Roman d’amour

Roman d’amour

Hardback
3.631
EhebruchLiebesromanSchnell, Dein LebenUrsula März

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Description

Sylvie Schenks fein gesponnener Ehebruchroman, voller Lebenserfahrung und Weisheit Charlotte Moire hat einen Roman über eine Affäre geschrieben, die sie vor Jahrzehnten mit einem verheirateten Mann hatte. Aus der Erinnerung an Verlangen und Leidenschaft ist Fiktion geworden. Nun aber sitzt ihr, der über Siebzigjährigen, eine beharrlich insistierende Interviewerin gegenüber, vor der sie immer wieder abstreiten muss, diese Geschichte selbst erlebt zu haben. Immer schwerer fällt es Charlotte in ihren Auskünften, zwischen Werk und eigenem Leben zu unterscheiden. Unmerklich fließen die Geschichten zweier Frauen ineinander, die nichts miteinander zu tun haben sollen und doch viel gemein haben. „Roman d’amour“ ist ein dichtes und kluges Buch über die Liebe und das Erzählen von Liebe.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
N/A
Format
Hardback
Pages
128
Price
18.50 €

Author Description

Sylvie Schenk wurde 1944 in Chambéry, Frankreich, geboren, studierte in Lyon und lebt seit 1966 in Deutschland. Sylvie Schenk veröffentlichte Lyrik auf Französisch und schreibt seit 1992 auf Deutsch. Sie lebt bei Aachen und in La Roche-de-Rame, Hautes-Alpes. Bei Hanser erschienen ihre Romane »Schnell, dein Leben« (2016), »Eine gewöhnliche Familie« (2018), »Roman d'amour« (2021) und »Maman« (2023).

Posts

9
All
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Ein literarisch raffiniertes Kleinod über Liebe, Erinnerung und das Erzählen selbst – kurz, klug, kunstvoll.

