Mitte des Lebens
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Description
Book Information
Author Description
Barbara Bleisch lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich, wo sie auch als Dozentin tätig ist. Seit 2010 moderiert sie die Sendung »Sternstunde Philosophie«, seit 2025 zusätzlich den eigenen Podcast „Zimmer 42" beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Sie ist Co-Intendantin des „Philosophicum Lech“ und gibt im Zsolnay Verlag gemeinsam mit Konrad Paul Liessmann die gleichnamige Buchreihe heraus. Bei Hanser erschienen: »Warum wir unseren Eltern nichts schulden« (2018), »Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung« (2020) und »Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre« (2024).
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Die Illusion der geordneten Mitte
Wie führen wir ein erfülltes Leben und was bedeutet es, sich in der Lebensmitte zu orientieren und eventuell sogar neu zu positionieren? Bleisch greift dabei auf andere philosophische Überlegungen zurück, etwa den Sinnbegriff bei Susan Wolf: Ein Leben gilt dann als sinnvoll, wenn es nicht nur subjektiv als erfüllend erlebt wird, sondern auch objektiv einen Beitrag zu etwas von Wert leistet, der über das eigene Ich hinausreicht. Sinnstiftendes Handeln ist immer auf einen Wertbezug außerhalb reiner Eigeninteressen angewiesen – ein zentrales Motiv, das sie mit vielen Beispielen veranschaulicht. Mir gefiel ihre Analyse der sogenannten Hochebene oder des Plateaus der Lebensmitte. Demnach bleibt die Erwartung, irgendwann einen Zustand vollkommener Ordnung und Zufriedenheit zu erreichen, eine Illusion. Schön beschreibt das die Figur des Michael Beard in Ian McEwans Roman „Solar“, der feststellen muss, dass der Traum von der vollendeten Organisation – alle E-Mails beantwortet, alle Bücher alphabetisch geordnet, das Privatleben ruhig und sortiert – eine Fiktion ist. Vielmehr bleibt das Streben nach Vollständigkeit und Endgültigkeit in der Organisation des Lebens immer unerfüllt – und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Lebenssinn und Lebendigkeit entstehen. Gut fand ich auch den Wert der Ironie beim Rückblick. Jungen Menschen fällt ironische Brechung oft schwer, erst in der Distanz merken wir, dass wir uns selbst nicht so tragisch ernst nehmen sollten. Dann wird es leichter, das eigene Leben und die früheren Sorgen mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten. Das fällt jungen Menschen häufig schwer, da sie noch mitten in der Entwicklung und Selbstfindung stecken. Ein guter Blick auf die Gen Z finde ich. Letztlich verbindet „Die Mitte des Lebens“ philosophische Reflexion, literarische Beispiele und lebensnahe Beobachtungen zu einer Meditation über das Erwachsensein und den Sinn der Lebensmitte: Einer Meditation offen gegenüber Unordnung, Selbstironie und bleibenden Wertfragen. Lesenswert.
Als ich dies hier schreibe, bin ich 42 Jahre alt. Wenn ich Glück habe und die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in Deutschland von etwa 82 Jahren erreiche, habe ich die Hälfte meines Lebens bereits hinter mir. Ein Gedanke, der sich immer wieder anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht und ich denke ihn in letzter Zeit ziemlich oft. Immerhin steht die zweite Halbzeit an - und danach: Schluss, Ende, Aus, Micky Maus. Und keiner weiß ja, ob ich sie bis zum Ende "durchspielen" werde, das kommt ja noch hinzu. Puh, ich kann nur sagen “Midlife Crisis” kicks hard. Es stellen sich halt so Fragen wie: Hat man genug erlebt? Passt man zu dem Leben, das man jetzt führt? Wie ist der Status Quo und was kriegt man in der nächsten und - OMG - letzten Hälfte noch unter? Eine deprimierende Halbzeitpause. Andererseits: Ich war eigentlich auch noch nie glücklicher in meinem Leben als ich es derzeit bin, irgendwie ist man angekommen. Dieses Gefühlswirrwarr in einer rationalen Weise aufgedröselt zu bekommen, erhoffte ich mir von “Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre” von Barbara Bleisch. