fundamentalös
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Description
Nadia, Akademikerin, sitzengelassen von ihrer großen Liebe Rosy, will ihrem miesen Privatleben entkommen – und nimmt einen UN-Job im Irak an. Mit der Aufgabe betraut, IS-Frauen zu deradikalisieren, leistet sie sich in der Welt internationaler Hilfsorganisationen einen Fehltritt nach dem anderen.
Sara, eine wütende Teenagerin, hat sich mit fünfzehn dem IS angeschlossen. Verbunden durch ihr muslimisches Aufwachsen in London und eine Vorliebe für derbe Sprüche, freunden die beiden sich an – doch bald muss Nadia entscheiden, wie weit sie für Sara zu gehen bereit ist.
Eine bissige Auseinandersetzung mit Liebe, Familie, Religion und den Entscheidungen, die wir treffen, um dazuzugehören – Nussaibah Younis erforscht eine der großen Herausforderungen unserer Zeit mit Scharfsinn, Herz und Humor.
Book Information
Author Description
Nussaibah Younis (*1986 in Manchester) ist Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin. Sie promovierte in International Affairs, beriet die irakische Regierung zu Deradikalisierungsprogrammen von IS-Frauen und leitete in Washington DC die Taskforce zur Zukunft des Irak. Sie veröffentlicht Meinungsbeiträge im Wall Street Journal, im Guardian und in der New York Times, mit ihrem Debütroman fundamentalös stand sie 2025 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Younis hat irakisch-pakistanische Eltern und lebt in London.
Posts
Nicht radikal oder neu. Es ist ein ziemlich vertrautes westliches Standardnarrativ
Worum es geht: Nadia ist eine britisch-(ex) muslimische Akademikerin, die nach einer gescheiterten Beziehung einen UN-Job im Irak annimmt, wo sie mit der Deradikalisierung ehemaliger IS-Frauen arbeitet. Dort begegnet sie Sara, einer jungen Londonerin, die sich als Teenager dem IS angeschlossen hat. - Die fehlende Differenzierung - "Wozu gibts dich überhaupt, wenn du zulässt, dass deine Anhänger Landminen in Spielzeugform basteln, um kleine Kinder in die Luft zu sprengen, du Penner?" -> Man weiß, dass ein Roman über den IS Gewalt, Extremismus und religiösen Missbrauch thematisieren muss. Das erwarte man sogar. Deshalb wäre eine klare Trennung zwischen Islam und IS so so wichtig. Stattdessen verschwimmen beide Ebenen emotional immer wieder miteinander. Religion erscheint nicht als etwas, das von Extremisten instrumentalisiert wurde, sondern unterschwellig als Teil des Problems selbst. Das Problem ist dabei nicht, dass (ex) muslimische Figuren zweifeln oder ihren Glauben verlieren. Solche Geschichten dürfen und sollen erzählt werden. Problematisch ist vielmehr, wie der Roman Islam und muslimische Religiosität codiert und wie wenig diese Darstellung reflektiert wird. - Es gibt nur 2 Welten - Der Roman behauptet oberflächlich, komplex zu sein, tatsächlich arbeitet er aber immer wieder mit einem Gegensatzschema: Religion = Enge, Rückschritt, Prüderie, Denkverbot, weibliche Unterdrückung Säkularität/westlicher Lebensstil = Freiheit, Intelligenz, Reife, Individualität - Hierarchien statt Vielfalt - „Doch an der Universität bremste mich das Gläubigsein aus, es klammerte sich verzweifelt an meine Beine, wehrte sich gegen jeden Schritt nach vorn. Es hasste die neuen Bücher, die ich las, komplexe und anspruchsvolle philosophische Texte anstelle von abgedroschenen Phrasen über den Willen Gottes, es hasste die neuen Menschen, die mich unterrichteten, extrem kritische Denker und Denkerinnen anstelle von langweiligen Rednern, und es hasste meinen neuen Freundeskreis, kreative, wenn auch genusssüchtige Intellektuelle anstelle von prüden Jungfrauen, deren Leben von der eigenen gehemmten Entwicklung bestimmt wurden." -> Der Subtext ist kaum zu übersehen: Je intelligenter, gebildeter und reflektierter ein Mensch wird, desto weniger religiös kann oder sollte er sein. Der religiöse Raum wird mit geistiger Stagnation verbunden, der säkulare Raum mit Denken, Tiefe und Freiheit. Das fühlt sich nicht wie „eine individuelle Erfahrung" an, sondern wie eine Abwertung. Religiöse Muslim:innen werden hier nicht einfach als anders dargestellt, sondern unterschwellig als: ungebildet, gehemmt, naiv, unfrei, irrational, sexuell verklemmt, und intellektuell minderwertig. - Die Mechanck hinter Radikalisierung bleibt unsichtbar - Der Roman greift zwar ein enorm komplexes Thema auf, interessiert sich aber kaum ernsthaft dafür, wie Radikalisierung überhaupt entsteht (oder wie Menschen davor geschützt werden könnten). Anstatt soziale, psychologische oder politische Mechanismen differenziert zu beleuchten, bleiben viele Gespräche mit ehemaligen IS-Mitgliedern erstaunlich oberflachlich oder karikaturhaft. Gerade bei einem Thema wie diesem hätte ich mir mehr Reflexion gewunscht: über Manipulation, Isolation, Identitätssuche, emotionale Verletzlichkeit oder darüber, warum extremistische Gruppen für manche Menschen überhaupt attraktiv werden. Stattdessen vereinfacht der Roman vieles emotional und ideologisch so stark, dass die eigentliche Komplexität des Themas verloren geht. "Ich will keinen Streit, aber ich bitte dich, meinen Glauben zu respektieren. Es regt mich echt auf, dass du immer wieder damit anfängst. Ich bin Muslima, verstanden? Und das wird sich auch nicht ändern, also lass es gut sein." „Deine Glaubenssätze sind total bescheuert! Der IS ist schuld, dass [X] tot ist, du und [X] hättet auch sterben können. Wie kannst du immer noch an diese Scheiße glauben?" -> Das Problem ist nicht, dass der Roman den IS kritisiert (das sollte er sogar unbedingt tun). Problematisch wird es dort, wo die erzählerische Logik kaum noch sichtbar zwischen einer extremistischen Ideologie und dem Glauben selbst unterscheidet. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen einer gewaltvollen politischen Vereinnahmung von Religion und dem Islam als vielfältiger religiöser Realität immer stärker. So wird aus der berechtigten Analyse von Extremismus (die nicht stattfindet) eine emotional aufgeladene Erzählbewegung, in der religiöse Zugehörigkeit selbst schnell wie das eigentliche Problem wirkt und „Befreiung" vor allem als Abstand zu dieser Religiosität lesbar wird. - Weitere Kritikpunkte - * Ton des Buches: schwankt permanent zwischen politischem Ernst und ironischer Sexkomödie. Fast jede zweite Szene wird mit bemühten sexuellen Anspielungen oder zynischen Kommentaren aufgeladen, als müsse der Roman permanent beweisen, wie provokant, modern oder subversiv er sei. * Irak wirkt wie Kulisse für westliche Figuren, irakische Perspektiven komplett unsichtbar * Nebenfiguren: Vielfalt auf der Oberfläche wird genutzt, ohne sie in echte psychologische oder narrative Komplexität zu übersetzen * emotionale Kurzlösungen statt struktureller Analyse - Das ist keine Diversität, das ist ein Erwartungsschema - Muslimische Stimmen bekommen im westlichen Literaturbetrieb gefühlt immer dann besonders viel Anerkennung, wenn Islam hauptsächlich als Trauma, Unterdrückung oder geistige Enge erzählt wird. Sobald Religiosität abgestreift wird, gilt die Geschichte plötzlich als „mutig", „befreiend" oder besonders intellektuell. Kein heftig neuer take. Aber wie sehr es nervt, dass es fast immer so wirkt, als sei eine muslimische Figur erst dann wirklich progressiv, reflektiert oder literarisch relevant, wenn sie sich vom Glauben entfernt. Als könnte man nur dann frei denken, wenn man Religion hinter sich lasst. Das ist nicht radikal oder neu. Es ist ein ziemlich vertrautes westliches Standardnarrativ. Ich sage das ganz bewusst als sichtbar muslimische Frau, die solche Narrative nicht abstrakt liest, sondern ihre gesellschaftlichen Konsequenzen täglich spürt. DAS PROBLEM IST NICHT, DASS SOLCHE ERFAHRUNGEN EXISTIEREN. Natürlich gibt es Menschen, die Religion als Zwang oder Schmerz erlebt haben. Es ist furchtbar, es tut weh und diese Geschichten verdienen Raum. Aber wenn muslimische Religiosität in Literatur (fast) nur dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie als etwas Düsteres, Rückstandiges oder Beschädigendes beschrieben wird, entsteht eine gefährliche Einseitigkeit. Vor allem in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Muslim:innen ohnehin permanent unter Generalverdacht stehen und ihre Religion STÄNDIG als integrationsfeindlich, frauenfeindlich oder gewaltanfällig diskutiert wird. Persönliche Erfahrung entbindet Literatur nicht von ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Vor allem dann nicht, wenn sie bestehende Machtstrukturen und (kulturelle) Vorurteile nahezu bruchlos bestätigt.