Wenn die Erinnerung an eine Liebe zur Fiktion wird Charlotte Moire ist über siebzig, Schriftstellerin und Preisträgerin. Ihr neuer Roman handelt von einer leidenschaftlichen Affäre, die sie vor Jahrzehnten mit einem verheirateten Mann hatte – aus Erinnerung an Verlangen und Hingabe ist Fiktion geworden. Doch eine beharrliche Interviewerin lässt nicht locker. Sie scheint mehr zu ahnen, als sie sagt. Hat Charlotte ihren eigenen Liebesschmerz geschrieben? Wie viel davon ist wahr? Wie viel erfunden? Mit jeder Antwort verschwimmt die Grenze. Die Geschichten der beiden Frauen, der Autorin Charlotte und ihrer Romanfigur, fließen unmerklich ineinander, bis am Ende nicht mehr klar ist, wer hier eigentlich wessen Leben erzählt. Schenk konstruiert ein kunstvolles Spiegelspiel aus Erlebtem, Erinnertem und Fantasiertem, mit einer überraschenden Wendung am Schluss, die manche Leser:innen den Roman gleich nochmal lesen lässt. Sylvie Schenk schreibt mit einer Klarheit und Präzision, die selten ist. Ihre Sätze sind schnörkellos, aber nie kalt, ihre Bilder treffend, aber nie aufdringlich. Diese Frau weiß, was sie tut, und sie tut es mit einer Souveränität, die nur durch jahrzehntelange schriftstellerische Arbeit entsteht. Wer Sätze liebt, die scheinbar leichthin daherkommen und in Wahrheit präzise gemeißelt sind, wird hier glücklich. Bemerkenswert: Schenk wurde 1944 in Frankreich geboren und schreibt erst seit 1992 auf Deutsch, also in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist. Genau das spürt man in ihrer Sprache: eine leise Distanz, eine Wachheit für jedes Wort, eine Eleganz, die wohl nur Autor:innen entwickeln, die sich eine Sprache erarbeitet haben, statt sie geschenkt zu bekommen. Hier liegt die literarische Stärke des Buches. Schenk baut ein Spiegelspiel auf mehreren Ebenen: Da ist Charlotte als reale Autorin, da ist die Hauptfigur ihres Romans, da ist die Interviewerin mit ihrer eigenen Agenda, und über allem schwebt Sylvie Schenk selbst als Autorin des Ganzen. Die Ebenen verschachteln sich, ohne sich zu verheddern. Das ist literarisches Handwerk auf höchstem Niveau. Was mich besonders beeindruckt hat: Trotz der formalen Komplexität bleibt der Text durchgehend lesbar und emotional erreichbar. Schenk verliert sich nicht in postmoderner Spielerei, sondern bleibt bei dem, worum es eigentlich geht: der Frage, wie wir Liebe erleben, erinnern und erzählen. Wie sich die Erinnerung an eine vergangene Liebe verändert, wenn man sie aufschreibt. Wie die Fiktion das Erlebte überschreibt, oder umgekehrt rettet. „Roman d’amour“ verhandelt große Themen auf kleinem Raum: Liebe, Verlangen, Verlust, Erinnerung, das Schreiben über das Gelebte. Aber auch: das Älterwerden. Die Frage, was Liebe in einem Leben bedeutet, das überwiegend hinter einem liegt. Was bleibt, wenn die Leidenschaft erloschen ist, der Geliebte längst vergangen. Wie wir mit den Geistern der eigenen Vergangenheit umgehen. Was ich besonders schätze: Schenk schreibt mit einer Reife und Weisheit, die das Buch von vielen Liebesromanen jüngerer Autor:innen unterscheidet. Hier ist keine ungestüme Verliebtheit, sondern eine Reflexion darüber, was Liebe nach Jahrzehnten bedeutet. Diese Perspektive ist in der Gegenwartsliteratur selten und macht das Buch zu einer wichtigen Stimme. 128 Seiten – mehr braucht Schenk nicht. Und das ist eine Kunst, die ich vor allem in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur viel zu selten erlebe. Während andere Autor:innen 400 Seiten brauchen, um ihre Themen zu entfalten, verdichtet Schenk auf einem Drittel der Strecke mehr Substanz, mehr Klugheit, mehr Wahrheit. Jeder Satz sitzt, kein Wort ist überflüssig. Das macht aus „Roman d’amour“ ein Buch, das man an einem Nachmittag lesen kann und das gleichzeitig länger nachhallt als so mancher 600-Seiten-Wälzer. Wer literarische Wertarbeit auf engem Raum schätzt (Annie Ernaux, Anne Weber, Marlene Streeruwitz), wird hier abgeholt. Ohne zu spoilern: Das Ende hat es in sich. Schenk hat über die gesamten 128 Seiten Hinweise verteilt, die im Nachhinein eine andere Bedeutung bekommen. Wer aufmerksam liest, wird beim zweiten Lesen Stellen entdecken, die plötzlich neu klingen. Das ist die Sorte literarisches Schluss-Twist, der nicht aufgesetzt wirkt, sondern aus der Konstruktion selbst hervorgeht. Ich habe das Buch tatsächlich ein zweites Mal durchgeblättert, nur um zu sehen, was ich beim ersten Mal übersehen hatte. Und tatsächlich: Schenk legt von Anfang an Spuren, die man erst rückblickend versteht. Das ist literarisches Können. So überzeugt ich von „Roman d’amour“ bin, einen Stern Abzug muss ich machen. Die Konstruktion ist so kunstvoll, dass sie manchmal die emotionale Wucht der Liebesgeschichte selbst überdeckt. Wer einen klassischen Liebesroman erwartet, in dem man mit den Figuren mitfühlt und mitleidet, wird stellenweise auf Abstand gehalten. Schenk reflektiert oft mehr, als sie zeigt. Das ist meine persönliche Anmerkung und vielleicht auch eine Frage des Lesegeschmacks. Wer literarisches Spiel und Reflexion über reine Gefühlsdramatik stellt, wird hier ohnehin keinen Stern abziehen. Mein Fazit: „Roman d’amour“ ist ein literarisches Kleinod – kurz, klug, kunstvoll und mit einer Wendung am Schluss, die nachhallt. Sylvie Schenk hat hier ein Buch geschrieben, das beweist, dass deutschsprachige Gegenwartsliteratur auf höchstem Niveau funktionieren kann, ohne ihre Leser:innen zu überfordern. Klarer Respekt vor einer Autorin, die mit über 70 Jahren immer noch frischer schreibt als viele junge Talente. Wer ein paar wohlige Lesestunden mit literarischer Substanz sucht, sollte unbedingt zu diesem schmalen Band greifen. Und danach vielleicht direkt zu „Maman“ (2023), Schenks Shortlist-Buch für den Deutschen Buchpreis. Empfehlenswert für Fans literarisch ambitionierter Belletristik wie Annie Ernaux, Anne Weber, Marlene Streeruwitz oder Jenny Erpenbeck. Für Leser:innen, die metafiktionale Spiele schätzen, ohne dabei die emotionale Substanz zu verlieren. Auch perfekt für literarische Lesekreise – die offene Konstruktion lädt zu Diskussionen ein. Eher nichts für Leser:innen, die klassische Wohlfühl-Liebesromane suchen, bei verschachtelten Erzählformen schnell die Geduld verlieren oder starke Plot-Bögen mit klaren Auflösungen brauchen.

