Erinnerung eines Mädchens

Erinnerung eines Mädchens

Hardcover
3.8134
EmanzipationMemoirenFeriencampWeiblichkeit

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Beschreibung

Nobelpreis für Literatur 2022

Sommer 1958: Annie Duchesne wird 18 Jahre alt. Sie arbeitet als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Sie findet in eine Clique, zusammen feiern sie Feten, genießen ihre Jugend. Und Annie ist in H. verliebt, mit ihm hat sie ihr erstes Mal. Eine Nacht, die einen anhaltenden Schock bedeutet. Auch weil H. sie fortan ignoriert, sie weiß nicht, wohin mit sich und lässt sich auf andere ein. Schnell ist sie verfemt. Was folgt, sind Ausgrenzung, der Hohn der anderen, ihre eigene Scham.
Und Schweigen. Denn über 55 Jahre braucht Annie Ernaux, um sich dieser »Erinnerung der Scham« stellen zu können – anhand von Fotografien und Briefen schreibt sie von einer Zeit, die sich in ihren Körper gebrannt hat. Die ihre Moral, ihre Sexualität, ihr ganzes langes Leben geprägt und bestimmt hat.

Mit schonungsloser Genauigkeit erzählt Annie Ernaux von ihrer ersten sexuellen Begegnung – von Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Von einer Wunde, die niemals ausgeheilt ist. Und vom teuer bezahlten Erkennen des eigenen Werts.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Fachbücher
Sub-Genre
Gesellschaft & Sozialwissenschaften
Format
Hardcover
Seitenzahl
163
Preis
20.60 €

Autorenbeschreibung

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Nobelpreis für Literatur.

Beiträge

19
Alle
4.5

Es ist unglaublich wie Ernaux das immer wieder macht. Ihr autobiografisches Schreiben ist klar, strukturiert und dabei doch immer komplex. Auch bei dem achten Buch von ihr was ich über ihr Leben lese findet sie immer wieder einen neuen Zugang, den ich unglaublich konsistent und stark finde. Ihre Bücher zusammengenommen sind ein Gesamtkunstwerk.

5

„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux ist ein schonungslos ehrlicher, leiser und zugleich schmerzhafter Text über ein Sommererlebnis, das ein ganzes Leben überschattet – eindringlich, klar und frei von Schönfärberei.

Ernaux blickt viele Jahrzehnte später auf den Sommer 1958 zurück, als sie als junges Mädchen in ein Ferienlager fährt, sich erstmals verliebt, sexuell erniedrigt wird und danach zur Außenseiterin wird. Sie erzählt nicht einfach chronologisch, sondern zeigt, wie dieses eine Erlebnis ihr Selbstbild, ihr Schamgefühl und ihr späteres Leben geprägt hat, und wie schwer es ist, den Blick der anderen wieder loszuwerden. Besonders ist, wie nüchtern und präzise Ernaux schreibt: ohne Pathos, aber voller emotionaler Wucht. Sie spricht von „dem Mädchen“ in der dritten Person, als würde sie sich selbst wie eine Fremde untersuchen – das macht die Distanz spürbar, die sie braucht, um diese Erinnerung auszuhalten. Es geht um weibliche Sexualität, Machtverhältnisse, Scham und darum, wie eine junge Frau versucht, sich selbst zurückzuerobern. Insgesamt ist „Erinnerung eines Mädchens“ für mich kein leichter, aber ein sehr wichtiger Text: schmal im Umfang, doch enorm dicht, und ideal für alle, die autobiografische Literatur mögen, die radikal ehrlich in die eigene Vergangenheit schaut.

„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux ist ein schonungslos ehrlicher, leiser und zugleich schmerzhafter Text über ein Sommererlebnis, das ein ganzes Leben überschattet – eindringlich, klar und frei von Schönfärberei.
3

Ein nettes Buch mit einigen schönen Sätzen. Allerdings insgesamt eher „kann man machen, muss man nicht“.

