Die Illusion der geordneten Mitte
Wie führen wir ein erfülltes Leben und was bedeutet es, sich in der Lebensmitte zu orientieren und eventuell sogar neu zu positionieren? Bleisch greift dabei auf andere philosophische Überlegungen zurück, etwa den Sinnbegriff bei Susan Wolf: Ein Leben gilt dann als sinnvoll, wenn es nicht nur subjektiv als erfüllend erlebt wird, sondern auch objektiv einen Beitrag zu etwas von Wert leistet, der über das eigene Ich hinausreicht. Sinnstiftendes Handeln ist immer auf einen Wertbezug außerhalb reiner Eigeninteressen angewiesen – ein zentrales Motiv, das sie mit vielen Beispielen veranschaulicht. Mir gefiel ihre Analyse der sogenannten Hochebene oder des Plateaus der Lebensmitte. Demnach bleibt die Erwartung, irgendwann einen Zustand vollkommener Ordnung und Zufriedenheit zu erreichen, eine Illusion. Schön beschreibt das die Figur des Michael Beard in Ian McEwans Roman „Solar“, der feststellen muss, dass der Traum von der vollendeten Organisation – alle E-Mails beantwortet, alle Bücher alphabetisch geordnet, das Privatleben ruhig und sortiert – eine Fiktion ist. Vielmehr bleibt das Streben nach Vollständigkeit und Endgültigkeit in der Organisation des Lebens immer unerfüllt – und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Lebenssinn und Lebendigkeit entstehen. Gut fand ich auch den Wert der Ironie beim Rückblick. Jungen Menschen fällt ironische Brechung oft schwer, erst in der Distanz merken wir, dass wir uns selbst nicht so tragisch ernst nehmen sollten. Dann wird es leichter, das eigene Leben und die früheren Sorgen mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten. Das fällt jungen Menschen häufig schwer, da sie noch mitten in der Entwicklung und Selbstfindung stecken. Ein guter Blick auf die Gen Z finde ich. Letztlich verbindet „Die Mitte des Lebens“ philosophische Reflexion, literarische Beispiele und lebensnahe Beobachtungen zu einer Meditation über das Erwachsensein und den Sinn der Lebensmitte: Einer Meditation offen gegenüber Unordnung, Selbstironie und bleibenden Wertfragen. Lesenswert.



