Gelb, auch ein schöner Gedanke
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Description
»Was du hier für einen zärtlichen Krach geschaffen hast!« Saša Stanišić
Ein wunderbares Buch über eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer nicht enden wollenden Ausnahmesituation, mal zärtlich und poetisch, mal wütend, humorvoll und sehr direkt erzählt mit einer überraschenden Wendung, die das Ende eines Lebens und unseren Umgang damit in ein völlig neues und unbekanntes Licht rückt.
Georg stirbt, und das schon viel zu lange. Während Ruth ihren Mann selbstvergessen zu Hause pflegt und sich darüber von ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea entfremdet, möchte die endlich Normalität und ungebremst ein jugendliches Leben führen. Ruth und Lea brauchen sich, driften aber immer weiter voneinander weg. Und dann passiert etwas mit Georg, mit dem keiner gerechnet hat.
»Das Moos tröstet, der Vater wiehert, das Sterben ist nicht Abschied, sondern Verwandlung, und wer pflegt denn bitte einen fremden Mann mit langen pinken Fingernägeln?! Willkommen, Nefeli Kavouras, in der deutschsprachigen Literatur, ja, was du hier für einen zärtlichen Krach geschaffen hast!« Saša Stanišić
Book Information
Author Description
Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmäßig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
Posts
GELB, AUCH EIN SCHÖNER GEDANKE Nefeli Kavouras ET: 12.02.26 „Wir waren schon einmal an diesem Punkt. Nur anders. Damals legte ich die Hand auf Mamas Schulter. Damals konnte ich meinen Vater nicht anschauen – ohne Scham, ohne Ekel, ohne Schuld und ohne Distanz.“ (Tolino S. 203) Leas Vater hatte vor sieben Jahren einen Schlaganfall. Seitdem reiht sich eine Krankheit an die nächste. Schon lange kann er nicht mehr ohne Hilfe aufstehen oder zur Toilette gehen. Das Krankenhaus empfahl, ihn in einem Hospiz anzumelden, doch ihre Mutter weigert sich. Sie holt ihn zurück nach Hause. „Mama würde wollen, dass Papa für immer in diesem Zustand bleibt. Wem kann ich erzählen, dass ich mir den Tod meines Vaters wünsche?“ (Tolino S. 37) Ihre Mutter schließt sich mit ihrem sterbenden Mann in ein Zimmer ein – das Sterbezimmer, wie Lea es nennt. Und obwohl sie sich von ihr verlassen, ja vernachlässigt fühlt, ist es ihr zugleich recht. So kann sie ihre Freunde treffen, sich zurückziehen – und muss sich nicht eingestehen, wie sehr sie sich vor ihrem Vater ekelt: vor seinem Schleim, dem Geruch von Urin und seiner pergamentartigen Haut. Dabei waren sie früher ein Team. Gemeinsam gegen die Mutter, voller Leichtigkeit, voller Nähe. Lea versucht, sich daran zu erinnern – doch vor ihrem inneren Auge erscheint nur noch der alte, sterbende Mann. Lea ist 16 und will eigentlich nur eines: ihren eigenen Weg finden, rebellieren, ein ganz normaler Teenager sein. Doch zu Hause wird Rücksicht erwartet, in der Schule begegnet man ihr mit Mitleid. Die Geschichte nimmt schließlich eine überraschende Wendung, die zunächst irritiert, dem Ganzen aber eine neue Tiefe verleiht – und Lea auf eine unerwartete Weise wieder näher zu ihrem Vater bringt. Dieses Buch ist ohne Frage außergewöhnlich. Der erzählerische Bruch hat mich zunächst ratlos zurückgelassen, doch rückblickend fügt er sich stimmig in die Geschichte ein. Fazit: Ein intensives, ungewöhnliches Buch über das Sterben – direkt, poetisch und in einem ganz eigenen Ton. Ich empfehle dieses Buch Leserinnen und Leser, die unkonventionelle Geschichten schätzen. 4/5

Wenn ein Twist die Geschichte schwächt
Zu Beginn hat mich das Buch wirklich sehr überzeugt. Die zwei Perspektiven von Mutter und Tochter auf den sterbenden Vater sind stark erzählt. Besonders gelungen ist die teils kontroverse, ehrliche Sicht auf Trauer und die Belastung, die ein jahrelanger Pflegefall mit sich bringt. Auch der Blick darauf, wie sich diese Situation auf eine junge Heranwachsende auswirkt, ist ungeschönt und glaubwürdig. Leider verliert die Geschichte im weiteren Verlauf deutlich an Wirkung. Ein zentraler Plottwist bricht für mich die emotionale Glaubwürdigkeit. Statt weiter in die Figuren einzutauchen, war ich zunehmend damit beschäftigt zu verstehen, was genau passiert und wie das aufgelöst werden soll. Das lenkt vom eigentlichen Kern des Buches ab und nimmt ihm am Ende einen großen Teil seiner Stärke.

