
Nicht radikal oder neu. Es ist ein ziemlich vertrautes westliches Standardnarrativ
Worum es geht: Nadia ist eine britisch-(ex) muslimische Akademikerin, die nach einer gescheiterten Beziehung einen UN-Job im Irak annimmt, wo sie mit der Deradikalisierung ehemaliger IS-Frauen arbeitet. Dort begegnet sie Sara, einer jungen Londonerin, die sich als Teenager dem IS angeschlossen hat. - Die fehlende Differenzierung - "Wozu gibts dich überhaupt, wenn du zulässt, dass deine Anhänger Landminen in Spielzeugform basteln, um kleine Kinder in die Luft zu sprengen, du Penner?" -> Man weiß, dass ein Roman über den IS Gewalt, Extremismus und religiösen Missbrauch thematisieren muss. Das erwarte man sogar. Deshalb wäre eine klare Trennung zwischen Islam und IS so so wichtig. Stattdessen verschwimmen beide Ebenen emotional immer wieder miteinander. Religion erscheint nicht als etwas, das von Extremisten instrumentalisiert wurde, sondern unterschwellig als Teil des Problems selbst. Das Problem ist dabei nicht, dass (ex) muslimische Figuren zweifeln oder ihren Glauben verlieren. Solche Geschichten dürfen und sollen erzählt werden. Problematisch ist vielmehr, wie der Roman Islam und muslimische Religiosität codiert und wie wenig diese Darstellung reflektiert wird. - Es gibt nur 2 Welten - Der Roman behauptet oberflächlich, komplex zu sein, tatsächlich arbeitet er aber immer wieder mit einem Gegensatzschema: Religion = Enge, Rückschritt, Prüderie, Denkverbot, weibliche Unterdrückung Säkularität/westlicher Lebensstil = Freiheit, Intelligenz, Reife, Individualität - Hierarchien statt Vielfalt - „Doch an der Universität bremste mich das Gläubigsein aus, es klammerte sich verzweifelt an meine Beine, wehrte sich gegen jeden Schritt nach vorn. Es hasste die neuen Bücher, die ich las, komplexe und anspruchsvolle philosophische Texte anstelle von abgedroschenen Phrasen über den Willen Gottes, es hasste die neuen Menschen, die mich unterrichteten, extrem kritische Denker und Denkerinnen anstelle von langweiligen Rednern, und es hasste meinen neuen Freundeskreis, kreative, wenn auch genusssüchtige Intellektuelle anstelle von prüden Jungfrauen, deren Leben von der eigenen gehemmten Entwicklung bestimmt wurden." -> Der Subtext ist kaum zu übersehen: Je intelligenter, gebildeter und reflektierter ein Mensch wird, desto weniger religiös kann oder sollte er sein. Der religiöse Raum wird mit geistiger Stagnation verbunden, der säkulare Raum mit Denken, Tiefe und Freiheit. Das fühlt sich nicht wie „eine individuelle Erfahrung" an, sondern wie eine Abwertung. Religiöse Muslim:innen werden hier nicht einfach als anders dargestellt, sondern unterschwellig als: ungebildet, gehemmt, naiv, unfrei, irrational, sexuell verklemmt, und intellektuell minderwertig. - Die Mechanck hinter Radikalisierung bleibt unsichtbar - Der Roman greift zwar ein enorm komplexes Thema auf, interessiert sich aber kaum ernsthaft dafür, wie Radikalisierung überhaupt entsteht (oder wie Menschen davor geschützt werden könnten). Anstatt soziale, psychologische oder politische Mechanismen differenziert zu beleuchten, bleiben viele Gespräche mit ehemaligen IS-Mitgliedern erstaunlich oberflachlich oder karikaturhaft. Gerade bei einem Thema wie diesem hätte ich mir mehr Reflexion gewunscht: über Manipulation, Isolation, Identitätssuche, emotionale Verletzlichkeit oder darüber, warum extremistische Gruppen für manche Menschen überhaupt attraktiv werden. Stattdessen vereinfacht der Roman vieles emotional und ideologisch so stark, dass die eigentliche