Nadia hat ihre große Liebe Rosy verloren. Mit ihrer Mutter läuft es auch nicht ganz rund und irgendwie muss sie weg. Im Irak gibt es einen Job bei der UN, da sollen IS-Frauen deradikalisiert werden. Kurzentschlossen nimmt sie den Job an und weiß gar nicht so recht worauf sie sich da eingelassen hat. Dort trifft sie auf Sara. Sie kommt auch aus London, hat sich vor ein paar Jahren mit 15 dem IS angeschlossen und die beiden freuen sich an. Sara wurde ihre kleine Tochter weggenommen und Nadia kämpft darum, sie ihr wiederzubringen. Sie kämpft auch darum, die Frauen wieder an ihre Länder zu übergeben und wiedereinzugliedern. Doch wie weit ist Nadia bereit zu gehen? Warum macht sie das überhaupt und will immer jeder gerettet werden? Wow, was für ein Roman. Ich hab so oft laut gelacht und sicher stellt sich die Frage ob bei diesem Thema der Humor so angemessen ist. Ja, ist er. Schonungslos und ehrlich wird berichtet vom Leben im Irak, von Krieg, vom Verlust geliebter Menschen. Das Leben im UN Lager ist hart aber dennoch bleibt ab und zu Zeit mal zu feiern, Mensch zu sein. Das Thema geht unter die Haut aber durch den lockeren und leichten Schreibstil ist es gut verträglich. Vortrefflich ist die Kombination dieses ernsten Themas und Humor gelungen. Die derben Sprüche der zwei Frauen sind einfach köstlich und auch viele andere Protagonisten sind einfach toll. Lina, die Chefin, der mehr an ihrem Vogel liegt als an den Mitarbeitern. Oder James, der die Frauen unterrichten soll, der Hippie mit dem Nirvana Shirt. Der Roman wirft viele Fragen auf aber nie mit erhobenen Zeigefinger. Welche Werte sind eigentlich die richtigen? Ist es möglich gelernte Glaubenssätze völlig aus dem Kopf zu streichen? Helfe ich wegen mir oder wegen den anderen? Ein absolut großartiger Roman, frech und bissig. Ich feiere ihn sehr und möchte ihn euch sehr ans Herz legen.
Rotzfrech und radikal mit Herz
Nadia, Akademikerin, sitzengelassen von ihrer großen Liebe Rosy, will ihrem miesen Privatleben entkommen – und nimmt einen UN-Job im Irak an. Mit der Aufgabe betraut, IS-Frauen zu deradikalisieren, leistet sie sich in der Welt internationaler Hilfsorganisationen einen Fehltritt nach dem anderen. Sara, eine wütende Teenagerin, hat sich mit fünfzehn dem IS angeschlossen. Verbunden durch ihr muslimisches Aufwachsen in London und eine Vorliebe für derbe Sprüche, freunden die beiden sich an – doch bald muss Nadia entscheiden, wie weit sie für Sara zu gehen bereit ist. Leseeindruck Dieses Buch hat mir viel Spaß gemacht beim Lesen. Nicht, weil es so ein lustiges Thema wäre – ganz im Gegenteil! Es hat mich in eine für mich komplett neue Welt entführt, in die Welt der UN-Hilfsorganisationen, der IS-Frauen, in den Irak. Nussaibah Younis hat mir eindrücklich, humorvoll und warmherzig eine Sichtweise eröffnet, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Was bringt jungen Frauen dazu, sich zu radikalisieren? Wie kann Integration gut gelingen? Es geht hier auch um die Organisationsstruktur großer Organisationen und letztlich darum, wo der richtige Platz im Leben ist. Große Leseempfehlung für alle, die sich mit diesen Themen fundiert und gleichzeitig leicht lesbar auseinandersetzen möchten. Als Friedensforscherin und Irak-Expertin schreibt die Autorin mit großer Sachkenntnis und großem Herz.
Das war für mich persönlich ein richtig gutes Buch, es ist selten über solch ein Thema in Form einer fiktive Geschichte zu lesen.
Es war super interessant, einmal von diesem Winkel in die Themen (Frauen (!) im) IS / UN / Irak etc. einzutauchen, - durch eine fiktive Geschichte, die jedoch durch die Herkunft und den Beruf der Autorin sicher viel Wahrheitsgehalt hat, geschrieben in realitätsnaher Sprache & angenehmen Schreibstil. Nicht alle Themen wurden in der Tiefe behandelt (das ist sicher auch unmöglich), in jedem Fall ließ sich das Buch sehr gut lesen und fühlte sich kurzweilig an 💚 Remark: Ich bin noch nicht ganz sicher, wie ich manche Dinge einordne und ob ich das aus meinem Privileg heraus überhaupt kann. Ich fand es großartig, dass diese Geschichte von einer Person geschrieben wurde, die zu großen Teilen selbst die im Buch beschriebenen Hintergründe hat. Trotzdem gibt es natürlich nicht die universelle Wahrheit und man kann die ganz großen Themen nicht in nur einer (fiktiven) Geschichte ausreichend darstellen. Das ist aber sicher auch nicht der Anspruch des Buchs. Egal auf welche Art - sich überhaupt mit diesen Themen zu beschäftigen, seinen eigenen moralische Kompass abzuklopfen, sich mit Dynamiken von & individuellen Meinungen in Bezug auf Religion, Politik & Flüchtlingshilfe auseinanderzusetzen, ist denke ich in jedem Fall wertvoll.

Dr. Nadia Amin ist eigentlich Dozentin in London. Sie verfasst einen Fachartikel über die Deradikalisierung von IS Frauen und gilt plötzlich als DIE Expertin zum Thema – ohne auch nur eine Minute praktische Erfahrung. Den ihr angebotenen UN-Job im Irak nimmt sie nach der Trennung von Rosie nur zu gerne an. Schnell stößt sie an Grenzen – persönliche, bürokratische, kulturelle, moralische, unbequeme. „Und ich dachte, ich könnte etwas bewirken? Eine ausländische Akademikerin mit Liebeskummer, die nach knapp zwei Jahrzehnten internationalen Versagens hier reingeschneit kam? Wie überheblich konnte man sein?“ S. 20 Nadia lernt im Camp der US-Frauen Sara kennen. Sie erkennt sich selbst in ihr wieder und setzt daher alles daran, Sara zu helfen und sie in ihre Heimat zurückzubringen. „Sara und die anderen Frauen im Camp, sie waren jetzt meine Mission, und es lag Würde darin, mich dieser Sache zu widmen. Ich war erleichtert, etwas gefunden zu haben, das meinem Herzen würdig war.“ S. 136 Wie weit wird Nadia gehen, um Sara dort rauszuschaffen? Schwarzhumorig und frech nimmt uns die Autorin an die Hand auf einer Reise durch Themen wie religiösen Fanatismus, Wiedereingliederung, Misogynie, Hilflosigkeit und das Warum überhaupt. Ganz große Leseempfehlung.