3.5

Sich die Vergangenheit von der Seele schreiben

Die Zeit als Betreuerin in einer Ferienkolonie soll für die gerade 18-Jährige Abiturientin Annie vor allem ein Befreiungsschlag sein. Sie möchte sich, fernab von den kontrollierenden Blicken der Eltern, endlich frei fühlen, eigene Erfahrungen machen und vielleicht sogar die Liebe kennenlernen. All diese Wünsche gehen in Erfüllung - die Ereignisse des Sommers 1958 werden allerdings noch viel längere und dunklere Schatten werfen, als es sich Annie jemals hätte vorstellen können. In diesem einen von vielen autofiktionalen Texten Annie Ernauxs erhält man eine gewisse Vorstellung von dem psychologischen und gewissermaßen heilenden Effekt des Schreibens. Ernaux hat eine verständliche und doch höchst poetische und komplexe Sprache gefunden, um auf die Erlebnisse ihrer Jugend zurückzublicken. Dem Text ist anzumerken, dass er einen Verarbeitungsprozess begleitet, sich manchmal verletzlich zeigt, manchmal analytisch oder auch philosophisch. Manchmal ist der Schmerz und die Präsenz des Geschehenen zu groß, auch Scham ist ein immer wiederkehrendes Thema - und diese Gefühle sind nur zu gut nachvollziehbar, wenn man die Erfahrungen der jungen Annie zugrundelegt. Sprachlich wird die Distanzierung von der eigenen Vergangenheit durch den sprunghaften Wechsel zwischen beschreibenden Episoden über das „Mädchen von 58“ und der reflektierenden Ich-Perspektive deutlich. Besonders gut hat Ernaux den Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach Dazugehörigkeit, jugendlichem Leichtsinn und dem destruktiven Überschreiten eigener Grenzen eingefangen, den wahrscheinlich jeder Mensch aus seiner Jugend kennt. Dass Annie mehr Wunden als ein gestärktes Selbstbild aus diesem Sommer mit nach Hause nimmt und diese wenigen Wochen so lange einen Einfluss auf lebenswichtige Entscheidungen ihres Lebens hatten, adressiert Ernaux mit teils sachlichen aber stets warmherzigen Blick. Auch wenn mir die junge Annie nicht immer sympathisch war, konnte ich mich doch in sie hineinversetzen und es war kaum möglich, sich nicht doch irgendwie als junge Frau in ihr wiederzufinden. Dass mich das Schicksal eines fremden Mädchens so mitreißen kann, zum Nachdenken bringt, wütend macht und gleichzeitig versöhnt, zeigt, dass Annie Ernaux eine beeindruckende Schriftstellerin mit großartiger Beobachtungsgabe ist.

4.5

Den Mut Aufbringen, sich zu erinnern.

Annie Ernaux’ *Erinnerungen eines Mädchens* ist ein Werk, das einen von den ersten Seiten an in seinen Bann zieht. Mit einer dichten, fast greifbaren Atmosphäre schafft es die Autorin, den Lesenden sofort in ihre Welt mitzunehmen. Besonders berührend ist die Art, wie sie Erinnerungen aufruft , nicht als ferne, verklärte Vergangenheit, sondern als etwas, das so nah und lebendig wirkt, dass man selbst das Gefühl bekommt, die Perspektive älterer Menschen zu verstehen, die von ihrem Leben erzählen. Für mich, dessen eigene Vergangenheit noch zu gegenwärtig ist, um sie mit Distanz zu betrachten, war diese Erfahrung besonders eindringlich. Ernaux thematisiert schonungslos den Zwang zur gesellschaftlichen Konformität, dem sich das Mädchen von 1958 unterwirft, und das Machtgefälle zwischen Mann und Frau, das ihre Jugend prägte. Diese Passagen sind nicht nur historisch interessant, sondern zeigen auch, wie wichtig es ist, den Mut aufzubringen, sich an das eigene Leben zu erinnern, mit all seinen Brüchen und Widersprüchen. An einigen Stellen wird die Erzählung zwar etwas zäh, doch das mindert nicht die Wirkung des Buches. Besonders faszinierend ist Ernaux’ distanzierte, fast analytische Haltung gegenüber dem Mädchen, das sie einst war. Sie betrachtet es als Teil von sich, ohne sich darin zu verlieren. Diese Aufarbeitung ist nicht nur eine literarische Leistung, sondern auch eine Einladung an den Lesenden, sich selbst zu hinterfragen. Man schließt das Buch mit dem Gefühl, etwas für das eigene Leben mitgenommen zu haben, inspiriert, sich den eigenen Erinnerungen und der eigenen Identität zu stellen.