Sprachlich wundervoll. So viele Sätze, die ich als pflegende Angehörige unterstreichen möchte und mit Ausrufezeichen versehen. Inhaltlich liebe ich das Buch bis zum Plottwist. Danach war ich beim Lesen oft am Zweifeln, ob ich alles richtig verstehe oder es falsch deute. Das war nicht einfach und hat dem Lesevergnügen geschadet. Daher nur vier Sterne.
Georg liegt im sterben und das schon eine ganze Weile. Seine Frau Ruth kümmert sich zu Hause um ihn, pflegt ihn hingebungsvoll. Tochter Lea versucht trotzdem ein normales Teenagerleben zu führen. Das ist nicht ganz so einfach. Die beiden entfernen sich immer mehr voneinander. Lea fühlt sich alleingelassen von ihrer Mutter. Ruth versteht Lea nicht. Eigentlich brauchen sich beide gerade jetzt so dringend, doch können nicht füreinander da sein. Ein sehr bewegender Roman über Krankheit und Familie. Wie kann eine Familie so einen Ausnahmezustand eigentlich aushalten? Im Alltag dreht sich alles um den Vater und seine Pflege. Hier denkt niemand an Weihnachten oder Urlaub. Das ist gerade für Lea sehr schwierig. So wünschen sich doch gerade Teenager Stabilität und Normalität. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Kurze und prägnante Sätze, emotional und poetisch. Ließ sich ganz wunderbar lesen. Auch die Story ist gut. Es gab nur eine sehr überraschende Wendung, die ich etwas schräg fand. Allerdings verändert gerade diese Wendung die Sicht der Mutter und der Tochter. Machte also schon Sinn. War nur sehr überraschend. Insgesamt ein eindringlicher Roman, der sehr zum Nachdenken anregt. Empfehle ich euch gern weiter.
Georg liegt im Sterben. Das ist ein Zustand, der sich quälend, über acht Jahre, in die Länge zieht. Während Ruth ihren Mann hingebungsvoll zu Hause versorgt und sich dabei selbst völlig aus den Augen verliert, entfernt sie sich zunehmend von ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea. Diese sehnt sich nach einem Leben, das leicht ist, nach Alltag, nach Unbeschwertheit und all dem, was ihrem Alter eigentlich zusteht. Mutter und Tochter sind aufeinander angewiesen, doch mit jedem Tag wächst die Distanz zwischen ihnen. Und dann geschieht etwas mit Georg, etwas völlig Unerwartetes, das alles verändert. Und dieses Unerwartete, dieser Bruch ist auf den ersten Blick verstörend. Er lässt innehalten und entzieht sich zunächst jeder klaren Deutung. Doch dann wird sukzessive klar, weshalb Nefeli Kavouras dieses Stilmittel platziert hat. In welchem Maß formen Erwartungen und tief verankerte gesellschaftliche Muster unseren Blick auf das Sterben? Und mehr noch, was bleibt vom Menschen in jenem schwebenden Zustand, in dem er nicht mehr ganz da ist und doch noch nicht gegangen? „Ich schaue aus dem Fenster, sehe Menschen Rad fahren, und mir wird bewusst, von was sich Georg alles verabschiedet. Er wird nie mehr im Park spazieren, im Restaurant sitzen, eine Zeitung zuklappen, nach der Fernbedienung greifen, Salz im Streuer nachfüllen, nicht mehr seine geliebte Gerichte kochen, mir ein frohes neues Jahr wünschen…” In „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ entwirft Nefeli Kavouras ein eindringliches Panorama des Abschieds. Leise, unaufhaltsam und von einer Schwere, die sich nicht abschütteln lässt. Im Zentrum steht Georg, dessen Weg sich dem Ende zuneigt, begleitet von Ruth und Lea, die nicht nur Zeuginnen seines Sterbens werden, sondern selbst in einen Prozess des inneren Verschwindens geraten. Der Roman richtet seinen Blick dorthin, wo Worte oft versagen: auf die, die bleiben und tragen. Mit ungeschönter Klarheit beschreibt Kavouras die Wirklichkeit pflegender Angehöriger. Ihre Müdigkeit, die sich wie ein feiner Staub über jeden Tag legt, ihre Überforderung, die selten laut wird, und die leise, fast unmerkliche Selbstaufgabe, die sich in den Zwischenräumen des Alltags vollzieht. Pflege erscheint hier nicht als heroische Geste, sondern als ein Zustand des Ausharrens, ein Ringen um Nähe und Distanz zugleich. Es ist das langsame Verblassen eines Menschen, das der Roman nachzeichnet und mit ihm die Ohnmacht derer, die begleiten. Am Ende bleibt oft nur der Versuch, Schmerz zu mildern, wo Heilung längst keine Möglichkeit mehr ist. In dieser Reduktion auf das Nötigste stellt sich unausweichlich die Frage nach der Würde: Wo findet sie ihren Ort, wenn Körper und Kräfte schwinden, wenn Worte versiegen und die Beziehung sich verändert? Kavouras antwortet nicht mit Gewissheiten. Stattdessen öffnet sie einen Raum, in dem das Aushalten selbst zur Sprache wird und das Gesehenwerden vielleicht der erste Schritt ist, um jene Stimmen hörbar zu machen, die im Alltag allzu oft überhört werden. Ausgesprochene Leseepfehlung!