Sehr, sehr überraschend und definitiv ein tolles Leseerlebnis.
„Das Witzigste Debüt des Jahres“ So urteilt The Times und so wirbt auch der deutsche Verlag für das Buch und die Vorab-Verlosung. Da ich normalerweise eher ernsthafte Bücher lese, wollte ich mal was anderes wagen, habe beim Gewinnspiel mitgemacht und tatsächlich ein Leseexemplar von FUNDAMENTALÖS gewonnen. Es soll um Extremismus gehen und im Irak spielen - das hatte ich zur Kenntnis genommen, aber irgendwie auch ausgeblendet, denn ich wollte ja mal zur Abwechslung „was Lustiges“ lesen. „Witzig, fesselnd und einfühlsam.“ Dieses Urteil von der Ikone des Witzes, Dolly Alderton, hat der (deutsche) Verlag auf einen Sticker gedruckt und vorne auf das Buch geklebt – was mich in meiner Erwartung nur noch bestätigt hat. Ich fange an zu lesen… … und bereits der Prolog, sowie die ersten Seiten hauen mich um. Denn Nussaibah Younis schreibt maximal respektlos über ein Thema, von dem ich weder Ahnung habe noch mich jemals damit zu befassen gedachte: Der IS und Frauen, die sich freiwillig dem IS angeschlossen haben, den sogenannten IS-Bräuten. Der Roman spielt überwiegend im Jahr 2019 im Irak und handelt von der Engländerin Dr. Nadja Amin, Dozentin für Kriminologie an der UCL, die sich während ihres Sabbaticals für einen Job bei der UN beworben hat. Nadja interessiert sich für das Thema Radikalisierung von Frauen für den IS, seit die Frau eines Verwandten diesen verlassen hat, um freiwillig nach Syrien zu gehen. Sie schreibt sogar einen vielbeachteten Artikel über dieses Phänomen und die nun gebotene Hilfe zur Resozialisierung und Methoden der Deradikalisierung. Jetzt ist sie im Irak angekommen und trifft auf eine Realität, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Da sind einerseits die anderen UN-Mitarbeiter*innen, welche sich als gar nicht so altruistisch entpuppen, wie man es für diesen Job vermuten könnte. Und andererseits ist die Situation der Frauen in ihrem Camp wesentlich schlimmer und die Deradikalisierung wesentlich schwieriger, als sie es im fernen London gedacht hätte. Auch wenn ich die Kritik an der UN, als wichtigstes globales Forum für den Frieden, kenne, habe ich einen internalisierten Respekt für die Organisation und ihre Mitarbeitenden. In meiner Vorstellung setzen sie sich alle für erstrebenswerte Ziele wie Freiheit, Frieden, Gleichberechtigung usw. ein. Doch die Protagonistin Nadja erlebt ihre Kolleg*innen, wie sich selbst, auch „nur als Menschen“ – mit Fehlern und Schwächen, sowie dem Streben nach Macht, Anerkennung und Karriere. Und darüber schreibt sie sehr ausführlich und eben sehr, sehr witzig und respektlos. Und damit bin ich zunächst irgendwie überhaupt nicht zurechtgekommen. Erst nachdem ich die Autorin gegoogelt und mich über sie informiert habe, konnte ich mich auf das Buch einlassen. Denn sie schreibt diese Geschichte nicht einfach aus Fabulierlust und Laune, sondern mit Erfahrung und mit Sachkenntnis. Nussaibah Younis ist selbst Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin, hat die irakische Regierung zu Deradikalisierung beraten. Dr. Younis war als Senior Fellow im Atlantic Council in Washington DC tätig, wo sie die Arbeitsgruppe zur Zukunft des Irak leitete und die US-amerikanischen Regierungsbehörden strategisch beriet. Sie wurde als Kind eines irakischen Vaters und einer pakistanischen Mutter in Großbritannien geboren und streng muslimisch erzogen. Im Rahmen dessen hatte sie auch Kontakt zu Anwar al-Awlaki, der sich später al-Qaida anschloss. Der eigenen Radikalisierung konnte sie entgehen, aber sie empfindet tiefes Mitgefühl für alle Jugendlichen, die weniger Glück hatten. Sie hat in Washington DC, Dubai, Kairo, Beirut, Amman und Bagdad gearbeitet und lebt derzeit in London. (Quelle: Unionsverlag) Der Roman trägt also autobiografische Züge und wurde definitiv von den eigenen Erfahrungen der Autorin inspiriert. Nachdem ich das in Erfahrung gebracht hatte, konnte ich mich besser auf den Roman einlassen, denn hier schreibt eine Person mit Insiderwissen und kritisiert auch mit dieser Autorität eine Autorität. Sie wollte explizit kein Sachbuch schreiben, welches nur ein sehr eingegrenztes Fachpublikum interessieren würde, sondern einen satirischen Roman über – so krass, dass zu schreiben – Extremismus. “After a ten-year career in academia, think-tanks and peacebuilding in the Middle East, I jacked it all in and wrote a novel. I write biting satire covering everything from global politics to faith, queer identity and relationships. Probably not for the easily offended.” Wer jetzt denkt, dass diese Thematik doch zu krass, oder zu weit weg ist von der eigenen Lebensrealität, dem sei gesagt, dass es in dem Buch um noch viel mehr geht als religiösen Fanatismus. FUNDAMENTALÖS ist ein sehr gut geschriebener, leicht lesbarer, unterhaltsamer Roman über das Leben und die Liebe, über Entscheidungen und Fehler, über Schuld und Sühne, über Familie und Aktivismus, Grenzen in Köpfen und zwischen Ländern. Es wird immer spannender, je weiter der Roman fortschreitet und er überrascht auch einigen Plot Twist. Ich bin jedenfalls entgegen meiner anfänglichen Skepsis, mehr als begeistert und danke dem Unionsverlag für das Leseexemplar und die Horizonterweiterung.
