys Griff an seiner Schulter fester wurde. Und Sony schloss sich ihm an, und sie sagten es gemeinsam, während sie den Hügel hinuntersausten, zurück nach East Gladness, dessen Wasserturm in der nebligen Ferne eine Kette aus bunten Weihnachtslichtern trug. "Das ist kein Raumschiff", skandierten sie. "Das ist kein Raumschiff! Das ist kein Raumschiff!" Die deutsche Übersetzung des Originaltitels "The Emperor of Gladness" (wobei sich Gladness offensichtlich auf die fiktive Kleinstadt der Handlung bezieht) klingt ziemlich zynisch. Ob das so beabsichtigt war? Auf jeden Fall nimmt uns der 1988 in Saigon, Vietnam, geborene Autor, der als Kleinkind nach Amerika kam, mit an diesen recht trostlosen Ort, in dem eine litauische Großmutter mit Demenz den Protagonisten Hai vor dem Selbstmord bewahrt und in der er in einem Fastfood Restaurant mit dem sprechenden Namen "HomeMarket" fast so etwas wie eine Familie findet. "Bis heute verstand er die Ereigniskette nicht, die ihn mit leeren Händen in dieses dreckige kleine Kaff zurückgebracht hatte." Den amerikanischen Traum hätte der Protagonist leben sollen, als Erster in seiner Familie sollte er in New York City aufs College gehen. Doch bereits seit 5 Jahren ist Hai abhängig von Tabletten und schließlich kehrt er high und frustriert mit fast 20 Jahren aufs Sofa seiner Mutter zurück. Die große Enttäuschung seiner Mutter versucht er durch eine große Lüge zu überwinden: in Boston werde er ein Studium der Medizin beginnen. Und in das Leben einer Lüge begleiten wir Hai und fragen uns bang, wie die Zukunft des Protagonisten, der uns an Herz wächst, aussehen wird ... "Hab keine Angst vor dem Leben, mein Junge. Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun." Das Zitat von der letzten Seite von Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow", ein Buch, welches Hai während der Geschichte begleitet, ist ein wenig titelgebend. Und es ist auch ein wenig rührend, wie der Protagonist sich um die Menschen kümmert, die sein neues Umfeld bestimmen. Die Figuren mit all ihren Träumen und Hoffnungen wirken so lebensecht, besonders Cousin Sony, der auch im Fastfood Restaurant arbeitet, eine Leidenschaft für den amerikanischen Bürgerkrieg hat und darum ringt, die Kaution für Mama Kim zusammen zu bekommen. Einzig die Beziehung zu der älteren Dame aus Litauen, die Hai vor dem Sprung von der Brücke bewahrt und ihn in ihr Haus aufnimmt, wirkt etwas konstruiert. Und das, obwohl der Roman der gleichnamigen Grazina J. Verselis gewidmet ist, der verstorbenen Großmutter des Partners von Ocean Vuong, bei welcher der Schriftsteller selbst einige Zeit gewohnt hat. Wahrscheinlich ist es vor allem der Faktor, wie die Demenzerkrankung der alten Dame dargestellt wird, die diesen Part der Geschichte unorganisch wirken lässt. In gewisser Weise wird die Erkrankung romantisiert oder verklärt skizziert. Ansonsten zeichnet sich der Schreibstil des Autoren durch starke Bilder und eine angenehm zurückhaltende Sprache aus. Die autobiographischen Züge im Roman lassen viele Szenen echt und berührend wirken. FAZIT Am Ende erhalten wir - fast wie bei den Klassikern des 19. Jahrhunderts - einen Ausblick, wie es mit den Menschen der Geschichte weitergeht. Doch wie steht es um die Zukunft des Protagonisten? Vielleicht genügt es nicht, gut mit anderen zu sein. Man muss bei sich selbst damit beginnen. Hoffentlich lässt sich der Kaiser Wurm (Hamlet lässt grüßen) wenigstens bei dem begabten Schriftsteller Ozean Vuong noch ganz lang Zeit mit der Bekanntschaft - das wünsche ich mir von Herzen. .. Eine Leseempfehlung.