Der Debütroman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefeli Kavouras ist ein literarischer Ausnahmezustand – zärtlich und schroff, poetisch und direkt, traurig und von überraschender Komik durchzogen. Ein Buch, das sich dem Sterben widmet und dabei radikal vom Leben erzählt. Georg stirbt. Und er stirbt schon viel zu lange. Seine Frau Ruth holt ihn aus dem Krankenhaus nach Hause, um ihn dort zu pflegen – hingebungsvoll, kompromisslos, selbstvergessen. Während sie ganz in ihrer Rolle als Pflegende aufgeht, verliert sie zunehmend den Kontakt zu ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea. Lea hingegen will nichts weiter, als ein normales Leben führen: Freundinnen treffen, sich verlieben, Teenager sein. Doch wie soll das gehen, wenn der Tod im Wohnzimmer liegt? Der Roman erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Ruth und Lea. Die Kapitelüberschriften wirken zunächst beiläufig, entfalten jedoch eine enorme emotionale Wucht. Denn zwischen Alltag, Pflegeplänen und jugendlicher Wut legt Kavouras die Nerven ihrer Figuren frei. Mutter und Tochter brauchen einander – und verfehlen sich doch immer wieder. Was diesen Roman so besonders macht, ist sein Ton. Kavouras schreibt mit einer eigentümlichen Mischung aus Lakonie und Poesie. Ihre Sprache ist manchmal kantig, manchmal beinahe schwebend, dann wieder schnoddrig und überraschend komisch. Sie scheut weder Überforderung noch Hässlichkeit noch egoistische Gedanken. Wenn Lea denkt, es wäre einfacher, wenn der Vater endlich tot wäre, tut das weh – gerade weil es so ehrlich ist. Und dann kommt dieser Wendepunkt in der Mitte des Romans. Ein radikaler, unerwarteter Bruch, der irritiert und alles verschiebt. Kavouras zwingt ihre Leserinnen und Leser dazu, den Blick auf den Sterbenden neu zu justieren. Was ist ein Mensch, wenn er nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht fort ist? Was bedeutet Würde? Was bedeutet Verwandlung? Und wie sehr bestimmen gesellschaftliche Erwartungen unseren Umgang mit dem Tod? Dieser erzählerische Kniff ist gewagt – und er geht auf. Aus der beklemmenden Enge des Pflegealltags entsteht plötzlich ein neuer Denkraum. Während Ruth mit Ablehnung reagiert, öffnet sich Lea. Ausgerechnet sie findet einen Zugang zu ihrem Vater, der jenseits von Angst und Pflicht liegt. Dadurch verschiebt sich nicht nur der Blick auf Georg, sondern auch auf die Mutter-Tochter-Beziehung. „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist kein gefälliger Roman. Er kann sperrig sein, intensiv, stellenweise kaum auszuhalten. Doch gerade darin liegt seine Größe. Kavouras gelingt es, Humor im Angesicht des Todes aufscheinen zu lassen, ohne die Tragik zu relativieren. Sie schreibt über Pflege, Überforderung, Wut, Liebe und die Frage, wer wir sind, wenn ein Mensch, der uns definiert hat, verschwindet. Dieses Debüt ist mutig, eigenständig und atmosphärisch dicht. Ein Roman, der verstört und tröstet zugleich – und der lange nachhallt. Grandios, weil er etwas wagt. Und weil er es schafft.