Schreibstil: Ich glaube, ich war noch nie so verwirrt von einem Schreibstil. Nicht, weil er nicht fließend lesbar war, sondern weil er so gar nicht zu dem Thema des Buches passen wollte. Aber vielleicht machte auch gerade er das Buch überhaupt lesbar… Jedenfalls ist der Schreibstil der Autorin sehr interessant gewesen. Er war roh, geradezu plakativ. In einem Ton, der locker und rau Witze riss, die mich jedes Mal haben sehr überrascht, die Augenbrauen hochziehen und gleichzeitig haben schmunzeln lassen, fühlte ich mich wie zwischen Teenagern. Ich fand das Buch durch den Schreibstil sehr gut lesbar und fand, er bot eine Art Safespace in der Handlung, der von dem eigentlich sehr schwierigen Thema ablenkte. Gleichzeitig war er manchmal aber auch einfach etwas drüber. Das musste man wegstecken können. Die Geschichte – Kriminologin mit gebrochenem Herzen fliegt in den Irak, um Frauen zu helfen, ohne dass ihr jemand hilft Hauptprotagonistin und einzige Erzählperspektive ist Nadia. Ich habe schnell in das Buch hineingefunden, denn es geht direkt los: der Flug in den Irak steht an. Und plötzlich ist alles fremd und ungewiss. Nicht nur für die Protagonistin, sondern auch für mich, denn vom Irak habe ich bisher nur aus den Medien gehört und keine Ahnung, was mein Bild von diesem Land ausgemalt wirklich war, aber ehrlich gesagt hatte ich es mir einfach nur grausam vorgestellt. Mit Nadia bekam ich jetzt die Chance, den Irak anders kennenzulernen. Denn: Es gibt dort noch Leben, noch unbeschädigte Areale und noch Menschen, die an der Hoffnung festhalten. Das fand ich wirklich gut beschrieben in dem Buch. Wie es ist, dort als Ausländerin zu leben. Was Alltag dort bedeutet und wie einschränkend, aber auch privilegiert die UN-Personen dort leben. Man merkte, dass die Autorin wusste, was sie dort beschrieb, weil sie sich einerseits nicht mit rosigen Beschreibungen aufhielt, gleichzeitig aber auch keine Klischees von Kriegslandvorstellungen hervorrief. Natürlich kann ich nicht sagen, ob es da jetzt wirklich so aussieht, oder ob die Autorin letztlich doch ein Fantasiebild geschaffen hat, aber es fühlte sich real an, weil es nichts wollte, sondern lediglich still mitteilte. So gehörte Korruption dort zum Alltag, genauso wie die Aussichtslosigkeit, die mit der Bürokratie einherging und der sich auch Nadia stellen musste. Generell vergegenwärtigte dieses Buch in vielen Szenen, wie sehr die Arbeit mit Menschen, die keiner so richtig haben will, an allen Ecken und Enden behindert wird und wie sehr sich die Menschen, die für diese kämpfen, dabei selbst aufgeben müssen bzw. sich sonst abschirmen müssen. Das ist eine wichtige Message, die man so oder so aus dieser Geschichte mitnimmt. Ganz unabhängig davon, wie einem das Buch oder die Hauptprotagonistin gefallen hat. Nadia – verlassen, allein und jetzt im Irak, wo sie eine jüngere Version ihrer selbst trifft Nadia ist eine dieser Figuren, zu der man eher eine gespaltene Meinung hat. Ich fand sie nie vollständig sympathisch, weil sie auf mich auf den ersten Blick sehr schwach wirkte. Sie trauerte immer noch ihrer Freundin hinterher, machte alles Darauffolgende nur, weil es sich gerade so ergab und stürzte sich dann viel zu schnell in ein Projekt, das wenig mit einem konkreten Ziel, sondern vielmehr mit ihren eigenen Gefühlen zu tun hatte. Dazwischen isst sie Schokoriegel und hat Sex. Sie ist geradezu das Gegenteil von dem, was man von jemandem in ihrer Position erwartete und das machte die Sache irgendwie spannend. Teilweise war sie wenig reflektiert, teilweise deckte sie aber auch Probleme auf, die erst durch ihre „normale“ Sicht auf die Dinge sichtbar wurden. Eine Protagonistin also, die nicht gefallen wollte und sich irgendwo in alldem selbst fand. Die Auseinandersetzung mit dem ganzen Problem vor Ort war zwar irgendwo Hauptthema dieser Geschichte, gleichzeitig fokussierte sich Nadia aber so sehr auf Sara, in der sie sich selbst wieder erkannte, dass der eigentliche Sinn ihrer Arbeit etwas in Vergessenheit geriet. Manchmal geradezu blockiert wurde. Das war nachvollziehbar beschrieben und passte gut zu Nadias Charakter, hat mich aber auch manchmal etwas enttäuscht, weil ich so gerne mehr über die Frauen dort vor Ort erfahren hätte. So musste ich lange warten, bis die Geschichte auch im Hinblick auf diesen Aspekt endlich Fahrt aufnahm. Die Fragen hinter der Geschichte – zwischen Setting & Figuren Denn: Die Perspektiven fehlten mir hier einfach. Es gab Sara, die so gut wie nichts erzählte, dann noch zwei andere und natürlich die Erzählungen der anderen UN-Mitarbeitenden. All dies wurde aber sehr kurz gehalten. Jeder dachte an sein eigenes Wohl und höchstens noch an seine eigene Aufgabe, sodass selten wirklich ernste Gespräche darüber aufkamen, was mit all den anderen Frauen passieren sollte. Wieso sie überhaupt in diese Situation gekommen waren. Ja, mir fehlte einfach etwas die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie werde ich zur IS-Braut? Was treibt mich an? Wann bereue ich es? Kommt man da wieder raus? Auch wenn es sich alles genau so authentisch in die Geschichte eingliederte, fragte ich mich also manchmal nach der Sinnhaftigkeit mancher Szenen oder Figuren. Warum waren sie da, wenn sie doch gar keinen wichtigen Anstoß für die Denkprozesse hinter dem Offensichtlichen lieferten? Einige der Fragen wurden mehr oder weniger indirekt beantwortet. Und ja, die Hoffnungslosigkeit, die da mitschwang konnte ich gut spüren, aber die Gedanken gingen für mich nicht weiter. Die Botschaft war quasi: Wenn ich keine Muslima bin, kann ich nicht in die Verlegenheit geraten, vom IS rekrutiert zu werden. Und die, die rekrutiert werden, sind auch nur solche, die ein schwieriges oder instabiles Familienverhältnis haben. Aber ist da nicht noch mehr? Ist Manipulation nicht ein großes Thema? Das fehlte mir komplett. Auch Nadias Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde nur sehr knapp gehalten. Es gibt zwar ein paar Rückblicke und Gedankenblitze, aber ziemlich schnell konzentriert sie sich lieber auf anderes, als weiterzudenken. Ich weiß nicht, ob ich da blauäugig bin, aber ich mich selbst hätte die Erkenntnis, dass ich vielleicht fast selbst zur IS-Braut geworden wäre, in eine Sinnkrise geschickt. Ich hätte wissen wollen, warum ich anfällig war, warum ich dem aber nicht nachgegeben habe. Und vor allem, wie man verhindern kann, dass andere Mädchen und junge Frauen sich davon locken lassen. Untereinander benahmen sich die Figuren wie auf einer Klassenfahrt. Es wurden Scherze gemacht, Witze gerissen, getrunken und Leute in die Pfanne gehauen. Definitiv der Safespace, den die Figuren benötigten, um mit all dem zurecht zu kommen und ja, diese humorvollen Passagen haben die Geschichte definitiv besser verdaulich für mich als Leserin gemacht. Manchmal war es mir aber schon ein wenig zu humorvoll, zu wenig ernst. Der Handlungsverlauf – Locker bis heiter, frech bis schamlos, spannend bis zum Verlust des Fokus Das, was mich dann wirklich interessierte (worauf die Geschichte eigentlich auch von Anfang an zulief), passierte erst im letzten Viertel. Da war es dann auch nochmal richtig spannend, wenn auch ziemlich rosarot muss ich sagen. Es gibt eine überraschende Wendung und auch die Ernsthaftigkeit der Situation wird nochmal deutlich, aber ganz am Ende fehlte mir der Bezug zur Realität. Da lief es einfach so aus. I mean: Was hat Nadia jetzt aus der ganzen Geschichte mitgenommen? Wenn ich solche Fragen für mich selbst nach dem Lesen des Buches nicht beantworten kann, dann frage ich mich, wie sehr sie sich wirklich entwickelt hat. Auch den Erzählstrang mit Rosie fand ich letztlich etwas wild gewählt, weil er so wenig mit der eigentlichen Geschichte und Nadias Entwicklung zu tun hatte. Er war eine Begleiterscheinung, ein Nebenflirren, das hervorkam, wenn Nadia kurz nicht wusste, woran sie sonst denken sollte. Und das betraf noch andere Erzählstränge in diesem Buch, sodass ich mir in Bezug auf diese gewünscht hätte, sie wären entweder nicht erwähnt worden oder hätten mehr Einfluss auf Nadia gehabt. Fazit: Diese Geschichte erzählt rau und schamlos mit viel Humor von einem Thema, dass alles andere als das ist. Trotzdem funktioniert es gut miteinander, weil die Geschichte offensichtlich zeigen und nicht direkt urteilen will. Mir war es manchmal etwas zu wenig ernst und ich hätte mir eine Protagonistin gewünscht, die sich tiefer mit den Themen beschäftigt, statt vieles nur anzuschneiden, um es dann fallen zu lassen. So ließ sich das Buch wunderbar schnell lesen und schafft es, das Thema IS-Frauen in den Köpfen der Leser:innen zu etwas werden zu lassen, was Substanz hat, gleichzeitig eröffnet es aber auch nicht wirklich eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Von mir gibt es 3 von 5 Sterne.
