Christoph Hein greift mit „Guldenberg” das leider weiterhin hochaktuelle Thema Fremdenfeindlichkeit auf. Das Buch ist klar geschrieben und gut gemeint, aber die Figuren bleiben Schablonen und wichtige Handlungsstränge enden im Nichts. Ein wichtiges, aber literarisch nicht überzeugendes Buch.
Manche Bücher sind wie ein Spiegel, den man vorgehalten bekommt, unbequem, notwendig, manchmal schmerzlich klar. Christoph Hein, aus meiner Sicht einer der wichtigsten Chronisten unserer Zeit, hält der Gesellschaft mit „Guldenberg” genau so einen Spiegel hin. Doch diesmal blieb das Bild seltsam flach, als hätte die Glasoberfläche mehr reflektiert als offenbart. Die Geschichte klingt vertraut, Minderjährige Flüchtlinge kommen in die ostdeutsche Kleinstadt Bad Guldenberg, und was folgt, kennt man aus den Nachrichten Gerüchte, Angst, Hass, schließlich ein Brandanschlag auf das Seglerheim. Hein zeigt präzise, wie aus diffusem Unbehagen offene Gewalt wird, wie die schweigende Mehrheit wegschaut. Das Thema könnte aktueller nicht sein. Der Schreibstil von Herrn Hein ist klar und zugänglich, die Handlung entwickelt sich ohne Umwege. Ich habe das Buch zügig durchgelesen, weil Hein nicht um den heißen Brei herumredet. Die Mechanismen der Ausgrenzung werden sichtbar gemacht, wie Vorurteile sich verfestigen, wie Hetzer die Stimmung anheizen, wie eine ganze Stadt wegschaut. Heins Absicht, den Leser zum Nachdenken über diese Entwicklungen zu bringen, ist ehrenwert und dringend nötig. Aber genau da liegt das Problem. Alles wirkt zu durchsichtig konstruiert. Der zaudernde Bürgermeister, der hilflose Pfarrer, der rechte Scharfmacher, diese Figuren erfüllen ihre Funktion, aber sie leben nicht. Niemand hat mich überrascht, niemand ist mir wirklich nahegegangen. Auch der Brandanschlag auf das Seglerheim bleibt merkwürdig konsequenzenlos. Zwar wird das Heim geschlossen und die Jugendlichen auf andere Gemeinden verteilt, aber die Täter? Bleiben im Dunkeln, werden nie gefasst, später nicht einmal mehr erwähnt. Solche offenen Enden ziehen sich durch das ganze Buch, Handlungsstränge, die einfach versanden. „Guldenberg” ist ein Buch, das geschrieben werden musste, gerade in unserer Zeit. Hein greift ein dringendes Thema auf und macht wichtige gesellschaftliche Mechanismen sichtbar. Aber literarisch bleibt es hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es ist ein Wegweiser, kein Kunstwerk. Wichtig, aber nicht berührend.