Georg liegt seit Jahren im Sterben. Seine 14 Jahre jüngere Frau Ruth pflegt ihn hingebungsvoll aber zunehmend entkräftet. Um die gemeinsame 15- jährige Tochter Lea kann sie sich kaum noch kümmern, Haushalt, Essen, Zuwendung, Interesse für die Gefühle der Tochter - für all das reicht die Kraft nicht mehr aus. Lea selbst kann und will das Sterben des Vaters nicht mehr aushalten müssen, sie wünscht sich einfach, das alles bald rum ist, sie ihren Vater nicht mehr sehen und riechen muss. Die erste Hälfte des Buches hat mir ausnehmend gut gefallen und der Konflikt, in dem Lea und Ruth sich befinden, ist gut und einfühlsam beschrieben. Hier mochte ich vor allem die raschen Perspektivwechsel zwischen Mutter und Tochter. Ungefähr nach der Hälfte des Buches kommt es zu einer skurrilen Wendung, die ich zunächst spannend und metaphorisch hilfreich fand. Aber irgendwann war es mir dann genug mit dieser Wendung und ich hätte mir gewünscht, dass nochmal eine realistische Einordnung von irgendeinem der Beteiligten kommt, darauf habe ich aber vergeblich gewartet und war irgendwann leider einfach nur noch genervt🫣 Da mir die erste Hälfte so gut gefallen hat und der Rest nicht, gibt's für die Bewertung nur die Hälfte der Sterne :)
Sternebewertung fiktiv
Wow. Ich liebe alles an diesem Buch. Nefeli Kavouras hat mich mit diesem Roman komplett abgeholt, emotional, ehrlich und stellenweise so intensiv, dass es wirklich wehgetan hat. Es geht um Familie, Verlust, Tod. Aber eben auch um erste Liebe, Verantwortung und dieses fragile Teenie-Leben, das eigentlich leicht sein sollte, es aber oft nicht ist. Ruth pflegt ihre große Liebe Georg schon lange. Ein schleichender Abschied. Und mittendrin ist die Tochter Lea, 15 Jahre alt. Und genau Lea hat mich unglaublich beeindruckt. So jung und doch in vielen Momenten so erwachsen, so abgeklärt. Zwischen Klinikalltag und Zuhause bewegt sie sich in einer Realität, die eigentlich kein Teenager tragen sollte. Was dieses Buch so besonders macht. Die realistische Darstellung. Die Autorin beschreibt Pflege nicht beschönigt. Es ist nicht nur Liebe. Es ist auch Erschöpfung. Müdigkeit. Wut. Dieses Gefühl, sich aufzuopfern und gleichzeitig allein gelassen zu sein. Zu sehen, wie der Mensch, den man liebt, langsam verschwindet. Nicht plötzlich. Sondern Stück für Stück. Und während der Körper geht, zerbricht bei den Zurückbleibenden auch etwas. Genau das fängt dieses Buch perfekt ein. Die Wut einer Tochter, die einfach leben will. Die Überforderung einer Frau, die alles trägt. Und diese ganz leise, oft unausgesprochene Frage: Wohin mit all diesen Gefühlen? Und dann, ganz still, kommt diese Wendung. Eine Entwicklung, die mich wirklich überrascht hat. Die mich stark an Stefanie von Schulte erinnert hat. Und die für mich genau im richtigen Moment kam. Nach all dem Schmerz. Nach all der Schwere. War dieser Twist wie ein Aufatmen. Wie Balsam. Ich habe dieses Buch nicht nur gelesen, ich habe es gefühlt. Und ich glaube, jeder von uns trägt Erfahrungen mit Verlust in sich. Genau deshalb trifft diese Geschichte so tief. Ein unglaublich intensiver, ehrlicher und gleichzeitig tröstender Roman mit einer fantasierten Wendung. Schmerzhaft schön und für mich sehr schön zu lesen.
Ruth kümmert sich seit Jahren aufopfernd um ihren todkranken, hoch pflegebedürftigen Mann und bringt sich damit selbst an die Grenzen des Aushaltbaren. Die 16-Jährige Tochter Lea lebt mit im Haus, fühlt sich aber zunehmend überfordert vom sterbenden (bzw. immer noch nicht sterbenden) Vater und vernachlässigt von der Mutter. Alles was sie will ist Normalität. Mutter und Tochter entfremden sich immer mehr und jede ist allein in ihrem stillen Kampf... Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, weil es radikal zeigt, was es bedeutet Angehörige pflegen zu müssen/wollen und was dabei auf der Strecke bleiben kann. Hierbei ist der Text schonungslos, so dass beim Lesen viel Konfrontation mit dem Thema Tod und Sterblichkeit, sowohl der eigenen als auch der Angehöriger, entsteht. Die Perspektiven wechseln in recht kurzen Kapiteln zwischen Ruth und Lea hin und her. Beide Figuren sind gut und schlüssig dargestellt in all ihrer Zerrissenheit und mit ihren Ambivalenzen. In der Mitte des Textes müssen wir als LeserInnen uns dann mit etwas sehr unvorhergesehenen auseinandersetzen. Was ich nicht leicht fand. Die ganze Sicht aufs Buch ändert sich und ich kann, auch nach einer Weile nachdenken, nicht sagen, ob meiner Meinung nach positiv oder negativ oder neutral. Ohne zu spoilern, kann hier nichts weiter gesagt werden. Durchaus lesenswert.
Überraschend, gut und schwer zugleich
Ich wusste am Anfang gar nicht genau, auf was ich mich einlasse. Der Klappentext klang recht harmlos, die Geschichte aber geht tief unter die Haut. Lea und ihre Mutter Ruth sprechen in abwechselnden Kapiteln. Obwohl nicht viel passiert, erfährt man wahnsinnig viel über die beiden Charaktere. Lea, die ihren Vater verliert, Ruth ihren Mann. Als das Buch auf halber Strecke eine plötzliche Wendung nahm, wusste ich zuerst nicht, wie gut ich damit zurechtkommen würde. Es hat ein paar Momente gedauert, doch dann habe ich erstaunlich schnell zurück in die Geschichte gefunden - was mitunter an dem tollen Schreibstil der Autorin liegt. Kurze Sätze, wenig Beschreibendes, aber so viel Inhalt in jedem einzelnen Satz. Ich habe das Buch in zwei Sessions durchgelesen und brauche sicherlich noch einige Zeit alles zu verarbeiten. Auf jeden Fall ist das Buch ein wichtiger Beitrag zum Thema Pflege und definitiv empfehlenswert!