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Nadia, Akademikerin, sitzengelassen von ihrer großen Liebe Rosy, will ihrem miesen Privatleben entkommen – und nimmt einen UN-Job im Irak an. Mit der Aufgabe betraut, IS-Frauen zu deradikalisieren, leistet sie sich in der Welt internationaler Hilfsorganisationen einen Fehltritt nach dem anderen.
Sara, eine wütende Teenagerin, hat sich mit fünfzehn dem IS angeschlossen. Verbunden durch ihr muslimisches Aufwachsen in London und eine Vorliebe für derbe Sprüche, freunden die beiden sich an – doch bald muss Nadia entscheiden, wie weit sie für Sara zu gehen bereit ist.
Eine bissige Auseinandersetzung mit Liebe, Familie, Religion und den Entscheidungen, die wir treffen, um dazuzugehören – Nussaibah Younis erforscht eine der großen Herausforderungen unserer Zeit mit Scharfsinn, Herz und Humor.
Book Information
Author Description
Nussaibah Younis (*1986 in Manchester) ist Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin. Sie promovierte in International Affairs, beriet die irakische Regierung zu Deradikalisierungsprogrammen von IS-Frauen und leitete in Washington DC die Taskforce zur Zukunft des Irak. Sie veröffentlicht Meinungsbeiträge im Wall Street Journal, im Guardian und in der New York Times, mit ihrem Debütroman fundamentalös stand sie 2025 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Younis hat irakisch-pakistanische Eltern und lebt in London.
Posts
Nicht radikal oder neu. Es ist ein ziemlich vertrautes westliches Standardnarrativ
Worum es geht: Nadia ist eine britisch-(ex) muslimische Akademikerin, die nach einer gescheiterten Beziehung einen UN-Job im Irak annimmt, wo sie mit der Deradikalisierung ehemaliger IS-Frauen arbeitet. Dort begegnet sie Sara, einer jungen Londonerin, die sich als Teenager dem IS angeschlossen hat. - Die fehlende Differenzierung - "Wozu gibts dich überhaupt, wenn du zulässt, dass deine Anhänger Landminen in Spielzeugform basteln, um kleine Kinder in die Luft zu sprengen, du Penner?" -> Man weiß, dass ein Roman über den IS Gewalt, Extremismus und religiösen Missbrauch thematisieren muss. Das erwarte man sogar. Deshalb wäre eine klare Trennung zwischen Islam und IS so so wichtig. Stattdessen verschwimmen beide Ebenen emotional immer wieder miteinander. Religion erscheint nicht als etwas, das von Extremisten instrumentalisiert wurde, sondern unterschwellig als Teil des Problems selbst. Das Problem ist dabei nicht, dass (ex) muslimische Figuren zweifeln oder ihren Glauben verlieren. Solche Geschichten dürfen und sollen erzählt werden. Problematisch ist vielmehr, wie der Roman Islam und muslimische Religiosität codiert und wie wenig diese Darstellung reflektiert wird. - Es gibt nur 2 Welten - Der Roman behauptet oberflächlich, komplex zu sein, tatsächlich arbeitet er aber immer wieder mit einem Gegensatzschema: Religion = Enge, Rückschritt, Prüderie, Denkverbot, weibliche Unterdrückung Säkularität/westlicher Lebensstil = Freiheit, Intelligenz, Reife, Individualität - Hierarchien statt Vielfalt - „Doch an der Universität bremste mich das Gläubigsein aus, es klammerte sich verzweifelt an meine Beine, wehrte sich gegen jeden Schritt nach vorn. Es hasste die neuen Bücher, die ich las, komplexe und anspruchsvolle philosophische Texte anstelle von abgedroschenen Phrasen über den Willen Gottes, es hasste die neuen Menschen, die mich unterrichteten, extrem kritische Denker und Denkerinnen anstelle von langweiligen Rednern, und es hasste meinen neuen Freundeskreis, kreative, wenn auch genusssüchtige Intellektuelle anstelle von prüden Jungfrauen, deren Leben von der eigenen gehemmten Entwicklung bestimmt wurden." -> Der Subtext ist kaum zu übersehen: Je intelligenter, gebildeter und reflektierter ein Mensch wird, desto weniger religiös kann oder sollte er sein. Der religiöse Raum wird mit geistiger Stagnation verbunden, der säkulare Raum mit Denken, Tiefe und Freiheit. Das fühlt sich nicht wie „eine individuelle Erfahrung" an, sondern wie eine Abwertung. Religiöse Muslim:innen werden hier nicht einfach als anders dargestellt, sondern unterschwellig als: ungebildet, gehemmt, naiv, unfrei, irrational, sexuell verklemmt, und intellektuell minderwertig. - Die Mechanck hinter Radikalisierung bleibt unsichtbar - Der Roman greift zwar ein enorm komplexes Thema auf, interessiert sich aber kaum ernsthaft dafür, wie Radikalisierung überhaupt entsteht (oder wie Menschen davor geschützt werden könnten). Anstatt soziale, psychologische oder politische Mechanismen differenziert zu beleuchten, bleiben viele Gespräche mit ehemaligen IS-Mitgliedern erstaunlich oberflachlich oder karikaturhaft. Gerade bei einem Thema wie diesem hätte ich mir mehr Reflexion gewunscht: über Manipulation, Isolation, Identitätssuche, emotionale Verletzlichkeit oder darüber, warum extremistische Gruppen für manche Menschen überhaupt attraktiv werden. Stattdessen vereinfacht der Roman vieles emotional und ideologisch so stark, dass die eigentliche Komplexität des Themas verloren geht. "Ich will keinen Streit, aber ich bitte dich, meinen Glauben zu respektieren. Es regt mich echt auf, dass du immer wieder damit anfängst. Ich bin Muslima, verstanden? Und das wird sich auch nicht ändern, also lass es gut sein." „Deine Glaubenssätze sind total bescheuert! Der IS ist schuld, dass [X] tot ist, du und [X] hättet auch sterben können. Wie kannst du immer noch an diese Scheiße glauben?" -> Das Problem ist nicht, dass der Roman den IS kritisiert (das sollte er sogar unbedingt tun). Problematisch wird es dort, wo die erzählerische Logik kaum noch sichtbar zwischen einer extremistischen Ideologie und dem Glauben selbst unterscheidet. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen einer gewaltvollen politischen Vereinnahmung von Religion und dem Islam als vielfältiger religiöser Realität immer stärker. So wird aus der berechtigten Analyse von Extremismus (die nicht stattfindet) eine emotional aufgeladene Erzählbewegung, in der religiöse Zugehörigkeit selbst schnell wie das eigentliche Problem wirkt und „Befreiung" vor allem als Abstand zu dieser Religiosität lesbar wird. - Weitere Kritikpunkte - * Ton des Buches: schwankt permanent zwischen politischem Ernst und ironischer Sexkomödie. Fast jede zweite Szene wird mit bemühten sexuellen Anspielungen oder zynischen Kommentaren aufgeladen, als müsse der Roman permanent beweisen, wie provokant, modern oder subversiv er sei. * Irak wirkt wie Kulisse für westliche Figuren, irakische Perspektiven komplett unsichtbar * Nebenfiguren: Vielfalt auf der Oberfläche wird genutzt, ohne sie in echte psychologische oder narrative Komplexität zu übersetzen * emotionale Kurzlösungen statt struktureller Analyse - Das ist keine Diversität, das ist ein Erwartungsschema - Muslimische Stimmen bekommen im westlichen Literaturbetrieb gefühlt immer dann besonders viel Anerkennung, wenn Islam hauptsächlich als Trauma, Unterdrückung oder geistige Enge erzählt wird. Sobald Religiosität abgestreift wird, gilt die Geschichte plötzlich als „mutig", „befreiend" oder besonders intellektuell. Kein heftig neuer take. Aber wie sehr es nervt, dass es fast immer so wirkt, als sei eine muslimische Figur erst dann wirklich progressiv, reflektiert oder literarisch relevant, wenn sie sich vom Glauben entfernt. Als könnte man nur dann frei denken, wenn man Religion hinter sich lasst. Das ist nicht radikal oder neu. Es ist ein ziemlich vertrautes westliches Standardnarrativ. Ich sage das ganz bewusst als sichtbar muslimische Frau, die solche Narrative nicht abstrakt liest, sondern ihre gesellschaftlichen Konsequenzen täglich spürt. DAS PROBLEM IST NICHT, DASS SOLCHE ERFAHRUNGEN EXISTIEREN. Natürlich gibt es Menschen, die Religion als Zwang oder Schmerz erlebt haben. Es ist furchtbar, es tut weh und diese Geschichten verdienen Raum. Aber wenn muslimische Religiosität in Literatur (fast) nur dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie als etwas Düsteres, Rückstandiges oder Beschädigendes beschrieben wird, entsteht eine gefährliche Einseitigkeit. Vor allem in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Muslim:innen ohnehin permanent unter Generalverdacht stehen und ihre Religion STÄNDIG als integrationsfeindlich, frauenfeindlich oder gewaltanfällig diskutiert wird. Persönliche Erfahrung entbindet Literatur nicht von ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Vor allem dann nicht, wenn sie bestehende Machtstrukturen und (kulturelle) Vorurteile nahezu bruchlos bestätigt.