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise durch die “Lebensmitte”, die, natürlich nur im Durchschnitt, mit etwa 40 Jahren beginnt und irgendwo mit 60plus endet. Philosophisch wurde bislang wohl eher wenig explizit über diese mittleren Jahre nachgedacht und “Mitte des Lebens” ist insofern etwas Neues. Die Autorin möchte Versuche präsentieren, diese “Lebensphase zu verstehen, die allzu oft nur als düster und verworren dargestellt” (37) werde, und doch die “potentiell beste Zeit unseres Lebens” (37) sein könne. Barbara Bleisch möchte nicht nur über die “Krisenanfälligkeit” (33) der mittleren Jahre nachdenken, sondern auch über das Potenzial der “reichen Fülle” (33), die diese Jahre zu bieten haben. Der Angang mit Literatur- und Quellenverzeichnis beträgt 28 kleingeschriebene Seiten. Dementsprechend kann man sich vorstellen, wie sehr dieses Buch aus Zitaten und sekundären Gedanken anderer besteht, die die Autorin für ihre eigene Argumentationslinie zusammenkleistert. Der Ton ist dezidiert ein wissenschaftlicher und das muss man als Leser:in freilich mögen. Hier nimmt uns nicht eine ebenfalls von den mittleren Jahren “betroffene” Freundin an die Hand, sondern eine waschechte Philosophin, die ihre Sekundärliteratur aber auch zahlreiche Filme und belletristische Bücher kennt und gar nicht so viele “originäre” Tipps zu geben vermag: Alles ist schon irgendwie irgendwo gedacht, gezeigt und geschrieben worden, man muss es nur thematisch ordnen und zusammentragen können. Das kann Barbara Bleisch hervorragend. Ich habe viele positive Impulse mitgenommen aus diesem Buch. Zum Beispiel hat mich das Kapitel über die “Wunder des Lebens” bzw. den “fehlenden Glanz” (210ff.) besonders beeindruckt. Leben im und für den einzigartigen Moment, das ist doch das, was wir in jeder Lebensphase machen sollten. Dennoch sollte man diesem Buch mit einem gewissen gefertigten Geist begegnen, um es richtig schätzen zu können. Allzu orientierungslos sollte man nicht gerade sein, auch als leichte Bettlektüre kann ich es nicht empfehlen. Man braucht definitiv alle Sinne, es ist keine sogenannte “leichte Lektüre”. Auch kann es durch die häufige Erwähnung des Themas Tod etwas deprimierend sein. Ein sehr gutes Sachbuch, das definitiv zum Nachdenken anregt über den eigenen Lebensweg und vor allem darüber, wie wir die “mittleren Jahre” für uns gewinnbringend gestalten.

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Barbara Bleisch lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich, wo sie auch als Dozentin tätig ist. Seit 2010 moderiert sie die Sendung »Sternstunde Philosophie«, seit 2025 zusätzlich den eigenen Podcast „Zimmer 42" beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Sie ist Co-Intendantin des „Philosophicum Lech“ und gibt im Zsolnay Verlag gemeinsam mit Konrad Paul Liessmann die gleichnamige Buchreihe heraus. Bei Hanser erschienen: »Warum wir unseren Eltern nichts schulden« (2018), »Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung« (2020) und »Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre« (2024).
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Die Illusion der geordneten Mitte
Wie führen wir ein erfülltes Leben und was bedeutet es, sich in der Lebensmitte zu orientieren und eventuell sogar neu zu positionieren? Bleisch greift dabei auf andere philosophische Überlegungen zurück, etwa den Sinnbegriff bei Susan Wolf: Ein Leben gilt dann als sinnvoll, wenn es nicht nur subjektiv als erfüllend erlebt wird, sondern auch objektiv einen Beitrag zu etwas von Wert leistet, der über das eigene Ich hinausreicht. Sinnstiftendes Handeln ist immer auf einen Wertbezug außerhalb reiner Eigeninteressen angewiesen – ein zentrales Motiv, das sie mit vielen Beispielen veranschaulicht. Mir gefiel ihre Analyse der sogenannten Hochebene oder des Plateaus der Lebensmitte. Demnach bleibt die Erwartung, irgendwann einen Zustand vollkommener Ordnung und Zufriedenheit zu erreichen, eine Illusion. Schön beschreibt das die Figur des Michael Beard in Ian McEwans Roman „Solar“, der feststellen muss, dass der Traum von der vollendeten Organisation – alle E-Mails beantwortet, alle Bücher alphabetisch geordnet, das Privatleben ruhig und sortiert – eine Fiktion ist. Vielmehr bleibt das Streben nach Vollständigkeit und Endgültigkeit in der Organisation des Lebens immer unerfüllt – und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Lebenssinn und Lebendigkeit entstehen. Gut fand ich auch den Wert der Ironie beim Rückblick. Jungen Menschen fällt ironische Brechung oft schwer, erst in der Distanz merken wir, dass wir uns selbst nicht so tragisch ernst nehmen sollten. Dann wird es leichter, das eigene Leben und die früheren Sorgen mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten. Das fällt jungen Menschen häufig schwer, da sie noch mitten in der Entwicklung und Selbstfindung stecken. Ein guter Blick auf die Gen Z finde ich. Letztlich verbindet „Die Mitte des Lebens“ philosophische Reflexion, literarische Beispiele und lebensnahe Beobachtungen zu einer Meditation über das Erwachsensein und den Sinn der Lebensmitte: Einer Meditation offen gegenüber Unordnung, Selbstironie und bleibenden Wertfragen. Lesenswert.
