Ein literarisch raffiniertes Kleinod über Liebe, Erinnerung und das Erzählen selbst – kurz, klug, kunstvoll.
Wenn die Erinnerung an eine Liebe zur Fiktion wird Charlotte Moire ist über siebzig, Schriftstellerin und Preisträgerin. Ihr neuer Roman handelt von einer leidenschaftlichen Affäre, die sie vor Jahrzehnten mit einem verheirateten Mann hatte – aus Erinnerung an Verlangen und Hingabe ist Fiktion geworden. Doch eine beharrliche Interviewerin lässt nicht locker. Sie scheint mehr zu ahnen, als sie sagt. Hat Charlotte ihren eigenen Liebesschmerz geschrieben? Wie viel davon ist wahr? Wie viel erfunden? Mit jeder Antwort verschwimmt die Grenze. Die Geschichten der beiden Frauen, der Autorin Charlotte und ihrer Romanfigur, fließen unmerklich ineinander, bis am Ende nicht mehr klar ist, wer hier eigentlich wessen Leben erzählt. Schenk konstruiert ein kunstvolles Spiegelspiel aus Erlebtem, Erinnertem und Fantasiertem, mit einer überraschenden Wendung am Schluss, die manche Leser:innen den Roman gleich nochmal lesen lässt. Sylvie Schenk schreibt mit einer Klarheit und Präzision, die selten ist. Ihre Sätze sind schnörkellos, aber nie kalt, ihre Bilder treffend, aber nie aufdringlich. Diese Frau weiß, was sie tut, und sie tut es mit einer Souveränität, die nur durch jahrzehntelange schriftstellerische Arbeit entsteht. Wer Sätze liebt, die scheinbar leichthin daherkommen und in Wahrheit präzise gemeißelt sind, wird hier glücklich. Bemerkenswert: Schenk wurde 1944 in Frankreich geboren und schreibt erst seit 1992 auf Deutsch, also in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist. Genau das spürt man in ihrer Sprache: eine leise Distanz, eine Wachheit für jedes Wort, eine Eleganz, die wohl nur Autor:innen entwickeln, die sich eine Sprache erarbeitet haben, statt sie geschenkt zu bekommen. Hier liegt die literarische Stärke des Buches. Schenk baut ein Spiegelspiel auf mehreren Ebenen: Da ist Charlotte als reale Autorin, da ist die Hauptfigur ihres Romans, da ist die Interviewerin mit ihrer eigenen Agenda, und über allem schwebt Sylvie Schenk selbst als Autorin des Ganzen. Die Ebenen verschachteln sich, ohne sich zu verheddern. Das ist literarisches Handwerk auf höchstem Niveau. Was mich besonders beeindruckt hat: Trotz der formalen Komplexität bleibt der Text durchgehend lesbar und emotional erreichbar. Schenk verliert sich nicht in postmoderner Spielerei, sondern bleibt bei dem, worum es eigentlich geht: der Frage, wie wir Liebe erleben, erinnern und erzählen. Wie sich die Erinnerung an eine vergangene Liebe verändert, wenn man sie aufschreibt. Wie die Fiktion das Erlebte überschreibt, oder umgekehrt rettet. „Roman d’amour“ verhandelt große Themen auf kleinem Raum: Liebe, Verlangen, Verlust, Erinnerung, das Schreiben über das Gelebte. Aber auch: das Älterwerden. Die Frage, was Liebe in einem Leben bedeutet, das überwiegend hinter einem liegt. Was bleibt, wenn die Leidenschaft erloschen ist, der Geliebte längst vergangen. Wie wir mit den Geistern der eigenen Vergangenheit umgehen. Was ich besonders schätze: Schenk schreibt mit einer Reife und Weisheit, die das Buch von vielen Liebesromanen jüngerer Autor:innen unterscheidet. Hier ist keine ungestüme Verliebtheit, sondern eine Reflexion darüber, was Liebe nach Jahrzehnten bedeutet. Diese Perspektive ist in der Gegenwartsliteratur selten und macht das Buch zu einer wichtigen Stimme. 128 Seiten – mehr braucht Schenk nicht. Und das ist eine Kunst, die ich vor allem in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur viel zu selten erlebe. Während andere Autor:innen 400 Seiten brauchen, um ihre Themen zu entfalten, verdichtet Schenk auf einem Drittel der Strecke mehr Substanz, mehr Klugheit, mehr Wahrheit. Jeder Satz sitzt, kein Wort ist überflüssig. Das macht aus „Roman d’amour“ ein Buch, das man an einem Nachmittag lesen kann und das gleichzeitig länger nachhallt als so mancher 600-Seiten-Wälzer. Wer literarische Wertarbeit auf engem Raum schätzt (Annie Ernaux, Anne Weber, Marlene Streeruwitz), wird hier abgeholt. Ohne zu spoilern: Das Ende hat es in sich. Schenk hat über die gesamten 128 Seiten Hinweise verteilt, die im Nachhinein eine andere Bedeutung bekommen. Wer aufmerksam liest, wird beim zweiten Lesen Stellen entdecken, die plötzlich neu klingen. Das ist die Sorte literarisches Schluss-Twist, der nicht aufgesetzt wirkt, sondern aus der Konstruktion selbst hervorgeht. Ich habe das Buch tatsächlich ein zweites Mal durchgeblättert, nur um zu sehen, was ich beim ersten Mal übersehen hatte. Und tatsächlich: Schenk legt von Anfang an Spuren, die man erst rückblickend versteht. Das ist literarisches Können. So überzeugt ich von „Roman d’amour“ bin, einen Stern Abzug muss ich machen. Die Konstruktion ist so kunstvoll, dass sie manchmal die emotionale Wucht der Liebesgeschichte selbst überdeckt. Wer einen klassischen Liebesroman erwartet, in dem man mit den Figuren mitfühlt und mitleidet, wird stellenweise auf Abstand gehalten. Schenk reflektiert oft mehr, als sie zeigt. Das ist meine persönliche Anmerkung und vielleicht auch eine Frage des Lesegeschmacks. Wer literarisches Spiel und Reflexion über reine Gefühlsdramatik stellt, wird hier ohnehin keinen Stern abziehen. Mein Fazit: „Roman d’amour“ ist ein literarisches Kleinod – kurz, klug, kunstvoll und mit einer Wendung am Schluss, die nachhallt. Sylvie Schenk hat hier ein Buch geschrieben, das beweist, dass deutschsprachige Gegenwartsliteratur auf höchstem Niveau funktionieren kann, ohne ihre Leser:innen zu überfordern. Klarer Respekt vor einer Autorin, die mit über 70 Jahren immer noch frischer schreibt als viele junge Talente. Wer ein paar wohlige Lesestunden mit literarischer Substanz sucht, sollte unbedingt zu diesem schmalen Band greifen. Und danach vielleicht direkt zu „Maman“ (2023), Schenks Shortlist-Buch für den Deutschen Buchpreis. Empfehlenswert für Fans literarisch ambitionierter Belletristik wie Annie Ernaux, Anne Weber, Marlene Streeruwitz oder Jenny Erpenbeck. Für Leser:innen, die metafiktionale Spiele schätzen, ohne dabei die emotionale Substanz zu verlieren. Auch perfekt für literarische Lesekreise – die offene Konstruktion lädt zu Diskussionen ein. Eher nichts für Leser:innen, die klassische Wohlfühl-Liebesromane suchen, bei verschachtelten Erzählformen schnell die Geduld verlieren oder starke Plot-Bögen mit klaren Auflösungen brauchen.