Nadia hat ihre große Liebe Rosy verloren. Mit ihrer Mutter läuft es auch nicht ganz rund und irgendwie muss sie weg. Im Irak gibt es einen Job bei der UN, da sollen IS-Frauen deradikalisiert werden. Kurzentschlossen nimmt sie den Job an und weiß gar nicht so recht worauf sie sich da eingelassen hat. Dort trifft sie auf Sara. Sie kommt auch aus London, hat sich vor ein paar Jahren mit 15 dem IS angeschlossen und die beiden freuen sich an. Sara wurde ihre kleine Tochter weggenommen und Nadia kämpft darum, sie ihr wiederzubringen. Sie kämpft auch darum, die Frauen wieder an ihre Länder zu übergeben und wiedereinzugliedern. Doch wie weit ist Nadia bereit zu gehen? Warum macht sie das überhaupt und will immer jeder gerettet werden? Wow, was für ein Roman. Ich hab so oft laut gelacht und sicher stellt sich die Frage ob bei diesem Thema der Humor so angemessen ist. Ja, ist er. Schonungslos und ehrlich wird berichtet vom Leben im Irak, von Krieg, vom Verlust geliebter Menschen. Das Leben im UN Lager ist hart aber dennoch bleibt ab und zu Zeit mal zu feiern, Mensch zu sein. Das Thema geht unter die Haut aber durch den lockeren und leichten Schreibstil ist es gut verträglich. Vortrefflich ist die Kombination dieses ernsten Themas und Humor gelungen. Die derben Sprüche der zwei Frauen sind einfach köstlich und auch viele andere Protagonisten sind einfach toll. Lina, die Chefin, der mehr an ihrem Vogel liegt als an den Mitarbeitern. Oder James, der die Frauen unterrichten soll, der Hippie mit dem Nirvana Shirt. Der Roman wirft viele Fragen auf aber nie mit erhobenen Zeigefinger. Welche Werte sind eigentlich die richtigen? Ist es möglich gelernte Glaubenssätze völlig aus dem Kopf zu streichen? Helfe ich wegen mir oder wegen den anderen? Ein absolut großartiger Roman, frech und bissig. Ich feiere ihn sehr und möchte ihn euch sehr ans Herz legen.
Rotzfrech und radikal mit Herz
Nadia, Akademikerin, sitzengelassen von ihrer großen Liebe Rosy, will ihrem miesen Privatleben entkommen – und nimmt einen UN-Job im Irak an. Mit der Aufgabe betraut, IS-Frauen zu deradikalisieren, leistet sie sich in der Welt internationaler Hilfsorganisationen einen Fehltritt nach dem anderen. Sara, eine wütende Teenagerin, hat sich mit fünfzehn dem IS angeschlossen. Verbunden durch ihr muslimisches Aufwachsen in London und eine Vorliebe für derbe Sprüche, freunden die beiden sich an – doch bald muss Nadia entscheiden, wie weit sie für Sara zu gehen bereit ist. Leseeindruck Dieses Buch hat mir viel Spaß gemacht beim Lesen. Nicht, weil es so ein lustiges Thema wäre – ganz im Gegenteil! Es hat mich in eine für mich komplett neue Welt entführt, in die Welt der UN-Hilfsorganisationen, der IS-Frauen, in den Irak. Nussaibah Younis hat mir eindrücklich, humorvoll und warmherzig eine Sichtweise eröffnet, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Was bringt jungen Frauen dazu, sich zu radikalisieren? Wie kann Integration gut gelingen? Es geht hier auch um die Organisationsstruktur großer Organisationen und letztlich darum, wo der richtige Platz im Leben ist. Große Leseempfehlung für alle, die sich mit diesen Themen fundiert und gleichzeitig leicht lesbar auseinandersetzen möchten. Als Friedensforscherin und Irak-Expertin schreibt die Autorin mit großer Sachkenntnis und großem Herz.
Das war für mich persönlich ein richtig gutes Buch, es ist selten über solch ein Thema in Form einer fiktive Geschichte zu lesen.
Es war super interessant, einmal von diesem Winkel in die Themen (Frauen (!) im) IS / UN / Irak etc. einzutauchen, - durch eine fiktive Geschichte, die jedoch durch die Herkunft und den Beruf der Autorin sicher viel Wahrheitsgehalt hat, geschrieben in realitätsnaher Sprache & angenehmen Schreibstil. Nicht alle Themen wurden in der Tiefe behandelt (das ist sicher auch unmöglich), in jedem Fall ließ sich das Buch sehr gut lesen und fühlte sich kurzweilig an 💚 Remark: Ich bin noch nicht ganz sicher, wie ich manche Dinge einordne und ob ich das aus meinem Privileg heraus überhaupt kann. Ich fand es großartig, dass diese Geschichte von einer Person geschrieben wurde, die zu großen Teilen selbst die im Buch beschriebenen Hintergründe hat. Trotzdem gibt es natürlich nicht die universelle Wahrheit und man kann die ganz großen Themen nicht in nur einer (fiktiven) Geschichte ausreichend darstellen. Das ist aber sicher auch nicht der Anspruch des Buchs. Egal auf welche Art - sich überhaupt mit diesen Themen zu beschäftigen, seinen eigenen moralische Kompass abzuklopfen, sich mit Dynamiken von & individuellen Meinungen in Bezug auf Religion, Politik & Flüchtlingshilfe auseinanderzusetzen, ist denke ich in jedem Fall wertvoll.

Dr. Nadia Amin ist eigentlich Dozentin in London. Sie verfasst einen Fachartikel über die Deradikalisierung von IS Frauen und gilt plötzlich als DIE Expertin zum Thema – ohne auch nur eine Minute praktische Erfahrung. Den ihr angebotenen UN-Job im Irak nimmt sie nach der Trennung von Rosie nur zu gerne an. Schnell stößt sie an Grenzen – persönliche, bürokratische, kulturelle, moralische, unbequeme. „Und ich dachte, ich könnte etwas bewirken? Eine ausländische Akademikerin mit Liebeskummer, die nach knapp zwei Jahrzehnten internationalen Versagens hier reingeschneit kam? Wie überheblich konnte man sein?“ S. 20 Nadia lernt im Camp der US-Frauen Sara kennen. Sie erkennt sich selbst in ihr wieder und setzt daher alles daran, Sara zu helfen und sie in ihre Heimat zurückzubringen. „Sara und die anderen Frauen im Camp, sie waren jetzt meine Mission, und es lag Würde darin, mich dieser Sache zu widmen. Ich war erleichtert, etwas gefunden zu haben, das meinem Herzen würdig war.“ S. 136 Wie weit wird Nadia gehen, um Sara dort rauszuschaffen? Schwarzhumorig und frech nimmt uns die Autorin an die Hand auf einer Reise durch Themen wie religiösen Fanatismus, Wiedereingliederung, Misogynie, Hilflosigkeit und das Warum überhaupt. Ganz große Leseempfehlung.

