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Seit dem Erscheinen der Schlange von Essex (er nannte sie nur "das Problem", um das Gerücht nicht auch noch durch Taufe zu beglaubigen) wurde seine Zeit immer häufiger in Anspruch genommen. Anscheinend herrschte die - zumindest in seiner Gegenwart - unausgesprochene Meinung vor, sie alle könnten aus gutem Grund verdammt sein, und nur er könnte sie retten; aber welchen Trost konnte er ihnen schon anbieten, der nicht gleichzeitig ihre Angst befeuert hätte? Genauso gut hätte er zu John, der nachts oft aufwachte, sagen können: "Du und ich ziehen um Mitternacht los und töten das Ungeheuer, das unter deinen Bett wohnt." Was auf Betrug gebaut ist, in welch guter Absicht auch immer, würde nicht einmal dem ersten Schlag standhalten. - Zitat, Seiten 80, 81 In einem Brief lässt die Autorin ihre Protagonistin aufzählen, welche Schriftsteller sie beliest: "Brontë und Hardy, Dante und Keats, Henry James und Conan Doyle." Und offensichtlich standen diese Größen der Weltliteratur auch Pate für Sarah Perrys Geschichte, auch wenn sie auch eine beeindruckende Anzahl an Sachbüchern zum Viktorianischen Zeitalter als Quelle im Nachwort preisgibt. Zurecht wurde dieses Werk mit dem Britischen Buchpreis 2017 für den besten Roman ausgezeichnet. Denn dieser Roman ist ein Fest. Von Anfang an zieht uns der überaus wortgewandte und ausdrucksstarke Schreibstil in seinen Bann. Oft ist er von einer Sinnlichkeit geprägt, der an einen Korb überreifer Früchte denken lässt, deren Haut an manchen Stellen aufgeplatzt ist. Dann wiederum erscheinen die Worte so zart aufs Papier gesetzt, als würden Schmetterlingsflügel uns streifen. Und natürlich spüren wir die Urgewalt, die uns an Hardys Welt erinnert, mit der die Kraft der alten Mythen und Legenden an den Festen einer scheinbar urbanisierten Gesellschaft rüttelt und das unausgesprochene Grauen sich in weniger christlichen Ritualen und Aberglauben manifestiert. Doch zuletzt (oder doch als Allererstes?) ist dies eine Geschichte über zwischenmenschliche Beziehungen und welche Windungen das Leben für Freunde oder Liebende bereithält. FAZIT Noch nie zuvor hatte ich mir gewünscht, Teil einer Romanwelt zu werden. Aber hier wäre ich nur zu gerne, wie die junge Witwe Cora aus London, im Pfarrhaus von Aldwinter zu Gast gewesen und hätte den Glanz der guten Unterhaltung am Tisch im eigenen Gesicht gespürt und mich an der Gesellschaft von Pfarrer Will, seiner Frau Stella und der anderen Gäste gelabt. Alle Figuren des Romans sind mir so ans Herz gewachsen, nicht weil sie so liebenswürdig, sondern, weil sie so menschlich und lebenecht gestaltet sind. Unbedingte Leseempfehlung.
Sep 2, 2025
Seit dem Erscheinen der Schlange von Essex (er nannte sie nur "das Problem", um das Gerücht nicht auch noch durch Taufe zu beglaubigen) wurde seine Zeit immer häufiger in Anspruch genommen. Anscheinend herrschte die - zumindest in seiner Gegenwart - unausgesprochene Meinung vor, sie alle könnten aus gutem Grund verdammt sein, und nur er könnte sie retten; aber welchen Trost konnte er ihnen schon anbieten, der nicht gleichzeitig ihre Angst befeuert hätte? Genauso gut hätte er zu John, der nachts oft aufwachte, sagen können: "Du und ich ziehen um Mitternacht los und töten das Ungeheuer, das unter deinen Bett wohnt." Was auf Betrug gebaut ist, in welch guter Absicht auch immer, würde nicht einmal dem ersten Schlag standhalten. - Zitat, Seiten 80, 81 In einem Brief lässt die Autorin ihre Protagonistin aufzählen, welche Schriftsteller sie beliest: "Brontë und Hardy, Dante und Keats, Henry James und Conan Doyle." Und offensichtlich standen diese Größen der Weltliteratur auch Pate für Sarah Perrys Geschichte, auch wenn sie auch eine beeindruckende Anzahl an Sachbüchern zum Viktorianischen Zeitalter als Quelle im Nachwort preisgibt. Zurecht wurde dieses Werk mit dem Britischen Buchpreis 2017 für den besten Roman ausgezeichnet. Denn dieser Roman ist ein Fest. Von Anfang an zieht uns der überaus wortgewandte und ausdrucksstarke Schreibstil in seinen Bann. Oft ist er von einer Sinnlichkeit geprägt, der an einen Korb überreifer Früchte denken lässt, deren Haut an manchen Stellen aufgeplatzt ist. Dann wiederum erscheinen die Worte so zart aufs Papier gesetzt, als würden Schmetterlingsflügel uns streifen. Und natürlich spüren wir die Urgewalt, die uns an Hardys Welt erinnert, mit der die Kraft der alten Mythen und Legenden an den Festen einer scheinbar urbanisierten Gesellschaft rüttelt und das unausgesprochene Grauen sich in weniger christlichen Ritualen und Aberglauben manifestiert. Doch zuletzt (oder doch als Allererstes?) ist dies eine Geschichte über zwischenmenschliche Beziehungen und welche Windungen das Leben für Freunde oder Liebende bereithält. FAZIT Noch nie zuvor hatte ich mir gewünscht, Teil einer Romanwelt zu werden. Aber hier wäre ich nur zu gerne, wie die junge Witwe Cora aus London, im Pfarrhaus von Aldwinter zu Gast gewesen und hätte den Glanz der guten Unterhaltung am Tisch im eigenen Gesicht gespürt und mich an der Gesellschaft von Pfarrer Will, seiner Frau Stella und der anderen Gäste gelabt. Alle Figuren des Romans sind mir so ans Herz gewachsen, nicht weil sie so liebenswürdig, sondern, weil sie so menschlich und lebenecht gestaltet sind. Unbedingte Leseempfehlung.
Sep 2, 2025