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»Was du hier für einen zärtlichen Krach geschaffen hast!« Saša Stanišić
Ein wunderbares Buch über eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer nicht enden wollenden Ausnahmesituation, mal zärtlich und poetisch, mal wütend, humorvoll und sehr direkt erzählt mit einer überraschenden Wendung, die das Ende eines Lebens und unseren Umgang damit in ein völlig neues und unbekanntes Licht rückt.
Georg stirbt, und das schon viel zu lange. Während Ruth ihren Mann selbstvergessen zu Hause pflegt und sich darüber von ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea entfremdet, möchte die endlich Normalität und ungebremst ein jugendliches Leben führen. Ruth und Lea brauchen sich, driften aber immer weiter voneinander weg. Und dann passiert etwas mit Georg, mit dem keiner gerechnet hat.
»Das Moos tröstet, der Vater wiehert, das Sterben ist nicht Abschied, sondern Verwandlung, und wer pflegt denn bitte einen fremden Mann mit langen pinken Fingernägeln?! Willkommen, Nefeli Kavouras, in der deutschsprachigen Literatur, ja, was du hier für einen zärtlichen Krach geschaffen hast!« Saša Stanišić
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Author Description
Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmäßig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
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GELB, AUCH EIN SCHÖNER GEDANKE Nefeli Kavouras ET: 12.02.26 „Wir waren schon einmal an diesem Punkt. Nur anders. Damals legte ich die Hand auf Mamas Schulter. Damals konnte ich meinen Vater nicht anschauen – ohne Scham, ohne Ekel, ohne Schuld und ohne Distanz.“ (Tolino S. 203) Leas Vater hatte vor sieben Jahren einen Schlaganfall. Seitdem reiht sich eine Krankheit an die nächste. Schon lange kann er nicht mehr ohne Hilfe aufstehen oder zur Toilette gehen. Das Krankenhaus empfahl, ihn in einem Hospiz anzumelden, doch ihre Mutter weigert sich. Sie holt ihn zurück nach Hause. „Mama würde wollen, dass Papa für immer in diesem Zustand bleibt. Wem kann ich erzählen, dass ich mir den Tod meines Vaters wünsche?“ (Tolino S. 37) Ihre Mutter schließt sich mit ihrem sterbenden Mann in ein Zimmer ein – das Sterbezimmer, wie Lea es nennt. Und obwohl sie sich von ihr verlassen, ja vernachlässigt fühlt, ist es ihr zugleich recht. So kann sie ihre Freunde treffen, sich zurückziehen – und muss sich nicht eingestehen, wie sehr sie sich vor ihrem Vater ekelt: vor seinem Schleim, dem Geruch von Urin und seiner pergamentartigen Haut. Dabei waren sie früher ein Team. Gemeinsam gegen die Mutter, voller Leichtigkeit, voller Nähe. Lea versucht, sich daran zu erinnern – doch vor ihrem inneren Auge erscheint nur noch der alte, sterbende Mann. Lea ist 16 und will eigentlich nur eines: ihren eigenen Weg finden, rebellieren, ein ganz normaler Teenager sein. Doch zu Hause wird Rücksicht erwartet, in der Schule begegnet man ihr mit Mitleid. Die Geschichte nimmt schließlich eine überraschende Wendung, die zunächst irritiert, dem Ganzen aber eine neue Tiefe verleiht – und Lea auf eine unerwartete Weise wieder näher zu ihrem Vater bringt. Dieses Buch ist ohne Frage außergewöhnlich. Der erzählerische Bruch hat mich zunächst ratlos zurückgelassen, doch rückblickend fügt er sich stimmig in die Geschichte ein. Fazit: Ein intensives, ungewöhnliches Buch über das Sterben – direkt, poetisch und in einem ganz eigenen Ton. Ich empfehle dieses Buch Leserinnen und Leser, die unkonventionelle Geschichten schätzen. 4/5

Wenn ein Twist die Geschichte schwächt
Zu Beginn hat mich das Buch wirklich sehr überzeugt. Die zwei Perspektiven von Mutter und Tochter auf den sterbenden Vater sind stark erzählt. Besonders gelungen ist die teils kontroverse, ehrliche Sicht auf Trauer und die Belastung, die ein jahrelanger Pflegefall mit sich bringt. Auch der Blick darauf, wie sich diese Situation auf eine junge Heranwachsende auswirkt, ist ungeschönt und glaubwürdig. Leider verliert die Geschichte im weiteren Verlauf deutlich an Wirkung. Ein zentraler Plottwist bricht für mich die emotionale Glaubwürdigkeit. Statt weiter in die Figuren einzutauchen, war ich zunehmend damit beschäftigt zu verstehen, was genau passiert und wie das aufgelöst werden soll. Das lenkt vom eigentlichen Kern des Buches ab und nimmt ihm am Ende einen großen Teil seiner Stärke.