5

Habe mehrere Romane von Ernaux gelesen und fand diesen hier am eindringlichsten - auch weil ich ihn schon als Theaterinszenierung kannte . Inhaltswarnung: Es geht sehr explizit um sexuelle Übergriffigkeit und Essensstörungen.

3

Dieser Roman tut weh. Besonders die erste Hälfte und ganz besonders die ersten Seiten. Die zweite Hälfte war für mich eine fast schon unnötige Länge, aber der erste Teil ... Puh, ich glaube, die meisten, die dieses Buch gelesen haben müssen an diesen Passagen kurz innehalten und ihre eigene Vergangenheit reflektieren.

3.5

Tatsächlich hatte ich mir etwas mehr von dem Buch erwartet. Auf gewisse Art und Weise fand ich es ein wenig anstrengend zu lesen. Wobei die Themen von sexueller Gewalt und Essstörung natürlich erschütternd sind. Ich werde auf jeden Fall auch noch die anderen Bücher von ihr lesen. 

4

„Welche Überzeugung treibt sie an, wenn nicht die, dass Erinnern eine Form der Erkenntnis ist? Und welche Absicht […] steckt hinter dieser Verbissenheit, unter den Tausenden von Substantiven, Verben und Adjektiven diejenigen zu finden, die die Gewissheit - die Illusion - erzeugen, den höchsten Grad an Realität erreicht zu haben? Was, wenn nicht die Hoffnung, dass es zumindest eine Spur von Ähnlichkeit gibt zwischen diesem Mädchen, Annie D, und irgendwem anders.“

Ernaux erforscht rückblickend, wie Ereignisse, Begegnungen und insbesondere sexuelle Übergriffe die darauf folgende Zeit und persönliche Entscheidungen beeinflussen. Ein persönliche Erzählung, die mit 50 Jahre Abstand geschrieben wird.

3

Schöner ehrlicher Kontext in etwas verschachtelter Sprache

Mir haben einige Gedankengänge sehr gut gefallen. Es viel mir aber schwer alle Sätze in mich aufzunehmen, da sie für mich manchmal überhaupt keinen Sinn ergeben haben. Da die Autorin ihren Gedanken freien Lauf lässt, war das wahrscheinlich auch nicht ihre Absicht. Personen, die ähnlich fühlen, werden womöglich besser damit zurecht kommen. Ich konnte mich oft nicht gut mit der Autorin und Protagonistin identifizieren. Trotzdem hat mir gut gefallen, wie ehrlich das Buch ist und wie authentisch es wirkt. Als ob sie sich Last von der Seele redet - ein wenig wie aneinander gereihte Tagebucheinträge. Nur dass diese sehr viele Jahre später und aus der Erinnerung geschrieben wurden.

1

War irgendwie nicht meins. Weiß auch nicht was ich dazu schreiben soll

5

Annie Ernaux ist in “Erinnerung eines Mädchens” auf den Spuren ihres 18-jährigen Ichs, das im Jahr 1958 den Sommer über als Betreuerin in einer Ferienkolonie arbeitet. Mit den anderen Betreuer*innen werden wilde Parties gefeiert und im Alkoholrausch macht sie mit H., dem Chefbetreuer des Camps, erste tief einprägende sexuelle Erfahrungen. Mit der aufkeimenden Rebellion eines Teenagers (die Mädchen waren damals wohl um einiges später dran als heute) und dem Wunsch nach Distinktionsgewinn gegenüber den Eltern ist sie doch ganz und gar fremdbestimmt und möchte im Kreis der Betreuer anerkannt werden. Dass sie dabei Würde und Selbstwert einbüßt, wird ihr erst später klar und die Erkenntnis hinterlässt eine tiefe Wunde, die Ernaux erst nach über 50 Jahren bereit ist, aufzuarbeiten. Anhand von Briefen, Fotos und einzelnen Szenen, die der Autorin noch einprägsam im Kopf sind, versucht sie sich an das Mädchen von damals anzunähern und herauszufinden, was Annie Duchesne mit der heutigen Annie Ernaux verbindet. Was ging in ihr vor? Was bewegte sie? Und: Inwiefern waren ihre Entscheidungen von diesen Erlebnissen in der Ferienkolonie auch noch in den darauffolgenden Jahren bestimmt? Annie Ernaux schafft es hier mit eindrücklicher Erzähl- und Reflexionskunst Einsicht in die aufwühlende Zeit der Entdeckung von Sexualität und Begierde zu geben, aber vor allem die Strukturen zu beleuchten, die zur Verstörung und toxischen Manipulation einer jungen Frau führen können. Annie sollte noch lange Schwierigkeiten damit haben, sich selbst zu spüren, ihren Selbstwert zu erkennen und nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu handeln. Ich empfand sehr viel bei diesem Hörbuch, insbesondere Wut gegenüber Annies Umfeld und Mitgefühl ihr selbst gegenüber. Man möchte diesem 18-jährigen Menschen so viel sagen, sie aufrütteln und in den Arm nehmen. Gleichzeitig erhielt ich viele Denkanstöße für die Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit. Ich fühlte mich an einigen Punkten verstanden, vielleicht sogar ertappt, obwohl zwischen Annie Ernaux’ Jugend und meiner fast 50 Jahre liegen. Ein Buch, das mich noch längere Zeit gedanklich begleiten wird - eine Autorin, von der ich noch sehr viel lesen möchte.