Als ich dies hier schreibe, bin ich 42 Jahre alt. Wenn ich Glück habe und die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in Deutschland von etwa 82 Jahren erreiche, habe ich die Hälfte meines Lebens bereits hinter mir. Ein Gedanke, der sich immer wieder anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht und ich denke ihn in letzter Zeit ziemlich oft. Immerhin steht die zweite Halbzeit an - und danach: Schluss, Ende, Aus, Micky Maus. Und keiner weiß ja, ob ich sie bis zum Ende "durchspielen" werde, das kommt ja noch hinzu. Puh, ich kann nur sagen “Midlife Crisis” kicks hard. Es stellen sich halt so Fragen wie: Hat man genug erlebt? Passt man zu dem Leben, das man jetzt führt? Wie ist der Status Quo und was kriegt man in der nächsten und - OMG - letzten Hälfte noch unter? Eine deprimierende Halbzeitpause. Andererseits: Ich war eigentlich auch noch nie glücklicher in meinem Leben als ich es derzeit bin, irgendwie ist man angekommen. Dieses Gefühlswirrwarr in einer rationalen Weise aufgedröselt zu bekommen, erhoffte ich mir von “Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre” von Barbara Bleisch. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise durch die “Lebensmitte”, die, natürlich nur im Durchschnitt, mit etwa 40 Jahren beginnt und irgendwo mit 60plus endet. Philosophisch wurde bislang wohl eher wenig explizit über diese mittleren Jahre nachgedacht und “Mitte des Lebens” ist insofern etwas Neues. Die Autorin möchte Versuche präsentieren, diese “Lebensphase zu verstehen, die allzu oft nur als düster und verworren dargestellt” (37) werde, und doch die “potentiell beste Zeit unseres Lebens” (37) sein könne. Barbara Bleisch möchte nicht nur über die “Krisenanfälligkeit” (33) der mittleren Jahre nachdenken, sondern auch über das Potenzial der “reichen Fülle” (33), die diese Jahre zu bieten haben. Der Angang mit Literatur- und Quellenverzeichnis beträgt 28 kleingeschriebene Seiten. Dementsprechend kann man sich vorstellen, wie sehr dieses Buch aus Zitaten und sekundären Gedanken anderer besteht, die die Autorin für ihre eigene Argumentationslinie zusammenkleistert. Der Ton ist dezidiert ein wissenschaftlicher und das muss man als Leser:in freilich mögen. Hier nimmt uns nicht eine ebenfalls von den mittleren Jahren “betroffene” Freundin an die Hand, sondern eine waschechte Philosophin, die ihre Sekundärliteratur aber auch zahlreiche Filme und belletristische Bücher kennt und gar nicht so viele “originäre” Tipps zu geben vermag: Alles ist schon irgendwie irgendwo gedacht, gezeigt und geschrieben worden, man muss es nur thematisch ordnen und zusammentragen können. Das kann Barbara Bleisch hervorragend. Ich habe viele positive Impulse mitgenommen aus diesem Buch. Zum Beispiel hat mich das Kapitel über die “Wunder des Lebens” bzw. den “fehlenden Glanz” (210ff.) besonders beeindruckt. Leben im und für den einzigartigen Moment, das ist doch das, was wir in jeder Lebensphase machen sollten. Dennoch sollte man diesem Buch mit einem gewissen gefertigten Geist begegnen, um es richtig schätzen zu können. Allzu orientierungslos sollte man nicht gerade sein, auch als leichte Bettlektüre kann ich es nicht empfehlen. Man braucht definitiv alle Sinne, es ist keine sogenannte “leichte Lektüre”. Auch kann es durch die häufige Erwähnung des Themas Tod etwas deprimierend sein. Ein sehr gutes Sachbuch, das definitiv zum Nachdenken anregt über den eigenen Lebensweg und vor allem darüber, wie wir die “mittleren Jahre” für uns gewinnbringend gestalten.