8. Sept. 2025
Sie fuhren vorbei an den Häusern mit den zu beiden Straßenseiten aufgereihten, leuchtenden Vierecken der Fenster und sagten eine Zeitlang nichts zueinander, unter den Lichtkegeln der vereinzelten Straßenlaternen schwebten nur ihre Atemwölkchen empor. Dann hörte sich Hai es sagen. Und sagte es noch einmal, zunächst leise, dann lauter, während Sonys Griff an seiner Schulter fester wurde. Und Sony schloss sich ihm an, und sie sagten es gemeinsam, während sie den Hügel hinuntersausten, zurück nach East Gladness, dessen Wasserturm in der nebligen Ferne eine Kette aus bunten Weihnachtslichtern trug. "Das ist kein Raumschiff", skandierten sie. "Das ist kein Raumschiff! Das ist kein Raumschiff!" Die deutsche Übersetzung des Originaltitels "The Emperor of Gladness" (wobei sich Gladness offensichtlich auf die fiktive Kleinstadt der Handlung bezieht) klingt ziemlich zynisch. Ob das so beabsichtigt war? Auf jeden Fall nimmt uns der 1988 in Saigon, Vietnam, geborene Autor, der als Kleinkind nach Amerika kam, mit an diesen recht trostlosen Ort, in dem eine litauische Großmutter mit Demenz den Protagonisten Hai vor dem Selbstmord bewahrt und in der er in einem Fastfood Restaurant mit dem sprechenden Namen "HomeMarket" fast so etwas wie eine Familie findet. "Bis heute verstand er die Ereigniskette nicht, die ihn mit leeren Händen in dieses dreckige kleine Kaff zurückgebracht hatte." Den amerikanischen Traum hätte der Protagonist leben sollen, als Erster in seiner Familie sollte er in New York City aufs College gehen. Doch bereits seit 5 Jahren ist Hai abhängig von Tabletten und schließlich kehrt er high und frustriert mit fast 20 Jahren aufs Sofa seiner Mutter zurück. Die große Enttäuschung seiner Mutter versucht er durch eine große Lüge zu überwinden: in Boston werde er ein Studium der Medizin beginnen. Und in das Leben einer Lüge begleiten wir Hai und fragen uns bang, wie die Zukunft des Protagonisten, der uns an Herz wächst, aussehen wird ... "Hab keine Angst vor dem Leben, mein Junge. Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun." Das Zitat von der letzten Seite von Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow", ein Buch, welches Hai während der Geschichte begleitet, ist ein wenig titelgebend. Und es ist auch ein wenig rührend, wie der Protagonist sich um die Menschen kümmert, die sein neues Umfeld bestimmen. Die Figuren mit all ihren Träumen und Hoffnungen wirken so lebensecht, besonders Cousin Sony, der auch im Fastfood Restaurant arbeitet, eine Leidenschaft für den amerikanischen Bürgerkrieg hat und darum ringt, die Kaution für Mama Kim zusammen zu bekommen. Einzig die Beziehung zu der älteren Dame aus Litauen, die Hai vor dem Sprung von der Brücke bewahrt und ihn in ihr Haus aufnimmt, wirkt etwas konstruiert. Und das, obwohl der Roman der gleichnamigen Grazina J. Verselis gewidmet ist, der verstorbenen Großmutter des Partners von Ocean Vuong, bei welcher der Schriftsteller selbst einige Zeit gewohnt hat. Wahrscheinlich ist es vor allem der Faktor, wie die Demenzerkrankung der alten Dame dargestellt wird, die diesen Part der Geschichte unorganisch wirken lässt. In gewisser Weise wird die Erkrankung romantisiert oder verklärt skizziert. Ansonsten zeichnet sich der Schreibstil des Autoren durch starke Bilder und eine angenehm zurückhaltende Sprache aus. Die autobiographischen Züge im Roman lassen viele Szenen echt und berührend wirken. FAZIT Am Ende erhalten wir - fast wie bei den Klassikern des 19. Jahrhunderts - einen Ausblick, wie es mit den Menschen der Geschichte weitergeht. Doch wie steht es um die Zukunft des Protagonisten? Vielleicht genügt es nicht, gut mit anderen zu sein. Man muss bei sich selbst damit beginnen. Hoffentlich lässt sich der Kaiser Wurm (Hamlet lässt grüßen) wenigstens bei dem begabten Schriftsteller Ozean Vuong noch ganz lang Zeit mit der Bekanntschaft - das wünsche ich mir von Herzen. .. Eine Leseempfehlung.
8. Sept. 2025