3

Roman einer Affaire, die Folgen für das Leben aller Beteiligten hat. Ich hatte mir ein bisschen mehr versprochen und mich leider zwischendurch gelangweilt, das (überraschende) Ende hat mir aber wiederum sehr gut gefallen.

3

„Roman d‘ amour“ von Sylvie Schenk Darum geht es: Charlotte Moire hat einen Roman über eine Affäre geschrieben, die sie vor Jahrzehnten mit einem verheirateten Mann hatte. Aus der Erinnerung an Verlangen und Leidenschaft ist Fiktion geworden. Nun aber sitzt ihr, der über Siebzigjährigen, eine beharrlich insistierende Interviewerin gegenüber, vor der sie immer wieder abstreiten muss, diese Geschichte selbst erlebt zu haben. Immer schwerer fällt es Charlotte in ihren Auskünften, zwischen Werk und eigenem Leben zu unterscheiden. Unmerklich fließen die Geschichten zweier Frauen ineinander, die nichts miteinander zu tun haben sollen und doch viel gemein haben. Vielen Dank für diese Leserunde an @gemeinsam.lesen und den #buddyread an @anninaarau. „Roman d’amour“ ist ein etwas anderer Liebesroman. Er geht allerdings nicht um das Verliebt-Sein, sondern um die vielen Facetten der Liebe – hier speziell um Ehebruch und in Anbetracht dessen um die schwierigen Seiten der Liebe. Ich habe sehr lange gebraucht, um in das Buch zu kommen. Das hat einmal an dem Schreibstil gelegen, und zum anderen an den wenig sympathische Protagonisten. Die Geschichte wird auf verschiedenen Ebenen erzählt: Das Interview verschwimmt immer mehr mit den Rückblenden des eigentlich Erlebten und Zitaten aus dem Buch. Charlotte und die Journalistin begegnen sich wie bei einem Duell, der Leer fragt sich warum dem so ist. Und beide wirken dabei durchweg unsympathisch. Ich fand es interessant zu lesen, da es so Abseits meiner Komfortzone ist. Aber ich kann nicht sagen, dass es mir gefallen hat. 3 von 5 Sterne *Unbezahlte Reklame* wegen Markenerkennung und Verlinkung | Cover- und Klappentextrechen liegen beim Hanser Verlag | Buch selbst gekauft

5

“Manchmal sind Worte wie Laternen, sie beleuchten das Gesicht des Sprechenden.“ Und wenn das auch für das geschriebene Wort gilt, dann müsste dieses Buch leuchten und wahnsinnig hell strahlen. Ich habe jedes davon geliebt ♥️

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Ein ungewöhnliches, fesselnd geschriebenes Buch. Eine Autorin wird anläßlich der bevorstehenden Preisverleihung für ihren neuesten Roman interviewt. In dieses Gespräch – das auch einen Ringkampf mit der Interviewerin darstellt – sind die Romanhandlung und eine Liebesgeschichte, die die Autorin vor 25 Jahren erlebte, eingewoben.

3

Ein interessantes kleines Buch. Etwas vergleichbares habe ich bisher noch nicht gelesen. Ein durchaus außergewöhnliches Konzert. Das Buch ist ein Interview zu einer Geschichte in der Geschichte die eine tragische Liebe beschreibt. Und einen kleinen Twist gibt es am Ende auch, der die Geschichte sehr rund macht, wie ich finde.