Sprachlich wundervoll. So viele Sätze, die ich als pflegende Angehörige unterstreichen möchte und mit Ausrufezeichen versehen. Inhaltlich liebe ich das Buch bis zum Plottwist. Danach war ich beim Lesen oft am Zweifeln, ob ich alles richtig verstehe oder es falsch deute. Das war nicht einfach und hat dem Lesevergnügen geschadet. Daher nur vier Sterne.
Georg liegt im sterben und das schon eine ganze Weile. Seine Frau Ruth kümmert sich zu Hause um ihn, pflegt ihn hingebungsvoll. Tochter Lea versucht trotzdem ein normales Teenagerleben zu führen. Das ist nicht ganz so einfach. Die beiden entfernen sich immer mehr voneinander. Lea fühlt sich alleingelassen von ihrer Mutter. Ruth versteht Lea nicht. Eigentlich brauchen sich beide gerade jetzt so dringend, doch können nicht füreinander da sein. Ein sehr bewegender Roman über Krankheit und Familie. Wie kann eine Familie so einen Ausnahmezustand eigentlich aushalten? Im Alltag dreht sich alles um den Vater und seine Pflege. Hier denkt niemand an Weihnachten oder Urlaub. Das ist gerade für Lea sehr schwierig. So wünschen sich doch gerade Teenager Stabilität und Normalität. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Kurze und prägnante Sätze, emotional und poetisch. Ließ sich ganz wunderbar lesen. Auch die Story ist gut. Es gab nur eine sehr überraschende Wendung, die ich etwas schräg fand. Allerdings verändert gerade diese Wendung die Sicht der Mutter und der Tochter. Machte also schon Sinn. War nur sehr überraschend. Insgesamt ein eindringlicher Roman, der sehr zum Nachdenken anregt. Empfehle ich euch gern weiter.
Georg liegt im Sterben. Das ist ein Zustand, der sich quälend, über acht Jahre, in die Länge zieht. Während Ruth ihren Mann hingebungsvoll zu Hause versorgt und sich dabei selbst völlig aus den Augen verliert, entfernt sie sich zunehmend von ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea. Diese sehnt sich nach einem Leben, das leicht ist, nach Alltag, nach Unbeschwertheit und all dem, was ihrem Alter eigentlich zusteht. Mutter und Tochter sind aufeinander angewiesen, doch mit jedem Tag wächst die Distanz zwischen ihnen. Und dann geschieht etwas mit Georg, etwas völlig Unerwartetes, das alles verändert. Und dieses Unerwartete, dieser Bruch ist auf den ersten Blick verstörend. Er lässt innehalten und entzieht sich zunächst jeder klaren Deutung. Doch dann wird sukzessive klar, weshalb Nefeli Kavouras dieses Stilmittel platziert hat. In welchem Maß formen Erwartungen und tief verankerte gesellschaftliche Muster unseren Blick auf das Sterben? Und mehr noch, was bleibt vom Menschen in jenem schwebenden Zustand, in dem er nicht mehr ganz da ist und doch noch nicht gegangen? „Ich schaue aus dem Fenster, sehe Menschen Rad fahren, und mir wird bewusst, von was sich Georg alles verabschiedet. Er wird nie mehr im Park spazieren, im Restaurant sitzen, eine Zeitung zuklappen, nach der Fernbedienung greifen, Salz im Streuer nachfüllen, nicht mehr seine geliebte Gerichte kochen, mir ein frohes neues Jahr wünschen…” In „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ entwirft Nefeli Kavouras ein eindringliches Panorama des Abschieds. Leise, unaufhaltsam und von einer Schwere, die sich nicht abschütteln lässt. Im Zentrum steht Georg, dessen Weg sich dem Ende zuneigt, begleitet von Ruth und Lea, die nicht nur Zeuginnen seines Sterbens werden, sondern selbst in einen Prozess des inneren Verschwindens geraten. Der Roman richtet seinen Blick dorthin, wo Worte oft versagen: auf die, die bleiben und tragen. Mit ungeschönter Klarheit beschreibt Kavouras die Wirklichkeit pflegender Angehöriger. Ihre Müdigkeit, die sich wie ein feiner Staub über jeden Tag legt, ihre Überforderung, die selten laut wird, und die leise, fast unmerkliche Selbstaufgabe, die sich in den Zwischenräumen des Alltags vollzieht. Pflege erscheint hier nicht als heroische Geste, sondern als ein Zustand des Ausharrens, ein Ringen um Nähe und Distanz zugleich. Es ist das langsame Verblassen eines Menschen, das der Roman nachzeichnet und mit ihm die Ohnmacht derer, die begleiten. Am Ende bleibt oft nur der Versuch, Schmerz zu mildern, wo Heilung längst keine Möglichkeit mehr ist. In dieser Reduktion auf das Nötigste stellt sich unausweichlich die Frage nach der Würde: Wo findet sie ihren Ort, wenn Körper und Kräfte schwinden, wenn Worte versiegen und die Beziehung sich verändert? Kavouras antwortet nicht mit Gewissheiten. Stattdessen öffnet sie einen Raum, in dem das Aushalten selbst zur Sprache wird und das Gesehenwerden vielleicht der erste Schritt ist, um jene Stimmen hörbar zu machen, die im Alltag allzu oft überhört werden. Ausgesprochene Leseepfehlung!