Komplexität des Themas verloren geht. "Ich will keinen Streit, aber ich bitte dich, meinen Glauben zu respektieren. Es regt mich echt auf, dass du immer wieder damit anfängst. Ich bin Muslima, verstanden? Und das wird sich auch nicht ändern, also lass es gut sein." „Deine Glaubenssätze sind total bescheuert! Der IS ist schuld, dass [X] tot ist, du und [X] hättet auch sterben können. Wie kannst du immer noch an diese Scheiße glauben?" -> Das Problem ist nicht, dass der Roman den IS kritisiert (das sollte er sogar unbedingt tun). Problematisch wird es dort, wo die erzählerische Logik kaum noch sichtbar zwischen einer extremistischen Ideologie und dem Glauben selbst unterscheidet. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen einer gewaltvollen politischen Vereinnahmung von Religion und dem Islam als vielfältiger religiöser Realität immer stärker. So wird aus der berechtigten Analyse von Extremismus (die nicht stattfindet) eine emotional aufgeladene Erzählbewegung, in der religiöse Zugehörigkeit selbst schnell wie das eigentliche Problem wirkt und „Befreiung" vor allem als Abstand zu dieser Religiosität lesbar wird. - Weitere Kritikpunkte - * Ton des Buches: schwankt permanent zwischen politischem Ernst und ironischer Sexkomödie. Fast jede zweite Szene wird mit bemühten sexuellen Anspielungen oder zynischen Kommentaren aufgeladen, als müsse der Roman permanent beweisen, wie provokant, modern oder subversiv er sei. * Irak wirkt wie Kulisse für westliche Figuren, irakische Perspektiven komplett unsichtbar * Nebenfiguren: Vielfalt auf der Oberfläche wird genutzt, ohne sie in echte psychologische oder narrative Komplexität zu übersetzen * emotionale Kurzlösungen statt struktureller Analyse - Das ist keine Diversität, das ist ein Erwartungsschema - Muslimische Stimmen bekommen im westlichen Literaturbetrieb gefühlt immer dann besonders viel Anerkennung, wenn Islam hauptsächlich als Trauma, Unterdrückung oder geistige Enge erzählt wird. Sobald Religiosität abgestreift wird, gilt die Geschichte plötzlich als „mutig", „befreiend" oder besonders intellektuell. Kein heftig neuer take. Aber wie sehr es nervt, dass es fast immer so wirkt, als sei eine muslimische Figur erst dann wirklich progressiv, reflektiert oder literarisch relevant, wenn sie sich vom Glauben entfernt. Als könnte man nur dann frei denken, wenn man Religion hinter sich lasst. Das ist nicht radikal oder neu. Es ist ein ziemlich vertrautes westliches Standardnarrativ. Ich sage das ganz bewusst als sichtbar muslimische Frau, die solche Narrative nicht abstrakt liest, sondern ihre gesellschaftlichen Konsequenzen täglich spürt. DAS PROBLEM IST NICHT, DASS SOLCHE ERFAHRUNGEN EXISTIEREN. Natürlich gibt es Menschen, die Religion als Zwang oder Schmerz erlebt haben. Es ist furchtbar, es tut weh und diese Geschichten verdienen Raum. Aber wenn muslimische Religiosität in Literatur (fast) nur dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie als etwas Düsteres, Rückstandiges oder Beschädigendes beschrieben wird, entsteht eine gefährliche Einseitigkeit. Vor allem in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Muslim:innen ohnehin permanent unter Generalverdacht stehen und ihre Religion STÄNDIG als integrationsfeindlich, frauenfeindlich oder gewaltanfällig diskutiert wird. Persönliche Erfahrung entbindet Literatur nicht von ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Vor allem dann nicht, wenn sie bestehende Machtstrukturen und (kulturelle) Vorurteile nahezu bruchlos bestätigt.