3

Das Buch regt sehr zum Nachdenken an, wobei ich es teils wirklich sehr schwierig zu lesen finde. Das liegt teils an den französischen Sätzen, teils an den Zeitsprüngen und an den Perspektivwechseln der Autorin. Sie schreibt aus ihrer heutigen Sicht und dann wieder aus ihrer Erinnerung an ihr früheres "Ich", welches sie aber nur als "Das Mädchen von..." bezeichnet. Es ist ein Buch über erste sexueller Kontakte und den Umgang mit ihnen, über Selbstfindung als junge Frau und über Essstörungen. Durch die Kürze des Buches, ist es auf jeden Fall wert gelesen zu werden und über die schwierige Schreibweise hinwegzugucken.

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Update: Ich nehme die Sternebewertung heraus. Erneute Textbeschäftigung löst meine anfängliche Irritation aus. Als psychologisches Dokument, Verweigerungshaltung, wie meine kurzen Anmerkungen unten bemerken, gelungen. Allerdings geht durch ihre paradoxe Persönlichkeit selbst in ihren Finten, Ausweichmanövern, möglichen Erklärungsansätzen, zu viel durcheinander. Es ist nicht kohärent als literarischer Text, es ist unehrlich, verschleiernd und kommt als rein leere Geste zum Ende. Als Autofiktion gelingt die Auflösung des Symbolischen nicht, wenn sie nicht bereit ist die geschilderten Szenen zu beleben und den Prozess verweigert bzw. im Dunkeln lässt. Diese zwei Extreme, in die das Buch für mich zerfällt, lassen nur 1 oder 5 Sterne zu. Ein Zusammenschluss hin zu 3 Sternen ist mir nicht möglich. So unversöhnlich Ernaux schreibt, so unversöhnlich sind die Extreme die sie mir liefert. Der Text bleibt in seiner Unbestimmtheit und damit auch meine Wertung. ……………………………………………………………………………………………………………………………………………… Fintenreiche, angriffslustige Selbstbehauptung. Es tut gut auf ein Nein zu treffen, das einfach ablehnt dies analysieren oder psychologisieren zu müssen. Einfach mal die ganze verschissene Ordnung auseinanderreißen, sein wollen, oder besser Nicht-sein wollen, Objekt sein, Nutte sein, Begehren, spüren, eine Essstörung entwickeln, gegen alles anrennen, Macht, Kontrolle und irgendwann feststellen: regelt sich schon, für mich. Wie ihr das seht? Wen juckts. Eure Urteile und Vorurteile werden hier als fernes Echos in die Wüste geschickt. Meine Widersprüche und Spannungen gehören mir und ich entscheide ob ich sie auflöse oder nicht. Zack, Text beendet, seht zu!

5

Fantastisch und erschütternd. Vorm Lesen unbedingt Triggerwarnungen checken!

3

Sprachlich hervorragend, wie gewohnt! Allerdings ein paar zu viele Wiederholungen.

3

von diesem Buch hab ich mir literarisch mehr erwartet, dennoch hat es die Autorin nach Jahrzehnten geschafft ihre Geschichte aufzuarbeiten

4

Ein sehr ehrliches und authentisches Buch, geschrieben ohne jegliche Verklärung der eigenen Vergangenheit. Sehr lesenswert und beeindruckend.

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