Sehr, sehr überraschend und definitiv ein tolles Leseerlebnis.
„Das Witzigste Debüt des Jahres“ So urteilt The Times und so wirbt auch der deutsche Verlag für das Buch und die Vorab-Verlosung. Da ich normalerweise eher ernsthafte Bücher lese, wollte ich mal was anderes wagen, habe beim Gewinnspiel mitgemacht und tatsächlich ein Leseexemplar von FUNDAMENTALÖS gewonnen. Es soll um Extremismus gehen und im Irak spielen - das hatte ich zur Kenntnis genommen, aber irgendwie auch ausgeblendet, denn ich wollte ja mal zur Abwechslung „was Lustiges“ lesen. „Witzig, fesselnd und einfühlsam.“ Dieses Urteil von der Ikone des Witzes, Dolly Alderton, hat der (deutsche) Verlag auf einen Sticker gedruckt und vorne auf das Buch geklebt – was mich in meiner Erwartung nur noch bestätigt hat. Ich fange an zu lesen… … und bereits der Prolog, sowie die ersten Seiten hauen mich um. Denn Nussaibah Younis schreibt maximal respektlos über ein Thema, von dem ich weder Ahnung habe noch mich jemals damit zu befassen gedachte: Der IS und Frauen, die sich freiwillig dem IS angeschlossen haben, den sogenannten IS-Bräuten. Der Roman spielt überwiegend im Jahr 2019 im Irak und handelt von der Engländerin Dr. Nadja Amin, Dozentin für Kriminologie an der UCL, die sich während ihres Sabbaticals für einen Job bei der UN beworben hat. Nadja interessiert sich für das Thema Radikalisierung von Frauen für den IS, seit die Frau eines Verwandten diesen verlassen hat, um freiwillig nach Syrien zu gehen. Sie schreibt sogar einen vielbeachteten Artikel über dieses Phänomen und die nun gebotene Hilfe zur Resozialisierung und Methoden der Deradikalisierung. Jetzt ist sie im Irak angekommen und trifft auf eine Realität, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Da sind einerseits die anderen UN-Mitarbeiter*innen, welche sich als gar nicht so altruistisch entpuppen, wie man es für diesen Job vermuten könnte. Und andererseits ist die Situation der Frauen in ihrem Camp wesentlich schlimmer und die Deradikalisierung wesentlich schwieriger, als sie es im fernen London gedacht hätte. Auch wenn ich die Kritik an der UN, als wichtigstes globales Forum für den Frieden, kenne, habe ich einen internalisierten Respekt für die Organisation und ihre Mitarbeitenden. In meiner Vorstellung setzen sie sich alle für erstrebenswerte Ziele wie Freiheit, Frieden, Gleichberechtigung usw. ein. Doch die Protagonistin Nadja erlebt ihre Kolleg*innen, wie sich selbst, auch „nur als Menschen“ – mit Fehlern und Schwächen, sowie dem Streben nach Macht, Anerkennung und Karriere. Und darüber schreibt sie sehr ausführlich und eben sehr, sehr witzig und respektlos. Und damit bin ich zunächst irgendwie überhaupt nicht zurechtgekommen. Erst nachdem ich die Autorin gegoogelt und mich über sie informiert habe, konnte ich mich auf das Buch einlassen. Denn sie schreibt diese Geschichte nicht einfach aus Fabulierlust und Laune, sondern mit Erfahrung und mit Sachkenntnis. Nussaibah Younis ist selbst Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin, hat die irakische Regierung zu Deradikalisierung beraten. Dr. Younis war als Senior Fellow im Atlantic Council in Washington DC tätig, wo sie die Arbeitsgruppe zur Zukunft des Irak leitete und die US-amerikanischen Regierungsbehörden strategisch beriet. Sie wurde als Kind eines irakischen Vaters und einer pakistanischen Mutter in Großbritannien geboren und streng muslimisch erzogen. Im Rahmen dessen hatte sie auch Kontakt zu Anwar al-Awlaki, der sich später al-Qaida anschloss. Der eigenen Radikalisierung konnte sie entgehen, aber sie empfindet tiefes Mitgefühl für alle Jugendlichen, die weniger Glück hatten. Sie hat in Washington DC, Dubai, Kairo, Beirut, Amman und Bagdad gearbeitet und lebt derzeit in London. (Quelle: Unionsverlag) Der Roman trägt also autobiografische Züge und wurde definitiv von den eigenen Erfahrungen der Autorin inspiriert. Nachdem ich das in Erfahrung gebracht hatte, konnte ich mich besser auf den Roman einlassen, denn hier schreibt eine Person mit Insiderwissen und kritisiert auch mit dieser Autorität eine Autorität. Sie wollte explizit kein Sachbuch schreiben, welches nur ein sehr eingegrenztes Fachpublikum interessieren würde, sondern einen satirischen Roman über – so krass, dass zu schreiben – Extremismus. “After a ten-year career in academia, think-tanks and peacebuilding in the Middle East, I jacked it all in and wrote a novel. I write biting satire covering everything from global politics to faith, queer identity and relationships. Probably not for the easily offended.” Wer jetzt denkt, dass diese Thematik doch zu krass, oder zu weit weg ist von der eigenen Lebensrealität, dem sei gesagt, dass es in dem Buch um noch viel mehr geht als religiösen Fanatismus. FUNDAMENTALÖS ist ein sehr gut geschriebener, leicht lesbarer, unterhaltsamer Roman über das Leben und die Liebe, über Entscheidungen und Fehler, über Schuld und Sühne, über Familie und Aktivismus, Grenzen in Köpfen und zwischen Ländern. Es wird immer spannender, je weiter der Roman fortschreitet und er überrascht auch einigen Plot Twist. Ich bin jedenfalls entgegen meiner anfänglichen Skepsis, mehr als begeistert und danke dem Unionsverlag für das Leseexemplar und die Horizonterweiterung.