Der Debütroman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefeli Kavouras ist ein literarischer Ausnahmezustand – zärtlich und schroff, poetisch und direkt, traurig und von überraschender Komik durchzogen. Ein Buch, das sich dem Sterben widmet und dabei radikal vom Leben erzählt. Georg stirbt. Und er stirbt schon viel zu lange. Seine Frau Ruth holt ihn aus dem Krankenhaus nach Hause, um ihn dort zu pflegen – hingebungsvoll, kompromisslos, selbstvergessen. Während sie ganz in ihrer Rolle als Pflegende aufgeht, verliert sie zunehmend den Kontakt zu ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea. Lea hingegen will nichts weiter, als ein normales Leben führen: Freundinnen treffen, sich verlieben, Teenager sein. Doch wie soll das gehen, wenn der Tod im Wohnzimmer liegt? Der Roman erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Ruth und Lea. Die Kapitelüberschriften wirken zunächst beiläufig, entfalten jedoch eine enorme emotionale Wucht. Denn zwischen Alltag, Pflegeplänen und jugendlicher Wut legt Kavouras die Nerven ihrer Figuren frei. Mutter und Tochter brauchen einander – und verfehlen sich doch immer wieder. Was diesen Roman so besonders macht, ist sein Ton. Kavouras schreibt mit einer eigentümlichen Mischung aus Lakonie und Poesie. Ihre Sprache ist manchmal kantig, manchmal beinahe schwebend, dann wieder schnoddrig und überraschend komisch. Sie scheut weder Überforderung noch Hässlichkeit noch egoistische Gedanken. Wenn Lea denkt, es wäre einfacher, wenn der Vater endlich tot wäre, tut das weh – gerade weil es so ehrlich ist. Und dann kommt dieser Wendepunkt in der Mitte des Romans. Ein radikaler, unerwarteter Bruch, der irritiert und alles verschiebt. Kavouras zwingt ihre Leserinnen und Leser dazu, den Blick auf den Sterbenden neu zu justieren. Was ist ein Mensch, wenn er nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht fort ist? Was bedeutet Würde? Was bedeutet Verwandlung? Und wie sehr bestimmen gesellschaftliche Erwartungen unseren Umgang mit dem Tod? Dieser erzählerische Kniff ist gewagt – und er geht auf. Aus der beklemmenden Enge des Pflegealltags entsteht plötzlich ein neuer Denkraum. Während Ruth mit Ablehnung reagiert, öffnet sich Lea. Ausgerechnet sie findet einen Zugang zu ihrem Vater, der jenseits von Angst und Pflicht liegt. Dadurch verschiebt sich nicht nur der Blick auf Georg, sondern auch auf die Mutter-Tochter-Beziehung. „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist kein gefälliger Roman. Er kann sperrig sein, intensiv, stellenweise kaum auszuhalten. Doch gerade darin liegt seine Größe. Kavouras gelingt es, Humor im Angesicht des Todes aufscheinen zu lassen, ohne die Tragik zu relativieren. Sie schreibt über Pflege, Überforderung, Wut, Liebe und die Frage, wer wir sind, wenn ein Mensch, der uns definiert hat, verschwindet. Dieses Debüt ist mutig, eigenständig und atmosphärisch dicht. Ein Roman, der verstört und tröstet zugleich – und der lange nachhallt. Grandios, weil er etwas wagt. Und weil er es schafft.

Georg liegt seit Jahren im Sterben. Seine 14 Jahre jüngere Frau Ruth pflegt ihn hingebungsvoll aber zunehmend entkräftet. Um die gemeinsame 15- jährige Tochter Lea kann sie sich kaum noch kümmern, Haushalt, Essen, Zuwendung, Interesse für die Gefühle der Tochter - für all das reicht die Kraft nicht mehr aus. Lea selbst kann und will das Sterben des Vaters nicht mehr aushalten müssen, sie wünscht sich einfach, das alles bald rum ist, sie ihren Vater nicht mehr sehen und riechen muss. Die erste Hälfte des Buches hat mir ausnehmend gut gefallen und der Konflikt, in dem Lea und Ruth sich befinden, ist gut und einfühlsam beschrieben. Hier mochte ich vor allem die raschen Perspektivwechsel zwischen Mutter und Tochter. Ungefähr nach der Hälfte des Buches kommt es zu einer skurrilen Wendung, die ich zunächst spannend und metaphorisch hilfreich fand. Aber irgendwann war es mir dann genug mit dieser Wendung und ich hätte mir gewünscht, dass nochmal eine realistische Einordnung von irgendeinem der Beteiligten kommt, darauf habe ich aber vergeblich gewartet und war irgendwann leider einfach nur noch genervt🫣 Da mir die erste Hälfte so gut gefallen hat und der Rest nicht, gibt's für die Bewertung nur die Hälfte der Sterne :)
Sternebewertung fiktiv