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Liebesroman. So lautet der Titel dieses Buchs und auch der Titel des Buchs, welches die Protagonistin Charlotte Moire geschrieben hat. Ihre Verlegerin ist begeistert, dass Romantitel dem Genrenamen entspricht. So beginnen die Verwebungen gleich auf dem Buchcover dieses kleinen Büchleins, es wird noch vernetzter, wenn man eintaucht in die drei Handlungsebenen, die uns Sylvie Schenk präsentiert. Charlotte Moire, mittlerweile über 70 Jahre alt, wird nämlich zu einer Literaturpreisverleihung für ihr Werk auf eine Nordseeinsel eingeladen und gibt am Nachmittag vor der Veranstaltung noch ein Interview in einer Hotellobby. Geführt wird das Interview von einer sehr eindringlichen und fast schon verbal übergriffigen Journalistin. Sie fragt so gezielt und persönlich nach, dass Charlotte immer mehr an die reale Geschichte zurückdenken muss, die ihrem Liebesroman zugrunde liegt. Sie hatte nämlich eine Affäre mit einem verheirateten Mann und verbrachte mit ihm eine intensive Romanze in einem Irland-Urlaub. Zunehmend verwischen somit ihr eigentlicher Roman mit ihren Erinnerungen und der Situation in der Lobby. Das ist ziemlich clever konzipiert und hervorragend geschrieben. Das Buch hat einiges in mir ausgelöst, was mich total überrascht hat, denn ich mit eher mit geringen Erwartungen ans Lesen gegangen. Interessant fand ich vor allem, wie unterschiedlich ich die drei Ebene gelesen habe. Während der eigentliche Roman rund um Lew für mich Fiktion war, die ich eher ungeduldig aufnahm in der Hoffnung, dass es bald mit Ludo und Charlotte in Irland und vor allem Charlotte und Interviewerin weitergehe. Dabei ist das ja auch nur Fiktion. Aber mein Leserhirn macht da Abstufungen, was ich als real empfinde. Dann verstehe ich auch eher, warum so viele Leser/innen diese innigen Beziehungen zu ihren Figuren knüpfen, es ihnen sogar wichtig ist, ob ein Charakter sympathisch oder unsympathisch im Buch ist. Aber hier bin ich auch in die Falle getappt, dass ich in der Fiktion einen Wahrheitsgehalt und eine Authentizität gesehen, die es tatsächlich gar nicht geben kann. In wie weit können wir als Leser uns denn anmaßen, eine Figur in einem 130 Seiten Büchlein zu analysieren, um ihr Verhalten zu verstehen? „Diese Personen sind meine Kopfgeburten, zwangsläufig sind sie von mir geprägt, tragen Züge von mir, sogar der männliche Protagonist ist Teil von mir. In jedem Buch erfinde ich mich und Menschen, die mir nahe sind, neu.“ sagt die Charlotte an einer Stelle zu der Journalistin als das Interview immer mehr zu einer psychologischen Kriegsführung mit gespielter Freundlichkeit wird. Die Interviewerin stand lange für mich als Symbol für eine neugierige Leserschaft, die immer mehr über eine Figur und eine Geschichte wissen will, als das Buch und die Autorin es hergeben. Charlotte entgleitet die Deutungshoheit über ihre Geschichte durch die insistierenden Fragen der Journalistin. Obwohl sie es nicht will, verschwindet der fiktive Lew plötzlich hinter ihrem realen Ludo, den sie so geliebt hatte. Warum ist das eigentlich in der Literatur so extrem, dass es der Leserschaft wichtig ist, ob ein Werk autobiographisch ist? Der Alter Ego des Schriftstellers, die Mary Sue der Schriftstellerin: warum ist das so wichtig für uns Leserschaft? Gewinnt ein Buch dann an Qualität, weil es echter ist (kann man den Begriff „echt“ überhaupt steigern?)? Diese Frage hat ich mir in dieser Form noch nie so gestellt. Warum fragt man bei einem Komponisten nicht, ob seine Musik autobiografisch ist? Diese im Buch gestellte Frage fand ich interessant. Bei den Lyrics ist das etwas anderes, da wird die Frage schon gestellt. Was sagt das generell über die Ausdrucksmöglichkeiten eines Künstlers aus? Macht es Schriftsteller/innen ganz besonders verletzlich, denn der Blick in ihre Seelen sind durch die Wörter viel klarer als das eine Musiknote oder Pinselstrich bewerkstelligen können. Der Schluss ist dann noch besonders raffiniert und geht schon fast in Richtung Psychothriller. Ein wirklich unerwartet gutes Buch, welches man auf verschiedene Arten lesen kann: rein als Liebesroman oder als Psychokammerspiel oder als Reflexion über den eigenen Umgang mit fiktiven Figuren oder einfach nur zwecks guter Unterhaltung.

