Guldenberg

Guldenberg

Hardback
4.19
KleinstadtGenerationenromanProvinzDdr

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Description

In dem kleinen Städtchen Bad Guldenberg ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls, bis im Alten Seglerheim eine Gruppe minderjähriger Migranten untergebracht wird. Die Guldenberger sind sich einig: Diese Fremden passen einfach nicht in den Ort und sorgen nur für Unruhe. Mehr und mehr heizt die Stimmung sich auf, es kommt zu Pöbeleien, und als dann noch das Gerücht die Runde macht, eine junge Frau sei vergewaltigt worden, sind sich alle schnell einig, dass es einer der jungen Migranten gewesen sein muss. Und das wollen die Guldenberger nicht hinnehmen …

Christoph Heins neuer Roman zeichnet das Sittengemälde einer Gesellschaft, die aus den Fugen gerät. Von Menschen, die sich als Opfer sehen und dabei Täter werden. Von Rassismus, wie er uns jeden Tag überall begegnet.

Book Information

Main Genre
Novels
Sub Genre
Generational Novels
Format
Hardback
Pages
284
Price
23.70 €

Author Description

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut. Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis. Sein jüngster Roman Das Narrenschiff stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Posts

2
All
3.5

Christoph Hein greift mit „Guldenberg” das leider weiterhin hochaktuelle Thema Fremdenfeindlichkeit auf. Das Buch ist klar geschrieben und gut gemeint, aber die Figuren bleiben Schablonen und wichtige Handlungsstränge enden im Nichts. Ein wichtiges, aber literarisch nicht überzeugendes Buch.

Manche Bücher sind wie ein Spiegel, den man vorgehalten bekommt, unbequem, notwendig, manchmal schmerzlich klar. Christoph Hein, aus meiner Sicht einer der wichtigsten Chronisten unserer Zeit, hält der Gesellschaft mit „Guldenberg” genau so einen Spiegel hin. Doch diesmal blieb das Bild seltsam flach, als hätte die Glasoberfläche mehr reflektiert als offenbart. Die Geschichte klingt vertraut, Minderjährige Flüchtlinge kommen in die ostdeutsche Kleinstadt Bad Guldenberg, und was folgt, kennt man aus den Nachrichten Gerüchte, Angst, Hass, schließlich ein Brandanschlag auf das Seglerheim. Hein zeigt präzise, wie aus diffusem Unbehagen offene Gewalt wird, wie die schweigende Mehrheit wegschaut. Das Thema könnte aktueller nicht sein. Der Schreibstil von Herrn Hein ist klar und zugänglich, die Handlung entwickelt sich ohne Umwege. Ich habe das Buch zügig durchgelesen, weil Hein nicht um den heißen Brei herumredet. Die Mechanismen der Ausgrenzung werden sichtbar gemacht, wie Vorurteile sich verfestigen, wie Hetzer die Stimmung anheizen, wie eine ganze Stadt wegschaut. Heins Absicht, den Leser zum Nachdenken über diese Entwicklungen zu bringen, ist ehrenwert und dringend nötig. Aber genau da liegt das Problem. Alles wirkt zu durchsichtig konstruiert. Der zaudernde Bürgermeister, der hilflose Pfarrer, der rechte Scharfmacher, diese Figuren erfüllen ihre Funktion, aber sie leben nicht. Niemand hat mich überrascht, niemand ist mir wirklich nahegegangen. Auch der Brandanschlag auf das Seglerheim bleibt merkwürdig konsequenzenlos. Zwar wird das Heim geschlossen und die Jugendlichen auf andere Gemeinden verteilt, aber die Täter? Bleiben im Dunkeln, werden nie gefasst, später nicht einmal mehr erwähnt. Solche offenen Enden ziehen sich durch das ganze Buch, Handlungsstränge, die einfach versanden. „Guldenberg” ist ein Buch, das geschrieben werden musste, gerade in unserer Zeit. Hein greift ein dringendes Thema auf und macht wichtige gesellschaftliche Mechanismen sichtbar. Aber literarisch bleibt es hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es ist ein Wegweiser, kein Kunstwerk. Wichtig, aber nicht berührend.

4

Mit dieser knackigen kleinen Geschichte über eine deutsche Kleinstadt in den 2020er Jahren wirft Christoph Hein einen meiner Meinung nach ziemlich treffenden Blick auf – vereinfacht gesagt – das heutige Deutschland. Als Bad Guldenberg ein Dutzend jugendliche Flüchtlinge aufnimmt (bzw. aufnehmen muss), führt das bei vielen im Ort zu Vorbehalten, Misstrauen, bis hin zu offenem Hass. Als auch schon bald das Gerücht von einer Vergewaltigung die Runde macht, verschärft sich die Situation weiter und es kommt neben Beschimpfungen und offenen Anfeindungen (auch gegen die Helfer) sogar zu Anschlägen. Doch auch die Jugendlichen untereinander haben (und machen) Probleme: das geht schon damit los, dass hier Afghanen und Syrer zusammengesteckt wurden, die sich untereinander nicht vertragen. Auch mit der für sie neuartigen Kultur haben die Jungs so ihre Schwierigkeiten: leicht bekleidete Frauen im Freibad sind für sie schlimme Sünde, und dass sie sich im Heim von weiblichen Helferinnen etwas sagen lassen sollen, akzeptieren sie oft nicht. Natürlich gibt es sowohl unter den (teils schwer traumatisierten) Migranten als auch unter den Guldenbergern „solche und solche“, und eben dadurch, dass im Buch alle möglichen Personen aus verschiedenen Schichten auftreten (Flüchtlinge, Helferinnen, Bürgermeister, Pfarrer, Gemeinderäte, Geschäftsleute, Kneipenbesucher, alte und junge Dorfbewohner), die alle ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigene Perspektive mitbringen, wird insgesamt ein rundes und wohl durchaus realistisches Gesamtbild gezeichnet. Die Sprache ist klar, überwiegend einfach und durchaus spießig, aber gerade das passt perfekt zu dem durchschnittlichen Kleinstadtmief, zu den alten Traditionen und Gepflogenheiten des hier gezeigten „normalen“ Bürgertums. Dessen misstrauische, eingefahrene und oft rassistische Sichtweise zu erleben, ist ziemlich traurig und erschreckend, aber – zumal keine reine Schwarzweiß-Malerei betrieben wird – sehr treffend beschrieben.

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