Wow. Ich liebe alles an diesem Buch. Nefeli Kavouras hat mich mit diesem Roman komplett abgeholt, emotional, ehrlich und stellenweise so intensiv, dass es wirklich wehgetan hat. Es geht um Familie, Verlust, Tod. Aber eben auch um erste Liebe, Verantwortung und dieses fragile Teenie-Leben, das eigentlich leicht sein sollte, es aber oft nicht ist. Ruth pflegt ihre große Liebe Georg schon lange. Ein schleichender Abschied. Und mittendrin ist die Tochter Lea, 15 Jahre alt. Und genau Lea hat mich unglaublich beeindruckt. So jung und doch in vielen Momenten so erwachsen, so abgeklärt. Zwischen Klinikalltag und Zuhause bewegt sie sich in einer Realität, die eigentlich kein Teenager tragen sollte. Was dieses Buch so besonders macht. Die realistische Darstellung. Die Autorin beschreibt Pflege nicht beschönigt. Es ist nicht nur Liebe. Es ist auch Erschöpfung. Müdigkeit. Wut. Dieses Gefühl, sich aufzuopfern und gleichzeitig allein gelassen zu sein. Zu sehen, wie der Mensch, den man liebt, langsam verschwindet. Nicht plötzlich. Sondern Stück für Stück. Und während der Körper geht, zerbricht bei den Zurückbleibenden auch etwas. Genau das fängt dieses Buch perfekt ein. Die Wut einer Tochter, die einfach leben will. Die Überforderung einer Frau, die alles trägt. Und diese ganz leise, oft unausgesprochene Frage: Wohin mit all diesen Gefühlen? Und dann, ganz still, kommt diese Wendung. Eine Entwicklung, die mich wirklich überrascht hat. Die mich stark an Stefanie von Schulte erinnert hat. Und die für mich genau im richtigen Moment kam. Nach all dem Schmerz. Nach all der Schwere. War dieser Twist wie ein Aufatmen. Wie Balsam. Ich habe dieses Buch nicht nur gelesen, ich habe es gefühlt. Und ich glaube, jeder von uns trägt Erfahrungen mit Verlust in sich. Genau deshalb trifft diese Geschichte so tief. Ein unglaublich intensiver, ehrlicher und gleichzeitig tröstender Roman mit einer fantasierten Wendung. Schmerzhaft schön und für mich sehr schön zu lesen.
Ruth kümmert sich seit Jahren aufopfernd um ihren todkranken, hoch pflegebedürftigen Mann und bringt sich damit selbst an die Grenzen des Aushaltbaren. Die 16-Jährige Tochter Lea lebt mit im Haus, fühlt sich aber zunehmend überfordert vom sterbenden (bzw. immer noch nicht sterbenden) Vater und vernachlässigt von der Mutter. Alles was sie will ist Normalität. Mutter und Tochter entfremden sich immer mehr und jede ist allein in ihrem stillen Kampf... Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, weil es radikal zeigt, was es bedeutet Angehörige pflegen zu müssen/wollen und was dabei auf der Strecke bleiben kann. Hierbei ist der Text schonungslos, so dass beim Lesen viel Konfrontation mit dem Thema Tod und Sterblichkeit, sowohl der eigenen als auch der Angehöriger, entsteht. Die Perspektiven wechseln in recht kurzen Kapiteln zwischen Ruth und Lea hin und her. Beide Figuren sind gut und schlüssig dargestellt in all ihrer Zerrissenheit und mit ihren Ambivalenzen. In der Mitte des Textes müssen wir als LeserInnen uns dann mit etwas sehr unvorhergesehenen auseinandersetzen. Was ich nicht leicht fand. Die ganze Sicht aufs Buch ändert sich und ich kann, auch nach einer Weile nachdenken, nicht sagen, ob meiner Meinung nach positiv oder negativ oder neutral. Ohne zu spoilern, kann hier nichts weiter gesagt werden. Durchaus lesenswert.
Überraschend, gut und schwer zugleich
Ich wusste am Anfang gar nicht genau, auf was ich mich einlasse. Der Klappentext klang recht harmlos, die Geschichte aber geht tief unter die Haut. Lea und ihre Mutter Ruth sprechen in abwechselnden Kapiteln. Obwohl nicht viel passiert, erfährt man wahnsinnig viel über die beiden Charaktere. Lea, die ihren Vater verliert, Ruth ihren Mann. Als das Buch auf halber Strecke eine plötzliche Wendung nahm, wusste ich zuerst nicht, wie gut ich damit zurechtkommen würde. Es hat ein paar Momente gedauert, doch dann habe ich erstaunlich schnell zurück in die Geschichte gefunden - was mitunter an dem tollen Schreibstil der Autorin liegt. Kurze Sätze, wenig Beschreibendes, aber so viel Inhalt in jedem einzelnen Satz. Ich habe das Buch in zwei Sessions durchgelesen und brauche sicherlich noch einige Zeit alles zu verarbeiten. Auf jeden Fall ist das Buch ein wichtiger Beitrag zum Thema Pflege und definitiv empfehlenswert!