4

Der Roman d’amour ist ein feines Stück Literatur, der mit Literatur spielt, indem er nicht nur oder nur vordergründig ein Liebesroman über eine Mann-Frau-Beziehung ist, sondern eigentlich ein Roman, der die Liebe zur Literatur und ihre Möglichkeiten reflektiert. Die Protagonistin Charlotte hat einen Roman über eine Affäre geschrieben. Passagen aus diesem Roman-im-Roman kann der Leser immer wieder verfolgen und so entsteht bereits im Konstrukt der Metafiktion ein anspruchsvolles Spiel mit den Ebenen, die sich immer mehr vermischen und verweben und vom Leser nur mit viel Konzentration getrennt werden können. Dass diese Trennung zunehmend schwieriger gerät, liegt auch an der Antagonistin Frau Sittich, einer Journalistin, die Charlotte im Hinblick auf eine anstehende Preisverleihung interviewt und immer wieder nahelegt, dass Charlotte und die Hauptfigur des Romans-im-Roman ein und dieselbe Person seien bzw. Charlotte persönliche Erlebnisse in ihrem Roman verarbeitet. Natürlich ist dies unprofessionell und widerspricht der grundsätzlichen literaturwissenschaftlichen Separierung von Autor und Erzählinstanz, in der Art und Weise wie Charlotte agiert und reagiert, kann dem Leser aber durchaus der Gedanke kommen, dass der Leser durch den Roman zu einem Bruch mit dieser Grundlage verführt werden soll – was natürlich in Anbetracht der Tatsache, dass auch Charlotte ja nur eine fiktionale Autorin ist ein sehr spannendes Gedankenspiel wird. Gleichzeitig entsteht in der Auseinandersetzung der Frauen fast eine Kammerspiel-Atmosphäre, die in der Figurenzeichnung von Charlottes einseitiger Wahrnehmung bestimmt wird und die Journalistin von Anfang an in einem negativen Licht erscheinen lässt. So oder so ist Roman d’amour ein sehr präziser, sehr dichter und sehr gut konzipierter längerer Kommentar auf autofiktionale Texte und auf Selbstreflexion, auf die schreibende Aufarbeitung von emotionalen Verletzungen und die Beziehung von Autor und Werk. All dies ist in den 128 Seiten gut angelegt, dass einzige, was stört ist, dass Schenk in ihrem Text manchmal Erkenntnisse ausspricht, zu denen der Leser besser selbst gekommen wäre (eben die Auseinandersetzung mit der Autofiktion oder der bedeutungsschwere Nachname der Journalistin). Besonders gelungen ist das Ende, das ein großartiges Echo auf den Einsatz von Wetterphänomenen in der Literatur darstellt und gleichzeitig noch einmal zeigt, zu welchen sprachlich virtuosen Höhenflügen die Autorin fähig ist. Gerade die letzten Seiten sind äußerst beeindruckend und schaffen außergewöhnliche Verbindungen. Konzeptionell und technisch ist der Roman sehr gelungen. Er bietet trotz seiner Kürze ausgesprochen viele Analyseansätze an und konnte mich auch auf dieser Ebene absolut packen. Allerdings – so paradox es klingen mag – hat mich die Liebe und die Emotion nicht ganz erreicht, sodass ich nicht bis in die letzte Faser meines Herzens begeistert bin.