Schreibstil: Ich glaube, ich war noch nie so verwirrt von einem Schreibstil. Nicht, weil er nicht fließend lesbar war, sondern weil er so gar nicht zu dem Thema des Buches passen wollte. Aber vielleicht machte auch gerade er das Buch überhaupt lesbar… Jedenfalls ist der Schreibstil der Autorin sehr interessant gewesen. Er war roh, geradezu plakativ. In einem Ton, der locker und rau Witze riss, die mich jedes Mal haben sehr überrascht, die Augenbrauen hochziehen und gleichzeitig haben schmunzeln lassen, fühlte ich mich wie zwischen Teenagern. Ich fand das Buch durch den Schreibstil sehr gut lesbar und fand, er bot eine Art Safespace in der Handlung, der von dem eigentlich sehr schwierigen Thema ablenkte. Gleichzeitig war er manchmal aber auch einfach etwas drüber. Das musste man wegstecken können. Die Geschichte – Kriminologin mit gebrochenem Herzen fliegt in den Irak, um Frauen zu helfen, ohne dass ihr jemand hilft Hauptprotagonistin und einzige Erzählperspektive ist Nadia. Ich habe schnell in das Buch hineingefunden, denn es geht direkt los: der Flug in den Irak steht an. Und plötzlich ist alles fremd und ungewiss. Nicht nur für die Protagonistin, sondern auch für mich, denn vom Irak habe ich bisher nur aus den Medien gehört und keine Ahnung, was mein Bild von diesem Land ausgemalt wirklich war, aber ehrlich gesagt hatte ich es mir einfach nur grausam vorgestellt. Mit Nadia bekam ich jetzt die Chance, den Irak anders kennenzulernen. Denn: Es gibt dort noch Leben, noch unbeschädigte Areale und noch Menschen, die an der Hoffnung festhalten. Das fand ich wirklich gut beschrieben in dem Buch. Wie es ist, dort als Ausländerin zu leben. Was Alltag dort bedeutet und wie einschränkend, aber auch privilegiert die UN-Personen dort leben. Man merkte, dass die Autorin wusste, was sie dort beschrieb, weil sie sich einerseits nicht mit rosigen Beschreibungen aufhielt, gleichzeitig aber auch keine Klischees von Kriegslandvorstellungen hervorrief. Natürlich kann ich nicht sagen, ob es da jetzt wirklich so aussieht, oder ob die Autorin letztlich doch ein Fantasiebild geschaffen hat, aber es fühlte sich real an, weil es nichts wollte, sondern lediglich still mitteilte. So gehörte Korruption dort zum Alltag, genauso wie die Aussichtslosigkeit, die mit der Bürokratie einherging und der sich auch Nadia stellen musste. Generell vergegenwärtigte dieses Buch in vielen Szenen, wie sehr die Arbeit mit Menschen, die keiner so richtig haben will, an allen Ecken und Enden behindert wird und wie sehr sich die Menschen, die für diese kämpfen, dabei selbst aufgeben müssen bzw. sich sonst abschirmen müssen. Das ist eine wichtige Message, die man so oder so aus dieser Geschichte mitnimmt. Ganz unabhängig davon, wie einem das Buch oder die Hauptprotagonistin gefallen hat. Nadia – verlassen, allein und jetzt im Irak, wo sie eine jüngere Version ihrer selbst trifft Nadia ist eine dieser Figuren, zu der man eher eine gespaltene Meinung hat. Ich fand sie nie vollständig sympathisch, weil sie auf mich auf den ersten Blick sehr schwach wirkte. Sie trauerte immer noch ihrer Freundin hinterher, machte alles Darauffolgende nur, weil es sich gerade so ergab und stürzte sich dann viel zu schnell in ein Projekt, das wenig mit einem konkreten Ziel, sondern vielmehr mit ihren eigenen Gefühlen zu tun hatte. Dazwischen isst sie Schokoriegel und hat Sex. Sie ist geradezu das Gegenteil von dem, was man von jemandem in ihrer Position erwartete und das machte die Sache irgendwie spannend. Teilweise war sie wenig reflektiert, teilweise deckte sie aber auch Probleme auf, die erst durch ihre „normale“ Sicht auf die Dinge sichtbar wurden. Eine Protagonistin also, die nicht gefallen wollte und sich irgendwo in alldem selbst fand. Die Auseinandersetzung mit dem ganzen Problem vor Ort war zwar irgendwo Hauptthema dieser Geschichte, gleichzeitig fokussierte sich Nadia aber so sehr auf Sara, in der sie sich selbst wieder erkannte, dass der eigentliche Sinn ihrer Arbeit etwas in Vergessenheit geriet. Manchmal geradezu blockiert wurde. Das war nachvollziehbar beschrieben und passte gut zu Nadias Charakter, hat mich aber auch manchmal etwas enttäuscht, weil ich so gerne mehr über die Frauen dort vor Ort erfahren hätte. So musste ich lange warten, bis die Geschichte auch im Hinblick auf diesen Aspekt endlich Fahrt aufnahm. Die Fragen hinter der Geschichte – zwischen Setting & Figuren Denn: Die Perspektiven fehlten mir hier einfach. Es gab Sara, die so gut wie nichts erzählte, dann noch zwei andere und natürlich die Erzählungen der anderen UN-Mitarbeitenden. All dies wurde aber sehr kurz gehalten. Jeder dachte an sein eigenes Wohl und höchstens noch an seine eigene Aufgabe, sodass selten wirklich ernste Gespräche darüber aufkamen, was mit all den anderen Frauen passieren sollte. Wieso sie überhaupt in diese Situation gekommen waren. Ja, mir fehlte einfach etwas die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie werde ich zur IS-Braut? Was treibt mich an? Wann bereue ich es? Kommt man da wieder raus? Auch wenn es sich alles genau so authentisch in die Geschichte eingliederte, fragte ich mich also manchmal nach der Sinnhaftigkeit mancher Szenen oder Figuren. Warum waren sie da, wenn sie doch gar keinen wichtigen Anstoß für die Denkprozesse hinter dem Offensichtlichen lieferten? Einige der Fragen wurden mehr oder weniger indirekt beantwortet. Und ja, die Hoffnungslosigkeit, die da mitschwang konnte ich gut spüren, aber die Gedanken gingen für mich nicht weiter. Die Botschaft war quasi: Wenn ich keine Muslima bin, kann ich nicht in die Verlegenheit geraten, vom IS rekrutiert zu werden. Und die, die rekrutiert werden, sind auch nur solche, die ein schwieriges oder instabiles Familienverhältnis haben. Aber ist da nicht noch mehr? Ist Manipulation nicht ein großes Thema? Das fehlte mir komplett. Auch Nadias Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde nur sehr knapp gehalten. Es gibt zwar ein paar Rückblicke und Gedankenblitze, aber ziemlich schnell konzentriert sie sich lieber auf anderes, als weiterzudenken. Ich weiß nicht, ob ich da blauäugig bin, aber ich mich selbst hätte die Erkenntnis, dass ich vielleicht fast selbst zur IS-Braut geworden wäre, in eine Sinnkrise geschickt. Ich hätte wissen wollen, warum ich anfällig war, warum ich dem aber nicht nachgegeben habe. Und vor allem, wie man verhindern kann, dass andere Mädchen und junge Frauen sich davon locken lassen. Untereinander benahmen sich die Figuren wie auf einer Klassenfahrt. Es wurden Scherze gemacht, Witze gerissen, getrunken und Leute in die Pfanne gehauen. Definitiv der Safespace, den die Figuren benötigten, um mit all dem zurecht zu kommen und ja, diese humorvollen Passagen haben die Geschichte definitiv besser verdaulich für mich als Leserin gemacht. Manchmal war es mir aber schon ein wenig zu humorvoll, zu wenig ernst. Der Handlungsverlauf – Locker bis heiter, frech bis schamlos, spannend bis zum Verlust des Fokus Das, was mich dann wirklich interessierte (worauf die Geschichte eigentlich auch von Anfang an zulief), passierte erst im letzten Viertel. Da war es dann auch nochmal richtig spannend, wenn auch ziemlich rosarot muss ich sagen. Es gibt eine überraschende Wendung und auch die Ernsthaftigkeit der Situation wird nochmal deutlich, aber ganz am Ende fehlte mir der Bezug zur Realität. Da lief es einfach so aus. I mean: Was hat Nadia jetzt aus der ganzen Geschichte mitgenommen? Wenn ich solche Fragen für mich selbst nach dem Lesen des Buches nicht beantworten kann, dann frage ich mich, wie sehr sie sich wirklich entwickelt hat. Auch den Erzählstrang mit Rosie fand ich letztlich etwas wild gewählt, weil er so wenig mit der eigentlichen Geschichte und Nadias Entwicklung zu tun hatte. Er war eine Begleiterscheinung, ein Nebenflirren, das hervorkam, wenn Nadia kurz nicht wusste, woran sie sonst denken sollte. Und das betraf noch andere Erzählstränge in diesem Buch, sodass ich mir in Bezug auf diese gewünscht hätte, sie wären entweder nicht erwähnt worden oder hätten mehr Einfluss auf Nadia gehabt. Fazit: Diese Geschichte erzählt rau und schamlos mit viel Humor von einem Thema, dass alles andere als das ist. Trotzdem funktioniert es gut miteinander, weil die Geschichte offensichtlich zeigen und nicht direkt urteilen will. Mir war es manchmal etwas zu wenig ernst und ich hätte mir eine Protagonistin gewünscht, die sich tiefer mit den Themen beschäftigt, statt vieles nur anzuschneiden, um es dann fallen zu lassen. So ließ sich das Buch wunderbar schnell lesen und schafft es, das Thema IS-Frauen in den Köpfen der Leser:innen zu etwas werden zu lassen, was Substanz hat, gleichzeitig eröffnet es aber auch nicht wirklich eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Von mir gibt es 3 von 5 Sterne.