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Liebesroman. So lautet der Titel dieses Buchs und auch der Titel des Buchs, welches die Protagonistin Charlotte Moire geschrieben hat. Ihre Verlegerin ist begeistert, dass Romantitel dem Genrenamen entspricht. So beginnen die Verwebungen gleich auf dem Buchcover dieses kleinen Büchleins, es wird noch vernetzter, wenn man eintaucht in die drei Handlungsebenen, die uns Sylvie Schenk präsentiert. Charlotte Moire, mittlerweile über 70 Jahre alt, wird nämlich zu einer Literaturpreisverleihung für ihr Werk auf eine Nordseeinsel eingeladen und gibt am Nachmittag vor der Veranstaltung noch ein Interview in einer Hotellobby. Geführt wird das Interview von einer sehr eindringlichen und fast schon verbal übergriffigen Journalistin. Sie fragt so gezielt und persönlich nach, dass Charlotte immer mehr an die reale Geschichte zurückdenken muss, die ihrem Liebesroman zugrunde liegt. Sie hatte nämlich eine Affäre mit einem verheirateten Mann und verbrachte mit ihm eine intensive Romanze in einem Irland-Urlaub. Zunehmend verwischen somit ihr eigentlicher Roman mit ihren Erinnerungen und der Situation in der Lobby. Das ist ziemlich clever konzipiert und hervorragend geschrieben. Das Buch hat einiges in mir ausgelöst, was mich total überrascht hat, denn ich mit eher mit geringen Erwartungen ans Lesen gegangen. Interessant fand ich vor allem, wie unterschiedlich ich die drei Ebene gelesen habe. Während der eigentliche Roman rund um Lew für mich Fiktion war, die ich eher ungeduldig aufnahm in der Hoffnung, dass es bald mit Ludo und Charlotte in Irland und vor allem Charlotte und Interviewerin weitergehe. Dabei ist das ja auch nur Fiktion. Aber mein Leserhirn macht da Abstufungen, was ich als real empfinde. Dann verstehe ich auch eher, warum so viele Leser/innen diese innigen Beziehungen zu ihren Figuren knüpfen, es ihnen sogar wichtig ist, ob ein Charakter sympathisch oder unsympathisch im Buch ist. Aber hier bin ich auch in die Falle getappt, dass ich in der Fiktion einen Wahrheitsgehalt und eine Authentizität gesehen, die es tatsächlich gar nicht geben kann. In wie weit können wir als Leser uns denn anmaßen, eine Figur in einem 130 Seiten Büchlein zu analysieren, um ihr Verhalten zu verstehen? „Diese Personen sind meine Kopfgeburten, zwangsläufig sind sie von mir geprägt, tragen Züge von mir, sogar der männliche Protagonist ist Teil von mir. In jedem Buch erfinde ich mich und Menschen, die mir nahe sind, neu.“ sagt die Charlotte an einer Stelle zu der Journalistin als das Interview immer mehr zu einer psychologischen Kriegsführung mit gespielter Freundlichkeit wird. Die Interviewerin stand lange für mich als Symbol für eine neugierige Leserschaft, die immer mehr über eine Figur und eine Geschichte wissen will, als das Buch und die Autorin es hergeben. Charlotte entgleitet die Deutungshoheit über ihre Geschichte durch die insistierenden Fragen der Journalistin. Obwohl sie es nicht will, verschwindet der fiktive Lew plötzlich hinter ihrem realen Ludo, den sie so geliebt hatte. Warum ist das eigentlich in der Literatur so extrem, dass es der Leserschaft wichtig ist, ob ein Werk autobiographisch ist? Der Alter Ego des Schriftstellers, die Mary Sue der Schriftstellerin: warum ist das so wichtig für uns Leserschaft? Gewinnt ein Buch dann an Qualität, weil es echter ist (kann man den Begriff „echt“ überhaupt steigern?)? Diese Frage hat ich mir in dieser Form noch nie so gestellt. Warum fragt man bei einem Komponisten nicht, ob seine Musik autobiografisch ist? Diese im Buch gestellte Frage fand ich interessant. Bei den Lyrics ist das etwas anderes, da wird die Frage schon gestellt. Was sagt das generell über die Ausdrucksmöglichkeiten eines Künstlers aus? Macht es Schriftsteller/innen ganz besonders verletzlich, denn der Blick in ihre Seelen sind durch die Wörter viel klarer als das eine Musiknote oder Pinselstrich bewerkstelligen können. Der Schluss ist dann noch besonders raffiniert und geht schon fast in Richtung Psychothriller. Ein wirklich unerwartet gutes Buch, welches man auf verschiedene Arten lesen kann: rein als Liebesroman oder als Psychokammerspiel oder als Reflexion über den eigenen Umgang mit fiktiven Figuren oder einfach nur zwecks guter Unterhaltung.

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